Realistische Vampire (2) – Was macht (meine) Vampire aus?

Nachdem es letzte Woche darum ging, wie man zum Vampir wird, möchte ich heute darauf eingehen, welche Auswirkungen es hat, Vampir zu werden. Eine ist schon mal logisch: Vampire trinken Blut. Das macht ihr Wesen aus, deshalb wird sich daran nichts ändern. Aber wie ich schon beschrieben hatte, möchte ich weg vom Bild des Glamour-Glitzer-Vampirs.

Bei mir wird Vampirismus durch ein Virus übertragen, das eine Symbiose mit dem Wirt eingeht. Das bedeutet auch alle Phänomene die im Zusammenhang mit Vampiren genannt werden, biologisch einigermaßen erklärbar sein müssen.
Damit fällt zum Beispiel die Fähigkeit raus, fliegen oder sich besonders schnell bewegen zu können. Schnelle Bewegungen gingen vielleicht noch, aber fliegen? No way!
Ein bisschen zu meinem Bedauern sind Vampire damit auch nicht mehr so leicht entflammbar. Eine ihrer größten Schwächen der klassischen Vampire ist ja, beim ersten Sonnenstrahl in Flammen aufzugehen, was, wie ich fand, immer ein sehr hübscher Effekt war. Allerdings ist eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Lichtallergie denkbar. Zum Ausgleich können sie dafür im Dunkeln besser sehen.
Und natürlich sind meine Vampire auch im Spiegel sichtbar.
Die Übertragung durch ein Virus schließt auch eine Bekämpfung von Vampiren mittels Kreuzen oder Weihwasser aus. Es wäre schon ein seltsames Virus, das sich durch die Insignien irgendeiner Religion besiegen ließe.

Dagegen ließe sich die scheinbare Unsterblichkeit von Vampiren tatsächlich durch ein Virus erklären: Schaltet das Virus nämlich den zelleigenen „Kopierschutz“ ab, können sich die einzelnen Körperzellen unbegrenzt oft teilen und werden dadurch quasi unsterblich. Dieses Phänomen gibt es bei Krebszellen tatsächlich.
Wenn das Virus außerdem den Metabolismus, das Immunsystem und die Regenerationsfähigkeit beeinflusst, heilen Verletzungen deutlich schneller. Gleichzeitig wird der Körper weniger anfällig für Infektionen.
Im Ergebnis wäre der Vampir so langlebig und schwer totzukriegen, dass er nach außen tatsächlich unsterblich erschiene, zumal sich sein Äußeres kaum verändern würde.

Ein weiteres Phänomen, das sich durch ein Virus problemlos erklären ließe, ist die Abneigung gegen Knoblauch.
Geht man nämlich allgemein von einer gesteigerten Geruchsempfindlichkeit aus (wie sie z. B. auch bei Schwangeren auftreten kann), würde der Vampir alle stark riechenden Dinge meiden. Darunter eben auch den Knoblauch. Diese Geruchsempfindlichkeit hätte für den Vampir den Vorteil, bereits am Geruch erkennen zu können, ob das gewählte Opfer krank ist. In diesem Fall könnte er die Jagd rechtzeitig abbrechen und so eine Ansteckung vermeiden zu können. Diese Fähigkeit ist – selbst bei einem hochgerüsteten Immunsystem – sinnvoll, wenn man auf regelmäßige Jagd zur Nahrungsaufnahme angewiesen ist.

Vermutlich müsste das Virus auch Auswirkungen auf Verdauung und Stoffwechsel haben, damit trotz der allein auf Blut basierten Ernährung keine Mangelerscheinungen eintreten. Über die Auswirkungen auf den Verdauungstrakt kann ich nur spekulieren. Da Blut kaum Kohlenhydrate enthält, könnten die Bereiche abgebaut werden, die für deren Verdauung zuständig sind. Andererseits dürfte die Energiedichte von Blut recht gering sein, so dass das Maximum herausgeholt werden muss, damit der Vampir nicht dauernd „nachtanken“ muss. Möglich, dass dafür die Bereiche des Dünndarms eingeschaltet werden, in denen vorher die Kohlenhydrate verdaut wurden. Spekulation, wie gesagt und eigentlich auch nicht wichtig, bis auf eine Kleinigkeit: Da Blut eine geringe Energiedichte hat, dürfte es Vampiren schwer fallen, Fett anzusetzen.

Meine Vampire sind daher eher schlank. Außerdem sind sie weder besonders schnell noch übermäßig muskulös. Das könnte sie bei der Jagd auf Alte, Kinder und andere Geschwächte beschränken. Allerdings würde sich das Virus aus den Gründen, die ich im letzten Artikel beschrieben habe, dann sehr schnell ausbreiten und damit auf Dauer selbst die Existenzgrundlage (menschliches Blut) entziehen.
Daher haben meine Vampire einen Vorteil: Sie sind latente Telepathen, die ihre Opfer verwirren und sedieren können. Mit entsprechender Übung wachsen auch die Fähigkeiten.


Alle, die neu eingestiegen sind, oder den ersten Beitrag aus anderen Gründen noch einmal lesen möchten, bitte hier entlang:
Teil 1: Wie wird man eigentlich Vampir?

Die Luziden – mein Beitrag zu #my2017 auf sweek

Ich habe es getan. Ich bin über meinen Schatten gesprungen und habe für den Geschichtenwettbewerb auf Sweek eine Young-Adult-Paranormal-Fantasy geschrieben. Herausgekommen ist eine abgeschlossene Kurzgeschichte, die aber durchaus Potential als Startsequenz für einen Roman hätte.

die-luziden

Die Geschichte trägt den Titel Die Luziden.

