[Werkstattgeplauder] Wie heldenhaft müssen Hauptfiguren sein?

Gerade im Bereich der Fantastik gehen viele Schreibtipps implizit oder explizit davon aus, dass die Protagonist*innen einer Geschichte das Gute verkörpern und die Antagonist*innen irgendwo auf der dunklen Seite agieren. Dementsprechend wird man mit Ratschlägen überhäuft, wie man den perfekten Schurken schreibt oder wie man seine Held*innen sympathisch macht.

Aber muss das so sein?

Vor ein paar Tagen gab es dazu ein interessantes Gespräch auf Twitter. Ausgangspunkt war dieser Tweet von @MichaelLeuchtenberger, in dem er zugab, wenig Lust zu haben, über Held*innen im klassischen Sinn zu schreiben:

Die Kommentare waren durch die Bank zustimmend. Als Grund wurde genannt, dass man sich mit solchen Figuren besser identifizieren könne. Außerdem lieferten sie reichlich Stoff für innere und äußere Konflikte, was gut für die Spannung sei. Als drittes Argument wurde genannt, dass Figuren ohne Schwächen auch nichts hätten, das sie überwinden und daran wachsen könnten.

Das ist alles vollkommen richtig und wird so auch in verschiedenen Schreibratgebern so bestätigt. Ich glaube aber, dass da ein generelles Missverständnis vorliegt. Deshalb möchte ich diese Begründungen, so wie ein paar der gängigen Schreibtipps zu Protagonist*innen einmal hinterfragen und auf ihre Stichhaltigkeit abklopfen.
Fangen wir ausnahmsweise von hinten an.

Müssen Protas Schwächen haben, die sie überwinden?

Es gibt unendlich viele Geschichten, die davon handeln, dass die Zentralfigur Schwächen oder Charaktermängel überwinden muss, um zum gewünschten Erfolg zu kommen oder wenigstens ein besserer Mensch zu werden. Fast jeder Martial Arts Film basiert darauf, aber auch Und täglich grüßt das Murmeltier ist so ein Beispiel. Phil Connors ist anfänglich genau so ein Kotzbrocken wie Ebenizer Scrooge aus Dickens Weihnachtsgeschichte, und beide müssen eine ähnlich fundamentale Wandlung durchmachen, um zum Ziel zu gelangen. Auch Marianne Dashwood aus Verstand und Gefühl (Sense and Sensibility) von Jane Austen muss erst von ihrer romantischen Weltsicht „geheilt“ werden, bevor sie ihr Glück findet.
Kurzum: Dieser Topos der Läuterung ist so verbreitet, dass man von einem eigenen Plot sprechen kann.

Aber verleiht das der Aussage generelle Gültigkeit, dass Protas Schwächen haben und überwinden müssten, um daran zu wachsen? Ich meine nein.
Alle Beispiele haben nämlich gemeinsam, dass die Schwäche im Mittelpunkt der Handlung steht.
Aber nicht alle Schwächen sind derart zentral. Ein Charakter kann launisch sein, kaffeesüchtig oder snobistisch. Er oder sie kann Hunde hassen, kleine Kinder verabscheuen oder Angst vor großen Höhen haben. Alles das wird das Verhalten dieser Figur und damit auch die Handlung beeinflussen. Zum Beispiel kann die Höhenangst dazu führen, dass die Figur einen bestimmten Weg meidet und gerade dadurch in Schwierigkeiten gerät. Aber selbst, wenn sie das Schlamassel überstanden hat, kann sie immer noch Angst vor Höhen haben.
Oft sind die Schwächen in diesem Fall der Charaktere nur ein erzählerischer Kniff, um die Handlung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Außerdem erzeugt es natürlich Spannung, wenn der unter Höhenangst leidende Prinz auf der Flucht vor seinen Verfolgern plötzlich an der Kante einer tiefen Schlucht steht, über die nur eine schmale, fragil wirkende Brücke ohne Geländer führt. Auf der anderen Seite wäre er sicher. Wird er seine Angst überwinden? Oder wird er zaudern? Werden die Schergen der roten Königin ihn einholen?
Stay tuned!
Damit sind wir bei der nächsten Frage:

Bild: Alexas_Fotos via Pixabay

Brauchen Protas Schwächen, um Stoff für Konflikte zu liefern?

