Wer will den Fluch des Spielmanns hören?

Nun gut, es gibt nicht den ganzen. Aber Klaus_Nb, ein lieber Bekannter von Twitter, der u. a. auch für Clue Cast liest, hat sich die Mühe gemacht, den Anfang vom „Spielmann“ aufzunehmen. Seine Stimme erzeugt dabei genau den Gänsehautmoment, den ich beim Schreiben im Sinn hatte.

Unbedingt anhören! Wo? Auf Klaus‘ Blog.


dfds

Die im frühen Mittelalter spielende Geister- und Gaunergeschichte „Der Fluch des Spielmanns“ gibt es als eBook für alle gängigen Lesegeräte.

Man bekommt sie sowohl über Amazon als auch die Händler der Tolino-Allianz, also Buch.de, Hugendubel, die Mayersche, Osiander, Thalia, Weltbild usw. Mein Favorit dort ist allerdings Bookzilla, weil Bookzilla 5% des Kaufpreises für die Entwicklung freier Software spendet.

 

O Tannenbaum ist im Handel – bisher leider nur bei Amazon

Mit „O Tannenbaum“ liegt nun schon die vierte Ausgabe des Codex Aureus vor. Leider derzeit nur bei Amazon, weil die Tolino Qualitätssicherung noch Mängel gefunden hat: Man findet die Einordnung des Genres nicht verkaufsfördernd.

In einer freundlichen Mail wurde mir mitgeteilt, dass folgendes Problem bestehe:

Für die Sichtbarkeit, die Auffindbarkeit und damit Ihrem Umsatz auf den Partnerportalen ist die Platzierung des Genres „Belletristik“ als erstes Genre eher ungünstig, da es sehr allgemein ist. Je spezifischer das erste Genre den Charakter Ihres Titels beschreibt, desto leichter lässt es sich unter allen anderen Titeln finden. Bitte ändern Sie die Reihenfolge.

Dieser Aufforderung werde ich selbstverständlich nachkommen. Es ist ja auch irgendwie schön, dass man sich bei Tolino derart viele Gedanken macht, statt das Buch ohne Rücksicht auf die Konsequenzen einfach hochzuladen.
Zum Genre sei hier schon gesagt, dass es sich um Urban bzw. Contemporary Fantasy handelt.

o-tannenbaum-midiVelona ist eine Dryade; eines jener friedfertigen Wesen, die wenig anderes im Kopf haben, als die Bäume, mit und von denen sie leben. Die Bindungen zu einzelnen Bäumen kann sehr eng werden. So eng, dass die Dryade leidet, wenn ihr Baum Schaden nimmt und stirbt, wenn er gefällt wird. Solche Seelenfreundschaften oder Symbiosen sind selten. Aber auch sonst können Dryaden sehr wütend werden, wenn sich jemand an »ihren« Bäumen vergreift.

Wenn man, wie Velona, in einer Baumschule lebt und sich ausgerechnet in eine gutgewachsene Nordmanntanne verguckt, ist der Ärger vorprogrammiert.

Ich wünsche eine schöne Adventszeit und viel Spaß beim Lesen. Und natürlich freue ich mich riesig über Rückmeldungen. Sei es als Rezension auf euren eigenen Blogs oder auf Portalen wie Lovely Books oder als Bewertung bei der Buchhandlung, bei der ihr gekauft habt.

Für alle, die auf dem Kindle oder per Kindle App lesen, hier schon mal der Link zu O Tannenbaum bei Amazon,

Gaststory: „Der Hunter und der goldene Tod“ von Michael Behr

Passend zu Halloween gibt es heute Gruselfutter. Vielleicht erinnerst du dich noch, dass ich vor einiger Zeit auf dem Blog „Mein Traum vom eigenen Buch“ eine Geschichte von Michael Behr gewonnen habe. Genau gesagt, eine noch zu schreibende Geschichte. Nach meinen Vorgaben.

Ich hatte mir damals unter dem bevorstehenden Halloweentermin eine Geschichte gewünscht, in der irgendwie ein „goldener Tod“ vorkommt und die mit dem Satz „Gehen wir zu dir oder zu mir“ endet.
Michael hat es nicht nur geschafft, bis Halloween zu „liefern“. Er hat die Vorgaben, wie ich finde, wunderbar umgesetzt. Und ich muss sagen: Auf diese Auflösung wäre ich im Leben nicht gekommen.

Aber genug gequatscht. Ich hoffe, du hast beim Lesen genauso viel Spaß, wie ich.

