Ach, was gruselt mir!

Heute ist der 5. Tag des IndieBuchtobers, der Challenge für Indie-Bücher und gefragt ist ein Gruselzitat. Das Erste, was mir dazu einfiel, war ein Zitat aus einem der Grimm’schen Märchen, das ich sehr liebe: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen.

„Ach, was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich, was Gruseln ist.“

Allerdings ist dieses Zitat gar nicht gruselig, sondern im Kontext extrem witzig. Außerdem geht es bei der Challenge um Indie-Bücher und für die Grimm’schen Märchen kenne ich inzwischen fast mehr Internetquellen als Bücher. Auch wenn dieses Zitat damit aus dem Rennen ist, lies das Märchen bei Gelegenheit. Es lohnt sich. Versprochen!

Aber damit fehlt mir wieder ein gutes Gruselzitat. Und was ist das überhaupt genau: Grusel? Mein Synonymlexikon sagt, dass es etwas mit Grauen, Furcht und Entsetzen zu tun hat – allerdings meist nicht auf der realen Ebene. In Grusel schwingt die Angst vor dem Übernatürlichen mit, den Mächten, die sich nicht durchschauen und beherrschen lassen. Daher bin ich mir nicht hundertprozentig sicher, ob das folgende Zitat aus dem Kurzroman Splitter der Nacht von Katrin Ils wirklich gruselig ist oder doch „nur“ Grausamkeit bezeugt.

Vielleicht ist das genauso, wie in dem verlinkten Märchen: Über das, was der Eine als gruselig empfindet, kann der Andere nur lachen. Über das Zitat lachen wird vermutlich niemand. Und ich fand die Szene gruselig, auch wenn keine Geister darin vorkommen, sondern „nur“ Magie.

Das Feuer des Ofens zauberte rote Reflexe in ihr langes Haar, ihr Gesicht war unverletzt. Der Körper endete eine Handbreit unter ihrem Herzen, eine Büste mit aufgebrochenem Brustkorb. Jara konnte das Organ unter den Rippen pochen sehen und den Zauber, der sich wie eine Schlange darum geschlungen hatte und es zwang, immer weiter zu schlagen.

Katrin Ils, Splitter der Nacht

Ich habe in meinem anderen Leben als Juristin oft mit Obduktionsberichten zu tun gehabt. Daher habe ich ein ungefähres Verständnis davon, was menschlichen Körpern zustoßen kann. Trotzdem hat mich die Szene nicht deshalb so gepackt, weil das, was Katrin Ils beschreibt, weit darüber hinausgeht, sondern weil sie auf die Details gar nicht weiter eingeht, sondern sich auf den emotionalen Impact konzentriert. (Hier muss ich den Anglizismus verwenden, da mir kein deutscher Begriff einfällt, der auch nur annähernd daran heranreicht.) Jara und Fai, die Frau, von der am Ende der Szene nur noch Kopf und Torso übrig sind, sind so etwas wie Freundinnen. Du kannst dir vorstellen, was das mit Jara macht.

Alle Aufgaben der Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Buch mit Werwölfen
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbis
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Gruselzitat20.10.das allergruseligste Buch
06.10.schwarze(s) Cover21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.gruseliges Buch23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.herbstliches Cover26.10.Buch und Schal
12.10.Buch und Heißgetränk27.10.schwarz und orage
13.10.Seite/Kapitel 13 Satz 1328.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichten29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober
Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

Tag 4 im IndieBuchtober: Ein Buch mit Hexen

Bei meinem heutigen Beitrag zum IndieBuchtober kann ich nahtlos an die Aufgabe von vorgestern anknüpfen. Du erinnerst dich? Unter der Überschrift „Kerze und Buch“ habe ich den zweiten Band von Diandra Linnemanns Trilogie Magie hinter den sieben Bergen vorgestellt.

Wobei „vorgestellt“ ein bisschen übertrieben ist. Genau genommen habe ich nur ein Foto gezeigt. Deshalb jetzt ein paar Worte zum Inhalt:

Helene Weide ist praktizierende Hexe und das magische Äquivalent einer Privatdetektivin. Hauptsächlich ist sie beratend tätig oder kümmert sich um Kleinigkeiten, wie die Beseitigung schief gegangener Amateurzauber. Immer wieder werden sie und ihr Assistent Falk aber auch Fälle mit deutlich dunklerem Hintergrund verwickelt.

Diandra Linnemann beschreibt das einerseits mit einem Augenzwinkern, aber wenn es blutig wird, dann wird es wirklich blutig, gemein und brutal. Für schwache Nerven sind ihre Bücher daher wirklich nicht zu empfehlen.
Dafür sind sie – was die geschilderten magischen Praktiken angeht – aber auch wirklich kenntnisreich. Diandra Linnemann ist selber Hexe. Bei ihr gibt es kein albernes Herumwedeln mit Zauberstäben, dafür aber im Nachwort tiefere Einblicke in die geschilderten Riten bzw. deren Hintergrund.

