Die Forderung nach mehr Diversität

Diversität ist ein großes Thema in meinem Umfeld, genauer gesagt: bei den Autor*innen mit denen ich mich regelmäßig austausche. Wenn du meinem Blog folgst oder aus anderen Gründen schon mal reingelesen hast, weißt du vermutlich schon, dass ich oft etwas anderer Meinung bin.

Dabei kann ich absolut nachvollziehen, dass jedes Wesen das Bedürfnis hat, sich, bzw. die Gruppe zu der es sich zugehörig fühlt, in Filmen, Büchern und Bildern wiederzufinden. Und zwar auf eine respektvolle Art, die das eigene Selbst(wert)gefühl widerspiegelt. Also nicht nur als lustiger Sidekick oder Verkörperung irgendeines Klischees.
Mir ging es früher nicht viel anders. Abgesehen von „Mädchenbüchern“ wie Hanni und Nanni, so wie ein paar Liebesromanen, handelten fast alle Bücher von Männern. Überflüssig zu sagen, dass sie überwiegend auch von und aus der Perspektive von Männern geschrieben waren. Rückblickend scheint vieles, von dem, was ich damals als selbstverständlich überlesen habe, skurril. Damit meine ich gar nicht so sehr die oft nicht nur unterschwellige Misogynie, sondern eher die Fixierung auf den Penis und dessen Wirkung auf Frauen. Echt jetzt. Einige männliche Autoren scheinen der Überzeugung zu sein, der Penis sei sozusagen die Achse, um die die Welt rotiert. Sorry, Jungs – aber nein.
Ok, ich schweife ab. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht muss man sogar zu einem so schrägen Weltbild kommen, wenn man sein eigenes, männlich geprägtes Umfeld nie verlässt, sondern durch andere Männer noch in seiner Sichtweise bestätigt wird. Wenn alle Männer sich einig sind, muss es doch stimmen! Eine gute Medizin gegen eine so beschränkte Sichtweise ist immer, diese Komfortzone zu verlassen – wenn man(n) denn bereit ist, diesen Schritt auch zu gehen. Tatsächlich kann es ziemlich unangenehm werden, aber es eröffnet auch neue Perspektiven.
Für mich jedenfalls war es geradezu die Entdeckung eines neuen Universums, als in den 80ern im Zuge der Frauenbewegung immer mehr Bücher von AutorINNEN auf den Markt kamen. Frauen, die aus der Sicht von Frauen schrieben, denen es nicht genug war, Geliebte, Ehefrau oder Damsel in Distress zu sein. Plötzlich gab es Abenteuerinnen, Magierinnen und Detektivinnen, die fröhlich gegen alle bisherigen literarischen Konventionen verstießen, indem sie außerhalb der ihnen bisher eingeräumten Rollen agierten. Manches davon war Trash. Manche Ansichten waren genauso verquer, wie die der Kerls. Manches war miserabel geschrieben. Aber es war ungemein aufregend, wirklich gute, neue Stimmen zu finden und natürlich habe ich gezielt nach Autorinnen gesucht, um mehr davon zu bekommen.

Deshalb hat der Aufschrei: „ICH WILL ABER AUCH!“, mein vollstes Verständnis.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass ich mir nur sehr ungern etwas vorschreiben lasse. So bald jemand sagt: „Du musst in deinen Büchern aber auch Homosexuelle / Behinderte / Transmenschen / Nichtweiße / Wasauchimmer unterbringen“, stellt mein innerer Punk den Iro hoch und antwortet frei nach Lessing*: „Ich MUSS erst mal gar nichts.“
Im Gegensatz zur Aussage: „Ich will mehr über Homosexuelle, Behinderte, Transmenschen, Nichtweiße und/oder Wasauchimmer lesen“, ist die Forderung an uns Autor*innen, wir müssten dafür sorgen, jede Minderheit in jeder unserer Geschichten zu repräsentieren, schlicht übergriffig; selbst, wenn sie noch so gut gemeint ist. Das gilt um so mehr, wenn auch noch ausformuliert wird, wie diese Charaktere angelegt werden und in welchen Rollen sie auftreten müssen. Und es gilt erst recht, wenn die Forderung von jemandem kommt, der/die selbst nicht homosexuell/behindert/trans oder wasauchimmer ist. Das kommt für mich nämlich nicht als besondere Wokeness** rüber, sondern als besondere Form von Machtspiel. Als: „Ich kann dir Vorschriften machen.“
Nein. Kannst du nicht. Schon gar nicht, wenn es um meine Bücher, meine Geschichten oder mein Leben geht.