Kurzbeschreibung: Seit dem Tod ihrer Eltern lebt Nele in einer Einrichtung für betreutes Wohnen. Für ihre Mitbewohnerinnen ist sie die Irre, die Stimmen hört und Dinge sieht, die nicht da sind.
Aber die Krähe, die in der Silvesternacht in Neles Zimmer flattert und sich in einen Mann verwandelt, ist real. Auch, wenn das, was er erzählt, unglaublich klingt.
Leider hat die Zeit nicht gereicht, noch ein richtig gutes Cover zu basteln. Und leider lässt sich der hier verwendete Screenshot auch nicht vergrößern.

Wie aus der Kurzbeschreibung zu erahnen, gibt es neben Nele, der obligatorischen Heroine (von der ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich noch nicht mal weiß, ob sie nun blond oder brünett ist und welche Augenfarbe sie hat), bereits jetzt einen potentiellen Love-Interest (schwarzhaarig und ganz in schwarzes Leder gekleidet, wenn er nicht gerade als Krähe durch die Gegend fliegt). Außerdem kommt ein Drache vor und es gibt das Versprechen auf Feen und Einhörner.

Da #my2017 ein Publikumspreis ist, würde ich mich über viele Aufrufe und hochgestreckte Daumen freuen.
Zum Lesen ist eine Anmeldung notwendig, die aber keine Kosten verursacht.

Und bevor ich es vergesse: Hier noch einmal der Link. Sonst lässt sich die Geschichte aber auch leicht über den Titel Die Luziden, den Hashtag #my2017 oder über meinen Namen finden.

Ich müsste mal wieder in die Oper

Das ist eines der Probleme, wenn man seine Geschichten an realen Orten spielen lässt: Man muss sie kennen. So gesehen war es keine sonderlich kluge Entscheidung, die nächste Geschichte zu weiten Teilen ausgerechnet in der Oper spielen zu lassen. Nicht nur, weil Frankfurt gleich zwei Opern hat: die Frankfurter Oper und die Alte Oper – wobei in der Alten Oper gar keine Opern mehr aufgeführt werden, sondern nur noch Konzerte.

Muss man wissen. Zum Glück gibt es Internet. Zu meiner Schande muss ich nämlich gestehen, dass ich bisher in keiner von beiden war.

640px-frankfurt_stadtische_buhnen-oper-zuschauerraumbuhne-20130922
Quelle: Von Epizentrum – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28496000

Das Internet informiert nicht nur über Spielpläne, sondern versorgt einen auch mit Bildern. So kenne ich jetzt z. B. den Innenraum; weiß, dass über dem Parkett noch Balkon und zwei durchgehende Ränge schweben, habe gesehen, dass Wände und Polster dunkelblau sind, die Balustraden einen goldfarbenen Holzton besitzen und der Bühnenvorhang so rot ist, wie man sich einen Bühnenvorhang eben vorstellt. Dank eines Zeitungsartikels habe ich sogar einen Eindruck der Garderobe gewonnen und weiß, dass man sich Tische für die Pause reservieren kann. Alles wichtige Informationen, aber es fehlen noch entscheidende Details: Wie sieht das Foyer aus? Wie die Treppenaufgänge und die Toiletten? Wo genau befindet sich die Gastronomie?

Fragen über Fragen, ganz abgesehen davon, dass ich wirklich schon lange nicht mehr in einer Oper war. Jetzt habe ich den perfekten Grund, doch zu gehen.

Kann man überhaupt noch über Vampire schreiben?

Der Hype um Vampire scheint abgeklungen. Inzwischen scheint auch so ziemlich alles über sie gesagt, wenn auch vielleicht noch nicht von jedem. Aber inzwischen scheint es ein Übereinkommen zu geben, dass Vampire Sexgötter mit Sado-Maso-Tendenzen sind. Und wer nicht immer neue Variationen über den Kampf zwischen Blutdurst und wahrer Liebe lesen will, ist längst weitergewandert zu anderen Geschöpfen und Geschichten.

Warum nun also ausgerechnet eine Vampirgeschichte für den Codex Aureus?

Die Antwort ist simpel: Weil sich seit der Clue Writing Challenge eine Vampirdame in meinem Hirn eingenistet hat, die darauf besteht, dass ihre Geschichte erzählt werden soll. Vorher wird sie nicht ausziehen. Aber ihre Geschichte ist es wert ist erzählt zu werden, weil sie weit ab vom Klischee ist.

Deshalb muss ich riskieren, die Einen nicht zu gewinnen, weil das Thema Vampire so ausgelutscht wirkt und diejenigen vor Kopf zu stoßen, die sich zum Lesen verführen lassen, weil sie nicht finden, was sie suchen.

Ich bin gespannt.

Werkstattbericht: Auch Fantasy braucht Recherche

Der nächste Codex Aureus wird wieder Urban Fantasy werden und noch deutlich mehr in der Realität verankert als O Tannenbaum.

Nika Sachs alias Bordsteinprosa hat mich auf die Idee gebracht, die Geschichte in Frankfurt spielen zu lassen. Das erfordert nicht nur ein bisschen Umschau nach möglichen Orten für die Handlung, sondern auch Hintergrundrecherche.

Heute habe ich mich also über folgende Themen schlau gemacht:

  • schweizer Uhrenmarken
  • Aida
  • Turandot
  • Junkies in Frankfurt
  • Wer ist Mr. Cutty
  • Seit wann wird Methadon zur Substituierung von Heroin angewendet?