Der Hunter und der goldene Tod

»So gehe und erledige deine Aufgabe!«
Die Stimme des Meisters wurde durch das metallene Knarren der sich öffnenden Tür verschluckt. In gewaltigen Angeln bewegte sich der Stahlkoloss, schwang auf und gab den Blick auf eine Welt frei, die der Hunter dereinst gekannt hatte wie seine Westentasche. Aber nun, hier und jetzt, war nichts mehr so, wie es einmal gewesen war. Viel hatte sich geändert, nicht nur räumlich, sondern auch strukturell. Und deswegen würde er, der Jäger, sich erst einmal orientieren müssen.
Bevor er die Spur der Beute aufnahm.
Dabei wusste der Hunter, als er unter dem Tor hindurchtrat, dass es kein leichter Kampf werden würde. Sein Gegner war ihm namentlich nicht bekannt, aber nach allem, was die Einwohner dieses Bezirks gemeldet hatten, handelte es sich um einen ebenso einfallsreichen wie auch intelligenten Streiter, der über einige der im Normalfall höchst effizienten Verteidigungsanlagen hinweggerauscht war, als seien sie gar nicht existent.
Der Hunter schlug seine Kapuze vor, sodass seine Gesichtszüge in der Dunkelheit verschwanden. Es war wichtig, dass er sich nicht sofort zu erkennen gab. Der Gegner konnte seine Spione in Stellung gebracht haben. Und es gab nicht viele Eingangstore in den Bezirk.
Andere Gestalten lungerten in der Nähe des Eingangs herum, an den sich eine lange Straße anschloss, die in alle Himmelsrichtungen verzweigte. Von hier aus konnte man jeden Ort des Bezirks erreichen und der Hunter war sich der Tragweite seiner Aufgabe völlig bewusst.
Wenn er nicht erfolgreich war, dann würde all das hier im Chaos versinken.
Auch wenn er sich größte Mühe gab, nicht aufzufallen, so wurde er doch von einigen der Gestalten bemerkt. Es waren alte, klapprige Gesellen, die schon so manchen durch diese Tore hatten kommen und gehen sehen. Und sie wussten nur zu gut, dass der Austausch mit der Welt außerhalb der Mauern im Verteidigungsfall durch den Meister eingeschränkt wurde. Bis der Normalzustand wieder hergestellt worden war.
Der Hunter hörte das Tuscheln und trat wahllos zu einer der Gruppen hin. Verhärmte Gesichter erhoben sich, trauten sich dann aber doch nicht, ihm in die Augen zu schauen.
»Ich suche einen Eindringling!«, sagte der Hunter und seine Stimme war wie Donnerhall über einer weiten Ebene. »Gerüchte sagen, dass er hier vorbeigekommen sein soll!«
Eine der Gestalten, ein haar- und zahnloser Alter, schüttelte den Kopf. »Wir wissen nichts von einem Eindringling.«
Der Hunter gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. »Der Meister hat gesagt, dass er hier gewesen ist! Du willst sicher nicht den Worten des Meisters misstrauen!«
»Nein, nein!«, beeilte sich der Alte zu sagen und machte eine ehrerbietige Bewegung in Richtung des schwarzverhangenen Himmels, an dem in unregelmäßiger Folge Lichtreflexe tanzten. »Ehre sei dem Meister!«
»Der Meister benötigt nicht deine Ehre«, erwiderte der Hunter angewidert. »Leihe mir deine Augen und Ohren.«
Mit einer schnellen Bewegung, die keiner aus dem kümmerlichen Haufen hatte kommen sehen, packte der Hunter den Alten an der Schulter. Es gab einen kleinen Blitz wie einen elektrischen Schlag und die mentale Verbindung zwischen den beiden war hergestellt.
Der Hunter schloss die Augen, wie immer überwältigt von den fremdartigen Eindrücken, die er binnen eines Sekundenbruchteils in sich aufnahm und die er zunächst für sich ordnen musste, um das, was er wissen wollte, von dem zu trennen, was für seine Aufgabe unwichtig war.
Er sah durch die Augen des Alten, allerdings waren es Dinge, die in der Vergangenheit geschehen waren. Seine besondere Begabung ermöglichte es dem Hunter, etwas wie eine Uhr an einer Seite der Erinnerung aufblinken zu lassen.
Das Eingangstor in den Bezirk öffnete und schloss sich in unregelmäßigen Abständen, wenn Bewohner des Bezirks kamen und gingen. Es kamen deutlich mehr, als dass sie gingen. Der Bezirk wuchs immer noch, soweit der Hunter es wusste. Und er wusste in solchen Dingen für gewöhnlich gut Bescheid.
Ungeduld kannte der Hunter nicht. Er wusste, dass er sich die Zeit geben musste, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Oder er würde irgendwann sich selber durch das Tor kommen sehen und wüsste dann, dass der Gegner nicht hier vorbeigekommen war. In diesem Fall würde er zu einem anderen Zugangspunkt aufbrechen und dort seine Suche neu beginnen müssen.
Doch da – was war das gewesen? Für den Hauch eines Augenblicks schien sich das Tor zu öffnen, nur um im nächsten Moment schon wieder geschlossen zu sein. Hatte es sich wirklich geöffnet?
Der Hunter griff mental in den Geist seines Verbundenen ein und drehte die Geschehnisse noch einmal ein wenig zurück. Doch, kein Zweifel, da war eine Bewegung beim Tor. Ein kurzes Flimmern der Luft, so etwas wie ein Windstoß. Zu kurz, um ohne die Kraft, die er besaß, zum Vorschein gebracht zu werden.
Der Hunter hatte gesehen, was er sehen musste. Der alte Mann hatte die Wahrheit gesprochen und dennoch stimmten die Informationen, die der Meister ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Hier war jemand in den Bezirk eingebrochen, hatte sich jedoch vor allen Augen verborgen gehalten.
Eine unwirkliche, geisterhafte Erscheinung, dachte der Hunter. Wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, hätte er vielleicht Angst empfunden. Aber dieses Verhaltensmuster war ihm nicht gegeben worden. Seine Aufgabe war die Jagd! Angst konnten andere, Schwächere als er haben.
Er ließ den alten Mann los, der ihn jetzt, endlich, unverwandt anschaute. Verwirrung war in seinem Blick. »Es ist lange her, dass jemand mich auf diese Weise berührt hat! Diese Verbindung …«
»Es war nötig«, sagte der Hunter emotionslos. Er wusste, dass er eine tiefe Regung hinterließ, wenn er sich auf diese Weise mit einem anderen verband. Das Innere wurde nach Außen hin sichtbar. Es war fast wie eine Liebesbezeugung und gleichsam ein Akt der voyeuristischen Grausamkeit.
