Zum Schluss von #CharactersofSeptember: Wofür Seraina kämpft

Die Challenge „Characters of September“ bot fiktiven Charakteren die Möglichkeit, selbst auf Fragen zu antworten. Bei mir war es die Spielfrau Seraina, die mehr über sich und ihr Leben preisgab. Alles andere erzählt die Geschichte Der Fluch des Spielmannsdie als eBook sowohl über die Tolino-Händler also auch über Amazon erhältlich ist.

Nike: „Letzter Tag heute, wie fühlst du dich?“

Seraina: „Müde. Es war gut, mal wieder rauszukommen. Aber nun ist es auch genug.“

Nike: „Dann eine letzte Frage noch: Wofür setzt du dich ein? Welche Ziele hast du?“

Seraina: „Ziele? Ich bin tot! Alles, was ich noch will, ist meine Ruhe.“

Nike: „Moment, gestern hast du noch gesagt …“

Seraina: „Gestern ging es um die Frage, was ich ändern würde, wenn ich könnte. Aber wir Toten können nichts ändern. Wir sind nur Schatten und Erinnerung. Blass, blutleer und ohne Macht oder Einfluss. Das Heute ist eure Welt. Du hast gestern gesagt, sie sei besser geworden. Gerechter. Gratuliere! Aber wir sind nicht mehr Teil davon, also müsst ihr euch kümmern. Ihr könnt neue Fehler machen oder unsere wiederholen; das Erreichte ausbauen oder zerstören. Uns Tote kümmert das nicht mehr. Aber eure Kinder, vielleicht.“


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Die Erzählung Der Fluch des Spielmanns ist als eBook für alle gängigen Lesegeräte erhältlich. Unter anderem kann es bei diesen Anbietern heruntergeladen werden:

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#WirSchreibenDemokratie – Weil wir uns erinnern wollen!

Krieg, das scheint hier, im sicheren Deutschland etwas, das nur andere angeht. Höchstens diejenigen, die in winzigen Booten über das Mittelmeer kommen, erinnern vielleicht noch daran. Aber viele scheinen nicht erinnert werden zu wollen.
Denen ist es vielleicht ganz recht, dass auch die letzten wegsterben, die noch von Krieg, Flucht und Vertreibung erzählen können – und vielleicht auch von der Zeit davor. Es erlaubt, sich von ihnen zu distanzieren und sie gleichzeitig zu verklären.

Auch in meiner Familie gibt es niemanden mehr, den ich dazu befragen könnte. Weder zu den Bombennächten in Hamburg noch zur Flucht aus Ostpreußen. Die Großeltern sind tot und meine Eltern waren damals selbst noch Kinder. Bei Kriegsende war mein Vater gerade mal sechs, meine Mutter drei.
Viel erzählt haben die Großeltern aber auch zu Lebzeiten nicht. Es gab nichts zu erzählen, denn das waren keine Zeiten, an die man sich gern erinnerte. Nicht nur wegen der Toten. Über die wurde noch am Meisten gesprochen. Auch, wenn mein Opa mütterlicherseits so früh starb, dass von ihm nicht einmal ein Name blieb. Sein Leben reichte für eine schnelle Heirat und zwei Heimaturlaube, in denen er jeweils ein Kind zeugte. Kurz nach dem zweiten Urlaub traf eine Bombe sein Schiff. Den Schilderungen der überlebenden Kameraden nach, muss sie ihm fast auf den Kopf gefallen sein. Aber da seine Leiche nie gefunden wurde, galt er lediglich als vermisst. Meine Oma bekam nicht einmal Witwenrente.
Mein Opa väterlicherseits starb im Jahr meiner Geburt. Dank einer kriegswichtigen Position in den Göring-Werken musste er nicht an die Front. Aber als überzeugter Deutsch-Nationaler hat er auch nichts dagegen unternommen, als sein ältester Sohn zum letzten Aufgebot gegen die heranrückende Rote Armee eingezogen wurde. Die Möglichkeiten hätte er gehabt. Sie nicht genutzt zu haben, hat er den Rest seines Lebens bereut. Von meinem Onkel Lothar gibt es genauso wenig ein Grab, wie von meinem namenlosen Opa. Der eine blieb auf See, der andere verschwand irgendwo im Samland.

