Zombie-Apocalypse now!

Wenn der Oktober endet, beginnt die richtig gruselige Jahreszeit, in der die Grenzen zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten dünn wird. Feste wie Halloween, Allerseelen oder Samhain dienen auch dazu, die Geister zu besänftigen, die diese Grenze vielleicht passieren, damit sie nicht zu viel Unheil anrichten.

Aber noch ist es nicht so weit. Deshalb geht es heute noch einmal um die, die nicht so ganz tot sind. Um Untote. Genauer gesagt: um Zombies.

Ich muss gestehen, dass ich der üblichen Spielart dieser Hirnfresser wenig abgewinnen kann. Deshalb meide ich sie üblicherweise, so gut es denn eben geht. Aber der IndieBuchtober, d. h. die Challenge rund um Bücher von Selfpublisher:innen und aus kleinen, unabhängigen Verlagen sieht für heute das Thema „Zombies“ vor. Deshalb stelle ich heute Gefesselt – Der Anfang von Elenor Avelle vor.

Der Ausbruch der Seuche, die die Menschheit vernichtet, ist noch Jahre entfernt, doch schon jetzt werden Entscheidungen getroffen, die in die Katastrophe führen …
Rebecca und ihre Zwillingsschwester sind unzertrennlich – bis Gabriella ein Jobangebot von der Firma Genetics erhält und kurz darauf spurlos verschwindet. Aus sämtlichen Erinnerungen getilgt, glaubt nur noch Rebecca an ihre Existenz. Um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, macht sie sich auf die Suche nach den Verantwortlichen, nicht ahnend, in welche Gefahr sie sich begibt. […]
– und der Ausbruch rückt unaufhaltsam näher.

(Auszug aus dem Klappentext)

Ich habe Gefesselt noch nicht ausgelesen, daher kann ich noch kein abschließendes Urteil abgeben. Aber ich kenne Elenor Avelles Bücher seit Infiziert – Geheime Sehnsucht, das den Auftakt der Reihe „Die verfallene Welt“ bildet und ich mag die Art, wie sie schreibt. Was mir ihre Bücher trotz Zombies sympathisch macht, ist, dass Zombies nur ein Teil einer dystopischen Entwicklung sind – und nicht mal der wichtigste. Dementsprechend liegt der Fokus nicht auf Ekelfaktoren, sondern darauf, wie Menschen mit einer Katastrophe umgehen, bzw. wie sie hineingeraten.


Alle Aufgaben der IndieBuchtober Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Werwölfe bei Neumond
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbisgemetzel
03.10.Supernatural18.10.Gesucht wird ein Herbstkrimi
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.Der Herbst, der Herbst,
der Herbst ist da
26.10.Buch und Schal
12.10.Heißes für die kalte Zeit27.10.schwarz und orage
13.10.Nun schlägt es dreizehn28.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichte29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten.)

Gesucht wird ein Herbstkrimi

Literarisch gesehen ist der Herbst eine vernachlässigte Jahreszeit. Abgesehen von ein paar Anthologien rund um Halloween, herrscht genreübergreifende Ödnis. Geliebt wird im Frühling oder Sommer. Gemordet gerne im Winter – vielleicht, weil das Blut dann so schön im Schnee glitzert, vielleicht aber auch, weil der Winter es leicht macht, Metaphern für Einsamkeit, Trauer und Tod zu finden. Nur der Herbst ist mal wieder außen vor.

Seltsam eigentlich, denn auch der Herbst bietet mit Erntezeit, Regen und den länger werdenden Nächten reichlich Metaphern für Tod und Sterben. Außerdem lassen sich gerade im Herbst sehr spezifische Tode kreiren: Der durch Pilzvergiftung zum Beispiel. Jagdunfälle, die vielleicht gar keine sind. Amok laufende Erntemaschinen. Und a pro pos Ernte: Die Kartoffelernte kann notdürftig verscharrte Leichen zu Tage fördern. Oder beim Abnehmen der Halloweendekoration stellt sich heraus, dass eine besonders schaurige Puppe gar keine Puppe war, sondern der seit Wochen vermisste Sohn der Bürgermeisterin …

Wie du siehst, fällt mir ad hoc eine ganze Menge zu Krimi und Herbst ein. Leider fällt mir partout kein Krimi ein, der das umsetzt.

