Überarbeiten: den inneren Lektor loslassen

lyrics-710329_640Bekanntermaßen soll man den inneren Lektor während der Schreibphase am Besten in ein schallisoliertes Kellerloch abschieben, um sich ganz seiner Muse zu widmen. Ist das Werk dann fertig, wird die Muse auf Erholungsurlaub geschickt und der innere Lektor darf aus dem Verlies. So oder so ähnlich beschreiben es verschiedene Schreibratgeber.

Aber wenn es darum geht, was er dann machen soll, wird es teilweise sehr vage. Andreas Eschbach empfiehlt den 10-PunkteText-ÜV, auf dem auch die Stilanalyse von Papyrus beruht. Andere begnügen sich mit allgemeineren Tipps  (Kill your Darlings, achte auf abwechslungsreiche Sprache, streiche Adjektive und Adverbien u. s. w.) oder klammern das Thema ganz aus. Vielleicht, weil die Autoren der Meinung sind, alles Wesentliche bei Stil, Aufbau und Personenentwicklung gesagt zu haben und meinen, das müsste man nur noch umsetzen.
Das ist im Prinzip alles richtig, setzt aber m. E. an der falschen Stelle an und verleitet zu einem Riesenfehler, genauso zu überarbeiten, wie man schreibt: Von vorne nach hinten. Mit Satz eins anzufangen und den so lange zu polieren, bis er wie blanker Knochen funkelt, hat für mich den entscheidenden Nachteil, dass die Überarbeitung auf diese Weise elend lange dauert. Mit Pech verliert man dadurch nicht nur die Lust, sondern außerdem den Überblick und übersieht Plotlöcher. Oder man vergisst, dass die Protagonistin gegen Fischeiweiß allergisch ist und verpasst ihr einen anaphylaktischen Schock, weil sie versehentlich in ein Erdnussbuttersandwich gebissen hat. Sowas ist blöd.

Meine Überarbeitungsstrategie ist deshalb etwas anders.

Zunächst mal drucke ich den Text aus. Darin gehe ich mit den meisten Ratgebern noch vollkommen konform. Eigene Fehler sieht man nur schwer. Ein anderes Format sorgt dafür, dass sie besser auffallen. Ich nehme sogar eine andere Schrift. Auf dem Bildschirm ist, wie vermutlich bei den Meisten, Times New Roman voreingestellt, für Ausdrucke benutze ich Arial (11 Punkt, anderthalbzeilig mit 6 cm Rand auf der rechten und 2 auf der linken Seite).
Anschließend lese ich das Ganze und mache mir Notizen. Soweit normal – allerdings betreffen meine Notizen weniger den Stil, als den Inhalt. Bei diesem ersten Lesedurchgang prüfe ich vor allem drei Dinge ab:

  1. Ist die Handlung in sich logisch? Hierzu gehört, dass die einzelnen Ereignisse aufeinander aufbauen, keine Plotlöcher bestehen und keine Dei ex machinae eingreifen.
  2. Sind die Figuren interessant und verhalten sie sich ihrem Charakter entsprechend? Jemand, der sonst alle Hindernisse mit Gewalt beseitigt, mutiert nicht plötzlich zur eloquenten Quasselstrippe oder haut ab, nur weil der Plot das gerade braucht. Gut, letzteres könnte man auch als Unterpunkt der Logik betrachten. Mir fällt es aber leichter, die Charaktere und ihre Entwicklung im Auge zu behalten, wenn ich sie als eigenen Punkt betrachte.
  3. Stimmt die Spannung und sitzen die Plotpunkte da, wo sie hingehören? Wenn die Spannung verflacht, kann es daran liegen, dass man es den Charakteren zu leicht gemacht hat, zum Ziel zu kommen. Oder dass man Fragen zu schnell beantwortet. Hier gilt es also, zu überlegen, mit welchen Mitteln man die Spannung hochschrauben kann. Aus dem gleichen Grund sollte man seine Wendepunkte prüfen. Wenn zu viel (Lese-)zeit vergeht, ohne dass eine neue Entwicklung eintritt, schläft der Leser eventuell ein.

Das heißt nicht, dass ich nicht auch notiere, wenn mir eine besonders misslungene Formulierung auffällt. Aber welchen Sinn hat es, einen Satz liebevoll zurechtzubasteln, wenn am Ende die ganze Szene gestrichen wird, weil sie nichts zur Entwicklung beiträgt oder unlogisch ist? Daher mache ich mich erst an die stilistische Überarbeitung, wenn diese drei Punkte geklärt sind.

Die Idee dafür habe ich mir übrigens bei Sol Stein abgeguckt, der in „Über das Schreiben“ eine ähnliche Vorgehensweise propagiert. Bei ihm hat das Ganze sogar einen Namen. Er nennt diese Art des Vorgehens in Anlehnung an die Katastrophenmedizin „Triage.“ Anders, als ein Katastrophenmediziner widmet er sich aber nicht zuerst den leichtesten, sondern den schwerwiegendsten Fällen, d. h. denen, die am ehesten zur Ablehnung durch einen Verlag führen könnten. Anders, als oben vorgeschlagen, fängt Stein mit den Figuren an. Er sagt aber selber, das sei kein in Stein gehauenes Gesetz.
Vermutlich kann man sich daher genauso zuerst den Aufbau vornehmen und bei den Plotpunkten ansetzen.


Sol Stein, Über das Schreiben, Zweitausendeins, 11. Aufl. Frankfurt a. M. 2008