#CharactersofSeptember (Tag 26) – Worauf Seraina stolz ist

„Characters of September“ ist eine Challenge, bei der fiktive Charaktere selbst zu Wort kommen. Bei mir stellt sich Seraina, eine Spielfrau aus dem frühen Mittelalter, den Fragen. Sie ist eine der Figuren aus der Erzählung Der Tod des Spielmanns.

Nike: „Hallo Seraina. Schön, dass du wieder da bist. Nachdem wir uns gestern über Scham unterhalten haben, geht es heute um Stolz. Gibt es etwas, auf das du rückblickend besonders stolz bist?“

Seraina: „Sei gegrüßt, Nike. Stolz ist ein großes Wort und wir waren kleine Leute. Stolz konnten wir uns nicht leisten. Aber doch, es gibt eine Sache, auf die ich tatsächlich stolz bin.“

Nike: „Lass mich raten. Darauf, dass du weggelaufen bist? Du hast diesen Moment der Freiheit erwähnt.“

Seraina: „Das war ein wundervolles Gefühl. Aber stolz? Nein! Stolz bin ich darauf, Corvin das Leben gerettet zu haben. Wenigstens ihm.“


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Die Erzählung Der Fluch des Spielmanns ist als eBook für alle gängigen Lesegeräte erhältlich. Unter anderem kann es bei diesen Anbietern heruntergeladen werden:

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#CharactersofSeptember (Tag 24) – Seraina über das Schrecklichste, was sie Corvin angetan hat

Wer hier mitliest, weiß inzwischen vermutlich sehr genau, dass es bei Characters of September darum geht, fiktiven Charakteren eine Stimme zu geben. Trotzdem schreibe ich es für die Neueinsteiger sicherheitshalber noch einmal dazu.
Bei mir beantwortet Seraina, eine Spielfrau aus dem frühen Mittelalter die Fragen.

Nike: „Hallo Seraina! Noch einmal herzlichen Dank, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Ich weiß, dass dir die Fragen sehr zusetzen und auch die nächste wird vermutlich nicht leicht. Es geht darum, was das Schrecklichste war, das du jemandem, den du liebst, angetan hast.“

Seraina: „Du hast recht. Ich hätte es mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen sollen, bevor ich zusage. Oder die Fragen genauer lesen. Manche davon sind wirklich …
Warum wird so in den düsteren Winkeln der Seele gestochert? Was soll das bringen? Glaubt wirklich jemand, mich besser zu kennen, nur weil solche Sachen ans Licht gezerrt werden? Ist denn der Kern meines Seins das Böse? Sind es nicht auch die hellen Dinge? Meine Talente und Fähigkeiten, die schönen Erlebnisse; das, was mich mit anderen verbindet? Warum sprechen wir nicht über meine Beziehung zu Corvin oder – wenn es denn schon hart und schwer sein muss – über das Leben als Fahrende und darüber, wie es ist, Geld für Ehre zu nehmen?“

Nike: „Tut mir leid, aber …“

Seraina: „Ja, ja, ich weiß. Du hast die Fragen nicht gemacht und so weiter. Hatten wir schon. Also kurz die Antwort: Das Schlimmste, was ich Corvin, meiner großen Liebe angetan habe, war natürlich die Drohung, ihn mit in den Tod zu nehmen. Ich habe damals keinen anderen Weg gesehen, aber es zerschneidet mir immer noch das Herz, wenn ich an das Entsetzen in seinen Augen denke.“


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#CharactersofSeptember (Tag 17) – Serainas Freunde

Bei Characters of September kommen fiktive Charaktere zu Wort. Bei mir stellt sich Seraina, eine Spielfrau und Geist aus Der Fluch des Spielmanns den Fragen der Challenge.

