Was ich mir von Tolino wünsche

Vor zwei Jahren noch, habe ich zu den Leuten gehört, die auf „echte Bücher“ geschworen haben. Print also. Weil sie so schön in der Hand liegen. Weil man Zettel reinstecken kann. Weil man sie im Regal vor Augen hat. Weil sie einfach hach sind.
Dann bekam ich einen Tolino und seitdem möchte ich eBooks nicht mehr missen. Weil sie keinen Platz im Koffer wegnehmen. Weil sie nichts wiegen. Weil sie nicht zerknittern. Weil sie bei jeder Beleuchtung lesbar sind. Weil man mit „suchen“ schnell und gezielt bestimmte Passagen findet. Kurz gesagt: Der Reader hat mein Verhältnis zum gedruckten Buch verändert.

Trotzdem gibt es da einige Dinge, die mich nerven. Gerade bei Tolino.

Es ist jetzt 20 Jahre her, dass Amazon den ersten Kindle auf den Markt gebracht hat. Trotzdem sind – so mein Eindruck – die einzigen, die eBooks für eine großartige Entwicklung halten, Selfpublisher, Plattformen wie neobooks und natürlich Amazon.
Die Selfpublisher, weil sie ihre Bücher dadurch schnell, kostengünstig und an den Verlagen vorbei auf den Markt bringen können. Neobooks, weil sie an den Selfpublishern verdienen und Amazon, weil sie an den Selfpublishern nicht nur verdienen, sondern die Selfpublisher und ihre eBooks außerdem das Kanonenfutter im Kampf gegen die Verlage sind.*

Aber obwohl diese Haltung nun seit einer ganzen Weile bekannt ist, fällt Verlagen und Buchhandel wenig mehr ein, als Plakete und Buy-local-Kampagnen. Immerhin hat man 2013, mit dem Tolino einen eigenen Reader auf den Markt gebracht, um Amazon wenigstens etwas entgegenzusetzen. Also rund 13 Jahre nach dem Kindle. Damit kann man die meisten eBooks jetzt auch total lokal beim örtlichen Buchhändler kaufen. Trotzdem bleibt das eBook für Verlage und Handel noch so etwas, wie der ungeliebte Bastard; das etwas anrüchige Produkt eines Fehltritts, der sich zum Leidwesen aller nicht totschweigen lässt. Die mangelnde Begeisterung schlägt sich leider auch bei der Funktionalität des Tolino nieder.

Noch mal als Erinnerung: Ich finde den Tolino toll. Er ist technisch super, dabei aber deutlich leichter als der Kindle und sehr angenehm in der Bedienung.

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Bildquelle: Myriams-Fotos via pixabay

Was mich nervt, ist die lieblose Art, in der dort Bücher präsentiert werden.
Der Startbildschirm begrüßt mich zwar mit Namen, hat aber nichts mit meinen Lesevorlieben zu tun. Statt dessen werden dort Bestseller gelistet, quer über alle Genres verteilt. Die Chance, nichts zu finden, ist da schon sehr groß.
Aber auch, wenn ich mich ins Menü klicke in die Kategorie Fantasy und Science Fiction gucke, stehen Bestseller wieder als erste Auswahlmöglichkeit ganz oben. Es folgen Neuheiten, Top-Vorbesteller und Top-Autoren und dann, fast verschämt am Ende: Fantasy, Science Fiction, Vampirromane. Bei Krimis (bzw. Krimis, Thriller, Horror, wie die Kategorie vollständig heißt) sieht es nicht viel anders aus. Nur tauchen dort „Gratis Krimis“ in den oberen Rängen auf und Anthologien sind offenbar eine eigene Gattung. Ansonsten gibt es die Subgenres Historischer Krimi, Horror und Kulinarische Krimis.
Mehr Subgenre gibt es nicht.  Ein bisschen dürftig, wenn ich gerade nach einer Steampunk Autorin suche, deren Name mir nur leider entfallen ist. Das liegt auch nicht an dem Shop, an dem mein Tolino hängt, sondern ist bei allen Online-Buchhandlungen gleich schlecht : Die Aufteilung ist unübersichtlich, fantasielos und offenkundig mehr am Umsatz als am Interesse des konkreten Kunden orientiert. Amazon ist da durchaus keine Ausnahme.