Alle Aufgaben der Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Buch mit Werwölfen
02.10. Kerze und Buch17.10.Kürbis
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Gruselzitat20.10.das allergruseligste Buch
06.10.schwarze(s) Cover21.10. herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.gruseliges Buch23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.herbstliches Cover26.10.Buch und Schal
12.10.Buch und Heißgetränk27.10.schwarz und orage
13.10.Seite/Kapitel 13 Satz 1328.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichten29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

[ausgelesen] Magie hinter den sieben Bergen: Winter (Sammelausgabe 1) von Diandra Linnemann

Don’t judge a book by its cover

Zum Glück bin ich über die Leseprobe zu dem Buch gekommen, sonst wäre mir etwas entgangen.

 

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Bildquelle: Autorenseite von Diandra Linnemann auf amazon

Magie hinter den sieben Bergen gehört zu den Büchern, die ich allein aufgrund der Cover-Titel-Kombination ins Regal zurückgestellt hätte. Der Titel klingt nach Märchen und das Titelbild weckt in mir den Eindruck, dass auch hier mal wieder eine irgendwie begabte, halbwüchsige Heldin ihrer großen Liebe begegnen wird – vorzugsweise in Form eines verkannten Bad Boys.
Der Klappentext hat diesen ersten Eindruck noch verstärkt.

 

MAGIC CONSULTANT AND SOLUTIONS.
Das steht auf der Visitenkarte von Helena Weide, ihres Zeichens staatlich geprüfte Hexe. Eigentlich will sie nur in Ruhe das Ahnenfest feiern, aber der Bonner Bürgermeister hat einen gefährlichen Auftrag für sie – und auch direkt die passende Unterstützung.
So tritt der ehemalige Straßenkämpfer Falk in ihr Leben, der seine Zeit als Zombiepfleger im Wandelnden Friedhof abgesessen hat. Ein nützlicher Geselle – groß, gutaussehend, schweigsam. Tut fast immer, was man ihm sagt.
Im Gegensatz zu Helenas katholischer Sekretärin Maria. Die sitzt zwar im Rollstuhl, lässt sich aber weder von verschlossenen Türen noch von Konventionen davon abhalten, zu tun, was sie will.
Diese drei setzen sich in den ersten Geschichten dieser Reihe gegen Zombies und Hexen zur Wehr, begegnen alten Göttern und vermitteln in einem Liebesdrama, welches eine tragische Wende nimmt. Gemeinsam überstehen sie den Winter – nicht ahnend, was dieses magische Jahr noch alles für sie bereithält.

Hard boiled urban Fantasy statt Young Adult

Nur lag ich mit diesem ersten Eindruck vollkommen falsch. Magie hinter den sieben Bergen ist nämlich alles andere als eine mit Magie aufgepeppte Teenie-Romanze, sondern eher hard boiled Krimi. Nur eben Fantasy. Urban Fantasy, um genau zu sein.

Allerdings begnügt sich die Autorin nicht damit, einfach ein bisschen Magie in unsere Welt zu streuen und gelegentlich einen Dämon, Vampir oder ein sonstiges magisches Wesen auf die ansonsten völlig magiefreie Menschheit loszulassen. Bei Eleonore Laubenstein existiert Magie als Fakt. Genauer gesagt als eine Technik, die sich vermitteln lässt und wie Biologie oder Mathematik an der Universität gelehrt wird. Zaubermeister und Hexen sind daher nichts völlig ungewöhnliches. Es gibt sie in allen möglichen Spielarten – sogar die Satanisten haben eine eigene, anerkannte Kirche.
Genauso selbstverständlich sind die anderen mehr oder weniger magischen Geschöpfe, wie Zwerge, Gnome, Faeries und Reptiloide. Die meisten von ihnen leben mehr oder weniger gut in die Gesellschaft integriert. Aber manchmal gibt es eben doch Probleme. Und manche davon werden zum Fall für Helena Weide, eine lizensierte und als Freelancerin arbeitende Hexe.

Der Sammelband ist Auftakt einer vierteiligen Reihe und enthält drei von Helenas Fällen: Allerseelenkinder, Spiegelsee und Hexenhaut, die alle auch als Einzelbände veröffentlicht sind. Auf den Inhalt der einzelnen Bücher will ich hier nicht weiter eingehen, weil die Rezension dann zu lang werden würde. Nur so viel sei gesagt: Keiner davon entspricht auch nur im leisesten den Genrekonventionen von Young Adult und wenn man Parallelen zu Märchen ziehen will, dann gehen die zu den blutigen der Brüder Grimm und nicht zu deren Adaptionen durch Disney. Für schwache Nerven sind die Geschichten nichts, denn unter der netten, manchmal betulich wirkenden Oberfläche spielen sich grausame Dinge ab.
Helena Weides Ermittlungen führen zu gruselige Begegnungen und enden oft blutig. Auch für sie selber, denn die Protagonistin ist keine Superhexe, die immer den richtigen Zauberspruch parat hat. Sie muss, genau wie die hard boiled private eyes Prügel einstecken, um zum Ziel zu kommen.
Sprachlich kommen die Bücher allerdings deutlich weniger zynisch daher, als die Gegenstücke im Krimi. Das an der größeren Distanz kann es nicht liegen, denn Diandra Linnemann lässt ihre Protagonistin aus der Ich-Perspektive erzählen, statt in der Fantasy sonst üblichen 3. Person. Dennoch wirken ihre Geschichten trotz der geschilderten Gräuel und obwohl ihre Protagonistin nicht mit spitzen Bemerkungen spart, leichter und gefälliger als beispielsweise die von Hammett oder Paretsky.

