Mit Fehlern umgehen

Das ist einer dieser Artikel, die ich mit schwerem Herzen schreibe, denn hier geht es um eigene Fehler. Die zu erkennen, ist bekanntlich schwer. Noch schwieriger finde ich, sie dann auch noch zu beseitigen.
Ja, Fehler zuzugeben ist hart. Aber sie gewähren auch eine Ausrede. „Ich kann eben nicht zeichnen“, sagen ganz viele von sich und tun es dann auch nie wieder. Noch besser ist: „In Mathe/Naturwissenschaften/Sprachen war ich schon immer schlecht.“ Mit solchen Aussagen stößt man nicht nur auf absolutes Verständnis, sondern geradezu auf Anerkennung.

Quelle: Wladimir Berzin auf Pixabay

Aber selbst, wenn man einen Fehler nur vor sich selber eingesteht, ist es allemal leichter, sich damit abzufinden, versagt zu haben, als alles noch einmal von vorn anzugehen. Nicht nur, dass sich die ganze Zeit und Mühe, die man aufgewandt hat, vergeblich war. Jetzt ist auch klar, dass nichts das Gelingen garantiert. Das Ergebnis kann genauso schlecht sein, wie vorher. Von vorne anzufangen bedeutet daher, eine frustrierende Erfahrung bewusst zu wiederholen.

Gerade beim Schreiben bleiben solche Momente leider nicht aus. Ganz im Gegenteil. Es beginnt schon damit, dass Vorstellungen, die man glasklar und in allen Details im Kopf hatte, sich auf mysteriösem Weg in einen Haufen unzusammenhängender Fetzen verwandeln, so bald man damit beginnt sie auszuformulieren.
Hier kann es helfen, mit Bearbeitungsvermerken wie „#hier große Streitszene einfügen“ zu arbeiten und das Problem erst mal zu ignorieren. Aber spätestens bei der Überarbeitung geht das nicht mehr.
Noch schlimmer ist es, festzustellen, dass man mit Volldampf in eine Sackgasse gerauscht ist, wie es mir mit dem Werwolf-Western gerade passiert ist. Mein Fehler. Natürlich. Ich habe gedacht, weil es eine einfache Geschichte ist, reiche es, sie oberflächlich zu plotten. Das Ergebnis ist, dass mein Protagonist sich nun fragt, warum er diese Mission eigentlich abschließen soll. Tja. Dumm gelaufen. Das konnte ich ihm leider auch nicht sagen und seither schreit alles in mir, dass ich diese Geschichte versiebt habe.

Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten:

  • Ich kann mein Scheitern akzeptieren. War auch eine ausgesprochen dumme Idee, eine Geschichte im 19. Jahrhundert anzusiedeln. Noch dazu in den USA, die mir nicht nur geographisch fremd sind und dann auch noch mit einem komischen Genre-Mix … Vielleicht ist das alles ein bisschen viel und ich sollte die nächste Geschichte besser in einem Rahmen ansiedeln, der mir mehr liegt. Also Schwamm drüber, als schlechte Erfahrung verbuchen und nicht noch mehr Zeit investieren, als schon drin steckt. Ist ja auch nicht so, als hätte ich keine anderen Ideen!
  • Oder ich zwinge mich, weiterzumachen. Dieser Protagonist ist schließlich kein eigenständiges Wesen. Der ist meine Kopfgeburt und als solche hat er gefälligst zu tun, was ich ihm vorschreibe. Der wird also hübsch weiterziehen und tun, was nötig ist, um diese Geschichte zu beenden. Basta!
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Wenn du jetzt einwendest, dass beides blöd ist, hast du vollkommen recht.

Die erste Option ist feige. In dieser Situation aufzuhören heißt, zu kneifen, nur weil es schwierig wird. Außerdem wäre es schade um die Geschichte. Ich bin nämlich nach wie vor der Überzeugung, dass sie gut ist. Dass es sich lohnt, sie zu erzählen.
Die zweite Variante ist unprofessionell. Wenn ich weiß, dass etwas nicht funktioniert, lasse ich die Finger davon. Auf gar keinen Fall kann ich so tun, als sei nichts, das Ganze irgendwie fertig schreiben und dann veröffentlichen. Ich belüge weder mich selbst, noch andere.

Bleibt die dritte Option, die ich oben ausgespart habe: Ich umgehe das Problem mit einem Bearbeitungsvermerk und schreibe zunächst einmal die beiden (vorläufigen) Schlussszenen. Danach mache ich mich daran, alles aufzudröseln und die Fehler zu beseitigen, die ich am Anfang gemacht habe. Wird das frustrierend? Auf jeden Fall. Der ganze Aufbau ist falsch. Ich werde Szenen streichen müssen, in die ich viel Zeit, Mühe und Recherchearbei investiert habe. Dafür werde ich neue Szenen brauchen, die ursprünglich nicht vorgesehen waren. In der Zeit, die ich dieses Buch nicht herausgebracht habe, hätte ich einen Roman schreiben können. In der Zeit, die ich brauche, alles umzustellen, könnte ich auch eine andere Geschichte fertig stellen. Eine, die mich noch nicht frustriert hat und die sich möglicherweise leichter schreibt.
Aber das wäre feige. Außerdem glaube ich, wie schon gesagt, dass es sich lohnt, diese Geschichte zu erzählen.
Also hoffe ich auf ein Happy End in dem Wissen, dass es keins geben wird, wenn ich nicht dran arbeite.

[Werkstattgeplauder] Wie heldenhaft müssen Hauptfiguren sein?