Allerdings macht Amazon ein paar Dinge besser. Zum Beispiel, indem es mich zum „Stöbern“ einlädt und mir dabei Bücher vorstellt, die denen ähneln, die ich mir angesehen, gekauft oder auf meinen Wunschzettel geschrieben habe. Dadurch stoße ich tatsächlich immer wieder auf Bücher, die mich interessieren.
Von den Tolino-Buchhandlungen bietet nur Thalia persönliche Empfehlungen. Alle anderen bieten allen Kunden den gleichen Einheitsbrei. Im Zeitalter von Digitalisierung und Big Data wirkt das nicht nur rückständig sondern beinahe snobistisch. Als sei es das Problem des Kunden, ob er etwas findet. Das Problem eines Kunden, dessen Geld man zwar nimmt, wenn er es denn unbedingt ausgeben will, auf das man aber nicht angewiesen ist.

Vielleicht ist dieser Eindruck ja gar nicht so falsch. Vielleicht verfolgt die mangelnde Struktur des Angebots und das Fehlen von Kundenorientierung ja ein Ziel. Vielleicht glaubt man tatsächlich, Kunden würden, wenn sie nicht finden, was sie suchen, in die Filiale gehen, um dort zu kaufen. Dafür sprächen die unübersehbaren (weil viel Platz einnehmenden) Hinweise auf die Filialen auf manchen Seiten.
Allerdings ist der Wunsch naiv. Wer online einkauft, tut das in der Regel, weil der Einkauf im Internet bequemer ist. Deshalb geht er auch nicht in die Filiale, wenn ihn das Angebot im Online-Shop nicht interessiert, sondern zur Konkurrenz. Also im Zweifel zu Amazon.

Dass ich 2018 so etwas in einem Blogartikel schreiben muss, weil ich das Gefühl habe, dass manche Unternehmen da draußen immer noch nach Zielen ausgerichtet werden, die schon in den 1990ern überholt waren, lässt mich schaudern.
Man hatte 20 Jahre Zeit, die Konkurrenz zu beobachten und von ihren Erfolgen und Fehlern zu lernen. Was dabei herausgekommen ist, ist ein schlecht gemachter Abklatsch. Ja, es gibt einen gemeinsamen Reader, ein gemeinsames Format. Aber da hört die Gemeinsamkeit schon auf. Die Mitglieder der Tolino-Allianz haben es nicht mal geschafft, ihre Verkäufe nicht etwa über ein gemeinsames Portal abwickeln.
Das heißt aber auch: Es gibt keine Plattform, auf dem man Bücherbewertungen teilt. Oder Autorenportraits.
Dabei hat das ganz praktische Auswirkungen: So hat z. B. der Roman „Das Lavendelzimmer“ bei Thalia 78 Bewertungen, bei der Meyerschen nur 5 und bei Osiander gar keine. Je nachdem, wo ich mich gerade befinde, wird mir als Kunde das Buch daher mehr oder weniger attraktiv erscheinen – aber in jedem Fall unattraktiver als bei Amazon, wo es auf über 300 Rezensionen kommt, weil Amazon die Bewertung für alle Formate einbezieht, während die o. g. Buchhandlungen z. T. nicht einmal das hinbekommen.

Wohin geht ein Kunde also wohl? Dorthin, wo er sich nur mühsam zurecht findet und wo ihm Informationen allenfalls häppchenweise präsentiert werden? Oder da hin, wo er zum Stöbern eingeladen wird und wo er das Gefühl hat, man kümmert sich um seine Interessen?

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Symbolbild: Was will der Kunde? Bildquelle: Pixabay

Ok, das war eine rhetorische Frage.

Außerdem hatte ich den Artikel anders überschrieben. Das oben ist eigentlich nur die Vorrede, damit die Unternehmen der Tolino-Allianz erkennen, vielleicht erkennen, wie ihr System auf Kunden wirkt (ich habe manchmal das Gefühl, Kunden kommen in dem Kosmos nicht vor).

Was ich mir also als Kunde wünsche:

  1. Ernst genommen zu werden. Das bedeutet nicht nur, mit Namen angesprochen zu werden, sondern vor allem, dass die Daten, die ich dort lasse (und erzählt mir nicht, dass sie nicht gespeichert und verarbeitet werden) auch dafür genutzt werden, mir den Aufenthalt auf der Seite so angenehm wie möglich zu machen.
    Das bedeutet