Was die Geschichten für mich lesenswert machte, war aber noch ein dritter Aspekt, der in Romanen viel zu selten auftaucht: Ein glaubhafter Mutter-Tochter-Konflikt. Anders als in der „Standartfantasy“ ist die Mutter charakterlich gut gezeichnet und sie verfolgt nicht das Ziel, ihre Tochter an irgendwen zu verheiraten. Ganz im Gegenteil: Aradia Weide ist selbst eine erfolgreiche Hexe, Leiterin eines Zirkels und überaus ehrgeizig. Das Problem besteht darin, dass ihre Pläne auch Helena einbeziehen, die sich jedoch nicht vereinnahmen lassen will.

Schmankerl am Schluss

Ein Bonus sind die Nachworte, in denen Diandra Linnemann, die selber auch Hexe ist, mehr über den Hexenkalender, Feste, Rituale und anderes verrät, was im jeweiligen Band eine Rolle spielt.

Fazit

Tolles Wordbuilding, glaubhafter Mutter-Tochter-Konflikt, taffe Protagonistin. Alles in allem gute Unterhaltung für Menschen, die gerne Urban Fantasy auch der dunkleren Art lesen.


Diandra Linnemann, Magie hinter den sieben Bergen: Winter (Sammelausgabe 1)
Books on Demand, E-Book und Print
ISBN: 3748107919
EAN: 9783748107910
ASIN: B07JNJDZF4

[ausgelesen] Wintermaid von Klara Bellis

Klappentext:

Ein heiliger Auftrag führt die Jägerin Lhan ins Gebirge. Als sogenannte Wintermaid soll sie den Winter bezwingen. Doch zwischen den Felsen lauert der Eisgeist, ein blutrünstiger Menschenfresser. Wenn es ihr gelingt, die Bestie als Jagdbeute ins Dorf zu bringen, wird sie als Winterbezwingerin gefeiert. Sollte sie scheitern, wird die Rache des Dorfes grausam sein.

Schon bald wächst in Lhan der Verdacht, dass dies ihr geringstes Problem ist.

Zum Inhalt:

Frauen gelten nichts in Lhans Volk. Sie sind rechtlos, werden dumm gehalten und im Bedarfsfall wie Handelsgut verkauft. Aber alle zehn Jahre schickt ihr Dorf ein Mädchen in die Berge, um zu beweisen, dass selbst so ein schwaches Geschöpf in der Lage ist, die Natur zu bezwingen. Zwei Jahre lang bereitet sich die Wintermaid auf diesen Auftrag vor. Gelingt es ihr, Beute zu machen und heil zurückzukommen, wird ihr Sieg in einem großen Fest gefeiert. Kehrt sie ohne Beute oder verletzt zurück, wird sie in einem großen Fest zu Ehren der Götter lebendig verbrannt. So ging es der letzten Wintermaid.
Für Lhan scheint es nach anfänglichen Problemen jedoch, als könne sie ihren gefährlichen Auftrag tatsächlich zu einem guten Ende bringen. Was sie nicht bedacht hat, sind die Motive ihrer Mitmenschen.

Wintermaid spielt in einem nicht-europäischen Setting. Magie ist selbstverständlich – wenn auch nicht in Lhans Volk. Aber Wintermaid ist nicht die übliche Geschichte von der Heldin, die die Welt oder was auch immer retten muss, sondern thematisiert die weltweite Unterdrückung von Frauen, was Klara Bellis in ihrem Nachwort eindrücklich und mit Quellenangaben belegt. Insofern ist Wintermaid auch ein politisches Buch.

Persönlicher Eindruck

Ich mag Kurzgeschichten, Novellen, Erzählungen. Wintermaid fällt genau in dieses Beuteschema, deshalb war es ein „Must-have“.

btrAber auch inhaltlich hat mich das Buch überzeugt. Klara Bellis erzählt die Geschichte der Wintermaid sehr spannend und in einen angenehmen, klaren Stil. Stellenweise schimmert der ihr eigene Humor durch, der auch ihre Reihe um die Techno-Elfe Trywidd kennzeichnet.
Was mir nicht ganz so gut gefallen hat, sind die Figurenzeichnungen. Angesichts des Themas ist es zwar kein Wunder, dass die Männer aus Lhans Volk schlecht wegkommen, aber auf mich wirkten sie wie Abziehbilder ein und des selben machistischen Ekels. Hier hätte ich mir etwas weniger Klischee und mehr Diversität in Motiven und Handlungen gewünscht. Auch die Gedankengänge der Protagonistin wirkten an mich stellenweise aufgesetzt, statt durch das Aufwachsen in einer durch und durch misogynen Gesellschaft internalisiert. Die Charakterisierung von Lhans Großmutter Zue und die der Eisgeister fand ich deutlich gelungener.
Bemäkeln könnte ich auch noch zwei bis drei kleinere Logikfehler, die jedoch keinen Einfluss auf die Handlung haben. Mir sind sie auch erst im Nachhinnein aufgefallen, als ich darüber nachgedacht habe, was ich in dieser Rezension erzählen will. Beim Lesen hat mich die Geschichte viel zu sehr in ihren Bann geschlagen. Das lag nicht nur am ungewöhnlichen Setting, sondern vor allem daran, dass Wintermaid in erster Linie sehr, sehr spannend ist.