Gerade im Bereich der Fantastik gehen viele Schreibtipps implizit oder explizit davon aus, dass die Protagonist*innen einer Geschichte das Gute verkörpern und die Antagonist*innen irgendwo auf der dunklen Seite agieren. Dementsprechend wird man mit Ratschlägen überhäuft, wie man den perfekten Schurken schreibt oder wie man seine Held*innen sympathisch macht.

Aber muss das so sein?

Vor ein paar Tagen gab es dazu ein interessantes Gespräch auf Twitter. Ausgangspunkt war dieser Tweet von @MichaelLeuchtenberger, in dem er zugab, wenig Lust zu haben, über Held*innen im klassischen Sinn zu schreiben:

Die Kommentare waren durch die Bank zustimmend. Als Grund wurde genannt, dass man sich mit solchen Figuren besser identifizieren könne. Außerdem lieferten sie reichlich Stoff für innere und äußere Konflikte, was gut für die Spannung sei. Als drittes Argument wurde genannt, dass Figuren ohne Schwächen auch nichts hätten, das sie überwinden und daran wachsen könnten.

Das ist alles vollkommen richtig und wird so auch in verschiedenen Schreibratgebern so bestätigt. Ich glaube aber, dass da ein generelles Missverständnis vorliegt. Deshalb möchte ich diese Begründungen, so wie ein paar der gängigen Schreibtipps zu Protagonist*innen einmal hinterfragen und auf ihre Stichhaltigkeit abklopfen.
Fangen wir ausnahmsweise von hinten an.

Müssen Protas Schwächen haben, die sie überwinden?

Es gibt unendlich viele Geschichten, die davon handeln, dass die Zentralfigur Schwächen oder Charaktermängel überwinden muss, um zum gewünschten Erfolg zu kommen oder wenigstens ein besserer Mensch zu werden. Fast jeder Martial Arts Film basiert darauf, aber auch Und täglich grüßt das Murmeltier ist so ein Beispiel. Phil Connors ist anfänglich genau so ein Kotzbrocken wie Ebenizer Scrooge aus Dickens Weihnachtsgeschichte, und beide müssen eine ähnlich fundamentale Wandlung durchmachen, um zum Ziel zu gelangen. Auch Marianne Dashwood aus Verstand und Gefühl (Sense and Sensibility) von Jane Austen muss erst von ihrer romantischen Weltsicht „geheilt“ werden, bevor sie ihr Glück findet.
Kurzum: Dieser Topos der Läuterung ist so verbreitet, dass man von einem eigenen Plot sprechen kann.

Aber verleiht das der Aussage generelle Gültigkeit, dass Protas Schwächen haben und überwinden müssten, um daran zu wachsen? Ich meine nein.
Alle Beispiele haben nämlich gemeinsam, dass die Schwäche im Mittelpunkt der Handlung steht.
Aber nicht alle Schwächen sind derart zentral. Ein Charakter kann launisch sein, kaffeesüchtig oder snobistisch. Er oder sie kann Hunde hassen, kleine Kinder verabscheuen oder Angst vor großen Höhen haben. Alles das wird das Verhalten dieser Figur und damit auch die Handlung beeinflussen. Zum Beispiel kann die Höhenangst dazu führen, dass die Figur einen bestimmten Weg meidet und gerade dadurch in Schwierigkeiten gerät. Aber selbst, wenn sie das Schlamassel überstanden hat, kann sie immer noch Angst vor Höhen haben.
Oft sind die Schwächen in diesem Fall der Charaktere nur ein erzählerischer Kniff, um die Handlung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Außerdem erzeugt es natürlich Spannung, wenn der unter Höhenangst leidende Prinz auf der Flucht vor seinen Verfolgern plötzlich an der Kante einer tiefen Schlucht steht, über die nur eine schmale, fragil wirkende Brücke ohne Geländer führt. Auf der anderen Seite wäre er sicher. Wird er seine Angst überwinden? Oder wird er zaudern? Werden die Schergen der roten Königin ihn einholen?
Stay tuned!
Damit sind wir bei der nächsten Frage:

Bild: Alexas_Fotos via Pixabay

Brauchen Protas Schwächen, um Stoff für Konflikte zu liefern?

Im Beispiel oben trägt der Prinz einen inneren Konflikt aus, indem er mit seiner Höhenangst kämpft. Und weil viel auf dem Spiel steht, ist das natürlich auch spannend. Genauso kann es spannend sein, zu beobachten, was passiert, wenn zwei Menschen mit konträren Ansichten und gegenseitigen Vorurteilen durch äußere Umstände gezwungen sind, zusammenzuarbeiten. Auch hier sind Konflikte vorprogrammiert und Konflikte sind nun mal ein Garant für Spannung.

Allerdings ist damit nicht gesagt, dass die Konflikte unbedingt durch Schwächen der Hauptfigur initiiert werden müssen. Gegenbeispiele liefern nicht nur die zahlreichen Superheld*innen, die dank ihrer Superkräfte vollkommen konfliktfrei durchs Leben kämen, wenn es keine superschurkischen Kontrahenten auf der anderen Seite gäbe. Außer ihnen gibt es noch eine andere Kategorie von Protas, die auch ohne offensichtliche Schwächen und Charaktermängel auskommt, die aber selten besprochen wird und für die es meines Wissens auch keine spezielle Bezeichnung gibt. Ich nenne sie mal positive Katalysatoren, weil ihr zweites Merkmal darin besteht, dass sie im Laufe der Geschichte zwar andere aber nicht sich selber verändern. Zu diesen positiven Katalysatoren gehört u. a. Paddington, der kleine Bär, der einfach nur lieb und freundlich zu jedem ist, bis jede/r andere auch lieb und freundlich ist. Ein weiteres Beispiel ist Vianne Rocher, die Hauptfigur aus Chocolat – Ein kleiner Biss genügt. Auch sie kommt ohne Schwächen und Charaktermängel aus. Die Konflikte entstehen allein aufgrund der Vorurteile ihrer Mitmenschen.

