[Werkstattgeplauder] Wie heldenhaft müssen Hauptfiguren sein?

Gerade im Bereich der Fantastik gehen viele Schreibtipps implizit oder explizit davon aus, dass die Protagonist*innen einer Geschichte das Gute verkörpern und die Antagonist*innen irgendwo auf der dunklen Seite agieren. Dementsprechend wird man mit Ratschlägen überhäuft, wie man den perfekten Schurken schreibt oder wie man seine Held*innen sympathisch macht.

Aber muss das so sein?

Vor ein paar Tagen gab es dazu ein interessantes Gespräch auf Twitter. Ausgangspunkt war dieser Tweet von @MichaelLeuchtenberger, in dem er zugab, wenig Lust zu haben, über Held*innen im klassischen Sinn zu schreiben:

Die Kommentare waren durch die Bank zustimmend. Als Grund wurde genannt, dass man sich mit solchen Figuren besser identifizieren könne. Außerdem lieferten sie reichlich Stoff für innere und äußere Konflikte, was gut für die Spannung sei. Als drittes Argument wurde genannt, dass Figuren ohne Schwächen auch nichts hätten, das sie überwinden und daran wachsen könnten.

Das ist alles vollkommen richtig und wird so auch in verschiedenen Schreibratgebern so bestätigt. Ich glaube aber, dass da ein generelles Missverständnis vorliegt. Deshalb möchte ich diese Begründungen, so wie ein paar der gängigen Schreibtipps zu Protagonist*innen einmal hinterfragen und auf ihre Stichhaltigkeit abklopfen.
Fangen wir ausnahmsweise von hinten an.

Müssen Protas Schwächen haben, die sie überwinden?

Es gibt unendlich viele Geschichten, die davon handeln, dass die Zentralfigur Schwächen oder Charaktermängel überwinden muss, um zum gewünschten Erfolg zu kommen oder wenigstens ein besserer Mensch zu werden. Fast jeder Martial Arts Film basiert darauf, aber auch Und täglich grüßt das Murmeltier ist so ein Beispiel. Phil Connors ist anfänglich genau so ein Kotzbrocken wie Ebenizer Scrooge aus Dickens Weihnachtsgeschichte, und beide müssen eine ähnlich fundamentale Wandlung durchmachen, um zum Ziel zu gelangen. Auch Marianne Dashwood aus Verstand und Gefühl (Sense and Sensibility) von Jane Austen muss erst von ihrer romantischen Weltsicht „geheilt“ werden, bevor sie ihr Glück findet.
Kurzum: Dieser Topos der Läuterung ist so verbreitet, dass man von einem eigenen Plot sprechen kann.

Aber verleiht das der Aussage generelle Gültigkeit, dass Protas Schwächen haben und überwinden müssten, um daran zu wachsen? Ich meine nein.
Alle Beispiele haben nämlich gemeinsam, dass die Schwäche im Mittelpunkt der Handlung steht.
Aber nicht alle Schwächen sind derart zentral. Ein Charakter kann launisch sein, kaffeesüchtig oder snobistisch. Er oder sie kann Hunde hassen, kleine Kinder verabscheuen oder Angst vor großen Höhen haben. Alles das wird das Verhalten dieser Figur und damit auch die Handlung beeinflussen. Zum Beispiel kann die Höhenangst dazu führen, dass die Figur einen bestimmten Weg meidet und gerade dadurch in Schwierigkeiten gerät. Aber selbst, wenn sie das Schlamassel überstanden hat, kann sie immer noch Angst vor Höhen haben.
Oft sind die Schwächen in diesem Fall der Charaktere nur ein erzählerischer Kniff, um die Handlung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Außerdem erzeugt es natürlich Spannung, wenn der unter Höhenangst leidende Prinz auf der Flucht vor seinen Verfolgern plötzlich an der Kante einer tiefen Schlucht steht, über die nur eine schmale, fragil wirkende Brücke ohne Geländer führt. Auf der anderen Seite wäre er sicher. Wird er seine Angst überwinden? Oder wird er zaudern? Werden die Schergen der roten Königin ihn einholen?
Stay tuned!
Damit sind wir bei der nächsten Frage:

Bild: Alexas_Fotos via Pixabay

Brauchen Protas Schwächen, um Stoff für Konflikte zu liefern?

Im Beispiel oben trägt der Prinz einen inneren Konflikt aus, indem er mit seiner Höhenangst kämpft. Und weil viel auf dem Spiel steht, ist das natürlich auch spannend. Genauso kann es spannend sein, zu beobachten, was passiert, wenn zwei Menschen mit konträren Ansichten und gegenseitigen Vorurteilen durch äußere Umstände gezwungen sind, zusammenzuarbeiten. Auch hier sind Konflikte vorprogrammiert und Konflikte sind nun mal ein Garant für Spannung.

Allerdings ist damit nicht gesagt, dass die Konflikte unbedingt durch Schwächen der Hauptfigur initiiert werden müssen. Gegenbeispiele liefern nicht nur die zahlreichen Superheld*innen, die dank ihrer Superkräfte vollkommen konfliktfrei durchs Leben kämen, wenn es keine superschurkischen Kontrahenten auf der anderen Seite gäbe. Außer ihnen gibt es noch eine andere Kategorie von Protas, die auch ohne offensichtliche Schwächen und Charaktermängel auskommt, die aber selten besprochen wird und für die es meines Wissens auch keine spezielle Bezeichnung gibt. Ich nenne sie mal positive Katalysatoren, weil ihr zweites Merkmal darin besteht, dass sie im Laufe der Geschichte zwar andere aber nicht sich selber verändern. Zu diesen positiven Katalysatoren gehört u. a. Paddington, der kleine Bär, der einfach nur lieb und freundlich zu jedem ist, bis jede/r andere auch lieb und freundlich ist. Ein weiteres Beispiel ist Vianne Rocher, die Hauptfigur aus Chocolat – Ein kleiner Biss genügt. Auch sie kommt ohne Schwächen und Charaktermängel aus. Die Konflikte entstehen allein aufgrund der Vorurteile ihrer Mitmenschen.

