Die Brautgabe

„Der König wirbt um dich?“
Melisende sah vom Webstuhl auf. „Ja“, entgegnete sie leise.
„Und, freust du dich denn gar nicht? Bedenke doch: Der König!“ Eilika fiel es sichtlich schwer, ruhig zu bleiben.
Der Eifer ihrer kleinen Schwester entlockte Melisende ein Lächeln. „Es erscheint fast, wie im Märchen, nicht wahr? Das Aschenputtel wird zur Königin, trägt Kleider aus Samt und Seide, statt kratzender Wolle und muss nie mehr für das tägliche Brot arbeiten. Was für ein Leben könnten wir haben, du und ich! Denn dich würde ich selbstverständlich mitnehmen.“

Coverentwurf für Belletristica: Bild einer rothaarigen, sehr hellhäutigen Frau mit blauen Augen im Halbprofil. Ihr Blick ist nach oben gerichtet, die Hände sind in Höhe des Halses verschränkt. Auf dem Haar scheint sie einen Kranz aus blauen Beeren zu tragen. Im Bild die Textzeilen: "Die Brautgabe" und "Nike L."

Ihr Blick wanderte über die nackten Steine, die selbst im Hochsommer kühl und ein wenig feucht waren. Einst war dies der behaglichste Raum der Burg gewesen. Bunte Teppiche mit Bildern von Jagden, Einhörnern, Rittern und schönen Damen hatten die Wände geziert, auf den Truhen und in den Fensternischen lagen seidene Polster und das allzeit brennende Feuer vertrieb auch den letzten Hauch von Kälte. Aber das war vorbei. Von all‘ der Pracht waren ihnen nur das Bett, der Webstuhl und ein paar leere Truhen geblieben.

Der Niedergang hatte mit dem Tod ihres Vaters vor fünf Jahren begonnen. Der König hatte sich die Bestätigung des Lehens teuer bezahlen lassen. Schon damals hatten sie sich von den ersten Teppichen trennen müssen. Auch die Hunde, Falken und Jagdpferde hatte ihre Mutter verkauft, um das Geld aufzubringen. Aber arm wurden sie erst, als ihre Mutter zwei Jahre darauf am Sommerfieber starb, das in jenem Jahr besonders heftig wütete.

Fast die Hälfte der Höfe fielen wüst und die wenigen Abgaben der überlebenden Landsassen reichten kaum für die Ernährung der Burgleute aus. Melisende blieb keine Wahl, als auch den Rest ihrer Habe zu verkaufen, um das Lehen ein zweites Mal auszulösen. Jetzt waren sie und Eilika fast so arm, wie ihre Bauern. Immerhin hatte sie die Burg selber halten können, auch wenn in den Hundezwingern Gras wuchs, die Falknerei als Hühnerstall diente und im Pferdestall nur drei magere Kühe standen. Sogar eine Wachmannschaft gab es, wenn auch eine sehr kleine, die zudem aus Männern bestand, die wegen ihres Alters oder ihrer Gebrechen keinen anderen Dienstherren gefunden hatten. Was deren Treue anging, gab sich Melisende keinen Illusionen hin.
Die Heirat mit dem König würde ihren Status zweifellos verbessern. Und dennoch… Melisendes Blick schweifte weiter; zum Fenster hinaus ins Freie und verlor sich in der kristallenen Weite des Himmels.

„Melisende!“ Eilikas Stimme riss sie aus den Gedanken. „Melisende, wieso redest du so seltsam? Du hast ihn doch nicht abgewiesen – oder?“
Melisende sah Eilika in die aufgerissenen Augen. Wie unschuldig und offenherzig sie war. Hoffentlich musste sie nie lernen, sich zu verstellen. „Natürlich nicht“, entgegnete sie sanft. „Ich habe gesagt, dass ich mich durch seine Werbung geehrt fühle und mir drei Tage Bedenkzeit ausbedungen.“
„Bedenkzeit?“, Eilikas Stimme überschlug sich fast. „Aber warum denn?“
„Nun, was zu leicht gewonnen ist, wird selten geschätzt.“ Melisende verbarg ihre Sorgen hinter einem Lächeln. „Und es sind ja nur drei Tage.“
Eilika klatschte in die Hände. „Und dann wirst du Königin. Königin!“, sang sie und machte einige kleine Tanzschritte.
Melisende sah ihr eine Weile zu und sagte dann: „Tu mir einen Gefallen, ja: Geh‘ in den Garten hinunter und pflück ein paar Blumen für die Zimmer unserer Gäste und für den Tischschmuck. Wir mögen arm sein, aber niemand soll sich über mangelnde Gastfreundschaft beklagen können.“

Als Eilikas Schritte verklungen waren, verdüsterte sich Melisendes Mine. Drei Tage nur. Sie starrte auf das Gewebe vor sich, während ihre Gedanken bei dem waren, was sie über den König gehört hatte. Hart sei er, jähzornig und leicht gekränkt. Einer, der seine Bauern auspeitschen lasse, wenn sie sich mit den Abgaben auch nur um einen Tag verspäteten. Einer Witwe habe er den Kopf scheren lassen, weil ihre Schafe nicht genug Wolle gegeben hatten. „Wenn deine Schafe nicht genug Haare haben, musst du eben deine hergeben“, habe er gesagt, bevor er sie barhäuptig vom Marktplatz jagen ließ, während der Pöbel ihr hinterher johlte.
Ob er seine Ehefrau besser behandeln würde? Zwei hatte er bereits gehabt und beide waren jung gestorben. Was ihm fehlte, war ein Erbe. Ohne einen legitimen Nachfolger war es nur eine Frage der Zeit, wann die Fürsten offen um die Thronfolge kämpfen würden. Aber warum hatte der König ausgerechnet sie ausgewählt? Es gab genug Fürstentöchter, die nur zu gerne Königin geworden wären. Warum also sie?
Melisendes Blick ging wieder zum Fenster hinaus. Eine Wolke glitt über den Himmel, eine kleine weiße Schäfchenwolke.