Mit anderen Worten: Schwächen und Charaktermängel liefern zwar wunderbaren Zündstoff für Konflikte und können damit für Spannung sorgen. Das heißt aber nicht, dass die Protagonisten unbedingt Schwächen und Charaktermängel haben müssen.

Müssen die Protas Identifikationsfiguren sein?

Zugegeben: Diese Frage empfinde ich kniffelig.
Einerseits scheint das Bedürfnis, sich mit den Protas zu identifizieren, bei vielen Leser*innen hoch zu sein. Jedenfalls lese ich in Rezensionen immer wieder den Satz „Ich habe mich mit XY gut identifizieren können.“ Auch im Rahmen der Diversitätsdebatte wird immer wieder angemerkt, dass man auf ein breites Figurenspektrum achten solle, damit sich alle Gruppen in Geschichten wiederfinden. Und noch eins ist klar, nämlich dass jede/r von uns Schwächen hat, und dass wir uns deshalb eher in solchen Figuren wiederfinden, die ähnliche Schwächen haben, wie wir.
Andererseits finde ich mich in beiden Positionen nicht ganz wieder. Ja, ich finde es durchaus angenehm, wenn die Figuren meine eigenen Vorstellungen wiederspiegeln, ähnliche Schwächen aufweisen und mit vergleichbaren Problemen kämpfen. Auf der anderen Seite finde ich es faszinierend, in eine ganz andere Vorstellungswelt einzutauchen. Die Welt aus neuen Perspektiven zu betrachten, ist um so viel auf- und anregender als sich im altbekannten auszuruhen. Das heißt aber auch, dass ich mich mit den Protas gar nicht unbedingt identifizieren muss. Ich komme auch prima mit solchen klar, die ganz anders sind, die andere Entscheidungen treffen oder einen anderen Blick auf die Welt haben. Wichtig ist mir nur, dass diese Entscheidungen b. z. w. ihr Blick auf die Welt für mich nachvollziehbar sind.

Aus meiner eigenen Perspektive kann ich daher nur sagen, dass Protas keine Identifikationsfiguren sein müssen. Allerdings sind die Ansprüche verschieden und deshalb würde ich in dem Punkt einen Rat abwandeln, der Schreibratgebern oft vorangestellt wird: „Schreib die Protas, die du gerne lesen möchtest.“

Müssen Protas sympathisch sein?

Wenn man sich mit den Protas schon nicht identifizieren können muss, sollten sie dann wenigstens sympathisch sein? Auch dazu, wie man das hinbekommt, gibt es ja diverse Tipps von Schreibratgebern, so z. B. „Rette die Katze“ von Blake Snyder, das den ersten Vorschlag bereits im Namen trägt.
Andererseits gibt es auch Bücher die hervorragend funktionieren, obwohl die Protagonisten alles andere als Sympathieträger sind. Heinrich Manns Der Untertan wäre so ein Beispiel. Sein Protagonist Diederich Heßling besitzt nicht einmal Charisma. Ganz offenbar geht es also auch anders.

Allerdings kann ich mir bestimmte Genres auch nicht mit unsympathischen Charakteren vorstellen. Liebesromane zum Beispiel. Wieso sollte sich jemand in einen grundsätzlich unsympathischen Menschen verlieben?
Gut, Young Adult setzt da neue Maßstäbe. Offenbar reicht es vielen „Heldinnen“ des Genres schon ein irgendwie geartetes „heißes“ Aussehen, um sämtliche Charaktermängel zu ignorieren, sich unsterblich in den Creep zu verlieben und das Ganze auch noch für romantisch zu halten. Zugegeben viele Vampirromane sind nicht besser, auch wenn sie für älteres Publikum geschrieben sind. Insofern ist die Zuspitzung auf Young Adult nicht ganz fair. Aber ganz allgemein würde ich doch meinen, dass man sympathischen Charakteren eher zutraut zueinander zu finden, ihnen die gegenseitige Zuneigung auch eher abnimmt und das Happy End gönnt.

Auch sonst sorgen sympathische Charaktere eher dafür, dass die Leser*innen Anteil an ihrem Schicksal nehmen und deshalb weiterlesen. Bei einer unsympathischen Hauptfigur ist es ungleich schwerer, die Leser*innen bei der Stange zu halten, wenn sie sich nicht ohnehin gleich angewidert abwenden.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass sympathische Charaktere zwar kein Muss sind, aber lieber gelesen werden. Um das zu erreichen, ist es durchaus sinnvoll, ihnen auch ein paar, wenn auch nicht allzu gravierende Schwächen mitzugeben. Schließlich mögen wir auch in der Realität Menschen mit kleinen Schwächen lieber als solche, die keine Fehler zu haben scheinen. In Büchern wirken ganz fehlerlose Charaktere schnell steril und langweilig.

Sollten Protas Vorbilder sein?