Das ist insofern doppelt schade, weil die heutige Aufgabe des IndieBuchtobers darin besteht, einen Herbstkrimi oder -Thriller vorzustellen. Natürlich wieder einen, der im Selfpublishing herausgegeben wurde oder in einem der kleinen, unabhängigen Verlage erschienen ist. Ich lese gerne Krimis. Aber mir ist absolut keiner eingefallen.

Das heißt doch. Einer. Auch, wenn puristische Geister vielleicht bemängeln, dass das eigentlich Fantasy sei, weil die Geschichte in einer alternativen Wirklichkeit spielt, in der Geister, Feen und Götter existieren. Außerdem ist die Ermittlerin eine Hexe. Eine echte Hexe mit entsprechendem Diplom.
Aber in dieser alternativen Wirklichkeit ist Allerseelenkinder von Diandra Linnemann so etwas wie ein Regio-Krimi. Außerdem entspricht es genau der Zeitvorgabe, denn der Hauptteil der Handlung spielt Ende Oktober, kurz vor Samhain.

MAGIC CONSULTANT AND SOLUTIONS. Dieser Slogan steht auf Helena Weides Visitenkarte. Aber als der Bonner Bürgermeister sie persönlich damit beauftragt, eine verschwundene Wicca zu suchen, hilft ihr das auch nicht weiter. Die Verschwundene hat nämlich nicht nur einen heimlichen Liebhaber, ein ungeborenes Kind und einen merkwürdigen Hexenzirkel, sondern auch eine dubiose Vergangenheit.

(Auszug aus dem Klappentext)

Diandra Linnemann ist Selfpublisherin. Allerseelenkinder ist der Auftakt ihrer Serie Magie hinter den sieben Bergen und sowohl solo als Print oder E-Book verfügbar oder als Teil von Magie hinter den sieben Bergen, Sammelband 1 (Sommer).

Zartbesaitete Gemüter sollten allerdings die Hände davon lassen, denn die Geschichte enthält nicht nur äußerst unappetitliche Zombies, sondern auch auch explizite, sehr anschaulich geschilderte Gewaltszenen und sehr viel Blut.

Alle Aufgaben der IndieBuchtober Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Werwölfe bei Neumond
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbisgemetzel
03.10.Supernatural18.10.Gesucht wird ein Herbstkrimi
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.Der Herbst, der Herbst,
der Herbst ist da
26.10.Buch und Schal
12.10.Heißes für die kalte Zeit27.10.schwarz und orage
13.10.Nun schlägt es dreizehn28.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichte29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

Was lesen im Oktober?*

Der Oktober bietet sich als Lesemonat geradezu an. Die Tage werden kürzer und nasser. Höchstens im Altweibersommer locken noch ein paar letzte Sonnenstrahlen nach draußen. Gleichzeitig liegt der Back-, Bastel- und Geschenkestress der Vorweihnachtszeit noch in weiter Ferne. Optimal, um etwas kürzer zu treten, die Ärmeldecke aus dem Schrank zu holen und es sich auf dem Sofa bequem zu machen. Wenn der Oktober genauso trübe weitergeht, wie der September aufgehört hat, gerne auch mit Tee, Kerze und ein paar Keksen.

Und einem Buch. Nichts gegen Serien oder Games – absolut nicht. Aber das ultimative Entspannungsmittel sind für mich nun mal Bücher.

Frau liest ein Buch, neben sich eine halb gefüllte Tasse

Aktuell lese ich noch Narrenlauf, den ersten Band der Weltenwechsler Akten von Carolin Summer, ein Crossover von Urban Fantasy und CSI. Außerdem Trubel in Transsylvanien, einen feministischen Krimi, der zum Glück nicht ansatzweise den Vampirklamauk enthält, den man aufgrund des Titels auch vermuten könnte.

Auf meinem SUB, dem Stapel ungelesener Bücher, warten jetzt noch Achtsam Morden, ein Krimi, den mein Mann mir mitgebracht hat. Müsse ich unbedingt lesen. Ganz viele Kollegen hätten schon und alle fänden ihn ganz großartig und sehr lustig. Ich hoffe, ihn nicht wieder durch meine eigene Unlustigkeit zu enttäuschen.
Sicherheitshalber hatte ich mir gleichzeitig Die linke Hand der Dunkelheit von Ursula le Guin besorgt, was wenigstens vom Titel her schon mal zur Jahreszeit passt.

