Die Brautgabe

„Der König wirbt um dich?“
Melisende sah vom Webstuhl auf. „Ja“, entgegnete sie leise.
„Und, freust du dich denn gar nicht? Bedenke doch: Der König!“ Eilika fiel es sichtlich schwer, ruhig zu bleiben.
Der Eifer ihrer kleinen Schwester entlockte Melisende ein Lächeln. „Es erscheint fast, wie im Märchen, nicht wahr? Das Aschenputtel wird zur Königin, trägt Kleider aus Samt und Seide, statt kratzender Wolle und muss nie mehr für das tägliche Brot arbeiten. Was für ein Leben könnten wir haben, du und ich! Denn dich würde ich selbstverständlich mitnehmen.“

Coverentwurf für Belletristica: Bild einer rothaarigen, sehr hellhäutigen Frau mit blauen Augen im Halbprofil. Ihr Blick ist nach oben gerichtet, die Hände sind in Höhe des Halses verschränkt. Auf dem Haar scheint sie einen Kranz aus blauen Beeren zu tragen. Im Bild die Textzeilen: "Die Brautgabe" und "Nike L."

Ihr Blick wanderte über die nackten Steine, die selbst im Hochsommer kühl und ein wenig feucht waren. Einst war dies der behaglichste Raum der Burg gewesen. Bunte Teppiche mit Bildern von Jagden, Einhörnern, Rittern und schönen Damen hatten die Wände geziert, auf den Truhen und in den Fensternischen lagen seidene Polster und das allzeit brennende Feuer vertrieb auch den letzten Hauch von Kälte. Aber das war vorbei. Von all‘ der Pracht waren ihnen nur das Bett, der Webstuhl und ein paar leere Truhen geblieben.

Der Niedergang hatte mit dem Tod ihres Vaters vor fünf Jahren begonnen. Der König hatte sich die Bestätigung des Lehens teuer bezahlen lassen. Schon damals hatten sie sich von den ersten Teppichen trennen müssen. Auch die Hunde, Falken und Jagdpferde hatte ihre Mutter verkauft, um das Geld aufzubringen. Aber arm wurden sie erst, als ihre Mutter zwei Jahre darauf am Sommerfieber starb, das in jenem Jahr besonders heftig wütete.

Fast die Hälfte der Höfe fielen wüst und die wenigen Abgaben der überlebenden Landsassen reichten kaum für die Ernährung der Burgleute aus. Melisende blieb keine Wahl, als auch den Rest ihrer Habe zu verkaufen, um das Lehen ein zweites Mal auszulösen. Jetzt waren sie und Eilika fast so arm, wie ihre Bauern. Immerhin hatte sie die Burg selber halten können, auch wenn in den Hundezwingern Gras wuchs, die Falknerei als Hühnerstall diente und im Pferdestall nur drei magere Kühe standen. Sogar eine Wachmannschaft gab es, wenn auch eine sehr kleine, die zudem aus Männern bestand, die wegen ihres Alters oder ihrer Gebrechen keinen anderen Dienstherren gefunden hatten. Was deren Treue anging, gab sich Melisende keinen Illusionen hin.
Die Heirat mit dem König würde ihren Status zweifellos verbessern. Und dennoch… Melisendes Blick schweifte weiter; zum Fenster hinaus ins Freie und verlor sich in der kristallenen Weite des Himmels.

„Melisende!“ Eilikas Stimme riss sie aus den Gedanken. „Melisende, wieso redest du so seltsam? Du hast ihn doch nicht abgewiesen – oder?“
Melisende sah Eilika in die aufgerissenen Augen. Wie unschuldig und offenherzig sie war. Hoffentlich musste sie nie lernen, sich zu verstellen. „Natürlich nicht“, entgegnete sie sanft. „Ich habe gesagt, dass ich mich durch seine Werbung geehrt fühle und mir drei Tage Bedenkzeit ausbedungen.“
„Bedenkzeit?“, Eilikas Stimme überschlug sich fast. „Aber warum denn?“
„Nun, was zu leicht gewonnen ist, wird selten geschätzt.“ Melisende verbarg ihre Sorgen hinter einem Lächeln. „Und es sind ja nur drei Tage.“
Eilika klatschte in die Hände. „Und dann wirst du Königin. Königin!“, sang sie und machte einige kleine Tanzschritte.
Melisende sah ihr eine Weile zu und sagte dann: „Tu mir einen Gefallen, ja: Geh‘ in den Garten hinunter und pflück ein paar Blumen für die Zimmer unserer Gäste und für den Tischschmuck. Wir mögen arm sein, aber niemand soll sich über mangelnde Gastfreundschaft beklagen können.“