Leseprobe von „O Tannenbaum“ ist online

Vielleicht sollte ich auch hier im Blog noch kurz darauf hinweisen, dass die Leseprobe von O Tannenbaum (der 4. Ausgabe des Codex Aureus) freigeschaltet ist.

Wer also Velona in freier Wildbahn erleben möchte, bitte hier entlang.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und ein fröhliches Weihnachtsfest!


o-tannenbaum-kleinO Tannenbaum ist als eBook in den Formaten ePub und Mobi erhältlich und damit für alle gängigen Lesegeräte verfügbar.
Kindle-Nutzer können das Buch bei Amazon beziehen. Die Nutzer aller anderen Reader bekommen es über die Online-Buchhandlungen der Tolino Allianz. Mein besonderer Favorit ist Bookzilla, weil man mit dem Einkauf die Entwicklung freier Software fördert. Es gibt O Tannenbaum aber z. B. auch bei:

O Tannenbaum jetzt auch für Tolino

Tolino media hatte O Tannenbaum zunächst nicht an den Handel ausgeliefert, weil die Einordnung des Genres als „nicht verkaufsfördernd“ eingestuft wurde (ich hatte gestern darüber berichtet). Nach Änderung der entsprechenden Angaben gab es zum Glück keine weiteren Beanstandungen, so dass die Geschichte von der Dryade und ihrem Baum jetzt auch für Tolino erhältlich ist. Am schnellsten war – wie bisher immer – die Mayersche.

Für alle, die den gestrigen Artikel nicht gelesen haben, hier noch einmal der Klappentext: o-tannenbaum-midiVelona ist eine Dryade; eines jener friedfertigen Wesen, die wenig anderes im Kopf haben, als die Bäume, mit und von denen sie leben. Die Bindungen zu einzelnen Bäumen kann sehr eng werden. So eng, dass die Dryade leidet, wenn ihr Baum Schaden nimmt und stirbt, wenn er gefällt wird. Solche Seelenfreundschaften oder Symbiosen sind selten. Aber auch sonst können Dryaden sehr wütend werden, wenn sich jemand an »ihren« Bäumen vergreift.

Wenn man, wie Velona, in einer Baumschule lebt und sich ausgerechnet in eine gutgewachsene Nordmanntanne verguckt, ist der Ärger vorprogrammiert.

Ich wünsche eine schöne Adventszeit und viel Spaß beim Lesen. Und natürlich freue ich mich riesig über Rückmeldungen. Sei es als Rezension im eigenen Blogs, auf Portalen wie Lovely Books oder als Bewertung bei der Buchhandlung, bei der O Tannenbaum gekauft wurde.

Für Tolino ist O Tannenbaum u.a. bei folgenden Buchhandlungen erhältlich:

O Tannenbaum ist im Handel – bisher leider nur bei Amazon

Mit „O Tannenbaum“ liegt nun schon die vierte Ausgabe des Codex Aureus vor. Leider derzeit nur bei Amazon, weil die Tolino Qualitätssicherung noch Mängel gefunden hat: Man findet die Einordnung des Genres nicht verkaufsfördernd.

In einer freundlichen Mail wurde mir mitgeteilt, dass folgendes Problem bestehe:

Für die Sichtbarkeit, die Auffindbarkeit und damit Ihrem Umsatz auf den Partnerportalen ist die Platzierung des Genres „Belletristik“ als erstes Genre eher ungünstig, da es sehr allgemein ist. Je spezifischer das erste Genre den Charakter Ihres Titels beschreibt, desto leichter lässt es sich unter allen anderen Titeln finden. Bitte ändern Sie die Reihenfolge.

Dieser Aufforderung werde ich selbstverständlich nachkommen. Es ist ja auch irgendwie schön, dass man sich bei Tolino derart viele Gedanken macht, statt das Buch ohne Rücksicht auf die Konsequenzen einfach hochzuladen.
Zum Genre sei hier schon gesagt, dass es sich um Urban bzw. Contemporary Fantasy handelt.

o-tannenbaum-midiVelona ist eine Dryade; eines jener friedfertigen Wesen, die wenig anderes im Kopf haben, als die Bäume, mit und von denen sie leben. Die Bindungen zu einzelnen Bäumen kann sehr eng werden. So eng, dass die Dryade leidet, wenn ihr Baum Schaden nimmt und stirbt, wenn er gefällt wird. Solche Seelenfreundschaften oder Symbiosen sind selten. Aber auch sonst können Dryaden sehr wütend werden, wenn sich jemand an »ihren« Bäumen vergreift.

Wenn man, wie Velona, in einer Baumschule lebt und sich ausgerechnet in eine gutgewachsene Nordmanntanne verguckt, ist der Ärger vorprogrammiert.

Ich wünsche eine schöne Adventszeit und viel Spaß beim Lesen. Und natürlich freue ich mich riesig über Rückmeldungen. Sei es als Rezension auf euren eigenen Blogs oder auf Portalen wie Lovely Books oder als Bewertung bei der Buchhandlung, bei der ihr gekauft habt.