Aber das richtige Wohlfühlbuch ist noch nicht dabei. Und dann ja auch noch IndieBuchtober, eine Challenge für Bücher aus dem Bereich der Fantastik, die in kleinen und unabhängigen Verlagen oder im Selfpublishing erschienen sind. Da würde le Guin zwar thematisch vielleicht passen – aber das Buch ist in einen der großen Publikumsverlage erschienen, also alles andere als Indie. So ein Ärger aber auch! Da muss ich mir glattweg noch mehr Bücher zulegen. Vielleicht den zweiten Sammelband der Magie hinter den sieben Bergen von Diandra Linnemann?
Oder Schattenkünder, den dritten Band der Unstern-Serie von Katrin Ils?
Ich könnte aber auch den Zombies aus Gefesselt von Elenor Avelle eine Chance geben, auch wenn Zombies eigentlich nicht so mein Ding sind. Aber sie stehen definitiv auf der Liste für den IndieBuchtober.

Schwierig. Von allen drei Autorinnen habe ich schon Bücher gelesen und weiß daher, dass mir ihr Stil gefällt. Sehr schwierig.
Zumal es mit Erntenacht und Kürbisgemetzel auch noch zwei Anthologien gibt, die perfekt ins Schema passen.
Wirklich sehr, sehr schwierig.

Wobei …
Wenn die Entscheidung so schwer fällt, kann ich sie mir auch leicht machen. Dann kaufe ich sie einfach alle.


Und du? Wie sieht deine Planung für Oktober aus? Was steht auf deiner Leseliste?


*Der Beitrag ist im Rahmen der von Indie-Buecher.com ausgerufenen Challenge IndieBuchtober verfasst. Mehr dazu findest du in den sozialen Medien unter dem Hashtag #IndieBuchtober.

Indiebuchtober – die etwas andere Challenge

Gestern auf Twitter gesehen: Eine Challenge für Indie-Bücher – und dann auch noch überwiegend Fantastik. Genau mein Beuteschema! Ich bin sicher, da den einen oder anderen Beitrag beisteuern zu können. Sei es hier im Blog oder auch mal ausschließlich auf Twitter (wenn ich mich ganz kurz fassen muss).

Dann werde ich den Sonntag mal für die Planung nutzen, um die Beiträge nicht immer erst auf den allerletzten Drücker fertig zu haben.

Madame Mimi Moffat

oder

Ein Schlüsselerlebnis

Wer mir auf Twitter folgt, weiß es schon: Ich bin Wiederholungstäterin. Den Challenges von Clue Writing kann ich nun mal nur sehr schwer widerstehen. Rahel und Sarah schaffen es regelmäßig, meine grauen Zellen so zu triezen, dass am Ende eine Geschichte dabei herausspringt.
Auch diese Lady war mal wieder unwiderstehlich.

mme moffat v. rahel (clue writing)
Credits: Rahel v. Clue Writing

Was dabei herausgekommen ist? Lies selber!


Madame Mimi Moffat

oder: Ein Schlüsselerlebnis

Ich kannte die Moffat, wie man seine Nachbarn eben kennt. Man grüßt, fragt, wie es geht, hat die Antwort aber sofort vergessen. Von der Moffat kannte ich immerhin den Namen.
Sie hinterließ Eindruck. Aber anders, als Sie jetzt vermutlich denken. Hübsch war sie nicht. Jung schon lange nicht mehr. Ihr Kopf ähnelte einem Totenschädel. Die schwarz gefärbten Haare waren oben am Kopf zu zwei komischen Knubbeln aufgedreht. Wann immer ich ihr begegnete, trug sie einen schäbigen Bademantel und darunter das scheinbar immergleiche schwarze Kleid, dessen tiefer Ausschnitt die hervortretenden Schlüsselbeine und den hängenden Busen betonte. Ihre Füße steckten in plüschigen Pantoffeln. Sie hätte die Hauptrolle in jedem Zombiefilm spielen können. Die Kinder nannten sie eine Hexe und rannten kreischend weg, wenn sie sie sahen. Ich ging ihr wenn möglich aus dem Weg.
Bis die Sache mit den Schlüsseln passierte.