Abgesehen von diesem persönlichen Aspekt gibt es aber auch sachliche Gründe, diese Forderung zu ignorieren. Der erste ist, dass schon die Diskussion über die Repräsentanz von Minderheiten sehr selektiv geführt wird. Es geht praktisch nur, um die bereits benannten, gelegentlich auch um Übergewichtige. Außen vor bleiben u. a. Arme, Kinder, Alte, Mütter, Untergewichtige, Depressive …  In gewisser Weise ist die Diskussion daher selbst elitär und ausgrenzend.
Der zweite Grund ist, dass Geschichten mit einem begrenzten Personal auskommen müssen (Romane von Tolstoi ausgenommen, aber das ist vermutlich einer der Gründe, warum sie so selten gelesen werden). Nehme ich mir also vor, eine Geschichte maximal divers zu besetzen, bleibt pro Minderheit maximal eine Rolle – jedenfalls dann, wenn ich darauf achte, auch wirklich jede Gruppe mindestens einmal zu repräsentieren. Das führt aber dazu, dass Eigenschaften verallgemeinert werden. Ein homosexueller Charakter mutiert zum Vertreter für alle Homosexuellen, eine Himba zur Vertretung aller Menschen aus Afrika. Das Ergebnis sind also genau die Klischees, die man eigentlich vermeiden wollte. Manchmal fehlt auch einfach das Personal, um alle Rollen zu besetzen. Wo wollte man in einer Geschichte wie Zweigs Schachnovelle noch andere Figuren unterbringen, ohne die Geschichte selbst zu zerstören?
Der dritte und in meinen Augen der wichtigste Grund ist aber, dass eine solche Diversität allenfalls eine Utopie ist, aber nicht der Realität entspricht. Klar: Wenn ich durch die Innenstadt gehe, sehe ich Menschen aller möglicher Haut-, Haar- und Augenfarben, Frauen mit und ohne Kopftuch, Männer im Maßanzug und Bettler, dazwischen vielleicht auch zwei knutschende Lesben und möglicherweise*** begegnet mir sogar ein Transgender. So bald ich aber nach Hause komme, wird die Umgebung deutlich homogener und wenn ich in meine Familie gucke, reduziert sich die Diversität noch mal. Menschen neigen zur Gruppenbildung und diese Gruppen sind für gewöhnlich einigermaßen homogen. Jede/r einzelne gehört zwar meist mehreren Gruppen an (Familie, Sportverein, Lerngruppe, Arbeitskollegen …), aber diese Gruppen werden üblicherweise durch ein oder mehrere verbindende Elemente zusammengehalten, die für Homogenität sorgen. Jede dieser Gruppen, Communities oder Peer-Groups hat ihre eigenen Regeln und Codes, die den Zusammenhalt verstärken und mit der sich die Mitglieder von anderen Communities abgrenzen. Dementsprechend gibt es auch allenfalls partielle Überschneidungen. Mit anderen Worten: Schreibe ich über die Besatzung einer Raumstation im 22. Jahrhundert kann ich von einer sehr diversen Zusammensetzung ausgehen. Trotzdem wird sie sich in verschiedene Gruppen aufspalten, die in sich relativ homogen sind.
Als vierten Grund, nicht über Aussehen, sexuelle Ausrichtung, Geschlechtsidentität, Behinderungen o. ä. zu schreiben, ist, dass es oft keine Rolle spielt. Nur bestimmte Politiker fragen, ob der Mensch der vor ihnen in der Schlange ansteht, keinen deutschen Pass oder einen künstlichen Darmausgang hat, schwul ist oder hetero, nach Mekka betet oder vielleicht gar nicht. Alle anderen warten, bis sie dran sind und hoffen, dass ihre Lieblingsbrötchen bis dahin nicht ausverkauft sind. Als Autor*in beschreibt man solche Situationen dementsprechend genau so.

Ich reihte mich in die Schlange ein. Hoffentlich waren die Mohnbrötchen nicht wieder ausverkauft.

Anders ist das natürlich, wenn in besagter Schlange eine großartige Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt, weil die lesbische Afghanin einen Schritt zurückmacht und die Spitze ihres Stilettos ein Loch in den eigenen Rist tackert. Aber so lange ich diese Geschichte nicht erzählen will, müsste schon Jabba der Hutte dort stehen, damit es erwähnenswert wird.

Und nein, ich akzeptiere auch kein: „Dann schreib es doch einfach anders. Du bist Herrin deines Weltenbaus!“
Der zweite Satz ist zwar richtig. Ich kann. Wenn ich will. Aber ich bin keine Lohnschreiberin. Deshalb erzähle ich die Geschichten, die ich erzählen will und ich erzähle sie so Geschichten so, wie ich es für richtig halte. So, wie ich meine, dass sie erzählt werden müssen.
Jede/r hat das Recht, das Scheiße zu finden. Auch aufgrund theoretischer Erwägungen. Allerdings ist solche Kritik wie das Bemäkeln von Essen, das man nie probiert hat.

Denn dass ich mich gegen bevormundende und übergriffige Forderungen wehre, heißt schließlich nicht, dass ich ausschließlich über weiße, heterosexuelle, körperlich und geistig fitte Menschen schreibe. Gut, bisher hat keine meiner Figuren mit ihrer Geschlechtsidentität gehadert – oder wenn doch, hat sie nichts davon verlauten lassen. Sie waren – wenn man von Vater Gion in Der Fluch des Spielmanns absieht, auch körperlich nicht eingeschränkt. Aber:

  • Steppenbrand hat ein nicht-europäisches Setting. Die Charaktere sind durchgehend dunkelhäutig; in der Kultur der Khon haben Männer und Frauen die gleichen Rechte und Pflichten (wenigstens am Anfang); Polyamorie ist zwar nicht die Regel, aber im Normbereich des Zusammenlebens.
  • Kernthema von Der Fluch des Spielmanns sind Fremdheit und Heimatlosigkeit. Die Spielleute werden zwar nirgends beschrieben, ihr Aussehen kann allenfalls anhand der Namen gemutmaßt werden. Aber ihr Status als Außenseiter wird mehr als deutlich.
  • In O Tannenbaum geht es um Spielarten der Liebe. Das Gegengewicht zu der letztlich zerstörerischen Bindung der Protagonistin an ihren Baum bildet ein lesbisches Krähenpaar.
  • Die Protagonistin aus Biss zum letzten Akt ist ein beziehungsunfähiger Ex-Junkie, die ihrer Umgebung gerade so viel Aufmerksamkeit widmet, wie zum Überleben nötig.
  • Madame Mimi Moffat spielt zwar heute, ist aber eine Erinnerung an den Porajmos, den Mord an der tsiganen Bevölkerung (ich benutze diesen Begriff, um die Jenischen einzuschließen) während des dritten Reichs. Wer die zweite Person in der Geschichte ist, bleibt der eigenen Vorstellungskraft beim Lesen überlassen.