Was blieb, sind ein paar Anekdoten. Von der Ur-Oma, die mit Oma und den beiden kleinen Kindern aus dem ausgebombten Hamburg ins Umland evakuiert wurde, wo sie die Familie mit Kartenlegen durchbrachte. Von meiner Mutter, die bis heute keinen Kohl und keine Steckrüben riechen kann. Erzählungen über den Hungerwinter, in dem morgens die steifgefrorenen Leichen aus den Nissenhütten getragen wurden. Die Geschichte, als meine Oma hinter einem Busch pinkeln gehen wollte und den Kessel mit dem schwarz geschlachteten Schaf im Knick fand.
Die Anekdote von der Uhr, die die Russen meiner anderen Oma gestohlen haben und dass sie daraufhin zum Kommandanten ging; sich beschwerte: als Ärztin sei sie auf eine Uhr angewiesen, wie sonst solle sie den Puls messen? Und dass sie daraufhin eine neue Uhr bekam. Meine Tante, die sich beklagte, zur Konfirmation ein Kleid aus Fallschirmseide bekommen zu haben, das so kalt war, dass sie auf dem Rückweg kaum noch gehen konnte. Dass im Garten der Familienvilla in der sie zu der Zeit lebten (meine Großeltern väterlicherseits hatten mehrere davon), Kartoffeln angebaut wurden. Und dass meine Tante noch bis in die 80er Jahre Angstzustände bekam, wenn sie jemanden russisch sprechen hörte.

Frauengeschichten vom Krieg und der Zeit danach. Es waren keine Männer übrig, um ihre Sicht zu erzählen, bis auf Onkel Volker, der ein solcher Widerling war, dass niemand freiwillig mit ihm sprach.
Trotzdem war selbst uns Kindern damals, in den 70ern klar, was der Krieg Menschen antut. Wir hatten es ja täglich vor Augen. Damals gab es sie schließlich noch, die Kriegskrüppel (oder die „Versehrten“, wie sie pietätvoller genannt wurden. Political correctness ist keine neue Erfindung).
Links von uns wohnte ein alter Nazi mit nur einem Bein, der soff, um die Erinnerungen los zu werden. Tagsüber mag das geklappt haben, aber nachts hörten wir ihn manchmal schreien. Sogar noch durch die Wände hindurch. Ich war mit seiner Tochter befreundet und am Wochenende fuhren wir manchmal raus ins Grüne, wo er uns Schießen beibrachte (er war Jäger und die Waffen waren legal. Ob er sie uns geben durfte, ist eine Frage, die ich mir damals nie gestellt habe).
Auf der anderen Seite wohne ein Sozi mit nur einem Arm. Die Gerüchteküche besagt, er habe ein Strafbataillon überlebt, aber er selber sprach nie darüber. Sein leerer linke Hemdsärmel steckte in der Hosentasche, damit er nicht im Weg war. Wundersamerweise war er trotzdem handwerklich sehr geschickt und hat vieles im Haus selber gemacht. Uns Kindern hat er beigebracht, wie man Fahrräder repariert.

Es gab noch mehr solche Leute in der näheren und weiteren Umgebung. Halbblinde, Lahme, Einarmige. Man zeigte nicht auf sie. Jeder wusste, woher die Verletzungen kamen. Aber man sprach nicht darüber. Nur nichts aufwühlen.
Nur einmal hat meine Mutter meine Oma nach der Zeit „davor“ gefragt. Warum denn keiner etwas gesagt oder getan habe.
„Aber wir wussten doch von nichts“, hat meine Oma geantwortet und normalerweise wäre das Thema damit wieder begraben gewesen.
Aber dieses eine Mal hat meine Mutter nachgebohrt. Hat gesagt, dass sie das nicht glauben kann; dass man es doch merken muss, wenn die Nachbarn verschwinden.
„Wir wussten nichts“, hat meine Oma wiederholt. „Man durfte doch nichts wissen. Jeder wusste doch, was mit denen passiert, die zu viel wissen oder zu viele Fragen stellen!“

Warum ich das hier schreibe? Weil gerade eine Partei in den Bundestag eingezogen ist, die die Meinung vertritt, man solle diese Omertá wieder einführen. Das alles vergessen. Stolz sein auf die Leistungen einer Armee, die fremde Länder überfallen und damit unsägliches Leid über Europa gebracht hat.

