Die Forderung nach mehr Diversität

Diversität ist ein großes Thema in meinem Umfeld, genauer gesagt: bei den Autor*innen mit denen ich mich regelmäßig austausche. Wenn du meinem Blog folgst oder aus anderen Gründen schon mal reingelesen hast, weißt du vermutlich schon, dass ich oft etwas anderer Meinung bin.

Dabei kann ich absolut nachvollziehen, dass jedes Wesen das Bedürfnis hat, sich, bzw. die Gruppe zu der es sich zugehörig fühlt, in Filmen, Büchern und Bildern wiederzufinden. Und zwar auf eine respektvolle Art, die das eigene Selbst(wert)gefühl widerspiegelt. Also nicht nur als lustiger Sidekick oder Verkörperung irgendeines Klischees.
Mir ging es früher nicht viel anders. Abgesehen von „Mädchenbüchern“ wie Hanni und Nanni, so wie ein paar Liebesromanen, handelten fast alle Bücher von Männern. Überflüssig zu sagen, dass sie überwiegend auch von und aus der Perspektive von Männern geschrieben waren. Rückblickend scheint vieles, von dem, was ich damals als selbstverständlich überlesen habe, skurril. Damit meine ich gar nicht so sehr die oft nicht nur unterschwellige Misogynie, sondern eher die Fixierung auf den Penis und dessen Wirkung auf Frauen. Echt jetzt. Einige männliche Autoren scheinen der Überzeugung zu sein, der Penis sei sozusagen die Achse, um die die Welt rotiert. Sorry, Jungs – aber nein.
Ok, ich schweife ab. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht muss man sogar zu einem so schrägen Weltbild kommen, wenn man sein eigenes, männlich geprägtes Umfeld nie verlässt, sondern durch andere Männer noch in seiner Sichtweise bestätigt wird. Wenn alle Männer sich einig sind, muss es doch stimmen! Eine gute Medizin gegen eine so beschränkte Sichtweise ist immer, diese Komfortzone zu verlassen – wenn man(n) denn bereit ist, diesen Schritt auch zu gehen. Tatsächlich kann es ziemlich unangenehm werden, aber es eröffnet auch neue Perspektiven.
Für mich jedenfalls war es geradezu die Entdeckung eines neuen Universums, als in den 80ern im Zuge der Frauenbewegung immer mehr Bücher von AutorINNEN auf den Markt kamen. Frauen, die aus der Sicht von Frauen schrieben, denen es nicht genug war, Geliebte, Ehefrau oder Damsel in Distress zu sein. Plötzlich gab es Abenteuerinnen, Magierinnen und Detektivinnen, die fröhlich gegen alle bisherigen literarischen Konventionen verstießen, indem sie außerhalb der ihnen bisher eingeräumten Rollen agierten. Manches davon war Trash. Manche Ansichten waren genauso verquer, wie die der Kerls. Manches war miserabel geschrieben. Aber es war ungemein aufregend, wirklich gute, neue Stimmen zu finden und natürlich habe ich gezielt nach Autorinnen gesucht, um mehr davon zu bekommen.

Deshalb hat der Aufschrei: „ICH WILL ABER AUCH!“, mein vollstes Verständnis.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass ich mir nur sehr ungern etwas vorschreiben lasse. So bald jemand sagt: „Du musst in deinen Büchern aber auch Homosexuelle / Behinderte / Transmenschen / Nichtweiße / Wasauchimmer unterbringen“, stellt mein innerer Punk den Iro hoch und antwortet frei nach Lessing*: „Ich MUSS erst mal gar nichts.“
Im Gegensatz zur Aussage: „Ich will mehr über Homosexuelle, Behinderte, Transmenschen, Nichtweiße und/oder Wasauchimmer lesen“, ist die Forderung an uns Autor*innen, wir müssten dafür sorgen, jede Minderheit in jeder unserer Geschichten zu repräsentieren, schlicht übergriffig; selbst, wenn sie noch so gut gemeint ist. Das gilt um so mehr, wenn auch noch ausformuliert wird, wie diese Charaktere angelegt werden und in welchen Rollen sie auftreten müssen. Und es gilt erst recht, wenn die Forderung von jemandem kommt, der/die selbst nicht homosexuell/behindert/trans oder wasauchimmer ist. Das kommt für mich nämlich nicht als besondere Wokeness** rüber, sondern als besondere Form von Machtspiel. Als: „Ich kann dir Vorschriften machen.“
Nein. Kannst du nicht. Schon gar nicht, wenn es um meine Bücher, meine Geschichten oder mein Leben geht.