Zusammenfassung: Ich kann den Wunsch, die eigene Bezugsgruppe literarisch vertreten zu sehen, gut nachvollziehen. Ich glaube, dass ein Blick über den Tellerrand gut tut, lese selber alles mögliche und behaupte, insgesamt auch divers zu schreiben. Ich verwehre mich aber gegen die Forderung Literatur müsse irgendetwas. Eine derartige Anspruchshaltung ist anmaßend und übergriffig – jedenfalls so lange, wie du mich nicht dafür bezahlst, eine bestimmte Geschichte zu schreiben (ob ich das Angebot annähme, ist noch mal eine andere Frage, dazu müsste ich mehr darüber wissen).

Wenn du mir diskutieren willst – gerne. Die Kommentare sind offen.


*Nathan der Weise: „Kein Mensch muss müssen […]“
**auch nicht als Solidarität, Empathie o. ä.
*** Geschätzt sind bis zu 0,6% der Bevölkerung transsexuell. D. h. unter 1.000 Menschen sind sechs Transperson, die i. d. R. nicht auf sich aufmerksam machen. Was die interessante Frage aufwirft, wie mensch über Menschen schreibt, deren Eigenschaften unbemerkt bleiben.

Überraschung: Sprache wirkt

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Sprache ist nicht neutral. Sprache wertet. Immer. Sprache kann aufwerten und negieren, hervorheben und unsichtbar machen. Was man nicht schreibt, existiert nicht. Informationen, die uns der Text vorenthält, füllen wir beim Lesen mit unserem Wissen und unseren Vorurteilen.

Ein schönes Beispiel habe ich vor ein paar Tagen beim Abendessen erlebt. Aus irgendwelchen Gründen kamen wir über russisches und amerikanisches Humorverständnis zu dieser Mini-Geschichte:

Ein Mann holt seinem Sohn vom Sport ab. Auf dem Nachhauseweg werden sie von einem Lkw gerammt. Der Mann ist sofort tot, der Sohn wird schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht und für eine Notoperation vorbereitet.
Als der Arzt das Kind sieht, wird er bleich und beginnt zu stammeln. „Ich kann das nicht. Das muss jemand anderes machen. Das ist mein Sohn!“

Ja, die Geschichte ist alt. Bei einigen ist der Überraschungseffekt vielleicht noch da. Den Meisten wird sie aber in der einen oder anderen Variante vermutlich schon bekannt sein. Für diejenigen ist dann auch klar: generisches Maskulinum, der Arzt ist natürlich eine Frau, keine Überraschung. Weiß man ja. Generisches Maskulinum schließt Frauen ein. Nerv nicht.
Was diejenigen jetzt vielleicht überrascht, ist die Reaktion meines jüngeren Sohns. Der zuckte nämlich auch nur mit den Schultern. „Ja und? Die beiden sind halt schwul.“

Deshalb ist es wichtig, in den relevanten Bereichen präzise zu sein. Ein Forschungsteam, das sich aus Männern und Frauen zusammensetzt, ist kein Team von Wissenschaftlern. Wenn die beiden Piloten im Cockpit weiblich sind, sind sie Pilotinnen. Es ist so einfach. Die Sekretärin des Chefs Chefsekretärin und nicht Chefsekretär zu nennen, kommt euch vermutlich auch ganz locker aus der Feder.

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Bildquelle: johnhain via pixabay

 

Warum der Bechdel-Test nicht alles ist

Der Bechdel-Test ist ein ziemlich einfaches Instrument, um den Status von Frauenrollen zu beurteilen. Er ist zuerst bei der Bewertung von Frauenrollen in Filmen herangezogen worden, funktioniert aber eigentlich überall. Die „Anwendung“ ist einfach: Man guckt, ob das betreffende Werk

  • mindestens zwei Frauenrollen aufweist (und die Frauen Namen haben),
  • beide Frauen miteinander sprechen
  • und es in diesem Gespräch nicht um einen Mann geht.

Sind alle Bedingungen erfüllt, ist der Test bestanden.

Das klingt auf Anhieb auch erst mal sehr plausibel. Wenn mindestens zwei Rollen mit Frauen besetzt sind und diese Frauen auch noch miteinander reden, spricht das dafür, dass Frauen mehr sind, als reine Staffage. Wenn sich das Gespräch dann auch noch um etwas anderes als um einen Mann dreht, haben wir Feminismus pur.

Oder?

Leider nein. Sonst wären Hanni und Nanni, Dolly, Bibi und Tina, und wie sie alle heißen, Ikonen der Frauenbewegung.
Aber zwei Frauen im Gespräch um Pferde oder die optimale Zubereitung eines Hühnersalats sind noch kein Feminismus. Sie sind noch nicht mal Zeichen von Selbständigkeit oder gar Gleichberechtigung.
Bei den genannten ist eher das Gegenteil der Fall, nur wird ihre Situation so behaglich rosa plüschig beschrieben, dass es kaum auffällt, wie konservativ und eng dieses Weltbild ist. Den Bechdel-Test bestehen sie trotzdem mit Bravour, weil der rein quantitativ misst.

Andererseits gibt es Bücher, die mit gleicher Bravour am Bechdel-Test scheitern, aber trotzdem empowern* können. Ein schönes Beispiel ist die Erzählung The Tent Peg von Aritha van Herk (in Deutschland unter den Titeln „Unter Männern“ und „Mackenzies Koch“ erschienen).
Die Geschichte spielt in einem Geologencamp in der kanadischen Wildnis. Aber im Grunde geht es vorwiegend um eins: Um J. L., die sich, als Mann verkleidet, als Koch in dieses Camp eingeschmuggelt hat. Es ist so ewig lange her, dass ich das Buch gelesen habe, dass ich nicht mal mehr erinnere, ob sie eine eigene Erzählperspektive hat. Aber sie kommt sehr ausgiebig zu Wort; sie ist ein unabhängiger Geist und viel interessanter als die Männer, die die Hauptperspektivträger sind. Das gibt der Geschichte einen ganz eigenen Reiz und ermutigt dazu, neue Dinge zu wagen.
Aber, wie gesagt: Es gibt keine zweite Frau in diesem Buch, und schon deshalb würde es beim Bechdel-Test durchfallen.

