Das Schreckgespenst gegenderter Sprache

Gendern? hat die Autorenwelt in einem Artikel gefragt, in dem sich Sandra Uschtrin dafür ausspricht und Andreas Eschbach dagegen. Bereits der bloße Akt der Unterwerfung unter eine politisch begründete Sprachregelung sei falsch, schreibt er. Kunst müsse frei sein. Wer ideologischen Sprachregeln folge, schaffe Propaganda, keine Kunst. Das „Gendern“ sei Ideologie, behauptet es doch, die Sprache „gerechter“ zu machen und die Welt gleich mit. Dabei mache es die Sprache in erster Linie formelhaft und hässlich.

Vor zwanzig Jahren hätte ich vermutlich zugestimmt, zumal ich mich auch heute noch mit dem großen Binnen-I schwer tue und Sterne nur am Himmel schön finde.*
Heute sehe ich das etwas differenzierter und in der Differenzierung fällt auf, dass bei der grundlegenden Abwehr drei Behauptungen vermischt werden. Dabei fange ich mal von hinten an:

  1. Gendern macht die Sprache formelhaft und hässlich.
  2. Gendern sei Ideologie.
  3. Gegenderte Sprache sei Propaganda.

Daraus folgt im Umkehrschluss, dass Eleganz und Leichtigkeit der Sprache durch die Verwendung des generischen Maskulinum bedingt sind. Außerdem sei das generische Maskulinum wertfrei und damit Garant für eine ideologiefreie Sprache. Im Gegensatz zur Propaganda der gegenderten Sprache, lässt sich Kunst daher allein durch die Verwendung der ungegenderten, also des generischen Maskulinum erzeugen.

Merkt ihr was? Dröselt man die Einwände gegen die Verwendung einer gegenderten Sprache auf und wendet sie ins Positive, also in Forderungen für eine ungegenderte Sprache, stellen sie sich als mindestens genauso ideologisch und propagandistisch dar, wie die Gegenposition.
Aber das ist auch zunächst gar nicht schlimm. Schlimm wird es nur dann, wenn man die Worte „Ideologie“ und „Propaganda“ als Kampfbegriffe einsetzt, ohne auf den Wahrheitsgehalt der dahinterstehenden Positionen einzugehen. Zunächst mal ist eine Ideologie nämlich nichts anderes als eine Weltanschauung bzw. ein Wertesystem. Daran, ein Wertesystem zu haben, ist grundsätzlich nichts verkehrtes. Im Gegenteil: gemeinsame Werte sind der Kitt aller freien Gesellschaften.

Die meisten von uns haben vermutlich kein Problem damit, das Grundgesetz als Grundlage unseres Zusammenlebens anzuerkennen. Damit beruht unser gemeinsames Wertesystem auf dem Bekenntnis zur demokratischen, pluralistischen Gesellschaft und der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Rasse, Religion und/oder Geschlecht.
Aber in der Sprache darf das nicht zum Ausdruck kommen, weil sie dadurch formelhaft und hässlich wird? Eine Sprache ist nur dann ideologiefrei, wenn lediglich Politiker in den Parlamenten sitzen, nur Forscher Entdeckungen machen und selbst eine Demonstration für Frauenrechte grammatikalisch ausschließlich aus Männern besteht, weil die Demonstrantinnen, Forscherinnen und Politikerinnen nur erwähnt werden, wenn gerade kein Mann in der Nähe ist? Entschuldigung bitte, aber was für ein Gesellschaftsbild wird hier propagiert?

Fakt ist: Sprache ist nicht ideologiefrei. War sie noch nie. Sprache ist Macht. Mächtiger sogar als das Schwert, weil sie das Denken prägt. Gleichzeitig ist Sprache immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen. Das zeigt sich nicht nur in der Übernahme von Fremd- und Lehnsworten, sondern bis in die Umgangsformen. Wir haben im Rahmen des Demokratisierungsprozesses den Pluralis Majestatis und die unsägliche Anrede „er“ entsorgt. Die Nivellierung gesellschaftlicher Unterschiede schreitet weiter fort, indem sich das Duzen immer mehr als normale Anredeform unter etwa Gleichaltrigen etabliert. Das kann man beklagen, weil einem ein „du Arschloch“ doch schneller rausrutscht, als ein „Sie Arsch!“, aber Fakt ist, dass wir nicht mehr in einer Standesgesellschaft leben, und dass sich die Sprache daran anpasst.

Genauso leben wir aber in einer Gesellschaft, in der Frauen gleichberechtigt teilhaben (wollen). Auch daran kann sich die Sprache anpassen, indem sie Frauen nicht weiter ausblendet. Nichts anderes tut gegenderte Sprache. Sie macht Frauen sichtbar.
Jetzt wieder ketzerisch gefragt: Ist es per se hässlich und formelhaft, neben Autoren auch die Autorinnen zu erwähnen, außer Politikern auch die Politikerinnen und die Wissenschaftlerinnen neben den Wissenschaftlern? Ich behaupte nein. Trotz der oben erwähnten Schwierigkeiten mit dem Binnen-I und anderen Lösungsversuchen. Es kann sogar poetisch klingen, wie im Märchen von Jorinde und Jorigel, die einander so lieb hatten, dass keines ohne das andere sein wollte.
Die Kunst besteht darin, kreative Lösungen zu finden, wie dieses generische Neutrum. Ich kann in diesem kreativen Umgang mit Sprache auch keine Unterwerfung erkennen, sondern das, was Kunst eigentlich ausmacht, und was Eschbach sogar fordert, nämlich etwas, das aus dem Inneren kommt (d. h. dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung) und gegen Regeln verstößt (den herrschenden Sprachgebrauch). Demgegenüber könnte man das Beharren auf dem generischen Maskulinum sogar als geistige Faulheit abtun.

Verwende ich deshalb nur noch geschlechtsneutrale Formulierungen? Nein, natürlich nicht. Schon deshalb nicht, weil ich tief im herkömmlichen Sprachgebrauch verhaftet bin. Aber genauso, wie ich darauf achte, mehrdimensionale Charaktere zu schaffen, achte ich auf eine angemessene Sprache. Das bedeutet, dass in den Blogbeiträgen deutlich mehr Experimente möglich sind, als in den Büchern. Aber selbst dort versuche ich, das generische Maskulinum auf das absolute Minimum zu reduzieren. In „Steppenbrand“ bin ich sogar ein Stück weitergegangen, indem ich den Khon eine Sprache mitgegeben habe, die in der Grundform nicht zwischen Männern und Frauen unterscheidet. Damit spiegelt die Sprache sehr genau die Weltsicht dieses Volks. Trotzdem glaube ich nicht, dass irgendein Leser oder eine Leserin auf die Idee kommen wird, sie als ideologisch weichgespült zu empfinden.

Daher ist meine Position zu dem Thema ganz eindeutig: Mehr Mut zum Experiment. Sprache ändert sich sowieso. Warum nicht daran teilhaben und sie mitgestalten?


*Gendern finde ich übrigens auch ein ganz schreckliches Wort, weshalb ich es normalerweise vermeide.

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