Ich wollte nur kurz die Wäsche holen. Als ich gerade aus der Tür war, klingelte das Telefon. Ich rannte zurück, weil ich hoffte, es würde Jo sein. Aber es war dann doch nur irgendein dummes Marketinginstitut. Ich sagte ihnen, wohin sie sich ihren Kram stecken konnten und machte mich wieder auf den Weg in den Keller.
Unten angekommen, tastete ich vergeblich nach den Schlüsseln. Wie konnte das … Mir fiel ein, dass ich sie auf dem Weg zum Telefon auf den Tisch …
Was für eine Scheiße!
Mein Handy hatte ich natürlich auch nicht dabei. Es war Wochenende. Ich trug nur Schlafanzughose und T-Shirt. Draußen heulte der Wind. Ich heulte mit. Seit der Sache mit Jo war mein Leben ein Trümmerhaufen. Und nun das. Es war alles zu viel.

Die Moffat fand mich am Fuß der Kellertreppe. Ein zähneklappernder Haufen Elend.
Ich habe keine Ahnung, wie sie mich in ihre Wohnung schaffte. Meine nächste Erinnerung ist, dass ich in einem Sessel sitze, eine Katze auf dem Schoß und ein Becher mit etwas Heißem in der Hand.
„Trinken Sie!“
Ich trank. Was auch immer im Becher war, schmeckte süß, würzig und sehr alkoholisch. Ich hustete.
„Cognac“, kommentierte die Stimme der Moffat. „Zum Aufwärmen.“
Langsam nahm der Raum Formen an. Ein Wohnzimmer. Gelbes Sofa, gelbe Vorhänge, gelbe Lampenschirme. Ein gelber Ascher voller Kippen. Mir gegenüber, auf dem Sofa, die Moffat, eine Zigarette im Mundwinkel, die Augen schmal hinter dem Rauch. Sie hielt mir die Packung hin. „Sie auch?“
Ich schüttelte den Kopf. Bei dem ganzen Gelb fehlten nur die Sonnenblumen über dem Sofa. Statt dessen hing dort ein altes Plakat, umgeben von einem Schwarm gerahmter Fotos. Es zeigte eine Frau in dunkler Robe, die sich über eine Glaskugel beugte. Das Bild war diffus und verschwand fast unter verschnörkelten blauen Buchstaben. Madame Mimi Moffat entzifferte ich. Darunter stand noch etwas, aber so klein geschrieben, dass ich es nicht lesen konnte.
„Zirkus?“, fragte ich.
„Varieté“, antwortete sie. „Ich hatte ein gewisses Talent. Es lag wohl in der Familie.“
Ich suchte nach Ähnlichkeiten zwischen der Frau auf dem Plakat und meiner Gastgeberin. Beide waren schwarzhaarig aber die Frisur war eine andere. Die Haare der Frau auf dem Plakat waren länger und wurden durch ein rotes Tuch gebändigt.
„Sind das echt Sie?“
Ein Grinsen breitete sich in ihrem Gesicht aus. „Mais oui! Isch war nischt immär alt und ‚äslisch.“
Wir lachten beide, bis sie unvermittelt aufstand. „Was bin ich für eine Gastgeberin! Es ist fast Abend und Sie haben nichts gegessen.“
Sie ignorierte meinen Protest und verschwand, gefolgt von der Katze. Ich hörte das Klappern von Topfdeckeln. Das ging echt zu weit. Ich brauchte doch nur einen Schlüsseldienst. Ich wollte aufstehen, zu ihr gehen und es ihr sagen, aber es ging nicht. Meine Beine waren wie Wachs. Ich kam einfach nicht hoch.
Die Frau auf dem Plakat lächelte verschlagen.
„Möchten Sie noch etwas trinken?“
Die Moffat stand so unvermittelt neben mir, dass ich erschrak. Ohne eine Antwort abzuwarten, schenkte sie nach und schlurfte davon. Ich trank. Der Tee schmeckte besser als der erste. Der Alkoholgeschmack war fast verschwunden, dafür war eine neue, würzige Note hinzugekommen.