Als Eilikas Schritte verklungen waren, verdüsterte sich Melisendes Mine. Drei Tage nur. Sie starrte auf das Gewebe vor sich, während ihre Gedanken bei dem waren, was sie über den König gehört hatte. Hart sei er, jähzornig und leicht gekränkt. Einer, der seine Bauern auspeitschen lasse, wenn sie sich mit den Abgaben auch nur um einen Tag verspäteten. Einer Witwe habe er den Kopf scheren lassen, weil ihre Schafe nicht genug Wolle gegeben hatten. „Wenn deine Schafe nicht genug Haare haben, musst du eben deine hergeben“, habe er gesagt, bevor er sie barhäuptig vom Marktplatz jagen ließ, während der Pöbel ihr hinterher johlte.
Ob er seine Ehefrau besser behandeln würde? Zwei hatte er bereits gehabt und beide waren jung gestorben. Was ihm fehlte, war ein Erbe. Ohne einen legitimen Nachfolger war es nur eine Frage der Zeit, wann die Fürsten offen um die Thronfolge kämpfen würden. Aber warum hatte der König ausgerechnet sie ausgewählt? Es gab genug Fürstentöchter, die nur zu gerne Königin geworden wären. Warum also sie?
Melisendes Blick ging wieder zum Fenster hinaus. Eine Wolke glitt über den Himmel, eine kleine weiße Schäfchenwolke.

„Sie ist einverstanden, Hoheit. Aber sie stellt Bedingungen.“
„Bedingungen? Was für Bedingungen?“
„Nun, Hoheit, sie sagt, da sie selbst keine angemessene Kleidung für die Hochzeit hat, müsstet Ihr sie ausstatten.“
„Das ist alles?“ Das Lachen des Königs hallte durch den Thronsaal. „Eine Mitgift? Das soll ihre Sorge nicht sein. Wir wussten doch, dass sie arm ist und haben sie gerade wegen ihrer Armut erwählt; deshalb und weil sie aus einer vollkommen unbedeutenden Familie stammt. So kann keiner Unserer Vasallen einen Vorteil aus der Verbindung ziehen. Aber das muss sie nicht wissen. Richte nur aus, dass sie sich um ihre Ausstattung nicht zu sorgen braucht.“
„Ich fürchte, sie hat recht genaue Vorstellungen.“ Der Bote zog eine Liste aus seiner Gürteltasche und begann vorzulesen: „Da wäre als erstes das Kleid für die Hochzeit. Sie wünscht es aus weißer Seide, an Saum und Ärmeln mit Perlen bestickt.“ Der König hörte sich die Auflistung mit gelangweilter Mine an. Schließlich sagte er unwirsch: „So weit ist daran nichts Ungewöhnliches. Nur dieser Mantel – was hat es damit auf sich?“
Der Bote sah in seine Aufzeichnungen. „Ein blauer Seidenmantel, mit goldenen Sternen bestickt und gefüttert mit dem Vlies der wilden Schafe, die über mein Land ziehen – so lauteten ihre Worte. Sie sagte auch, dass es noch nie gelungen sei, sie zu fangen und zu scheren. Daher sei ein derartiger Mantel etwas Einmaliges, um das sie alle anderen Frauen beneiden würden.“

„Weiber!“ Lachend schüttelte der König den Kopf. „Sie soll ihren Willen haben. Lass‘ überall verkünden, dass die Hochzeit stattfinden wird, so bald die Braut ausgestattet ist. Und sag‘ den Jägern sie sollen sich bereit machen. Wir reiten morgen bei Sonnenaufgang.“