Abgesehen von diesem persönlichen Aspekt gibt es aber auch sachliche Gründe, diese Forderung zu ignorieren. Der erste ist, dass schon die Diskussion über die Repräsentanz von Minderheiten sehr selektiv geführt wird. Es geht praktisch nur, um die bereits benannten, gelegentlich auch um Übergewichtige. Außen vor bleiben u. a. Arme, Kinder, Alte, Mütter, Untergewichtige, Depressive …  In gewisser Weise ist die Diskussion daher selbst elitär und ausgrenzend.
Der zweite Grund ist, dass Geschichten mit einem begrenzten Personal auskommen müssen (Romane von Tolstoi ausgenommen, aber das ist vermutlich einer der Gründe, warum sie so selten gelesen werden). Nehme ich mir also vor, eine Geschichte maximal divers zu besetzen, bleibt pro Minderheit maximal eine Rolle – jedenfalls dann, wenn ich darauf achte, auch wirklich jede Gruppe mindestens einmal zu repräsentieren. Das führt aber dazu, dass Eigenschaften verallgemeinert werden. Ein homosexueller Charakter mutiert zum Vertreter für alle Homosexuellen, eine Himba zur Vertretung aller Menschen aus Afrika. Das Ergebnis sind also genau die Klischees, die man eigentlich vermeiden wollte. Manchmal fehlt auch einfach das Personal, um alle Rollen zu besetzen. Wo wollte man in einer Geschichte wie Zweigs Schachnovelle noch andere Figuren unterbringen, ohne die Geschichte selbst zu zerstören?
Der dritte und in meinen Augen der wichtigste Grund ist aber, dass eine solche Diversität allenfalls eine Utopie ist, aber nicht der Realität entspricht. Klar: Wenn ich durch die Innenstadt gehe, sehe ich Menschen aller möglicher Haut-, Haar- und Augenfarben, Frauen mit und ohne Kopftuch, Männer im Maßanzug und Bettler, dazwischen vielleicht auch zwei knutschende Lesben und möglicherweise*** begegnet mir sogar ein Transgender. So bald ich aber nach Hause komme, wird die Umgebung deutlich homogener und wenn ich in meine Familie gucke, reduziert sich die Diversität noch mal. Menschen neigen zur Gruppenbildung und diese Gruppen sind für gewöhnlich einigermaßen homogen. Jede/r einzelne gehört zwar meist mehreren Gruppen an (Familie, Sportverein, Lerngruppe, Arbeitskollegen …), aber diese Gruppen werden üblicherweise durch ein oder mehrere verbindende Elemente zusammengehalten, die für Homogenität sorgen. Jede dieser Gruppen, Communities oder Peer-Groups hat ihre eigenen Regeln und Codes, die den Zusammenhalt verstärken und mit der sich die Mitglieder von anderen Communities abgrenzen. Dementsprechend gibt es auch allenfalls partielle Überschneidungen. Mit anderen Worten: Schreibe ich über die Besatzung einer Raumstation im 22. Jahrhundert kann ich von einer sehr diversen Zusammensetzung ausgehen. Trotzdem wird sie sich in verschiedene Gruppen aufspalten, die in sich relativ homogen sind.
Als vierten Grund, nicht über Aussehen, sexuelle Ausrichtung, Geschlechtsidentität, Behinderungen o. ä. zu schreiben, ist, dass es oft keine Rolle spielt. Nur bestimmte Politiker fragen, ob der Mensch der vor ihnen in der Schlange ansteht, keinen deutschen Pass oder einen künstlichen Darmausgang hat, schwul ist oder hetero, nach Mekka betet oder vielleicht gar nicht. Alle anderen warten, bis sie dran sind und hoffen, dass ihre Lieblingsbrötchen bis dahin nicht ausverkauft sind. Als Autor*in beschreibt man solche Situationen dementsprechend genau so.

