Preisgestaltung bei eBooks

Bruno E. Thyke alias @augenschelm hat einen sehr guten Beitrag zum Wert von eBooks und Geschichten geschrieben: 99 Cent für deine Geschichte.
Genauso hätte er seinen Beitrag mit „Und davon willst du leben?“ übertiteln können. Denn, machen wir uns nichts vor: Die wenigsten AutorInnen können allein vom Schreiben leben. Unter den SelfpublisherInnen sind es noch weniger. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, Raubbau an uns selber zu betreiben, indem wir uns und unsere Geschichten weit unter Wert verkaufen.

Aber warum sollte das so bleiben? Ein Buch zu schreiben ist harte Arbeit. Es fertigzustellen zeugt von Kreativität, Mut und Durchhaltewillen. Sollten wir nicht den gleichen Mut, die gleiche Kreativität und die gleiche Energie darein setzen, auch anständig bezahlt zu werden? Oder sind wir uns selber so wenig wert?

Evelyn de Morgan: The Worship of Mammon, Eigentum des De Morgan Centres London
Autorin beim verzweifelten Versuch, Geld für ihr eBook zu bekommen (Bildquelle: Wikimedia, Copyright: http://www.the-athenaeum.org/art/detail.php?ID=111065)

[Fundstück] Wie ein Scheißbuch zu einer Facebookposse wurde

Daniel Isberner vom gleichnamigen Blog hat ein Buch herausgebracht, dessen Name Programm ist: „Das extragroße Buch der Scheiße“, als eBook bei Amazon für 99 Cent. Der Inhalt: Zwei Kapitel mit notdürftiger Handlung, in denen ununterbrochen geflucht wird, ein drittes, in dem der Leser gefragt wird, was er sich von 99 Cent besseres erwartet und ein viertes, das sich mit dem Wert der Literatur im Allgemeinen beschäftigt.

Ich finde das eine sehr witzige Idee und wünsche dem Buch viele Käufer unter den Schnäppchenjägern.

Die Geschichte geht aber weiter und zwar auf Facebook, das zwar sehr phlegmatisch im Umgang mit Verleumdungen ist, auf Scheiße aber um so empfindlicher reagiert. Die vollständige Geschichte gibt es hier: http://www.danielisberner.de/2017/03/merkel-muss-sterben-in-ordnung-scheisse-nicht-eine-facebookposse/#comment-11209

Selbstausbeutung als System – Preisaktionen bei eBooks

Dieser Artikel ist eine Ergänzung zu Artikeln von Nina Hasse und Carola vom Schreibkasten. Beide haben kürzlich über das Thema Preisaktionen bei eBooks gebloggt und da das für mich ebenfalls ein wichtiges Thema ist, würde ich es gerne aufgreifen und fortsetzen.

Preisaktionen führen zu falschen Erwartungen

Preisaktionen sind auf dem eBook-Markt inzwischen schon so sehr die Regel, dass es sich gleich mehrere Dienstleister darauf spezialisiert haben, für Geld über Twitter und andere soziale Medien verbreiten, dass dein eBook gerade umsonst zu haben ist.
Manche Leser erwarten offenbar schon, dass die Preise regelmäßig sinken. Jedenfalls habe ich von einer Autorin gehört, die direkt darauf angesprochen wurde, wann sie denn mal wieder …

Sie hat nicht und ich denke, das ist gut so. Meine Schwester hat schon schwer geschluckt, als ich ihr erzählt habe, was eBooks von Midnight by Ulstein und anderen Inprints kosten. (Man muss dazu sagen, dass meine Familie alles andere als technikaffin ist. Meine Schwester hat nie einen eBook-Reader angefasst; sie nutzt nicht mal die Apps auf ihrem Handy.) „Das ist doch ein Witz“, war ihre erste Aussage. „Davon kann man doch nicht leben!“
Dann habe ich ihr erzählt, dass selbst publizierte Bücher in der Regel sogar noch billiger angeboten werden.

Selfpublisher denken nicht wirtschaftlich genug

Nun ist meine Schwester Kauffrau mit Schwerpunkt Controlling. Da achtet man logischerweise auf sowas wie Gewinnziele, Kostenkontrolle etc. Anders viele Autoren, die anfangs oft nach dem Motto zu handeln scheinen: „Hauptsache, es wird gedruckt oder erscheint als eBook“

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Bildquelle: Pixabay

Mit dieser Einstellung machen die Vanity-„Verlage“ ihre Geschäfte, sie sichert die Vielzahl der on Demand Hersteller und natürlich macht sie sich auch im eBook-Sektor bemerkbar. Aber anders, als bei den Print-Versionen muss man beim eBook nicht in Vorkasse treten. Material braucht man keines und Lektorat, Korrektorat, Cover – das liegt alles bei einem selber.
Damit will ich nichts gegen Selfpublisher sagen. Ich weiß, dass die Meisten wirklich mit Herzblut an ihren Projekten hängen und unermüdlich daran arbeiten, sich und ihre Werke immer noch zu verbessern. Um Geld geht es nur wenigen, statt dessen hört man immer wieder die Antwort: „Wir schreiben ja nicht nur dafür!“ Wenn nicht in Lektorat und Cover investiert wird, liegt das eher daran, dass kein Geld dafür vorhanden ist.
Aber wenn man so produziert, d. h. alles selber macht, ist es auch leicht zu sagen: Hat mich nichts gekostet – das kann ich dann auch verschenken, wenn dadurch der Umsatz steigt.