Aber ich will nicht vergessen. Die Erinnerung ist kostbar. Trotz der Toten, der Krüppel und des Leids. Ohne solche Erinnerungen sind wir wurzelloses Gestrüpp, wie dieses Tumbleweed-Kugeln, die immer durch die Westernszenarien rollen. Vergessen führt nicht in eine bessere Zukunft. Im Gegenteil: Ohne solche Erinnerungen laufen wir Gefahr, die Fehler unserer Vorfahren zu wiederholen.
Deshalb schreibe ich das hier auf. Weil ich es kann. Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der man neugierig sein darf. In der man nicht abgeholt, eingesperrt oder sogar erschossen wird, weil man zu viel wusste und das auch noch ausgesprochen hat.  Ich schreibe es auf, weil man sich seine Geschichte so wenig aussuchen kann, wie die Familie, in die man hineingeboren wird. Gegen das Vergessen. Für Demokratie und Freiheit.


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Grafik: Elenor Avelle und Anne Colwey

#WirSchreibenDemokratie ist eine Aktion des Nornennetzes.
Weitere Artikel gibt es u. a. von:
Textflash und Hermine
Frau Schreibseele
Evanesca Feuerblut
Der Fantastronautin
Schreibtrieb
Blue Siren

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Neue Challenge #CharactersofSeptember: Seraina

Für September ist eine Challenge ausgerufen, die ich sehr spannend finde. Es geht darum, einen fiktiven Charakter näher vorzustellen. Spannend ist es, weil die Fragen es durchaus in sich haben.

Ich habe eine Weile mit mir gerungen, welchen Charakter ich vorstellen soll. Spontan ist mir Dejasir no’Sonak aus Steppenbrand eingefallen. Vielleicht, weil ich das Buch gerade als Print herausgebracht habe, vielleicht aber auch, weil er immer noch so etwas, wie mein Lieblingsschurke ist.
Aber über Steppenbrand habe ich schon so viel erzählt und immer der gleiche Charakter ist auch langweilig.
Als nächstes habe ich an Silke gedacht, meine neueste Protagonistin. Sehr badass. Über sie ließe sich auch einiges erzählen. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto weniger gefiel mir die Idee. Silke darf ihre Geheimnisse also noch eine Weile behalten.

Statt dessen also Seraina. Sie ist einer der Geister aus „Der Fluch des Spielmanns“. Damit ist sie formal zwar nur eine der Nebenfiguren – aber sie gibt der Geschichte eine entscheidende Wendung.
Außerdem war ihr (realer) Tod Anlass, dass diese Geschichte überhaupt entstanden ist. Seraina hat es nämlich wirklich gegeben. Ihre Knochen wurden vor einigen Jahren zufällig bei Bauarbeiten entdeckt. „Der Fluch des Spielmanns“ rekonstruiert eine Möglichkeit, wie sie dort hingekommen sind.


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Der Fluch des Spielmanns ist für alle gängigen Lesegeräte erhältlich, z. B. bei diesen Anbietern: https://books2read.com/Spielmannsfluch

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#Autorinnenzeit: Ein Einwurf von Eva-Maria Obermann

Ein schönen Montag, einen wundervollen Mai. Macht euch auf was gefasst. Der Autor Sven Hensel – wahrscheinlich habt ihr schon davon gehört – hat die Initiative ergriffen und den Mai dieses Jahr zum „Autorinnenmonat“ erklärt. Unter dem Hashtag #Autorinnenzeit lernt ihr diesen Monat viele Autorinnen kennen und natürlich auch ihre Bücher. Ich werde mal hier, mal…

über Warum wir über Autorinnen reden müssen – #Autorinnenzeit — Schreibtrieb

Leseprobe von „O Tannenbaum“ ist online

Vielleicht sollte ich auch hier im Blog noch kurz darauf hinweisen, dass die Leseprobe von O Tannenbaum (der 4. Ausgabe des Codex Aureus) freigeschaltet ist.