Ich reihte mich in die Schlange ein. Hoffentlich waren die Mohnbrötchen nicht wieder ausverkauft.

Anders ist das natürlich, wenn in besagter Schlange eine großartige Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt, weil die lesbische Afghanin einen Schritt zurückmacht und die Spitze ihres Stilettos ein Loch in den eigenen Rist tackert. Aber so lange ich diese Geschichte nicht erzählen will, müsste schon Jabba der Hutte dort stehen, damit es erwähnenswert wird.

Und nein, ich akzeptiere auch kein: „Dann schreib es doch einfach anders. Du bist Herrin deines Weltenbaus!“
Der zweite Satz ist zwar richtig. Ich kann. Wenn ich will. Aber ich bin keine Lohnschreiberin. Deshalb erzähle ich die Geschichten, die ich erzählen will und ich erzähle sie so Geschichten so, wie ich es für richtig halte. So, wie ich meine, dass sie erzählt werden müssen.
Jede/r hat das Recht, das Scheiße zu finden. Auch aufgrund theoretischer Erwägungen. Allerdings ist solche Kritik wie das Bemäkeln von Essen, das man nie probiert hat.

Denn dass ich mich gegen bevormundende und übergriffige Forderungen wehre, heißt schließlich nicht, dass ich ausschließlich über weiße, heterosexuelle, körperlich und geistig fitte Menschen schreibe. Gut, bisher hat keine meiner Figuren mit ihrer Geschlechtsidentität gehadert – oder wenn doch, hat sie nichts davon verlauten lassen. Sie waren – wenn man von Vater Gion in Der Fluch des Spielmanns absieht, auch körperlich nicht eingeschränkt. Aber:

  • Steppenbrand hat ein nicht-europäisches Setting. Die Charaktere sind durchgehend dunkelhäutig; in der Kultur der Khon haben Männer und Frauen die gleichen Rechte und Pflichten (wenigstens am Anfang); Polyamorie ist zwar nicht die Regel, aber im Normbereich des Zusammenlebens.
  • Kernthema von Der Fluch des Spielmanns sind Fremdheit und Heimatlosigkeit. Die Spielleute werden zwar nirgends beschrieben, ihr Aussehen kann allenfalls anhand der Namen gemutmaßt werden. Aber ihr Status als Außenseiter wird mehr als deutlich.
  • In O Tannenbaum geht es um Spielarten der Liebe. Das Gegengewicht zu der letztlich zerstörerischen Bindung der Protagonistin an ihren Baum bildet ein lesbisches Krähenpaar.
  • Die Protagonistin aus Biss zum letzten Akt ist ein beziehungsunfähiger Ex-Junkie, die ihrer Umgebung gerade so viel Aufmerksamkeit widmet, wie zum Überleben nötig.
  • Madame Mimi Moffat spielt zwar heute, ist aber eine Erinnerung an den Porajmos, den Mord an der tsiganen Bevölkerung (ich benutze diesen Begriff, um die Jenischen einzuschließen) während des dritten Reichs. Wer die zweite Person in der Geschichte ist, bleibt der eigenen Vorstellungskraft beim Lesen überlassen.

Zusammenfassung: Ich kann den Wunsch, die eigene Bezugsgruppe literarisch vertreten zu sehen, gut nachvollziehen. Ich glaube, dass ein Blick über den Tellerrand gut tut, lese selber alles mögliche und behaupte, insgesamt auch divers zu schreiben. Ich verwehre mich aber gegen die Forderung Literatur müsse irgendetwas. Eine derartige Anspruchshaltung ist anmaßend und übergriffig – jedenfalls so lange, wie du mich nicht dafür bezahlst, eine bestimmte Geschichte zu schreiben (ob ich das Angebot annähme, ist noch mal eine andere Frage, dazu müsste ich mehr darüber wissen).