Nike: „Hallo Seraina und danke noch mal, dass du dir so viel Zeit nimmst. Heute wird es aber vermutlich ein kurzes Interview, denn heute geht es um deinen Freundeskreis. Nach dem, was du in den vergangenen Tagen erzählt hast, ist der eher klein, oder?“

Seraina (lacht): „Klein ist eine gelungene Untertreibung. Wenn man Corvin als meinen Freund und nicht als meinen Mann betrachtet, habe ich neben Hulda genau einen Freund.“

Nike: „Das heißt, du würdest ihn immer noch als deinen Freund ansehen? Trotz seines Verrats?“

Seraina: „Was meinst du mit Verrat? Dass er Hulda nachgestiert hat? Welcher Mann hat das nicht?
Dass er nicht mit uns gestorben ist? Warum sollte er! Ich bin froh, dass er überlebt hat!“

Nike: „Trotzdem hast du ihn nach eurem Tod verfolgt.“

Seraina: „Ja. Ich bin nicht stolz darauf. Ich hatte Angst. Ich war wütend und enttäuscht. Also habe ich ihm Angst gemacht. Als ob er nicht selbst genug gehabt hätte. Deshalb würde ich auch nicht von Verrat sprechen. Und letztlich … Ich will nicht sagen, dass alles gut geworden ist. Das nicht. Aber er hat überlebt. Ich hätte mich nur gerne richtig verabschiedet. Ihn noch einmal umarmt und gesagt, wie sehr ich ihn liebe!“


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Mein Traumprinz – ein Muttertagsmärchen

Ja, ich gebe es zu. Manchmal träume ich auch vom Märchenprinzen auf dem weißen Ross, dem feuerspeienden Drachen – oder auf einer schwarzen Triumph, wenn es ein moderner Traum ist. In meinen Träumen stehe ich am Fenster, sehe zu, wie er sich nähert. Sehe ihn, sein Ross, seinen Drachen oder sein Bike immer deutlicher (merke: Prinzen dürfen sich nicht zu schnell bewegen, das stört die Vorfreude), bis er schließlich vor der Haustür anhält.

Erst jetzt, wo ich weiß, dass wirklich ich gemeint bin, öffne ich die Tür. Er lächelt mir entgegen. Ein Windstoß zaust seine Haare. Das Pferd wiehert leise. Der Drache schnaubt. Die Triumph glänzt in der Sonne. Mein Herz klopft zum zerspringen.

Wir einander ganz nahe. Er drückt mir die Zügel/den Zündschlüssel in die Hand und sagt: „Na los, dreh eine Runde. Ich kümmere mich so lange um Hausaufgaben, Wäsche, Essen und was sonst so anliegt. Also lass dir ruhig Zeit!“

P. S.: Dieser Traum ist zwar in der Zeit vor dem Muttertag am ausgeprägtesten, wenn überall Werbung für Dinge auftaucht, die ich überhaupt nicht haben will (Blumensträuße, Pralinen, pastellige Parfüms und besinnliche Bücher). Ich freue mich aber fast noch mehr, über Geschenke außer der Reihe. Geschenke, die jemand „einfach so“ macht. Weil er mich mag. Daher dürfte dieser Traum gerne öfter in Erfüllung gehen. Auch ohne besonderen Anlass.
Und ich wette, dass es vielen Müttern genauso geht.

#Autorinnenzeit: phantastische Frauen (2) – Anne McCaffrey

Heute möchte ich die Mini-Serie über die Autorinnen, die mein eigenes Schreiben beeinflusst haben, mit einer weiteren Großen fortsetzen: Anne McCaffrey.

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Quelle: Wikimedia CC BY-SA 3.0, Link

Nachdem mich die Nebel von Avalon für die Phantastik angefixt hatte, war es ganz natürlich, nach ähnlichen Büchern zu gucken. Vor allem nach Büchern, in deren Mittelpunkt aktive Frauen standen. Ich hatte ja schon im letzten Beitrag erzählt, wie ungewöhnlich das damals war. Aber es fühlte sich gut an. Es war aufregend, Frauen zur Abwechslung nicht nur passiv und vor allem als Beute, naive Jungfrau oder laszive Verführerin präsentiert zu bekommen. Es eröffnete ganz neue Rollenmuster; eine Entwicklung, die übrigens parallel auch im realen Leben stattfand.