Wer also Velona in freier Wildbahn erleben möchte, bitte hier entlang.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und ein fröhliches Weihnachtsfest!


o-tannenbaum-kleinO Tannenbaum ist als eBook in den Formaten ePub und Mobi erhältlich und damit für alle gängigen Lesegeräte verfügbar.
Kindle-Nutzer können das Buch bei Amazon beziehen. Die Nutzer aller anderen Reader bekommen es über die Online-Buchhandlungen der Tolino Allianz. Mein besonderer Favorit ist Bookzilla, weil man mit dem Einkauf die Entwicklung freier Software fördert. Es gibt O Tannenbaum aber z. B. auch bei:

Historisch oder Phantastisch?

In dem Blog vom Quadspreche wurde gerade die Frage behandelt, woran man Fantasyromane erkennt. Für mich ist die Antwort relativ einfach: Wenn eine Geschichte phantastische Elemente enthält, z. B.: die Intervention höherer Mächte, paranormale Fähigkeiten, Fabelwesen erfundene Völker, Orte oder Riten, ist es Fantasy. Historisch ist eine Geschichte, wenn sie in der Vergangenheit spielt und sich auf Fakten stützt.
Auch die können schlecht recherchiert sein, wie die durch unzählige Mittelalterromane kullernden Kartoffeln beweisen. Aber in dem Moment, wo das Übernatürliche ins Spiel kommt, ist es vorbei mit „historisch“.
Deshalb sind in meinen Augen weder „Die Nebel von Avalon“ noch „Der Medicus“ historische Romane – ganz egal, wie sie vermarktet werden. Sie sind Fantasy, genau wie „Der Fluch des Spielmanns“, obwohl ich mich wirklich bemüht habe, die Lebenswirklichkeit des 8. Jahrhunderts realistisch zu rekonstruieren. Aber durch die drei Geister wird es zu Fantasy. Historischer Fantasy, aber Fantasy.

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Der Fluch des Spielmanns – Codex Aureus (3) erscheint am 15. Oktober 2016 im ePub und Mobi Format. Erhältlich bei Amazon und in den Online Buchhandlungen der Tolino-Allianz.

Warum muss das Mittelalter immer dunkel sein?

Wenn man sich Filme (auch Geschichtsdokus) anguckt, fällt eines auf: Das Mittelalter ist immer dunkel und schmutzig. Braun-grau-schwarz gewandete Akteure schlurfen durch Schlamm oder hocken mit finsterem Gesicht in düsteren Ecken. Nebel wallt und vermutlich ist es auch sehr kalt. Wenn gerade mal keine Pest herrscht, werden Hexen gejagt.

Das goldene Rom

Die Römer, wird immer wieder suggeriert, hatten die Zivilisation. Bäder, Bibliotheken, Straßen … Danach kamen nur noch Gewalt und Leiden, bis man sich in der Renaissance auf römische Werte besann.
Dass das römische Reich eine Sklavenhaltergesellschaft war, in der Arbeit besteuert wurde, so dass die Reichen immer mehr Reichtum anhäuften, während die „Mittel-“ und „Unterschicht“… Lassen wir das.
Dass die großartigen römischen Straßen gebaut waren, um eine Kolonne marschierender Soldaten schnell von A nach B zu bringen, aber zu schmal waren, als dass zwei Karren aneinander vorbei passten, weil das römische Reich nicht auf Handel ausgerichtet war, sondern von militärischer Expansion und Ausbeutung der eroberten Gebiete lebte – geschenkt.
Dass die öffentlichen Bäder Brutstätten von Krankheiten waren, weil das Wasser zu selten gewechselt wurde; dass fließend Wasser ein Luxus war, den sich nur die allerreichsten Haushalte leisten konnten; dass im antiken Italien die Malaria grassierte; dass man im alten Rom nach Einbruch der Dunkelheit besser zuhause blieb, weil die Straßen dunkel waren und der Straßenraub blühte; dass die gepriesene Cloaca Maxima selbst in den besten Zeiten zum Himmel gestunken hat und sich die Gase darin z. T. selbst entzündet haben; dass die Römer keine Probleme mit Kinderarbeit und -prostitution hatten; dass die Römer extrem grausame Körperstrafen (u.a. das Kreuzigen) praktizierten, das alles und mehr wird vollkommen unter den Tisch gekehrt, denn die Römer hatten ja alles: Großstädte, Goldmünzen und das Kolosseum, während im Mittelalter eine Sammlung von Hütten schon als Stadt galt.

