Meldung und Meinung: Sexismus

Ich habe gerade mit großem Interesse eine Diskussion gelesen, in der einer Bloggerin Sexismus vorgeworfen wurde, weil sie in ihren Beiträgen ausschließlich das generische Femininum verwendet.

Wir lernen aus dieser Diskussion: Dass das generische Maskulinum Frauen unsichtbar macht, ist nicht nett und man darf sich daran stören. Aber sexistisch ist es nicht.
Sexistisch ist nur das generische Femininum, weil es Männer unsichtbar macht.
Demnach ist es offenbar schlimmer, wenn Männer unsichtbar sind. Männer müssen ausdrücklich genannt werden, Frauen nicht. Frauen muss es reichen, mitgemeint zu sein.

Warum eigentlich?

Sind Frauen weniger wert?
Das weise ich schon aus Selbstachtung zurück.
Sind Männer ihres Selbst so unsicher, dass sie ständige Rückversicherung und Bestätigung ihres Werts brauchen?
Das will ich für die Männer nicht hoffen.

Wenn aber beide gleich viel wert sind und wir von beiden die gleiche innere Stärke fordern, ist das generische Femininum nicht sexistischer als das generische Maskulinum. Damit wäre der einzige Vorwurf, den man der Bloggerin machen könnte, ihre Sprache nicht gegendert und sich vollkommen geschlechtsneutral ausgedrückt zu haben.
Allerdings bringt das zuverlässig die gleichen Menschen auf die Palme, wie die, die das generische Femininum als sexistisch ablehnen. Gendern ist nämlich auch böse. Ein Attentat auf den Wohlklang der deutschen Sprache.

Und an diesem Punkt weiß ich auch nicht weiter.

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Nornennetz – das Netzwerk der deutschsprachigen Fantastik-Autorinnen

Manchmal hat Impulsivität seltsame Folgen. Diesen Artikel z. B. gäbe es nicht, wenn ich immer genau abwägen würde, was ich sage oder schreibe. Und es gäbe das Nornennetz nicht, das Netzwerk das deutschsprachigen Fantastik-Autorinnen.

Dabei habe ich nur auf einen Werbetweet der mörderischen Schwestern reagiert. Ein bisschen flapsig, zugegeben.

wie alles begann

Was dann passierte, war fantastisch. Mehrere Autorinnen schrieben mich an, meinten: „Na, dann machen wir doch!“, „ich wäre dabei“ und „wer, wenn nicht wir?“ und kurz darauf waren wir über Discord im Gespräch über die Einzelheiten. Seit Samstag haben wir auch einen Namen: Das Nornennetz.
Unser Ziel ist neben der Vernetzung, Fantastik-Autorinnen bekannter zu machen und zu zeigen, dass wir neben Romantasy auch alle anderen Subgenres beherrschen.

Seit heute gibt es uns offiziell auf Facebook und Twitter.

#Autorinnenzeit: phantastische Frauen (2) – Anne McCaffrey

Heute möchte ich die Mini-Serie über die Autorinnen, die mein eigenes Schreiben beeinflusst haben, mit einer weiteren Großen fortsetzen: Anne McCaffrey.

Anne McCaffrey 2005.JPG
Quelle: Wikimedia CC BY-SA 3.0, Link

Nachdem mich die Nebel von Avalon für die Phantastik angefixt hatte, war es ganz natürlich, nach ähnlichen Büchern zu gucken. Vor allem nach Büchern, in deren Mittelpunkt aktive Frauen standen. Ich hatte ja schon im letzten Beitrag erzählt, wie ungewöhnlich das damals war. Aber es fühlte sich gut an. Es war aufregend, Frauen zur Abwechslung nicht nur passiv und vor allem als Beute, naive Jungfrau oder laszive Verführerin präsentiert zu bekommen. Es eröffnete ganz neue Rollenmuster; eine Entwicklung, die übrigens parallel auch im realen Leben stattfand.