Ich habe die Diskussionen am Abendbrottisch noch gut in Erinnerung: Meinen Vater, der brüllte, seine Frau habe es nicht nötig arbeiten. Meine Mutter, die dagegenhielt, die Zeiten hätten sich geändert. Er könne es ihr nicht mehr verbieten.
Nicht mehr, wohlgemerkt. Es war keine fünf Jahre her, dass verheiratete Frauen ohne Erlaubnis ihres Mannes einen Arbeitsvertrag abschließen durften und die Ehemänner nicht mehr berechtigt waren, ein Arbeitsverhältnis „ihrer“ Frauen eigenmächtig zu kündigen. Mein Vater war Jurist. Er muss es gewusst haben. Gefallen hat es ihm überhaupt nicht.
Ich war damals 13 oder 14. Mitten in der Pubertät. Meine heile Kinderwelt zerbrach und ich sehnte mich nach Abenteuern und Auswegen.

Natürlich habe ich deutlich mehr gelesen, als nur Fantasy. Ich habe so ziemlich alles gelesen, was mir in die Hände fiel. Von Hanni und Nanni bis Angst vorm Fliegen. Aber eben auch Fantasy. Und hier war Anne McCaffrey die nächste Autorin, die ich für mich entdeckte.
Gut, Anne McCaffrey wird eigentlich nicht zu den Fantasy, sondern zu den Science-Fiction-Autorinnen gezählt, aber da beides zur Phantastik gehört, ist auch sie eindeutig eine der phantastischen Autorinnen. Als ich ihren Zyklus über die Drachenreiter von Pern entdeckte, fiel der für mich allerdings eindeutig unter Fantasy. Gut, es spielt auf einem entfernten Planeten. Aber ferne Planeten sind erst mal auch nur alternative Welten, wie Mittelererde oder Narnia. Für mich besteht der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Genres eher darin, welchen Stellenwert Technik und technische Entwicklungen innerhalb der Geschichte haben. Pern, die Welt der Drachenreiter, ist Low Tech; die Gesellschaftsstrukturen sind mittelalterlich. Vor allem aber: Es gibt Drachen!*

Zugegeben, auf die Geschichten um die Drachen bin ich erst später gestoßen, denn mein erster Kontakt zu dem Zyklus war Menolly, die musikalisch hochbegabte Tochter eines Seebarons. Leider sieht ihre Umgebung diese Begabung als vollkommen nutzlos an. Frauen ist das Musizieren zwar nicht direkt verboten, aber eine Ausbildung als Harfnerin …
Menollys Eltern tun alles, um sie vom „nutzlosen Klimpern“ abzuhalten und ihre Ambitionen zu durchkreuzen. Wirklich alles. Bis Menolly es nicht mehr aushält und wegläuft.
Hier eröffnen sich gleich mehrere wunderbare Möglichkeiten, die Geschichte zu versieben. Aber weder mutiert Menolly in der Wildnis zu einer weisen Kräuterfrau oder Kriegerin, die sich alleine durchschlägt, noch kommt es zu einer tränenreichen Wiedervereinigung mit den Eltern, die nun ihr Fehlverhalten einsehen. Erst recht taucht kein bad-ass-Guy auf, in den Menolly sich verliebt um fürderhin ganz für diese Liebe zu leben. Menolly versucht einfach nur durchzukommen. Sie bekommt Hilfe (oft von unerwarteter Seite) und muss Widerstände überwinden, wie sich das für eine anständige Heldin gehört. Kurzum: Menolly bleibt ein normales Mädchen mit einer außerordentlichen Begabung, und das macht letztlich auch ihre Geschichte außergewöhnlich.

Ich habe danach so ziemlich alles aus dem Drachenreiter-Zyklus gelesen und das Meiste fand ich gut. Besonders gefiel mir, dass man jedes Buch einzeln lesen kann, weil jedes eine in sich abgeschlossene Geschichte enthält.  Im Zentrum stehen immer wieder andere Figuren, mal Männer, mal Frauen. Manche tauchen nur in einem Band auf, manche haben über mehrere Bände hinweg tragende Rollen. Die einzelnen Geschichten sind zwar, wie moderne Fernsehserien, durch eine Rahmenhandlung verbunden. Diese wird aber nicht chronologisch enthüllt, so dass man die Bücher auch nicht in einer bestimmten Reihenfolge lesen muss.
Über den Stil kann ich nicht mehr viel sagen, außer dass er – zumindest in meiner Erinnerung – weniger Pathos enthielt, als die Bücher von Zimmer Bradley. Sex kam ebenfalls vor, aber seltener. Insgesamt habe ich mich von den Drachenreitern immer gut unterhalten gefühlt (sonst hätte ich auch kaum so viel davon gelesen). Außerdem gefiel mir, dass McCaffrey immer wieder Themen wie Gerechtigkeit, Vorurteile, Gleichberechtigung etc. aufgriff, so dass den Romanen trotz der ständisch-mittelalterlichen Gesellschaft, in der sie spielen, nichts restauratorisches anhaftet. Sie behandelte diese Themen aber immer subtil, im Rahmen der Geschichte und ohne erhobenen Zeigefinger. Das machte sie sehr angenehm und zugleich anregend zu lesen.