Zwei Tage später standen Melisende und Eilika am Fenster und beobachteten, wie sich der Tross des Königs entfernte. Über ihnen spannte sich der blaue Himmel. Ein paar weiße Tupfen zogen darüber. Wolkenschafe; von keiner Menschenhand berührt und nie geschoren.
Der König hatte gezürnt und geflucht, als er begriff. Aber Melisende hatte auf der Einhaltung seines Versprechens bestanden.
„Warum hast du das getan?“, fragte Eilika, als der Tross im Wald verschwunden war.
Melisende zog ihre kleine Schwester an sich. „Samt und Seide und ein behagliches Heim sind nicht alles, weißt du.“

Frohes Fest

Sehr passend zu den kommenden Feiertagen, hat Klaus Neubauer meine Kurzgeschichte „Engelszähne“ eingelesen und auf seinem Podcast klausgesprochen, dem Kurzgeschichtenpodcast veröffentlicht.

Ich fühle mich sehr geehrt und wünsche dir im Vorgriff auf die Weihnachtstage ein himmlisches Vergnügen mit Engelszähne.

Glitzernde Weihnachtsdekoration in der Form eines fliegenden Engels mit weit ausgebreiteten Flügeln, der eine lange Schleppe aus blauen Lichtern hinter sich her zieht.
Photo by Yelena Odintsova on Pexels.com

Wenn du die Geschichte noch einmal nachlesen willst, findest du sie hier.

Ein Buch, ein Schlüssel und ein Beutel voller Ratten

Mit dieser Geschichte bin ich in der Crossover-Anthologie „Herzensdieb“ der Herausgeberin Emma N. vertreten. Hauptthema ist die Liebe in all ihren Facetten – aber immer mit einem Abstecher in andere Genres.

In meinem Beitrag geht es um einen Heist: Die Vorbereitung und Durchführung eines Diebstahls. Das Objekt der Begierde ist ein ganz besonderes Buch, das in der Nationalgalerie ausgestellt wird. Aber ist die Liebe zwischen der Berliner Göre Hetti und der Freiin Amalia von Greiffenstein dieser Belastungsprobe gewachsen? Und wieso braucht man einen Beutel Ratten, um ein Buch zu klauen?

Cover des Buchs "Herzensdieb": Vor orangem Hintergrund sind auf der linken Seite eine in lila gezeichnete Frau im viktorianischen Kostüm und rechts ein ebenfalls lilafarbener Mann mit Monokel zu sehen. Beide stehen auf kurzen Säulen (ebenfalls lila). Zwischen ihnen erhebt sich eine dritte lila Säule auf der ein glitzerndes Herz thront. Darüber steht in Glitzerschrift der Buchtitel.
Herzensdieb gibt es als Taschenbuch und E-Book exklusiv bei Amazon.

„Kostbarkeiten kommen abhanden, Abstimmungen werden manipuliert, oder gar Leichen gefunden. Und all das, weil noch Wertvolleres auf dem Spiel steht: die Liebe! Denn hätten sie die Liebe nicht, dann wäre ihnen alles nichts.

Engelszähne

Wusstest du, dass das, was wir hier unten auf der Erde als „Hagel“ bezeichnen, in Wahrheit Engelszähne sind? Nein?

Dann nimm‘ dir etwas zu trinken und höre gut zu!

Natürlich verlieren Engel ihre Zähne nicht so einfach – schon gar nicht in solchen Mengen. Engel haben auch keine Milchzähne, wie kleine Kinder. Das ergäbe ja auch gar keinen Sinn, da sind wir wohl einig. Wir sind uns wohl auch darüber einig, dass man zum Harfe spielen oder um im Himmelschor mitzusingen, einen Körper benötigt. Klar, für einige andere Dinge auch. Sogar als Engel. Aber das lassen wir mal außen vor.

Jedenfalls bekommt jede neu durch das Himmelstor getretene Seele einen Körper, den sie sich nach dem Baukastensystem selbst zusammenbauen darf. So behalten die Engel ihre Individualität, obwohl sie aus Normbauteilen bestehen. Selbstverständlich sind diese Körper perfekt (selbst, wenn sie nicht unbedingt humanoid aussehen, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Schließlich ist im Himmel alles perfekt.