Ich habe die Diskussionen am Abendbrottisch noch gut in Erinnerung: Meinen Vater, der brüllte, seine Frau habe es nicht nötig arbeiten. Meine Mutter, die dagegenhielt, die Zeiten hätten sich geändert. Er könne es ihr nicht mehr verbieten.
Nicht mehr, wohlgemerkt. Es war keine fünf Jahre her, dass verheiratete Frauen ohne Erlaubnis ihres Mannes einen Arbeitsvertrag abschließen durften und die Ehemänner nicht mehr berechtigt waren, ein Arbeitsverhältnis „ihrer“ Frauen eigenmächtig zu kündigen. Mein Vater war Jurist. Er muss es gewusst haben. Gefallen hat es ihm überhaupt nicht.
Ich war damals 13 oder 14. Mitten in der Pubertät. Meine heile Kinderwelt zerbrach und ich sehnte mich nach Abenteuern und Auswegen.

Natürlich habe ich deutlich mehr gelesen, als nur Fantasy. Ich habe so ziemlich alles gelesen, was mir in die Hände fiel. Von Hanni und Nanni bis Angst vorm Fliegen. Aber eben auch Fantasy. Und hier war Anne McCaffrey die nächste Autorin, die ich für mich entdeckte.
Gut, Anne McCaffrey wird eigentlich nicht zu den Fantasy, sondern zu den Science-Fiction-Autorinnen gezählt, aber da beides zur Phantastik gehört, ist auch sie eindeutig eine der phantastischen Autorinnen. Als ich ihren Zyklus über die Drachenreiter von Pern entdeckte, fiel der für mich allerdings eindeutig unter Fantasy. Gut, es spielt auf einem entfernten Planeten. Aber ferne Planeten sind erst mal auch nur alternative Welten, wie Mittelererde oder Narnia. Für mich besteht der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Genres eher darin, welchen Stellenwert Technik und technische Entwicklungen innerhalb der Geschichte haben. Pern, die Welt der Drachenreiter, ist Low Tech; die Gesellschaftsstrukturen sind mittelalterlich. Vor allem aber: Es gibt Drachen!*

Zugegeben, auf die Geschichten um die Drachen bin ich erst später gestoßen, denn mein erster Kontakt zu dem Zyklus war Menolly, die musikalisch hochbegabte Tochter eines Seebarons. Leider sieht ihre Umgebung diese Begabung als vollkommen nutzlos an. Frauen ist das Musizieren zwar nicht direkt verboten, aber eine Ausbildung als Harfnerin …
Menollys Eltern tun alles, um sie vom „nutzlosen Klimpern“ abzuhalten und ihre Ambitionen zu durchkreuzen. Wirklich alles. Bis Menolly es nicht mehr aushält und wegläuft.
Hier eröffnen sich gleich mehrere wunderbare Möglichkeiten, die Geschichte zu versieben. Aber weder mutiert Menolly in der Wildnis zu einer weisen Kräuterfrau oder Kriegerin, die sich alleine durchschlägt, noch kommt es zu einer tränenreichen Wiedervereinigung mit den Eltern, die nun ihr Fehlverhalten einsehen. Erst recht taucht kein bad-ass-Guy auf, in den Menolly sich verliebt um fürderhin ganz für diese Liebe zu leben. Menolly versucht einfach nur durchzukommen. Sie bekommt Hilfe (oft von unerwarteter Seite) und muss Widerstände überwinden, wie sich das für eine anständige Heldin gehört. Kurzum: Menolly bleibt ein normales Mädchen mit einer außerordentlichen Begabung, und das macht letztlich auch ihre Geschichte außergewöhnlich.

Ich habe danach so ziemlich alles aus dem Drachenreiter-Zyklus gelesen und das Meiste fand ich gut. Besonders gefiel mir, dass man jedes Buch einzeln lesen kann, weil jedes eine in sich abgeschlossene Geschichte enthält.  Im Zentrum stehen immer wieder andere Figuren, mal Männer, mal Frauen. Manche tauchen nur in einem Band auf, manche haben über mehrere Bände hinweg tragende Rollen. Die einzelnen Geschichten sind zwar, wie moderne Fernsehserien, durch eine Rahmenhandlung verbunden. Diese wird aber nicht chronologisch enthüllt, so dass man die Bücher auch nicht in einer bestimmten Reihenfolge lesen muss.
Über den Stil kann ich nicht mehr viel sagen, außer dass er – zumindest in meiner Erinnerung – weniger Pathos enthielt, als die Bücher von Zimmer Bradley. Sex kam ebenfalls vor, aber seltener. Insgesamt habe ich mich von den Drachenreitern immer gut unterhalten gefühlt (sonst hätte ich auch kaum so viel davon gelesen). Außerdem gefiel mir, dass McCaffrey immer wieder Themen wie Gerechtigkeit, Vorurteile, Gleichberechtigung etc. aufgriff, so dass den Romanen trotz der ständisch-mittelalterlichen Gesellschaft, in der sie spielen, nichts restauratorisches anhaftet. Sie behandelte diese Themen aber immer subtil, im Rahmen der Geschichte und ohne erhobenen Zeigefinger. Das machte sie sehr angenehm und zugleich anregend zu lesen.