Im Beispiel oben trägt der Prinz einen inneren Konflikt aus, indem er mit seiner Höhenangst kämpft. Und weil viel auf dem Spiel steht, ist das natürlich auch spannend. Genauso kann es spannend sein, zu beobachten, was passiert, wenn zwei Menschen mit konträren Ansichten und gegenseitigen Vorurteilen durch äußere Umstände gezwungen sind, zusammenzuarbeiten. Auch hier sind Konflikte vorprogrammiert und Konflikte sind nun mal ein Garant für Spannung.

Allerdings ist damit nicht gesagt, dass die Konflikte unbedingt durch Schwächen der Hauptfigur initiiert werden müssen. Gegenbeispiele liefern nicht nur die zahlreichen Superheld*innen, die dank ihrer Superkräfte vollkommen konfliktfrei durchs Leben kämen, wenn es keine superschurkischen Kontrahenten auf der anderen Seite gäbe. Außer ihnen gibt es noch eine andere Kategorie von Protas, die auch ohne offensichtliche Schwächen und Charaktermängel auskommt, die aber selten besprochen wird und für die es meines Wissens auch keine spezielle Bezeichnung gibt. Ich nenne sie mal positive Katalysatoren, weil ihr zweites Merkmal darin besteht, dass sie im Laufe der Geschichte zwar andere aber nicht sich selber verändern. Zu diesen positiven Katalysatoren gehört u. a. Paddington, der kleine Bär, der einfach nur lieb und freundlich zu jedem ist, bis jede/r andere auch lieb und freundlich ist. Ein weiteres Beispiel ist Vianne Rocher, die Hauptfigur aus Chocolat – Ein kleiner Biss genügt. Auch sie kommt ohne Schwächen und Charaktermängel aus. Die Konflikte entstehen allein aufgrund der Vorurteile ihrer Mitmenschen.

Mit anderen Worten: Schwächen und Charaktermängel liefern zwar wunderbaren Zündstoff für Konflikte und können damit für Spannung sorgen. Das heißt aber nicht, dass die Protagonisten unbedingt Schwächen und Charaktermängel haben müssen.

Müssen die Protas Identifikationsfiguren sein?

Zugegeben: Diese Frage empfinde ich kniffelig.
Einerseits scheint das Bedürfnis, sich mit den Protas zu identifizieren, bei vielen Leser*innen hoch zu sein. Jedenfalls lese ich in Rezensionen immer wieder den Satz „Ich habe mich mit XY gut identifizieren können.“ Auch im Rahmen der Diversitätsdebatte wird immer wieder angemerkt, dass man auf ein breites Figurenspektrum achten solle, damit sich alle Gruppen in Geschichten wiederfinden. Und noch eins ist klar, nämlich dass jede/r von uns Schwächen hat, und dass wir uns deshalb eher in solchen Figuren wiederfinden, die ähnliche Schwächen haben, wie wir.
Andererseits finde ich mich in beiden Positionen nicht ganz wieder. Ja, ich finde es durchaus angenehm, wenn die Figuren meine eigenen Vorstellungen wiederspiegeln, ähnliche Schwächen aufweisen und mit vergleichbaren Problemen kämpfen. Auf der anderen Seite finde ich es faszinierend, in eine ganz andere Vorstellungswelt einzutauchen. Die Welt aus neuen Perspektiven zu betrachten, ist um so viel auf- und anregender als sich im altbekannten auszuruhen. Das heißt aber auch, dass ich mich mit den Protas gar nicht unbedingt identifizieren muss. Ich komme auch prima mit solchen klar, die ganz anders sind, die andere Entscheidungen treffen oder einen anderen Blick auf die Welt haben. Wichtig ist mir nur, dass diese Entscheidungen b. z. w. ihr Blick auf die Welt für mich nachvollziehbar sind.

Aus meiner eigenen Perspektive kann ich daher nur sagen, dass Protas keine Identifikationsfiguren sein müssen. Allerdings sind die Ansprüche verschieden und deshalb würde ich in dem Punkt einen Rat abwandeln, der Schreibratgebern oft vorangestellt wird: „Schreib die Protas, die du gerne lesen möchtest.“

Müssen Protas sympathisch sein?

Wenn man sich mit den Protas schon nicht identifizieren können muss, sollten sie dann wenigstens sympathisch sein? Auch dazu, wie man das hinbekommt, gibt es ja diverse Tipps von Schreibratgebern, so z. B. „Rette die Katze“ von Blake Snyder, das den ersten Vorschlag bereits im Namen trägt.
Andererseits gibt es auch Bücher die hervorragend funktionieren, obwohl die Protagonisten alles andere als Sympathieträger sind. Heinrich Manns Der Untertan wäre so ein Beispiel. Sein Protagonist Diederich Heßling besitzt nicht einmal Charisma. Ganz offenbar geht es also auch anders.