Ich stehe dem Bechdel-Test daher zwiespältig gegenüber. Einerseits finde ich ein möglichst differenziertes Personal in Büchern und Filmen wichtig, schon um Klischees zu vermeiden. Andererseits ist Quantität auch nicht alles und nicht jede Geschichte lässt sich mit jeder „Besetzung“ erzählen. The Tent Peg funktioniert gerade weil J. L. die einzige Frau in einer Gruppe von Hetero-Männern ist. Eine zweite Frau, ein Homosexueller in der Gruppe – und das Ganze ergäbe eine vollkommen andere Geschichte.

 


*Leider ist mir auch bei längerem Nachdenken kein gleichwertiger deutscher Begriff eingefallen.



Übrigens bestehen auch nicht alle meiner Bücher den Bechdel-Test.
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Steppenbrand würde scheitern, obwohl die Geschichte in einer Kultur spielt, in der Frauen eigentlich absolut gleichberechtigt sind. Aber genauso, wie bei The Tent Peg eine Frau im Zentrum der Handlung steht, ist es bei Steppenbrand ein Mann. Deshalb beziehen sich auch alle Gespräche in irgendeiner Form auf ihn.

Warum ich nicht diskriminierungsfrei schreiben kann und es trotzdem versuche

birdcage-2337188_640Ich habe lange Zeit mit mir gerungen, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Oder besser gesagt: Ich habe ihn geschrieben, weil es mir ein Bedürfnis war, das Thema aufzugreifen und dann lange mit mir gerungen, ob ich ihn veröffentlichen soll. Mir ist schon jetzt klar, dass ich damit Menschen vor den Kopf stoßen werde. Trotzdem ist das hier nun einmal mein Standpunkt, und damit genauso berechtigt, wie jede andere Meinung auch. Also raus damit.

Es geht, wie der Titel schon verrät, einmal mehr um Diskriminierung und Teilhabe. Ich lese viel darüber und es mehren sich die Beschwerden, dass Literatur nicht divers genug sei. Erzählt würde in der Regel aus der Perspektive der weißen, männlichen Mittelschicht. Heterosexualität sei die Norm. Menschen anderer Hautfarbe tauchten allenfalls als Staffage auf und überwiegend in untergeordneten Positionen. Behinderungen seien völlig tabuisiert. Und gerade in der Jugendliteratur falle das Frauenbild noch hinter die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Dass diese Gruppen dadurch marginalisiert und diskriminiert werden, steht außer Frage.
Dementsprechend viele Empfehlungen gibt es, wie Bücher im Sinne der Diversifizierung verbessert werden könnten: eine größere Bandbreite im Aussehen der Protagonisten, mehr Frauen, Behinderte, Schwule, Lesben, Asexuelle – wenn schon nicht in den Haupt-, dann doch wenigstens in den wesentlichen Nebenrollen. Dem stimme ich zwar weitgehend zu, aber manchmal frage ich mich doch, ob man gute Absichten und gute Literatur wirklich gleichsetzen sollte.
Weitaus problematischer finde ich jedoch die oft gleichzeitig erhobene Forderung, das Werk müsse außerdem frei von ableistischen, rassistischen, homophoben und misogynen Begriffen sein – überhaupt von allem, durch das sich irgendwer gekränkt fühlen könnte.
Ich muss zugeben, dass es mich da manchmal schüttelt.

Warum ich es nie allen recht machen werde

Zunächst mal empfinde es als Zumutung, von einem Autor oder einer Schriftstellerin zu verlangen, in jeder Geschichte ein Maximum an Diversität unterzubringen. Das hat mehrere Gründe, die vielleicht den einen oder die andere überraschen.

Diversität ist nicht immer möglich und sinnvoll

Gerade bei historischen Stoffen ist die Forderung nach maximaler Diversität geballter Unsinn. Wie soll man in einer Handlung, die irgendwo zwischen Völkerwanderung und Neuzeit in einem Bergdorf im Schwarzwald oder auf einer Nordseehallig spielt, jemanden mit dunkler Hautfarbe unterbringen? In solchen Gegenden sind Haut- und Haarfarbe über weite Epochen gar kein Thema. Fremd ist, wer mehr als eine Tagesreise entfernt wohnt. Manchmal reicht zum Fremdsein schon das Nachbardorf.
Genauso muss man sich fragen, wie wahrscheinlich die Teilnahme es ist, dass in einer bestimmten Gruppe Frauen oder Behinderte sind. Nehmen wir das Beispiel einer der frühen Weltraummissionen: Von den von Wikipedia aufgelisteten 568 Raumfahrern sind gerade mal knapp 11% weiblich. (Und das auch nur, weil sich Frauen in den USA in den 70ern per Gerichtsurteil das Recht auf Teilnahme an Raumflügen erstritten.) Noch schwieriger ist es nur, jemanden mit Behinderung in die Mannschaft zu bringen, da körperliche Fitness eines der wesentlichen Kriterien für die Teilnahme ist.
Wo soll Homosexualität anklingen, wenn in dieser Zeit nicht darüber gesprochen wurde oder die Ausübung sogar zum Tod führen konnte? Sicher, man kann dann genau das zum Thema machen, aber was, wenn das Thema ein ganz anderes sein sollte?
Warum messen wir der Sexualität überhaupt so viel Bedeutung zu, sie unbedingt einbringen zu müssen – in welcher Spielart auch immer? Wenn der Plot keine Liebesgeschichte erfordert, kommt es dann überhaupt darauf an, ob die Charaktere nun hetero-, homo-, bi-, metro- oder asexuell sind? Wer will das wissen? Wozu?