Für alle, die auf dem Kindle oder per Kindle App lesen, hier schon mal der Link zu O Tannenbaum bei Amazon,

Der Kinobesuch der alten Dame

Beitrag zur 4. Clue Writing Challenge

Wie das dann immer so ist: Da dachte ich, mal eben eine nette kleine Kurzgeschichte aus dem Ärmel zu schütteln – aber denkste! Geschrieben war sie ja schnell, nur leider, leider trotz allem zu lang. Also habe ich die letzten Tage Seitenstränge rausgerupft, Adjektive gejätet, Lieblinge über die Klinge springen lassen und jeden Satz gelöscht, der nicht unbedingt notwendig war. Jetzt habe ich das Gefühl, dass nur noch ein Skelett übrig geblieben ist, durch dessen kahle Knochen der Wind pfeift. Dafür hält sich die Geschichte so gerade eben im vorgegebenen Rahmen. Und wer weiß, vielleicht kommt die Langversion irgendwann zusammen mit einer anderen Geschichte, die für eine eigenständige Veröffentlichung zu kurz ist, in den Codex Aureus.
Genug geschwafelt. Ich hoffe, sie gefällt euch trotzdem.

Der Kinobesuch der alten Dame

Sie war die Älteste, ein Fremdkörper zwischen den hippen, jungen Dingern, die der Film anlockte. Es waren nicht mehr viele. Vermutlich wurde er bald abgesetzt. Zu ärgerlich, auch wenn sie ihn nicht mochte. Beim ersten Mal war sie noch amüsiert über die naive Vorstellung von Dämonen. Inzwischen fand sie ihn nur noch entsetzlich schmalzig. Dennoch: er zog Mädchen im richtigen Alter an. Noch dazu allein, ohne ihre Freunde. Nicht, dass sie etwas gegen Männer hatte; sie mochte sie sogar recht gerne. Aber im Moment war sie auf Mädchen aus und das Kino ihr aussichtsreichstes Jagdrevier. Die einzige Alternative waren Fitness-Studios, und wenn sie etwas noch mehr abstieß, als schmalzige Mystery-Filme, dann es Fitness-Studios. Erst recht mit diesem Körper. Nicht, dass sie ihn nicht mochte. Aber die Energie, die sie daraus zog, hatte ihn vorzeitig altern lassen. Höchste Zeit, etwas Neues zu finden.

In der Schlange vor dem Popcornstand wartete eine Blondine. Das helle Haar bildete einen hübschen Kontrast zu ihrem schwarzen Corsagentop und dem Tüllrock. Die vielleicht?
Die alte Dame stellte sich in der Parallelschlange an. Hörte, wie Blondie Käsenachos und eine große Cola bestellte und verzog das Gesicht. Was für eine Stimme! Misstönend, wie nasse Kreide auf einer Schiefertafel. Aber möglicherweise musste sie Kompromisse eingehen.
Das Mädchen zahlte und drehte sich um. Die alte Dame hätte vor Enttäuschung beinahe gefaucht. Blondie trug eine Brille, die ihre Augen auf Tischtennisballgröße anschwellen ließ. Ohne war sie vermutlich auf Geruch und Gehör angewiesen. Das war inakzeptabel!
Die Schlange rückte vor. Die alte Dame bestellte Popcorn und Cola, obwohl sie beides verabscheute. Während der Vorstellung würde sie das Zeug unter den Sitz stellen und vergessen. Bis dahin war es Tarnung.

Ein lilahaariger Gnom mit Vollmondgesicht zupfte sie am Arm.
„Hi! Sind Sie auch wieder hier!“, sprudelte der Vollmond. „Super Film, oder?“
Sie zwang sich, zu lächeln. „Ja, sehr romantisch“, entgegnete sie. Das war die Kehrseite ihres Charmes: Jeder fühlte sich zu ihr hingezogen. Nicht nur Männer. Männer in letzter Zeit sogar bedauerlich wenig. Dafür so dumme Dinger, wie das plumpe Geschöpf, das sie immer noch anstrahlte.
„Sagen Sie doch Anni zu mir! Ich bin nicht so förmlich. Und das hier ist übrigens Dierdra.“ Sie schob ein zweites Mädchen vor.
Dierdra lächelte halbherzig und zuckte mit den Schultern. Unter ihrer unförmigen Strickjacke war die Bewegung kaum sichtbar.
„Ich musste Dierdra echt überreden. Sie steht nicht auf solche Filme, hat sie gesagt. Aber der ist anders, richtig gut, hab ich gesagt. Der ist so gut, dass sogar diese alte Lady immer wieder kommt.“ Sie blickte die alte Dame treuherzig an. „Sie haben doch nichts dagegen, dass ich von Ihnen erzählt habe, oder? Na, jedenfalls hat’s gewirkt und sie hat gemeint, dass sie sich das mal anguckt.“
Dann wandte sie sich Dierdra zu und versicherte, dass sie ihre Entscheidung bestimmt nicht bereuen werde, weil der Film so toll, der Hauptdarsteller supersüß und alles überhaupt supercool sei. Dierdra wirkte, als sei ihr alles entsetzlich peinlich. Sie hatte die Hände in den Taschen der Strickjacke vergraben, als wolle sie sich darin verkriechen. Trotzdem war sie bezaubernd. Ihre Aufmachung war natürlich ein absolutes No-go, wie man heutzutage sagte, aber das Mädchen verfügte über Potential: Haut wie Sahne. Rabenschwarzes Haar, blaue Augen, Schmollmund. Sie war die Richtige. Endlich!