*Puristen mögen jetzt einwenden, dass die Drachen nicht auf natürlichem Weg, sondern durch gentechnische Veränderung einer Echsenart entstanden sind. Aber diese Zusammenhänge werden erst nach und nach aufgedeckt – und vor allem viel zu spät, um den Ersteindruck zu ändern.

[Märchen] Der Fischer und die Nixe

Inspiriert von dem Märchen „Die Sirenen“ von BlueSiren habe ich in den Kurzgeschichten aus meiner Anfangszeit gewühlt und tatsächlich die Geschichte vom Fischer und der Nixe wiedergefunden, die noch aus meiner Fanfictionzeit stammt. Ursprünglich war sie an der Küste Gondors angesiedelt.

Aber da der Stil genauso schwülstig war, wie befürchtet, habe ich ihr kurzerhand einen neuen Handlungsort verpasst, den es hoffentlich noch nicht gibt.

Jetzt aber Schluss mit dem Vorgeplänkel. Viel Spaß beim Lesen!

Fischer und Nixe
Motiv erstellt unter Verwendung eines Fotos von Pexels via Pixabay

Der Fischer und die Nixe

Vor langer Zeit lebte ein junger Fischer an der Küste von Gorem. Er war so arm, dass er sich nicht einmal ein Boot leisten konnte. So blieb ihm nichts, als längs des Strandes zu fischen. Von Morgens früh, bis nach Sonnenuntergang warf er sein Netz aus, doch oft genug war der Fang so gering, dass er gerade selbst davon satt wurde. Dennoch bewahrte sich der Fischer sein freundliches Wesen, denn er liebte den Strand und das Meer. Selbst die harte Arbeit gefiel ihm, zumal er lieber sein eigener Herr war, als eines anderen Knecht.

Doch eines Tages blieb sein Netz leer, als seien alle Fische aus der Bucht verschwunden. Auch am nächsten Tag fing er nichts als Tang und leere Muschelschalen. Am dritten ging es genauso. Nach vier Tagen hatte er seine letzten Vorräte aufgezehrt. Doch auch am fünften und sechsten Tag blieben seine Mühen vergeblich. Im gleichen Maß, wie der Hunger wuchs, wuchs auch seine Verzweiflung, denn das Einzige, das er gegen einen Kanten Brot verpfänden konnte, war sein Netze – aber das zu verpfänden hieß, sich seiner Lebensgrundlage zu berauben.

Als die Sonne am Abend des siebten Tages den Horizont berührte, schien sein Schicksal besiegelt. Wieder hatte er nicht einen einzigen Fisch gefangen. Hunger und Erschöpfung ließen ihn taumeln. Wenn er auch an diesem Abend nichts zu Essen bekam, würde ihm am nächsten Morgen die Kraft fehlen, das schwere Netz noch einmal auszuwerfen.
„Einmal noch“, schwor er sich. Einmal noch wollte er es versuchen, bevor er sich in das Unvermeidliche schickte. Er blickte auf das, wie Blut und flüssiges Gold schimmernde Meer und schickte ein stummes Gebet an die Götter, bevor er mit letzter Kraft das Netz auswarf.

Schon beim Loslassen erkannte er, dass der Wurf nichts taugte. Seine Arme waren zu schwer und er selbst zu müde, um dem Netz den richtigen Schwung zu geben. Nur halb entfaltet und nur wenige Meter von seinen Füßen entfernt klatschte es in die Fluten.