*Puristen mögen jetzt einwenden, dass die Drachen nicht auf natürlichem Weg, sondern durch gentechnische Veränderung einer Echsenart entstanden sind. Aber diese Zusammenhänge werden erst nach und nach aufgedeckt – und vor allem viel zu spät, um den Ersteindruck zu ändern.

#Autorinnenzeit: Der Mai wird weiblich

Quelle: https://www.rawpixel.com

Den nächsten Monat wird es hier im Blog ausschließlich Beiträge über Autorinnen und ihre Bücher geben.

Warum?

Weil Literatur immer noch eine Männerdomäne ist. Zwar sind die Zeiten zum Glück vorbei, in denen es für Frauen als unschicklich galt, zu schreiben. Trotzdem finden Autorinnen im Literaturbetrieb immer noch weniger Anerkennung, als ihre Kollegen.

Das beginnt damit, dass Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, signifikant seltener im Schulunterricht verwendet werden*.
Das ist um so bemerkenswerter, weil der Kinder- und Jugendbuchsektor zu den Bereichen gehört, in denen Frauen dominieren. So tauchen in der Liste „Empfehlenswerte deutsche Kinder- und Jugendbuchautoren“ bei Lovelybooks vorwiegend Autorinnen auf. Interessanterweise schlägt sich das aber nicht in den Unterrichtsempfehlungen nieder. So hat die ebenfalls bei Lovelybooks geführte Liste „Die beliebtesten Schullektüren“ praktisch keine Überschneidungen mit der zuvor genannten.

Es setzt sich damit fort, dass von Männern geschriebene Bücher deutlich öfter rezensiert werden. Die Zahlen schwanken je nach Magazin und Land, sind jedoch immer zu Gunsten der Autoren, wie z. B. Nina George im Börsenblatt feststellte.
Das doppelt spannend, weil es immer wieder heißt, dass die Mehrzahl der Bücher von Frauen gelesen und gekauft würden, und dass Frauen Protagonistinnen wünschten, Männer aber vor allem für und über Männer schrieben.

Schließlich werden auch Literaturpreise signifikant häufiger an Männer vergeben.

Mehr Beispiele gefällig? Dann empfehle ich das Interview von Janet Clark bei Literaturschock.

Vielleicht schreiben Männer einfach besser?

Vielleicht tun sie das. Aber warum werden dann im Bereich Kinder- und Jugendbuch vorwiegend Autorinnen empfohlen? Und warum schafft es praktisch keine dieser Autorinnen in den Schulunterricht? Weil die Lesergemeinde zu dumm ist und nur die Schulbehörde den Durchblick hat?

Ich bin inzwischen der Meinung, dass das Problem die unterschiedliche Sichtweise auf Männer und Frauen ist. Wenn Charlotte Roche über Intimrasur und Pickel am Po berichtet, ist das „Schweinkram“, über den man sich selbst dann trefflich echauffieren kann, wenn man Schoßgebete nicht gelesen hat. Dagegen schrieb Günter Grass natürlich hohe Literatur – auch das weiß man, ohne es je gelesen zu haben und deshalb hinterfragt auch niemand, was daran literarisch ist, wenn Mädchen wichsende Jungen und ihr schäumendes Sperma bewundern (Katz und Maus).

Das ist natürlich ein sehr krasses Beispiel. Aber ich habe ganz allgemein den Eindruck, dass Männerphantasien akzeptierter sind als ein allzu weiblicher Blick auf den eigenen Körper. Der Mann ist die Norm, die Frau immer noch Das andere Geschlecht und wehe, ihre Weltsicht stimmt nicht mit seiner überein. In diesem Fall setzen fast automatisch Abwehrmechanismen ein, die den Status quo sichern sollen.**

Ein Monat nur Autorinnen, diskriminiert das nicht die Männer?