Wenn du mir bis hierher gefolgt bist, beschäftigt dich vielleicht auch diese Frage. Sollten Protas nicht doch irgendwie heldenhaft sein, um als Vorbild dienen zu können? Stören Fehler da nicht irgendwie? Darf der Prinz aus dem ersten Beispiel, ein solcher Feigling sein, dass er es selbst unter Lebensgefahr nicht schafft, die Schlucht zu überwinden, obwohl er doch der Auserkorene ist, um die Welt zu retten? Darf er sich den Schergen der roten Königin heulend vor die Füße werfen und um sein Leben betteln?
Das wäre absolut nicht heldenhaft und als Vorbild untauglich, sagst du und dabei stimme ich dir vollkommen zu. Aber wenn du mich nach meiner Sicht der Dinge fragst, darf er das trotzdem. So, wie ich das sehe, müssen Protagonist*innen keine Vorbilder sein. Sie sind zwar die Hauptfiguren, aber ihre erste und wichtigste Eigenschaft ist es, die Handlung voranzubringen. So lange sie diese Aufgabe erfüllen, ist es unwichtig, ob sie widerliche Schleimbeutel auf zwei Beinen sind oder heldenhaft, großmütig und klug. Als Autorin oder Autor bist du frei, wie du sie gestalten willst.
Aber, fragst du jetzt vielleicht, was ist, wenn meine Hauptfigur nicht nur eine Schwäche hat, sondern einen richtigen Charaktermangel? Bleibt nicht die Moral auf der Strecke, wenn ich eine rassistische Kinderhasserin zur Protagonistin machen oder einen versoffenen Incel zum Protagonisten?

Quelle: Hans via Pixabay

Ganz ehrlich? Natürlich darfst du. Dann ist dein Protagonist/deine Protagonistin ein schlechter Mensch, aber so what? Niemand verbietet dir, über schlechte Menschen zu schreiben. Ob dabei die Moral auf der Strecke bleibt, hängt davon ab, ob du sein Verhalten als richtig darstellst. Hier sind wir wieder bei dem Problem, das ich schon oben bei Young Adult und bei den Vampirromanen angesprochen habe: Es gibt inzwischen unzählige Romane, in denen Stalking, Gaslighting und verschiedene Formen psychischen und physischen Missbrauchs als romantisch verklärt oder Zeichen von Überlegenheit gedeutet werden. Aber so lange du das nicht tust, ist zumindest aus meiner Sicht alles o. k.
Das gilt besonders, wenn du Korrektive einbaust, d. h. wenn deine Figur für ihre Haltung auch kritisiert wird und moralische Niederlagen einstecken muss. Ganz generell gilt aber, dass wir gar nicht moralfrei schreiben können. Jede Geschichte, jeder Charakter trägt irgendwo eine Moral in sich. Es beginnt schon mit der Auswahl dessen, welche Geschichten wir für erzählenswert halten. Es geht weiter damit, wie wir unsere Figurenliste besetzen, welche Konflikte wir einbauen und auf welchen Wegen wir unsere Charaktere zum Ziel gelangen oder scheitern lassen. Das Meiste davon passiert ganz unbewusst. Deshalb ist vor allem wichtig, diese Prozesse immer mal wieder zu reflektieren und nachzudenken, ob wir so verstanden werden, wie beabsichtigt. Also nicht einfach draufloszuschreiben, die eigenen Kinks zu verallgemeinern und darauf zu vertrauen, schon richtig verstanden zu werden. So oder so: Deine Leser*innen werden sich selber ein Bild vom Charakter deiner Protas machen und ihr eigenes Urteil fällen.
Unterschätze sie nicht. Sie sind nicht blöd.

Zusammenfassung

Protagonist*innen dienen dazu, die Handlung voranzutreiben. Wie sie das tun, wie perfekt sie sind und wie moralisch sie dabei handeln, liegt an dir. Wenn du ihnen kleine Schwächen verleihst, kann das hilfreich sein, aber es ist kein Muss. Genauso wenig, wie es ein Muss ist, sie als gute Menschen darzustellen. Als Autor oder Autorin bist du frei, sie nach deinen Ansprüchen an deine Geschichten zu gestalten.
Das Einzige, was du beachten solltest ist, die Geschichte so zu schreiben, dass sie nicht deinen eigenen Moralvorstellungen widerspricht. Damit bist du zwar immer noch nicht vor Kritik und Missverständnissen gefeit. Aber du kannst sie besser vor dir selber vertreten und das macht auch den Umgang mit Kritik leichter.

Wie siehst du das? Wie heldenhaft (und moralisch) müssen Hauptfiguren sein?

Neue Challenge #CharactersofSeptember: Seraina

Für September ist eine Challenge ausgerufen, die ich sehr spannend finde. Es geht darum, einen fiktiven Charakter näher vorzustellen. Spannend ist es, weil die Fragen es durchaus in sich haben.

Ich habe eine Weile mit mir gerungen, welchen Charakter ich vorstellen soll. Spontan ist mir Dejasir no’Sonak aus Steppenbrand eingefallen. Vielleicht, weil ich das Buch gerade als Print herausgebracht habe, vielleicht aber auch, weil er immer noch so etwas, wie mein Lieblingsschurke ist.
Aber über Steppenbrand habe ich schon so viel erzählt und immer der gleiche Charakter ist auch langweilig.
Als nächstes habe ich an Silke gedacht, meine neueste Protagonistin. Sehr badass. Über sie ließe sich auch einiges erzählen. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto weniger gefiel mir die Idee. Silke darf ihre Geheimnisse also noch eine Weile behalten.

Statt dessen also Seraina. Sie ist einer der Geister aus „Der Fluch des Spielmanns“. Damit ist sie formal zwar nur eine der Nebenfiguren – aber sie gibt der Geschichte eine entscheidende Wendung.
Außerdem war ihr (realer) Tod Anlass, dass diese Geschichte überhaupt entstanden ist. Seraina hat es nämlich wirklich gegeben. Ihre Knochen wurden vor einigen Jahren zufällig bei Bauarbeiten entdeckt. „Der Fluch des Spielmanns“ rekonstruiert eine Möglichkeit, wie sie dort hingekommen sind.