„Wenn wir schon beim Du sind – ich bin Asta“, sagte die alte Dame freundlich. „Ihr seid Freundinnen?“
Wieder war Anni war schneller. „Wir studieren zusammen. Sinologie. Dierdra ist neu und ich dachte, ich nehme sie ein bisschen unter die Fittiche“
Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, legte sie den Arm um Dierdras Taille. Dierdra versteifte sich kaum merklich, sagte aber nichts.
Asta war entzückt. Nun musste sie nur noch den Platz neben dem Mädchen bekommen. „Wo sitzt ihr denn, wenn ich fragen darf?“, fragte sie mit dem leisen Lachen, das wie eine charmante Art der Entschuldigung klang.
„Warum?“
„Ich dachte, es wäre nett, zusammen zu sitzen.“
Wie erwartet, war Anni begeistert, nestelte ihre Karte aus der Tasche und las die Nummern ab. Dierdra fragte skeptisch: „Und wenn der Sitz schon vergeben ist?“
„Oh, ich hoffe doch nicht!“, rief Asta in gespieltem Entsetzen. „Das Kino ist ja nicht einmal halbvoll.“ Dann senkte sie ihre Stimme und setzte verschwörerischen zwinkernd hinzu: „Notfalls flunkere ich ein bisschen und behaupte, dass ich Annis Tante bin und furchtbar gerne neben meiner Lieblingsnichte sitzen würde – was meint ihr?“

Am Ende saß sie aber doch neben Dierdra. Auf dem Platz neben Annis klebte ein Kaugummi. Kein echter, aber eine täuschend echte Illusion. Anni quietschte angeekelt, als Asta darauf deutete und Dierdra zog die Brauen zusammen.
Asta stellte die Colaflasche in den Halter und machte es sich mit dem Popcorn auf dem Schoß bequem. Wie gut, dass sie es gekauft hatte!

Kurz darauf begannen die Mädchen zu tuscheln. Die Dämonin spitzte die Ohren.
„Warte ab“, hörte sie Anni sagen. „Sie haben sich ja gerade erst kennen gelernt.“
„Aber was findet sie an ihm? Er sieht gut aus, aber …“
„Ja, heiß, nicht? Und an ihm ist schon mehr dran. Wirst schon sehen!“
Die Dämonin schielte zu Dierdra. Die unförmige Strickjacke lag zusammengeknäult auf ihrem Schoß. Die nackten Arme schimmerten weiß, bis auf eine dünne Ranke, die sich um den Oberarm wand. Eine Tätowierung, wie hübsch! Asta widerstand der Versuchung, die Hand auszustrecken, um die Umrisse mit dem Finger nachfahren. Aber wenn sie den Arm auf die Sitzlehne legte, würde sie vielleicht Dierdras Haut berühren. Ganz zart nur. Wie zufällig.
Lächelnd ließ sie den Arm auf das Polster sinken. Aber außer Dierdras Wärme war da noch etwas höchst beunruhigendes: Eine magische Aura! Ein Schutzzauber! Woher kam das? Dierdra war eine Langnase, zu rational, um an Zauber zu glauben. Es musste eine andere Erklärung geben. Irgendein altes Schmuckstück vielleicht. Etwas, das man trug, weil es schön war, ohne von seiner Wirkung zu wissen.
Vorsichtig, um nichts aufzuschrecken, falls doch mehr dahinter steckte, sandte die Dämonin ihre Magie aus. Der Zauber war alt. Er ging vom Hals des Mädchens aus. Die Dämonin spürte Metall, einen Hohlraum und einen Stein darin. Ein Medaillon. Der Stein war die Quelle. Sie tastete danach; bereit, sich jederzeit zurückzuziehen, falls die Magie des Steins zurückschlagen sollte. Nichts. Nur latente Magie. Vermutlich ahnte Dierdra nicht einmal, was sie da trug. Die alte Dame entspannte sich.
Alles würde gut gehen. Sie musste sich nur gedulden, bis die Liebenden glaubten, dem Unheil entkommen zu sein und sich das erste Mal küssten. Natürlich irrten sie. Der Held hatte die Zutaten für das Siegel falsch angemischt und Dämon war keineswegs in der Flasche gefangen. Die Zuschauer wussten, dass er entkommen und sich grausam rächen würde. So hielt das ganze Kino den Atem an, als der Schatten an der Wand hinter den Liebenden in die Höhe wuchs und keuchte, als er sich auf das Paar warf. Die Heldin kreischte. Die alte Dame stieß einen spitzen Schrei aus und warf in einer Abwehrbewegung ihr Popcorn um. In weiten Halbkreis flogen die Körner durch die Luft. Die meisten prallten von den vorderen Sitzreihen ab. Aber etliche trafen Dierdra.
„Oh, entschuldige meine Liebe!“, hauchte Asta in gespieltem Entsetzen. Sie versicherte sich kurz, dass Anni immer noch vom Geschehen auf der Leinwand gebannt war, wo Held und Heldin um ihr Leben rannten.„Was für ein Schlamassel! Lass mich dir helfen.“

Als ihre kalten Finger Dierdras Haut berührten, erwachte das Tattoo auf deren Oberarm zum Leben. Ranken schossen heraus, wickelten sich um Brust und Arme der alten Frau und fesselten sie an ihren Sitz. Dierdra beugte sich vor und schob ihr etwas kaltes in den Mund, das wuchs, bis Asta glaubte, zu ersticken. Was geschah hier?
„Ruhig Dämon“, flüsterte Dierdra.
Asta riss die Augen auf. Wie konnte sie das wissen?