    • mich nicht mit Einheitskontent zu überschwemmen, sondern mir maßgeschneiderte Angebote zu machen, die sowohl auf meinem Kauf-, Lese- und Stöberverhalten als auch auf den Metadaten der Bücher beruht. Dafür ist nicht mal ein Abgleich mit dem Kauf- und/oder Leseverhalten anderer erforderlich.
    • die Seitengestaltung übersichtlich und die Navigation einfach, wie möglich.
    • Bücher mindestens nach Genres und Subgenres zu sortieren.
    • Eine Stichwortsuche zuzulassen.
  2. Eine gemeinsame Plattform über die ich eBooks herunterladen kann und auf der ich alle Informationen zu Buch und Autor bekomme. Als ich den Reader gekauft habe, war zwar ein Online-Händler vorinstalliert, aber ich kaufe da ohnehin nur selten, weil das Angebot dort besonders unübersichtlich ist. Eine solche Plattform hätte für mich als Kundin den Vorteil, dass ich mich schnell und umfassend über Buch, Bewertungen und Autor informieren könnte. Sie hätte außerdem den Vorteil, dass sie von Buchbloggern als Affiliate-Link eingebunden werden könnte und damit den Umsatz der Teilnehmer insgesamt erhöhen würde (kein Buchblogger bindet für das gleiche Buch Links von 5 verschiedenen Buchshops ein, der übliche Link geht zum großen A). Trotzdem ist es technisch problemlos umsetzbar, vorrangig über den Shop einzukaufen, der auf dem Reader vorinstalliert ist.
  3. Dass eBooks endlich als „normale Bücher“ gesehen und mit entsprechender Wertschätzung behandelt und verkauft werden. An einem Buch zählt nicht in erster Linie der Duft oder die Haptik. Wenn das so wäre, zöge ich einen Handschmeichler aus Zitronen- oder Zedernhölz allemal vor. Bei Büchern zählt der Inhalt. Und der ist der Gleiche, ob sie nun rascheln oder nicht.

 


  • Von Jeff Bezos wird der Spruch kolportiert “that Amazon should approach these small publishers the way a cheetah would pursue a sickly gazelle.”
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Buchmesse, Meinungsfreiheit und rechte Verlage

Eigentlich müsste ich jetzt einen netten Rückblick über die Frankfurter Buchmesse schreiben, denn das war es für mich: nett. Will sagen, es war angenehm. Ich habe ein Interview gegeben, ein paar interessante Vorträge gehört und welche, bei denen ich mir gedacht habe, dass ich die auch selber und besser hätte halten können, habe viele Menschen getroffen, die ich vorher nur über soziale Medien kannte und ein paar neue Kontakte geknüpft. Am Ende des vierten Tags taten meine Füße weh, aber sonst war alles in Ordnung.

Bis ich in der Bahn saß und auf Twitter von Heil-Hitler-Rufen und Schlägereien las. Natürlich habe ich nachgefragt. Eine Antwort kam nicht, wahrscheinlich ist meine Frage in der allgemeinen Aufregung einfach untergegangen.
Also habe ich viel gelesen und versucht, möglichst viele Informationen zu sammeln. Was war los? Wie viele Verletzte gab es? Sind Bekannte, vielleicht sogar Freund*innen betroffen?
Ich fand verwackelte Handyvideos, auf denen Männerrücken und ein paar Gesichter zu sehen waren, las von der Angst einer Besucherin angesichts enthemmten Deutschtums, sah die angeschlagene Lippe eines Verlegers und das Bild eines Mannes, der von einem anderen auf den Boden gedrückt wurde. Ich erfuhr aber auch, dass beide Fälle nichts miteinander zu tun hatten, und dass der angeblich von einem Nazi zusammengeschlagene Stadtverordnete tatsächlich mit einem Mitarbeiter des Sicherungsdienstes aneinandergeraten ist.
Am nachdrücklichsten ist mir aber das hilflose Agieren der Messeleitung aufgefallen.

Deshalb werde ich auch den empörten Artikel nicht schreiben, den einige an dieser Stelle vielleicht von mir erwarten. Meiner Meinung nach ist das Problem nämlich nicht, ob rechte Verlage zur Messe zulässt oder nicht. Insofern kann ich die Argumentation der Messeleitung sogar noch einigermaßen nachvollziehen. Das hat zwar mit Meinungsfreiheit nichts zu tun, die ohnehin nur im Verhältnis zum Staat geltend gemacht werden kann, aber sonst müsste man auch die Angebote der radikal religiösen Verlage hinterfragen (und zwar egal, welcher Religion). Das gleiche gilt für Verlage des linken Spektrums (sorry, Leutz, manche Klassiker des Klassenkampfes sind auch genauso menschenverachtend, wie die Kulturtheorien der IBster) und für die Esotheriker mit ihren oftmals erst recht krankmachenden Heilsversprechen. Das gilt aber auch für das eine oder andere belletristische Werk, in dem ein mehr als verkorkstes Menschenbild glorifiziert wird. Und wer wollte bestreiten, dass auch diese Bücher meinungsbildend sind?
Wo soll man die Grenze ziehen? Bücher kennen per se keine Vaterländer, Rassen- oder Klassenunterschiede. Aber Papier ist auch geduldig. Deshalb muss man Grenzen ziehen.
Die Leitung der Buchmesse hat diese Grenze gezogen, indem sie entschieden hat, alles zuzulassen, was nicht indiziert ist oder der Strafverfolgung unterliegt. Als jemand, der Altnazis und IBstern genauso kritisch gegenübersteht wie Esoterikern und Klassenkampfanhängern, finde ich das zwar nicht so prickelnd, aber nun ja. Ich habe leicht reden, denn schließlich muss ich nicht auf die Umsätze achten. Müsste ich es, hätte ich vermutlich auch Schwierigkeiten, eine andere Grenze zu definieren und zu vertreten.
Das Problem ist für mich aber auch eher, was nach dieser Entscheidung passierte.