Bitte was? Wenn du das ernsthaft meinst, solltest du dir vielleicht noch mal das unter der Überschrift „Warum?“ Gesagte durchlesen. Fakt ist, dass das derzeitige System ganz klar Autoren bevorzugt. Anders gesagt: selbst wenn ich einen Monat nur über Autorinnen schreibe, ist das bestenfalls ein schwacher Ausgleich des herrschenden Ungleichgewichts. Deshalb möchte ich mit einem Zitat von Sven Hensel schließen, der die Aktion Autorinnenzeit ins Leben gerufen hat:

Es wird Zeit, sich solidarisch zu zeigen, gemeinsam für die Vielseitigkeit des Literaturbetriebes einzutreten, anzuerkennen, dass auch Frauen tolle Arbeit leisten und das Scheinwerferlicht zu teilen. Die literarische Bühne bietet uns allen Platz!

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Quelle: carloscuellito87 via pixabay

*Die Lektüreliste für Gymnasien des Landes Baden-Württemberg nennt beispielsweise 236 deutschsprachige Werke, die „im Unterricht gewinnbringend gelesen werden können“. Von diesen 236 Werken stammen 216 von Männern und nur 20 von Frauen. Quelle: hier

**Das Gleiche lässt sich zum Thema Rassismus feststellen. Auch hier gilt: Wer selbst in einer privilegierten Stellung ist und die als Norm setzt, wird blind für die eigene Ungerechtigkeit. So jemand wird jede Form der Kritik als ungerecht und Gefahr für die eigene Position und Stellung empfinden.

Das Schreckgespenst gegenderter Sprache

Gendern? hat die Autorenwelt in einem Artikel gefragt, in dem sich Sandra Uschtrin dafür ausspricht und Andreas Eschbach dagegen. Bereits der bloße Akt der Unterwerfung unter eine politisch begründete Sprachregelung sei falsch, schreibt er. Kunst müsse frei sein. Wer ideologischen Sprachregeln folge, schaffe Propaganda, keine Kunst. Das „Gendern“ sei Ideologie, behauptet es doch, die Sprache „gerechter“ zu machen und die Welt gleich mit. Dabei mache es die Sprache in erster Linie formelhaft und hässlich.

Vor zwanzig Jahren hätte ich vermutlich zugestimmt, zumal ich mich auch heute noch mit dem großen Binnen-I schwer tue und Sterne nur am Himmel schön finde.*
Heute sehe ich das etwas differenzierter und in der Differenzierung fällt auf, dass bei der grundlegenden Abwehr drei Behauptungen vermischt werden. Dabei fange ich mal von hinten an:

  1. Gendern macht die Sprache formelhaft und hässlich.
  2. Gendern sei Ideologie.
  3. Gegenderte Sprache sei Propaganda.

Daraus folgt im Umkehrschluss, dass Eleganz und Leichtigkeit der Sprache durch die Verwendung des generischen Maskulinum bedingt sind. Außerdem sei das generische Maskulinum wertfrei und damit Garant für eine ideologiefreie Sprache. Im Gegensatz zur Propaganda der gegenderten Sprache, lässt sich Kunst daher allein durch die Verwendung der ungegenderten, also des generischen Maskulinum erzeugen.

Merkt ihr was? Dröselt man die Einwände gegen die Verwendung einer gegenderten Sprache auf und wendet sie ins Positive, also in Forderungen für eine ungegenderte Sprache, stellen sie sich als mindestens genauso ideologisch und propagandistisch dar, wie die Gegenposition.
Aber das ist auch zunächst gar nicht schlimm. Schlimm wird es nur dann, wenn man die Worte „Ideologie“ und „Propaganda“ als Kampfbegriffe einsetzt, ohne auf den Wahrheitsgehalt der dahinterstehenden Positionen einzugehen. Zunächst mal ist eine Ideologie nämlich nichts anderes als eine Weltanschauung bzw. ein Wertesystem. Daran, ein Wertesystem zu haben, ist grundsätzlich nichts verkehrtes. Im Gegenteil: gemeinsame Werte sind der Kitt aller freien Gesellschaften.