Kurz darauf war die Moffat wieder da. „Sie haben nach meiner Familie gefragt.“
Hatte ich? Ich konnte mich nicht erinnern.
Sie nahm einige Bilder von der Wand und legte sie vor mir auf den Tisch. Ich sah Frauen in langen Röcken und Tüchern im Haar. Männer mit Hüten. Kinder. Hochrädrige Pferdewagen mit runden Dächern. Alle in schwarz-weiß.
„Das war, bevor sie uns festgeschrieben haben.“
„Festgeschrieben?“ Das war nicht die einzige Frage, aber den Begriff hatte ich noch nie gehört.
„Wir durften nicht mehr reisen. Sie haben uns die Pferde weggenommen und verboten, aufzutreten. Dabei waren wir Schausteller.“ Sie steckte sich eine Zigarette an. „Es war schrecklich. Zu viele Menschen, zu viel Zeit, zu viel Hunger und viel zu wenig Platz. Ständig gab es Streit.“
Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen sollen?
„Meine Eltern beschlossen, mit uns nach Frankreich zu fliehen. Mein Vater hatte dort Familie. Die Flucht erinnere ich kaum. Nur das Gefühl von Kälte und wunden Füßen. Und Angst. Die ist heute noch da. Nachts, wenn alles schläft, dann kriecht sie aus den Ritzen.“ Sie warf mir einen scharfen Blick zu. „Wir schafften es über die Grenze. Aber kaum glaubten wir, sicher zu sein, mussten wir schon wieder fliehen. Und irgendwann gab es keinen Platz mehr, wohin wir fliehen konnten. Sie waren überall, die Faschisten.“
„Wie haben Sie überlebt?“, flüsterte ich heiser.
Wieder einer dieser scharfen Blicke. Als würde sie meine Gedanken lesen.
„Die Résistance. Gute Menschen haben uns versteckt. Aber wir mussten uns trennen. Meine Schwester und ich kamen zu Bauern, die uns als ihre Nichten ausgegeben haben. Meine Eltern …, nun, sie hatten nicht so viel Glück. Als der Krieg vorbei war, waren Marie und ich Waisen und der Großteil der Familie tot.“
Sie drückte die Zigarette aus und sammelte die Bilder ein. „Das Essen müsste gleich fertig sein. Wenn Sie sich vorher frisch machen wollen – das Bad ist links neben der Eingangstür.“

Gehorsam stand ich auf, obwohl meine Beine sich immer noch wie Wachs anfühlten und mir eher schlecht als nach Essen war.

Auf der linken Flurseite gab es zwei Türen. Die zum Badezimmer war die erste. Das entdeckte ich aber erst, nachdem ich die direkt neben der Eingangstür aufgemacht hatte. Dahinter befand sich eine Art Abstellkammer. Aber statt mit Putzmitteln und alten Jacken war der Raum mit Terrarien vollgestellt. In jedem hockten ein bis drei fette, graubraune Haufen, die mich aus dunklen Augen anstarrten. Die Verwunderung war gegenseitig, dauerte aber nur Sekunden. Dann schnarrte einer der Haufen und sprang gegen das Glas. Es gab ein sattes FLOTSCH beim Aufprall. Als sei das ein Signal, klatschten auch die anderen Haufen schnarrend und quakend gegen die Glaswände.
Erschrocken vom Krach und der Wucht des Ausbruchs machte ich einen Schritt zurück und schlug die Tür zu. Mein Herz hämmerte. Was um aller Welt war da eben los gewesen?
Zu meiner Erleichterung befand sich hinter der anderen Tür ein ganz gewöhnliches Bad. Ich wusch mir die Hände mit nach Honig duftender Seife und ging zurück ins Wohnzimmer.