Allerdings kann ich mir bestimmte Genres auch nicht mit unsympathischen Charakteren vorstellen. Liebesromane zum Beispiel. Wieso sollte sich jemand in einen grundsätzlich unsympathischen Menschen verlieben?
Gut, Young Adult setzt da neue Maßstäbe. Offenbar reicht es vielen „Heldinnen“ des Genres schon ein irgendwie geartetes „heißes“ Aussehen, um sämtliche Charaktermängel zu ignorieren, sich unsterblich in den Creep zu verlieben und das Ganze auch noch für romantisch zu halten. Zugegeben viele Vampirromane sind nicht besser, auch wenn sie für älteres Publikum geschrieben sind. Insofern ist die Zuspitzung auf Young Adult nicht ganz fair. Aber ganz allgemein würde ich doch meinen, dass man sympathischen Charakteren eher zutraut zueinander zu finden, ihnen die gegenseitige Zuneigung auch eher abnimmt und das Happy End gönnt.

Auch sonst sorgen sympathische Charaktere eher dafür, dass die Leser*innen Anteil an ihrem Schicksal nehmen und deshalb weiterlesen. Bei einer unsympathischen Hauptfigur ist es ungleich schwerer, die Leser*innen bei der Stange zu halten, wenn sie sich nicht ohnehin gleich angewidert abwenden.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass sympathische Charaktere zwar kein Muss sind, aber lieber gelesen werden. Um das zu erreichen, ist es durchaus sinnvoll, ihnen auch ein paar, wenn auch nicht allzu gravierende Schwächen mitzugeben. Schließlich mögen wir auch in der Realität Menschen mit kleinen Schwächen lieber als solche, die keine Fehler zu haben scheinen. In Büchern wirken ganz fehlerlose Charaktere schnell steril und langweilig.

Sollten Protas Vorbilder sein?

Wenn du mir bis hierher gefolgt bist, beschäftigt dich vielleicht auch diese Frage. Sollten Protas nicht doch irgendwie heldenhaft sein, um als Vorbild dienen zu können? Stören Fehler da nicht irgendwie? Darf der Prinz aus dem ersten Beispiel, ein solcher Feigling sein, dass er es selbst unter Lebensgefahr nicht schafft, die Schlucht zu überwinden, obwohl er doch der Auserkorene ist, um die Welt zu retten? Darf er sich den Schergen der roten Königin heulend vor die Füße werfen und um sein Leben betteln?
Das wäre absolut nicht heldenhaft und als Vorbild untauglich, sagst du und dabei stimme ich dir vollkommen zu. Aber wenn du mich nach meiner Sicht der Dinge fragst, darf er das trotzdem. So, wie ich das sehe, müssen Protagonist*innen keine Vorbilder sein. Sie sind zwar die Hauptfiguren, aber ihre erste und wichtigste Eigenschaft ist es, die Handlung voranzubringen. So lange sie diese Aufgabe erfüllen, ist es unwichtig, ob sie widerliche Schleimbeutel auf zwei Beinen sind oder heldenhaft, großmütig und klug. Als Autorin oder Autor bist du frei, wie du sie gestalten willst.
Aber, fragst du jetzt vielleicht, was ist, wenn meine Hauptfigur nicht nur eine Schwäche hat, sondern einen richtigen Charaktermangel? Bleibt nicht die Moral auf der Strecke, wenn ich eine rassistische Kinderhasserin zur Protagonistin machen oder einen versoffenen Incel zum Protagonisten?