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Der Fluch des Spielmanns ist für alle gängigen Lesegeräte erhältlich, z. B. bei diesen Anbietern: https://books2read.com/Spielmannsfluch

(Der Klick auf ein Icon leitet in den jeweiligen Shop weiter)

phantastische Frauen: Susan Dexter

Meine im Rahmen der Autorinnenzeit begonnene, sehr persönliche Reihe über Frauen in der Phantastik, die mich und mein Schreiben geprägt haben, wäre unvollständig, wenn ich nicht wenigstens auch Susan Dexter erwähnen würde.

Ihre Bücher habe ich verschlungen, obwohl sie ein Genre berühren, das ich sonst so gar nicht mag: Den Liebesroman. Dabei ist „berühren“ eigentlich das falsche Wort, denn ihre Romane beinhalten immer eine Liebesgeschichte, die so zuckersüß und fluffig ist, wie Sahneschnittchen mit rosa Zuckerguss. Daneben geht es auch immer um ein ganz besonderes Pferd. Valladan, einen schwarzen Hengst mit außerordentlichen Fähigkeiten.

Kurzum: Kitsch.

Man könnte Sodbrennen davon bekommen, wenn es nicht so perfekt wäre und so komisch. Susan Dexter greift absichtlich in die Klischeekiste und treibt alles, was ihr dabei in die Finger gerät, gnadenlos und konsequent auf die Spitze. Das und die Komik sorgen für eine ironische Brechung, die den Kitsch auf ein mehr als nur genießbares Maß reduziert. (Ich erspare mir hier weitere Kuchenvergleiche, sonst stürme ich die nächste Konditorei)

Es gibt aber noch einen anderen Punkt, in dem sich ihre Romane sehr deutlich von moderner Romantasy unterscheiden: Bei Susan Dexter sind es nie die Frauen, die irgendwelchen supercoolen, badassigen, heißen Typen hinterherhecheln. Wenn jemand badass ist, dann die Frauen. In jedem Fall haben die aber sehr konkrete eigene Ziele und es sind die Männer, die ihren Wert beweisen müssen (und es natürlich tun, schließlich handelt es sich um Liebesromane, da ist Happy End nahezu Pflicht).

Ich muss gestehen, dass ich es schade finde, dass ihre Bücher nicht mehr aufgelegt werden, sondern allenfalls noch antiquarisch zu haben sind. Ihre Protagonisten finde ich nämlich deutlich anziehender, als die ganzen modernen männlichen Love-Interests, die sich neben ihrem Reichtum vor allem dadurch auszeichnen, dass sie Frauen schlecht behandeln. Dann doch lieber einen wahren Ritter!*


„Der wahre Ritter“ ist der Titel eines von Susan Dexters Romanen – und der allerkitschigste.

[Werkstatt] Warum sind Antagonisten oft cooler als der Rest?

Geht es dir auch so, dass du die Helden einer Geschichte oft langweilig findest, verglichen mit dem Antagonisten? In Gesprächen mit Kolleginnen taucht das Thema jedenfalls immer wieder auf. Antagonisten sind cool, Helden eher lame. Aber warum?

Ich habe mal ein paar mögliche Antworten gesammelt:

  • Antagonisten dürfen tun, was sie wollen, während die Helden auf ihre gute Seite festgelegt sind.
  • Antagonisten haben den besseren Start (Superkräfte, Macht, Reichtum), die Protagonisten starten als 08/15.
  • Antagonisten spiegeln die verdrängten dunklen Seiten und unerfüllten Wünsche der Leser.
  • Helden sind oft weniger ausgearbeitet und gewinnen erst im Kampf mit dem Antagonisten Profil.

Vor allem den letzten Punkt finde ich ziemlich wichtig, auch wenn wir alle natürlich versuchen, gerade den Helden möglichst gut auszuarbeiten. Die meisten Protagonisten starten inzwischen mit einer Biografie. Sie haben Stärken und Schwächen und alle guten Autoren, die ich kenne sorgen dafür, dass diese auch zum Tragen kommen. Und trotzdem …

Deshalb glaube ich inzwischen, dass es noch einen anderen Punkt gibt, der dafür sorgt, dass wir Antagonisten spannender finden: Sie haben von Beginn an ein Ziel.
Der Protagonist hat meist zwar den ersten Auftritt, wird aber in einer behaglichen Ausgangssituation gezeigt und muss oft erst auf die richtige Spur gesetzt werden. Denk‘ an Bilbo, den Hobbit: Er hat seine Höhle, seine Pfeife und nicht die leiseste Lust, sein angenehmes Leben aufzugeben. Erst die Intervention Gandalfs und der Zwerge später bringt ihn dazu, sich zu bewegen.
Das ist das klassische Modell der Heldenreise. Der Ruf ergeht, der Held lehnt ab. Dann passiert etwas, das ihn doch aus dem Haus zwingt und endlich gewinnt die Geschichte an Fahrt.
Nun gibt es im Hobbit keinen echten Antagonisten, sondern nur einen Endgegner. Aber wenn man den Herrn der Ringe ansieht, der ähnlich aufgebaut ist, sieht man, dass Sauron längst aktiv ist, noch bevor Frodo seine ersten Schritte aus dem Auenland gemacht hat. Genau genommen ist es Sauron, der ihn überhaupt zum Aufbruch zwingt.
In den Schreibratgebern ist dazu oft von der Fallhöhe die Rede. Die Theorie lautet, dass die Leser um so mehr mit einer Figur mitfiebern, je größer der Verlust ist, den sie erleidet. Das gilt vor allem für die ganzen verstoßenen Prinzessinnen in den Märchen. Aber auch viele Superhelden müssen erst Heim und Familie verlieren. Mit anderen Worten: Sie starten als Opfer. Passiv.