„Sie ist einverstanden, Hoheit. Aber sie stellt Bedingungen.“
„Bedingungen? Was für Bedingungen?“
„Nun, Hoheit, sie sagt, da sie selbst keine angemessene Kleidung für die Hochzeit hat, müsstet Ihr sie ausstatten.“
„Das ist alles?“ Das Lachen des Königs hallte durch den Thronsaal. „Eine Mitgift? Das soll ihre Sorge nicht sein. Wir wussten doch, dass sie arm ist und haben sie gerade wegen ihrer Armut erwählt; deshalb und weil sie aus einer vollkommen unbedeutenden Familie stammt. So kann keiner Unserer Vasallen einen Vorteil aus der Verbindung ziehen. Aber das muss sie nicht wissen. Richte nur aus, dass sie sich um ihre Ausstattung nicht zu sorgen braucht.“
„Ich fürchte, sie hat recht genaue Vorstellungen.“ Der Bote zog eine Liste aus seiner Gürteltasche und begann vorzulesen: „Da wäre als erstes das Kleid für die Hochzeit. Sie wünscht es aus weißer Seide, an Saum und Ärmeln mit Perlen bestickt.“ Der König hörte sich die Auflistung mit gelangweilter Mine an. Schließlich sagte er unwirsch: „So weit ist daran nichts Ungewöhnliches. Nur dieser Mantel – was hat es damit auf sich?“
Der Bote sah in seine Aufzeichnungen. „Ein blauer Seidenmantel, mit goldenen Sternen bestickt und gefüttert mit dem Vlies der wilden Schafe, die über mein Land ziehen – so lauteten ihre Worte. Sie sagte auch, dass es noch nie gelungen sei, sie zu fangen und zu scheren. Daher sei ein derartiger Mantel etwas Einmaliges, um das sie alle anderen Frauen beneiden würden.“

„Weiber!“ Lachend schüttelte der König den Kopf. „Sie soll ihren Willen haben. Lass‘ überall verkünden, dass die Hochzeit stattfinden wird, so bald die Braut ausgestattet ist. Und sag‘ den Jägern sie sollen sich bereit machen. Wir reiten morgen bei Sonnenaufgang.“

Zwei Tage später standen Melisende und Eilika am Fenster und beobachteten, wie sich der Tross des Königs entfernte. Über ihnen spannte sich der blaue Himmel. Ein paar weiße Tupfen zogen darüber. Wolkenschafe; von keiner Menschenhand berührt und nie geschoren.
Der König hatte gezürnt und geflucht, als er begriff. Aber Melisende hatte auf der Einhaltung seines Versprechens bestanden.
„Warum hast du das getan?“, fragte Eilika, als der Tross im Wald verschwunden war.
Melisende zog ihre kleine Schwester an sich. „Samt und Seide und ein behagliches Heim sind nicht alles, weißt du.“

April, April!

Nein, ich meine nicht das Wetter, auch wenn das gerade die sprichwörtlichen Kapriolen schlägt. In Zeitlupe zwar, aber genauso launisch, wie man es dem April eben nachsagt. Das Thema, über das ich schreiben wollte, war eher launig. Es geht um Humor und da bietet sich der erste April als Aufhänger an. Weil … Na ja, weißt du selbst.

Humor, den man erklären muss, ist taugt nichts. Da sind sich alle einig. Schwierig wird es bei der Frage, was das eigentlich ist: Humor. Was ist witzig daran, sich gegenseitig reinzulegen und einander Streiche zu spielen?
„Guck mal, dein Schnürsenkel ist auf!“
„Hä? Gar nicht!“
„April, April!“
Ist nicht witzig, oder?
Je länger ich mich mit Schreiben beschäftige, desto mehr grüble ich darüber. Was macht einen guten Witz aus? Wann wird er schlecht?

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Ich bin mit Vorstellungen von Humor aufgewachsen, die ich rückblickend zumindest als fragwürdig empfinde. Als witzig galten dicke Männer, die in pinkfarbenen Tütüs ein Ballett imitieren. Überhaupt Männer in Frauenkleidung. Weiße, mit schwarz bemalten Gesichtern und rot geschminkten Wulstlippen, die seltsame Laute stammelten. Sendungen wie Klimbim. Frauen, die dumme Dinge taten oder sagten (Frauen galten eigentlich nur als komisch, wenn über sie gelacht wurde). Die Filme von Stan und Olli (oder Dick und Doof, wie sie damals in Deutschland hießen) … Das alles sollte witzig sein.

Wobei ich Stan und Olli damals schon nicht angucken konnte. Bei den „Späßen“, die in diesen Filmen gerissen wurden, zog sich mir alles zusammen. Das war einfach nur brutal. Das habe ich damals so empfunden und das sehe ich heute noch genauso. Tom und Jerry dagegen habe ich geliebt und trotz aller Brutalität, mit der sie sich bekämpfen, kann ich auch heute noch darüber lachen. Klimbim geht dafür wieder gar nicht. Das ist eine Anhäufig widerlicher, ranzig gewordener Ressentiments, klebriger Anzüglichkeiten und Klischees und ungefähr so lustig wie olo oder ( . )( . ) an eine Klowand zu schreiben (ja, auch solche Sachen galten damals als herrlich anzügliche Witze).

Offensichtlich ist Humor zeit- und kulturabhängig. Aber diese Erkenntnis hilft mir als Autorin genauso wenig, wenn ich versuche, witzig zu sein oder einem Text eine humorvolle Note zu geben wie abstrakte Definitionen. Oder könntest du mit dem Wissen, dass Humor die

Fähigkeit und Bereitschaft ist, auf bestimmte Dinge heiter und gelassen zu reagieren, beziehungsweise die sprachliche, künstlerische o. ä. Äußerung dieser Geisteshaltung

Duden

etwas verfassen, das dieser Definition genügt? Ne, nicht? Ich auch nicht. Da ist der Satz: Humor ist, wenn man trotzdem lacht, schon hilfreicher. Offensichtlich bedingt Humor eine nicht lustige Situation, sowie eine Wendung, durch die sich die Anspannung auflöst oder wenigstens mindert.
Allerdings muss Humor nach dieser Sichtweise nicht unbedingt etwas heiter-gelassenes haben. Er kann auch skurril daherkommen, wie die Geschichten von Loriot. Er kann tiefschwarz gefärbt sein, wie die letzten Szenen aus dem Leben des Brian. Genauso kann Humor aber auch kann spitz und sogar beißend sein.

