Die Brautgabe

„Der König wirbt um dich?“
Melisende sah vom Webstuhl auf. „Ja“, entgegnete sie leise.
„Und, freust du dich denn gar nicht? Bedenke doch: Der König!“ Eilika fiel es sichtlich schwer, ruhig zu bleiben.
Der Eifer ihrer kleinen Schwester entlockte Melisende ein Lächeln. „Es erscheint fast, wie im Märchen, nicht wahr? Das Aschenputtel wird zur Königin, trägt Kleider aus Samt und Seide, statt kratzender Wolle und muss nie mehr für das tägliche Brot arbeiten. Was für ein Leben könnten wir haben, du und ich! Denn dich würde ich selbstverständlich mitnehmen.“

Coverentwurf für Belletristica: Bild einer rothaarigen, sehr hellhäutigen Frau mit blauen Augen im Halbprofil. Ihr Blick ist nach oben gerichtet, die Hände sind in Höhe des Halses verschränkt. Auf dem Haar scheint sie einen Kranz aus blauen Beeren zu tragen. Im Bild die Textzeilen: "Die Brautgabe" und "Nike L."

Ihr Blick wanderte über die nackten Steine, die selbst im Hochsommer kühl und ein wenig feucht waren. Einst war dies der behaglichste Raum der Burg gewesen. Bunte Teppiche mit Bildern von Jagden, Einhörnern, Rittern und schönen Damen hatten die Wände geziert, auf den Truhen und in den Fensternischen lagen seidene Polster und das allzeit brennende Feuer vertrieb auch den letzten Hauch von Kälte. Aber das war vorbei. Von all‘ der Pracht waren ihnen nur das Bett, der Webstuhl und ein paar leere Truhen geblieben.

Der Niedergang hatte mit dem Tod ihres Vaters vor fünf Jahren begonnen. Der König hatte sich die Bestätigung des Lehens teuer bezahlen lassen. Schon damals hatten sie sich von den ersten Teppichen trennen müssen. Auch die Hunde, Falken und Jagdpferde hatte ihre Mutter verkauft, um das Geld aufzubringen. Aber arm wurden sie erst, als ihre Mutter zwei Jahre darauf am Sommerfieber starb, das in jenem Jahr besonders heftig wütete.

Fast die Hälfte der Höfe fielen wüst und die wenigen Abgaben der überlebenden Landsassen reichten kaum für die Ernährung der Burgleute aus. Melisende blieb keine Wahl, als auch den Rest ihrer Habe zu verkaufen, um das Lehen ein zweites Mal auszulösen. Jetzt waren sie und Eilika fast so arm, wie ihre Bauern. Immerhin hatte sie die Burg selber halten können, auch wenn in den Hundezwingern Gras wuchs, die Falknerei als Hühnerstall diente und im Pferdestall nur drei magere Kühe standen. Sogar eine Wachmannschaft gab es, wenn auch eine sehr kleine, die zudem aus Männern bestand, die wegen ihres Alters oder ihrer Gebrechen keinen anderen Dienstherren gefunden hatten. Was deren Treue anging, gab sich Melisende keinen Illusionen hin.
Die Heirat mit dem König würde ihren Status zweifellos verbessern. Und dennoch… Melisendes Blick schweifte weiter; zum Fenster hinaus ins Freie und verlor sich in der kristallenen Weite des Himmels.

„Melisende!“ Eilikas Stimme riss sie aus den Gedanken. „Melisende, wieso redest du so seltsam? Du hast ihn doch nicht abgewiesen – oder?“
Melisende sah Eilika in die aufgerissenen Augen. Wie unschuldig und offenherzig sie war. Hoffentlich musste sie nie lernen, sich zu verstellen. „Natürlich nicht“, entgegnete sie sanft. „Ich habe gesagt, dass ich mich durch seine Werbung geehrt fühle und mir drei Tage Bedenkzeit ausbedungen.“
„Bedenkzeit?“, Eilikas Stimme überschlug sich fast. „Aber warum denn?“
„Nun, was zu leicht gewonnen ist, wird selten geschätzt.“ Melisende verbarg ihre Sorgen hinter einem Lächeln. „Und es sind ja nur drei Tage.“
Eilika klatschte in die Hände. „Und dann wirst du Königin. Königin!“, sang sie und machte einige kleine Tanzschritte.
Melisende sah ihr eine Weile zu und sagte dann: „Tu mir einen Gefallen, ja: Geh‘ in den Garten hinunter und pflück ein paar Blumen für die Zimmer unserer Gäste und für den Tischschmuck. Wir mögen arm sein, aber niemand soll sich über mangelnde Gastfreundschaft beklagen können.“

Als Eilikas Schritte verklungen waren, verdüsterte sich Melisendes Mine. Drei Tage nur. Sie starrte auf das Gewebe vor sich, während ihre Gedanken bei dem waren, was sie über den König gehört hatte. Hart sei er, jähzornig und leicht gekränkt. Einer, der seine Bauern auspeitschen lasse, wenn sie sich mit den Abgaben auch nur um einen Tag verspäteten. Einer Witwe habe er den Kopf scheren lassen, weil ihre Schafe nicht genug Wolle gegeben hatten. „Wenn deine Schafe nicht genug Haare haben, musst du eben deine hergeben“, habe er gesagt, bevor er sie barhäuptig vom Marktplatz jagen ließ, während der Pöbel ihr hinterher johlte.
Ob er seine Ehefrau besser behandeln würde? Zwei hatte er bereits gehabt und beide waren jung gestorben. Was ihm fehlte, war ein Erbe. Ohne einen legitimen Nachfolger war es nur eine Frage der Zeit, wann die Fürsten offen um die Thronfolge kämpfen würden. Aber warum hatte der König ausgerechnet sie ausgewählt? Es gab genug Fürstentöchter, die nur zu gerne Königin geworden wären. Warum also sie?
Melisendes Blick ging wieder zum Fenster hinaus. Eine Wolke glitt über den Himmel, eine kleine weiße Schäfchenwolke.

„Sie ist einverstanden, Hoheit. Aber sie stellt Bedingungen.“
„Bedingungen? Was für Bedingungen?“
„Nun, Hoheit, sie sagt, da sie selbst keine angemessene Kleidung für die Hochzeit hat, müsstet Ihr sie ausstatten.“
„Das ist alles?“ Das Lachen des Königs hallte durch den Thronsaal. „Eine Mitgift? Das soll ihre Sorge nicht sein. Wir wussten doch, dass sie arm ist und haben sie gerade wegen ihrer Armut erwählt; deshalb und weil sie aus einer vollkommen unbedeutenden Familie stammt. So kann keiner Unserer Vasallen einen Vorteil aus der Verbindung ziehen. Aber das muss sie nicht wissen. Richte nur aus, dass sie sich um ihre Ausstattung nicht zu sorgen braucht.“
„Ich fürchte, sie hat recht genaue Vorstellungen.“ Der Bote zog eine Liste aus seiner Gürteltasche und begann vorzulesen: „Da wäre als erstes das Kleid für die Hochzeit. Sie wünscht es aus weißer Seide, an Saum und Ärmeln mit Perlen bestickt.“ Der König hörte sich die Auflistung mit gelangweilter Mine an. Schließlich sagte er unwirsch: „So weit ist daran nichts Ungewöhnliches. Nur dieser Mantel – was hat es damit auf sich?“
Der Bote sah in seine Aufzeichnungen. „Ein blauer Seidenmantel, mit goldenen Sternen bestickt und gefüttert mit dem Vlies der wilden Schafe, die über mein Land ziehen – so lauteten ihre Worte. Sie sagte auch, dass es noch nie gelungen sei, sie zu fangen und zu scheren. Daher sei ein derartiger Mantel etwas Einmaliges, um das sie alle anderen Frauen beneiden würden.“

„Weiber!“ Lachend schüttelte der König den Kopf. „Sie soll ihren Willen haben. Lass‘ überall verkünden, dass die Hochzeit stattfinden wird, so bald die Braut ausgestattet ist. Und sag‘ den Jägern sie sollen sich bereit machen. Wir reiten morgen bei Sonnenaufgang.“

Zwei Tage später standen Melisende und Eilika am Fenster und beobachteten, wie sich der Tross des Königs entfernte. Über ihnen spannte sich der blaue Himmel. Ein paar weiße Tupfen zogen darüber. Wolkenschafe; von keiner Menschenhand berührt und nie geschoren.
Der König hatte gezürnt und geflucht, als er begriff. Aber Melisende hatte auf der Einhaltung seines Versprechens bestanden.
„Warum hast du das getan?“, fragte Eilika, als der Tross im Wald verschwunden war.
Melisende zog ihre kleine Schwester an sich. „Samt und Seide und ein behagliches Heim sind nicht alles, weißt du.“

Ich sehe schwarz

Nach den Vorgaben des IndieBuchtober, der Challenge rund um Bücher aus kleinen, unabhängigen Verlagen und von Selfpublisher:innen, steht heute ein schwarzes Cover auf dem Plan.