Ich glaube der Messeleitung, dass sie in den besten Absichten gehandelt hat, als sie die Antonio-Amadeu-Stiftung in unmittelbarer Nähe der rechten Verlage platziert hat. Ich glaube auch, dass die Protestaktionen des Börsenvereins gut gemeint gewesen sind. Tatsächlich war beides in meinen Augen so ziemlich das Dümmste, was man sich einfallen lassen konnte. Nicht die Einladung an die Antonio-Amadeu-Stiftung, die war ganz und gar richtig; aber die Hoffnung, es werde sich ein Dialog entwickeln, wenn man beide nebeneinander setzt, ist schon mehr als naiv. Genauso dusselig ist es, Spaziergänge mit Protestschildern zu diesen Verlagen zu veranstalten. Das gephotoshoppte Bild mit der Aufschrift: „Ich will auch eine Burka“, scheint zwar wieder gelöscht – aber die ganze Aktion betont, dass dieser Verlag da ist und schafft Aufmerksamkeit für dessen Programm. Und natürlich sehen auch die Bilder von den Veranstaltungen hübsch voll aus, wenn sie durch die Protestierenden von den Stände drumherum aufgefüllt werden.
Kurz gesagt: Auch wenn Herr Boos das sicher abstreiten wird, hat die Buchmesse selbst viel dazu beigetragen, die mediale Aufmerksamkeit für diese Verlage am köcheln zu halten.

„Aber das sind NAZIS! Die kann man doch nicht wie jeden anderen Verlag …!“
Ja, doch, man kann. Muss man sogar, wenn man den Standpunkt der Buchmesse ernst nimmt. Dann sind diese Verlage* nämlich auch nicht mehr Aufmerksamkeit wert als jede andere Sekte, die dort ausstellt.
Dass man das nicht getan hat, zeigt, dass auch die Messeleitung von ihren eigenen Argumenten nicht überzeugt war. Das war vermutlich der Grund für eine Reihe von Fehlentscheidungen.
Man hätte natürlich überall auf der Messe Plakate aufhängen, die für Demokratie, Meinungsvielfalt und allgemein eine offene Gesellschaft werben. Es wäre ein deutliches Zeichen gewesen. Ich will keine Mutmaßungen anstellen, warum das unterblieben ist, aber es wird schon seine Gründe gehabt haben.

Man hätte aber auch indirekt vorgehen können.

Wenn man solche Stände wirklich nicht will, dann behandelt man sie eher, wie die Selfpublisher in den letzten Jahren. Man steckt sie in ein zugiges Eck und umgibt sie mit Ständen, bei denen die Reibungspunkte gering sind. Anbieten würden sich z. B. Kochbücher oder Druckkostenzuschussverlage. Beides ist prima unpolitisch und niemand kann sich wegen dieser Nachbarschaft schlecht behandelt fühlen (schließlich muss man auch an einer Phalanx von Kinderbuchverlagen vorbei, um zu den Selfpublishern zu kommen).
Solche Maßnahmen sorgen dafür, dass die Verlage wirklich nur Aufmerksamkeit von jenen bekommen, die gezielt nach ihnen suchen.

Der zweite Punkt ist, dass man Sicherheitspersonal einsetzt, um die Besucher zu schützen. Auf einer internationalen Messe ist schließlich in der Regel auch internationales Publikum. Dieses gilt es zu schützen, wenn bekannt ist, dass der Verlag und dessen Getreue Ressentiments gegen andere Kulturen hegen und schüren.
Leider war auch dieser Sicherheitsdienst eher zweifelhafter Qualität. Schon am zweiten Tag unterblieben die angekündigten verschärften Kontrollen am Eingang und ich glaube nicht, dass irgendein Besucher auf versteckt getragene Schlag-, Hieb- oder Stichwaffen kontrolliert wurde. Gerade bei Veranstaltungen, bei denen mit einem hohen Aggressionspotential zu rechnen ist, wäre das aber durchaus angebracht.
Statt dessen hat der Sicherheitsdienst lieber Bloggerinnen kontrolliert. Dazu fällt mir eine ganze Menge ein, aber bevor ich zu sarkastisch werde, spare ich mir die Kommentare lieber.