Zu einem perfekten System gehört auch das Recycling von Rohmaterialien. So bald eine Seele den Himmel verlässt, um wiedergeboren zu werden, kommen die Engelskörper daher in die Werkstatt, wo sie auseinandergenommen werden. Die Einzelteile werden anschließend generalüberholt und in Kisten gelagert, damit die neuen Seelen darauf zugreifen können.

Wie man sich vorstellen kann, ist dieses Lager ziemlich groß und die Kisten mit den Zähnen stehen ziemlich weit hinten. Daher kommt es manchmal vor, dass ein schusseliger Transportengel oder eine besonders tollpatschige Seele eine dieser Kisten umschmeißt. Wenn das passiert, hagelt es hier unten Engelszähne. Weisste Bescheid!


Die Geschichte entstand heute spontan auf Twitter als nach einem Synonym für „Hagelkorn“ gesucht wurde. Danke an @ME_Lee_Jonas für die schöne Inspiration!

[IndieBuchtober] Schaurige Kurzgeschichte

Nein, das ist kein Schreibfehler. Zwar stand bis gestern „schaurige Kurzgeschichten“ in der Ankündigung, und ich habe auch überlegt, ob ich das nutzen soll, um mal wieder Werbung für den Codex Aureus zu machen. Genau gesagt, für den 6. Band. Dann bin ich aber doch davon abgekommen. Was von ihnen blieb enthält zwar zwei Kurzgeschichten, in denen es spukt – aber so richtig schaurig sind die nicht.

Deshalb lasse ich das und empfehle heute eine einzelne Kurzgeschichte: Das Haus der verlorenen Zeit von Nicole Neubauer. Schon das Setting ist klassisch gruselig. Ein Haus im Wald. Seit Jahren verlassen. Ein Lost Place, in dem rätselhafterweise immer noch eine Glühbirne brennt. Ein Highlight für Urban Explorers, die verlassene Plätze erkunden und dokumentieren. Doch als einer von ihnen es mit dem Codex der Urbexer nicht so genau nimmt wird deutlich, dass das Haus mehr ist als nur eine gruselige Kulisse.

Das Haus der verlorenen Zeit bildet den Auftakt der Anthologie Briefe aus dem Sturm, die von Wiebke Tillenburg und Magret Kindermann unter dem Namen „Nikas Erben“ herausgegeben wurde.


Alle Aufgaben der Challenge auf einen Blick
:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Buch mit Werwölfen
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbis
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.Der Herbst, der Herbst,
der Herbst ist da
26.10.Buch und Schal
12.10.Heißes für die kalte Zeit27.10.schwarz und orage
13.10.Nun schlägt es dreizehn28.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichte29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

Alles so schön bunt hier

Nachdem mein Grafikprogramm langsam in die Jahre kommt, habe ich beschlossen, GIMP eine neue Chance zu geben – und möglicherweise werden wir zwei doch noch miteinander warm. Ja, der Kobold ist zickig und verhält sich grundsätzlich anders als jedes andere Bildbearbeitungsprogramm. Aber auf youtube gibt es unendlich viele Tutorials. Sogar auf deutsch und auch für absolute Einsteiger.

Nachdem ich mir mehrere Stunden damit vertrieben habe, diese Tutorials anzusehen, beginne ich tatsächlich, wenigstens ungefähr zu begreifen, wie die einzelnen Effekte entstehen. Gut, beim Versuch, einiges davon nachzubasteln, habe ich mehr als einen Rüffel für meine Ausdrucksweise eingefangen. Aber schließlich ist doch etwas ganz Brauchbares dabei rausgekommen.

Der Fischer und die Nixe (Sweek Version)
Damit hat die gleichnamige Kurzgeschichte hier im Blog jetzt auch ein schönes Beitragsbild

Die Luziden – mein Beitrag zu #my2017 auf sweek

Ich habe es getan. Ich bin über meinen Schatten gesprungen und habe für den Geschichtenwettbewerb auf Sweek eine Young-Adult-Paranormal-Fantasy geschrieben. Herausgekommen ist eine abgeschlossene Kurzgeschichte, die aber durchaus Potential als Startsequenz für einen Roman hätte.