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt ein Indie-Buch mit schwarzem Cover besitze. Klar hätte ich mich mit einem Foto vom Tolino aus der Affäre mogeln können, weil das Display nur Graustufen wiedergibt. Aber erstens ist grau nicht schwarz und zweitens wäre es geschummelt.

Schließlich habe ich aber doch noch eins gefunden. Diese Ausgabe von Zu einem Preis gehört zu einer ganzen Reihe. James Tiptree Jr. war ein sehr bekannter Name in der Science-Fiction – bis bekannt wurde, dass es sich dabei um das Pseudonym einer Frau* handelte. Danach wurden ihre Geschichten immer weniger aufgelegt und gerieten weitgehend in Vergessenheit, bis sich der Septime Verlag 2012 ihrer annahm und eine komplette Werkausgabe herausbrachte.

Science-Fiction und Grusel gehen nicht gut zusammen – könnte man denken. Schließlich ist Science-Fiction fast schon per Definition das rational aufgeklärte Gegenstück zu allem Übernatürlichen, Paranormalen und Mysteriösen. Aber dann lies Die Screwfly Solution und sag mir, dass es dich beim letzten Satz nicht gruselt.

Ich glaube, ich habe einen Grundstücksmakler gesehen.

James Tipptree Jr. (Alice B. Sheldon)

Ihr richtiger Name lautet Alice B. Sheldon. Sie war promovierte Psychologin, Malerin, Kunstkritikerin, Offizierin in der US-Army, arbeitete für die CIA und betrieb eine Hühnerfarm. Ihre ersten Erzählungen veröffentlichte sie mit 51 Jahren und, wie sie selbst schreibt, eher aus einer Laune heraus. Alice B. Sheldon lebte von 1915 bis 1987.


Alle Aufgaben der Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Buch mit Werwölfen
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbis
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.schwarze(s) Cover21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.gruseliges Buch23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.herbstliches Cover26.10.Buch und Schal
12.10.Buch und Heißgetränk27.10.schwarz und orage
13.10.Seite/Kapitel 13 Satz 1328.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichten29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober
Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

Mehr Liebe für Mary Sue

Bevor irgendwelche Missverständnisse aufkommen: Dies hier ist keine Liebesgeschichte, nicht mal eine Liebeserklärung, sondern die vorsichtige Annäherung an ein literarisches Trope. Ursprünglich hatte ich nicht mal gedacht, den Begriff erklären zu müssen, aber nachdem in einer Unterhaltung zwischen Kolleginnen gefragt wurde: Der Begriff „Mary Sue“ stammt ursprünglich aus der Fanfiction-Szene und bezeichnet eine übermäßig perfekte weibliche Figur.

Eine Mary Sue kann grundsätzlich alles. Ihr Charakter ist engelgleich, denn auch wenn sie eine unbesiegbare Kämpferin, magisch begabt, wundersam musikalisch, zum niederknien klug, eine begnadete Köchin, über die Maßen schön und gnadenlos gut ist, ist sie doch nicht im geringsten eingebildet. Nie würde sie Aufhebens um ihren perfekten Teint machen, um die großen Augen, die seidigen Haare oder die weiche Haut. Das ist schließlich alles naturgegeben. Sie bemerkt es genauso wenig wie die perfekten Brüste, die langen Beine, die ideale Taille oder den zum Küssen einladende Mund. Sie versteht nicht einmal, was die anderen Figuren an ihr bemerkenswert finden. Sie selbst findet sich nämlich eher durchschnittlich.

Quelle: aiilolo via pixabay

Und weil die Mary Sue sich selber für durchschnittlich hält, ist sie selbstverständlich auch nicht eingebildet. Im Gegenteil: Sie ist der offenste, unvoreingenommenste Mensch, den sich die Autorin überhaupt vorstellen kann. Wenn ihre Mary Sue einen Charakterfehler hat, dann einen harmlosen. Zum Beispiel, dass sie nicht singen kann. Vielleicht ist sie auch ein Tolpatsch – aber von der liebenswerten Art. Jemand, der höchstens kleine Dinge von zweifelhaftem Wert zerstört; nie etwas wirklich Teures, das anderen etwas bedeutet. Ein anderer Charakterfehler könnte sein, dass sie ständig isst. Natürlich nur moralisch einwand- und kalorienfreie Dinge. Äpfel zum Beispiel oder Karotten. Keinesfalls würde sich eine Mary Sue in Exzesse aus Schokolade, Chips oder Alkohol stürzen. Nie würde sie auch nur ein Gramm Fett zu viel ansetzen. Und selbstverständlich ist eine Mary Sue nie so besoffen, dass sie lallend bei der Laterne entschuldigt, die sie eben noch vollgekotzt hat.

Großzügig, großmütig, klug, begabt und schön, wie die Mary Sue ist, ist sie natürlich auch ungemein beliebt. Ihr Charme bezaubert Jedermann und sogar manche Frauen, obwohl bei Frauen gewisse Rivalitäten entstehen können. Hier kann es sogar zu Eifersüchteleien kommen (die aber selbstverständlich nie von Mary Sue ausgehen, sondern immer von der Gegenspielerin und die immer unbegründet sind!). Es sind diese Rivalinnen, die dem Lebensglück der Mary Sue im Weg stehen, wobei die besseren von ihnen am Ende bekehrt und zu guten Freundinnen werden, während die anderen ihrer gerechten Strafe entgegensehen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel lassen grüßen.

Quelle: FOTORC via pixabay

Kurzum: Mary Sues sind wandelnde Wunschträume. Sie verkörpern das ideale Ich der Schreiberin* (also ihr Selbst, wie es wäre, wenn nicht Gesellschaft, Natur und Schwerkraft sich gegen sie verbündet und sie in diesen höchst unzureichenden Körper gesetzt und in dieser unzulänglichen Umgebung ihrem faden Schicksal überlassen hätten).

Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite ist die Mary Sue eines der am meisten gehassten Tropes. So beliebt sie innerhalb ihrer eigenen Geschichte ist, so unbeliebt ist sie außerhalb.

Eigentlich seltsam, wenn man genauer darüber nachdenkt. Im Grunde verkörpern Mary Sues nämlich sämtliche sogenannten weiblichen Tugenden und erfüllen außerdem noch den Imperativ, dass die Heldin anders sein muss als andere Frauen. Besser. Schöner. Nicht eingebildet. Nicht um ihre Schönheit besorgt. Eben nicht so frauentypisch.
Eigentlich macht die Mary Sue also alles richtig. Trotzdem mag sie keine*r außer ihrer Schöpferin. Schon merkwürdig, oder?

Noch merkwürdiger wird es, wenn man sie mit ihrem männlichen Gegenstück dem Gary Stue vergleicht. Gary Stues sind genauso klischeehaft wie Mary Sues – nur eben was männliche Rollenerwartungen angeht. Mit anderen Worten: Gary Stue ist selbstverständlich gut aussehend, mit markantem Kinn und Waschbrettbauch gesegnet. Er verfügt mindestens über ein gutes Einkommen, ohne viel dafür tun zu müssen. Er ist Experte in irgendwas wie Karate, Hochfinanz oder altsumererische Liebeslyrik – nur bitte keine profanen Dinge, bei denen man sich vielleicht noch die Hände schmutzig macht. Er nimmt sich was er will, hat ständig Sex, fährt schnelle Autos und lebt gefährlich. Ein Leben auf der Überholspur, um das ihn andere Männer beneiden und für das ihn Frauen bewundern.
Kommt dir der Typ bekannt vor? Richtig. James Bond, Triple X, Robert Langdon und praktisch jeder Superheld sind Gary Stues. Wort und Bild gewordene feuchte Männerträume. Und sie sind beliebt. Ach was – sie sind Megastars.

Warum eigentlich?

Meines Erachtens wird es höchste Zeit, beide gleich zu behandeln. Das heißt konkret: Weniger Aufmerksamkeit für die Gary Stues und etwas mehr Liebe für die Mary Sues.