Der dritte Punkt ist, dass die Messeleitung natürlich ein Hausrecht hat. Sie kann Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen verbieten und Menschen rausschmeißen, die sich danebenbenehmen. Letzteres sogar, wenn diese Menschen Verlagsleiter sind. Dass genau das unterblieb, obwohl dem Messeleiter das Megafon weggerissen wurde, als dieser eine Ansage machen wollte. Dass er statt dessen von der Bühne trottete, obwohl die Polizei direkt daneben stand, war vielleicht der Situation geschuldet. Ganz abgesehen davon, dass man unter Stress nicht immer vernünftig handelt, hatte Herr Boos vielleicht sogar recht mit der Einschätzung, dass es in dieser Situation besser sei, es nicht auf eine körperliche Auseinandersetzung ankommen zu lassen.
Was ich nicht verstehe ist, dass dieser Übergriff keine Konsequenzen hatte.
Genauso wenig verstehe ich die wachsweiche Pressemitteilung im Anschluss. Ganz abgesehen davon, dass nicht jede/r zum linken Spektrum gehört, der oder die gegen Nazis und IBster demonstriert, hat diese Stellungnahme nichts mehr mit Dialog und Meinungsfreiheit, sondern schlicht mit fehlendem Rückgrat zu tun.

Wer es allen recht machen will, bleibt ein Narr in allen Sachen, sagt ein Sprichwort. In diesem Jahr hat die Messeleitung es geschafft, sich als dieser Narr zu präsentieren.


*Das Fass, ob IBster Nazis sind oder etwas ganz anderes, das nur im Ergebnis genauso menschenverachtend und gefährlich ist, lasse ich an dieser Stelle geschlossen. In diesem Artikel geht es um etwas anderes.


Ich habe in diesem Artikel absichtlich die Namen der beteiligten Verlage ebenso wenig genannt, wie den des Verlagsleiters. Es wäre kontraproduktiv, ihnen zusätzliche Reichweite zu schenken.

[Selfpublishing] E-Lending – erlaubte Abzocke

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Bericht über die Session von Janet Clarke auf dem Literaturcamp Heidelberg stehen. Statt dessen habe ich mich entschlossen speziell über eines der Themen zu bloggen, die Janet bei ihrer Sitzung auch angesprochen hatte: Das E-Lending.

Das Wort klingt schon nach Elend und genau das ist es in meinen Augen auch. E-Lending bedeutet nichts anderes, als dass sich Bibliotheken die Möglichkeiten von eBooks voll zunutze machen können. D. h. statt Lizenzen müssen sie nur noch ein Exemplar eines eBooks kaufen und können es dann so unbegrenzt vielen Nutzern gleichzeitig zugänglich machen. Das ist natürlich ein schöner Vorteil für die Onleihe gegenüber Amazon, da die Onleihe ja noch mal deutlich günstiger ist. Im Prinzip bekommt die Onleihe damit das Recht, genau das zu tun, was Piratenseiten schon lange machen. Nur eben legal.

Für Verlage, Selfpublisher und Autor*innen ist eine Katastrophe.

Genau das hat der Bundestag aber gerade beschlossen. Versteckt im Gesetz zur Änderung des Urheberrechts in Bildung und Wissenschaft.  Allerdings beschränkt sich die Regelung nicht auf wissenschaftliche Bibliotheken oder wissenschaftliche Werke, sondern gilt allgemein für alle Bibliotheken und alle eBooks. Die einzige Beschränkung besteht darin, dass pro Sitzung nur bis zu zehn Prozent des Buches heruntergeladen werden dürfen. Diese „Beschränkung“ ist jedoch Augenwischerei, weil keine Begrenzung der Sitzungen vorgesehen ist. Wenn man 10% ausgelesen hat, holt man sich einfach die nächsten 10% ohne Wartezeit.
Und da Dateien nicht abnutzen, geht das unbegrenzt lange. Für die Bibliotheken eine große Ersparnis, da sie eBooks – anders als gedruckte Bücher – nicht nachkaufen muss. Wunderbar auch für die Leser*innen, die so noch billiger an Lesestoff kommen.

Nur diejenigen, die die Bücher geschaffen haben, gehen leer aus.

Und erzähle mir jetzt keiner, das sei Werbung!


Bei der Veröffentlichung hatte ich ganz vergessen, eine Quelle mitzuliefern. Hier ist ein Artikel aus dem Börsenblatt, der sich u.a. mit diesem Thema befasst.