Wenn du mir diskutieren willst – gerne. Die Kommentare sind offen.


*Nathan der Weise: „Kein Mensch muss müssen […]“
**auch nicht als Solidarität, Empathie o. ä.
*** Geschätzt sind bis zu 0,6% der Bevölkerung transsexuell. D. h. unter 1.000 Menschen sind sechs Transperson, die i. d. R. nicht auf sich aufmerksam machen. Was die interessante Frage aufwirft, wie mensch über Menschen schreibt, deren Eigenschaften unbemerkt bleiben.

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Warum ich nicht diskriminierungsfrei schreiben kann und es trotzdem versuche

birdcage-2337188_640Ich habe lange Zeit mit mir gerungen, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Oder besser gesagt: Ich habe ihn geschrieben, weil es mir ein Bedürfnis war, das Thema aufzugreifen und dann lange mit mir gerungen, ob ich ihn veröffentlichen soll. Mir ist schon jetzt klar, dass ich damit Menschen vor den Kopf stoßen werde. Trotzdem ist das hier nun einmal mein Standpunkt, und damit genauso berechtigt, wie jede andere Meinung auch. Also raus damit.

Es geht, wie der Titel schon verrät, einmal mehr um Diskriminierung und Teilhabe. Ich lese viel darüber und es mehren sich die Beschwerden, dass Literatur nicht divers genug sei. Erzählt würde in der Regel aus der Perspektive der weißen, männlichen Mittelschicht. Heterosexualität sei die Norm. Menschen anderer Hautfarbe tauchten allenfalls als Staffage auf und überwiegend in untergeordneten Positionen. Behinderungen seien völlig tabuisiert. Und gerade in der Jugendliteratur falle das Frauenbild noch hinter die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Dass diese Gruppen dadurch marginalisiert und diskriminiert werden, steht außer Frage.
Dementsprechend viele Empfehlungen gibt es, wie Bücher im Sinne der Diversifizierung verbessert werden könnten: eine größere Bandbreite im Aussehen der Protagonisten, mehr Frauen, Behinderte, Schwule, Lesben, Asexuelle – wenn schon nicht in den Haupt-, dann doch wenigstens in den wesentlichen Nebenrollen. Dem stimme ich zwar weitgehend zu, aber manchmal frage ich mich doch, ob man gute Absichten und gute Literatur wirklich gleichsetzen sollte.
Weitaus problematischer finde ich jedoch die oft gleichzeitig erhobene Forderung, das Werk müsse außerdem frei von ableistischen, rassistischen, homophoben und misogynen Begriffen sein – überhaupt von allem, durch das sich irgendwer gekränkt fühlen könnte.
Ich muss zugeben, dass es mich da manchmal schüttelt.

Warum ich es nie allen recht machen werde

Zunächst mal empfinde es als Zumutung, von einem Autor oder einer Schriftstellerin zu verlangen, in jeder Geschichte ein Maximum an Diversität unterzubringen. Das hat mehrere Gründe, die vielleicht den einen oder die andere überraschen.

Diversität ist nicht immer möglich und sinnvoll

Gerade bei historischen Stoffen ist die Forderung nach maximaler Diversität geballter Unsinn. Wie soll man in einer Handlung, die irgendwo zwischen Völkerwanderung und Neuzeit in einem Bergdorf im Schwarzwald oder auf einer Nordseehallig spielt, jemanden mit dunkler Hautfarbe unterbringen? In solchen Gegenden sind Haut- und Haarfarbe über weite Epochen gar kein Thema. Fremd ist, wer mehr als eine Tagesreise entfernt wohnt. Manchmal reicht zum Fremdsein schon das Nachbardorf.
Genauso muss man sich fragen, wie wahrscheinlich die Teilnahme es ist, dass in einer bestimmten Gruppe Frauen oder Behinderte sind. Nehmen wir das Beispiel einer der frühen Weltraummissionen: Von den von Wikipedia aufgelisteten 568 Raumfahrern sind gerade mal knapp 11% weiblich. (Und das auch nur, weil sich Frauen in den USA in den 70ern per Gerichtsurteil das Recht auf Teilnahme an Raumflügen erstritten.) Noch schwieriger ist es nur, jemanden mit Behinderung in die Mannschaft zu bringen, da körperliche Fitness eines der wesentlichen Kriterien für die Teilnahme ist.
Wo soll Homosexualität anklingen, wenn in dieser Zeit nicht darüber gesprochen wurde oder die Ausübung sogar zum Tod führen konnte? Sicher, man kann dann genau das zum Thema machen, aber was, wenn das Thema ein ganz anderes sein sollte?
Warum messen wir der Sexualität überhaupt so viel Bedeutung zu, sie unbedingt einbringen zu müssen – in welcher Spielart auch immer? Wenn der Plot keine Liebesgeschichte erfordert, kommt es dann überhaupt darauf an, ob die Charaktere nun hetero-, homo-, bi-, metro- oder asexuell sind? Wer will das wissen? Wozu?