Was meinst du? Die Kommentare sind offen. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.


*Ich habe hier ganz bewusst die weibliche Form gewählt, denn zumindest mir ist noch keine Mary Sue untergekommen, die nicht von einer Frau geschrieben wurde.

[Was ich noch zu sagen hätte] Warum der alte weiße Mann endlich sterben sollte

Vor ein paar Tagen habe ich im Kulturteil des Deutschlandfunks eine Buchbesprechung gehört, die mich so nachhaltig verärgert, dass ich beschlossen habe, darüber zu bloggen. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um das Buch selber, sondern nur um dessen Rezeption. Alles, was ich über den Inhalt weiß, habe ich dieser einen Buchbesprechung entnommen. Es kann daher durchaus sein, dass das Buch selber ganz großartig ist. Meines Erachtens lässt nämlich sogar die Besprechung eine ganz andere Deutung zu als die, für die sich der verantwortliche Journalist entschieden hat.

Das vorangeschickt zum Inhalt, den ich, wie schon gesagt, nur aus dieser Rezension kenne. Das Buch behandelt die Begegnung zweier Männer: Harry, ein empfindsamer junger Schriftsteller aus Hamburg trifft „in Afrika“, genauer gesagt in Tansania, auf „den Charlie“. „Der Charlie“ kommt aus Bayern und ist ein gestandenes Mannsbild, das seine besten Jahre schon hinter sich hat. „Der Charlie“ ist ein „echter Zausel“ und außerdem todkrank (später in der Besprechung erfährt man, dass er Aids hat), aber das nimmt ihm nicht die Lust am Leben. Das kann der Kommentator gar nicht genug herausstreichen. Genauso wie die herrliche politische Unkorrektheit*, die „der Charlie“ an den Tag legt und die so weit geht, dass er die Schwarzen freimütig als N*ger bezeichnet. Außerdem säuft „der Charlie“ wie ein Loch. Er schmeißt mit Geld um sich und von Frauen will er sowieso „nur das Eine“. Aber „der Charlie“ weiß eben, wie das Leben „in Afrika“ läuft. Er hat nämlich Bushaltestellen in Tansania gebaut. So viel Weltläufigkeit beeindruckt nicht nur den jungen Schriftsteller Harry, der überlegt, ob „der Charlie“ nicht doch mehr vom Leben hat, als er, sondern auch den Rezensenten. Dies sei kein Buch für gendernde Feministinnen, schließt er seine Besprechung, obwohl gerade sie es vielleicht lesen sollten. Vor allem aber bedauert er, dass die Politik nicht mehr auf solche Typen, wie den Charlie hört.


Auch jetzt, wo ich das schreibe, habe ich wieder den dezenten Geschmack von Erbrochenen im Mund. Nicht nur, weil der Rezensent von Afrika als einem Land redet. Nicht nur, weil er „dem Charlie“ vollkommen unreflektiert abnimmt, dieser habe durch den Bau von Bushaltestellen einen tiefen Einblick in die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge eines Kontinents bekommen. Das ist zwar naiv, wie man schnell feststellt, wenn man das Ganze auf Europa überträgt und annimmt, „der Chalie“ habe die Bushaltestellen z. B. in Polen gebaut. Damit wüsste er immer noch nichts über das Leben in Portugal oder Irland. Aber wenn man in Geographie nicht so firm ist, kann so etwas vermutlich schon mal passieren.

Was mich nachhaltig verstört ist, wie offen auf einem öffentlich-rechtlichem Sender ein Weltbild gefeiert wird, das Frauen und Schwarzen die Menschenwürde abspricht (Schwarzen Frauen vermutlich sowieso). Mich schockiert, dass eine Redaktion einen Beitrag abnickt, der Rassismen und Sexismen als erfrischende politische Unkorrektheit bezeichnet. Mich ärgert, dass offensichtlich niemandem aufgefallen ist, dass sich hinter dem Kampfbegriff der „politischen Inkorrektheit“ ein Euphemismus für eine Geisteshaltung verbirgt, die Frauen nur als Fickfleisch ansieht und Schwarze in bester kolonialistischer und rassistischer Tradition auf eine Stufe mit Tieren stellt. Dass öffentlich betrauert wird, dass Leute wie dieser Charlie, ein verwarloster alter Säufer, der einen Fick auf die Interessen anderer gibt und trotz Aids fröhlich alles vögelt, was nicht rechtzeitig wegrennt – kein größeres Gehör in der Politik finden. Dass so einer als Vorbild gefeiert und gleichzeitig bedauert wird, als handle es sich um eine besonders schützenswerte Art. Als gäbe es in der Politik nicht genug innerlich wie äußerlich verwahrloste alte weiße Männer, die ihre Eigeninteressen über das Wohl anderer stellen und glauben, mit Geld alles regeln zu können.


Wie gesagt: Ich beziehe mich auf die Buchbesprechung. Ob das Buch dieselben Wertungen trifft, wie die Rezension, ist eine andere Frage. Allerdings habe ich nach dieser Buchbesprechung auch keine Lust es zu lesen.
Dem Charlie wünsche ich ein rasches Ableben. Das Männerbild, das er vermittelt, taugt nichts. Es wäre besser für uns alle, wenn diese alten weißen Männer aus den Geschichten und den Köpfen verschwänden. Wir brauchen andere Vorbilder – gerade, was Männer und das Bild von Männlichkeit betrifft. Deren Geschichten wären es weitaus eher wert, erzählt, gelesen und rezensiert zu werden.


(*) Ich hoffe, es ist deutlich, dass das nicht meine Wertung ist, sondern die des verantwortlichen Journalisten.


Nachtrag:
Ich wollte den Beitrag zuerst nicht verlinken, um ihm keine zusätzliche Reichweite zu verschaffen. Nach etwas Überlegen habe ich ihn aber doch in der Mediathek des DLF ausfindig gemacht, damit jede*r sich ein eigenes Bild davon machen kann.
Dabei ist mir aufgefallen, dass ich den Namen vom Charlie falsch geschrieben habe. Im Buch heißt er offenbar „Tscharli“. Passiert, wenn man etwas phonetisch wiedergibt.

Welche Heldin wählst du?

Ich war mein Leben lang „nicht so wie andere Frauen“. Selbst in meiner Zeit als Punk, als ich geschminkt und schmuckbehangen in den kürzest vorstellbaren Röcken unterwegs war, bekam ich es zu hören. Es war durchaus ein Kompliment, jedenfalls habe ich es so verstanden.

Heute verstehe ich, dass es ein vergiftetes Kompliment ist.

Eine Frau, die „nicht so ist, wie andere Frauen“, wird mit Respekt behandelt. Sie bekommt Zutritt in Männerkreise und darf sich sogar der Illusion hingeben, gleichberechtigt zu sein. So lange sie keine zu hohen Ansprüche stellt, wird es auch immer den Anschein haben, als sei sie es tatsächlich. Ihre Stimme wird gehört und hat Gewicht. Man respektiert ihre Leistungen. Sie wird in Führungspositionen gewählt. Sogar ohne den Druck einer Quote, das gibt man ihr auch ganz offen zu verstehen: „DU bist schließlich keine Quotenfrau.“

Noch so ein vergiftetes Kompliment.

Die bittere Wahrheit dahinter ist, dass du dafür belohnt wirst, diese Männerspiele mitzuspielen. Du wirst dafür belohnt, ihre Rituale einzuhalten, keine Schwäche zu zeigen, laut zu sein, hart und zuweilen grausam. Vor allem aber wirst du dafür belohnt, andere Frauen abzuwerten, was leicht ist, denn du bist ja nicht wie sie und stolz darauf. Außerdem bist du in deinen eigenen Augen ein Vorbild, denn dein Beispiel zeigt schließlich, wie weit eine Frau es bringen kann. Ganz ohne Quote. Man muss dafür auch nicht die Feministin raushängen zu lassen. Es reicht, sich anzustrengen. Taff zu sein. Dann läuft es quasi von allein.

Boxerin mit erhobenen Fäusten

Tatsächlich läuft es sogar gut. Bis zu dem Zeitpunkt, wo du mit einem Mann konkurrierst. Dann ist sie plötzlich da, diese gläserne Glocke, von der du immer gehört hast, die aber immer nur die anderen betraf. Die Frauen, die sich nicht genug angestrengt haben. Die Feministinnen, die allen mit ihren Sprüchen auf die Nerven gegangen sind.