Mein wunderbares Selfpublisherinnenleben

Die Disruption der Buchbranche habe gerade erst begonnen, las ich kürzlich, und dass Selfpublishing die Zukunft sei. So viel Geld, wie als Selfpublisherin habe sie noch nie verdient, verriet eine Autorin dem Deutschlandfunk. Ich verrate vermutlich kein Geheimnis: Ich war das nicht.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich finde Selfpublishing großartig. Es ist eine Chance, Formate und Geschichten auf den Markt zu bringen, an die sich Verlage nicht herantrauen. Verlage sind keine Gralshüter der Kunst, sondern Wirtschaftsunternehmen. Das heißt, die herausgegebenen Bücher müssen sich rechnen. Ihr Verkauf soll nicht nur die Tantiemen für die Autorin, sondern auch das Gehalt der aller Beschäftigten finanzieren und sogar noch einen Gewinn abwerfen. Verständlich, dass man da lieber auf Alt- oder im Ausland Bewährtes setzt.

Als Selfpublisherin sieht die Sache etwas anders aus: Ich bin in erster Linie mir selber verpflichtet. Ich kann herausgeben, was ich selber für gut und richtig halte, ohne auf den Gewinn schielen zu müssen.
Dass ich es doch tue, steht auf einem anderen Blatt. Aber letztlich tun das vermutlich alle, denn, seien wir ehrlich: Verkäufe bedeuten auch Anerkennung. Der Blick auf die Verkaufsstatistiken ist dann manchmal schon ein bisschen deprimierend.
Es ist ja nicht nur das Herzblut, das in den Geschichten steckt. Auch nicht die Umwandlung in ePub oder Mobi bei eBooks, über die jene Autorin so klagt. Es ist vor allem die Arbeit darüber hinaus. Die Überarbeitungen, die Arbeit an Klappentext, ein Cover zu finden, Marketingkampagnen zu planen, Blog- und Facebookeinträge zu schreiben und überhaupt in den sozialen Medien präsent zu sein; das Nachsinnen, wen man noch ansprechen und motivieren könnte, während man schon am nächsten Werk schreibt, das auch wieder promotet werden muss und wer sollte das schon tun, wenn nicht man selber …
In stillen Momenten keimt dann schon mal die Frage auf, ob ein Job als Taxifahrer, Bäckereifachverkäuferin oder bei Lidl an der Kasse nicht sinnvoller wäre.

Aber natürlich ist das Humbug. Schließlich weiß ich, dass Erfolg auch langen Atem braucht. Vor allem aber, weil ich an meine Geschichten glaube.

[Autorenleben] Interview mit Markus Heitz

Ein absolut hörenswertes Interview dazu, wie Markus Heitz arbeitet. Dazu gibt es Einsichten in den Buchmarkt und Tipps für (angehende) Autoren.

Für mich war auch die Aussage spannend, selbst als Verlagsautor müsse man sich in den sozialen Netzen engagieren und Werbung für sich selber machen. Gleichzeitig hat er sich deutlich von Ramschaktionen distanziert. Mit Verzweiflungsaktionen, bei denen die Leser gebeten würden, das erstes Buch doch bitte umsonst herunterzuladen und das nächste dann billig zu kaufen, ruinierten die Autoren sich selber. Zwar seien die Daten auf dem eBook nur ein paar Cent wert – was zähle seien aber die Inhalte. Und da müsse man als Autor dazu stehen, dass es die nicht für lau gebe.
Dass auch ein erfolgreicher Autor wie Heitz so offen Stellung bezieht, finde ich gut!

Hier aber endlich der Link zum Interview. Bitte nicht durch das Bild verunsichern lassen, das hat mit dem Interview selber nichts zu tun.

 

Meldung: Hobbit Presse verabschiedet sich von DRM

Offenbar setzt sich auch bei den Verlagen die Erkenntnis durch, dass der „harte Kopierschutz“ von eBooks den ehrlichen Kunden schadet, aber nichts gegen Raubkopierer bewirkt. So jedenfalls verstehe ich die Meldung der Hobbitpresse, künftig ein Wasserzeichen als Standard-Kopierschutz zu nutzen. Die Änderung betrifft die meisten eigenen eBooks, etliche von Knaur und die des Imprints Tropen. Lediglich die Bücher von J. R. R. Tolkien sind (noch) ausgenommen; der Text lässt aber vermuten, dass dies an den Lizenzvereinbarungen liegt und im Hintergrund bereits daran gearbeitet wird, auch insofern Abhilfe zu schaffen.

eBooks: Flatrates, Verkauf und Produktpiraterie

Dieser Artikel ist gewissermaßen ein Nachklapp zu dem vom 07.11., in dem ich der Frage nachgegangen war, wie verfehltes eBook-Marketing die Preisspirale immer weiter nach unten treibt.