Sternebewertungen gibt es bei mir ja nie. Aber für Wintermaid auf jeden Fall eine Leseempfehlung.


Buchdaten:
E-Book, erschienen bei BookRix
für alle Lesegeräte verfügbar
44934 Wörter
ab 16 Jahre (mäßige Gewalt, keine expliziten sexuellen Szenen)
Preis: 0,99 €

Warum ausgerechnet Fantastik?

Warum mich diese Frage gerade wieder beschäftigt? Vor ein paar Tagen hatte ich folgendes Gespräch:

„Woran schreibst du gerade?“
„Eine Geschichte über Werwölfe im Wilden Westen.“
Kurze Pause, dann: „Gab es das denn?“

Den Teil kennst du vielleicht schon von Twitter. Aber es ging natürlich weiter, auch wenn mir keine besonders schlagfertige Antwort eingefallen ist. Ich habe lediglich gesagt, dass ich persönlich nicht an die Existenz von Werwölfen glaube und deshalb davon ausgehe, dass es auch im Wilden Westen keine gegeben haben wird.
Darauf kam die Antwort:

„Ach, wieder so ein Fantasy-Kram.“

Mit dem deutlichen Unterton: „Kannst du denn nicht mal was RICHTIGES schreiben.“

Um es ganz klar zu sagen: Natürlich kann ich über die reale Welt und die Spannungen darin schreiben. Es gibt schließlich genug davon. Aber warum sollte ich?
Über die reale Welt zu schreiben, bedeutet auch, sich selber auf genau diese eine Realität zu beschränken. In gewisser Weise bedeutet es auch, sein Denken auf das zu hier und jetzt zu beschränken. Und genau das will ich nicht. Für mich ist die Fantastik ein Experimentierfeld. Wenn man fantastische Elemente in die Realität integriert oder neue Welten baut, werden andere Gesellschaftsmodelle denkbar. Es ist möglich, sich von einem anthropozentrischen Weltbild zu lösen, ohne dass das Ergebnis weird wirkt. Fantastik beschränkt sich eben nicht darauf, bestehende Denkmuster durch Drachen, Magie oder Raumschiffe aufzupeppen oder Klischees in Endlosschleife zu wiederholen. Natürlich gibt es das alles. Aber wer wollte bestreiten, dass es das in der „normalen“ Belletristik auch gibt?

Eigentlich müsste die Frage in der Überschrift daher andersrum gestellt werden: Warum sollte man sich beschränken? Warum etwas anderes schreiben, als Fantasy?

Ausgaben 1,2,3,4

Mehr zu meinen Büchern gibt es hier.

Neues vom NaNo: Anmerkungen über Dryaden

Nachdem ich gestern Velona, meine Protagonistin für den diesjährigen NaNo, vorgestellt habe, gibt es heute ein paar Hintergrundinfos zu ihrer Rasse. Bitte nicht am Begriff stören, in der Fantasy und in Rollenspielen ist „Rasse“ wertfrei. Irgendwie muss man schließlich unterscheiden, ob eine Figur ein Ork, Engel oder Drache ist.

Velona ist eine Dryade, also eine Baumnymphe. Anders als in der griechischen Mythologie beschrieben, würde sie allerdings niemand mit einer wunderschönen Frau verwechseln. Meine Dryaden sind Wesen, die nur sehr langsam wachsen – genau wie Bäume. Und Velona ist jung, also winzig.

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Symbolbild (Quelle: Unsplash, Pixabay)

Wie es sich für Dryaden gehört, leben meine in enger Symbiose mit Bäumen, unter denen sie zuweilen Lieblingsbäume auswählen. Die Bindung kann so stark werden, dass die Dryade leidet, wenn der Baum verletzt wird. Auch das ist ein klassisches Motiv.
Unter diesen Umständen kann man sich leicht vorstellen, dass Dryaden sehr böse werden können, wenn man sich unerlaubt an „ihren“ Bäumen vergreift. Sie haben allerdings das Problem, dass normalbegabte Menschen sie weder sehen, noch hören können. Eher müssen die Dryaden aufpassen, nicht unter die Füße dieser tumben Riesentrampel zu geraten. Außerdem ist auch die Magie der Dryaden sehr „baumisch“, d. h. sie wirkt nur langsam. Eine Dryade kann keinen Blitz beschwören, um ihren Baum zu verteidigen – aber sie kann z. B. Nerven und Immunsystem ihres Gegners nachhaltig schädigen.