Aber auch danach fehlt ihnen oft noch ein Ziel. Batman baut keine Schulen, sondern spielt den reichen Snob und vermöbelt Kleinkriminelle bis ihn ein Superschurke aus der Deckung zwingt. Es ist der Schurke, der die Fäden zieht und der Held, der darauf reagiert. Überspitzt könnte man sagen: Der Protagonist ist die Marionette des Antagonisten.
Und genau das ist das Problem. Niemand findet Marionetten spannend. Wir interessieren uns automatisch mehr für den Puppenspieler.

Daher wäre mein Tipp, um den Protagonisten interessant zu gestalten: Gib ihm von Anfang an ein Ziel. Das kann ruhig banal sein. Helden müssen nicht schon am Anfang die Welt retten wollen. Das Ziel kann genauso darin bestehen, eine Frau zu finden und ihr einen Antrag zu machen (Next). Wichtig ist nur, dass der Protagonist schon erste Schritte unternommen hat, um dieses Ziel zu erreichen, bevor der Antagonist dazwischenfunkt. Sonst sind wir nämlich wieder bei der klassischen Heldenreise, wo die Hand der Prinzessin und das halbe Königreich nur die Belohnung dafür sind, dass der vergleichsweise lahme Protagonist doch noch den Arsch hochgekriegt hat.

Wie siehst du das? Sind für dich Antagonisten auch spannender? Beziehungsweise: Was tust du, um deine Protagonisten interessanter zu gestalten?

[Fantasy] Ist das Happy End Pflicht?

Auf Tor online ist dieser Tage ein Beitrag erschienen, in dem es um die Umkehrung der Heldenreise geht. Geschichten, in denen nicht das Gute triumphiert, sondern der, der am Anfang gute Protagonist sich zum Bösen wandelt.
In anderen Genres sei das ok, schreibt die Autorin – nur eben nicht in der Fantasy.

Bösewichte gibt es in der Fantasyliteratur jede Menge – aber echte Anti-Helden, denen man beim Bösewerden zuschauen kann, nur wenige.

In der Fantasy trügen die die Bösen entweder immer schon den Keim des Bösen in sich (wie Voldemort, der nie sympathisch gezeichnet wird), ihre Entwicklung werde nicht nachgezeichnet (wie bei den Nazgul) oder sie behielten noch einen Funken Menschlichkeit (wie der Inquisitor in der Mistborn-Trilogie).

Das sei aber auch gut so, meint die Autorin, denn Fantasy sei per se eine Literatur der Happy Ends und der Hoffnung.

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Quelle: Couleur via Pixabay

Wir brauchen einfach das euphorische Ende und den Triumph der Kräfte des Guten, und ein Held, der zum Antihelden wird – das passt da einfach nicht rein.

Wer mich kennt, wird ahnen, dass ich diese Ansicht für grundlegend falsch halte*. Nicht, dass ich die Vorbildwirkung der Heldencharaktere bestreiten will. Beileibe nicht.
Aber was sind das denn für Helden, die immer nur gegen Schurken kämpfen dürfen, denen das Wort „böse“ in Leuchtbuchstaben auf die Stirn tätowiert ist? Wieso soll sich das Gute entwickeln dürfen und das Böse schon von Anfang gesetzt sein? Was ist das überhaupt für ein Bild des Bösen, das da transportiert wird?

Meines Erachtens verharmlost man das Böse, wenn es immer nur in den drei Formen auftaucht: „war schon immer so“, „naturgegeben“ (weil schlechte Anlagen) oder „nicht so schlimm“ (weil Rest von Menschlichkeit bewahrt, der in der Stunde der Bewährung durchbricht, wie bei Darth Vader). Es wird zu einer nicht weiter reflektierten Bedrohung, die mit allen Mitteln beseitigt werden muss. Eine Auseinandersetzung damit, wie diese Bedrohung entstanden ist, findet allenfalls am Rande statt. Die Antagonistin hatte eine schlimme Kindheit oder wurde von ihrem Lover verlassen. Jetzt ist sie eben böse. Punkt.
Ein bisschen wenig, wie ich finde. Im schlimmsten Fall sogar Klischee.

Und ich will auch nicht nur über strahlende Helden lesen, die am Ende die liebreizende Prinzessin küssen und das halbe Königreich einsacken. Auch nicht, nicht wenn es Kriegerprinzessinnen sind, die am Ende die Liebe ihres Lebens finden. Auch das ist für mich Klischee. Kurzum: Ich muss kein Happy End haben.
Deshalb finde ich es toll, dass Tolkien Frodo zuletzt scheitern lässt, indem er ihm die Rückkehr ins alte Leben versagt. Ich warte nägelkauend darauf, dass Pat Rothfuss endlich den dritten Teil seiner Königsmördertrilogie beendet, um Kvotes Scheitern zu erleben.
Genauso interessiert mich der Werdegang der Schurken. Was hat sie zu dem gemacht, was sie sind? Welche Widerstände mussten sie überwinden? Welche Entscheidungen haben sie aus welchen Gründen getroffen? Wie rechtfertigen sie ihr Handeln? Nur Comicschurken handeln, um schurkisch zu sein. Aber was sind die Gründe. Das fände ich durchaus spannend. Ebenso, ob sie ihre Ziele durchsetzen oder ob sie scheitern, wobei ich dann gar nicht sicher bin, welche der beiden Alternativen dann das Happy End wäre.

Wie siehst du das, ist Fantasy per se eine Literatur der Happy Ends und der Hoffnung?


 

*Diese Haltung vertrete ich nicht nur in meinen Blogbeiträgen. Auch meine Erzählungen haben wenig mit klassischem Heldentum zu tun und die einzige Geschichte, die so was, wie ein Happy End hatte, war bisher der Fluch des Spielmanns. Über den Heldenstatus des Protagonisten ließe sich allerdings diskutieren.nohappyendwarnung

Zu O Tannenbaum schrieb ein Leser, ich solle besser eine „no Happy End Warnung“ ausgeben.