Doch plötzlich steckst du selber darunter und mit einem Mal gibt es tausend Gründe, warum du leider zurückstecken musst. Vielleicht siehst du sie sogar ein. Wenn nicht, gibst du dich einsichtig, schon um nicht zickig zu wirken oder wie so eine frustrierte Emanze. Schließlich bist du nicht wie andere Frauen. Deine Zeit wird kommen, da bist du dir sicher.*

Warum ich das jetzt auf einem Blog schreibe, in dem es um Lesen, Schreiben und Selfpublishing geht?

Weil in der Literatur genau das gleiche Muster gilt. Die typische Protagonistin ist die „starke Frau“, die sich vor allem dadurch auszeichnet, nicht zu sein wie andere Frauen.
Das klingt erst mal harmlos. Schließlich sollen Protas außergewöhnlich sein. Das bedeutet nicht, dass sie über Superkräfte verfügen – aber sie müssen Eigenarten besitzen, die sie von anderen unterscheiden. Gewöhnliche Menschen führen gewöhnliche Leben. Sie werden geboren, von liebenden Eltern großgezogen, durchlaufen die Schule, absolvieren Lehre oder Studium, arbeiten danach, heiraten, bekommen Kinder, denen sie liebevolle Eltern sind, werden alt und Großeltern und sterben schließlich, ohne dass sich in ihrem Leben etwas Berichtenswertes zugetragen hätte. So ein Leben mag erstrebenswert sein, um einen Roman darüber zu schreiben, taugt es nicht. Für literarische Stoffe sind die Figuren und Situationen am besten geeignet, die wir in der Realität vermeiden.

Nun zeichnet sich die literarische Heldin aber vor allem dadurch aus, dass sie sich von anderen Frauen unterscheidet. Ihre Besonderheit beruht in erster Linie darin, Dinge tun zu wollen, die Männern vorbehalten sind. Auch das ist für sich genommen, kein Zeichen von Misogynie, denn viele der traditionellen Frauenaufgaben stehen im Ruf, alles andere als aufregend zu sein und deshalb ist es nur natürlich, dass es Frauen gibt, die keinen Bock darauf haben.
Misogyn wird es dadurch, dass die anderen Frauen, also die, die sich innerhalb der gesetzten Frauenrolle bewegen, entsetzlich schlecht wegkommen. Sie sind die typischen Gegenspielerinnen der Heldin und nur dafür da, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Gleichzeitig sind sie borniert, dumm, schwatzhaft, eitel, ängstlich, verschwenderisch … Kurzum: Das genaue Gegenteil der Heldin. Sie bilden den düsteren Hintergrund, vor dem die Heldin, die eben nicht so ist, wie andere Frauen, um so heller strahlt.
Da ist es nur logisch, dass diese strahlende Heldin keine Freundinnen hat**, sondern nur bei Männern Verständnis und Unterstützung findet. Nicht bei allen natürlich, denn auch Männer können gemein sein, aber man muss zugestehen, dass das Ausnahmen sind. #notallmen gilt auch und besonders in der Literatur. Vor allem gibt es natürlich den EINEN, der die Heldin irgendwann aus einer misslichen Lage retten wird. Spätestens dann wird sich herausstellen, dass schon lange ein gegenseitiges Interesse aneinander bestand. Sollte die Heldin dennoch Vorbehalte gegen ihn gehabt haben, wird seine mutige Tat diese hinwegfegen, so dass sie am Ende getrost in seine Arme sinken kann.

Am Ende sind alle Gefahren überstanden und die Heldin darf in die Arme ihres Geliebten sinken.
Bild von Stefan Keller auf Pixabay

Die Botschaft dahinter ist immer die gleiche: Selbst Frauen, die nicht sind wie andere Frauen, brauchen doch den starken Beschützer – und bekommen ihn auch, wenn sie genug durchlitten haben. Auf andere Frauen ist dagegen gar kein Verlass.

Misogyner geht es kaum.

Tja und genau deshalb wächst in mir, die damit aufgewachsen ist, nicht so zu sein, wie andere Frauen, der Wunsch eine Heldin zu schaffen, die so ist, wie andere Frauen dem Klischee nach wohl sein sollten. Eine Heldin, die sich gerne schminkt, die vielleicht eitel ist, die schöne Dinge liebt. Eine, die gerne tanzt und singt, die nicht besonders „woke“ ist und schon gar nicht „chosen“. Eine Heldin, die sich vor Blut (auch vor dem eigenen Menstruationsblut) ekelt und schon deshalb nicht jagen gehen, weil ihre schönen Kleider darunter leiden.
Sanft sollte sie sein, diese Heldin, und nachgiebig. Vielleicht ein bisschen zu nachgiebig, gerade ihren Freundinnen gegenüber. Die würde sie nämlich haben. Freundinnen, die zueinander halten, auch wenn es hart auf hart kommt. Vielleicht wäre das sogar der Plot: Eine Frauenfreundschaft, die Hindernisse überwinden muss und in der alle Beteiligten aneinander wachsen. Eine Mischung aus „Natürlich blond“ und dem „Club der Teufelinnen“ nur ohne einen Mann als Auslöser und natürlich als Fantasy.

Etwas in der Art würde ich gerne schreiben. Was meint ihr: Ob das wohl geht?


*Spoiler: Sie kommt nicht. Sie kommt deshalb nicht, weil dein Netzwerk aus den good ol‘ boys besteht, die sich im Zweifel gegenseitig unterstützen. Du bist ihre Waffe gegen weibliche Konkurrenz und du machst deine Sache gut!

**Abgesehen vielleicht von einem Mädchen aus ärmlichen oder sonst wie benachteiligten Verhältnissen, der die Heldin auch sonst himmelhoch überlegen ist, und an der sie ihre Unvoreingenommenheit und ihre soziale Ader demonstrieren kann.

Nicht nur die Hälfte des Himmels

Heute ist Weltfrauentag* und ich bin müde. Müde deshalb, weil ich das Gefühl habe, seit 30 Jahren die gleichen Diskussionen zu führen. Mit alten Männern, mit jungen Männern, mit meinen Söhnen und mit anderen Frauen. „Ihr könnt wählen, ihr könnt studieren, arbeiten … Was willst du denn noch?“

Ja, was will ich noch? War es nicht mein eigener Entschluss, Kinder in die Welt zu setzen und Erziehungszeit zu nehmen, statt einer Erwerbsarbeit nachzugehen? Bin ich da nicht auch selber Schuld, dass ich, anders als meine männlichen Kolleginnen keine Karriere gemacht und weniger in die Rentenkasse gezahlt habe? Sie (also meine männlichen Kolleginnen) haben das doch auch wunderbar geschafft: Sie sind Papa und trotzdem erfolgreich.
Wir Frauen sollen uns mal nicht so haben!

Wir sollen uns auch nicht so haben, wenn es um die Kunst geht. Kunst ist männlich, das weiß doch jeder. Das Genie braucht einen Penis. Genauso weiß jeder, dass dieser Penis auch benutzt werden muss, sonst fault er ab oder das Genie welkt und boys can’t be boys, also Himmel noch eins sollen Frauen sich erst recht nicht so haben, sonst wissen Männer bald nicht mehr, wie sie Komplimente machen sollen.
Aber ich schweife ab oder werde ungerecht, denn schließlich können Frauen heute doch wirklich alles werden, sogar Literaturnobelpreisträgerin. Dass sie so selten ausgezeichnet werden, liegt einfach nur daran, dass sie sich nicht genug anstrengen.
Wir Frauen sollen uns mal nicht so anstellen. Wenn wir gute Literatur schreiben würden, bekämen wir auch die entsprechenden Preise.

Wer wirklich diskriminiert wird, ist der (mittel)alte weiße Mann, über den sollten wir sprechen! Ganze Literaturgenres, wie Liebesroman und Kinder- und Jugendbuch sind fest in Frauenhand! Frauen übernehmen sogar den Krimi! Und trotzdem geben Frauen keine Ruhe, sondern nörgeln selbst noch bei Sparten wie Sachbuch oder Hochliteratur, dass da zu 70% Männer verlegt werden.
Dabei wusste schon Marcel Reich-Ranicki, dass Frauen keine Literatur, sondern allenfalls Lyrik schreiben können. Ihnen fehlt die Objektivität, der Blick auf das Große, das Ganze, die Welthaltigkeit – und wenn sie es doch haben, dann übertreiben sie in die andere Richtung, dann sind sie zu kalt, zu analytisch und so gar nicht feminin.
Um also ihre Weiblichkeit nicht zu gefährden, sollten Frauen sich an Lyrik und Liebesromane halten. Gedöns eben, das echte Männer nicht interessiert, weil da auch kaum noch Männer auftauchen.