Der Tisch war schon gedeckt. Mittendrauf stand eine große Schüssel. Es duftete verlockend.
Ich blieb im Türrahmen stehen. „Warum haben Sie Frösche in der Abstellkammer?“
„Keine Frösche. Kröten. Aga-Kröten, um genau zu sein“, antwortete die Moffat sachlich. „Setzen Sie sich.“
Sie füllte zwei Teller und schob mir einen hin.
„Aber warum?“
„Warum nicht? Andere Leute züchten Cannabis im Schlafzimmer.“ Sie zwinkerte mir zu. „Wissen Sie, was das an Strom frisst? Allein die Beleuchtung! Kröten sind viel genügsamer.“
Merkwürdiger Vergleich, dachte ich. „Aber Hasch ist ein Rauschmittel …“
„Kröten auch. Wussten Sie das nicht? Manche Menschen lecken sie deshalb ab.“ Die Moffat grinste. Verarschte sie mich?
„Sie lecken an Kröten?“
Wieder dieses Grinsen. „Ich doch nicht, Cherie. Aber essen Sie. Es wird kalt.“
Gehorsam tauchte ich die Gabel in die dunkle Kruste. Darunter kamen weiße Bohnen zum Vorschein, Karotten und etwas, das ich für Hähnchenfleisch hielt. Es schmeckte so gut, wie es roch. Kaum zu glauben, dass man so etwas nebenbei kochen konnte. Und woher hatte sie die Zutaten?
„Ein ganz simpler Eintopf. Alles eine Frage der Organisation“, sagte die Moffat leichthin und schob die Katze beiseite, die aus dem Nichts aufgetaucht war. „Möchten Sie etwas trinken?“
Ich kam nicht dazu, zu antworten, weil sich ein Knochenstück zwischen meinen Zähnen verfangen hatte. Als ich es endlich herausgepult hatte, stand schon ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit neben meinem Teller.
„Enchanté!“ Die Moffat prostete mir zu.
Ich legte das wirklich sehr kleine Knöchelchen auf den Tellerrand und hob mein Glas ebenfalls. „Auf Ihr Wohl – und vielen, vielen Dank!“
Das bernsteinfarbene Zeug war eine Art Likör. Er schmeckte würzig, ein bisschen süß und ein kleines bisschen bitter. Erstaunlicherweise passte es gut zu den Bohnen. „Sehr lecker. Was ist das?“
„Oh, den mache ich selber. Altes Familienrezept.“

Das Familienrezept machte ganz schön benommen. Beim zweiten Glas begann ich, wegzudösen.
„O la la! Das ging schnell.“ Die Stimme der Moffat schien aus weiter Ferne zu kommen, dabei war ihr Hexengesicht plötzlich ganz nahe. Etwas strich mir über die Wange. „Wehren Sie sich nicht, Cherie! Lehnen sie sich einfach zurück. Entspannen Sie.“
Mir fehlte die Kraft, mich zu wehren.
Das letzte, was ich sah, war die Moffat, wie sie sich eine Zigarette ansteckte.
Ich träumte von Sturm und Regen. Von Männern in Stiefeln und Ledermänteln, die sich wie Scherenschnitte vor brennenden Pferdewagen abhoben. Die Flammen wurden zu einem roten Tuch in schwarzen Haaren, darunter das Gesicht der Moffat. Sie hob den Arm. Blaue Ranken brachen hervor und wickelten sich um die Männer. Funken sprühten. Gelb, orange und himmelblau – und dann war es vorbei. Im Dunkel schnarrte eine Kröte. Andere fielen ein. Über allem rauschte der Regen.

Als ich erwachte, saß die Moffat rauchend auf dem Sofa. Meine Schlüssel lagen auf dem Couchtisch.
„Wie …?“, fragte ich. „Können Sie Schlösser knacken?“
Die Moffat grinste. „Ih wo, Chérie. Teleport ist doch viel einfacher, n’est-ce pas?“

Ich weiß bis heute weder, wie sie es gemacht hat, noch was genau an diesem Abend passiert ist. Es ist mir auch egal. Mir reicht das Wissen, dass ich Madame Mimi Moffat Dank schulde und sie auf keinen Fall verärgern werde.


Diese Geschichte ist ein Beitrag zur 7. Clue Writing Challenge (Winter 2018/19)
Clues: Frisur, Grinsen, Zigarette, Robe, gelb
Hat sie dir gefallen?

Start der Blogtour zu „Infiziert – Geheime Sehnsucht“ von Elenor Avelle

Nein, ich mache hier nicht neuerdings Werbung für Liebesgeschichen, auch wenn man das bei geheimen Sehnsüchten denken könnte. Infiziert – Geheime Sehnsucht ist eine Dystopie. Mit Zombies.

Mehr Informationen gibt es im Lauf der Blogtour, bei der übrigens auch etwas zu gewinnen gibt. Dafür musst du nichts weiter tun, als einen Satz aus dem Buch zu erraten. Wie? Einfach die Beiträge verfolgen, dann siehst du es schon. 😉

Den Auftakt macht heute im Laufe des Tages Blue Siren.
Mein Beitrag erscheint am 18.10.2017

Viel Spaß beim Lesen und miträtseln. Und viel Glück!