»Ehre sei dem Meister!«, sagte der Alte wieder und diesmal fielen die abgerissenen Gesellen um ihn herum in die Lobpreisung ein.
Der Hunter beachtete sie gar nicht, sondern wandte sich den von hier aus in alle Richtungen führenden Straßenverästelungen zu, auf denen ein endloser Verkehr herrschte. Auf einer dieser Routen war der Eindringling, das flimmernde Etwas, davongeeilt. Alle eilten sie auf diesen Straßen.
Aus Erfahrung wusste der Hunter, dass er nur beobachten musste. Wenn es sich bei dem Fremden um das handelte, was der Meister vermutete, dann würde es Spuren seines Handelns geben. Es würde Zeichen seines Terrors hinterlassen und in die Welt hinausschicken, wie die Auswüchse eines alles vernichtenden Unkrauts.
Der Hunter strich den rechten Ärmel seines Gewands zurück und entblößte seine Stahlhand. Mit den Fingern der Linken bediente er zwei der angebrachten Kontrollen und machte sich die Kraft seiner Weitsicht zunutze.
Und dann sah er sie: Auf einer der endlosen, sich immer wieder miteinander vermischenden Straßen, waren sie unterwegs. In einer langen Reihe von gleichsam geordneten und sich doch immer neu verformenden und zerfasernden Formationen kamen sie heran. Geschöpfe, wie er sie bis jetzt nur in seinen schlimmsten Albträumen gesehen hatte. Sie schienen direkt aus den apokalyptischen Gedanken der Menschen zu stammen und hatten doch nichts Menschliches an sich.
Der Hunter sah Große, Kleine, Männer und Frauen. Viele Kinder. Er sah, wie sie inzestuös übereinander und dann, mit wachsender Kraft, auch auf die neben ihnen laufenden, vielleicht vor ihnen fliehenden Reisenden übergriffen.
Es war ein Massaker, das da vor seinen Augen ablief. Und doch war er dazu verdammt, all dies stoisch zu betrachten. Ihn interessierte diese Phantasmagorie nur aus dem einen Grund: Anhand ihres Zugs konnte er vielleicht erkennen, in welcher Richtung er den Verursacher zu suchen hatte. Den Dämon, der dieses Elend über den Bezirk gebracht hatte.
Der Hunter schaltete die Weitsicht aus und machte sich auf den Weg. Seine Kraft und Geschwindigkeit überstieg die der normalen Reisenden bei Weitem. Daher kam er schnell voran. Jedenfalls, bis er in die Nähe der Verformten und Degenerierten gelangte.
Inzwischen hatten auch die begriffsstutzigsten unter den Reisenden mitbekommen, was ihnen da im Nacken saß. Die, die konnten, suchten ihr Heil in der Flucht. Aber die Monster waren zu schnell, sandten ihre Tentakelarme aus, schlangen eitrige Zungen um zuckende Opferleiber und schändeten mit schwelenden Gemächten wahllos alles, das ihnen in die Quere kam.
Und mit jedem Leben das genommen, mit jedem Dasein, das vergiftet wurde, wuchs die Zahl der marodierenden und meuchelnden Schar an. Wie eine Flutwelle ergossen sie sich auf die anderen Straßen und verschwanden in einer zunehmenden Stille in der Ferne. Wer von ihrem Wahnsinn verschlungen wurde, schrie nicht mehr, flehte nicht mehr.
Der Hunter stand inzwischen all dieses Leids und wusste, dass er sich nicht damit aufhalten durfte, diese Armen und Geschändeten von ihrem Dasein zu erlösen. Wenn er dies täte, dann würde ihm der Verursacher durch die Lappen gehen. Und um diesen zu fangen und zu vernichten war er hier. Geist hin oder her.
Auch wenn er zugeben musste, dass er so einen wahnsinnigen Zug lebender Leichen noch niemals zuvor gesehen hatte. Was konnte mächtig genug sein, um so etwas hervorzubringen?
Nun, er würde es herausfinden.
Ihm selbst konnte der Moloch nichts anhaben. Er war geschützt gegen diese niederen unter den niedrigsten Schädlingen des Verfalls. Mühelos hätte er jeden Einzelnen von ihnen vernichten können, selbst im Vorbeiziehen. Wenn der Zeitverlust nicht gewesen wäre.
Der Hunter ging weiter, stemmte sich gegen die endlose Welle der heranrückenden Leiber. Dort, wo er von den Halbwesen berührt wurde, fielen ihnen die Gliedmaßen ab. Sein Schutzschild, das ihn unsichtbar umgab, schnitt durch ihre Reihen wie ein warmes Messer durch Butter. Und doch wich niemand ihm aus, ja, achtete überhaupt auf ihn.
Diese Wesen taten, was sie tun mussten, wozu man sich auserkoren hatte. Und er tat das Seinige. Beide Ziele konnten nicht gleichzeitig existieren.
Dem Hunter war übertriebene Anteilnahme fremd. In seinem Beruf durfte er keine haben, denn er wurde immer mit dem Abschaum konfrontiert, mit dem Abnormen, dem Infizierten.
Denn ja, infiziert waren diese Leute. Von einem Bazillus befallen, der aus ihnen das geformt hatte, was sie nun waren. Nichts mehr als Karikaturen ihrer selbst.
Aber der Hunter konnte Ekel fühlen. Er ekelte sich, wenn er in die weit aufgerissenen Körperöffnungen der ihm entgegenwankenden Frauen schaute. In die seelenlosen Augen der Kinder, die sich teilweise rollend fortbewegten, wie sie aus ihren Stubenwagen gerissen worden waren. Am wenigsten dauerte ihn der Anblick der Männer, hatten diese doch etwas grobschlächtiges an sich, das einen fast glauben ließ, dass sie verdienten, was ihnen widerfuhr.
Der Hunter schritt kräftig aus und beobachtete dabei genau den Himmel und den Horizont. Es wurde auf seinem Weg immer dunkler und düsterer. Er kannte dies schon: Dort, wo der Einfluss einer schädlichen Macht am größten war, verödete die Landschaft und vergingen die Elemente. Doch niemals zuvor hatte er eine solche Finsternis gesehen. Die Blitze und Lichtimpulse, die in ihr gärten, hatten die Farbe von Schwefel.
Der Hunter befand, dass es an der Zeit war, dem Meister einen Zwischenbericht abzugeben über das, was er hier sah. Er blieb stehen, wo er war, blendete die ihn umgebenden Schrecken vollkommen aus seinem Bewusstsein aus, versank in einer Art tiefer Trance und sprach dann.
»Statusmeldung des Hunters aus Bezirk D. Ich habe eine großflächige Infektion festgestellt. Verursacher noch unbekannt. Habe die Spur aufgenommen. Es sieht schlimm aus.«