Wenn Humor ein Mittel ist, um eine Anspannung zu lösen, heißt das im Umkehrschluss aber auch, dass Spott nur dann humorvoll ist, wenn er sich gegen eine mächtige(re) Figur richtet. Jemand ohnehin unterlegenes zu verspotten, ist Quälerei. Es löst keine Anspannung, sondern bestärkt und bestätigt das Machtgefälle.

Hätten Lügen kurze Beine, hätte Trump Hornhaut am Sack.

Klospruch

Vielleicht kann ich deshalb über Tom und Jerry immer noch lachen, denn die Katze ist nur körperlich überlegen. Tatsächlich geben sich beide aber nichts, so dass sich das Machtgefälle immer wieder umkehrt. Dazu kommt natürlich, dass sie als Trickfilmfiguren trotz aller Deformationen keinen wirklichen Schaden erleiden.

So richtig weiß ich zwar immer noch nicht, wie das humorvolle Schreiben eigentlich funktioniert, aber ich werde weiter üben. Und du? Kannst du Humor? Erzähl! Welche Formen liegen dir? Welche Mittel benutzt du?

[Selfpublishing] Tolino macht Druck

Seit neuestem kann man über Tolino-Media nicht nur E-Books erstellen, sondern seine Werke auch ganz klassisch auf Papier drucken lassen. Damit, und wegen seiner großen Nähe zum Buchhandel ist Tolino doppelt interessant für Selfpublishing geworden. Ein Grund, sich das Angebot näher anzusehen, zumal ich schon von einem anderen Selfpublisher gehört hatte, dass die Qualität sehr gut sei. Diese Info hatte ich aber erst mal nur im Hinterkopf abgelegt, weil die Märchenanthologie, an der ich derzeit arbeite, noch nicht veröffentlichungsreif ist.
Dann jedoch fand ich in meinen Mails die Einladung zum „Tolino-Print-Day.“

Selbstverständlich habe ich das genutzt und bin „hingegangen“. Virtuell, denn die Veranstaltung fand als Lifestream auf Youtube statt. Zunächst gab es eine allgemein gehaltene Einführung darüber, was jetzt alles möglich ist.

Der zweite Teil enthielt einen virtuellen Rundgang über die Plattform. Hierbei konnten dann auch Detailfragen gestellt und geklärt werden. Dabei wurde vor allem deutlich, dass vieles noch im Werden ist.

Für mich entstand der Eindruck, dass Tolino inzwischen alles anbietet, was andere Selfpublishing-Anbieter wie BoD, Amazon oder epubli auch können. Der Teufel versteckt sich wie immer im Detail (oder im Kleingedruckten).
Da ich bisher über BoD veröffentlicht habe, bietet sich der Vergleich mit den dortigen Konditionen an. Beide verwenden ähnliches, wenn nicht sogar das gleiche Papier (90g, weiß oder cremeweiß). Außerdem bekommen die Bücher eine ISBN und werden im Verzeichnis lieferbarer Bücher eingetragen, können also normal über den Buchhandel bestellt werden. Die Verträge sind nicht exklusiv und man behält alle Rechte.

Positiv an Tolino

  • unbegrenzte Vertragslaufzeit: Das war der Punkt, der mich als erstes hat hellhörig werden lassen und der für mich ein wesentlicher Grund für einen Wechsel wäre. Anders als bei BoD, wo man den Vertrag nur über ein Jahr abschließt und das Buch danach aus dem Handel verschwindet, bleibt es bei Tolino so lange erhältlich, bis der Vertrag storniert wird.
  • günstig: Die Gebühr für die Einrichtung des Buchs fällt bei Tolino niedriger aus, als bei BoD. Zwar ist BoD mit 19 Euro im Tarif Classic auch nicht teuer, aber Tolino ist noch mal um ein Viertel günstiger.
  • schnell: Nach dem, was im Stream gesagt wurde, ist Tolino außerdem bei Druck und Auslieferung schneller als BoD. Die Rede war von ca. 5 Tagen. Bei BoD können es schon mal 14 werden. Ob das bei steigenden Auftragszahlen so bleibt, wird sich natürlich noch herausstellen müssen.
  • kundenorientiert: Gut an Tolino gefällt mir auch die starke Kundenorientierung. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Auch BoD ist da super aufgestellt. Aber im Stream fiel eben auch auf, dass sich Tolino aktuell sehr darum bemüht, den Wünschen und Anforderungen gerecht zu werden und Anregungen aufzugreifen.

Nachteile gegenüber BoD

  • kein Impressumsservice: Auch, wenn man mit seinen Werken Ruhm und Ehre eringen will, möchten viele das nicht unter ihrem richtigen Namen tun. Nicht nur, weil wir alle schon von Stalkern gehört haben – es gibt viele gute Gründe für ein Pseudonym. Erst recht dafür, die eigene Anschrift nicht zu veröffentlichen. Leider bietet Tolino-Media – anders als BoD – keinen Impressumsservice.
  • keine Abgabe von Pflichtexemplaren: Von jedem, in Deutschland veröffentlichten Buch müssen zwei Exemplare an die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt und, je nachdem in welchem Bundesland die Veröffentlichung erfolgt, ein bis zwei weitere Exemplare an die jeweilige Landesbibliothek übersandt werden.* Bei BoD erfolgt diese Abgabe von Pflichtexemplaren automatisch. Tolino macht das derzeit nur bei E-Books.
  • keine Rezensionsexemplare: Bei BoD erhält man auf Nachfrage Rezensionsexemplare, wenn man bestimmte Voraussetzungen erfüllt. Bei Tolino ist das zumindest derzeit nicht der Fall.
  • geringere Marge(?): Hier habe ich ein Fragezeichen gesetzt, denn während sich mit dem Preiskalkulator von BoD sehr genau bestimmen lässt, wie viel man an einem Buch verdient, habe ich eine vergleichbare Funktion bei Tolino nicht gefunden. Daher habe ich die Preise für Bestellungen zum Eigenbedarf verglichen. Hier ist BoD dann doch erheblich günstiger.

*In Österreich existiert eine ähnliche Regel.


Fazit

Das Angebot von Tolino klingt erst mal durchaus attraktiv, wobei der größte Pluspunkt die unbegrenzte Vertragsdauer ist. Nicht jedes Jahr verlängern zu müssen, ist nicht nur organisatorisch ein großer Vorteil. Auch die schnellen Lieferzeiten sprechen für Tolino (wenn sie denn eingehalten werden). BoD punktet demgegenüber mit größerer Transparenz bei der Preisgestaltung, höheren Margen und – zumindest derzeit noch – besserem Service. Bei letzterem kann es sein, dass Tolino da noch nachlegt.