Ja genau. Auch das ist ein Grund, warum wir Frauen uns bitte nicht so anstellen sollen. In der Unterhaltungsliteratur wimmelt es doch nur so von Heldinnen, während man Männer mit der Lupe suchen muss! Gut, J. R. R. Martin ist jetzt vielleicht nicht das beste Beispiel für diese These, aber immerhin gibt es in Game of Thrones mehr Frauenrollen als im Herrn der Ringe. Das muss man auch mal anerkennen!
Auch dass die vielen Heldinnen sich vor allem dadurch auszeichnen, nicht zu sein, wie andere Frauen, dass sie sich ungern schminken (aber selbstverständlich trotzdem hinreißend aussehen), schlecht kochen, Haushalt und Handarbeiten hassen und statt dessen lieber reiten, jagen oder Schwerter schwingen wollen – das hat selbstverständlich nichts mit Misogynie zu tun. Wirklich nicht! Dass es viel aufregender, heldenhafter und erzählenswerter ist, durch Matsch zu robben und anderen den Kopf abzuschlagen oder wegzupusten als sich um Kochen, Kinder, Handarbeiten oder Haushalt zu kümmern, ist für jeden klar denkenden Menschen unmittelbar einsichtig.
Deshalb gibt es eben auch keine Erzählungen von männlichen Heldinnen, die die kampflustige Liebste in den Krieg schicken, während sie selber zuhause bleiben, um sich um die Kinder kümmern. Wenn Frauen freiwillig solche Aufgaben übernehmen, sollen sie sich anschließend auch nicht beschweren!

Trotzdem sind es nun mal Frauen, die Kinder kriegen und deshalb sollen sie sich erst recht nicht beschweren, dass die damit verbundenen Aufgaben nun mal an ihnen klebenbleiben. Das ist Biologie. Damit müssen sie zurechtkommen.
Wenn es ihnen nicht passt, dann sollen sie eben keine Kinder kriegen (obwohl es natürlich ihre biologisch und gottgewollte Aufgabe ist, welche zu bekommen!), statt von Equal Care, Equal Pay oder Quoten zu fantasieren! Eine Frau, die sich benimmt, wie ein Mann kann heute alles erreichen. Also – was wollen die Weiber denn noch?

Ich bin so müde.


*Aus diesem

Aus Anlass des Weltfrauentags ist der Artikel im generischen Femininum verfasst. Männer sind selbstverständlich mitgemeint.


[ausgelesen] Wintermaid von Klara Bellis

Klappentext:

Ein heiliger Auftrag führt die Jägerin Lhan ins Gebirge. Als sogenannte Wintermaid soll sie den Winter bezwingen. Doch zwischen den Felsen lauert der Eisgeist, ein blutrünstiger Menschenfresser. Wenn es ihr gelingt, die Bestie als Jagdbeute ins Dorf zu bringen, wird sie als Winterbezwingerin gefeiert. Sollte sie scheitern, wird die Rache des Dorfes grausam sein.

Schon bald wächst in Lhan der Verdacht, dass dies ihr geringstes Problem ist.

Zum Inhalt:

Frauen gelten nichts in Lhans Volk. Sie sind rechtlos, werden dumm gehalten und im Bedarfsfall wie Handelsgut verkauft. Aber alle zehn Jahre schickt ihr Dorf ein Mädchen in die Berge, um zu beweisen, dass selbst so ein schwaches Geschöpf in der Lage ist, die Natur zu bezwingen. Zwei Jahre lang bereitet sich die Wintermaid auf diesen Auftrag vor. Gelingt es ihr, Beute zu machen und heil zurückzukommen, wird ihr Sieg in einem großen Fest gefeiert. Kehrt sie ohne Beute oder verletzt zurück, wird sie in einem großen Fest zu Ehren der Götter lebendig verbrannt. So ging es der letzten Wintermaid.
Für Lhan scheint es nach anfänglichen Problemen jedoch, als könne sie ihren gefährlichen Auftrag tatsächlich zu einem guten Ende bringen. Was sie nicht bedacht hat, sind die Motive ihrer Mitmenschen.

Wintermaid spielt in einem nicht-europäischen Setting. Magie ist selbstverständlich – wenn auch nicht in Lhans Volk. Aber Wintermaid ist nicht die übliche Geschichte von der Heldin, die die Welt oder was auch immer retten muss, sondern thematisiert die weltweite Unterdrückung von Frauen, was Klara Bellis in ihrem Nachwort eindrücklich und mit Quellenangaben belegt. Insofern ist Wintermaid auch ein politisches Buch.

Persönlicher Eindruck

Ich mag Kurzgeschichten, Novellen, Erzählungen. Wintermaid fällt genau in dieses Beuteschema, deshalb war es ein „Must-have“.

btrAber auch inhaltlich hat mich das Buch überzeugt. Klara Bellis erzählt die Geschichte der Wintermaid sehr spannend und in einen angenehmen, klaren Stil. Stellenweise schimmert der ihr eigene Humor durch, der auch ihre Reihe um die Techno-Elfe Trywidd kennzeichnet.
Was mir nicht ganz so gut gefallen hat, sind die Figurenzeichnungen. Angesichts des Themas ist es zwar kein Wunder, dass die Männer aus Lhans Volk schlecht wegkommen, aber auf mich wirkten sie wie Abziehbilder ein und des selben machistischen Ekels. Hier hätte ich mir etwas weniger Klischee und mehr Diversität in Motiven und Handlungen gewünscht. Auch die Gedankengänge der Protagonistin wirkten an mich stellenweise aufgesetzt, statt durch das Aufwachsen in einer durch und durch misogynen Gesellschaft internalisiert. Die Charakterisierung von Lhans Großmutter Zue und die der Eisgeister fand ich deutlich gelungener.
Bemäkeln könnte ich auch noch zwei bis drei kleinere Logikfehler, die jedoch keinen Einfluss auf die Handlung haben. Mir sind sie auch erst im Nachhinnein aufgefallen, als ich darüber nachgedacht habe, was ich in dieser Rezension erzählen will. Beim Lesen hat mich die Geschichte viel zu sehr in ihren Bann geschlagen. Das lag nicht nur am ungewöhnlichen Setting, sondern vor allem daran, dass Wintermaid in erster Linie sehr, sehr spannend ist.

Sternebewertungen gibt es bei mir ja nie. Aber für Wintermaid auf jeden Fall eine Leseempfehlung.


Buchdaten:
E-Book, erschienen bei BookRix
für alle Lesegeräte verfügbar
44934 Wörter
ab 16 Jahre (mäßige Gewalt, keine expliziten sexuellen Szenen)
Preis: 0,99 €

Die Forderung nach mehr Diversität

Diversität ist ein großes Thema in meinem Umfeld, genauer gesagt: bei den Autor*innen mit denen ich mich regelmäßig austausche. Wenn du meinem Blog folgst oder aus anderen Gründen schon mal reingelesen hast, weißt du vermutlich schon, dass ich oft etwas anderer Meinung bin.