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Meine Perspektive ist nicht vorurteilsfrei

Der nächste Punkt sind die Perspektiven: Natürlich habe ich Wahrnehmungsprobleme und blinde Flecken. Meine Welt setzt sich in erster Linie aus den gemachten Erfahrungen zusammen. Genauso, wie ich keinen Infraschall hören und kein UV-Licht sehen kann und deshalb das mir zugängliche Geräusch- und Farbspektrum als das normale zugrundelege, konstruiere ich auch meine Vorstellung von Normalität aus den gemachten Erfahrungen.
Mit anderen Worten: Ich kann mich zwar an die Erfahrungswelt einer Migrantin annähern, indem ich eigene Erfahrungen mit Fremd-Sein und die Erzählungen anderer verknüpfe, werde aber immer an den Details scheitern, weil die Details individuell und nicht verabsolutierbar sind. Genauso werde ich vermutlich an der Darstellung eines Schwulen innerhalb einer der diversen vorhandenen Szenen scheitern, weil mein Blick für Details durch meine Hetenbrille verzerrt ist.
Überhaupt – und das ist auch so ein Thema, das ich auf genau den gleichen Blogs und den gleichen Portalen lese – sollten wir nicht sowieso die für sich sprechen lassen, die aus eigener Erfahrung berichten können? Also die eingeschränkt-agilen, nicht-heterosexuellen, nicht-mittelständischen Nicht-Kartoffeln. Was für eine Anmaßung, zu glauben, deren Erleben angemessen widerspiegeln zu können!*

Eine beleidigungsfreie Sprache ist nicht möglich

Aber es ist die dritte Forderung, die mich vollends auf die Palme bringt: Nämlich die, so zu schreiben, dass sich niemand beleidigt oder sonst wie getriggert fühlt.
Nicht, dass ich unbedingt jemanden beleidigen oder triggern will. Fakt ist aber, dass sich immer jemand finden wird, der sich beleidigt fühlt. Vielleicht nicht sofort, aber in Zukunft garantiert.
Natürlich kann man bestimmte Worte weglassen. Man kann darauf verzichten, „Neger“ zu sagen – das tut nicht mal weh. Man kann darauf verzichten, Menschen, die sich aufgrund Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft anderen überlegen fühlen als Rassisten, Chauvinisten oder Snobs zu bezeichnen, denn gerade die fühlen sich besonders beleidigt, wenn man das tut. Man kann seine Charaktere so weit disziplinieren, dass sie nicht fragen: „Ey, sach mal bist du schwul, Alda?“, sich gegenseitig als Spasten bezeichen oder die Oma eben nicht zum Enkel sagt: „Nun schneid‘ dir aber mal die Haare, Jung! Du siehst ja schon aus wie ein Mädchen.“ Kann man alles machen. Man kann sogar darauf verzichten, Nazis als Nazis zu bezeichnen. Wie gesagt.

Aber wer gibt mir die Garantie darauf, dass nicht in 10 Jahren Tiere als vollwertige Rechtspersönlichkeiten angesehen werden und PETA Massenklagen einreicht, weil Autorinnen und Autoren die Beleidigung „dumme Kuh“ verwendet haben?
Sprache ist immer Ausdruck einer bestimmten Kultur. Kultur kann sich ändern. Damit ändert sich auch, was als beleidigend empfunden wird. Wenn ich heute über jemanden als „das Weib“ spreche, ist das beleidigend. Vor 200 Jahren wäre es normal gewesen. Da war „Frau“ das Synonym für eine Höherstehende.

Nun bin ich als Fantasy-Autorin in der privilegierten Position, den Leuten nicht aufs Maul schauen zu müssen. Ich kann mir noch wesentlich kreativere Beleidigungen und Flüche einfallen lassen. Trotzdem bleibt Sprache Ausdruck einer bestimmten Kultur. Wenn ich meine Völker forme, muss ich im Hinterkopf behalten, wie der Blick der jeweiligen Kultur auf Außenstehende aussieht – und was als außenstehend empfunden wird. Irgendetwas ist es immer.
Das bedeutet aber auch, dass sich das Konzept von „fremd“, „andersartig“ und „abstoßend“ je nach (Sub-)Kultur ändert. Damit ändert sich auch, was als Beleidigung empfunden wird und deshalb ist es nicht der Sachinhalt, der ein Wort zur Beleidigung macht, sondern die dahinter durchscheinende Intention. Die wiederum ist aber etwas anderes, als die Aussage des Textes insgesamt – was bei der Forderung nach einer sauberen (sprich nicht diskriminierenden, niemanden verletzenden) Sprache vollkommen untergeht.**

Ein vorsichtiges Fazit

Im Ergebnis bleibt schon mal festzuhalten, dass schon der Versuch, es jedem recht machen zu wollen, zu einem Eiertanz führt, der nur schief gehen kann. Selbst im besten Fall kommt nicht mehr dabei heraus als eine neue Form der Erbauungsliteratur. Ideologisch unbedenklich, ohne Ecken und Kanten und garantiert keimfrei. Noch reizärmer als eine öffentlich-rechtliche Vorabendserie und mit Figuren ausgestattet, die mit echten Menschen noch weniger zu tun haben als Ken und Barbie mit den Maßen real existierender Mitteleuropäer.
Ob das freiwillig jemand lesen will? Ich glaube nicht. Lesen soll ein Abenteuer sein, das einen an fremde Orte bringt, neue Erfahrungen machen lässt oder wenigstens die Tristesse des Alltags vergessen macht. Wir wollen krasse Helden und Kickass-Protagonistinnen, die Dinge tun, die wir uns nie im Leben trauen und Situationen durchleben, die wir um alles in der Welt zu vermeiden wünschen. Mit Ken und Barbie wird das nichts.