Alles in allem bin ich daher ganz froh, jetzt noch keine Entscheidung treffen zu müssen, sondern noch etwas abwarten zu können.


Wie siehst du das? Was ist für dich bei einem Anbieter wichtig?

Gute Vorsätze – 2022er Edition

Als ich meinen Kalender für 2021 angelegt habe, habe ich ihm das Motto „Es kann nur besser werden“ vorangestellt. Das war ein Irrtum. 2021 wurde eins der bleierndsten Jahre, das ich je erlebt habe. Es ging fast nichts. Der Werwolf ist irgendwo im Wilden Westen eingeschlafen. Meine Sozialkontakte sind bis auf wenige Ausnahmen genauso. In meinen Mittelalterklamotten haben Motten Fressgelage veranstaltet. Mir fehlt die Kraft, das eine neu zu knüpfen und das andere neu zu nähen. So gesehen könnte ich mir diesen Artikel vermutlich sparen.

„Dann lass es doch!“

Das rät auch meine Intuition, und fügt hinzu, dass jeder Vorsatz sinnlos ist. „Das Karma macht dir sowieso einen Strich durch die Rechnung, und am Ende kommt alles unerwartet und ganz anders als geplant.“ Außerdem hätte ich schon so viele Pläne gefasst und beerdigt, oder – noch schlimmer – nicht mal ernsthaft mit der Umsetzung begonnen. Da müssten jetzt nicht auch noch neue dazukommen. Und überhaupt sei das neue Jahr auch nur ein willkürlich gesetztes Datum ohne tiefere Relevanz. Wenn ich unbedingt gute Vorsätze fassen wollte, könnte ich das zu Ostern genauso tun.

Aber …

Aus irgendeinem Grund hält mein dummes Herz daran fest, dass „anders und unerwartet“ auch sehr schön sein kann. Selbst wenn der Werwolf-Western nichts geworden sei, hätte ich immerhin fünf Kurzgeschichten fertiggestellt. Eine sei in einer Anthologie veröffentlicht, die anderen beiden würden vermutlich im Lauf des nächsten Jahres drankommen.

Zwei stünden hier im Blog. Und eine davon sei sogar vertont worden. Außerdem seien da noch das Unsinnsprojekt, das langsam aber stetig weiterwüchse und die zu 2/3 fertige Märchenanthologie. Nichts davon sei Anfang 2021 absehbar gewesen!

In seinem Optimismus setzt es dann noch hinzu, dass Pläne zwar scheitern können, aber der Misserfolg garantiert sei, wenn man keinen Plan habe. Ein Mensch ohne Plan sei ein Floß ohne Ruder; ein Blatt im Wind und ein Herd ohne Feuer.

Also doch!

Ich kapituliere! Bevor es noch mehr Kalendersprüche hagelt, mache ich, was alle anderen um diese Jahreszeit auch tun: Ich schreibe meine guten Vorsätze nieder. Vielleicht erinnere ich mich am Ende des Jahres sogar daran und kann ein Resume ziehen.
Ich will:

  • Die Märchenanthologie „Der Atem des Drachen“ herausbringen.
  • Wieder regelmäßiger bloggen. 1x im Monat scheint ein erreichbares Ziel zu sein.
  • Am Unsinnsprojekt weiterschreiben. Nicht nur just for fun, aber auch.
  • Das Konzept für den Werwolf-Western überdenken, gegebenenfalls überarbeiten und das Ding zuende schreiben.
  • Die Zeit für Social Media begrenzen bzw. zielgerichteter nutzen.
  • Wieder mehr lesen. Vielleicht auch anfangen, die Leseeindrücke festzuhalten. Mal sehen. Aber in jedem Fall mehr lesen!
  • Wieder kreativer werden, d. h. mehr basteln, malen, zeichnen, handarbeiten.
  • Offline soziale Kontakte pflegen. Und sei es nur, dass ich in diesem Jahr auch mal Weihnachtskarten verschicke. Im Idealfall selbstgebastelte.
  • 2022 überleben und so gut wie möglich dafür sorgen, dass keiner meiner Lieben verloren geht.
Photo by Arnesh Yadram on Pexels.com

Klingt jetzt nicht übermäßig ambitioniert und sollte sich daher machen lassen. Was meinst du? Hast du auch Vorsätze für’s neue Jahr oder hältst du das alles für Unsinn?

Engelszähne

Wusstest du, dass das, was wir hier unten auf der Erde als „Hagel“ bezeichnen, in Wahrheit Engelszähne sind? Nein?

Dann nimm‘ dir etwas zu trinken und höre gut zu!

Natürlich verlieren Engel ihre Zähne nicht so einfach – schon gar nicht in solchen Mengen. Engel haben auch keine Milchzähne, wie kleine Kinder. Das ergäbe ja auch gar keinen Sinn, da sind wir wohl einig. Wir sind uns wohl auch darüber einig, dass man zum Harfe spielen oder um im Himmelschor mitzusingen, einen Körper benötigt. Klar, für einige andere Dinge auch. Sogar als Engel. Aber das lassen wir mal außen vor.

Jedenfalls bekommt jede neu durch das Himmelstor getretene Seele einen Körper, den sie sich nach dem Baukastensystem selbst zusammenbauen darf. So behalten die Engel ihre Individualität, obwohl sie aus Normbauteilen bestehen. Selbstverständlich sind diese Körper perfekt (selbst, wenn sie nicht unbedingt humanoid aussehen, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Schließlich ist im Himmel alles perfekt.

Zu einem perfekten System gehört auch das Recycling von Rohmaterialien. So bald eine Seele den Himmel verlässt, um wiedergeboren zu werden, kommen die Engelskörper daher in die Werkstatt, wo sie auseinandergenommen werden. Die Einzelteile werden anschließend generalüberholt und in Kisten gelagert, damit die neuen Seelen darauf zugreifen können.