»Was bedeutet schlimm?« Die Stimme des Meisters füllte seinen vollständigen Verstand aus. Nichts existierte in diesem Moment. Nicht die Monstren, nicht die Straße, nicht die Bedrohung am Horizont.
»Mehrere Sektoren sind kontaminiert. Ich befürchte, es wird eine Säuberungsaktion mit vielen Verlusten notwendig werden.«
»Gibt es eine Möglichkeit der Wiederherstellung der kontaminierten Bereiche?«
»Das kann ich noch nicht sagen, Meister.«
»Gut. Setze deinen Weg fort, Hunter. Suche den Verursacher und bringe ihn zur Strecke. Ich erwarte danach deinen umfassenden Schadensbericht und die Optionen, die verbleiben.«
»Ja, Meister!«
Die Verbindung zwischen dem Herrn und seinem Diener riss ab und der Hunter fand sich wieder in der Realität. Was er sah, gefiel ihm dabei gar nicht. Während seines kurzen Austauschs, der vielleicht eine Minute lang gedauert hatte, war der Strom der Deformierten kleiner und dünner geworden. Zwar kamen sie noch, aber die Hauptmasse war versiegt – weitergezogen in andere Bereiche des Bezirks.
Das bedeutete, dass der Verursacher, jenes geisterhafte Wesen, sein Zerstörungswerk an Ort und Stelle so gut wie verrichtet hatte und danach wie ein Heuschreckenschwarm weiterziehen würde. Dabei war nicht gesagt, dass er sich genau von dem Punkt aus weiterbewegen würde, an dem er jetzt stand. Vielen Eindringlingen war es möglich, sich Expressrouten zunutze zu machen, die dafür sorgten, dass sie binnen Augenblicken an ganz anderer Stelle auftauchten.
Dann würde der Hunter wieder auf die Suche gehen müssen. Und in der Zwischenzeit breitete sich die Seuche aus und forderte immer mehr Opfer.
Der Hunter begann zu rennen. Es war ein seltsames Gefühl, weil er ansonsten so gut wie nie rannte. Er war es nicht gewohnt, sich so beeilen zu müssen. Aber dies war auch kein gewöhnlicher Auftrag. Er hatte Besorgnis in der Stimme des Meisters gehört. Und spätestens seitdem, eigentlich aber schon früher, war er selber besorgt.
Es wurde immer dunkler und dunkler. Der Hunter schaltete eine Stablampe ein, die ihm den Weg leuchtete. Immer noch kamen ihm vereinzelte Gestalten entgegen. Aber sie unterschieden sich von der Masse derer, die ihnen vorausgegangen waren. Sie waren langsam, kaum noch als Menschen erkennbar. Der Gegner hatte sich die Schwächsten offenbar bis zum Schluss aufbewahrt.
Ein Blitz durchzuckte den Himmel und es gab einen gewaltigen Donnerschlag. Der Hunter war sich sicher, dass es sich dabei um den Laut handelte, mit dem der Andere auf eine der Transitstrecken gewechselt war, aber dann sah er etwas, das er im ersten Augenblick beinahe übersehen hätte, weil es soviel unscheinbarer war, als er es sich ausgemalt hatte.
Vor ihm flimmerte die Luft in einer seltsamen Farbe. Das Flimmern bestand tatsächlich aus einer Reihe goldener Sterne, wie man sie vielleicht als Feenstaub erwartet hätte. Doch hier lag die Sache anders, wusste der Hunter. Diese Fee war eine Hexe und ihr Zaubertrank war Gift!
Wenn er sich nicht ganz gewaltig täuschte, dann hatte er sein Ziel gefunden.
Was ihn nur verwirrte, war, dass die flirrende Erscheinung keinerlei Anstalten machte, sich zu bewegen. Er hätte mit Verteidigungsmaßnahmen gerechnet. Mit einem Angriff. Tatsächlich aber schien er ignoriert zu werden.
Er glich diese Entität noch einmal mit dem ab, was er in seinem Gedächtnis aus der Wahrnehmung des Alten beim Tor gespeichert hatte. Es war der gleiche unfassbare Organismus. Aber er war größer geworden – gewachsen an seinen Aufgaben. Und dennoch unscheinbar im Vergleich zum Ausmaß der durch ihn angerichteten Zerstörung.
Der Hunter schlug seinen Mantel seitlich zurück und brachte seine Strahlenwaffe zum Vorschein. Sie funktionierte auf der Basis eines bestimmten binären Codes und bahnte sich damit ihren Weg in die Eingeweide jedes Lebewesens. Wenn das hier überhaupt ein legitimes Lebewesen war.
Kurz überlegte er, ob er es anrufen sollte, aber dann entschloss er sich, dass es keinen Unterschied machte. Sprach der Jäger mit dem Wolf, den er erlegte?
Der Hunter riss die Waffe hervor, presste den Auslöser und sah, wie der alles vernichtende Strahl die Mündung verließ. Sah, wie der Strahl auf das Wesen zuschoss. Musste sehen, wie er immer langsamer wurde, schließlich sogar direkt vor dem Flimmern zum Stehen kam und dann – der Hunter traute seinen Augen nicht – einfach zu Boden fiel!
Was, um des Meisters Willen, war denn das gewesen?
So etwas gab es einfach nicht, konnte es nicht geben. Der Hunter blickte auf unzählige Erfahrungen zurück, die er und andere seiner Art gemacht hatten. Die waren ihm unverrücklich in seinen Kopf programmiert worden. Aber noch nie hatte jemand so etwas wie dieses Ding gesehen.
Das Flimmern pulsierte immer noch an Ort und Stelle, begann nun aber, sich zu verdichten. Aus den goldenen Sternen wuchs ein einzelner Stern heran, klein wie ein Fußball und doch strahlend hell wie die Sonne. Kein freundliches Gestirn, das der Welt Leben schenkt, sondern ein alles verzehrendes Feuer. Geschaffen, um Welten zu vernichten.
Der Hunter schoss noch einmal, aber dieses Mal war es noch schlimmer als zuvor. Der Strahl wurde nicht nur langsamer, er wurde sogar auf den Ursprung seiner Entstehung zurückgelenkt. Nur seinen schnellen Reaktionen hatte er es zu verdanken, dass der Hunter nur seine zu Boden geschleuderte Waffe verlor und nicht gleichzeitig die Hand, welche sie gehalten hatte.
Ein gutturales, grauenvolles, durch Mark und Bein gehendes Lachen erfüllte plötzlich die Luft und die gesamte Umwelt. Es brachte den Boden zum Vibrieren, riss die Wolken auf und verjagte die letzten unförmigen Kreaturen, die sich noch in der Nähe ihres Erzeugers aufgehalten hatten.
Der Hunter hielt sich mit Mühe auf den Beinen. Er war stark, verdammt! Und was immer diese Ausgeburt der Hölle auch war, es musste eine schwache Stelle haben.
»Wer bist du!«, rief der Hunter. Vielleicht gab der Name des Monsters ihm einen Hinweis auf die geeignete Strategie.