Als Gegner kommt alles in Betracht, was Bäume schädigt; angefangen bei Raupen bis hin zu Bulldozern. Die Dryaden sind eine kriegerische Rasse, die ihr Territorium mit allen Mitteln verteidigt – auch gegen andere Dryadenclans.


Unter der Überschrift Neues vom NaNo berichte ich über meine Erlebnisse beim NaNoWriMo, dem größten virtuellen Schreibtreffen. Einen Monat lang treffen sich Autoren aus aller Welt, um sich gegenseitig bei einem Ziel zu unterstützen: Innerhalb von 30 Tagen mindestens 50.000 Worte zu schreiben.

Spielleute und Zauberei

Spielleute und Zauberei, das hängt irgendwie immer zusammen. Im Mittelalter (vor allem im späten) und in der frühen Neuzeit standen Spielleute unter Generalverdacht, sich magischer Praktiken zu bedienen oder gar mit dem Teufel im Bunde zu sein. Aber während Obrigkeit und Kirche im Frühmittelalter noch den als heidnisch empfundenen Hexenglauben im Volk bekämpften,

Wer vom Teufel verblendet, nach Weise der Heiden glaubt, es sei jemand eine Hexe und fresse Menschen und diese Person deshalb verbrennt ect., der soll mit dem Tode bestraft werden.
(Paderborner Synode von 785, später bestätigt durch Karl den Großen

waren es im Spätmittelalter Obrigkeit und Kirche, die den vermeintlichen Hexen und Zauberern nachstellten. Das Volk hatte sich durchgesetzt, könnte man sagen.

Ganz ausgestorben ist diese Verbindung nie. Einige kennen wahrscheinlich den Spielmannsfluch von In Extremo, für alle anderen gibt es hier den Link zu youtube:

Der Titel geht zurück auf das Gedicht Des Sängers Fluch von Ludwig Uhland, einem Werk der deutschen Romantik, das auch Equilibrium vertont wurde.

Das ist nun natürlich nicht mehr Mittelalter, sondern schon bei Uhland „nur noch“ Bezug auf etwas lange zurückliegendes, mit dem ein Gefühl für das „damals“ heraufbeschworen werden soll. Heute weiß man schließlich, dass Flüche nichts bewirken und Magie reiner Aberglauben ist. Und wenn wir auf Holz klopfen, dann geschieht das mit einem Augenzwinkern. Gewissermaßen eine ironische Handlung, denn uns ist bewusst, dass es nichts ändert. Auf der anderen Seite sollen ja auch Hufeisen wirken, wenn man nicht daran glaubt – oder?


Nachsatz: Um mögliche Missverständnisse auszuschließen: Der Fluch des Spielmanns hat mit alledem nur am Rande zu tun. Es ist eine ganz andere Geschichte, als die, die in Des Sängers Fluch erzählt wird und weil mich Musik beim Schreiben ablenkt, hat mich auch keine der beiden Bands begleitet.

Rätselhafte Schriftrollen

Ergänzend zu meinem Artikel über Vodoo in Europa, hier ein Video über einen spektakulären archäologischen Fund aus Serbien: In einem fast 2.000 Jahre alten Kindergrab wurden Schriftrollen gefunden, die den römischen Fluchtafeln ähneln. Allerdings sind sie aus Gold statt aus Blei und die Inschriften in griechischen Buchstaben geschrieben.

Was darauf steht, ist noch nicht entziffert.

Der Kinobesuch der alten Dame

Beitrag zur 4. Clue Writing Challenge

Wie das dann immer so ist: Da dachte ich, mal eben eine nette kleine Kurzgeschichte aus dem Ärmel zu schütteln – aber denkste! Geschrieben war sie ja schnell, nur leider, leider trotz allem zu lang. Also habe ich die letzten Tage Seitenstränge rausgerupft, Adjektive gejätet, Lieblinge über die Klinge springen lassen und jeden Satz gelöscht, der nicht unbedingt notwendig war. Jetzt habe ich das Gefühl, dass nur noch ein Skelett übrig geblieben ist, durch dessen kahle Knochen der Wind pfeift. Dafür hält sich die Geschichte so gerade eben im vorgegebenen Rahmen. Und wer weiß, vielleicht kommt die Langversion irgendwann zusammen mit einer anderen Geschichte, die für eine eigenständige Veröffentlichung zu kurz ist, in den Codex Aureus.
Genug geschwafelt. Ich hoffe, sie gefällt euch trotzdem.

Der Kinobesuch der alten Dame

Sie war die Älteste, ein Fremdkörper zwischen den hippen, jungen Dingern, die der Film anlockte. Es waren nicht mehr viele. Vermutlich wurde er bald abgesetzt. Zu ärgerlich, auch wenn sie ihn nicht mochte. Beim ersten Mal war sie noch amüsiert über die naive Vorstellung von Dämonen. Inzwischen fand sie ihn nur noch entsetzlich schmalzig. Dennoch: er zog Mädchen im richtigen Alter an. Noch dazu allein, ohne ihre Freunde. Nicht, dass sie etwas gegen Männer hatte; sie mochte sie sogar recht gerne. Aber im Moment war sie auf Mädchen aus und das Kino ihr aussichtsreichstes Jagdrevier. Die einzige Alternative waren Fitness-Studios, und wenn sie etwas noch mehr abstieß, als schmalzige Mystery-Filme, dann es Fitness-Studios. Erst recht mit diesem Körper. Nicht, dass sie ihn nicht mochte. Aber die Energie, die sie daraus zog, hatte ihn vorzeitig altern lassen. Höchste Zeit, etwas Neues zu finden.