Drei Fehlschlüsse beim Marketing

Ein Stück weit kann ich diese Einstellung sogar nachvollziehen. Denn wenn man sich so viel Mühe gemacht hat, will man natürlich auch gelesen werden. Also muss man Marketing betreiben, denn als man hat ja keinen Verlag hinter sich, der übernimmt. Man betreibt ein Blog, ist in den sozialen Medien aktiv, aber das Buch dümpelt irgendwo versteckt in einer ellenlangen Liste und wenn sich doch eins verkauft rutscht es vielleicht von Platz 236.456 auf Platz 236.447, wo es genauso unsichtbar ist.

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Bildquelle: Geralt via Pixabay

Da scheint es erst mal logisch, eine Preisaktion zu machen, um Kunden anzulocken. Macht der Metzger schließlich auch, wenn er einen Teller mit Wurststückchen hinstellt. Und das Buch hat einen – wie schon gesagt – ja nichts gekostet.
Dass das aus mehreren Gründen falsch gedacht ist, fällt erst bei näherem Hinsehen auf.
Der erste Unterschied ist, dass der Metzger dem Kunden keine ganze Salami mitgibt, in der Hoffnung, der Kunde möge wiederkommen, die nächste bezahlen und außerdem seinem Nachbarn vorschwärmen, wie gut die geschmeckt hätte. Der Metzger gibt dem Kunden höchstens eine Scheibe zum Kosten. Übertragen auf das Buch: eine Leseprobe.
Zweitens gibt der Metzger so ein Angebot niemals über soziale Medien oder per Zeitungsinserat bekannt, denn was dann passiert, ist eigentlich klar: Jeder potentielle Kunde greift eine Salami ab und die Hälfte davon verrottet ungegessen im Kühlschrank.
Ja gut, mag man einwenden, aber anders als die Salamiherstellung, kostet die Produktion eines eBooks ja nichts. Aber genau da liegt der dritte Denkfehler. Ein Buch zu schreiben kostet Zeit. Viel Zeit, wenn man nicht nur irgendwas runterstümpern will. Und natürlich sollte einem diese Zeit etwas wert sein. Als der Mindestlohn auf 8,84 € angehoben wurde, fanden das viele lächerlich wenig für ein so reiches Land. Aber bei Schriftsteller/innen findet man es anrüchig, wenn die mit ihrer Arbeit Geld verdienen wollen. Sag das mal einem Bäcker, einem Lehrerin oder Bankangestellten –  von jemandem aus der Konzernleitung von VW ganz zu schweigen. Selbst bei Musikern ist es ok, wenn die Kohle scheffeln – nur von Autor/innen wird erwartet, dass sie art pour l’art produzieren. Dabei müssen auch wir essen, trinken, Miete zahlen …

Kenne deinen Wert!

Schon unter diesem Aspekt halte ich es für falsch, unser Ansehen und den Wert unserer Arbeit noch zu verringern, indem wir unsere Bücher kostelos auf den Markt schmeißen. Das hat was von Grabbeltisch und genau so wird es auch wahrgenommen: als Ramsch.

Evelyn de Morgan: The Worship of Mammon, Eigentum des De Morgan Centres London
So gewinnt man keine Leser (Im Original: The Worship of Mammon von Evelyn de Morgan) Bildquelle: Wikipedia

Meinen Geschichten möchte ich dieses Schicksal gerne ersparen, auch wenn es bedeutet, dass es vielleicht lange dauert, bis der Codex Aureus wahrgenommen wird. Ich verdiene auch so kaum an der einzelnen Geschichte: Wenn ich für 99 Cent anbiete, bleiben mir nach Abzug von Mehrwertsteuer und der Marge für Amazon bzw. Tolino gerade mal 27 bzw. 28 Cent. Da muss man viele Geschichten verkaufen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Aber wenn ich jetzt verschenke, wird bei jeder neuen Geschichte die Erwartung bestehen, dass es die auch für lau gibt.
Die 99 Cent empfinde ich als ausnehmend fairen Preis. Selbst die Tasse Kaffee bei Ikea ist inzwischen teurer und überdies schneller getrunken, als es dauert eine meiner Geschichten zu lesen. Von den Preisen bei Starbucks oder für Nespressokapseln will ich gar nicht reden, genauso wenig von denen für Eis, Schokolade oder andere Genussmittel. Aber anders als die machen Bücher nicht dick, verursachen weder Lungenschäden, noch Kater, sondern entführen höchst angenehm für einige Zeit in andere Welten. Das ist doch was wert, oder?
Und natürlich spricht nichts dagegen, sie an besondere Menschen oder zu bestimmten Anlässen zu verschenken. Einer Freundin, um ihr Freude zu bereiten, einem Mitblogger, weil er mit Tipps geholfen hat, Teilnehmer von Leserunden oder Buchblogger, die aufrichtiges Interesse signalisieren. Das ist aber etwas vollkommen anderes, als seine Bücher aller Welt umsonst nachzuschmeißen.