Finsteres Mittelalter

Dass damit Äpfel und Birnen verglichen werden, weil der Blick mal eben von den Ruinen einer untergegangenen Kultur in einen ganz anderen Landstrich wandert, in dem diese Kultur allenfalls ein Inseldasein geführt und allenfalls die Oberschicht der „Eingeborenen“ erreicht hat; in diesem Landstrich aber auch ganz andere klimatische Bedingungen herrschen, so dass man eher mit winterlicher Kälte als mit Wassermangel im Sommer zu kämpfen hatte, sollte aber doch eine Überlegung wert sein.

Was auch gerne unter den Tisch fällt, sind die Erfindungen die sich im Mittelalter in ganz Europa durchsetzten und die wir heute zum Teil noch nutzen: Bankwesen, Dreifelderwirtschaft, die Brille, das Kummet, die Brille, das Schießpulver, Papier, die mechanische Uhr, die Kleinbuchstaben, der Kachelofen, Schecks und Wechsel, Musiknoten, die Gotik als neue Bauform, die Null, arabische (eigentlich indische), Handwerksverbände (Gilden), eine Art Sozialsystem durch das christliche Barmherzigkeitsgebot (Bettler waren ein wichtiger Teil der mittelalterlichen Gemeinschaft und oft materiell nicht viel schlechter gestellt, als die „Werktätigen“ und es sind tatsächlich Klagen aus Städten überliefert, man habe zu wenig Arme, um ordentlich spenden zu können) u.v.m.
Wenn man genauer hinsieht, kommt eine erstaunliche Mobilität dazu, sowohl was die Aufstiegsmöglichkeiten angeht, als auch das Reisen betreffend. Es herrschte ein reger Kulturaustausch sowohl in den Norden, als auch weit in den Süden und Osten; eben dieser Austausch hat viele Entwicklungen überhaupt erst möglich gemacht.
Dafür gehören die gezielte Hexenverfolgung und -verbrennung und die grausamen Körperstrafen eigentlich nicht ins Mittelalter. Die Hexenverfolgung fing erst im ausgehenden Mittelalter an und hatte ihren Höhepunkt in der Aufklärung, also zu Zeiten Kants und Hegels. Und auch die Constitutio Criminalis Carolina, die neben der Folter als Mittel der Geständnisgewinnung auch Strafen, wie das Abschneiden der Zunge, Pfählen, Vierteilen usw. vorsieht, ist eine Erfindung der Moderne. Demgegenüber beruhte das Strafsystem des Mittelalters ursprünglich ausschließlich auf Geldbußen bzw. Schadenersatz.

Verbrechen und Strafe

Ich will nun kein strahlendes Alternativmittelalter malen, in dem es allen gut ging. Das wirklich nicht.
Sieht man sich z. B. den letzten Punkt, das Strafsystem, an, stellt man schnell fest, dass es  ein Problem mit der Durchsetzbarkeit gab. Nicht umsonst halten fast alle Gesetze des Mittelalters fest, dass Fehde und Blutrache bei Strafe verboten sind. Es gab keine Staatsgewalt, wie wir sie kennen, keine Polizei, keine ständigen Gerichte. Deshalb muss man sich die Realität wohl eher als Nebeneinander von Willkür und Gewohnheitsrecht mit gelegentlichen Interventionen „von oben“ vorstellen. Und wenn man dann noch bedenkt, wozu ein Lynchmob imstande ist – besten Dank!

Auch die Hungersnöte hat es gegeben, genauso wie Seuchen, Unwetter, religiöse Intoleranz – nur gab es das alles auch schon vorher und nachher genauso. Aber es gab eben auch die „lichten Momente“ und vielleicht wird es Zeit, diese stärker zu betonen.

Und was hat das mit mir zu tun?