Wie man sich vorstellen kann, ist dieses Lager ziemlich groß und die Kisten mit den Zähnen stehen ziemlich weit hinten. Daher kommt es manchmal vor, dass ein schusseliger Transportengel oder eine besonders tollpatschige Seele eine dieser Kisten umschmeißt. Wenn das passiert, hagelt es hier unten Engelszähne. Weisste Bescheid!


Die Geschichte entstand heute spontan auf Twitter als nach einem Synonym für „Hagelkorn“ gesucht wurde. Danke an @ME_Lee_Jonas für die schöne Inspiration!

Mit Fehlern umgehen

Das ist einer dieser Artikel, die ich mit schwerem Herzen schreibe, denn hier geht es um eigene Fehler. Die zu erkennen, ist bekanntlich schwer. Noch schwieriger finde ich, sie dann auch noch zu beseitigen.
Ja, Fehler zuzugeben ist hart. Aber sie gewähren auch eine Ausrede. „Ich kann eben nicht zeichnen“, sagen ganz viele von sich und tun es dann auch nie wieder. Noch besser ist: „In Mathe/Naturwissenschaften/Sprachen war ich schon immer schlecht.“ Mit solchen Aussagen stößt man nicht nur auf absolutes Verständnis, sondern geradezu auf Anerkennung.

Quelle: Wladimir Berzin auf Pixabay

Aber selbst, wenn man einen Fehler nur vor sich selber eingesteht, ist es allemal leichter, sich damit abzufinden, versagt zu haben, als alles noch einmal von vorn anzugehen. Nicht nur, dass sich die ganze Zeit und Mühe, die man aufgewandt hat, vergeblich war. Jetzt ist auch klar, dass nichts das Gelingen garantiert. Das Ergebnis kann genauso schlecht sein, wie vorher. Von vorne anzufangen bedeutet daher, eine frustrierende Erfahrung bewusst zu wiederholen.

Gerade beim Schreiben bleiben solche Momente leider nicht aus. Ganz im Gegenteil. Es beginnt schon damit, dass Vorstellungen, die man glasklar und in allen Details im Kopf hatte, sich auf mysteriösem Weg in einen Haufen unzusammenhängender Fetzen verwandeln, so bald man damit beginnt sie auszuformulieren.
Hier kann es helfen, mit Bearbeitungsvermerken wie „#hier große Streitszene einfügen“ zu arbeiten und das Problem erst mal zu ignorieren. Aber spätestens bei der Überarbeitung geht das nicht mehr.
Noch schlimmer ist es, festzustellen, dass man mit Volldampf in eine Sackgasse gerauscht ist, wie es mir mit dem Werwolf-Western gerade passiert ist. Mein Fehler. Natürlich. Ich habe gedacht, weil es eine einfache Geschichte ist, reiche es, sie oberflächlich zu plotten. Das Ergebnis ist, dass mein Protagonist sich nun fragt, warum er diese Mission eigentlich abschließen soll. Tja. Dumm gelaufen. Das konnte ich ihm leider auch nicht sagen und seither schreit alles in mir, dass ich diese Geschichte versiebt habe.

Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten:

  • Ich kann mein Scheitern akzeptieren. War auch eine ausgesprochen dumme Idee, eine Geschichte im 19. Jahrhundert anzusiedeln. Noch dazu in den USA, die mir nicht nur geographisch fremd sind und dann auch noch mit einem komischen Genre-Mix … Vielleicht ist das alles ein bisschen viel und ich sollte die nächste Geschichte besser in einem Rahmen ansiedeln, der mir mehr liegt. Also Schwamm drüber, als schlechte Erfahrung verbuchen und nicht noch mehr Zeit investieren, als schon drin steckt. Ist ja auch nicht so, als hätte ich keine anderen Ideen!
  • Oder ich zwinge mich, weiterzumachen. Dieser Protagonist ist schließlich kein eigenständiges Wesen. Der ist meine Kopfgeburt und als solche hat er gefälligst zu tun, was ich ihm vorschreibe. Der wird also hübsch weiterziehen und tun, was nötig ist, um diese Geschichte zu beenden. Basta!
Photo by Steve Johnson on Pexels.com

Wenn du jetzt einwendest, dass beides blöd ist, hast du vollkommen recht.

Die erste Option ist feige. In dieser Situation aufzuhören heißt, zu kneifen, nur weil es schwierig wird. Außerdem wäre es schade um die Geschichte. Ich bin nämlich nach wie vor der Überzeugung, dass sie gut ist. Dass es sich lohnt, sie zu erzählen.
Die zweite Variante ist unprofessionell. Wenn ich weiß, dass etwas nicht funktioniert, lasse ich die Finger davon. Auf gar keinen Fall kann ich so tun, als sei nichts, das Ganze irgendwie fertig schreiben und dann veröffentlichen. Ich belüge weder mich selbst, noch andere.

Bleibt die dritte Option, die ich oben ausgespart habe: Ich umgehe das Problem mit einem Bearbeitungsvermerk und schreibe zunächst einmal die beiden (vorläufigen) Schlussszenen. Danach mache ich mich daran, alles aufzudröseln und die Fehler zu beseitigen, die ich am Anfang gemacht habe. Wird das frustrierend? Auf jeden Fall. Der ganze Aufbau ist falsch. Ich werde Szenen streichen müssen, in die ich viel Zeit, Mühe und Recherchearbei investiert habe. Dafür werde ich neue Szenen brauchen, die ursprünglich nicht vorgesehen waren. In der Zeit, die ich dieses Buch nicht herausgebracht habe, hätte ich einen Roman schreiben können. In der Zeit, die ich brauche, alles umzustellen, könnte ich auch eine andere Geschichte fertig stellen. Eine, die mich noch nicht frustriert hat und die sich möglicherweise leichter schreibt.
Aber das wäre feige. Außerdem glaube ich, wie schon gesagt, dass es sich lohnt, diese Geschichte zu erzählen.
Also hoffe ich auf ein Happy End in dem Wissen, dass es keins geben wird, wenn ich nicht dran arbeite.

Das elende Gefühl

Wer kennt es noch, dieses elende Gefühl, nicht genug zu sein. Versagt zu haben, weil …
Ja, warum eigentlich? Bei mir war es vor einigen Tagen, weil ein Essen, das ich mir sehr lecker vorgestellt hatte, am Ende nur mäßig schmeckte. Dazu kam noch, dass wir dank Corona mehr zuhause hocken und uns wenig bewegen, aber den Tag über die gleichen Essensmengen zu uns nehmen, wie sonst auch. Vielleicht auch ein bisschen mehr. Der Kühlschrank ist schließlich nahe und wer Langeweile hat, neigt zum naschen. Kurz gesagt: Niemand hatte wirklich Hunger. Entsprechend wenig Begeisterung wurde meinem Essen entgegengebracht.