»Ich bin«, dröhnte die Stimme, als sei sie jene Gottes auf dem Berg Sinai, »der goldene Tod!«
Blitzschnell durchsuchte der Hunter alles, was ihm an Wissen zur Verfügung stand. Aber er wurde nicht fündig. Ein Gegner dieses oder eines ähnlichen Namens war ihm nicht bekannt.
»Mache dir keine Mühe, Wurm! Ich bin stärker als du. Stärker als dein Meister! Weil mein Meister mich so erschaffen hat!«
Der Hunter stutzte. Gab es denn mehr als einen Meister? Bislang war er davon ausgegangen, dass sein Meister, der Meister aller Bewohner der Bezirke, die einzige göttliche Kraft des Universums war. Und dass die Wesen, mit denen er es zu tun bekam, Krankheiten waren, die aus sich erstanden. Krankheiten, für die niemand etwas konnte und die man heilen musste. Für die er die Heilung war.
»Ganz recht!« Wieder das Lachen und dieses Mal wäre der Hunter fast zur Seite gekippt. »Mein Meister hat mich stärker erschaffen als dich und deinesgleichen! Dieser Bezirk ist nur der Anfang. Bald schon werde ich mich ausbreiten, meine Diener sind bereits dabei, die Botschaft in die Welt zu tragen. Und dann wird der goldene Tod über alle Lande herrschen.«
Die Sonne schwebte ein wenig näher an den Hunter heran, der von Schrecken gepackt, kaum des Atmens fähig, stehen blieb. »Dies wird die Keimzelle sein. Der Ursprung einer neuen Ära, einer neuen Zeit. Alles wird sich mir unterordnen. Mir und meinem Meister. Die Zukunft beginnt jetzt und hier!«
Aber noch war der Hunter nicht tot, egal, was dieses Wesen auch immer geplant haben mochte.
Er besann sich auf seine eigene Schnelligkeit und die daraus resultierenden Möglichkeiten. Als die Sonne beinahe bei ihm war, ließ er sich zu Boden fallen, rollte sich zur Seite und brachte so erst einmal wieder einen gewissen Abstand zwischen sich und den Angreifer.
Wenn er gehofft hatte, dass das Eindruck auf den goldenen Tod machen würde, dann hatte er sich allerdings getäuscht. Die Kugel schwebte gemütlich in der eingeschlagenen Richtung weiter, als habe sie überhaupt nicht im Sinn, den Hunter wirklich zu töten.
Die Erkenntnis kam mit der Wucht einer Explosion: Der goldene Tod hatte wirklich nicht vor, ihm, dem Hunter, etwas anzutun! Für ihn war er nur einer von vielen, einer der sich vielleicht ein wenig besser zu wehren wusste, als die große Masse es tat. Aber dies änderte nichts daran, dass es aus der Weltsicht seines Gegners heraus keine Rolle spielte, ob der Hunter lebte oder ob er starb. Er war schlicht unwichtig!
Der Hunter begann, beinahe hektisch, sein Waffenarsenal zu durchsuchen. Er hatte noch sein Elektronenmesser, das ihm gegen die Lindwürmer, die er manches Mal zu jagen hatte, gute Dienste tat. Aber der goldene Tod schien keinen festen Körper zu haben, den man hätte durchschneiden können.
Auch die Wirkung einer der mitgeführten logischen Bomben, die dazu geeignet waren, das Gehirn eines Schädlings zum Implodieren zu bringen, war nicht sehr erfolgversprechend. Der goldene Tod hatte ein gewaltiges Ego, aber hatte er auch ein Gehirn?
Der goldene Tod war dabei, von der Szene zu verschwinden. Er war schneller geworden und begann, sich wieder in seine einzelnen Teile aufzulösen. Der Hunter interessierte ihn augenscheinlich überhaupt nicht mehr. Wenn er es denn jemals getan hatte.
Verzweifelt starrte er dem Monstrum hinterher. Sollte dies der erste Kampf sein, den er verlor? Was würde der Meister dazu sagen? Wie sollte er das jemals vor ihm oder sich selbst rechtfertigen?
Aus den Fragen erwuchs die Angst. Aus der Angst erwuchs die Panik. Und aus der Panik erwuchs die Verzweiflung. Der Hunter wusste, dass es eine absolute Verzweiflungstat war. Etwas, das er und andere seiner Profession bereits vor Jahren aufgegeben hatten.
Er würde den goldenen Tod in einem persönlichen, körperlichen Streich angreifen. Er würde sich mit Händen und Füßen, Zähnen und Klauen auf ihn stürzen und nicht eher Ruhe geben, bis er diesen leuchtenden Leib zerfetzt, die dröhnende Stimme zum verstummen gebracht und die gewaltige Blasphemie seiner puren Existenz beendet hatte.
Der Hunter sammelte sich und seine Kräfte. Er war stark! Stärker als dieses Geschöpf. Er war der Stärkste seiner Zunft – deswegen hatte der Meister ihn ausgewählt. Es war an der Zeit, es zu beweisen.
»Bleib stehen!«
Die Erscheinung reagierte in keiner Weise.
»Du sollst stehen bleiben!«
Langsam setzte sich der Hunter in Bewegung, vorsichtig abwartend. Solange die Sterne noch zu nahe beieinander waren, so lange gab es die gewaltige Hitze der Sonne. Wenn sie weiter auseinanderdrifteten …
Jetzt – jetzt war es soweit! Die einzelnen Segmente lösten sich und machten sich bereit – der Hunter traute seinen Augen nicht und konnte auch das Stöhnen nicht verhindern, das von seinen Lippen kam – jedes für sich in eine andere Richtung davonzueilen.
Der goldene Tod teilte sich vor seinen Augen auf. Auf diese Weise würde nicht nur dieser Bezirk, sondern der gesamte Kosmos binnen kürzester Zeit in eine von Aussätzigen bevölkerte Diaspora verwandelt werden.
Ohne noch lange nachzudenken, getrieben von blinder Wut und glühender Angst machte der Hunter einen Sprung auf das Flimmern zu, packte mit beiden Händen hinein und bekam tatsächlich zwei der Sterne zu fassen.
Kälte.
Eiseskälte fuhr durch seine Hände, die Arme hinauf und mitten hinein in seine Brust. Er versuchte loszulassen, aber er klebte fest. Die Kälte lähmte ihn und brachte seine Finger zum Krampfen.
Jetzt hatte er mit einem Mal die ungeteilte Aufmerksamkeit des goldenen Tods.
»Warum hast du das getan? Ich hätte dich weiterleben lassen. Als Schandmal deiner Selbst und deiner Zunft! Wo immer du hingekommen wärst, wärst du mit Steinwürfen und Pöbeleien empfangen worden in einer Welt, die ich mir nach meinem Ideal umgestaltet habe. Aber du wärst am Leben geblieben.«
»Was soll das für ein Leben sein, in dem ich meinen Meister enttäuscht und die Welt, für die ich kämpfte, verloren habe!«