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Warum ich trotzdem versuche, niemanden zu diskriminieren

Kurz gesagt: Weil das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht heißt, dass man andere abwerten darf und weil gute Bücher vielschichtig sind.
Die Langfassung ist, wie immer, etwas komplexer.

Dabei ist der erste Teil noch relativ leicht. Ich bin sehr für klare Worte und eindeutige, eingängige Formulierungen. Das bedeutet aber keinen Freibrief dafür, andere absichtlich zu verletzten.
Und damit sind wir schon beim diskriminierungsfreien Ansatz, denn nichts anderes bedeutet diskriminieren: Jemanden schlechter zu behandeln als andere oder seinem Ansehen durch negative Äußerungen zu schaden.

Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass es dem Werk gut tut, wenn der Autor oder die Autorin sich aktiv mit seinen/ihren Vorurteilen auseinandersetzt und versucht, sie zu überwinden. Nichts ist langweiliger als die Episteln deren, die in ihrer eigenen Welt gefangen und dadurch gezwungen sind, ewig die gleichen Gedanken widerzukäuen. Deutlich spannender sind die Bücher, derjenigen Autor*innen in der Lage sind, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Das geht nur, wenn man bereit ist, erst mal vom hohen Ross der wohlgeformten eigenen Weltsicht abzusteigen.
Leider ist dieser Akt nicht ganz ungefährlich. Nicht nur, weil der Boden der Tatsachen oft ganz schön dreckig ist. Mehr noch: Mit Pech erkennt man, einer Chimäre aufgesessen zu sein. Das eigene Weltbild gerät ins Wanken und auch alle Kategorien von schön/hässlich, gut/böse, wahr und falsch – kurz alles, was das eigene Leben vorher einfach und übersichtlich gemacht hat. Vorurteile eben. Wir alle haben sie.
Trotzdem lohnt es sich, diesen Schritt zu wagen. Zwar werden wir auch dadurch nie in der Lage sein, unsere Vorurteile vollständig abzubauen, aber er schult die Wahrnehmung, erweitert den Horizont und hilft, sich über Analogienden Erfahrungen anderer anzunähern (die genauso subjektiv sind, wie die eigenen). Damit ist man in der Lage, seine Inhalte zumindest punktuell anzupassen, neue Sichtweisen anzunehmen und sie in Geschichten zu integrieren.

Das garantiert nicht, dass sich nie jemand beleidigt fühlen wird. Eine derartige Garantie ist schon deshalb unmöglich, weil dieser Ansatz darauf verzichtet, bestimmte Worte in den Giftschrank zu stellen. Dieser Ansatz garantiert aber, dass man sich damit auseinandersetzt, was man sagt und welche Worte man in welchen Zusammenhängen verwendet.
Vielleicht wird man dadurch ein besserer Mensch. Vielleicht auch nicht. Ich glaube aber fest daran, dass man so die besseren Geschichten schreibt.

Und ich bin der festen Überzeugung, dass es das wert ist.


*Der Widerspruch zu Punkt 1 wird leider nicht bemerkt oder jedenfalls nicht angesprochen und dementsprechend auch nicht aufgelöst.
**Den Punkt habe ich schon in den Artikeln „Das Schreckgespenst der gegenderten Sprache“ und „Alles auf die Goldwaage?“ angesprochen, daher will ich ihn hier nicht vertiefen.


Bildquelle: johhsonlu via pixabay

Das generische Maskulinum – eine Illusion?

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel zur gegenderten Sprache verfasst. Genauer gesagt: Ich habe darüber geschrieben, warum es nicht schlimm ist, Frauen und Männer gleichermaßen anzusprechen, sondern vielleicht sogar gut.

Jetzt bin ich bei SciLogs auf den Artikel eines Sprachwissenschaftlers über das generische Maskulinum gestoßen, der zu dem überraschenden Ergebnis kommt, dass es das nicht gibt: Frauen natürlich ausgenommen.
Anders, als oft behauptet, sind Frauen eben nicht ausdrücklich mitgemeint, wenn eine männliche Form gewählt wird.

Es lohnt sich, den Artikel und die Kommentare bis zum Ende lesen.

phantastische Frauen: Susan Dexter

Meine im Rahmen der Autorinnenzeit begonnene, sehr persönliche Reihe über Frauen in der Phantastik, die mich und mein Schreiben geprägt haben, wäre unvollständig, wenn ich nicht wenigstens auch Susan Dexter erwähnen würde.

Ihre Bücher habe ich verschlungen, obwohl sie ein Genre berühren, das ich sonst so gar nicht mag: Den Liebesroman. Dabei ist „berühren“ eigentlich das falsche Wort, denn ihre Romane beinhalten immer eine Liebesgeschichte, die so zuckersüß und fluffig ist, wie Sahneschnittchen mit rosa Zuckerguss. Daneben geht es auch immer um ein ganz besonderes Pferd. Valladan, einen schwarzen Hengst mit außerordentlichen Fähigkeiten.

Kurzum: Kitsch.

Man könnte Sodbrennen davon bekommen, wenn es nicht so perfekt wäre und so komisch. Susan Dexter greift absichtlich in die Klischeekiste und treibt alles, was ihr dabei in die Finger gerät, gnadenlos und konsequent auf die Spitze. Das und die Komik sorgen für eine ironische Brechung, die den Kitsch auf ein mehr als nur genießbares Maß reduziert. (Ich erspare mir hier weitere Kuchenvergleiche, sonst stürme ich die nächste Konditorei)

Es gibt aber noch einen anderen Punkt, in dem sich ihre Romane sehr deutlich von moderner Romantasy unterscheiden: Bei Susan Dexter sind es nie die Frauen, die irgendwelchen supercoolen, badassigen, heißen Typen hinterherhecheln. Wenn jemand badass ist, dann die Frauen. In jedem Fall haben die aber sehr konkrete eigene Ziele und es sind die Männer, die ihren Wert beweisen müssen (und es natürlich tun, schließlich handelt es sich um Liebesromane, da ist Happy End nahezu Pflicht).