Quelle: Hans via Pixabay

Ganz ehrlich? Natürlich darfst du. Dann ist dein Protagonist/deine Protagonistin ein schlechter Mensch, aber so what? Niemand verbietet dir, über schlechte Menschen zu schreiben. Ob dabei die Moral auf der Strecke bleibt, hängt davon ab, ob du sein Verhalten als richtig darstellst. Hier sind wir wieder bei dem Problem, das ich schon oben bei Young Adult und bei den Vampirromanen angesprochen habe: Es gibt inzwischen unzählige Romane, in denen Stalking, Gaslighting und verschiedene Formen psychischen und physischen Missbrauchs als romantisch verklärt oder Zeichen von Überlegenheit gedeutet werden. Aber so lange du das nicht tust, ist zumindest aus meiner Sicht alles o. k.
Das gilt besonders, wenn du Korrektive einbaust, d. h. wenn deine Figur für ihre Haltung auch kritisiert wird und moralische Niederlagen einstecken muss. Ganz generell gilt aber, dass wir gar nicht moralfrei schreiben können. Jede Geschichte, jeder Charakter trägt irgendwo eine Moral in sich. Es beginnt schon mit der Auswahl dessen, welche Geschichten wir für erzählenswert halten. Es geht weiter damit, wie wir unsere Figurenliste besetzen, welche Konflikte wir einbauen und auf welchen Wegen wir unsere Charaktere zum Ziel gelangen oder scheitern lassen. Das Meiste davon passiert ganz unbewusst. Deshalb ist vor allem wichtig, diese Prozesse immer mal wieder zu reflektieren und nachzudenken, ob wir so verstanden werden, wie beabsichtigt. Also nicht einfach draufloszuschreiben, die eigenen Kinks zu verallgemeinern und darauf zu vertrauen, schon richtig verstanden zu werden. So oder so: Deine Leser*innen werden sich selber ein Bild vom Charakter deiner Protas machen und ihr eigenes Urteil fällen.
Unterschätze sie nicht. Sie sind nicht blöd.

Zusammenfassung

Protagonist*innen dienen dazu, die Handlung voranzutreiben. Wie sie das tun, wie perfekt sie sind und wie moralisch sie dabei handeln, liegt an dir. Wenn du ihnen kleine Schwächen verleihst, kann das hilfreich sein, aber es ist kein Muss. Genauso wenig, wie es ein Muss ist, sie als gute Menschen darzustellen. Als Autor oder Autorin bist du frei, sie nach deinen Ansprüchen an deine Geschichten zu gestalten.
Das Einzige, was du beachten solltest ist, die Geschichte so zu schreiben, dass sie nicht deinen eigenen Moralvorstellungen widerspricht. Damit bist du zwar immer noch nicht vor Kritik und Missverständnissen gefeit. Aber du kannst sie besser vor dir selber vertreten und das macht auch den Umgang mit Kritik leichter.

Wie siehst du das? Wie heldenhaft (und moralisch) müssen Hauptfiguren sein?

[ausgelesen] Wintermaid von Klara Bellis

Klappentext:

Ein heiliger Auftrag führt die Jägerin Lhan ins Gebirge. Als sogenannte Wintermaid soll sie den Winter bezwingen. Doch zwischen den Felsen lauert der Eisgeist, ein blutrünstiger Menschenfresser. Wenn es ihr gelingt, die Bestie als Jagdbeute ins Dorf zu bringen, wird sie als Winterbezwingerin gefeiert. Sollte sie scheitern, wird die Rache des Dorfes grausam sein.

Schon bald wächst in Lhan der Verdacht, dass dies ihr geringstes Problem ist.

Zum Inhalt:

Frauen gelten nichts in Lhans Volk. Sie sind rechtlos, werden dumm gehalten und im Bedarfsfall wie Handelsgut verkauft. Aber alle zehn Jahre schickt ihr Dorf ein Mädchen in die Berge, um zu beweisen, dass selbst so ein schwaches Geschöpf in der Lage ist, die Natur zu bezwingen. Zwei Jahre lang bereitet sich die Wintermaid auf diesen Auftrag vor. Gelingt es ihr, Beute zu machen und heil zurückzukommen, wird ihr Sieg in einem großen Fest gefeiert. Kehrt sie ohne Beute oder verletzt zurück, wird sie in einem großen Fest zu Ehren der Götter lebendig verbrannt. So ging es der letzten Wintermaid.
Für Lhan scheint es nach anfänglichen Problemen jedoch, als könne sie ihren gefährlichen Auftrag tatsächlich zu einem guten Ende bringen. Was sie nicht bedacht hat, sind die Motive ihrer Mitmenschen.

Wintermaid spielt in einem nicht-europäischen Setting. Magie ist selbstverständlich – wenn auch nicht in Lhans Volk. Aber Wintermaid ist nicht die übliche Geschichte von der Heldin, die die Welt oder was auch immer retten muss, sondern thematisiert die weltweite Unterdrückung von Frauen, was Klara Bellis in ihrem Nachwort eindrücklich und mit Quellenangaben belegt. Insofern ist Wintermaid auch ein politisches Buch.