Und Steppenbrand tut genau das, was Fantasy angeblich nicht macht: Es zeichnet den Werdegang eines Antagonisten nach. Daran hat sich bisher allerdings kein Leser gestört.

Realistische Vampire (1): Wie wird man eigentlich Vampir?

An der Überschrift für diesen Artikel habe ich lange überlegt. Ursprünglich wollte ich ihn mit Fantasy und Realismus überschreiben, aber das hätte auf eine grundsätzlichen Auseinandersetzung hingedeutet, die ich an dieser Stelle nicht führen wollte. Hier sollte es wirklich in erster Linie um realistische Vampire gehen.

Warum mir das wichtig ist? Der Anlass ist natürlich, dass ich gerade selber über Vampire schreibe. Da bleibt es nicht aus, dass man sich ein paar Gedanken macht.
Um es vorab zu sagen: Ich finde supersexy, superstarke, superschnelle Charaktere totlangweilig. Erst recht, wenn sie auch noch reich und mächtig sind und außergewöhnliche Fähigkeiten, wie Telepathie, Gedankenkontrolle und ähnliches besitzen. Dummerweise trifft all‘ das auf moderne Vampire zu.
Dracula hatte zwar schon einen hohen Glamourfaktor, aber immerhin glitzerte er nicht in der Sonne, sondern verbrannte. Außerdem war er der Antagonist – und Antagonisten verzeiht man gerne ein paar Sonderfähigkeiten, weil sie den Helden am Ende um so heroischer aussehen lassen.

Aber wenn mich etwas an einem literarischen Helden antörnt, dann ist das nicht seine Überlegenheit, sondern die Art, wie er mit seinen Schwächen umgeht. Das gleiche gilt selbstverständlich für Heldinnen.
Als ich beschloss, über Vampire zu schreiben, war es daher logisch, zuerst über mögliche Schwächen nachzudenken. Das brachte mich auf die Frage, wie man zum Vampir wird.
Bei Dracula geschieht das, indem der Graf das Opfer dreimal beißt und ihm dann sein eigenes Blut verabreicht. Diese Blutspende hat sich als Topos teilweise bis in die Neuzeit erhalten, aber ehrlich gesagt, überzeugt mich dieser Übertragungsweg nicht.

Im 19. Jahrhundert, als sich gerade die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass Krankheiten nicht auf einem Ungleichgewicht von „Körpersäften“ basierten, mag so eine Erklärung noch logisch geklungen haben. Aber der menschliche Verdauungstrakt ist erstaunlich robust. Mit ein bisschen Blut wird er problemlos fertig.
Da Vampirismus aber nun mal ansteckend zu sein scheint, wäre eine Übertragung durch ein Virus eine logische Erklärung. Nur nicht durch den Magen-Darm-Trakt, sondern durch eine Infektion der Wunde. Wenn sich das Virus im Speichel befindet, gerät beim Biss automatisch in die Blutbahn.
Allerdings ergäbe es wirklich keinen Sinn, wenn jeder Gebissene zum Vampir werden würde. Damit entzöge es seinem Wirt auf Dauer die Existenzgrundlage. Einfacher ausgedrückt: Wenn alle zum Vampir werden, gibt es irgendwann keine Menschen mehr. Die Nahrung stirbt aus.
Also muss das Immunsystem gewinnen. Meistens jedenfalls.

Die Blutspende ergibt trotzdem einen Sinn. Welchen, verrate ich ein anderes Mal.


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Teil 2: Was macht (meine) Vampire aus?
Teil 3: Die Ernährungsfrage
Teil 4: Das Gebiss
Teil 5: Sozialstukturen


Cover thumpSie will nicht nur dein Blut! Silke hat ganz andere Interessen. Dazu braucht sie den richtigen Mann – wenn auch nicht aus den üblichen Gründen.

Biss zum letzten Akt gibt es als Print und als E-Book überall dort, wo es gute Bücher gibt.

Vorab eine Leseprobe gefällig? Dann bitte hier entlang!

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Irgendwie geht es in Geschichten immer um Beziehungen. Sogar, wenn man über Eremiten schreibt. Die führen ihre Beziehung dann eben mit Gott (auch, wenn der selten antwortet, was vielleicht besser ist – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte).

Der Beziehungsstatus meiner derzeitigen Protagonistin würde bei Facebook vermutlich lauten: „es ist kompliziert“. In der Langfassung liest sich das im Entwurf so:

Zwei Tage später rief er an und lud sie zum Abendessen ein. Die Woche darauf gingen sie zusammen ins Kino. Drei Wochen später versuchte er das erste Mal, sie zu küssen. Seit einer Woche sprach er davon, sie endlich seinen Eltern vorzustellen. Gestern hatten sie sich verlobt. Höchste Zeit, ihn loszuwerden.

Was das jetzt mit Vampiren zu tun hat, verrate ich vielleicht ein andermal.

Neues vom NaNo: Meine Protagonistin

Jepp, du hast richtig gehört. Nachdem Steppenbrand und der Fluch des Spielmanns männliche Hauptfiguren hatten (genauso wie die Weihnachtsgeschichte, die ich für Clue Writing verfasst habe), ist es Zeit, mal wieder aus weiblicher Sicht zu schreiben. Obwohl ich nicht finde, dass die Unterschiede so wahnsinnig groß sind. Wenn ich mir meine Protagonisten ansehe, ist es wie in der „echten Welt“: Es gibt sehr große Unterschiede zwischen Männern und genauso große bei den Frauen. Tatsächlich ist das biologische Geschlecht nur ein kleiner Teil dessen, was unsere Identität und den Charakter ausmacht.