Tränen der Verzweiflung brannten in seinen Augen, als er es wieder einholte. Es war zu spät. Schon war die schnell sinkende Sonne nicht mehr, als ein dünner Bogen über dem Wasser. Bald würde die Dunkelheit kommen und mit ihr die Geschöpfe der Nacht, die jeder Mensch fürchtete. Wehe dem, der dann im Freien war!

In diesem Augenblick sah er in den Maschen etwas blitzen. Nicht den silbrigen Glanz von Fischschuppen, sondern ein goldenes Funkeln. Der Fischer dachte zuerst, das schwindende Licht und die tief stehende Sonne würden ihn narren. Doch das Glitzern blieb, wurde sogar stärker, je näher er sein Netz an sich zog.

Mit zitternden Fingern löste er seinen Fang aus den Maschen gelöst hatte und den Tang, der sich darumgewickelt hatte. Als er endlich fertig war, hielt er einen aus Gold getriebener Kamm in den schwieligen Händen, wundervoll gearbeitet und graviert und über und über mit Perlen und Edelsteinen besetzt. Nie in seinem Leben hatte er etwas annähernd Schönes und Kostbares gesehen.

Lange betrachtete er diesen Fund und konnte sich gar nicht satt sehen am Glanz des Goldes, dem weichen Schimmer der Perlen und dem Gleißen der Juwelen. Erst das Knurren seines Magens erinnerte ihn schließlich daran, dass er diesen Fang nicht für sich behalten konnte.

Schweren Herzens stand er auf und wollte sich gerade auf den Weg in die Stadt machen, als ihm ein neuer Gedanke kam. Er konnte nicht einfach auf den Markt gehen und den Kamm verkaufen! Niemand würde ihm glauben, dass er einen solchen Schatz aus dem Meer gefischt hatte. Schon gar nicht an dieser Stelle, so dicht am Ufer. Statt dessen würde man glauben, er habe den Kamm gestohlen. Ins Gefängnis würde man ihn werfen und ihn dort verrotten lassen – ohne die Möglichkeit, je seine Unschuld zu beweisen.

Erneut schossen ihm die Tränen in die Augen und er verfluchte die Götter, die so grausame Scherze mit ihm trieben. Jetzt war er reich, aber er konnte mit diesem Reichtum nichts anfangen. Nicht einmal reden durfte er davon.

Bis spät in die Nacht saß der Fischer neben seinem Netz. Unfähig sich zu rühren, unfähig eine Entscheidung zu treffen. Dann, Mitternacht war lange vorbei, drang plötzlich ein Klagelaut an sein Ohr. Die Verzweiflung die darin lag, war noch größer, als jene, die der Fischer fühlte.

Wieder und wieder erklang das Klagen, bis der Fischer aufstand und dem Geräusch nachging. Was machte es schon, wenn er am Ende auf eine Meerfrau, einen Meerlöwen oder eines jener anderen Wesen stieß, vor denen die Alten warnten? Er hatte nichts zu verlieren. Sollten sie ihn doch fressen!

Als er die Klippen am Rande der Bucht erreichte, fand schließlich die Quelle des Klagens. Ein junges Mädchen, so schien es, lag ganz unten am Fuß der Klippen und weinte bitterlich. Der Fischer trat näher und sah, dass er sich getäuscht hatte. Sie war kein menschliches Wesen, sondern eines jener Meerweiber, von denen es hieß, sie zögen die, die sich zu weit aufs Meer hinauswagten, zu sich hinab in die finsteren Tiefen. Hässlich, seien sie, hieß es weiter. Grünhaarig, fett und fahlhäutig, mit glotzenden Gesichtern und Mäulern, die vor spitzen Zähnen starrten. Die grünen Haare stimmten. Sie bedeckten den größten Teil des schlanken, milchweiß schimmernden Leibes, der beim Weinen zuckte. Unter diesem Vorhang schimmerten ein goldener, perlenbesetzter Gürtel und Ketten, ebenfalls aus Gold und Perlen.

Der Fischer empfand großes Mitleid mit ihr, auch wenn es ihn wunderte, wie ein so anmutiges und reiches Geschöpf solchen Kummer haben konnte. Gleichzeitig überkam ihn Angst, was sie anstellen würde, wenn sie seiner ansichtig wurde. Daher dauerte es einige Zeit, bis er sich ein Herz fasste und sie ansprach.