Ich muss gestehen, dass ich es schade finde, dass ihre Bücher nicht mehr aufgelegt werden, sondern allenfalls noch antiquarisch zu haben sind. Ihre Protagonisten finde ich nämlich deutlich anziehender, als die ganzen modernen männlichen Love-Interests, die sich neben ihrem Reichtum vor allem dadurch auszeichnen, dass sie Frauen schlecht behandeln. Dann doch lieber einen wahren Ritter!*


„Der wahre Ritter“ ist der Titel eines von Susan Dexters Romanen – und der allerkitschigste.

Meldung und Meinung: Sexismus

Ich habe gerade mit großem Interesse eine Diskussion gelesen, in der einer Bloggerin Sexismus vorgeworfen wurde, weil sie in ihren Beiträgen ausschließlich das generische Femininum verwendet.

Wir lernen aus dieser Diskussion: Dass das generische Maskulinum Frauen unsichtbar macht, ist nicht nett und man darf sich daran stören. Aber sexistisch ist es nicht.
Sexistisch ist nur das generische Femininum, weil es Männer unsichtbar macht.
Demnach ist es offenbar schlimmer, wenn Männer unsichtbar sind. Männer müssen ausdrücklich genannt werden, Frauen nicht. Frauen muss es reichen, mitgemeint zu sein.

Warum eigentlich?

Sind Frauen weniger wert?
Das weise ich schon aus Selbstachtung zurück.
Sind Männer ihres Selbst so unsicher, dass sie ständige Rückversicherung und Bestätigung ihres Werts brauchen?
Das will ich für die Männer nicht hoffen.

Wenn aber beide gleich viel wert sind und wir von beiden die gleiche innere Stärke fordern, ist das generische Femininum nicht sexistischer als das generische Maskulinum. Damit wäre der einzige Vorwurf, den man der Bloggerin machen könnte, ihre Sprache nicht gegendert und sich vollkommen geschlechtsneutral ausgedrückt zu haben.
Allerdings bringt das zuverlässig die gleichen Menschen auf die Palme, wie die, die das generische Femininum als sexistisch ablehnen. Gendern ist nämlich auch böse. Ein Attentat auf den Wohlklang der deutschen Sprache.

Und an diesem Punkt weiß ich auch nicht weiter.

Das Schreckgespenst gegenderter Sprache

Gendern? hat die Autorenwelt in einem Artikel gefragt, in dem sich Sandra Uschtrin dafür ausspricht und Andreas Eschbach dagegen. Bereits der bloße Akt der Unterwerfung unter eine politisch begründete Sprachregelung sei falsch, schreibt er. Kunst müsse frei sein. Wer ideologischen Sprachregeln folge, schaffe Propaganda, keine Kunst. Das „Gendern“ sei Ideologie, behauptet es doch, die Sprache „gerechter“ zu machen und die Welt gleich mit. Dabei mache es die Sprache in erster Linie formelhaft und hässlich.

Vor zwanzig Jahren hätte ich vermutlich zugestimmt, zumal ich mich auch heute noch mit dem großen Binnen-I schwer tue und Sterne nur am Himmel schön finde.*
Heute sehe ich das etwas differenzierter und in der Differenzierung fällt auf, dass bei der grundlegenden Abwehr drei Behauptungen vermischt werden. Dabei fange ich mal von hinten an:

  1. Gendern macht die Sprache formelhaft und hässlich.
  2. Gendern sei Ideologie.
  3. Gegenderte Sprache sei Propaganda.

Daraus folgt im Umkehrschluss, dass Eleganz und Leichtigkeit der Sprache durch die Verwendung des generischen Maskulinum bedingt sind. Außerdem sei das generische Maskulinum wertfrei und damit Garant für eine ideologiefreie Sprache. Im Gegensatz zur Propaganda der gegenderten Sprache, lässt sich Kunst daher allein durch die Verwendung der ungegenderten, also des generischen Maskulinum erzeugen.

Merkt ihr was? Dröselt man die Einwände gegen die Verwendung einer gegenderten Sprache auf und wendet sie ins Positive, also in Forderungen für eine ungegenderte Sprache, stellen sie sich als mindestens genauso ideologisch und propagandistisch dar, wie die Gegenposition.
Aber das ist auch zunächst gar nicht schlimm. Schlimm wird es nur dann, wenn man die Worte „Ideologie“ und „Propaganda“ als Kampfbegriffe einsetzt, ohne auf den Wahrheitsgehalt der dahinterstehenden Positionen einzugehen. Zunächst mal ist eine Ideologie nämlich nichts anderes als eine Weltanschauung bzw. ein Wertesystem. Daran, ein Wertesystem zu haben, ist grundsätzlich nichts verkehrtes. Im Gegenteil: gemeinsame Werte sind der Kitt aller freien Gesellschaften.

Die meisten von uns haben vermutlich kein Problem damit, das Grundgesetz als Grundlage unseres Zusammenlebens anzuerkennen. Damit beruht unser gemeinsames Wertesystem auf dem Bekenntnis zur demokratischen, pluralistischen Gesellschaft und der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Rasse, Religion und/oder Geschlecht.
Aber in der Sprache darf das nicht zum Ausdruck kommen, weil sie dadurch formelhaft und hässlich wird? Eine Sprache ist nur dann ideologiefrei, wenn lediglich Politiker in den Parlamenten sitzen, nur Forscher Entdeckungen machen und selbst eine Demonstration für Frauenrechte grammatikalisch ausschließlich aus Männern besteht, weil die Demonstrantinnen, Forscherinnen und Politikerinnen nur erwähnt werden, wenn gerade kein Mann in der Nähe ist? Entschuldigung bitte, aber was für ein Gesellschaftsbild wird hier propagiert?