Ausgehend von diesem Artikel hatte ich heute morgen eine sehr inspirierende Unterhaltung mit der Autorin Anne Colwey, die schrieb, sie überlege wegen der um sich greifenden eBook-Piraterie ernsthaft, ihre Bücher künftig nur noch als Prints herauszugeben.
Da reine eBook-Verlage nichts gegen den Preisverfall und Produktpiraterie täten, müsse man darüber nachdenken, die Zusammenarbeit einzustellen und in letzter Konsequenz zum „klassischen Veröffenlichungsweg“ zurückzukehren. Also Agentur und Printverlag.
Das Problem der Produktpiraterie gebe es nicht erst seit gestern, würde aber trotzdem vernachlässigt. Und Selfpublisher könnten ihre ohnehin knappe Zeit nicht auch noch damit verbringen, auf Piratenjagd zu gehen.

Ich stimme dem in fast allen Punkten zu. Mit einer Ausnahme: Bei meinem Formaten ist der „klassische Weg“ leider ausgeschlossen. Alles unter 250 Seiten ist für die meisten Verlage vollkommen uninteressant – und die wenigen, die auch Novellen und Erzählungen im Programm haben, veröffentlichen keine Fantasy.
Und für mich ist Print ist einfach zu teuer, weil die Nische zu klein ist. Selbst bei BoD müsste ich meine Bücher so teuer machen, dass sie keiner kauft.

Andererseits kann es das ja wohl auch nicht sein, dass man ein technisches Verfahren, das es Lesern erlaubt, günstiger an Bücher zu kommen, nicht mehr nutzt, weil andere es ausnutzen.
Sicher: Wenn es keine eBooks mehr gäbe (bis auf den Ramsch, den man Selfpublishern nachsagt und von Autoren, wie mir, die sich nichts anderes leisten können), würden sich die Piraten nach einträglicheren Geschäftsmodellen umsehen. Raubkopien im Preissegment 0 – 99 Cent lohnen nicht. Schon gar nicht, wenn nicht mal ein Bestseller darunter ist.
Aber ist es das, was wir wirklich wollen? Sollten wir nicht alle – und damit meine ich Autoren genauso wie Leser, Selfpublisher wie Verlage – daran interessiert sein, das eBook am Leben zu halten? Und zwar so, dass alle, die es produzieren, auch etwas davon haben, damit sie für Nachschub sorgen?
Dann wäre es doch konsequent, gemeinsam Druck zu machen. Gemeinsam dafür einzutreten, dass die illegalen Verkäufe durch Piratenportale unterbunden werden. Zum Beispiel, indem man die Verkäufer zur Nachzahlung der unterschlagenen Tantiemen zwingt. Die Server mögen ja im außerhalb der EU stehen – aber die Verkäufer sitzen oft innerhalb der EU.
Genauso konsequent wäre es, den Preisverfall zu stoppen, eBooks nicht als Flatrate, sondern nur noch im Modell der Onleihe zu verleihen (was durch entsprechende Lizenzvereinbarungen möglich ist).

Aber wir müssen schon selber aktiv werden. Von alleine wird sich in der Politik kaum etwas zu unseren Gunsten ändern. Im Gegenteil. Im Justizministerium von Nordrhein-Westfalen wird nach Informationen der Legal Tribune Online auf einen Bundesratsentwurf hingearbeitet, der den Verkauf „gebrauchter“ eBooks ermöglicht. Da es keinen Kopierschutz für eBooks gibt, der auch nur ansatzweise sicher stellt, dass ein so verkauftes Buch auch tatsächlich aus dem Bestand gelöscht wird, wäre das quasi der Freibrief für die Raubkopierer.

Tja. Und nun seid ihr dran. Meiner Meinung nach ist es noch nicht zu spät. Aber wenn wir das aufhalten wollen, dann müssen wir bald in die Puschen kommen. Alle.

Oder wie siehst du das?

eBook-Marketing: In der Ramschspirale immer weiter abwärts?

In der Flatrate-Falle überschreibt die ZEIT-online einen Artikel von Nina George über die zunehmende „Kannibalisierung des Buchmarkts„. 

Es werden mehr Bücher denn je online genutzt – und gleichzeitig wird immer weniger für die Nutzung bezahlt. Meist: gar nicht.