Die Meerfrau fuhr empor und starrte ihn aus großen erschrockenen Augen an. Ihr Gesicht hatte nichts mit den schaurigen Märchen der Alten zu tun. Es war wunderschön, selbst in diesem Augenblick, wo es nichts als den Ausdruck blanken Entsetzens zeigte.

„Hab keine Angst“, sagte der Fischer, der mit einem Mal nichts mehr fürchtete, als dass sie in ihr nasses Element stürzen und für immer zu verschwinden könne. Er sprach weiter auf sie ein, sagte, er habe ihr Weinen gehört und versprach zu helfen, so weit es irgendwie in seiner Macht stünde, bis sie schließlich Vertrauen fasste.

„Ich bin Mereja, die jüngste Tochter des Meerkönigs“, erzählte sie und ihre Stimme klang wie Musik in den Ohren des jungen Mannes. „Heute bin ich das erste Mal allein ausgeschwommen, weil ich so gerne sehen wollte, wie die Sonne versinkt. Es herrscht dann ein besonderes unter der Oberfläche.“ Ihr Gesicht leuchtete auf, als sie das sagte, doch im nächsten Moment fing sie wieder an, zu weinen. „Auf diesem Ausflug habe ich meinen Kamm verloren, ein kostbares Erbstück und nun traue ich mich nicht, zum Palast zurück zu kehren und meinem Vater unter die Augen zu treten.“

Da lächelte der Fischer und zog den Kamm aus der Tasche, in der er sonst seine Fische verwahrte. „Ist es dieser hier?“, fragte er.

Sie nickte unter Tränen und fragte, wie er daran gekommen sei.

Er erzählte seine Geschichte und gab ihr den Kamm, obwohl es ihn bitter schmerzte, auch diesen Fang zu verlieren. Doch als ob die Meerprinzessin seine Gedanken erraten hätte, lächelte sie und sagte, er solle die Hoffnung nicht aufgeben, sondern bei Tagesanbruch seine Netze an gewohnter Stelle auswerfen. Dann sprang sie hinab ins Wasser, und mit einem letzten Winken war sie verschwunden.

Der Fischer befolgte ihren Rat und wirklich: Obwohl er kaum noch die Kraft hatte, sein Netz richtig auszuwerfen, war es beim Einholen voller Fische. Anders als sonst, zappelten auch viele Barle und andere große Fische darin, die er auf dem Markt mit guten Gewinn verkaufen konnte.

So ging es von nun an alle Tage. Der Fischer brauchte sein Netz nur noch einmal am Tag auszuwerfen und was er fing, reichte nicht nur um satt zu werden. Es blieben immer genug Fische, um sie auf den Markt zu tragen. Mit der Zeit gelangte er sogar zu einigem Wohlstand, auch wenn er nie reich wurde.
Die anderen Fischer tuschelten über diesen Wohlstand, dessen Quelle ihnen unheimlich war. Noch unheimlicher aber fanden sie die seltsamen Angewohnheit, nachts am Strand spazieren zu gehen und im Meer zu schwimmen.
„Was sucht er dort?“, tuschelten sie und: „Kennt er denn gar keine Furcht?“
Aber sie errieten es nie. Und als er eines Tages nicht mehr zurückkehrte, sahen sie es als Bestätigung, dass die alten Geschichten stimmten und der Nacht nicht zu trauen war.

Der Fischer und die Meerprinzessin hätten eine andere Geschichte erzählen können. Aber sie sahen keinen Grund, je wieder zurückzukehren.


Die Geschichte darf  gerne geteilt werden, so lange ich als Autorin genannt werde. Änderungen und Bearbeitungen bedürfen meiner vorherigen Zustimmung.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Irgendwie geht es in Geschichten immer um Beziehungen. Sogar, wenn man über Eremiten schreibt. Die führen ihre Beziehung dann eben mit Gott (auch, wenn der selten antwortet, was vielleicht besser ist – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte).