Seelenruhig zog das Mädchen eine Dose aus seiner Handtasche, tauchte den Finger hinein und tupfte das Zeug auf die Stirn der alten Frau. Es stank und brannte entsetzlich. Die Dämonin warf sich gegen die Fesseln, versuchte den Kopf zu drehen oder wenigstens das kalte Ding in ihrem Mund auszuspucken. Vergeblich.
„Meine Vorstellung war nicht ganz vollständig“, erklärte Dierdra im Plauderton, während sie die Mixtur auf Astas Gesicht und Hals verteilte. „Mein vollständiger Name ist Dierdra O’Really. Meine Familie waren im 18. Jahrhundert recht bekannte Dämonenjäger. Inzwischen sind wir überwiegend im Sicherheitssektor tätig. Aber unser ursprüngliches Gewerbe haben wir nie ganz aufgegeben, auch wenn es längst nicht mehr so gut bezahlt wird. Wer glaubt heute schon noch an Dämonen?“
Sie lachte leise, wurde aber sofort wieder ernst. „Ich muss nicht daran glauben – ich weiß, dass ihr existiert. Der eigentliche Witz ist, dass ich das Studium nur angefangen habe, um mein Wissen über chinesische Dämonen zu vertiefen. Und dann schwärmt eine Kommilitonin von diesem Schmachtfetzen und der süßen alten Dame, die keine Vorstellung verpasst. Das kam mir verdächtig vor, also bin ich mitgegangen. Und was finde ich?“ Sie legte den Kopf schief, als erwarte sie eine Antwort.
Der Dämon wollte das schöne Gesicht zerkratzen, ihr die Haare ausreißen – aber die Ranken hielten. Ihre Gegnerin lächelte. „Vergiss es, Füchschen. Das bist du doch, oder? Eine Fuchsfee.“

Dierdra nahm einen neuen Batzen Creme und verteilte ihn auf den Armen der alten Frau. Die Salbe brannte tief unter der Haut. Die Fuchsfee winselte. Sie musste raus aus diesem Körper, bevor das Hexenzeug noch tiefer drang und ihr eigentliches Ich erreichte.

„Gleich darfst du raus. Nur einen Moment Geduld“, versprach das Mädchen, griff nach der Colaflasche. Das kalte Ding flutschte aus Astas Mund. Dafür spürte sie den Flaschenhals an den Zähnen. Dierdra flüsterte lockend ihren Namen: „Hǔlijīng! Komm heraus, Füchschen; komm heraus, Hǔlijīng!
Die Dämonin begriff. Das war kein einfacher Exorzismus! Verzweifelt versuchte sie, sich im Körper der alten Frau festzukrallen und presste Zähne und Lippen aufeinander. Zu spät.
Noch einmal lockte Dierdra: „Komm heraus, Füchschen, komm heraus, Hǔlijīng!“, und da konnte sie sich nicht länger festhalten, fuhr heraus und landete in der süßen, braunen Brühe.
Angewidert sauste die Fuchsfee empor – und knallte gegen ein mit aller Meisterschaft und der Erfahrung aus über 300 Jahren gefertigtes Bleisiegel. Gedämpft hörte sie Dierdra sagen: „Anni? Ich glaube, die Aufregung war zu viel für die alte Dame. Wir sollten einen Krankenwagen rufen.“

Alte Geister – ein Beitrag für die Blogparade auf cluewriting.de

Endlich ist er fertig, der schon lange angekündigte Beitrag für die Blogparade auf Clue Writing. Als Clues waren vorgegeben: Flügel, Schaf, Enthusiasmus, Teppichboden, Gewürznelke, als Setting ein Wohnblock.

Genau genommen ist die folgende Kurzgeschichte ein gekürzter Ausschnitt einer deutlich längeren Geschichte. Aber die Regeln sehen nun mal eine Beschränkung auf maximal 1700 Worte inklusive Titel vor und ich denke, dass dieser Ausschnitt auch ganz gut für sich alleine steht.
Jetzt aber genug der Vorreden, urteilt selbst:

 

Alte Geister

Aus reinem Unwissen war der Wohnblock genau über dem alten Friedhof gebaut worden. Als mit dem Bau begonnen wurde, war seine Lage längst ebenso vergessen, wie der Name der Siedlung, zu der er gehört hatte. Geblieben waren nur die Geister der Toten.

Zu den ersten Mietern gehörte Henriette Lehmann, die diesen Namen aber nur auf ihren Briefkasten schrieb. An den Türklingeln stand Mme. Voilève und in kleinerer Schrift darunter: Hellseherin. Nicht, dass Henriette an solche Spökenkiekerei glaubte. Aber ihre Kunden taten es.
Mme. Voilève erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen. Sie trug lange Kleider mit weitschwingenden Röcken, klirrenden Silberschmuck, üppiges Make-up und einen Turban, der die kurzen Haare verbarg. Das Wohnzimmer ließ sich mit wenigen Handgriffen in den Salon einer Hellseherin verwandeln. Die Anregungen dafür hatte Henriette sich von den zahlreichen Hobbyhexen im Internet geholt. Vor jeder Seance schloss sie die Samtportieren vor den Fenstern, stellte die den Elementen geweihten Altäre auf und zündete Kerzen und Weihrauch an. Der Tisch verschwand unter einer Spitzendecke, Sessel und Couch unter einer Extraschicht bunter Kissen. Ein Messingsamowar lieferte Heißwasser, falls der Kunde Tee- oder Kaffeesatz gelesen haben wollte. Kristallkugel, Runenplättchen und Tarotkarten lagen, in Seidentücher gewickelt, auf einem Beistelltischchen bereit. Während der Sitzungen stand die Wohnzimmertür einen Spalt breit auf, damit die beiden Katzen, der schwarze Baal und die dreifarbige Bastet, nach Belieben kommen und gehen konnten.
Ihren Kunden gefiel die Atmosphäre. Viele kamen regelmäßig, aber auch die, denen eine Beratung reichte, zollten ihr überwiegend Anerkennung und empfahlen sie weiter.
Henriette sah darin die Bestätigung für ein erfolgreiches Geschäftskonzept. Sie glaubte lediglich an Psychologie. Ganz ohne Para.