Persönlicher Eindruck

Ich mag Kurzgeschichten, Novellen, Erzählungen. Wintermaid fällt genau in dieses Beuteschema, deshalb war es ein „Must-have“.

btrAber auch inhaltlich hat mich das Buch überzeugt. Klara Bellis erzählt die Geschichte der Wintermaid sehr spannend und in einen angenehmen, klaren Stil. Stellenweise schimmert der ihr eigene Humor durch, der auch ihre Reihe um die Techno-Elfe Trywidd kennzeichnet.
Was mir nicht ganz so gut gefallen hat, sind die Figurenzeichnungen. Angesichts des Themas ist es zwar kein Wunder, dass die Männer aus Lhans Volk schlecht wegkommen, aber auf mich wirkten sie wie Abziehbilder ein und des selben machistischen Ekels. Hier hätte ich mir etwas weniger Klischee und mehr Diversität in Motiven und Handlungen gewünscht. Auch die Gedankengänge der Protagonistin wirkten an mich stellenweise aufgesetzt, statt durch das Aufwachsen in einer durch und durch misogynen Gesellschaft internalisiert. Die Charakterisierung von Lhans Großmutter Zue und die der Eisgeister fand ich deutlich gelungener.
Bemäkeln könnte ich auch noch zwei bis drei kleinere Logikfehler, die jedoch keinen Einfluss auf die Handlung haben. Mir sind sie auch erst im Nachhinnein aufgefallen, als ich darüber nachgedacht habe, was ich in dieser Rezension erzählen will. Beim Lesen hat mich die Geschichte viel zu sehr in ihren Bann geschlagen. Das lag nicht nur am ungewöhnlichen Setting, sondern vor allem daran, dass Wintermaid in erster Linie sehr, sehr spannend ist.

Sternebewertungen gibt es bei mir ja nie. Aber für Wintermaid auf jeden Fall eine Leseempfehlung.


Buchdaten:
E-Book, erschienen bei BookRix
für alle Lesegeräte verfügbar
44934 Wörter
ab 16 Jahre (mäßige Gewalt, keine expliziten sexuellen Szenen)
Preis: 0,99 €

[Werkstattgeplauder] Spannung aufbauen

Neulich beklagte sich jemand in meiner virtuellen Autorenrunde, dass immer nur Action gefordert sei. Aber man könne doch nicht eine Actionszene an die andere reihen. Irgendwo dazwischen müsse es doch auch mal Erholungsphasen geben.

Recht hat er.

Allerdings glaube ich, dass die Grundannahme falsch ist. Action ist nicht gleich Spannung. Alfred Hitchcock hat das Verhältnis von Action und Spannung so gut beschrieben, dass ich hier einfach zitiere:

Let’s suppose that there is a bomb underneath this table between us. Nothing happens, and then all of a sudden, „Boom!“ There is an explosion. The public is surprised, but prior to this surprise, it has seen an absolutely ordinary scene, of no special consequence. Now, let us take a suspense situation. The bomb is underneath the table and the public knows it, probably because they have seen the anarchist place it there. The public is aware the bomb is going to explode at one o’clock and there is a clock in the decor. The public can see that it is a quarter to one. In these conditions, the same innocuous conversation becomes fascinating because the public is participating in the scene. The audience is longing to warn the characters on the screen: „You shouldn’t be talking about such trivial matters. There is a bomb beneath you and it is about to explode!“

Im Fall der explodierenden Bombe löst die Action (Explosion) die Spannung sogar auf. Anders ist es natürlich, wenn der Held oder die Heldin eine Gruppe von Schulkindern durch den Bombenhagel lotsen muss. Hier steigern die einzelnen Explosionen die Spannung. Aber warum?

Was macht Spannung aus?

In einigen Schreibratgebern heißt es, Spannung entstünde durch offene Fragen. Das ist mir noch ein bisschen zu allgemein und allein auch nicht ausreichend. Aber der Reihe nach.

Spannung durch offene Fragen

Mir ist es zu allgemein, weil nicht jede offene Frage Spannung erzeugt, sondern nur diejenigen, die aus Sicht der Leserin oder des Lesers für den Fortgang der Handlung wichtig sind. Das klingt jetzt sehr theoretisch, deshalb ein Beispiel: Ist der folgende Dialog spannend oder nicht?

„Ich suche Frau Schneider. Svantje Schneider. Können Sie mir sagen, wo ich sie finde?“
„Svantje Schneider?“ Der dünne Mann schüttelte den Kopf. „Nie gehört. Wer soll das sein?“

Die letzte Frage trifft den Punkt. So lange ich als Leserin nicht weiß, wer diese Svantje Schneider ist und weshalb sie gesucht wird, ist das Ganze ziemlich unspektakulär. Es wird auch nur unwesentlich spannender, wenn der Fragesteller Taxifahrer ist und vor einem reichlich abgewohnten Mietshaus steht, bei dem die Hälfte der Namensschilder fehlt oder unleserlich ist.
Aber gesetzt den Fall, es handelt sich um ein einsames Gebäude, dann fängt das Hirn schon an, zu arbeiten, oder?