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Meine Perspektive ist nicht vorurteilsfrei

Der nächste Punkt sind die Perspektiven: Natürlich habe ich Wahrnehmungsprobleme und blinde Flecken. Meine Welt setzt sich in erster Linie aus den gemachten Erfahrungen zusammen. Genauso, wie ich keinen Infraschall hören und kein UV-Licht sehen kann und deshalb das mir zugängliche Geräusch- und Farbspektrum als das normale zugrundelege, konstruiere ich auch meine Vorstellung von Normalität aus den gemachten Erfahrungen.
Mit anderen Worten: Ich kann mich zwar an die Erfahrungswelt einer Migrantin annähern, indem ich eigene Erfahrungen mit Fremd-Sein und die Erzählungen anderer verknüpfe, werde aber immer an den Details scheitern, weil die Details individuell und nicht verabsolutierbar sind. Genauso werde ich vermutlich an der Darstellung eines Schwulen innerhalb einer der diversen vorhandenen Szenen scheitern, weil mein Blick für Details durch meine Hetenbrille verzerrt ist.
Überhaupt – und das ist auch so ein Thema, das ich auf genau den gleichen Blogs und den gleichen Portalen lese – sollten wir nicht sowieso die für sich sprechen lassen, die aus eigener Erfahrung berichten können? Also die eingeschränkt-agilen, nicht-heterosexuellen, nicht-mittelständischen Nicht-Kartoffeln. Was für eine Anmaßung, zu glauben, deren Erleben angemessen widerspiegeln zu können!*

Eine beleidigungsfreie Sprache ist nicht möglich

Aber es ist die dritte Forderung, die mich vollends auf die Palme bringt: Nämlich die, so zu schreiben, dass sich niemand beleidigt oder sonst wie getriggert fühlt.
Nicht, dass ich unbedingt jemanden beleidigen oder triggern will. Fakt ist aber, dass sich immer jemand finden wird, der sich beleidigt fühlt. Vielleicht nicht sofort, aber in Zukunft garantiert.
Natürlich kann man bestimmte Worte weglassen. Man kann darauf verzichten, „Neger“ zu sagen – das tut nicht mal weh. Man kann darauf verzichten, Menschen, die sich aufgrund Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft anderen überlegen fühlen als Rassisten, Chauvinisten oder Snobs zu bezeichnen, denn gerade die fühlen sich besonders beleidigt, wenn man das tut. Man kann seine Charaktere so weit disziplinieren, dass sie nicht fragen: „Ey, sach mal bist du schwul, Alda?“, sich gegenseitig als Spasten bezeichen oder die Oma eben nicht zum Enkel sagt: „Nun schneid‘ dir aber mal die Haare, Jung! Du siehst ja schon aus wie ein Mädchen.“ Kann man alles machen. Man kann sogar darauf verzichten, Nazis als Nazis zu bezeichnen. Wie gesagt.