Daher lächelte sie nur, als ihre Nachbarin eines Morgens halb im Scherz erzählte, sie habe den Eindruck, in ihrer Wohnung spuke es. »Ich bin mir sicher, dass ich die Schlüssel an den Haken gehängt habe. Das tue ich immer.«
»Und wo waren sie?«
»Im Kühlschrank! Können Sie sich das vorstellen?«
Henriette konnte. »Wahrscheinlich hatten Sie sie noch in der Hand, als Sie vom Einkaufen zurückgekommen sind, und haben sie versehentlich zusammen mit den Einkäufen hineingetan.«
Die Nachbarin gab zu, dass das eine Erklärung sein könne, klang aber nicht überzeugt. Geister waren vermutlich leichter zu akzeptieren, als die eigene Schusseligkeit, dachte Henriette, während sie ihre Wohnungstür aufschloss. Sie war in Eile. Der erste Termin war bereits in einer halben Stunde.

Nachdem sie sich in Mme. Voilève verwandelt hatte, stöckelte sie in die Küche, um Wasser für den Samowar zu holen. Die Tür zum Wohnzimmer stand einen Spalt offen und augenblicklich befiel Henriette eine Vorahnung, die nichts mit Parapsychologie zu tun hatte. Sie holte tief Luft und stieß die Tür ganz auf. Das Bild, das sich ihr bot, übertraf die schlimmsten Erwartungen. Der große Kerzenleuchter vom Altar an der Ostwand war umgestoßen. Die Bruchstücke der Kerzen lagen zwischen Runensteinen und Weihrauchkrümeln auf dem Teppichboden. Zum Glück stand das Räucherbecken noch. Am Rand ihres Blickfelds nahm Henriette eine Bewegung wahr. Etwas streifte ihre Beine, wie ein kühler Luftzug.
»Du kleines Miststück!«, rief sie der Katze hinterher. »Musstest du ausgerechnet jetzt …«
Aber zu mehr war keine Zeit. Hastig goss sie das Wasser in den Samowar, klaubte die Runensteine und die größeren Kerzenstücke auf, warf die Steine auf den Tisch und die kaputten Kerzen in den Mülleimer in der Küche, griff sich ein paar Gewürze und den Tischstaubsauger, lief ins Wohnzimmer zurück, streute die Gewürze auf das Räucherbecken, saugte die Weihrauch- und Kerzenkrümel zusammen, schloss die Vorhänge, steckte neue Kerzen in den Leuchter und zündete sie an. Sie war gerade fertig, als es klingelte.

Nachdem der Kunde gegangen war, verwandelte Mme. Voilève sich in Henriette zurück, riss die Flügel des Fensters auf und lüftete gründlich. Das Wohnzimmer ganz aufzuräumen wäre unsinnig, weil sie noch zwei weitere Kunden erwartete. Aber der intensive Geruch nach Zimt, Gewürznelke, Sternanis und Salbei bereitete ihr Kopfschmerzen. Besser, sie besorgte schnell neues Räucherwerk, aus der Großbuchhandlung am Neumarkt. Bevor sie die Wohnung verließ, schloss sie das Fenster und vergewisserte sich, dass keine der beiden Katzen im Raum war, bevor sie die Wohnzimmertür hinter sich schloss.
Vermutlich hätte ich auch noch abschließen sollen, dachte sie, als sie bereits an der Kasse stand. Für den Fall, dass eine der Katzen es gelernt hatte, die Tür zu öffnen. Gehört hatte sie davon schon.

Um so dankbarer registrierte sie bei ihrer Rückkehr, dass die Wohnzimmertür immer noch geschlossen war. Trotzdem konnte sie dem Drang nicht widerstehen, hineinzusehen. Der Anblick traf sie, wie ein Schlag in die Magengrube. Das Deck Tarotkarten lag auf dem Boden. Aufgefächert. Mit der Rückseite nach oben. So, wie sie es vor ihren Kunden ausbreitete, bevor sie diese aufforderte, drei Karten zu ziehen. Aber was Henriette wirklich aus der Fassung brachte, war, dass drei Karten bereits umgedreht davor lagen: Hohepriesterin, Eremit und Stern.
»Was zum Teufel?!«
Mit zwei schnellen Schritten war sie im Raum, raffte die Karten zusammen und legte sie auf den Tisch zurück. Fast ängstlich sah sie sich noch einmal um. Nichts sonst war verändert.
Sie zwang sich, zu ihrer Routine zurückzukehren, das Räucherbecken aufzufüllen, die Kohlen anzuzünden und Weihrauch darüber zu streuen. Halb erwartete sie, im Rauch Gestalten zu sehen, aber nichts geschah. Gut. Ihr Herzschlag beruhigte sich allmählich. Sie ging in die Küche und kochte frischen Tee. Als sie die Kanne und neue Tassen ins Wohnzimmer trug, lag der Kartenstapel genau dort, wo sie ihn abgelegt hatte. Sie bedachte ihn mit einem misstrauischen Blick, ging aber schließlich doch ins Bad. Es war höchste Zeit, wieder Mme. Voilève zu werden.