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FrankWinkler via Pixabay

Grundsätzlich möchte man dem dünnen Mann ja glauben. Aber andererseits muss jemand den Taxifahrer zu dieser Adresse gerufen haben. Wer, wenn nicht der dünne Mann? Und warum? Und was hat es mit dieser Frau auf sich? Gibt es sie überhaupt? Vielleicht ist der dünne Mann ein Einbrecher, Vergewaltiger, Mörder? Oder ist der Taxifahrer in eine Falle getappt?
Ich finde jede einzelne dieser Fragen spannend und würde an dieser Stelle weiterlesen wollen.
Eine Sonderform dieser Art der Spannungserzeugung ist der Cliffhanger. Hier ist die offene Frage, wie sich die Figur der meist lebensbedrohlichen Situation entzieht – und genau damit lässt man seine LeserInnen allein.

Atmosphärische Spannung

Noch größer wäre die Spannung, wenn mir der Autor oder die Autorin sie auch atmosphärisch vermittelt. Zum Beispiel, indem der Taxifahrer vorher durch einen nebelverhangenen Wald muss oder das Haus so düster beschrieben wird, wie es auf dem nächsten Bild aussieht.

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Bild: darksouls via pixabay

In unserem Unterbewusstsein sind bestimmte Erwartungshaltungen angelegt. Die Fahrt auf einer einsamen Landstraße bei Nebel und einbrechender Dämmerung ruft ganz andere Gefühle hervor, als die gleiche Landstraße bei Sonnenschein. Nebel, Dunkelheit – überhaupt jede unübersichtliche Situation verknüpfen wir automatisch mit Gefahr.
Natürlich ist die „dunkle und stürmische Nacht“, mit der Snoopy jeden seiner nie vollendeten Romane beginnt, ein ausgelutschtes Klischee. Aber geschickt eingesetzt, erzeugen solche Topoi trotzdem Spannung. Hier ist es aber keine konkrete Frage, die sich Leser oder Leserin stellen, sondern das Spiel mit der Erwartungshaltung.

Spannung durch Widerstände

Bei unserem letzten Werkstattgeplauder war ich kurz darauf eingegangen, dass Romanfiguren Ziele brauchen, um interessant zu sein. Diese Ziele können völlig banal sein, wichtig ist nur, dass sie sich nicht unmittelbar erreichen lassen. Sofern die Figur den unbedingten Willen hat, ihr Ziel zu erreichen, passiert das Gleiche wie in der Physik: Jeder Widerstand erhöht die Spannung.
Diese Methode der Spannungserzeugung dominiert actionlastige Szenen, also z. B. Verfolgungsjagden, Kämpfe, Fluchten … Hier sind wir wieder bei den Bomben vom Anfang: Wenn das Ziel ist, die Schulklasse sicher durch ein vermintes Gelände zu lotsen, ist jede einzelne Explosion ein Widerstand, der die Gefährlichkeit der Situation bestätigt.
Das heißt aber nicht, dass sich diese Methode der Spannungserzeugung nur für actionlastige Geschichten eignet – ganz im Gegenteil. Auch Liebesromane leben genau davon. Im Grunde besteht der klassische Liebesroman nämlich vor allem daraus, die Hindernisse zu überwinden, die der glücklichen Vereinigung im Weg stehen.

Spannung durch Sprache

Das auch die Sprache dazu beitragen kann, Spannung zu erzeugen, ist so eine Binsenweisheit, dass ich diesen Punkt der Vollständigkeit halber erwähne. Das steht nun wirklich in jedem Schreibratgeber, dass überbordende Beschreibungen, lange Sätze, viele Hilfsverben, Adjektivitis und Adverbivitis einen Text schwerfällig und damit langweilig machen.