In der Schlange vor dem Popcornstand wartete eine Blondine. Das helle Haar bildete einen hübschen Kontrast zu ihrem schwarzen Corsagentop und dem Tüllrock. Die vielleicht?
Die alte Dame stellte sich in der Parallelschlange an. Hörte, wie Blondie Käsenachos und eine große Cola bestellte und verzog das Gesicht. Was für eine Stimme! Misstönend, wie nasse Kreide auf einer Schiefertafel. Aber möglicherweise musste sie Kompromisse eingehen.
Das Mädchen zahlte und drehte sich um. Die alte Dame hätte vor Enttäuschung beinahe gefaucht. Blondie trug eine Brille, die ihre Augen auf Tischtennisballgröße anschwellen ließ. Ohne war sie vermutlich auf Geruch und Gehör angewiesen. Das war inakzeptabel!
Die Schlange rückte vor. Die alte Dame bestellte Popcorn und Cola, obwohl sie beides verabscheute. Während der Vorstellung würde sie das Zeug unter den Sitz stellen und vergessen. Bis dahin war es Tarnung.

Ein lilahaariger Gnom mit Vollmondgesicht zupfte sie am Arm.
„Hi! Sind Sie auch wieder hier!“, sprudelte der Vollmond. „Super Film, oder?“
Sie zwang sich, zu lächeln. „Ja, sehr romantisch“, entgegnete sie. Das war die Kehrseite ihres Charmes: Jeder fühlte sich zu ihr hingezogen. Nicht nur Männer. Männer in letzter Zeit sogar bedauerlich wenig. Dafür so dumme Dinger, wie das plumpe Geschöpf, das sie immer noch anstrahlte.
„Sagen Sie doch Anni zu mir! Ich bin nicht so förmlich. Und das hier ist übrigens Dierdra.“ Sie schob ein zweites Mädchen vor.
Dierdra lächelte halbherzig und zuckte mit den Schultern. Unter ihrer unförmigen Strickjacke war die Bewegung kaum sichtbar.
„Ich musste Dierdra echt überreden. Sie steht nicht auf solche Filme, hat sie gesagt. Aber der ist anders, richtig gut, hab ich gesagt. Der ist so gut, dass sogar diese alte Lady immer wieder kommt.“ Sie blickte die alte Dame treuherzig an. „Sie haben doch nichts dagegen, dass ich von Ihnen erzählt habe, oder? Na, jedenfalls hat’s gewirkt und sie hat gemeint, dass sie sich das mal anguckt.“
Dann wandte sie sich Dierdra zu und versicherte, dass sie ihre Entscheidung bestimmt nicht bereuen werde, weil der Film so toll, der Hauptdarsteller supersüß und alles überhaupt supercool sei. Dierdra wirkte, als sei ihr alles entsetzlich peinlich. Sie hatte die Hände in den Taschen der Strickjacke vergraben, als wolle sie sich darin verkriechen. Trotzdem war sie bezaubernd. Ihre Aufmachung war natürlich ein absolutes No-go, wie man heutzutage sagte, aber das Mädchen verfügte über Potential: Haut wie Sahne. Rabenschwarzes Haar, blaue Augen, Schmollmund. Sie war die Richtige. Endlich!

„Wenn wir schon beim Du sind – ich bin Asta“, sagte die alte Dame freundlich. „Ihr seid Freundinnen?“
Wieder war Anni war schneller. „Wir studieren zusammen. Sinologie. Dierdra ist neu und ich dachte, ich nehme sie ein bisschen unter die Fittiche“
Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, legte sie den Arm um Dierdras Taille. Dierdra versteifte sich kaum merklich, sagte aber nichts.
Asta war entzückt. Nun musste sie nur noch den Platz neben dem Mädchen bekommen. „Wo sitzt ihr denn, wenn ich fragen darf?“, fragte sie mit dem leisen Lachen, das wie eine charmante Art der Entschuldigung klang.
„Warum?“
„Ich dachte, es wäre nett, zusammen zu sitzen.“
Wie erwartet, war Anni begeistert, nestelte ihre Karte aus der Tasche und las die Nummern ab. Dierdra fragte skeptisch: „Und wenn der Sitz schon vergeben ist?“
„Oh, ich hoffe doch nicht!“, rief Asta in gespieltem Entsetzen. „Das Kino ist ja nicht einmal halbvoll.“ Dann senkte sie ihre Stimme und setzte verschwörerischen zwinkernd hinzu: „Notfalls flunkere ich ein bisschen und behaupte, dass ich Annis Tante bin und furchtbar gerne neben meiner Lieblingsnichte sitzen würde – was meint ihr?“

Am Ende saß sie aber doch neben Dierdra. Auf dem Platz neben Annis klebte ein Kaugummi. Kein echter, aber eine täuschend echte Illusion. Anni quietschte angeekelt, als Asta darauf deutete und Dierdra zog die Brauen zusammen.
Asta stellte die Colaflasche in den Halter und machte es sich mit dem Popcorn auf dem Schoß bequem. Wie gut, dass sie es gekauft hatte!