Es war zum Heulen.

Warum ich davon erzähle? Weil sich beim Schreiben ganz oft das gleiche elende Gefühl einstellt, nichts zu können. Nichts zu sagen zu haben. Allenfalls mäßig zu formulieren. Zwischen Youtube, Netflix, Instagram, Spotify und Gaming unterzugehen, weil es 1.001 Dinge gibt, die die Zeit vertreiben und Lesen – na sagen wir: nicht das hippste davon ist.
Wofür schreibe ich dann überhaupt? Für wen?
An manchen Tagen kann ich diese Frage nicht beantworten. Dann komme ich mir unglaublich langweilig vor und meine Werke scheinen mir banal. Vor allem wenn ich mich mit den Kolleg*innen vergleiche, die sich in den sozialen Medien darin überschlagen, sich und andere dafür zu loben, wie ungeheuer mitreißend, progressiv, weird, deep, divers, romantisch oder gruselig sie schreiben. Ich kann diese Begeisterung nicht aufbringen. Weder für meine Geschichten, noch für andere – und wenn mich tatsächlich mal ein Buch mitreißt, dann in der Regel aus ganz anderen Gründen.

Es ist zum Heulen.

Ich habe mich nie als Teil einer Avantgarde oder Elite gefühlt. Ich hatte nie eine Botschaft oder Wahrheiten zu verkünden. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, zu hinterfragen, zu beobachten und zu lernen. Meine Geschichten sollen keine Antworten liefern. Sie sollen in erster Linie unterhalten. Wenn sie dann auch noch dazu führen, dass die, die sie lesen, die Welt ein Stück anders sehen, bin ich glücklich.
Das macht mich zum Außenseiter, klar. Aber das ist mir meist egal – oder besser gesagt: Das bin ich gewohnt. Das war ich schon immer. Und wenn man am Rand steht, hat man meistens den besten Überblick.
Nur manchmal, wenn ich wieder halb bewundernd jemanden beobachte, der so völlig von sich und seiner Sendung überzeugt ist, wird mir bewusst, dass man am Rand auch sehr einsam ist. Dann kommt dieses elende Gefühl hoch, nirgends hinzugehören. Unwillkommen zu sein. Überflüssig. Nutzlos.

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Zum Glück ist das nicht die Regel. Normalerweise schmeckt mein Essen nicht nur mir. Und genauso, wie ich weiß, dass ich immer wieder leckeres Essen fabriziere, das begeistert verschlungen wird, genauso weiß ich auch, dass ich schreiben kann. Ich werde vielleicht nie einen Literaturpreis abstauben – aber das ist ja genauso wenig mein Ehrgeiz, wie einen Stern zu erkochen. Ich bin glücklich, wenn ich das Feedback bekomme, dass meine Geschichten gefallen haben.
Dieses Feedback kommt zwar seltener, als ich es mir wünsche, aber bis auf eine waren bisher alle Reaktionen positiv. Und ganz ehrlich: Wenn sich jemand darüber beschwert, dass eine Vampirnovelle kein Roman ist und dazu auch noch Fantasy, muss ich das auch nicht fürchterlich ernst nehmen.

Demnach ist vielleicht doch nicht alles zum Heulen.

Aber warum dann dieses elende Gefühl? Warum immer wieder diese Selbstzweifel?

[Werkstattgeplauder] Tschechows Gewehr

Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert.

Anton Tschechow

Diese als Tschechows Gewehr bekannte Regel haben vermutlich viele von uns verinnerlicht. Sie tritt auch in Form eines anderen Zitats auf, das den Sinn vielleicht noch deutlicher macht:

Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben

Anton Tschechow

Ich selbst habe lange daran geglaubt und beides auch vehement vertreten. Heute bin ich mir da, wie bei vielen Schreibregeln längst nicht mehr so sicher. Genau genommen ist die Regel in dieser Absolutheit sogar ziemlicher Quatsch. Das wird schnell deutlich, wenn man das Gewehr durch einen weniger auffallenden Gegenstand ersetzt: einen Blumenstrauß z. B. oder eine Lampe.

Niemand würde bestreiten, dass natürlich irgendwo eine Vase mit einem Blumenstrauß rumstehen kann, ohne dass im weiteren Verlauf mit den Blumen geworfen oder aus der Vase getrunken wird. Genauso wenig bedeutet die Beschreibung einer Lampe, dass diese irgendwann angeknipst wird. Sie kann z. B. auch dazu dienen, über das Setting eine Stimmung zu transportieren oder auf subtile Weise Informationen zu vermitteln.

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Warum sollte das bei einem Gewehr anders sein? Auch ein Gewehr kann einfach vorhanden sein, ohne dass irgendwann ein Schuss fällt. Es kann zum Beispiel zwischen anderen Militaria an der Wand eines reichen Sammlers hängen und im ironischen Gegensatz zu dessen ganz und gar nicht kriegerischer Erscheinung stehen. Oder es wird irgendwann gestohlen und zum Mittelpunkt einer Gaunerkomödie. Eine verrostete Flinte in einer verfallenen Hütte kann darauf hinweisen, dass sich hier einst ein Wildererversteck befand. Genauso kann eine Jägerin ihre eben geputzte Flinte im Waffenschrank einschließen, bevor sie sich dem Besuch zuwendet – ein Hinweis darauf, dass wir es hier mit einer umsichtigen Person zu tun haben.

Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Ich glaube daher inzwischen, dass Tschechow etwas anderes gemeint hat. Ich glaube, dass sich dieses Zitat ganz explizit über das Theater bezieht, und dass die Aussage ist, dass man die Bühne nicht mit bedeutungslosem Kram zumüllen soll. Jeder Gegenstand, der auf der Bühne steht, muss eine Funktion erfüllen. Sei es, dass er etwas über den Hintergrund der Figuren verrät oder später direkt zum Einsatz kommt. Ein Gewehr, das nichts davon tut, ist nutzlos. Mehr noch: Es lenkt von den wichtigen Dingen ab und kann deshalb weg.