Wichtig ist die Kombination

Da sind wir wieder am Anfang und bei der Klage des Kollegen. Eine Geschichte, sich nur einer Methode der Spannungserzeugung bedient, wird schnell langweilig. Das Gleiche gilt für zu schnelle Auflösungen. Aber hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Wenn man nämlich zu lange darauf herumreitet, wie gruselig die Atmosphäre ist oder was es nun mit dem geheimnisvollen Anruf auf sich hat, schmeißt der Leser das Buch irgendwann genervt in die Ecke. Deshalb Abwechslung. Fragen rechtzeitig klären – aber nicht bevor mindestens eine (besser: zwei) neue aufgetaucht sind.
Das Schöne daran: Ich kann meinen LeserInnen auf der einen Ebene Entspannung bieten, während ich gleichzeitig die Spannung auf einer anderen aufbaue. So könnte ich z. B. den zwischen den Bäumen hochkriechenden Nebel bildhaft und in langen Sätzen beschreiben und gleichzeitig das Unbehagen schildern, das den Fahrer befällt. Böse Assoziationen, die er mit fröhlicher Musik zu bekämpfen versucht. Schlager vielleicht oder Helene Fischer (eine sehr grausame Vorstellung).


So, das waren meine 5 Cent zum Thema Spannung. Jetzt bin ich gespannt: Hast du noch andere Punkte? Anmerkungen? Fragen? Tipps und Verbesserungsvorschläge?
Falls nicht, habe ich noch eine kleine Schreibanregung: Ich habe die ganze Zeit fast ausschließlich bedrohliche Situationen geschildert. Das ist ziemlich simpel. Versuch‘ du doch mal, mich auszustechen und das Gleiche mit einer Situation zu schaffen, die Ruhe und Geborgenheit verheißt: Nimm an, es ist heller Tag, blauer Himmel, die Sonne scheint und die Luft ist voller Bienengesumm und Vogelgezwitscher.


Und falls du neugierig geworden sein solltest, ob ich nur schlau daherreden oder auch schreiben kann, ist hier ein Link zu der Seite mit meinen Büchern.

Schicksalhafte Begegnung

Eigentlich hatte ich mir Bücherabstinenz geschworen: Keine neuen Bücher, bevor der SUB nicht deutlich geschmolzen ist! Und ich schwöre, wenn ich gestern nicht zu früh in der Stadt gewesen und es nicht so geregnet hätte, hätte ich mich daran gehalten. So aber …

In Frankfurt öffnen die Geschäfte spät. Die Drogerie, zu der ich wollte, macht erst um zehn auf, ebenso das Papierwarengeschäft. Einzig der Hugendubel hat schon um halb zehn offen. Also habe ich mich dort untergestellt. Habe tapfer die Ständer mit den Notizbüchern ignoriert, den Romanen nur einen kurzen Blick gegönnt und die eins bis drei die doch unbedingt in die Hand genommen werden wollten, nach kurzem Hineinlesen mit dem Versprechen zurückgelegt, ihnen ein andern Mal mehr Zeit zu gönnen. Bin weiter flaniert, an Kalendern und was weiß ich vorbei, bis sich der Tisch mit den Remittenten in den Weg stellte.

Fast meinte ich, sie schreien zu hören. „Kauf mich! Rette mich!“ „Nein, mich!“ „Der Reißwolf …“ „Rette uns!“ „Wenn du nicht …“ „Kauf miiiiiich!“
Mein Widerstand wankte. Vorsichtig trat ich näher, nahm ein Buch in die Hand, dann ein anderes – und legte sie wieder zurück. Doch dann sah ich es: In zurückhaltendes Sepia-Grau gehüllt lag es da. Ganz still. Fast, als würde es sich schämen, in dieser lauten, aufdringlichen Gesellschaft gelandet zu sein. Mein Herz schmolz. Ich streckte die Hand aus und es schmiegte sich hinein, raunte leisen Dank und versprach mir im Gegenzug eine Geschichte, die ich nicht vergessen würde.

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Ich bin gespannt.

Überarbeiten: den inneren Lektor loslassen

lyrics-710329_640Bekanntermaßen soll man den inneren Lektor während der Schreibphase am Besten in ein schallisoliertes Kellerloch abschieben, um sich ganz seiner Muse zu widmen. Ist das Werk dann fertig, wird die Muse auf Erholungsurlaub geschickt und der innere Lektor darf aus dem Verlies. So oder so ähnlich beschreiben es verschiedene Schreibratgeber.