Aber wer gibt mir die Garantie darauf, dass nicht in 10 Jahren Tiere als vollwertige Rechtspersönlichkeiten angesehen werden und PETA Massenklagen einreicht, weil Autorinnen und Autoren die Beleidigung „dumme Kuh“ verwendet haben?
Sprache ist immer Ausdruck einer bestimmten Kultur. Kultur kann sich ändern. Damit ändert sich auch, was als beleidigend empfunden wird. Wenn ich heute über jemanden als „das Weib“ spreche, ist das beleidigend. Vor 200 Jahren wäre es normal gewesen. Da war „Frau“ das Synonym für eine Höherstehende.

Nun bin ich als Fantasy-Autorin in der privilegierten Position, den Leuten nicht aufs Maul schauen zu müssen. Ich kann mir noch wesentlich kreativere Beleidigungen und Flüche einfallen lassen. Trotzdem bleibt Sprache Ausdruck einer bestimmten Kultur. Wenn ich meine Völker forme, muss ich im Hinterkopf behalten, wie der Blick der jeweiligen Kultur auf Außenstehende aussieht – und was als außenstehend empfunden wird. Irgendetwas ist es immer.
Das bedeutet aber auch, dass sich das Konzept von „fremd“, „andersartig“ und „abstoßend“ je nach (Sub-)Kultur ändert. Damit ändert sich auch, was als Beleidigung empfunden wird und deshalb ist es nicht der Sachinhalt, der ein Wort zur Beleidigung macht, sondern die dahinter durchscheinende Intention. Die wiederum ist aber etwas anderes, als die Aussage des Textes insgesamt – was bei der Forderung nach einer sauberen (sprich nicht diskriminierenden, niemanden verletzenden) Sprache vollkommen untergeht.**

Ein vorsichtiges Fazit

Im Ergebnis bleibt schon mal festzuhalten, dass schon der Versuch, es jedem recht machen zu wollen, zu einem Eiertanz führt, der nur schief gehen kann. Selbst im besten Fall kommt nicht mehr dabei heraus als eine neue Form der Erbauungsliteratur. Ideologisch unbedenklich, ohne Ecken und Kanten und garantiert keimfrei. Noch reizärmer als eine öffentlich-rechtliche Vorabendserie und mit Figuren ausgestattet, die mit echten Menschen noch weniger zu tun haben als Ken und Barbie mit den Maßen real existierender Mitteleuropäer.
Ob das freiwillig jemand lesen will? Ich glaube nicht. Lesen soll ein Abenteuer sein, das einen an fremde Orte bringt, neue Erfahrungen machen lässt oder wenigstens die Tristesse des Alltags vergessen macht. Wir wollen krasse Helden und Kickass-Protagonistinnen, die Dinge tun, die wir uns nie im Leben trauen und Situationen durchleben, die wir um alles in der Welt zu vermeiden wünschen. Mit Ken und Barbie wird das nichts.

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Warum ich trotzdem versuche, niemanden zu diskriminieren

Kurz gesagt: Weil das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht heißt, dass man andere abwerten darf und weil gute Bücher vielschichtig sind.
Die Langfassung ist, wie immer, etwas komplexer.

Dabei ist der erste Teil noch relativ leicht. Ich bin sehr für klare Worte und eindeutige, eingängige Formulierungen. Das bedeutet aber keinen Freibrief dafür, andere absichtlich zu verletzten.
Und damit sind wir schon beim diskriminierungsfreien Ansatz, denn nichts anderes bedeutet diskriminieren: Jemanden schlechter zu behandeln als andere oder seinem Ansehen durch negative Äußerungen zu schaden.

Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass es dem Werk gut tut, wenn der Autor oder die Autorin sich aktiv mit seinen/ihren Vorurteilen auseinandersetzt und versucht, sie zu überwinden. Nichts ist langweiliger als die Episteln deren, die in ihrer eigenen Welt gefangen und dadurch gezwungen sind, ewig die gleichen Gedanken widerzukäuen. Deutlich spannender sind die Bücher, derjenigen Autor*innen in der Lage sind, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Das geht nur, wenn man bereit ist, erst mal vom hohen Ross der wohlgeformten eigenen Weltsicht abzusteigen.
Leider ist dieser Akt nicht ganz ungefährlich. Nicht nur, weil der Boden der Tatsachen oft ganz schön dreckig ist. Mehr noch: Mit Pech erkennt man, einer Chimäre aufgesessen zu sein. Das eigene Weltbild gerät ins Wanken und auch alle Kategorien von schön/hässlich, gut/böse, wahr und falsch – kurz alles, was das eigene Leben vorher einfach und übersichtlich gemacht hat. Vorurteile eben. Wir alle haben sie.
Trotzdem lohnt es sich, diesen Schritt zu wagen. Zwar werden wir auch dadurch nie in der Lage sein, unsere Vorurteile vollständig abzubauen, aber er schult die Wahrnehmung, erweitert den Horizont und hilft, sich über Analogienden Erfahrungen anderer anzunähern (die genauso subjektiv sind, wie die eigenen). Damit ist man in der Lage, seine Inhalte zumindest punktuell anzupassen, neue Sichtweisen anzunehmen und sie in Geschichten zu integrieren.

Das garantiert nicht, dass sich nie jemand beleidigt fühlen wird. Eine derartige Garantie ist schon deshalb unmöglich, weil dieser Ansatz darauf verzichtet, bestimmte Worte in den Giftschrank zu stellen. Dieser Ansatz garantiert aber, dass man sich damit auseinandersetzt, was man sagt und welche Worte man in welchen Zusammenhängen verwendet.
Vielleicht wird man dadurch ein besserer Mensch. Vielleicht auch nicht. Ich glaube aber fest daran, dass man so die besseren Geschichten schreibt.

Und ich bin der festen Überzeugung, dass es das wert ist.


*Der Widerspruch zu Punkt 1 wird leider nicht bemerkt oder jedenfalls nicht angesprochen und dementsprechend auch nicht aufgelöst.
**Den Punkt habe ich schon in den Artikeln „Das Schreckgespenst der gegenderten Sprache“ und „Alles auf die Goldwaage?“ angesprochen, daher will ich ihn hier nicht vertiefen.


Bildquelle: johhsonlu via pixabay

Sex, Sexismus und Fantasy

Mit dem Sex in der Fantasy ist es ein bisschen wie mit der hohen und der niederen Minne im Mittelalter. In der High Fantasy, wie bei der hohen Minne streiten edle Recken um edle Ziele – da fehlt die Zeit für Sex. Mann hat Besseres zu tun und Frauen kommen, wie beim Herrn der Ringe, überwiegend in der Rolle des edlen Fräuleins oder der tugendhaften Hausfrau daher.
Bei Sword and Sorcery (also der Low Fantasy) geht es nicht so hehr zu, da sind die Sitten rauher und die Ziele nicht ganz so hoch gehängt, so dass mehr Zeit für andere Dinge bleibt. Saufen z. B. Oder Sex. Manchmal. Aber auch da ist das Rollenmuster meist klar: Der Mann ist der Aktive, der Eroberer und die Frau/das Mädchen die Belohnung für seine Heldentaten. Selbst mit einer Frau als Hauptfigur ändert sich an dem Schema kaum etwas, außer, dass sie ihn will. IHN zu bekommen und zu behalten, ist ihr Ziel, das fortan ihr ganzen Denken und Handeln bestimmt.

Dieses Schema hat mir die Vampirromane vergällt, weil es da inzwischen meist nicht um mehr geht, als darum, dass ein Mädchen einen Mann will, den sie nicht bekommt – oder wenigstens nicht gleich. Besonders aufgestoßen ist es mir aber kürzlich bei „Die Begabte“ von Trudi Canavan. Das Buch besteht nämlich aus zwei Handlungssträngen mit jeweils eigenen Protagonisten: einem jungen Magier und einer magiebegabten jungen Frau. Beide haben erst Mal nichts miteinander zu tun. Aber sie erfüllen genau das Klischee: Der junge Mann zieht auf Abenteuer aus; erst freiwillig, dann unfreiwillig, aber immer getrieben von Wissensdurst. Die junge Frau wächst behütet auf, soll in die bessere Gesellschaft einheiraten, verliebt sich aber unstandesgemäß und setzt nun alles daran, ihren Geliebten zu behalten. Ach ja, sie malt auch. Gut sogar. Aber das interessiert sie allenfalls am Rande.