Dabei kann ich absolut nachvollziehen, dass jedes Wesen das Bedürfnis hat, sich, bzw. die Gruppe zu der es sich zugehörig fühlt, in Filmen, Büchern und Bildern wiederzufinden. Und zwar auf eine respektvolle Art, die das eigene Selbst(wert)gefühl widerspiegelt. Also nicht nur als lustiger Sidekick oder Verkörperung irgendeines Klischees.
Mir ging es früher nicht viel anders. Abgesehen von „Mädchenbüchern“ wie Hanni und Nanni, so wie ein paar Liebesromanen, handelten fast alle Bücher von Männern. Überflüssig zu sagen, dass sie überwiegend auch von und aus der Perspektive von Männern geschrieben waren. Rückblickend scheint vieles, von dem, was ich damals als selbstverständlich überlesen habe, skurril. Damit meine ich gar nicht so sehr die oft nicht nur unterschwellige Misogynie, sondern eher die Fixierung auf den Penis und dessen Wirkung auf Frauen. Echt jetzt. Einige männliche Autoren scheinen der Überzeugung zu sein, der Penis sei sozusagen die Achse, um die die Welt rotiert. Sorry, Jungs – aber nein.
Ok, ich schweife ab. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht muss man sogar zu einem so schrägen Weltbild kommen, wenn man sein eigenes, männlich geprägtes Umfeld nie verlässt, sondern durch andere Männer noch in seiner Sichtweise bestätigt wird. Wenn alle Männer sich einig sind, muss es doch stimmen! Eine gute Medizin gegen eine so beschränkte Sichtweise ist immer, diese Komfortzone zu verlassen – wenn man(n) denn bereit ist, diesen Schritt auch zu gehen. Tatsächlich kann es ziemlich unangenehm werden, aber es eröffnet auch neue Perspektiven.
Für mich jedenfalls war es geradezu die Entdeckung eines neuen Universums, als in den 80ern im Zuge der Frauenbewegung immer mehr Bücher von AutorINNEN auf den Markt kamen. Frauen, die aus der Sicht von Frauen schrieben, denen es nicht genug war, Geliebte, Ehefrau oder Damsel in Distress zu sein. Plötzlich gab es Abenteuerinnen, Magierinnen und Detektivinnen, die fröhlich gegen alle bisherigen literarischen Konventionen verstießen, indem sie außerhalb der ihnen bisher eingeräumten Rollen agierten. Manches davon war Trash. Manche Ansichten waren genauso verquer, wie die der Kerls. Manches war miserabel geschrieben. Aber es war ungemein aufregend, wirklich gute, neue Stimmen zu finden und natürlich habe ich gezielt nach Autorinnen gesucht, um mehr davon zu bekommen.

Deshalb hat der Aufschrei: „ICH WILL ABER AUCH!“, mein vollstes Verständnis.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass ich mir nur sehr ungern etwas vorschreiben lasse. So bald jemand sagt: „Du musst in deinen Büchern aber auch Homosexuelle / Behinderte / Transmenschen / Nichtweiße / Wasauchimmer unterbringen“, stellt mein innerer Punk den Iro hoch und antwortet frei nach Lessing*: „Ich MUSS erst mal gar nichts.“
Im Gegensatz zur Aussage: „Ich will mehr über Homosexuelle, Behinderte, Transmenschen, Nichtweiße und/oder Wasauchimmer lesen“, ist die Forderung an uns Autor*innen, wir müssten dafür sorgen, jede Minderheit in jeder unserer Geschichten zu repräsentieren, schlicht übergriffig; selbst, wenn sie noch so gut gemeint ist. Das gilt um so mehr, wenn auch noch ausformuliert wird, wie diese Charaktere angelegt werden und in welchen Rollen sie auftreten müssen. Und es gilt erst recht, wenn die Forderung von jemandem kommt, der/die selbst nicht homosexuell/behindert/trans oder wasauchimmer ist. Das kommt für mich nämlich nicht als besondere Wokeness** rüber, sondern als besondere Form von Machtspiel. Als: „Ich kann dir Vorschriften machen.“
Nein. Kannst du nicht. Schon gar nicht, wenn es um meine Bücher, meine Geschichten oder mein Leben geht.

Abgesehen von diesem persönlichen Aspekt gibt es aber auch sachliche Gründe, diese Forderung zu ignorieren. Der erste ist, dass schon die Diskussion über die Repräsentanz von Minderheiten sehr selektiv geführt wird. Es geht praktisch nur, um die bereits benannten, gelegentlich auch um Übergewichtige. Außen vor bleiben u. a. Arme, Kinder, Alte, Mütter, Untergewichtige, Depressive …  In gewisser Weise ist die Diskussion daher selbst elitär und ausgrenzend.
Der zweite Grund ist, dass Geschichten mit einem begrenzten Personal auskommen müssen (Romane von Tolstoi ausgenommen, aber das ist vermutlich einer der Gründe, warum sie so selten gelesen werden). Nehme ich mir also vor, eine Geschichte maximal divers zu besetzen, bleibt pro Minderheit maximal eine Rolle – jedenfalls dann, wenn ich darauf achte, auch wirklich jede Gruppe mindestens einmal zu repräsentieren. Das führt aber dazu, dass Eigenschaften verallgemeinert werden. Ein homosexueller Charakter mutiert zum Vertreter für alle Homosexuellen, eine Himba zur Vertretung aller Menschen aus Afrika. Das Ergebnis sind also genau die Klischees, die man eigentlich vermeiden wollte. Manchmal fehlt auch einfach das Personal, um alle Rollen zu besetzen. Wo wollte man in einer Geschichte wie Zweigs Schachnovelle noch andere Figuren unterbringen, ohne die Geschichte selbst zu zerstören?
Der dritte und in meinen Augen der wichtigste Grund ist aber, dass eine solche Diversität allenfalls eine Utopie ist, aber nicht der Realität entspricht. Klar: Wenn ich durch die Innenstadt gehe, sehe ich Menschen aller möglicher Haut-, Haar- und Augenfarben, Frauen mit und ohne Kopftuch, Männer im Maßanzug und Bettler, dazwischen vielleicht auch zwei knutschende Lesben und möglicherweise*** begegnet mir sogar ein Transgender. So bald ich aber nach Hause komme, wird die Umgebung deutlich homogener und wenn ich in meine Familie gucke, reduziert sich die Diversität noch mal. Menschen neigen zur Gruppenbildung und diese Gruppen sind für gewöhnlich einigermaßen homogen. Jede/r einzelne gehört zwar meist mehreren Gruppen an (Familie, Sportverein, Lerngruppe, Arbeitskollegen …), aber diese Gruppen werden üblicherweise durch ein oder mehrere verbindende Elemente zusammengehalten, die für Homogenität sorgen. Jede dieser Gruppen, Communities oder Peer-Groups hat ihre eigenen Regeln und Codes, die den Zusammenhalt verstärken und mit der sich die Mitglieder von anderen Communities abgrenzen. Dementsprechend gibt es auch allenfalls partielle Überschneidungen. Mit anderen Worten: Schreibe ich über die Besatzung einer Raumstation im 22. Jahrhundert kann ich von einer sehr diversen Zusammensetzung ausgehen. Trotzdem wird sie sich in verschiedene Gruppen aufspalten, die in sich relativ homogen sind.
Als vierten Grund, nicht über Aussehen, sexuelle Ausrichtung, Geschlechtsidentität, Behinderungen o. ä. zu schreiben, ist, dass es oft keine Rolle spielt. Nur bestimmte Politiker fragen, ob der Mensch der vor ihnen in der Schlange ansteht, keinen deutschen Pass oder einen künstlichen Darmausgang hat, schwul ist oder hetero, nach Mekka betet oder vielleicht gar nicht. Alle anderen warten, bis sie dran sind und hoffen, dass ihre Lieblingsbrötchen bis dahin nicht ausverkauft sind. Als Autor*in beschreibt man solche Situationen dementsprechend genau so.

Ich reihte mich in die Schlange ein. Hoffentlich waren die Mohnbrötchen nicht wieder ausverkauft.

Anders ist das natürlich, wenn in besagter Schlange eine großartige Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt, weil die lesbische Afghanin einen Schritt zurückmacht und die Spitze ihres Stilettos ein Loch in den eigenen Rist tackert. Aber so lange ich diese Geschichte nicht erzählen will, müsste schon Jabba der Hutte dort stehen, damit es erwähnenswert wird.

Und nein, ich akzeptiere auch kein: „Dann schreib es doch einfach anders. Du bist Herrin deines Weltenbaus!“
Der zweite Satz ist zwar richtig. Ich kann. Wenn ich will. Aber ich bin keine Lohnschreiberin. Deshalb erzähle ich die Geschichten, die ich erzählen will und ich erzähle sie so Geschichten so, wie ich es für richtig halte. So, wie ich meine, dass sie erzählt werden müssen.
Jede/r hat das Recht, das Scheiße zu finden. Auch aufgrund theoretischer Erwägungen. Allerdings ist solche Kritik wie das Bemäkeln von Essen, das man nie probiert hat.