Ihre Routine rettete sie über die Sitzungen. Beide Kunden gingen sehr zufrieden, obwohl Henriette die ganze Zeit die drei Karten vor sich sah. Hohepriesterin. Eremit. Stern. Als ob jemand sie so hingelegt hatte. Als ob ihr jemand etwas sagen wollte.
»Jetzt wirst du schon selber zu so einem abergläubischen Schaf«, schimpfte sie, während sie die Katzen fütterte. »Bestimmt gibt es eine rationale Erklärung.«
Das Dumme war nur, dass ihr keine rationalere Erklärung einfiel, als dass jemand die Karten dahin gelegt hatte, um ihr etwas zu sagen. Dass an diesem Abend ausgerechnet »Ghost – Nachricht von Sam« im Fernsehen lief, machte die Sache nicht besser.

Schließlich gab sie entnervt auf, holte einen Bogen Backpapier, breitete ihn auf dem Wohnzimmertisch aus und schrieb in großen Lettern alle Buchstaben des Alphabets darauf. Als Nächstes holte sie ein Glas, stellte es umgedreht in die Mitte des Papiers und legte die Spitzen von beiden Zeige- und Mittelfingern darauf.
»Gut, machen wir eine Séance. Eine ganz einfache Séance!«, rief sie und kam sich gleichzeitig unglaublich dämlich vor. »Wer oder was auch immer du bist – jetzt kannst du sagen, was du zu sagen hast.«
Das Glas ruckte. Henriette riss die Augen auf. Sie musste sich zwingen, ruhig sitzen zu bleiben. Als habe es ihr Widerstreben gespürt, blieb das Glas einen Moment stehen, bevor es sich wieder in Bewegung setzte. Zuerst nur langsam, wie um sicherzugehen, dass ihre Finger folgten, dann nahm es Fahrt auf, blieb kurz auf dem S stehen und glitt weiter zum E. Henriette buchstabierte halblaut mit: »R – V – U – S.«
Das Glas hielt inne.
»Servus?« Henriette kicherte nervös. »Bist du Bayer?«
Das Glas setzte sich wieder in Bewegung.
»Kimber«, buchstabierte Henriette. Was war das denn? »Und was willst du?«
»HILFUNS«
Henriette brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass das ›Hilf uns‹ heißen sollte. Na, das konnte ja heiter werden. Trotzdem fragte sie: »Und wie?«
»NIMMDENSTEIN«
»Verdammt noch eins«, schrie Henriette frustriert. »Geht’s nicht ein bisschen klarer? Welchen verdammten Stein denn nun wieder?«
Diesmal rutschte das Glas eine ganze Weile hin und her, so schnell, dass Henriette Mühe hatte, sich die einzelnen Buchstaben zu merken. Als es endlich innehielt, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Sorry Leute, aber darauf brauche ich erstmal einen Schnaps.«

Sie ging in die Küche und kippte Glas Vodka auf ex. Die Flasche nahm sie sie mit ins Wohnzimmer. Dieses Mal brauchte sie das Glas auf dem Tisch nicht einmal zu berühren. Kaum hatte sie sich gesetzt, glitt es von alleine über das Papier. »PROST«
»Danke«, murmelte Henriette und nahm noch einen Schluck, diesmal direkt aus der Flasche. »Ihr habt also den Stein der Weisen.«
»JA«
»Ihr solltet ihn vernichten, und weil ihr das nicht getan habt, müsst ihr spuken.«
»JA«
»Ok.« Sie nahm noch einen Schluck und gleich darauf noch einen. Das Zeug brannte wie Hölle und genau das brauchte sie jetzt. Immerhin zeigte das Brennen, dass sie nicht träumte, oder? »Und ihr sucht jemanden, der euch den Stein und die Aufgabe abnimmt.«
»JA«
Henriette nickte. Wenn man akzeptierte, dass es Geister und einen Stein der Weisen gab, wurde die Geschichte beinahe logisch. »Und spukt ihr schon lange?«
»SEHR«
Sie nickte wieder und genehmigte sich noch einen Schluck. »Muss öde sein.«
»JA« Das Glas verharrte einen Moment, dann setzte es sich wieder in Bewegung. »WIRWOLLENRUHEFRIEDENSCHLAF«
»Kann ich verstehen.«
»BITTEHILF«
»Ja, aber wie denn?«
Das Glas setzte sich wieder in Bewegung. Henriette brauchte ein bisschen, um zu begreifen, aber offenbar musste man nur ein bisschen graben. Das sollte kein Problem sein.
»Und ihr seid sicher, dass er noch da ist. Könnte doch sein, dass nach all den Jahren … Nicht, dass da jetzt auch ein Haus drauf steht oder so?« Sie merkte, dass ihre Aussprache ein bisschen verwaschen klang. Kein Wunder, es war ja auch schon spät. Fast Mitternacht. Zeit, dass sie ins Bett kam.
»Ja, er ist noch da und zugänglich. Bitte hilf!«, erklang eine Stimme direkt in ihrem Kopf. Eine Männerstimme. Dunkel. Schmeichelnd.»Er war nie auf dem Friedhof, sondern im heiligen Hain. Das schien uns angemessen und es gibt ihn immer noch. Mittendrin liegt ein See mit einer Insel.«
»Der Park«, murmelte Henriette und stand schwankend auf.
»Auf der Insel haben wir damals die Götter angerufen«, fuhr die Stimme fort. »Dort, wo einst der Altar war, steht heute eine Eiche. Sehr alt jetzt, aber damals war sie nur ein Sprössling. Dort liegt der Stein.«
»Na gut, dann woll’n ma mal. Ich hol nur eben ’ne Schaufel.«, sagte sie ohne Enthusiasmus. Aber manche Dinge mussten eben getan werden, und wie es aussah, war sie die Einzige, die hier etwas tun konnte.