Der Beziehungsstatus meiner derzeitigen Protagonistin würde bei Facebook vermutlich lauten: „es ist kompliziert“. In der Langfassung liest sich das im Entwurf so:

Zwei Tage später rief er an und lud sie zum Abendessen ein. Die Woche darauf gingen sie zusammen ins Kino. Drei Wochen später versuchte er das erste Mal, sie zu küssen. Seit einer Woche sprach er davon, sie endlich seinen Eltern vorzustellen. Gestern hatten sie sich verlobt. Höchste Zeit, ihn loszuwerden.

Was das jetzt mit Vampiren zu tun hat, verrate ich vielleicht ein andermal.

Kann man überhaupt noch über Vampire schreiben?

Der Hype um Vampire scheint abgeklungen. Inzwischen scheint auch so ziemlich alles über sie gesagt, wenn auch vielleicht noch nicht von jedem. Aber inzwischen scheint es ein Übereinkommen zu geben, dass Vampire Sexgötter mit Sado-Maso-Tendenzen sind. Und wer nicht immer neue Variationen über den Kampf zwischen Blutdurst und wahrer Liebe lesen will, ist längst weitergewandert zu anderen Geschöpfen und Geschichten.

Warum nun also ausgerechnet eine Vampirgeschichte für den Codex Aureus?

Die Antwort ist simpel: Weil sich seit der Clue Writing Challenge eine Vampirdame in meinem Hirn eingenistet hat, die darauf besteht, dass ihre Geschichte erzählt werden soll. Vorher wird sie nicht ausziehen. Aber ihre Geschichte ist es wert ist erzählt zu werden, weil sie weit ab vom Klischee ist.

Deshalb muss ich riskieren, die Einen nicht zu gewinnen, weil das Thema Vampire so ausgelutscht wirkt und diejenigen vor Kopf zu stoßen, die sich zum Lesen verführen lassen, weil sie nicht finden, was sie suchen.

Ich bin gespannt.

Ist Romeo und Julia keine Liebesgeschichte?

Gerade habe ich eine Aufstellung verschiedener Sub-Genres gelesen und alle liefen darauf hinaus, dass die Liebenden wahnsinnige Probleme überstehen müssen, sich am Ende aber alles in Glück und Wohlgefallen auflöst und der rosarote Himmel voller Streichinstrumente hängt.

Müssen Liebesgeschichten also ein Happy End haben?

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Bildquelle: Pixabay

Kann ja sein, dass sich inzwischen etwas geändert hat, aber was ist dann mit Romeo und Julia? Nur noch ein Klassiker, den keiner mehr lesen (oder sehen) will? Wie sieht es mit Harold und Maude aus? Fallen die jetzt unter Tragikomödie? Und was ist mit Lovestory? Oder mit „Brokeback Mountain“, um mal was moderneres zu nehmen.
Gehören die alle jetzt nicht mehr ins Genre „Liebe und Romantik“?

Das ist durchaus keine rhetorische Frage. Ich bin ernsthaft verwirrt. Ganz abgesehen davon, dass man damit ein Heilsvesprechen ausgibt, das nicht eingelöst werden kann. Nicht einmal alle Märchen enden mit dem Satz: „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“.
Sollte dann wirklich ein ganzes Genre das Happy End als maßgebliches Kriterium haben?

O Tannenbaum – oder: Was ist Liebe?

Vor ein paar Tagen habe ich O Tannenbaum als Liebesgeschichte zum Fest der Liebe angekündigt. Darauf bestehe ich auch, egal, was andere vielleicht sagen werden.

Man kann die Geschichte natürlich auch ganz anders lesen. Als Road Movie zum Beispiel. Oder als Abenteuergeschichte. Aber im Kern bleibt O Tannenbaum eine Liebesgeschichte, auch wenn Leser, die eine Girl-meets-Boy Romantasy erwarten, vermutlich trotzdem enttäuscht werden.
Für mich ist Liebe ein umfassenderer Begriff, der von vorsichtiger Zuneigung bis hin zu zwanghafter Obsession alles bedeuten kann. Welche davon in O Tannenbaum vorkommen, habe ich vielleicht schon angedeutet – verraten werde ich es allerdings nicht. Wo bliebe sonst der Reiz, die Geschichte selber zu lesen?

Jetzt bin ich allerdings neugierig: Was macht für dich eine Liebesgeschichte aus?

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