Denn dass ich mich gegen bevormundende und übergriffige Forderungen wehre, heißt schließlich nicht, dass ich ausschließlich über weiße, heterosexuelle, körperlich und geistig fitte Menschen schreibe. Gut, bisher hat keine meiner Figuren mit ihrer Geschlechtsidentität gehadert – oder wenn doch, hat sie nichts davon verlauten lassen. Sie waren – wenn man von Vater Gion in Der Fluch des Spielmanns absieht, auch körperlich nicht eingeschränkt. Aber:

  • Steppenbrand hat ein nicht-europäisches Setting. Die Charaktere sind durchgehend dunkelhäutig; in der Kultur der Khon haben Männer und Frauen die gleichen Rechte und Pflichten (wenigstens am Anfang); Polyamorie ist zwar nicht die Regel, aber im Normbereich des Zusammenlebens.
  • Kernthema von Der Fluch des Spielmanns sind Fremdheit und Heimatlosigkeit. Die Spielleute werden zwar nirgends beschrieben, ihr Aussehen kann allenfalls anhand der Namen gemutmaßt werden. Aber ihr Status als Außenseiter wird mehr als deutlich.
  • In O Tannenbaum geht es um Spielarten der Liebe. Das Gegengewicht zu der letztlich zerstörerischen Bindung der Protagonistin an ihren Baum bildet ein lesbisches Krähenpaar.
  • Die Protagonistin aus Biss zum letzten Akt ist ein beziehungsunfähiger Ex-Junkie, die ihrer Umgebung gerade so viel Aufmerksamkeit widmet, wie zum Überleben nötig.
  • Madame Mimi Moffat spielt zwar heute, ist aber eine Erinnerung an den Porajmos, den Mord an der tsiganen Bevölkerung (ich benutze diesen Begriff, um die Jenischen einzuschließen) während des dritten Reichs. Wer die zweite Person in der Geschichte ist, bleibt der eigenen Vorstellungskraft beim Lesen überlassen.

Zusammenfassung: Ich kann den Wunsch, die eigene Bezugsgruppe literarisch vertreten zu sehen, gut nachvollziehen. Ich glaube, dass ein Blick über den Tellerrand gut tut, lese selber alles mögliche und behaupte, insgesamt auch divers zu schreiben. Ich verwehre mich aber gegen die Forderung Literatur müsse irgendetwas. Eine derartige Anspruchshaltung ist anmaßend und übergriffig – jedenfalls so lange, wie du mich nicht dafür bezahlst, eine bestimmte Geschichte zu schreiben (ob ich das Angebot annähme, ist noch mal eine andere Frage, dazu müsste ich mehr darüber wissen).

Wenn du mir diskutieren willst – gerne. Die Kommentare sind offen.


*Nathan der Weise: „Kein Mensch muss müssen […]“
**auch nicht als Solidarität, Empathie o. ä.
*** Geschätzt sind bis zu 0,6% der Bevölkerung transsexuell. D. h. unter 1.000 Menschen sind sechs Transperson, die i. d. R. nicht auf sich aufmerksam machen. Was die interessante Frage aufwirft, wie mensch über Menschen schreibt, deren Eigenschaften unbemerkt bleiben.

Überraschung: Sprache wirkt

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Sprache ist nicht neutral. Sprache wertet. Immer. Sprache kann aufwerten und negieren, hervorheben und unsichtbar machen. Was man nicht schreibt, existiert nicht. Informationen, die uns der Text vorenthält, füllen wir beim Lesen mit unserem Wissen und unseren Vorurteilen.

Ein schönes Beispiel habe ich vor ein paar Tagen beim Abendessen erlebt. Aus irgendwelchen Gründen kamen wir über russisches und amerikanisches Humorverständnis zu dieser Mini-Geschichte:

Ein Mann holt seinem Sohn vom Sport ab. Auf dem Nachhauseweg werden sie von einem Lkw gerammt. Der Mann ist sofort tot, der Sohn wird schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht und für eine Notoperation vorbereitet.
Als der Arzt das Kind sieht, wird er bleich und beginnt zu stammeln. „Ich kann das nicht. Das muss jemand anderes machen. Das ist mein Sohn!“

Ja, die Geschichte ist alt. Bei einigen ist der Überraschungseffekt vielleicht noch da. Den Meisten wird sie aber in der einen oder anderen Variante vermutlich schon bekannt sein. Für diejenigen ist dann auch klar: generisches Maskulinum, der Arzt ist natürlich eine Frau, keine Überraschung. Weiß man ja. Generisches Maskulinum schließt Frauen ein. Nerv nicht.
Was diejenigen jetzt vielleicht überrascht, ist die Reaktion meines jüngeren Sohns. Der zuckte nämlich auch nur mit den Schultern. „Ja und? Die beiden sind halt schwul.“

Deshalb ist es wichtig, in den relevanten Bereichen präzise zu sein. Ein Forschungsteam, das sich aus Männern und Frauen zusammensetzt, ist kein Team von Wissenschaftlern. Wenn die beiden Piloten im Cockpit weiblich sind, sind sie Pilotinnen. Es ist so einfach. Die Sekretärin des Chefs Chefsekretärin und nicht Chefsekretär zu nennen, kommt euch vermutlich auch ganz locker aus der Feder.

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Crash, Boom, BÄNG! Superhelden und Gewalt

Zugegeben: Ich kann Superhelden wenig abgewinnen. Aber seit meinem jüngeren Sohn das Star Wars Universum zu eng geworden ist und er Marvels Multiversen erkundet, werde ich zunehmend mit Charakteren und Stoffen bekannt, mit denen ich mich aus eigenem Antrieb nicht beschäftigt hätte. Allerdings hat er es nicht so mit Comics, sondern mehr mit den Filmen. Deren Erscheinen erwartet er nicht nur sehnsüchtig, er guckt auch jeden Trailer, den er finden kann, bis der Film dann endlich, endlich in die Kinos kommt.
Diese Sehnsucht wird natürlich mitgeteilt und da er noch nicht alt genug ist, die Filme ohne Begleitperson zu sehen, komme ich immer mal wieder mit.

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Prügeleien und kein Ende

Was mir an den Filmen auffällt, sind ein sehr einheitlicher Aufbau und der exzessive Einsatz von Gewalt. Ganz besonders fiel mir das bei Batman vs. Superman* auf; ein Film, in dem ich mich unendlich gelangweilt habe. In meiner Erinnerung besteht der Film fast ausschließlich aus einer Aneinanderreihung von Prügeleien und Explosionen. Vielleicht ist mir das deshalb so aufgefallen, weil die Handlung so dünn und die Charaktere so schlicht gestrickt waren. Jedenfalls ging das, der Geschichte angeblich zugrunde liegende Dilemma zwischen Explosionen, Rauch und Staub unter.
Eins hat der Film dann aber doch bewirkt. Nämlich, dass ich angefangen habe, mir Gedanken über Zweck und Stellenwert Gewalt im Konzept der Superheldenfilme zu machen. Gewalt ist ganz offensichtlich ein integraler Bestandteil, ob man sich jetzt Superman anguckt, die X-men oder eher lustig gemeinte Varianten wie Die Unglaublichen: Der Grundkonflikt ist genauso physischer Natur wie die Lösung. Oder um es weniger abstrakt zu formulieren: In jeder Superheldengeschichte es gibt eine äußerliche Bedrohung, die auf die Vernichtung von Leben zielt und die von den Helden unter Aufbietung aller, ihnen zur Verfügung stehenden besonderen Fähigkeiten beseitigt werden muss. Auffallend ist, dass diese Fähigkeiten vor allem dafür verwendet werden, die eigene Kampfkraft und die der Verbündeten zu erhöhen.
Bruce Wayne baut keine Schulen. Er unterstützt auch keine Präventionsprojekte, die Gotham etwas sicherer machen würden. Sein ganzes Vermögen steckt in Batmans Ausrüstung. Gleiches gilt für Tony Stark, der das Äquivaltent zu Batman ist, nur eben bei Marvel. Auch Tony Stark ist ein reicher Industrieller und Lebemann. Auch er baut coole Gadgets. Gelegentlich rüstet er damit auch die Agenten von S.H.I.E.L.D aus. Aber darin erschöpft sich seine Großzügigkeit.

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Können die nicht denken?

Warum ist das so? Warum fällt selbst den intelligentesten Superhelden, keine Lösung ein, die nicht auf eine physische Auseinandersetzung hinausläuft?
Die naheliegendste Erklärung ist natürlich, dass die Welt der Superhelden nun mal so ist: Geprägt von Gewalt und Düsternis und bevölkert von mächtigen Superschurken, die andere ausbeuten und gewaltsam unterjochen. Superhelden werden oft schon früh mit Gewalt konfrontiert. Sie sind das Ergebnis skrupelloser Menschenversuche (Black Bold, Wolverine, Deadpool, Cloak, Dagger), ihre Eltern werden ermordet (Spiderman, Superman, Daredevil, Drax the Destroyer), sie selber gemobbt (Spiderman) oder wegen ihrer besonderen Fähigkeiten verfolgt (X-Men). Daher könnte man die These wagen, dass sie, auch weil sie nichts anderes als Gewalt gelernt haben, auch nur mit Gewalt reagieren können und dass es sie auszeichnet, dabei nicht bis zum letzten zu gehen, sondern den Gegner im Endkampf zu schonen.