Nachzehrer – Wenn die Toten Hunger haben

b1Foto via Pixabay

Heute möchte ich ein Wesen vorstellen, das heute kaum noch jemand kennt, obwohl es großartige Voraussetzungen für eine Horrorfigur mitbringt: Den Nachzehrer. Nachzehrer sind in gewisser Weise so etwas wie die westliche Variante des Vampirs. Auch sie sind Untote, die sich von der Lebensenergie anderer ernähren.

Anders als Vampire entstehen Nachzehrer jedoch nicht durch einen Biss, sondern durch mangelnde Sorgfalt bei der Beerdigung. Wenn man die Leiche in den Sarg legte, musste man unbedingt darauf achten, dass nicht etwa einen Zipfel des Kragens oder Leichentuchs den Mund der Leiche berührte. Geschah dies doch, konnte es nämlich passieren, dass der Zipfel in den Mund rutschte und der Leichnam daran zu kauen begann. Er fraß dann zuerst das Tuch oder das Hemd. Wenn es ganz verzehrt war, begann er, Kraft aus seiner Umgebung zu saugen, was man durch Schmatzen aus dem Grab heraus erkennen konnte.

Um zu verhindern, dass ein Toter zum Nachzehrer wurde, bediente man sich verschiedener Methoden. In einigen Gegenden wurde ihm ein Blatt Papier unter’s Kinn gelegt. Vielleicht rührt auch das noch heute praktizierte Hochbinden des Kiefers ursprünglich daher (und hat nicht nur ästhetische Gründe).
War jemand nämlich zum Nachzehrer geworden, halfen nur drastische Mittel, ihn aufzuhalten. Man schlug den Leichen z. B. den Kopf ab, rammte ihnen Steine in den Mund, Pflöcke ins Herz, zerstückelte oder verbrannte sie. Alles Maßnahmen, die im krassen Gegensatz zum christlichen Glauben stehen, wonach ein Leichnam für die Auferstehung beim jüngsten Gericht unbeschädigt bleiben muss. Entsprechend traumatisch muss es für die Hinterbliebenen gewesen sein, wenn sich ein Verstorbener als Nachzehrer entpuppte.
Andererseits galt es als absolut unumgänglich, den Nachzehrer aufzuhalten, weil er sonst ganze Dörfer auslöschen konnte.

Eine interessante Variante dieses Glaubens findet sich in kaschubischen Legenden. Dort erzählte man sich nämlich, dass Kinder, die mit einer „Mütze“ zur Welt kommen, automatisch zu Nachzehrern würden, wenn man diese „Mütze“ nicht trocknete, verbrannte und den Kindern binnen sechs Wochen nach der Geburt die mit Muttermilch vermischte Asche einflößt.
Diese Sage ist nicht nur deshalb interessant, weil die „Mütze“ in anderen Gebieten als besonders glücksbringendes Zeichen gilt und deshalb auch als Glückshaube bekannt ist (tatsächlich handelt es sich um in Stück von der Fruchtblase). Ein weiterer Aspekt ist, dass die kaschubischen Nachzehrer besonders gruselige Vertreter ihrer Art sind, die sich nicht mit dem Leichenhemd begnügen. Sie fressen erst ihre eigene Kleidung, dann das Fleisch von Armen und Füßen, bevor sie sich aus dem Grab erheben und sich als Mischung aus Zombi und Vampir auf die Jagd machen. Zuerst fressen sie ihre Verwandten (die nahestehenden zuerst), dann alle anderen und zum Schluss läuten sie die Kirchenglocken,

und nun muß Alles sterben, so weit der Schall der Glocken reicht.

Den Glauben an Nachzehrer und andere Formen des Wiedergängers gibt es offenbar schon seit der Steinzeit. Jedenfalls stoßen Archäologen immer wieder auf Gräber, bei denen in der oben beschriebenen Weise mit Toten verfahren wurde.*

Wenn man so was liest, fragt man sich schon, wie solche Wesen so lange literarisch unbeachtet bleiben konnten, oder?


*http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/4061657/Die-Angst-vor-den-Untoten/

Die zitierte kaschubische Sage habe ich Wikisource entnommen.