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Die Geschichte trägt den Titel Die Luziden.

Kurzbeschreibung: Seit dem Tod ihrer Eltern lebt Nele in einer Einrichtung für betreutes Wohnen. Für ihre Mitbewohnerinnen ist sie die Irre, die Stimmen hört und Dinge sieht, die nicht da sind.
Aber die Krähe, die in der Silvesternacht in Neles Zimmer flattert und sich in einen Mann verwandelt, ist real. Auch, wenn das, was er erzählt, unglaublich klingt.
Leider hat die Zeit nicht gereicht, noch ein richtig gutes Cover zu basteln. Und leider lässt sich der hier verwendete Screenshot auch nicht vergrößern.

Wie aus der Kurzbeschreibung zu erahnen, gibt es neben Nele, der obligatorischen Heroine (von der ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich noch nicht mal weiß, ob sie nun blond oder brünett ist und welche Augenfarbe sie hat), bereits jetzt einen potentiellen Love-Interest (schwarzhaarig und ganz in schwarzes Leder gekleidet, wenn er nicht gerade als Krähe durch die Gegend fliegt). Außerdem kommt ein Drache vor und es gibt das Versprechen auf Feen und Einhörner.

Da #my2017 ein Publikumspreis ist, würde ich mich über viele Aufrufe und hochgestreckte Daumen freuen.
Zum Lesen ist eine Anmeldung notwendig, die aber keine Kosten verursacht.

Und bevor ich es vergesse: Hier noch einmal der Link. Sonst lässt sich die Geschichte aber auch leicht über den Titel Die Luziden, den Hashtag #my2017 oder über meinen Namen finden.

Schöne Bescherung – Ich kann auch ganz anders

Schöne Bescherung habe ich 2016 als Gastautorin für Clue Writing verfasst..

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Dieter on Tour – Bildquelle: Open Cliparts via Pixabay

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.


Schöne Bescherung

Das Trappeln der Hufe verklang und das Bimmeln der Glöckchen beruhigte sich, als die Rentiere in die Luft aufstiegen. Erleichtert lehnte sich Dieter auf dem Bock zurück. Es hatte geklappt! Er sah nach unten, zu dem Häuschen, den Schuppen und der Manufaktur. Die Gebäude wirkten wie Spielzeug – unfassbar, wie schnell sie an Höhe gewonnen hatten! Neben dem Häuschen war püppchenklein eine menschliche Gestalt zu erahnen. Ein dicker Mann mit weißem Rauschebart, wie Dieter wusste.
„Tschau, Alter!“, brüllte er hinunter und winkte, obwohl er wusste, dass der arme Trottel ihn nicht hören und gegen den Nachthimmel wahrscheinlich auch nicht sehen konnte. „Tut mir leid wegen deinem Schlitten. Dafür hast du ja mein Auto.“ Er kicherte.
Es war so gottverdammt sagenhaft einfach gewesen. Er hatte kaum gesagt, er sei Journalist, da hatte der Idiot Tee und Zimtplätzchen angeboten und sich fast überschlagen, ihm alles zu erklären und zu zeigen. Sogar die Rentiere hatte er angeschirrt und den Sack aufgeladen, damit Dieter Fotos machen konnte.
„Lassen Sie sich Zeit“, hatte er gesagt, während er den Sack an der Sackhaltestange festband. „Wir haben noch gut eine halbe Stunde bis zum Abflug.“
Dann war er pinkeln gegangen.