Aber wenn es darum geht, was er dann machen soll, wird es teilweise sehr vage. Andreas Eschbach empfiehlt den 10-PunkteText-ÜV, auf dem auch die Stilanalyse von Papyrus beruht. Andere begnügen sich mit allgemeineren Tipps  (Kill your Darlings, achte auf abwechslungsreiche Sprache, streiche Adjektive und Adverbien u. s. w.) oder klammern das Thema ganz aus. Vielleicht, weil die Autoren der Meinung sind, alles Wesentliche bei Stil, Aufbau und Personenentwicklung gesagt zu haben und meinen, das müsste man nur noch umsetzen.
Das ist im Prinzip alles richtig, setzt aber m. E. an der falschen Stelle an und verleitet zu einem Riesenfehler, genauso zu überarbeiten, wie man schreibt: Von vorne nach hinten. Mit Satz eins anzufangen und den so lange zu polieren, bis er wie blanker Knochen funkelt, hat für mich den entscheidenden Nachteil, dass die Überarbeitung auf diese Weise elend lange dauert. Mit Pech verliert man dadurch nicht nur die Lust, sondern außerdem den Überblick und übersieht Plotlöcher. Oder man vergisst, dass die Protagonistin gegen Fischeiweiß allergisch ist und verpasst ihr einen anaphylaktischen Schock, weil sie versehentlich in ein Erdnussbuttersandwich gebissen hat. Sowas ist blöd.

Meine Überarbeitungsstrategie ist deshalb etwas anders.

Zunächst mal drucke ich den Text aus. Darin gehe ich mit den meisten Ratgebern noch vollkommen konform. Eigene Fehler sieht man nur schwer. Ein anderes Format sorgt dafür, dass sie besser auffallen. Ich nehme sogar eine andere Schrift. Auf dem Bildschirm ist, wie vermutlich bei den Meisten, Times New Roman voreingestellt, für Ausdrucke benutze ich Arial (11 Punkt, anderthalbzeilig mit 6 cm Rand auf der rechten und 2 auf der linken Seite).
Anschließend lese ich das Ganze und mache mir Notizen. Soweit normal – allerdings betreffen meine Notizen weniger den Stil, als den Inhalt. Bei diesem ersten Lesedurchgang prüfe ich vor allem drei Dinge ab:

  1. Ist die Handlung in sich logisch? Hierzu gehört, dass die einzelnen Ereignisse aufeinander aufbauen, keine Plotlöcher bestehen und keine Dei ex machinae eingreifen.
  2. Sind die Figuren interessant und verhalten sie sich ihrem Charakter entsprechend? Jemand, der sonst alle Hindernisse mit Gewalt beseitigt, mutiert nicht plötzlich zur eloquenten Quasselstrippe oder haut ab, nur weil der Plot das gerade braucht. Gut, letzteres könnte man auch als Unterpunkt der Logik betrachten. Mir fällt es aber leichter, die Charaktere und ihre Entwicklung im Auge zu behalten, wenn ich sie als eigenen Punkt betrachte.
  3. Stimmt die Spannung und sitzen die Plotpunkte da, wo sie hingehören? Wenn die Spannung verflacht, kann es daran liegen, dass man es den Charakteren zu leicht gemacht hat, zum Ziel zu kommen. Oder dass man Fragen zu schnell beantwortet. Hier gilt es also, zu überlegen, mit welchen Mitteln man die Spannung hochschrauben kann. Aus dem gleichen Grund sollte man seine Wendepunkte prüfen. Wenn zu viel (Lese-)zeit vergeht, ohne dass eine neue Entwicklung eintritt, schläft der Leser eventuell ein.

Das heißt nicht, dass ich nicht auch notiere, wenn mir eine besonders misslungene Formulierung auffällt. Aber welchen Sinn hat es, einen Satz liebevoll zurechtzubasteln, wenn am Ende die ganze Szene gestrichen wird, weil sie nichts zur Entwicklung beiträgt oder unlogisch ist? Daher mache ich mich erst an die stilistische Überarbeitung, wenn diese drei Punkte geklärt sind.

Die Idee dafür habe ich mir übrigens bei Sol Stein abgeguckt, der in „Über das Schreiben“ eine ähnliche Vorgehensweise propagiert. Bei ihm hat das Ganze sogar einen Namen. Er nennt diese Art des Vorgehens in Anlehnung an die Katastrophenmedizin „Triage.“ Anders, als ein Katastrophenmediziner widmet er sich aber nicht zuerst den leichtesten, sondern den schwerwiegendsten Fällen, d. h. denen, die am ehesten zur Ablehnung durch einen Verlag führen könnten. Anders, als oben vorgeschlagen, fängt Stein mit den Figuren an. Er sagt aber selber, das sei kein in Stein gehauenes Gesetz.
Vermutlich kann man sich daher genauso zuerst den Aufbau vornehmen und bei den Plotpunkten ansetzen.


Sol Stein, Über das Schreiben, Zweitausendeins, 11. Aufl. Frankfurt a. M. 2008