Und damit wären wir beim Sexismus.

Nein, ich meine damit nicht, dass das Mädchen in einer klassisch patriarchalischen Gesellschaft aufwächst. Ich meine noch nicht mal, dass sie sich in „falschen“ verguckt – mir geht es um dieses stupide: „Der Mann zieht hinaus ins Leben, das Mädchen wartet auf den „Richtigen“ und wenn der kommt, hängt am Ende der Himmel voller Geigen und es regnet Rosen und rosa Glitzer.“ Aber genau das exerziert „Die Begabte“ bis zum Erbrechen.
Dabei gibt es durchaus Gegenentwürfe in dieser Geschichte: Mädchen, die nicht tun, was sie sollen. Die sexuell aktiv sind, ohne in jemanden verliebt zu sein. Die es sogar tun, um andere Ziele zu erreichen. Aber, man ahnt es: Das sind die Bösen. Die Gegenspielerinnen, die der Protagonistin schaden wollen.
Und das ist dann schon der nächste Punkt, der mich ankotzt: Diese unterschwellige Botschaft, man müsse sich für „den Richtigen“ aufsparen. Also den, den man heiraten und mit dem man Kinder haben will. Sex nur so ist bäh! Und ganz böse wird es, wenn frau ihn als Machtinstrument einsetzt.

Warum eigentlich? Nehmen wir mal die Situation der Protagonistin: Sie kommt aus einer wohlhabenden Familie, hat aber selber kaum Geld. Als Frau unterliegt sie außerdem noch zahlreichen anderen Beschränkungen. Zum Beispiel kann sie nur bei ihrer Tante Malunterricht nehmen. Aber es gibt einen Maler, dessen Technik sie lernen will. Einen, der gleich bei der ersten Begegnung deutliches Interesse zeigt und der noch nicht mal hässlich ist.
Muss sie sich dann wirklich erst in ihn verlieben, um mit ihm ins Bett zu gehen? Oder wäre es nicht fast logischer, das einzige Zahlungsmittel zu nutzen und ihm Sex in Aussicht zu stellen, wenn er sie unterrichtet? Damit bekäme sie zwar definitiv einen anderen Charakter und die Geschichte auch. Einen, der deutlich weniger „nett“ und „moralisch“ wäre, ihr aber weitaus mehr Profil gäbe und sie in eine Reihe mit den irischen Sagenköniginnen stellen würde, die (obwohl verheiratet) schon mal eine Nacht heißen Sex als Gegenleistung für irgendwelche Gefallen versprachen. Außerdem würde die plötzlich deutlich glaubwürdiger, dass das Mädel nicht nur Talent zum Malen habe, sondern sein Können auch wirklich verbessern will. So wie die Dinge im Buch beschrieben sind, scheinen Talent und Wunsch nämlich nur ein Vorwand, um die Beiden irgendwie zusammenzubringen.

Um es noch mal klar zu sagen: Sexismus heißt für mich nicht, dass die Gesellschaft nicht patriarchalisch geprägt sein darf. Im Gegenteil: Das Schöne an der Fantasy ist, dass sie Raum für ganz viele Gesellschaftsentwürfe bietet, ob das jetzt Matriarchate, Oligarchien, patriarchale Clanstrukturen, lesbische Amazonenheere oder gegenderte Basisdemokratien sind.
Sexismus ist für mich das starre Festhalten an irgendwelchen Rollenklischees. Das heißt nicht, dass Frauen nur noch starke Kriegerinnen und Männer nur noch sanft säuselnde Heiler sein dürfen und es heißt ganz sicher nicht, dass in jedem Buch unbedingt ein Quotenschwuler dabei sein muss (Der gerät sonst nämlich genauso zum Klischee, wie das Mädchen, das unbedingt ein Junge sein will in den Büchern von Enyd Blyton).
Aber wenn es um Liebe und Sex geht, sollten schon ein bisschen mehr drin sein, als dieses biedermeierliche Getue im Geiste von Hedwig Courths-Mahler und der Gartenlaube.