Dieters Kichern steigerte sich zu einem fast hysterischem Lachanfall. Einen größeren Gefallen hätte ihm der Alte gar nicht tun können. Er hätte ihn ungern niedergeschlagen oder während einer „Proberunde“ vom Schlitten geschmissen. Deshalb hatte er sich auf den Bock geschwungen, kaum, dass der Dicke ums Eck war. Hatte die Zügel genommen, laut „Hüa!“ geschrien und jetzt flogen sie!
Dieter zog sein Handy aus der Tasche, um die Route zu checken. Kein Netz. Verdammt!
Zu allem Übel fing es auch noch an, zu schneien. Die Flocken klatschten ihm wie nasse Falter entgegen. Dieter zog die Kapuze des Anoraks tiefer. Vergebens, der Fahrtwind blies sie sofort wieder herunter. Also hielt er sie fest. Nun wurden seine Hände nass und kalt. Auch seine Beine fühlten sich schon ganz taub an. Allmählich begriff Dieter den Sinn des Mantels, der albernen Pudelmütze und der Stiefel. Wenigstens eine Decke musste es auf diesem verdammten Schlitten doch geben!
Er drehte sich zur Ladefläche um. Da war nur der Sack. Unter dem Bock vielleicht? Unsicher stand Dieter auf, drehte sich vorsichtig um und untersuchte den Sitz genauer. Die Sitzfläche ließ sich hochklappen. Darunter ertastete Dieter etwas Warmes, Flauschiges. Im Schein seines Handys sah er einen roten Mantel, eine Pudelmütze und dicke Stiefel.
„Auf keinen Fall!“, schoss es ihm durch den Kopf. Ich mach mich doch nicht zum Nikolaus! Außerdem war der Mantel viel zu weit. Andererseits wirkten die Klamotten verlockend warm, während seine eigenen … Darin würde er die Runde kaum überstehen. Das gab den Ausschlag. Dieter schnürte den Mantel mit dem Gürtel zusammen, der darunter gelegen hatte, schlüpfte in die riesigen Stiefel und stülpte die Mütze über. Ihn würde sowieso sehen.
Langsam taute er auf. Seine Muskeln lockerten sich. Nach einer Weile hatte er das Gefühl, Mantel und Stiefel viel besser auszufüllen. Er musste sogar den Gürtel weiter machen. Erst ein Loch, dann zwei – beim dritten erkannte er, dass es keine Einbildung war: Sein Bauch wuchs. Und nicht nur der! Das Kribbeln seiner Gesichtshaut, das er bisher der Kälte zugeschrieben hatte, kam von einem immer länger werdenden Bart. Fassungslos sah er zu, wie sich die lockigen, weißen Strähnen über Brust und Bauch ausbreiteten. Versuchsweise zog er daran. Der Schmerz war real. Der Bart gehörte wirklich ihm. „Oh Fuck!“, was ging hier vor?
„Nur die Ruhe!“, befahl er sich. „Du musst den Sack in Sicherheit bringen. Alles andere kann warten.“ Also erst mal checken, wo zum Teufel er eigentlich war. Er zog sein Handy raus. Dieses Mal fand er ein Netz. Viel zu weit im Osten.
Dieter zog an den Zügeln. Die Rentiere liefen weiter.
War es das, was der Alte mit „Die kennen den Weg“ gemeint hatte? Dass dieser verdammte Schlitten auf Autopilot flog? Scheiße nochmal, das durfte nicht sein! Dieter zerrte an den Zügeln, ließ die Peitsche knallen und brüllte, bis seine Lungen brannten. Die Rentiere galoppierten unbeirrt weiter.
Was sollte er erst tun, wenn sie landeten?

Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als sich der Schlitten nach vorne neigte. Dieter wurde flau im Magen. Da unten tauchten Lichter auf. Erst winzig wuchsen sie rasant, denn die verdammten Rentiere wurden kein bisschen langsamer. Die Umrisse eines Hauses rasten auf sie zu. Sie würden dagegen krachen, an der Fassade zerschellen … Dieter schrie in Todesangst und schlug die Hände vor das Gesicht.
Der erwartete Aufprall blieb aus. Das Bimmeln der Glöckchen verstummte. Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen.
„Und nun?“, fragte eine dumpfe Stimme in seinem Kopf. „Willste hier Wurzeln schlagen?“
Vorsichtig öffnete Dieter die Augen. Das hinterste Rentier hatte sich zu ihm umgedreht und funkelte ihn an.
Dieter hob die Peitsche. „Planänderung. Wir fliegen weiter!“
Das Rentier schnaubte, rührte sich aber nicht. Dafür hoben die anderen die Köpfe. Ihre Augen schienen rot zu glühen. Dampf schoss aus ihren Nüstern.
„Erst, wenn du deinen Job gemacht hast“, sagte die fremde Stimme. „Bis dahin kannst du mit deinem Stöckchen wedeln, so viel du willst.“
Dieter wurde heiß und kalt gleichzeitig. Das waren keine normalen Rentiere, so viel war sicher! Die Biester sahen aus, als würden sie ihn gleich fressen. Ein Tropfen Schweiß perlte seinen Rücken hinab.
„Mach hinne!“
„Ich beeil mich ja schon“, versprach Dieter in dem Bemühen, diese Satansviecher zu besänftigen. Mit zitternden Fingern löste er den Sack von der Sackhaltestange und griff hinein.
„Man findet immer, was man gerade braucht“, hatte der Weihnachtsmann auf die Frage geantwortet, wie er sicher sein konnte, die richtigen Geschenke auszuliefern. Tatsächlich: Obwohl der Sack prall gefüllt schien, lagen nur fünf Päckchen darin. Dieter kam eine Idee. Er zog drei heraus und fragte die Rentiere: „Und nun? Echt durch den Schornstein?“
„Absteigen“, sagte die Stimme.
„Und dann?“
„Mach schon.“
Scheißviecher! Dieter tastete vorsichtig mit einem Bein nach unten, bevor er umständlich ganz aus dem Schlitten krabbelte.

Kaum hatte sein zweites Bein das Dach berührt, fand er sich im Innern des Hauses wieder. In einer Ecke des Raums stand der Weihnachtsbaum, aus dessen Ästen finstere Engel und gläserne Vögel herabstarrten. Auf der Couch erwachte fauchend eine Katze.
„Pssst“, machte Dieter. „Bin gleich wieder weg.“ Und wirklich: Kaum hatte er die drei Päckchen unter dem Baum geschoben, stand er schon wieder auf dem Dach. Hastig kletterte er auf den Bock.
„Hüh, weiter geht’s!“
Doch die Rentiere scharrten nur mit den Hufen. Dampf schoss aus ihren Nüstern, die Augen sprühten rote Funken. Das hinterste wandte sich zu Dieter um. „Alles!“
Die Drecksbiester wussten auch noch, was in dem Sack war! Mit dem Gefühl tiefster Verzweiflung griff Dieter ein zweites Mal in den Sack, holte die übrigen Pakete heraus und kletterte erneut vom Schlitten. Dieses Mal schnurrte die Katze. Auch die Blicke der Engel und Glasvögel schienen freundlicher.
Dieter wollte gerade die beiden verbliebenen Päckchen unter den Baum legen, als ihn eine neue Idee durchzuckte, die ein breites Grinsen auf sein Gesicht zauberte. Der Plan, die Geschenke zu klauen, war zwar für die Tonne – aber in den Häusern gab es genug mitzunehmen. Den Silberleuchter auf dem Esstisch zum Beispiel und sicher fand sich noch mehr. Er musste nur darauf achten, ein Geschenk in der Hand zu behalten, bis er fertig war.
Leise kichernd ging er zur Wohnzimmertür.
Abgeschlossen. Na gut, dann eben nur der Leuchter. Es gab ja noch viele andere Häuser auf seiner Route!
Dieter griff sich den Leuchter und schob das letzte Päckchen unter den Baum.
Die Engel musterten ihn finster. Die Katze war verschwunden. Wieso stand er noch hier? Auf dem Dach stampften die Rentiere. Dieters Rücken prickelte. Was, wenn der Lärm den Hausbesitzer weckte? Oder schlimmer noch: Wenn die Viecher ohne ihn abhoben? Wie sollte er erklären, was er nachts in einem fremden Haus wollte? Wie seine Fingerabdrücke auf dem Leuchter? Sorgfältig rieb er ihn mit dem Mantel blank und stellte ihn an seinen Platz zurück.

Im nächsten Moment stand er wieder auf dem Dach. Das Bimmeln der Glöckchen klang wie leises Gelächter. Dieter war zum Heulen. Den Rest des Flugs starrte er vor sich hin, bis es Zeit war, wieder in den Sack zu greifen. Er versuchte noch dreimal, etwas einzustecken. Danach standen zwei fest Dinge fest: Er konnte keine Türen öffnen und nichts mit hinaus nehmen.
Die ganze Chose war ein fürchterlicher Reinfall. Sehnsüchtig wartete er auf die Rückkehr zum Nordpol. Dort würde er zum Auto sprinten, Vollgas geben und sich irgendwo in einem Motel besaufen, um den ganzen Scheiß zu vergessen.