Aber ich schweife ab, ich wollte ja von meiner Protagonistin erzählen. Dieses Mal musste es eine Frau sein, weil sie eine Dryade ist und Dryaden nun mal weiblich sind. Wikipedia meint, dass die Dryaden laut griechischer Mythologie sogar die Gestalt besonders schöner Frauen gehabt hätten. Aber das liegt vermutlich im Auge des Betrachters und wenn der z. B. ein Faun ist und sowieso über alles herfällt, was nicht bei drei auf dem Baum ist … Besten Dank auch!

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Darf ich vorstellen: Velona. Nicht unbedingt eine klassische Schönheit.

Ich schweife schon wieder ab. Hauptmerkmal der Dryaden ist jedenfalls, dass sie Baumnymphen oder -geister sind und verdammt sauer werden können, wenn man sich an „ihren“ Bäumen vergreift. Und genau das passiert in meiner Geschichte.


Unter der Überschrift Neues vom NaNo berichte ich über meine Erlebnisse beim NaNoWriMo, dem größten virtuellen Schreibtreffen. Einen Monat lang treffen sich Autoren aus aller Welt, um sich gegenseitig bei einem Ziel zu unterstützen: Innerhalb von 30 Tagen mindestens 50.000 Worte zu schreiben.

Die leidige Sache mit den Protagonisten – 5 Wege Sympathien zu wecken

Wenn du in einen Schreibratgeber schaust, wirst du als eine der ersten Regeln finden, dass du deine Protagonisten sympathisch rüberbringen sollst. Wenn selbst die Antagonisten noch eine positive Seite brauchen, gilt für Protagonisten ganz offensichtlich die Regel, dass das nette Menschen sind, die nette Dinge tun. Natürlich dürfen sie auch eine düstere Seite haben, aber im Wesentlichen müssen sie nett sein.

Oder?

Bei mir stelle ich gerade fest, dass meine Protas* zum Gegenteil tendieren.
Dejasir no’Sonak aus Steppenbrand war am Anfang immerhin ein netter (wenn auch arroganter), gutaussehender Kerl mit den besten Absichten. Im Gegensatz zu ihm ist Corvin, der Protagonist aus „Der Fluch des Spielmanns“, der Geschichte, an der ich gerade arbeite, zu Beginn der Geschichte aber bereits um die 40 und nicht nur ich möchte ihm am liebsten gelegentlich eine kleben. Dabei ist er nicht wirklich unsympathisch – aber eben auch kein netter Mensch, der nette Dinge tut.
Das Gleiche lässt sich über die Dryade in der geplanten Weihnachtsgeschichte für den Codex Aureus und den Protagonisten in der Weihnachtsgeschichte sagen, die ich als Gastautorin für Clue Writing schreiben werde.
Alle nicht unbedingt nett. Weder im Wesen, noch ihrem Handeln nach. Trotzdem beruhen meine Sympathien für sie nicht nur darauf, dass sie meine geistigen „Kinder“ sind.

Tatsächlich gibt es fünf Wege, Sympathien für deine Protas zu wecken.

  1. Die Ziele

    Seit je her haben Helden hehre Ziele: Drachen töten, Prinzessinnen retten oder wenigstens einen Mörder dingfest zu machen. Je mehr wir mit diesen Zielen übereinstimmen, desto sympathischer ist uns der Held (oder die Heldin).

  2. Die Handlungen

    „Gut ist, wer andern Gutes tut“, wusste schon Jean de La Bruyère, ein französischer Moralist aus dem 17. Jahrhundert. „Wenn er dafür leidet, daß er Gutes tut, so ist er noch besser.“ Genauso funktionieren Geschichten. Wer seine Höhenangst überwindet, um das ängstlich miauende Kätzchen vom Baum zu holen, hat unsere Sympathien.

  3. Die Schwächen

    Wir leiden mit den Underdogs. Egal, ob Hobbits auf dem Weg zum Schicksalsberg oder Wanderhure: Je größer das Missverhältnis ist, zwischen der Bedrohung und dem, was die Protagonistin ihm entgegenzusetzen hat, desto mehr leiden wir mit ihr.

  4. Der Verstand

    Erinnert sich noch jemand an MacGuyver? Ich erwähne den jetzt nicht nur, weil die Serie neu aufgelegt werden soll. Er ist auch ein schönes Beispiel dafür, für die Sympathie, die jemand weckt, der in der Lage ist, sich nur mit Hilfe seines Verstands und eines schwetzer Taschenmessers aus jeder Situation zu befreien. Intelligenz macht eben sexy, das gilt auch für Protagonisten.

  5. Der Humor

    Ok, ich gebe zu, dass es sauschwer ist, wirklich humorvolle Charaktere zu schreiben. Aber dafür ist ein Protagonist, der in der selbst in schwierigen Situationen mit einem originellen Spruch kontert, fast unwiderstehlich.

  6. Das Aussehen

    Der schwächste Aspekt, aber trotzdem: Wir hegen automatisch mehr Sympathie für die schöne Müllerstochter, als für das buckelige Rumpelstilzchen. Deshalb sind aggressive Aliens und andere Schurken im Film oft auch ausgesprochen hässlich, während die Protagonistinnen überwiegend jung und ausgesprochen hübsch anzusehen sind.

Je mehr dieser Attribute deine Protas mitbringt, desto höhere Sympathiewerte erzielen sie im Ergebnis. Wenn du nicht gerade Kitsch schreibst, solltest du ihnen aber auch Schattenseiten mitgeben, weil sie sonst so strahlend und moralisch einwandfrei daherkommen, dass sie wieder langweilig werden oder den Leser anöden.


*Ich benutze die Abkürzung lieber, weil sie auf männliche und weibliche Charaktere gleichermaßen passt.