»Gesprochen wie ein wahrer Held.«
Die Kälte erreichte seine Eingeweide und der Hunter spürte, wie sich Molekül für Molekül das Eis in ihm ausbreitete. Wenn es sein Herz erreichte, dann würde er wahrscheinlich sterben.
Aber vorher erlebte er etwas anderes. Da war ein Tasten in seinem Verstand, in seinen Erinnerungen. Beinahe zärtlich fühlte es sich an im Vergleich zu dem rohen Griff, in dem sein Körper gehalten wurde.
Wie Finger auf einer Klaviatur wurden die Nervenenden berührt und zärtlich wie die Berührung einer Feder glitt die Berührung die Nervenbahnen entlang.
Dann war es vorbei. Und was immer der goldene Tod auch gesucht hatte, er schien fündig geworden zu sein.
»Du bist anders«, sagte er.
»Ich bin der Hunter!«
»Das auch, aber ich spüre, dass du das Vertrauen des Wesens besitzt, das du deinen Meister nennst. Er setzt dich nicht nur in diesen Bezirken ein, sondern auch in anderen Universen.«
Der Hunter wollte darauf nicht antworten. Aber das brauchte er schon gar nicht mehr.
»Ich glaube, du könntest mir noch nützen, mein kleiner Freund.«
In einem Wirbelsturm fühlte sich der Hunter mit einem Mal hochgehoben. Der schwarze Himmel schien ihm auf den Kopf zu fallen, dabei war er es, der ihm entgegeneilte. Immer noch hielt er die beiden Sterne fest oder wurde vielmehr von ihnen gehalten. An ihnen baumelnd hakte er sich auf eine der Schnellrouten ein und wurde von der Kraft der puren Energie davon gerissen.
Das Gros des goldenen Tods blieb am Ort ihrer Auseinandersetzung, aber die Kraft des Teils, der bei ihm geblieben war, war nicht geringer geworden. Der Hunter musste sich der Realität stellen: Er war ausgeschaltet.
Mit einem müden und resignierten Blick nach unten sah er, dass immer mehr der Verbindungen von hier nach dort und überall hin zu Leichenzügen geworden waren. An manchen Stellen hatten die Verwandelten begonnen, übereinander herzufallen und sich gegenseitig umzubringen. Am Ende würde nur noch der Tod übrig bleiben. In diesem Bezirk, in allen Bezirken. Im gesamten Kosmos.
Der Hunter erkannte schnell, wohin die Reise ging. Sie führte ihn zurück zu dem Tor, durch das er eingetreten war.
Als sie dort ankamen, stürzten die beiden Sterne förmlich nach unten. Seine Arme, die er kaum noch spüren konnte, wurden aufs Stärkste strapaziert, als sein Körper, den Gesetzen der Schwerkraft folgend, emporgerissen wurde. Aber alles in allem war das kaum noch von Interesse für ihn. Die Kälte, welche von den tastenden Händen zurückgeblieben war, übertünchte jedes andere Gefühl.
Schließlich knallten sie mit voller Wucht auf den staubigen Asphalt vor dem metallenen Tor, das, natürlich, geschlossen war. Es würde sich auch nicht wieder öffnen, solange nicht …
Natürlich, das war der Grund, aus dem er hier war! Noch einmal erwachte ein Rest von Widerstandskraft im Hunter. Einmal noch reckte er störrisch sein Kinn vor und sein maskenhaftes Gesicht fixierte das Tor. Es musste geschlossen bleiben. Es musste …
»Öffne es für mich!«
Die Stimme kam von überall gleichzeitig und am lautesten aus ihm selbst. Es waren seine Lippen, die die Wörter formten. Sein Verstand wies ihn an, es zu tun.
Das, was einmal der Hunter gewesen war, wurde mit jeder Sekunde weniger. Wie ein Parasit fraß sich der goldene Tod in seine Eingeweide. Weniger ein Geist, sondern mehr ein Menschenfresser. Und ein Usurpator, der auf Erweiterung seiner Macht drängte.
»Nun nimm Kontakt zu dem Wesen auf, das du deinen Meister nennst. Lass ihn das Tor öffnen und dann werden du und ich in eine andere Welt aufbrechen. Und einer nach dem anderen wird jeder Kosmos fallen. Dies hier war dann nur der Anfang!«
Der Hunter wusste, dass er keine Chance hatte. Die Fingerspitzen der Eiseskrallen kratzten an seinem Herz. Er hatte keine Angst vor dem Sterben. Wenn es ein Ausweg gewesen wäre, dann wäre er hier und jetzt, auf der Stelle, gestorben.
Aber es gab keinen Ausweg. Es gab nur noch das Chaos. Nur noch den goldenen Tod.
Der Hunter öffnete seinen Mund, schloss ihn, öffnete ihn wieder. Wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte er vielleicht geweint. Um das Universum, das er hatte schützen sollen. Doch gegen diese Bedrohung war kein Kraut gewachsen.
Eine Hoffnung blieb: Es gab noch andere außer ihm. Und nach ihm würden andere Jäger kommen. Irgendwann war einer von ihnen bestimmt in der Lage, den goldenen Tod zu besiegen.
Bis dann der ewige Kreislauf aus Jäger und Gejagtem von vorne losging und niemand sich mehr sicher sein konnte, an welcher Stelle dieses Kreises er sich gerade eigentlich genau befand.
»Jetzt sprich!«, toste die Stimme, brachte seine Trommelfelle zum Platzen und seine Eingeweide zum Schmelzen. Die Hand krampfte sich um das Herz und nahm seinen Körper, der nicht mehr lange das Gefäß für seinen Geist sein würde, in Besitz.
Der Hunter schloss seine Augen und von irgendwo kam die Ruhe, die er brauchte, um seine neue, seine letzte Aufgabe zu erfüllen.
»Statusmeldung des Hunters aus Bezirk D. Die Infektion wurde eingedämmt, die Säuberung der infizierten Dateien abgeschlossen. Ein Neustart des Systems wird empfohlen. Sie können das Sicherungslaufwerk nun entfernen!«
»Gut gemacht, Hunter!«, ertönte die Stimme seines ehemaligen Meisters. Der Hunter nahm sie kaum noch wahr. Er sah nur, dass das Tor sich öffnete und den Weg zurück auf den USB-Stick, von dem er in das System eingespeist worden war, ermöglichte. Der goldene Tod, der potenteste Computervirus, von dem jemals jemand gehört oder den je jemand gesehen hatte, schleppte ihn auf die Öffnung zu, verharrte dort noch einmal, als würde er sich umsehen.
Kurz bevor das Tor sich schloss, huschte das neu entstandene Zwitterwesen aus Virus und Antivirus hindurch. Auf seinen Lippen ein Spruch, den es irgendwann einmal aufgeschnappt hatte und nun als durchaus passend empfand:
»Gehen wir zu dir oder zu mir?«