Nur war da kein Auto, als sie schließlich landeten. Die Weihnachtswichtel zuckten mit den Schultern, als er danach fragte. Sein Auto wollte keiner gesehen haben.
„Essen Sie erstmal ’nen Happen“, empfahl schließlich einer. „Sie sehen völlig fertig aus, Chef.“
Chef? Dieter hätte das Kerlchen am liebsten erwürgt. Hunger hatte er allerdings, daran war nicht zu rütteln. Und wenn ihm hier keiner böse war, ließ ihn der Weihnachtsmann am Ende sogar bei sich übernachten. Zuzutrauen war es dem freundlichen alten Trottel.
Die Tür war offen. In der Wohnstube brannte Licht und in der Luft hing der Geruch nach Zimtplätzchen. Der Plätzchenteller stand noch auf dem Esstisch. Daneben das Advendsgesteck. An einer der roten Kugeln lehnte ein Briefumschlag. Nur vom Weihnachtsmann war nichts zu sehen.
„Hallo?“, rief Dieter leise.
Keine Antwort.
Er nahm den Umschlag. Darauf stand in schwungvollen Lettern „An meinen Nachfolger“.
Das war nicht wahr, oder? Mit zitternden Fingern zog Dieter den Brief heraus. Mit jedem Wort, das er las, wuchs das Gefühl, in einem Alptraum zu stecken. Schließlich wurde der Druck zu groß. Mit einem Wutschrei fegte er Adventsgesteck und Teller vom Tisch. Als sie an der gegenüber liegenden Wand zerschellten, regnete es Tannennadeln, Kekskrümel und Christbaumkugelscherben.
„So kommen wir an unseren Job“, lauteten die letzten Zeilen. „Es ist nicht schlecht, aber man muss lange auf einen Nachfolger warten. Ich bin urlaubsreif und hätte es zur Abwechslung gerne richtig warm. Tut mir leid wegen deinem Auto. Du hast dafür ja meinen Schlitten.“


Wie Ihnen/dir diese Geschichte gefallen? Würden Sie/würdest du gerne mehr in dieser Art lesen?

Schöne Bescherung bei Clue Writing

Heute ist zwar erst der dritte Advent, aber bei Clue Writing gibt es ab 18:00 Uhr trotzdem schon eine schöne Bescherung.

Schöne Bescherung lautet nämlich der Titel der Gaststory, die ich nach den von Rahel und Sarah vorgegebenen Clues verfasst habe. Herausgekommen ist eine fast klassische Weihnachtsgeschichte. Aber eben nur fast. Als Soundtrack empfehle ich Don’t Pay The Ferryman von Chris de Burgh.

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Dieter on Tour  –  Bildquelle: Open Cliparts via Pixabay

Und um den Service perfekt zu machen, hier der Direktlink.

Viel Spaß beim Lesen!

[Rezension] Der Esel als Pilger (Codex Aureus 1) von Nike Leonhard

Rezension auf SPPerlen: Der Esel als Pilger
Ich freue mich riesig, dass die Geschichte so gut angekommen ist. Ich befürchte nämlich immer mal wieder, Leser durch die Kürze zu verärgern. Andererseits würde es derzeit seltsam wirken, wenn nur Codex Aureus 2 und 3 erhältlich sind. Da könnte leicht der Eindruck entstehen, mit Nummer 1 habe es irgendwelche ernsthaften Probleme gegeben. Um allen Spekulationen vorzubeugen, bleibt der Esel also erst mal.
Außerdem mag ich die Geschichte. Sonst hätte ich sie nicht veröffentlicht. 😉
Eine Ergänzung habe ich dann auch noch: „Der Esel als Pilger“ ist – wie alle meine Bücher – auch für Tolino verfügbar und z.B. bei Hugendubel, Weltbild, der Meyerschen, Osiander und Buch.de erhältlich.