Kurz darauf begannen die Mädchen zu tuscheln. Die Dämonin spitzte die Ohren.
„Warte ab“, hörte sie Anni sagen. „Sie haben sich ja gerade erst kennen gelernt.“
„Aber was findet sie an ihm? Er sieht gut aus, aber …“
„Ja, heiß, nicht? Und an ihm ist schon mehr dran. Wirst schon sehen!“
Die Dämonin schielte zu Dierdra. Die unförmige Strickjacke lag zusammengeknäult auf ihrem Schoß. Die nackten Arme schimmerten weiß, bis auf eine dünne Ranke, die sich um den Oberarm wand. Eine Tätowierung, wie hübsch! Asta widerstand der Versuchung, die Hand auszustrecken, um die Umrisse mit dem Finger nachfahren. Aber wenn sie den Arm auf die Sitzlehne legte, würde sie vielleicht Dierdras Haut berühren. Ganz zart nur. Wie zufällig.
Lächelnd ließ sie den Arm auf das Polster sinken. Aber außer Dierdras Wärme war da noch etwas höchst beunruhigendes: Eine magische Aura! Ein Schutzzauber! Woher kam das? Dierdra war eine Langnase, zu rational, um an Zauber zu glauben. Es musste eine andere Erklärung geben. Irgendein altes Schmuckstück vielleicht. Etwas, das man trug, weil es schön war, ohne von seiner Wirkung zu wissen.
Vorsichtig, um nichts aufzuschrecken, falls doch mehr dahinter steckte, sandte die Dämonin ihre Magie aus. Der Zauber war alt. Er ging vom Hals des Mädchens aus. Die Dämonin spürte Metall, einen Hohlraum und einen Stein darin. Ein Medaillon. Der Stein war die Quelle. Sie tastete danach; bereit, sich jederzeit zurückzuziehen, falls die Magie des Steins zurückschlagen sollte. Nichts. Nur latente Magie. Vermutlich ahnte Dierdra nicht einmal, was sie da trug. Die alte Dame entspannte sich.
Alles würde gut gehen. Sie musste sich nur gedulden, bis die Liebenden glaubten, dem Unheil entkommen zu sein und sich das erste Mal küssten. Natürlich irrten sie. Der Held hatte die Zutaten für das Siegel falsch angemischt und Dämon war keineswegs in der Flasche gefangen. Die Zuschauer wussten, dass er entkommen und sich grausam rächen würde. So hielt das ganze Kino den Atem an, als der Schatten an der Wand hinter den Liebenden in die Höhe wuchs und keuchte, als er sich auf das Paar warf. Die Heldin kreischte. Die alte Dame stieß einen spitzen Schrei aus und warf in einer Abwehrbewegung ihr Popcorn um. In weiten Halbkreis flogen die Körner durch die Luft. Die meisten prallten von den vorderen Sitzreihen ab. Aber etliche trafen Dierdra.
„Oh, entschuldige meine Liebe!“, hauchte Asta in gespieltem Entsetzen. Sie versicherte sich kurz, dass Anni immer noch vom Geschehen auf der Leinwand gebannt war, wo Held und Heldin um ihr Leben rannten.„Was für ein Schlamassel! Lass mich dir helfen.“

Als ihre kalten Finger Dierdras Haut berührten, erwachte das Tattoo auf deren Oberarm zum Leben. Ranken schossen heraus, wickelten sich um Brust und Arme der alten Frau und fesselten sie an ihren Sitz. Dierdra beugte sich vor und schob ihr etwas kaltes in den Mund, das wuchs, bis Asta glaubte, zu ersticken. Was geschah hier?
„Ruhig Dämon“, flüsterte Dierdra.
Asta riss die Augen auf. Wie konnte sie das wissen?