Die meisten von uns haben vermutlich kein Problem damit, das Grundgesetz als Grundlage unseres Zusammenlebens anzuerkennen. Damit beruht unser gemeinsames Wertesystem auf dem Bekenntnis zur demokratischen, pluralistischen Gesellschaft und der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Rasse, Religion und/oder Geschlecht.
Aber in der Sprache darf das nicht zum Ausdruck kommen, weil sie dadurch formelhaft und hässlich wird? Eine Sprache ist nur dann ideologiefrei, wenn lediglich Politiker in den Parlamenten sitzen, nur Forscher Entdeckungen machen und selbst eine Demonstration für Frauenrechte grammatikalisch ausschließlich aus Männern besteht, weil die Demonstrantinnen, Forscherinnen und Politikerinnen nur erwähnt werden, wenn gerade kein Mann in der Nähe ist? Entschuldigung bitte, aber was für ein Gesellschaftsbild wird hier propagiert?

Fakt ist: Sprache ist nicht ideologiefrei. War sie noch nie. Sprache ist Macht. Mächtiger sogar als das Schwert, weil sie das Denken prägt. Gleichzeitig ist Sprache immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen. Das zeigt sich nicht nur in der Übernahme von Fremd- und Lehnsworten, sondern bis in die Umgangsformen. Wir haben im Rahmen des Demokratisierungsprozesses den Pluralis Majestatis und die unsägliche Anrede „er“ entsorgt. Die Nivellierung gesellschaftlicher Unterschiede schreitet weiter fort, indem sich das Duzen immer mehr als normale Anredeform unter etwa Gleichaltrigen etabliert. Das kann man beklagen, weil einem ein „du Arschloch“ doch schneller rausrutscht, als ein „Sie Arsch!“, aber Fakt ist, dass wir nicht mehr in einer Standesgesellschaft leben, und dass sich die Sprache daran anpasst.

Genauso leben wir aber in einer Gesellschaft, in der Frauen gleichberechtigt teilhaben (wollen). Auch daran kann sich die Sprache anpassen, indem sie Frauen nicht weiter ausblendet. Nichts anderes tut gegenderte Sprache. Sie macht Frauen sichtbar.
Jetzt wieder ketzerisch gefragt: Ist es per se hässlich und formelhaft, neben Autoren auch die Autorinnen zu erwähnen, außer Politikern auch die Politikerinnen und die Wissenschaftlerinnen neben den Wissenschaftlern? Ich behaupte nein. Trotz der oben erwähnten Schwierigkeiten mit dem Binnen-I und anderen Lösungsversuchen. Es kann sogar poetisch klingen, wie im Märchen von Jorinde und Jorigel, die einander so lieb hatten, dass keines ohne das andere sein wollte.
Die Kunst besteht darin, kreative Lösungen zu finden, wie dieses generische Neutrum. Ich kann in diesem kreativen Umgang mit Sprache auch keine Unterwerfung erkennen, sondern das, was Kunst eigentlich ausmacht, und was Eschbach sogar fordert, nämlich etwas, das aus dem Inneren kommt (d. h. dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung) und gegen Regeln verstößt (den herrschenden Sprachgebrauch). Demgegenüber könnte man das Beharren auf dem generischen Maskulinum sogar als geistige Faulheit abtun.

Verwende ich deshalb nur noch geschlechtsneutrale Formulierungen? Nein, natürlich nicht. Schon deshalb nicht, weil ich tief im herkömmlichen Sprachgebrauch verhaftet bin. Aber genauso, wie ich darauf achte, mehrdimensionale Charaktere zu schaffen, achte ich auf eine angemessene Sprache. Das bedeutet, dass in den Blogbeiträgen deutlich mehr Experimente möglich sind, als in den Büchern. Aber selbst dort versuche ich, das generische Maskulinum auf das absolute Minimum zu reduzieren. In „Steppenbrand“ bin ich sogar ein Stück weitergegangen, indem ich den Khon eine Sprache mitgegeben habe, die in der Grundform nicht zwischen Männern und Frauen unterscheidet. Damit spiegelt die Sprache sehr genau die Weltsicht dieses Volks. Trotzdem glaube ich nicht, dass irgendein Leser oder eine Leserin auf die Idee kommen wird, sie als ideologisch weichgespült zu empfinden.

Daher ist meine Position zu dem Thema ganz eindeutig: Mehr Mut zum Experiment. Sprache ändert sich sowieso. Warum nicht daran teilhaben und sie mitgestalten?


*Gendern finde ich übrigens auch ein ganz schreckliches Wort, weshalb ich es normalerweise vermeide.