Vielleicht fragst du dich inzwischen, worauf zum Teufel ich eigentlich raus will, denn eigentlich hat dieser Artikel mit dem Blog und den sonstigen Themen recht wenig zu tun. Aber diese seltsam verdrehte Darstellung des Mittelalters ist etwas, das mich schon länger beschäftigt und mich bei fast jedem historischen Roman, den ich lese und jeder Doku, die ich sehe, mehr nervt. Zusätzlich angestoßen wurde es durch die Recherchen zum Fluch des Spielmanns, der um 800 herum spielt und dem ein sehr reales Verbrechen zugrunde liegt.
Und nachdem ich gerade auf youtube eine gar grausliche Doku von ZDF History gesehen habe, musste das alles mal raus. Ich hoffe, du verzeihst mir.

Erscheinungsdatum für „Der Fluch des Spielmanns“ steht fest

Das Veröffentlichungsdatum für „Der Fluch des Spielmanns“ steht: Am 15. Oktober wird die Geschichte in allen Online-Buchhandlungen der Tolino Allianz und natürlich auf Amazon erhältlich sein.

Aktuell schlage ich mich noch mit ein paar Feinheiten rum. Zum Beispiel der Frage, ob ich wie schon bei „Steppenbrand“ ein Nachwort schreiben sollte.
Bei Steppenbrand war mir das ein Herzensanliegen, weil mich die Geschichte schon so lange begleitet. „Der Fluch des Spielmanns“ scheint auf den ersten Blick weniger aufregend, weil er nicht in einer erfundenen Welt, sondern im Mittelalter und in Europa spielt. Altbekanntes könnte man also meinen. Andererseits: Wie viel Wissen über das frühmittelalterliche Rechtssystem (oder besser: die Rechtssysteme), kann man wirklich voraussetzen? Wie sieht es mit dem Wissen um Kleidung und Lebensumstände aus?

Auf der anderen Seite: Interessiert das jemanden? Nötig sind die Erklärungen jedenfalls nicht, denn natürlich ist die Geschichte aus sich selbst heraus verständlich. Und deshalb frage ich mich, ob so ein Nachwort auf die Leser besserwisserisch wirkt und ich es nicht weglassen sollte.

Fortschritte beim Fluch

Gestern habe ich die erste Überarbeitung von „Der Fluch des Spielmanns“ abgeschlossen. Dabei ist die Geschichte noch mal kräftig gewachsen. Aber das war auch nötig. Einige wichtige Teile waren definitiv zu kurz abgehandelt, wodurch viel Spannung verschenkt wurde. An anderen Stellen musste ich nachbessern, weil die Konsequenzen der Handlungen sonst nicht allgemeinverständlich gewesen wäre.

Was ihr aber wirklich gut getan hat war, dass ich den Charakter der zweiten Hauptfigur grundlegend geändert habe. Der Aufwand dafür war vergleichsweise gering; die Handlung ist fast identisch geblieben, aber der Plot hat sich in einer entscheidenden Nuance verändert und gibt der Geschichte im letzten Moment noch eine ironische, fast komische Wendung.

Die Devise „kürzen, kürzen, kürzen“ ist definitiv nichts für mich. Jedenfalls nicht am Anfang. Bevor die Geschichte veröffentlichungsreif ist, braucht sie mindestens noch einen zweiten Durchgang. Auch wenn ich schon beim Schreiben versuche, Schmonz und Manierismen zu vermeiden, schmuggeln sie sich irgendwie doch immer wieder ein. Wahrscheinlich werde ich dabei auch noch das eine oder andere Plotloch entdecken.
Erst danach geht es ans Kürzen und eine weitere stilistische Überarbeitung. Inhaltlich wird sich dann aber nichts mehr ändern.

Außerdem muss ich noch ein bisschen am Cover basteln. Das Grundkonzept steht zwar schon, aber ich bin noch auf der Suche nach der optimalen Schrift für den Titel. Vermutlich schwanke ich zwischen einer irischen Unziale, der karolingischen Minuskel und einer Bastarda. Wenn ich den richtigen Fond gefunden habe, muss ich sie „nur noch“ in Farbe und Größe optimieren.
Das sind die Arbeiten, die ich zwischen den einzelnen Überarbeitungsphasen erledige. Das hat den Vorteil, dass der Text immer ein paar Tage Zeit zum Reifen hat. (Oder prosaischer ausgedrückt: Mit etwas Abstand sehe ich meine Fehler besser.)