Seelenruhig zog das Mädchen eine Dose aus seiner Handtasche, tauchte den Finger hinein und tupfte das Zeug auf die Stirn der alten Frau. Es stank und brannte entsetzlich. Die Dämonin warf sich gegen die Fesseln, versuchte den Kopf zu drehen oder wenigstens das kalte Ding in ihrem Mund auszuspucken. Vergeblich.
„Meine Vorstellung war nicht ganz vollständig“, erklärte Dierdra im Plauderton, während sie die Mixtur auf Astas Gesicht und Hals verteilte. „Mein vollständiger Name ist Dierdra O’Really. Meine Familie waren im 18. Jahrhundert recht bekannte Dämonenjäger. Inzwischen sind wir überwiegend im Sicherheitssektor tätig. Aber unser ursprüngliches Gewerbe haben wir nie ganz aufgegeben, auch wenn es längst nicht mehr so gut bezahlt wird. Wer glaubt heute schon noch an Dämonen?“
Sie lachte leise, wurde aber sofort wieder ernst. „Ich muss nicht daran glauben – ich weiß, dass ihr existiert. Der eigentliche Witz ist, dass ich das Studium nur angefangen habe, um mein Wissen über chinesische Dämonen zu vertiefen. Und dann schwärmt eine Kommilitonin von diesem Schmachtfetzen und der süßen alten Dame, die keine Vorstellung verpasst. Das kam mir verdächtig vor, also bin ich mitgegangen. Und was finde ich?“ Sie legte den Kopf schief, als erwarte sie eine Antwort.
Der Dämon wollte das schöne Gesicht zerkratzen, ihr die Haare ausreißen – aber die Ranken hielten. Ihre Gegnerin lächelte. „Vergiss es, Füchschen. Das bist du doch, oder? Eine Fuchsfee.“

Dierdra nahm einen neuen Batzen Creme und verteilte ihn auf den Armen der alten Frau. Die Salbe brannte tief unter der Haut. Die Fuchsfee winselte. Sie musste raus aus diesem Körper, bevor das Hexenzeug noch tiefer drang und ihr eigentliches Ich erreichte.

„Gleich darfst du raus. Nur einen Moment Geduld“, versprach das Mädchen, griff nach der Colaflasche. Das kalte Ding flutschte aus Astas Mund. Dafür spürte sie den Flaschenhals an den Zähnen. Dierdra flüsterte lockend ihren Namen: „Hǔlijīng! Komm heraus, Füchschen; komm heraus, Hǔlijīng!
Die Dämonin begriff. Das war kein einfacher Exorzismus! Verzweifelt versuchte sie, sich im Körper der alten Frau festzukrallen und presste Zähne und Lippen aufeinander. Zu spät.
Noch einmal lockte Dierdra: „Komm heraus, Füchschen, komm heraus, Hǔlijīng!“, und da konnte sie sich nicht länger festhalten, fuhr heraus und landete in der süßen, braunen Brühe.
Angewidert sauste die Fuchsfee empor – und knallte gegen ein mit aller Meisterschaft und der Erfahrung aus über 300 Jahren gefertigtes Bleisiegel. Gedämpft hörte sie Dierdra sagen: „Anni? Ich glaube, die Aufregung war zu viel für die alte Dame. Wir sollten einen Krankenwagen rufen.“

Der Teufel und der Farn

Mittelalterliche Teufelsaustreibung

paris-1233618_640Man stelle sich vor: Eine Frau wird geknebelt und ans Bett gefesselt. Anschließend schlagen ihre Verwandten über Stunden auf sie ein, um ihr den Teufel auszutreiben, bis sie am Ende erstickt.
Mittelalterlich? Nein, so geschehen im Dezember 2015 in einem Hotelzimmer in Frankfurt am Main.

Hildegard von Bingen rät zu Farn

Im Mittelalter war es offenbar leichter, sich den Teufel vom Leib zu halten. Da reichte Farn. Über ihn schreibt Hildegard von Bingen in ihrer Physica:

Der Farn ist sehr warm und trocken und hat etwas Saft in sich. Aber er enthält viel Kraft, und zwar solche Kraft, dass der Teufel ihn meidet. […]den Menschen, der ihn [den Farn] bei sich trägt, meiden Magie und Zaubereien der Dämonen sowie teuflische Worte und andere Trugbilder.

Interessant ist dabei, dass man den Farn nur bei sich zu tragen braucht, um geschützt zu sein. Wenn der Teufel oder Dämon schon eingedrungen ist, hilft Farnsaft, ihn wieder auszutreiben. Ihn

flieht alles Üble und Magische.

Offenbar waren die Dämonen im Mittelalter kooperativer, als in späteren Zeiten. Bei Hildegard erscheinen sie jedenfalls nicht als elementare Bedrohung, der man mit Weihwasser, Priester und brutaler Gewalt begegnen muss, sondern eher als ein lästiges Übel, das man bei Beachtung der üblichen Vorsichtsmaßnahmen aber ganz gut in den Griff bekommt. Farn im Haus zu haben, ist eine davon, die außerdem den Vorteil hat, dass praktisch jeder sie sich leisten konnte.

Ich finde solche Details immer sehr spannend und benutze sie gerne. Nicht nur in den historischen, sondern auch in phantastischen Geschichten – selbst wenn das Ergebnis der gängigen Vorstellung widerspricht, wie sich ein Dämon zu benehmen oder ein Exorzismus auszusehen hat. Aber ich habe den Eindruck, dass phantastische Geschichten dadurch mehr „Tiefe“ und in gewisser Weise auch mehr Glaubwürdigkeit bekommen.

Jetzt bin ich gespannt: Sind solche Recherchen überflüssiger Hokuspokus, wenn man Fantasy schreibt? Verwirren sie vielleicht sogar und ist es deshalb besser, sich auf den „Common sense“ oder auf seine eigenen Vorstellungen stützen?