Allerdings greift dieser Ansatz zu kurz, denn er betrifft nur einen kleinen Teil der Superhelden, die vielfach auch aus gutbürgerlichen oder sogar sehr wohlhabenden Verhältnissen stammen, wie Batman, Ironman, Elektra (oh, eine Frau!) oder Janet van Dyne alias the Wasp (noch eine Frau!). Black Panther ist nicht nur reich, sondern sogar königlicher Abstammung.
Und obwohl Wakanda, das Herkunftsland von Prinz T‘Challa, über ein einzigartiges Rohstoffvorkommen verfügt, die Wakandaner (ich hoffe, die Form stimmt) technische Wunderleistungen vollbringen und friedlich im allgemeinen Wohlstand zusammenleben, wird dieses einzigartige Rohstoffvorkommen im Wesentlichen für die Entwicklung von intelligenten Waffen genutzt. „Klar!“, könnte man sagen, „Solche Dinge wecken Begehrlichkeiten. Das Land und seine Bodenschätze müssen vor Invasoren geschützt werden.“
Der Haken an dieser Argumentation ist, dass (fast) niemand außerhalb von Wakanda von diesen Wunderdingen weiß, weil Wakanda sich dank überlegener Technologie erfolgreich als armes, rückständiges Dritte-Welt-Land tarnt, in dem es rein gar nichts zu holen gibt. Das ist eine ziemlich intelligente Strategie, um Invasoren gar nicht erst auf dumme Gedanken zu bringen. Aber wozu dann die Waffen?
Und warum hält dieses technisch unglaublich hoch entwickelte, fortschrittliche Volk daran fest, seine Anführer in einem archaischen Ritual durch Zweikampf zu bestimmen? Einem Zweikampf, in dem keinesfalls der Klügste gewinnt, der mit dem besten taktischen Geschick, dem meisten Wissen oder was man sonst noch zur Führung eines Volks für nötig halten könnte, sondern in dem allein Stärke, Ausdauer und Geschick im Umgang mit Waffen zählen?
„Es ist eben deren Tradition“, halte ich als Erklärung für ziemlich dürftig, zumal es die Gefahr birgt, Wakanda sozusagen durch die Hintertür doch noch als rückstädig dastehen zu lassen. So nach dem Motto: Ok, Technik können sie, aber gesellschaftlich sind sie doch eher Steinzeit. Was auch falsch wäre.

Vielleicht kommen wir der Lösung näher, indem wir eine dritte Gruppe angucken, von denen es in den Reihen der Superhelden geradezu wimmelt: die Superhirne. Auch hier ist Tony Stark alias Ironman ganz vorne an. Außerdem wären da z. B. noch Dr. Henryk Pym (Ant-Man), Reed Richards (Mr. Fantastic) und natürlich Dr. Robert Bruce Banner (Hulk) zu nennen.
Sie alle sind Genies auf ihrem Gebiet, mit ungeheuren Geisteskräften ausgestattet und sollten eigentlich in der Lage sein, Strategien zu entwickeln, die Gewaltanwendung überflüssig machen. Zum Beispiel müssten die von Dr. Henryk Pym entdeckten Pym-Teilchen eigentlich die gleiche Wirkung auf Gegner und ihre Waffen entfalten, wie auf Ameisen und Häuser. Wenn man das Eine nach Belieben schrumpfen oder vergrößern kann, warum dann nicht auch das andere? Eine Nano-Pistole ist genauso unbrauchbar, wie die XXL-Version und gegebenenfalls könnte man sogar den Gegner auf ein handliches Format schrumpfen und im Einweckglas zur nächsten Polizeiwache bringen.
So weit geht der Einfallsreichtum der Superhirne aber nie.

Komisch, oder?

Man könnte fast den Eindruck bekommen, es ginge nie um Gewaltvermeidung, sondern darum, sie möglichst spektakulär einzusetzen und so die eigene Großartigkeit zu demonstrieren. Denn seien wir ehrlich: Ein Superschurke, dessen Superwaffe plötzlich so winzig wird, dass er sie nicht mehr findet oder so riesig, dass sie ihm aus der Hand fällt und den Fuß bricht, ist zwar lustig, aber kein würdiger Gegner. Dagegen bestätigt einer, den der Held erst im epischen Endkampf besiegen kann, erst so richtig die Großartigkeit dieses Helden. Und weil wir uns mit dem Helden identifizieren, färbt ein Teil dieser Großartigkeit auch auf uns ab. In diesem gloriosen Moment zahlt sich aus, dass wir zu ihm gehalten, mit ihm gefiebert und gelitten haben.

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Was, wenn alles ganz anders wäre?

Diese Befriedigung herbeizuführen ist ungleich schwerer, wenn der Helden seinen Widersacher nur unter Einsatz seiner grauen Zellen auszuschaltet. Da mir kein Beispiel aus der Fantasy einfällt, möchte ich diese These durch „Superhelden“ eines anderen Genres illustrieren: dem Krimi, genauer gesagt, dem Who-dunnit. Im Zentrum steht hier oft die Gestalt eines genialen Ermittlers, der einen vertrackten Fall im Wesentlichen durch Nachdenken löst. Gewalt geht von ihm in der Regel nicht aus, oft ist er dazu körperlich gar nicht in der Lage, wie z. B. Nero Wolfe oder Lincolm Rhyme. Aber selbst, wenn er gewisse Kampftechniken trainiert, wie Sherlock Holmes, dienen diese mehr dazu, neben dem Kopf auch den Körper fit zu halten. Beim Lesen folgen wir diesen Geistesgrößen, erfahren, was sie erfahren und versuchen, unsere eigenen Schlüsse zu ziehen. Der Reiz besteht also eindeutig im Mitraten. Allerdings ist ein guter Who-dunnit so gestrickt, dass er nicht nur den Ermittler auf falsche Fährten lockt. Die Genialität des Ermittlers erweist sich aber gerade darin, dass er diese durchschaut und einen Täter ausmacht, den man selber schon ausgeschlossen hatte. Man kann die Überlegenheit des genialen Ermittlers daher zwar bewundern, aber sie färbt nicht ab.

Andere Gründe

Möglicherweise gibt es noch einen weiteren Grund, dass Gewalt in Geschichten über Superhelden omnipräsent ist, nämlich ihre Herkunft. Angefangen bei Superman, ist die ganz überwiegende Zahl ist zuerst als Comic erschienen und physische Gewalt ist graphisch deutlich leichter darzustellen als Gedanken. Das Gleiche gilt für die filmische Umsetzung.

So was wie ein Fazit

Das erklärt jedoch nicht ihre anhaltende Beliebtheit. Daher vermute ich, dass der eigentliche Grund hinter all den Explosionen und Special Effects der ist, das ist, was oben schon durchklang: Superhelden sind gut für‘s Ego. Sie siegen für uns und indem wir uns mit ihnen identifizieren, befriedigen wir unseren latenten Wunsch nach Überlegenheit. Solche Allmachtsfantasien sind zwar höchst pubertär (nicht umsonst wurde Superman von zwei Teenagern entwickelt), aber wer will schon immer erwachsen sein?

So lange die Gewalt nicht, wie bei Batman vs. Superman Überhand nimmt, ist mein einziger Wunsch an dieses Genre: Gebt uns mehr Frauen! Nicht nur als Geliebte, Gehilfin oder Opfer, sondern als eigenständige Heldinnen und Superschurkinnen mit eigenem Recht auf eine gute Geschichte. Davon gibt es noch viel zu wenige!**

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Bildquelle: alan9187 via pixabay


*Ja, das ist DC und nicht Marvel, aber so eng sieht mein Sohn das nicht. Superheld ist Superheld. Marvel mehr davon am Start, also beschäftigt er sich mehr mit Marvel.

**Wenn ich oben schrieb, dass ich Superhelden wenig abgewinnen kann, war das durchaus nicht im Sinne des generischen Maskulinum gemeint.


Der Beitrag entstand im Rahmen der Blogparade des Nornennetzes zu Fantasy und Gewalt.