Ganz zum Schluss werde ich noch ein kurzes Nachwort schreiben. Der Text selber ist zwar Fantasy, nimmt aber an einigen Stellen Bezug auf sehr reale historische Gegebenheiten. Die muss man zwar nicht kennen, um die Geschichte zu verstehen – aber als Leserin freue ich mich immer über solche „Bonbons.“
Und wenn ich ganz viel Zeit habe, werde ich mich vielleicht sogar noch an einige Skizzen wagen.

ausgelesen: Das Nibelungenlied

Natürlich kann man sich fragen, ob es sinnvoll ist, ein vor 800 Jahre geschriebenes Buch zu besprechen, das außerdem immer wieder als das deutsche Nationalepos bezeichnet wird. Meiner Meinung nach, ist das Erste kein Hinderungsgrund und das Zweite eher ein Argument, den Inhalt genauer unter die Lupe zu nehmen. Goethe selbst prognostizierte, dass der Text noch Jahrhunderte später die Gemüter beschäftigen würde (behauptet jedenfalls der Klappentext).

Wenn er das tatsächlich gesagt hat, gebe ich ihm recht. Das Nibelungenlied ist auch heute noch eine großartige Geschichte voller Gewalt, Intrigen, Verrat und unsterblicher Liebe. Nur die Form ist etwas ungewöhnlich. Aber daran gewöhnt man sich.

Und warum Nationalepos?

Eine gute Frage, die ich mir beim Lesen auch immer wieder gestellt habe. Grob zusammengefasst und auf moderne Begrifflichkeiten gebracht, geht die Geschichte nämlich so:

Worms und Umgebung wurde von den Burgundern regiert. Nomineller Chef war der König, Gundahar oder etwas einfacher: Gunther. Tatsächlich hatte aber sein oberster Berater, Hagen, das sagen. Ein Mann über dessen Herkunft nichts bekannt ist (nur, dass er eben kein Burgunder war) und der seinen Rang seiner Klugheit und Gerissenheit verdankte.
Gunther hatte außerdem noch zwei Brüder (Gernot und Giselher) die für die Geschichte aber keine Rolle spielen und eine Schwester, Krimhild.
Krimhild war nicht sonderlich klug, aber wunderhübsch und auch sonst ein nettes Mädchen. Nur mit Männern hatte sie nichts am Hut, denn sie hatte einen dummen Traum gehabt und seitdem wusste sie, dass sie entsetzlich leiden würde, wenn sie sich je verliebte.
So lebten sie glücklich und zufrieden, bis eines Tages eine Horde Hooligans in den Hof geritten kam. Ihr Anführer, Sigfrid von Xanten wurde seinem schlechten Ruf auch gleich gerecht, indem er Gunther zubrüllte: „Du komm runter da, Alda, ich mach dich Krankenhaus!“ Was man als Hool in solchen Situationen eben brüllt.
Aber dann sah er Krimhild und wurde plötzlich ganz friedlich. Sigfrid war vielleicht nicht die größte Leuchte im Kandelaber, aber sogar ihm war vermutlich klar, dass es nicht der beste Weg in das Herz einer Frau ist, erst ihren Bruder umzubringen. Und er wollte Krimhild. Mehr als alles andere.
Von dem Moment an waren Sigfrid und Gunther (der niemandem böse sein konnte) die besten Freunde – sehr zum Missfallen Hagens, der jetzt zwei Trottel unter Kontrolle halten musste, was natürlich schief ging. Gunther und Sigfrid schlossen nämlich einen Pakt: Wenn Sigfrid Gunther half, Brunhilde, die schöne Königin von Weit-Weit-Weg zu heiraten, sollte er als Belohnung Krimhild heiraten dürfen. Auf Brunhilde war Gunther nämlich schon lange scharf. Nur traute er sich nicht, ihr einen Heiratsantrag zu machen, denn Brunhilde hatte an die Heirat gewisse Bedingungen geknüpft und wer die nicht erfüllte musste sterben.
Sigfrid fand den Vorschlag fair und sagte seine Hilfe zu. Dass er mit Brunhilde so gut wie verlobt war, fand er nicht so erwähnenswert. Kurze Zeit später brach man nach Weit-Weit-Weg auf. Sigfrid hielt sein Versprechen und brachte Brunhilde mit ein paar magischen Tricks zu der Überzeugung, Gunther wäre sein Chef und vor allem stärker als er und damit der viel bessere Ehemann.
Dummerweise war Brunhilde nicht blöd und durchschaute die Intrige, als sofort nach der Rückkehr die Verlobung von Sigfrid und Krimhild bekannt gegeben wurde. Es war aber auch nicht sehr subtil von Sigfrid, bei der Hochzeitsfeier aufzustehen und zu Gunther zu sagen: „So, Bro, ich hab dir geholfen, nun bist du dran!“
Danach war Brunhilde ziemlich angefressen, weshalb die Hochzeitsnacht für Gunther zu einer sehr unerfreulichen Angelegenheit wurde. Trotzdem hätte sich die Sache mit der Zeit vielleicht eingerenkt, wenn sich Gunther nicht am nächsten Tag bei Sigfrid ausgeheult hätte. Der versprach wieder seine Hilfe und so kam Gunther am Ende zu dem, was er für sein eheliches Recht hielt. Was genau sich abspielte, ist nicht ganz klar, aber in jedem Fall war es übel für Brunhilde, die sich nun nur noch damit trösten konnte, wenigstens die Frau vom Chef zu sein.
Bis ihr aufging, dass Sigfrid nichts für Gunther tat und auch keine Abgaben zahlte. An diesem Punkt wäre es gut gewesen, wenn sie sich mit Hagen beraten hätte, aber auf die Idee kam sie nicht. Statt dessen lud sie Sigfrid und Krimhild zum Familientreffen ein. Dabei eskalierte der Versuch, Krimhild auszuhorchen. Krimhild pachte Beweise aus, dass nicht nur Gunther keineswegs Sigfrids Chef war, sondern Brunhilds Ehe vermutlich ungültig und ihr Sohn eventuell sogar Sigfrids Bastard war.
Natürlich versuchte Brunhilde zu retten, was zu retten war. Aber das einzige, was geholfen hätte, wäre ein öffentlicher Widerruf von Sigfrid gewesen und der sagte nur: „Nö!“, während Gunther tat, was er am besten konnte, nämlich nichts. An seiner Stelle handelte Hagen und am Ende war Sigfrid tot. Die Situation schien bereinigt.
Nur Krimhild reagierte nicht, wie erwartet. Statt mit der Leiche nach Xanten zu den Schwiegereltern zu entschwinden, nahm sie sich ein Haus in Worms und fing an, nach Auftragskillern zu suchen. Als der Plan fehlschlug, suchte sie Verbündete im Ausland und fand Attila, den König der Hunnen. Der hatte keine Ahnung, dass er Mittel ihrer Rache sein sollte, sondern meinte, eine gute Partie zu machen. Er hatte zwar ein halbes Weltreich erobert, aber noch nicht gesichert und Krimhild hatte Verbindungen und sah immer noch fantastisch aus. Auch Gunther fand das eine prima Idee, um seine Schwester auf andere Gedanken zu bringen und so zog Krimhild ab nach Ungarn.
Der Rest ist bekannt: Es gab noch ein weiteres Familientreffen, das nur Attila überlebte.

Wenn das das deutsche Nationalepos sein soll, dann wäre das mehr Selbstironie, als ich meinen Landsleuten zutraue. Intelligent handeln hier vor allem die „Ausländer“, d. h. Hagen, Brunhilde und Attila (letzerer zeichnet sich außerdem durch eine anachronistisch anmutende Aufgeklärtheit hinsichtlich der Religion aus) und ausgerechnet der deutsche Held Sigfrid erscheint als hirnloser (wenn auch manchmal lieber) Muskelberg, der die Hose nicht zulassen kann.

Mein Fazit:

Nationalepos? Nein. Lesenswert? Auf jeden Fall!