Elektronische Kampfpreise seien alles, was den Verlagen einfiele, um Leser zu gewinnen, lautet der Vorwurf. Nicht nur, dass die Preise für eBooks immer weiter sänken: Das beliebteste Marketingmittel der Verlage seien Verschenk-Aktionen. Rund 8.000 Titel könne man allein bei Thalia völlig legal kostenlos herunterladen. Aufgrund der Buchpreisbindung schätze ich, dass es bei Hugendubel und anderen Mitgliedern der Tolino-Allianz genauso aussieht. Bei Amazon dürften es sogar noch mehr sein.

Umsonst-Aktionen sind das häufigste „Werbemittel“ im Web und so aufdringlich, dass sich der geneigte Leser fragt, warum er überhaupt jemals wieder Geld für Literatur ausgeben sollte.

Wenn das nicht helfe, werde das Preisdumping fortgesetzt, indem man das Buch bei Plattformen eingestellt, wo sich der Leser gegen geringe monatliche Gebühren nach dem Motto „all you can read“ bedienen könne. Der Autor verdiene daran zwar kaum, werde aber damit getröstet, das sei ja immerhin Werbung.
Allerdings stellt George auch fest, dass bei keinem der von ihr befragten 80 Autoren, deren Bücher über derartige Portale angeboten wurden, die Verkaufszahlen gestiegen seien. Die Einnahmen aus eBooks seien je nach Genre sogar um 30 -75 Prozent gesunken!

Die Leihen glichen also in keinem Fall den Verlust durch ausbleibenden Verkauf aus, die sogenannte Elastizität der Nachfrage blieb einfach aus.

Dafür brächten die Leseflatrates ein neues Problem mit sich: Aus den dort geliehenen und kopierten eBooks würden die Piratenportale ihre „Regale“ bestücken, so dass der von „Geiz ist geil“ getriebene Kunde das Buch noch billiger holen könne. Verlieren würden dadurch letztlich alle.

Ich fand den Artikel sehr lesenswert und stimme im Kern auch zu. Allerdings würde ich das Problem nicht allein den Verlagen zuschreiben. Immerhin waren es die Selfpublisher, die angefangen haben, die Preisschraube nach unten zu drehen. Und noch immer werden Rabatt- und Verschenk-Aktionen in Selfpublisherkreisen als das ultimative Marketinginstrument angepriesen. Auch Amazon versucht, „seinen“ Autoren Kindle-Deals als Werbemittel schmackhaft zu machen (wobei Amazon seine Verluste minimiert, indem es die Anteile am Verkaufserlös umkehrt).

Das Verramschen wird daher erst aufhören, wenn auch die Mehrheit der Selfpublisher genug Arsch in der Hose … Pardon! Ich wollte natürlich „Rückgrat“ sagen. Also, wenn wir genug Rückgrat haben, auch einen angemessenen Preis für unsere Werke zu fordern und kreativere Marketingmethoden einsetzen.
Das wiederum gilt dann aber auch für Verlage.

Fundstück: Hybrid-Autoren – wie’s am Besten passt

Auf Indie-Publishing gibt es ein interessantes Interview mit dem Autor Markus Hünnebeck, der für seine Bücher je nach Projekt einen Verlag sucht, oder sie als Selfpublisher herausbringt und Maguerite Jolie, die den Bereich Neue Geschäftsinitiativen der Ulstein Buchverlage leitet.

Thema sind (natürlich) die Vor- und Nachteile von Verlagen bzw. des Selfpublishing und wie Autoren für sich den besten Weg finden.

Das ganze Interview gibt es hier: http://www.indie-publishing.de/home/markt/markt_artikel

Mehr vom Gleichen, oder …?

Deutschlandradio Kultur berichtet über eine Software, mit dem das Leseverhalten analysiert und aufgezeichnet werden kann. Während des Lesens zeichnet sie z. B. die Lesegeschwindigkeit auf, aber auch, ob das Buch zuende gelesen wird. Das ist an sich nichts Neues – Apple und Amazon machen das schon lange. Allerdings werden die Daten nicht an die Verlage weitergegeben.

Diese Lücke soll Jellybooks schließen. Anders, als die Apps von Apple und Amazon arbeitet Jellybooks plattformunabhängig, funktioniert also auf jedem Reader. Ein weiterer Unterschied ist, dass Jellybooks nicht an jedes Buch gekoppelt ist, sondern nur an Freiexemplare für Testleser.

Das ist mal wieder eine Sache, bei der ich nicht weiß, ob ich sie gut oder schlecht finden soll. Einerseits steht natürlich die Befürchtung im Raum, dass Bücher immer mehr konfektioniert und der Mainstream immer stromlinienformiger wird. Andererseits kann es natürlich auch heißen, dass die Verlage plötzlich Segmente entdecken, bei denen sie bisher kein Kundeninteresse vermutet haben und damit neue Autoren mit frischen Ideen eine Chance bekommen.

Wie siehst du das?