Der Hunter und der goldene Tod © 2016 Michael Behr für Nike Leonhard

Ganz, ganz herzlichen Dank noch einmal, lieber Michael!
Und wie ich schon an anderer Stelle gesagt habe: Auch wenn du die Geschichte aufgrund meiner Vorgaben und für mich geschrieben hast, ist sie natürlich weiterhin deine. Das heißt, dass du sie beliebig weiterverwenden, umarbeiten und wo immer du magst veröffentlichen kannst.

Halloween: Geister, Grusel und Geschichte(n)

Morgen abend ist es wieder so weit: Verkleidete Kinder und Jugendliche werden von Tür zu Tür laufen, klingeln und mit Trick-or-Treat-Rufen Süßigkeiten einfordern. Selbstverständlich wird eine Schüssel bereit stehen, aus der ich etwas in die ausgestreckten Hände legen werde. Vielleicht kostümiere ich mich dafür sogar. Wahlweise als Hexe oder Teufelin. Das macht man so an Halloween. Genauso, wie man Fratzen in Kürbisse schnitzt und eine Kerze hineinstellt, damit sie schaurig schön im Dunklen leuchten. An Halloween sind die Geister los. Altes keltisches Brauchtum. Weiß doch jeder.

Ok, den Kindern sind die Süßigkeiten wichtiger. Vielleicht auch der Spaß an der Verkleidung. Das wohlige Gruseln, im Dunklen draußen zu sein.

Die geschichtlichen Hintergründe sind mehr was für uns Erwachsenen. Wir können uns richtig schön aus der Moderne ausklinken. Alte Bräuche aufleben lassen. Und dann auch noch keltische. Schließlich ist deren Kultur – im Gegensatz zu den germanischen – nie ideologisch pervertiert worden, also sozusagen rein und unschuldig.
Ok, auch Halloween ist natürlich völlig kommerzialisiert. Aber im Kern bleibt doch das gute Gefühl, der Verbundenheit mit etwas Größerem, Numinosem.

Dabei ist durchaus unklar, ob die Herleitung von den Kelten überhaupt stimmt. Genauso ist eine christliche Tradition denkbar, die sich von Allerheiligen ableitet und sich immer wieder mit Aberglauben und Volksbräuchen aufgeladen, vermischt und erneuert hat.
Wenn ich mir ansehe, wie schnell Bräuche aus der Mode geraten können (wie z. B. das Rummelpottlaufen in Hamburg), fällt es mir schwer, an eine über tausendfünfhundertjährige Traditionslinie zu glauben.

Aber ist das überhaupt wichtig? Ich meine nicht. Wenn etwas Spaß macht und sich gut anfühlt, warum sollte es relevant sein, ob es Kelten oder Christen waren, die das Ganze aufgebracht haben? Wir leben schließlich im Jetzt und Hier. Bei uns wird es morgen deshalb auf jeden Fall Kürbis geben.

Für Schriftsteller sieht die Sache etwas anders aus. Für Schauer- und Geistergeschichten bieten sich Halloween, die Walpurgisnacht oder auch die Rauhnächte zwischen den Jahren als wunderbare  Folie an, weil auch moderne Leser damit gewisse Erwartungen verknüpfen, die man erfüllen oder brechen kann.
Anders sieht es beim historischen Roman aus. Da einfach die These von den „Keltenfesten“ zu übernehmen, halte ich für gewagt, zumal auch die Archäologen den Begriff „der Kelten“ inzwischen nur unter Vorbehalt gebrauchen.

Wie siehst du das: Ist dir die geschichtliche Einordnung persönlich wichtig, oder ist Halloween für dich ein Spaß, den man eben mitmacht, weil alle es tun?

 

Der Fluch des Spielmanns – Eine Geister- und Gauklergeschichte

entwurf2Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass sich der Fluch des Spielmanns um die Frage dreht, wer die drei Geister sind, die Corvin nachts heimsuchen und ihn sogar in die Hütte von Vater Gion verfolgen. Das steht sogar im Klappentext.

Aber moment mal – Hütte? Geister assoziiert man doch eher mit Burgen und Schlössern! Aber Schlossgespenster, weiße Frauen und ähnliches gibt es im Fluch des Spielmanns nicht. Genauso wenig wie holde Maiden, Burgfräuleins oder edle Ritter in schimmernder Wehr.
Der Fluch des Spielmanns spielt in einer ganz anderen Welt. Die Geschichte wirft ein Schlaglicht auf das Leben der Gaukler und Vaganten. Sie erzählt von Menschen, die von Ort zu Ort zogen und oft nur von der Hand in den Mund lebten.

„Kein leichtes Leben“, wie Corvin selber sagt. Aber trotzdem konnte er sich kein besseres vorstellen. Jedenfalls nicht bis zu dem Tag, an dem das Unheil seinen Lauf nahm.

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Der Fluch des Spielmanns – Ein Grab in der Wildnis

entwurf2Wie ich im letzten Beitrag schon erzählt hatte, beruht der Tod des Spielmanns auf einem historischer Mordfall.