Fakt ist: Sprache ist nicht ideologiefrei. War sie noch nie. Sprache ist Macht. Mächtiger sogar als das Schwert, weil sie das Denken prägt. Gleichzeitig ist Sprache immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen. Das zeigt sich nicht nur in der Übernahme von Fremd- und Lehnsworten, sondern bis in die Umgangsformen. Wir haben im Rahmen des Demokratisierungsprozesses den Pluralis Majestatis und die unsägliche Anrede „er“ entsorgt. Die Nivellierung gesellschaftlicher Unterschiede schreitet weiter fort, indem sich das Duzen immer mehr als normale Anredeform unter etwa Gleichaltrigen etabliert. Das kann man beklagen, weil einem ein „du Arschloch“ doch schneller rausrutscht, als ein „Sie Arsch!“, aber Fakt ist, dass wir nicht mehr in einer Standesgesellschaft leben, und dass sich die Sprache daran anpasst.

Genauso leben wir aber in einer Gesellschaft, in der Frauen gleichberechtigt teilhaben (wollen). Auch daran kann sich die Sprache anpassen, indem sie Frauen nicht weiter ausblendet. Nichts anderes tut gegenderte Sprache. Sie macht Frauen sichtbar.
Jetzt wieder ketzerisch gefragt: Ist es per se hässlich und formelhaft, neben Autoren auch die Autorinnen zu erwähnen, außer Politikern auch die Politikerinnen und die Wissenschaftlerinnen neben den Wissenschaftlern? Ich behaupte nein. Trotz der oben erwähnten Schwierigkeiten mit dem Binnen-I und anderen Lösungsversuchen. Es kann sogar poetisch klingen, wie im Märchen von Jorinde und Jorigel, die einander so lieb hatten, dass keines ohne das andere sein wollte.
Die Kunst besteht darin, kreative Lösungen zu finden, wie dieses generische Neutrum. Ich kann in diesem kreativen Umgang mit Sprache auch keine Unterwerfung erkennen, sondern das, was Kunst eigentlich ausmacht, und was Eschbach sogar fordert, nämlich etwas, das aus dem Inneren kommt (d. h. dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung) und gegen Regeln verstößt (den herrschenden Sprachgebrauch). Demgegenüber könnte man das Beharren auf dem generischen Maskulinum sogar als geistige Faulheit abtun.

Verwende ich deshalb nur noch geschlechtsneutrale Formulierungen? Nein, natürlich nicht. Schon deshalb nicht, weil ich tief im herkömmlichen Sprachgebrauch verhaftet bin. Aber genauso, wie ich darauf achte, mehrdimensionale Charaktere zu schaffen, achte ich auf eine angemessene Sprache. Das bedeutet, dass in den Blogbeiträgen deutlich mehr Experimente möglich sind, als in den Büchern. Aber selbst dort versuche ich, das generische Maskulinum auf das absolute Minimum zu reduzieren. In „Steppenbrand“ bin ich sogar ein Stück weitergegangen, indem ich den Khon eine Sprache mitgegeben habe, die in der Grundform nicht zwischen Männern und Frauen unterscheidet. Damit spiegelt die Sprache sehr genau die Weltsicht dieses Volks. Trotzdem glaube ich nicht, dass irgendein Leser oder eine Leserin auf die Idee kommen wird, sie als ideologisch weichgespült zu empfinden.

Daher ist meine Position zu dem Thema ganz eindeutig: Mehr Mut zum Experiment. Sprache ändert sich sowieso. Warum nicht daran teilhaben und sie mitgestalten?


*Gendern finde ich übrigens auch ein ganz schreckliches Wort, weshalb ich es normalerweise vermeide.

Neues vom NaNo: Meine Protagonistin

Jepp, du hast richtig gehört. Nachdem Steppenbrand und der Fluch des Spielmanns männliche Hauptfiguren hatten (genauso wie die Weihnachtsgeschichte, die ich für Clue Writing verfasst habe), ist es Zeit, mal wieder aus weiblicher Sicht zu schreiben. Obwohl ich nicht finde, dass die Unterschiede so wahnsinnig groß sind. Wenn ich mir meine Protagonisten ansehe, ist es wie in der „echten Welt“: Es gibt sehr große Unterschiede zwischen Männern und genauso große bei den Frauen. Tatsächlich ist das biologische Geschlecht nur ein kleiner Teil dessen, was unsere Identität und den Charakter ausmacht.

Aber ich schweife ab, ich wollte ja von meiner Protagonistin erzählen. Dieses Mal musste es eine Frau sein, weil sie eine Dryade ist und Dryaden nun mal weiblich sind. Wikipedia meint, dass die Dryaden laut griechischer Mythologie sogar die Gestalt besonders schöner Frauen gehabt hätten. Aber das liegt vermutlich im Auge des Betrachters und wenn der z. B. ein Faun ist und sowieso über alles herfällt, was nicht bei drei auf dem Baum ist … Besten Dank auch!

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Darf ich vorstellen: Velona. Nicht unbedingt eine klassische Schönheit.

Ich schweife schon wieder ab. Hauptmerkmal der Dryaden ist jedenfalls, dass sie Baumnymphen oder -geister sind und verdammt sauer werden können, wenn man sich an „ihren“ Bäumen vergreift. Und genau das passiert in meiner Geschichte.


Unter der Überschrift Neues vom NaNo berichte ich über meine Erlebnisse beim NaNoWriMo, dem größten virtuellen Schreibtreffen. Einen Monat lang treffen sich Autoren aus aller Welt, um sich gegenseitig bei einem Ziel zu unterstützen: Innerhalb von 30 Tagen mindestens 50.000 Worte zu schreiben.