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Im Roman ist es so ähnlich: Auch hier wird alles, was beschrieben wird, mit Bedeutung aufgeladen – ganz gleich, ob es sich um die etwas verbeulte Keksdose auf dem obersten Küchenregal handelt, den mit Perlen und Rubinen verzierten Dolchgriff der aus der Brust des Opfers ragt oder die kleine dicke Fee am Rückspiegel eines Lkw. Im Idealfall werden sie zu „sprechenden Details“ und verraten etwas, das über ihre bloße Existenz hinausgeht. Das kann die besondere Atmosphäre eines Orts sein, eine Stimmung oder der Charakter einer Figur. Es kann aber auch ein Hinweis auf einen späteren Verlauf der Handlung sein oder (besonders in Krimis) eine geschickt gelegte falsche Spur. Wichtig ist, dass sie in irgendeiner Form relevant werden. Anderenfalls sind sie das literarische Gegenstück zum Nippes: Kleinigkeiten ohne echten Wert, mit denen niemand etwas anfangen kann und die deshalb auch kaum jemand schätzt – außer der Person natürlich, die sie aufgestellt hat.

Fazit: Tschechows Gewehr ist nicht wörtlich zu nehmen. Es ist eine Metapher dafür, dass man sich überlegen sollte, welche Gegenstände auf einer Bühne Platz haben sollten. Übertragen auf den Roman bedeutet das, nur die Dinge zu beschreiben, die im Rahmen der Geschichte Relevanz gewinnen sollen.

Mehr Liebe für Mary Sue

Bevor irgendwelche Missverständnisse aufkommen: Dies hier ist keine Liebesgeschichte, nicht mal eine Liebeserklärung, sondern die vorsichtige Annäherung an ein literarisches Trope. Ursprünglich hatte ich nicht mal gedacht, den Begriff erklären zu müssen, aber nachdem in einer Unterhaltung zwischen Kolleginnen gefragt wurde: Der Begriff „Mary Sue“ stammt ursprünglich aus der Fanfiction-Szene und bezeichnet eine übermäßig perfekte weibliche Figur.

Eine Mary Sue kann grundsätzlich alles. Ihr Charakter ist engelgleich, denn auch wenn sie eine unbesiegbare Kämpferin, magisch begabt, wundersam musikalisch, zum niederknien klug, eine begnadete Köchin, über die Maßen schön und gnadenlos gut ist, ist sie doch nicht im geringsten eingebildet. Nie würde sie Aufhebens um ihren perfekten Teint machen, um die großen Augen, die seidigen Haare oder die weiche Haut. Das ist schließlich alles naturgegeben. Sie bemerkt es genauso wenig wie die perfekten Brüste, die langen Beine, die ideale Taille oder den zum Küssen einladende Mund. Sie versteht nicht einmal, was die anderen Figuren an ihr bemerkenswert finden. Sie selbst findet sich nämlich eher durchschnittlich.

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Und weil die Mary Sue sich selber für durchschnittlich hält, ist sie selbstverständlich auch nicht eingebildet. Im Gegenteil: Sie ist der offenste, unvoreingenommenste Mensch, den sich die Autorin überhaupt vorstellen kann. Wenn ihre Mary Sue einen Charakterfehler hat, dann einen harmlosen. Zum Beispiel, dass sie nicht singen kann. Vielleicht ist sie auch ein Tolpatsch – aber von der liebenswerten Art. Jemand, der höchstens kleine Dinge von zweifelhaftem Wert zerstört; nie etwas wirklich Teures, das anderen etwas bedeutet. Ein anderer Charakterfehler könnte sein, dass sie ständig isst. Natürlich nur moralisch einwand- und kalorienfreie Dinge. Äpfel zum Beispiel oder Karotten. Keinesfalls würde sich eine Mary Sue in Exzesse aus Schokolade, Chips oder Alkohol stürzen. Nie würde sie auch nur ein Gramm Fett zu viel ansetzen. Und selbstverständlich ist eine Mary Sue nie so besoffen, dass sie lallend bei der Laterne entschuldigt, die sie eben noch vollgekotzt hat.

Großzügig, großmütig, klug, begabt und schön, wie die Mary Sue ist, ist sie natürlich auch ungemein beliebt. Ihr Charme bezaubert Jedermann und sogar manche Frauen, obwohl bei Frauen gewisse Rivalitäten entstehen können. Hier kann es sogar zu Eifersüchteleien kommen (die aber selbstverständlich nie von Mary Sue ausgehen, sondern immer von der Gegenspielerin und die immer unbegründet sind!). Es sind diese Rivalinnen, die dem Lebensglück der Mary Sue im Weg stehen, wobei die besseren von ihnen am Ende bekehrt und zu guten Freundinnen werden, während die anderen ihrer gerechten Strafe entgegensehen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel lassen grüßen.

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Kurzum: Mary Sues sind wandelnde Wunschträume. Sie verkörpern das ideale Ich der Schreiberin* (also ihr Selbst, wie es wäre, wenn nicht Gesellschaft, Natur und Schwerkraft sich gegen sie verbündet und sie in diesen höchst unzureichenden Körper gesetzt und in dieser unzulänglichen Umgebung ihrem faden Schicksal überlassen hätten).

Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite ist die Mary Sue eines der am meisten gehassten Tropes. So beliebt sie innerhalb ihrer eigenen Geschichte ist, so unbeliebt ist sie außerhalb.

Eigentlich seltsam, wenn man genauer darüber nachdenkt. Im Grunde verkörpern Mary Sues nämlich sämtliche sogenannten weiblichen Tugenden und erfüllen außerdem noch den Imperativ, dass die Heldin anders sein muss als andere Frauen. Besser. Schöner. Nicht eingebildet. Nicht um ihre Schönheit besorgt. Eben nicht so frauentypisch.
Eigentlich macht die Mary Sue also alles richtig. Trotzdem mag sie keine*r außer ihrer Schöpferin. Schon merkwürdig, oder?