2014 wurden in den Schweizer Alpen die Reste von drei Skeletten entdeckt, die man zusammen in eine Grube geworfen hatte. Eines gehörte einer Frau in den 40ern, das andere einem Mann zwischen 20 und 30. Die dritte Tote war eine Frau unbestimmten Alters, von der sich lediglich die Schienbeine erhalten hatten. Der Schädel der anderen Frau und des Mannes wiesen erhebliche Verletzungen auf, die von später hinzugezogenen Archäologen auf Schwerthiebe (bei der Frau) bzw. eine Lanze zurückgeführt wurden. Das Alter der Knochen wurde auf etwa 1200 Jahre geschätzt.
Die Toten lagen nicht neben-, sondern teilweise aufeinander und es gab keine Hinweise auf Kleidung, geschweige denn auf Grabbeigaben. Demnach handelte es sich nicht um eine reguläre Bestattung, sondern um eine Art Massengrab.
Aber das war nicht die einzige Besonderheit dieses Grabes. Sonderbar war außerdem, dass die eine Frau durch Schwertverletzungen gestorben war. Es ist zwar keine Seltenheit dass Männerskelette aus dieser Zeit Spuren von Schwertverletzungen aufweisen, aber bei Frauen kommt so etwas fast nie vor. Und dann lag dieses Grab auch noch weit entfernt von einer Siedlung oder einem Handelsweg.

Keine Angst, ich nehme den Inhalt der Geschichte nicht vorweg. Aber drei Tote, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind und ein einsames Grab – das schreit doch geradezu nach einer Geistergeschichte, oder?

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Der Fluch des Spielmanns – Am Anfang war der Mord

entwurf2Irgendwo im Blog habe ich schon mal erwähnt, dass der Fluch des Spielmanns einen höchst realen Hintergrund hat. Die Geschichte beruht auf einem 1200 Jahre alten Mordfall. Nagelt mich bitte nicht auf juristischen Termini fest. Natürlich kann nach so langer Zeit niemand mehr sagen, ob Heimtücke, Arglist, niedere Beweggründe oder ein anderes Mordmotiv im Spiel waren. Fakt ist aber, dass im 8. Jahrhundert drei Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben sind.

Der Fluch des Spielmanns ist ein Versuch, das Wie und das Warum zu erklären.

Wie es dazu kam und was an den Toten so bemerkenswert ist, erzähle ich in den nächsten Beiträgen.


Der Fluch des Spielmanns ist als eBook in den Formaten ePub und Mobi erhältlich und damit für fast alle Lesegeräte verfügbar. Zu beziehen über Amazon und alle Online-Buchhandlungen der Tolino Allianz. Zum Beispiel:

Historisch oder Phantastisch?

In dem Blog vom Quadspreche wurde gerade die Frage behandelt, woran man Fantasyromane erkennt. Für mich ist die Antwort relativ einfach: Wenn eine Geschichte phantastische Elemente enthält, z. B.: die Intervention höherer Mächte, paranormale Fähigkeiten, Fabelwesen erfundene Völker, Orte oder Riten, ist es Fantasy. Historisch ist eine Geschichte, wenn sie in der Vergangenheit spielt und sich auf Fakten stützt.
Auch die können schlecht recherchiert sein, wie die durch unzählige Mittelalterromane kullernden Kartoffeln beweisen. Aber in dem Moment, wo das Übernatürliche ins Spiel kommt, ist es vorbei mit „historisch“.
Deshalb sind in meinen Augen weder „Die Nebel von Avalon“ noch „Der Medicus“ historische Romane – ganz egal, wie sie vermarktet werden. Sie sind Fantasy, genau wie „Der Fluch des Spielmanns“, obwohl ich mich wirklich bemüht habe, die Lebenswirklichkeit des 8. Jahrhunderts realistisch zu rekonstruieren. Aber durch die drei Geister wird es zu Fantasy. Historischer Fantasy, aber Fantasy.

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Der Fluch des Spielmanns – Codex Aureus (3) erscheint am 15. Oktober 2016 im ePub und Mobi Format. Erhältlich bei Amazon und in den Online Buchhandlungen der Tolino-Allianz.

Null minus fünf: Der Countdown für den Fluch des Spielmanns läuft!

spielmann-winzigAnders gesagt: Es sind noch fünf Tage, bis Der Fluch des Spielmanns erscheint!

Vielleicht ist das auch deshalb die bessere Aussage, weil es schon etwas komisch ist, eine Geschichte, die im frühen Mittelalter spielt, mit einem Countdown anzukündigen. Countdown, das klingt nach Raketen und Science Fiction. Beides gibt es im Fluch des Spielmanns natürlich nicht.

mondAuch keine holden Maiden und edlen Recken und Ritter in schimmernder Wehr. Wer das erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Der Fluch des Spielmanns entführt in die Welt der Gauner und Gaukler, über die Corvin, die Hauptfigur sagt: „Es war ein hartes Leben. Aber ich hätte mir kein besseres wünschen können. Und keine besseren Freunde.“

Den Mond allerdings gibt es. Auch, wenn er im Buch nur eine Statistenrolle spielt.

Codex Aureus (3) – Scheitern als Chance

spielmann-winzigCorvin, die Hauptfigur aus „Der Fluch des Spielmanns“ ist in vielfacher Hinsicht eine gescheiterte Existenz, dem sich am Ende eine neue Perspektive eröffnet. Zum anderen habe ich diese Geschichte im Kern für eine Ausschreibung entwickelt. Zum Glück, muss ich heute sagen, wurde sie dort nicht genommen. Wenn sie genommen worden wäre, dann nämlich nur in einer deutlich abgespeckten Version.

huldaIn dieser Wettbewerbsversion gab es zwar auch die schöne Hulda und ihre überaus kluge Ziege. Aber es hätte keine Geister gegeben, keinen Vater Gion und keine zweite Chance für Corvin.
Wenn sie genommen worden wäre, würde der zurechtgestutzte Rest irgendwo in den Weiten des Internets auf einer wenig besuchten Webseite vor sich hindümpeln und das wär’s dann auch gewesen.

Da ist mir diese Wendung deutlich lieber.

Und ich hoffe, dass die Leser das ähnlich sehen werden, wenn das eBook am 15. Oktober erscheint.