Noch merkwürdiger wird es, wenn man sie mit ihrem männlichen Gegenstück dem Gary Stue vergleicht. Gary Stues sind genauso klischeehaft wie Mary Sues – nur eben was männliche Rollenerwartungen angeht. Mit anderen Worten: Gary Stue ist selbstverständlich gut aussehend, mit markantem Kinn und Waschbrettbauch gesegnet. Er verfügt mindestens über ein gutes Einkommen, ohne viel dafür tun zu müssen. Er ist Experte in irgendwas wie Karate, Hochfinanz oder altsumererische Liebeslyrik – nur bitte keine profanen Dinge, bei denen man sich vielleicht noch die Hände schmutzig macht. Er nimmt sich was er will, hat ständig Sex, fährt schnelle Autos und lebt gefährlich. Ein Leben auf der Überholspur, um das ihn andere Männer beneiden und für das ihn Frauen bewundern.
Kommt dir der Typ bekannt vor? Richtig. James Bond, Triple X, Robert Langdon und praktisch jeder Superheld sind Gary Stues. Wort und Bild gewordene feuchte Männerträume. Und sie sind beliebt. Ach was – sie sind Megastars.

Warum eigentlich?

Meines Erachtens wird es höchste Zeit, beide gleich zu behandeln. Das heißt konkret: Weniger Aufmerksamkeit für die Gary Stues und etwas mehr Liebe für die Mary Sues.

Was meinst du? Die Kommentare sind offen. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.


*Ich habe hier ganz bewusst die weibliche Form gewählt, denn zumindest mir ist noch keine Mary Sue untergekommen, die nicht von einer Frau geschrieben wurde.

Es wird persönlich (ein bisschen)

Zugegeben: Es fällt schwer, nach so langer Zeit wieder den Einstieg ins Blog zu finden. Wie soll ich anfangen? Womit? Soll ich die Lücke überspielen; einfach den nächsten Blogpost über Bücher, die LBM, die nun nicht stattfindet oder irgendein anderes Thema schreiben, als sei ich nie weggewesen? Oder doch etwas zu den Gründen sagen, warum ich so lange weg war und warum es noch immer kein neues Buch von mir gibt (ja, ist leider so)? Offensichtlich drängt es mich dazu, denn sonst hätte ich mir die ganze Vorrede auch sparen können.

Andererseits … Andererseits fällt es mir schwer, darüber zu schreiben, denn es geht ins Persönliche und es widerstrebt mir, persönlich zu werden. Dieser Teil meines Lebens betrifft eine Seite, die ich von meinem öffentlichen Leben als Autorin trenne. Er betrifft Dinge, von denen ich das Gefühl habe, dass sie allein mich etwas angehen und ich sie mit mir allein ausmachen muss. Dinge, die natürlich mein Denken und Handeln beeinflussen, die aber nichts mit dem zu tun haben, wofür ich als Autorin beurteilt werden möchte.
Vor allem aber betrifft dieser Part auch andere Menschen, die ebenfalls einen Anspruch auf Privatheit haben und ein Anrecht darauf, dass ihre Angelegenheiten nicht öffentlich breitgetreten werden.

Mein Leben als Telenovela

Klingt das kryptisch? Gut, dann werde ich ein Stück konkreter.
Ich hoffe, es klingt nicht zu dramatisch, aber mein Leben hat inzwischen die Züge einer brasilianischen Telenovela. Es fehlen nur der Reichtum und die eifersüchtige Konkurrentin, die mir sowohl Mann als auch Erfolg wegnehmen wollen. Ok, der Erfolg ist auch noch so eine Sache. Aber alles andere ist da. Wirklich alles. Intrigen, Krankheit, Tod, Liebe, Ehezwist, Familienstreit – alles ist in verschiedensten Varianten vorhanden. Nicht alles betrifft mich direkt (zum Glück!). Oft erreichen mich nur die Ausläufer. Aber es reicht.

Seit gut zwei Jahren habe ich wiederkehrende Depressionen. In den depressiven Phasen habe ich es gerade noch geschafft, zu existieren und die notwendigsten Dinge zu erledigen. Für mehr fehlte die Kraft.
Vor etwa vier Wochen stellte sich dann heraus, dass die Depressionen vermutlich nicht nur psychische, sondern auch körperliche Ursachen hatte. Mein Herz funktionierte nicht mehr richtig. Der Puls wäre für einen sehr tiefenentspannten Spitzensportler vielleicht noch normal gewesen; für normale Menschen war er das nicht. Als Folge lief mein Körper selbst bei Belastung nur auf Sparflamme und manchmal habe ich das Gefühl, dass er nur noch lief, weil ich im Dauerstress war. Jedenfalls traten ein paar sehr interessante Effekte auf, von denen ich vielleicht ein anderes Mal und an einer anderen Stelle erzählen werde.

Und nun?

Seit vier Wochen trage ich einen Herzschrittmacher. Die Änderungen sind – interessant. Nicht nur, dass die Depressionen verschwunden sind und sich das ganze Leben mit einem Mal erstaunlich leicht anfühlt. Auch mein Kopf ist wie frisch gekärchert. Die Sorgen sind raus, der ständige Druck weg, alles strahlt und blitzt nur so vor Helligkeit.
Aber, und das habe ich erst nach einiger Zeit bemerkt, es fehlt auch etwas. Nicht so, wie nach einer Amnesie; ich weiß durchaus noch, wer ich bin, wo ich wohne und wo ich die Süßigkeiten vor mir selbst verstecke, um sie nicht auf einen Schlag aufzufuttern. Es ist das Bedürfnis, bestimmte Dinge zu tun; die Routinen, die mich am Laufen gehalten haben; der Wunsch, mich auszudrücken – das alles fehlt.

So, wie ich vor der Operation oft verzweifelt bin, weil ich nur einen Bruchteil dessen geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte, verzweifle ich jetzt daran, dass ich abends feststelle, nichts mit dem Tag angefangen zu haben, weil ich nicht wusste, was.
Wo es kein Bedürfnis gibt, gibt es auch kein Ziel und keine Richtung. Ich kann nicht einmal behaupten, ich ließe mich treiben, denn das wäre eine bewusste Entscheidung. Ich dümple, und das ist unbefriedigend.

Immerhin: Vor ein paar Tagen hat sich die Idee zu einer Hexengeschichte in meinem Hirn eingenistet und beginnt, erste, zarte Sprossen zu treiben. Ich habe diesen Artikel geschrieben. Und am Mississippi wartet ein Werwolf darauf, abgeholt zu werden. Es gibt Hoffnung. Ich werde berichten.