Mit anderen Worten: Schwächen und Charaktermängel liefern zwar wunderbaren Zündstoff für Konflikte und können damit für Spannung sorgen. Das heißt aber nicht, dass die Protagonisten unbedingt Schwächen und Charaktermängel haben müssen.

Müssen die Protas Identifikationsfiguren sein?

Zugegeben: Diese Frage empfinde ich kniffelig.
Einerseits scheint das Bedürfnis, sich mit den Protas zu identifizieren, bei vielen Leser*innen hoch zu sein. Jedenfalls lese ich in Rezensionen immer wieder den Satz „Ich habe mich mit XY gut identifizieren können.“ Auch im Rahmen der Diversitätsdebatte wird immer wieder angemerkt, dass man auf ein breites Figurenspektrum achten solle, damit sich alle Gruppen in Geschichten wiederfinden. Und noch eins ist klar, nämlich dass jede/r von uns Schwächen hat, und dass wir uns deshalb eher in solchen Figuren wiederfinden, die ähnliche Schwächen haben, wie wir.
Andererseits finde ich mich in beiden Positionen nicht ganz wieder. Ja, ich finde es durchaus angenehm, wenn die Figuren meine eigenen Vorstellungen wiederspiegeln, ähnliche Schwächen aufweisen und mit vergleichbaren Problemen kämpfen. Auf der anderen Seite finde ich es faszinierend, in eine ganz andere Vorstellungswelt einzutauchen. Die Welt aus neuen Perspektiven zu betrachten, ist um so viel auf- und anregender als sich im altbekannten auszuruhen. Das heißt aber auch, dass ich mich mit den Protas gar nicht unbedingt identifizieren muss. Ich komme auch prima mit solchen klar, die ganz anders sind, die andere Entscheidungen treffen oder einen anderen Blick auf die Welt haben. Wichtig ist mir nur, dass diese Entscheidungen b. z. w. ihr Blick auf die Welt für mich nachvollziehbar sind.

Aus meiner eigenen Perspektive kann ich daher nur sagen, dass Protas keine Identifikationsfiguren sein müssen. Allerdings sind die Ansprüche verschieden und deshalb würde ich in dem Punkt einen Rat abwandeln, der Schreibratgebern oft vorangestellt wird: „Schreib die Protas, die du gerne lesen möchtest.“

Müssen Protas sympathisch sein?

Wenn man sich mit den Protas schon nicht identifizieren können muss, sollten sie dann wenigstens sympathisch sein? Auch dazu, wie man das hinbekommt, gibt es ja diverse Tipps von Schreibratgebern, so z. B. „Rette die Katze“ von Blake Snyder, das den ersten Vorschlag bereits im Namen trägt.
Andererseits gibt es auch Bücher die hervorragend funktionieren, obwohl die Protagonisten alles andere als Sympathieträger sind. Heinrich Manns Der Untertan wäre so ein Beispiel. Sein Protagonist Diederich Heßling besitzt nicht einmal Charisma. Ganz offenbar geht es also auch anders.

Allerdings kann ich mir bestimmte Genres auch nicht mit unsympathischen Charakteren vorstellen. Liebesromane zum Beispiel. Wieso sollte sich jemand in einen grundsätzlich unsympathischen Menschen verlieben?
Gut, Young Adult setzt da neue Maßstäbe. Offenbar reicht es vielen „Heldinnen“ des Genres schon ein irgendwie geartetes „heißes“ Aussehen, um sämtliche Charaktermängel zu ignorieren, sich unsterblich in den Creep zu verlieben und das Ganze auch noch für romantisch zu halten. Zugegeben viele Vampirromane sind nicht besser, auch wenn sie für älteres Publikum geschrieben sind. Insofern ist die Zuspitzung auf Young Adult nicht ganz fair. Aber ganz allgemein würde ich doch meinen, dass man sympathischen Charakteren eher zutraut zueinander zu finden, ihnen die gegenseitige Zuneigung auch eher abnimmt und das Happy End gönnt.

Auch sonst sorgen sympathische Charaktere eher dafür, dass die Leser*innen Anteil an ihrem Schicksal nehmen und deshalb weiterlesen. Bei einer unsympathischen Hauptfigur ist es ungleich schwerer, die Leser*innen bei der Stange zu halten, wenn sie sich nicht ohnehin gleich angewidert abwenden.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass sympathische Charaktere zwar kein Muss sind, aber lieber gelesen werden. Um das zu erreichen, ist es durchaus sinnvoll, ihnen auch ein paar, wenn auch nicht allzu gravierende Schwächen mitzugeben. Schließlich mögen wir auch in der Realität Menschen mit kleinen Schwächen lieber als solche, die keine Fehler zu haben scheinen. In Büchern wirken ganz fehlerlose Charaktere schnell steril und langweilig.

Sollten Protas Vorbilder sein?

Wenn du mir bis hierher gefolgt bist, beschäftigt dich vielleicht auch diese Frage. Sollten Protas nicht doch irgendwie heldenhaft sein, um als Vorbild dienen zu können? Stören Fehler da nicht irgendwie? Darf der Prinz aus dem ersten Beispiel, ein solcher Feigling sein, dass er es selbst unter Lebensgefahr nicht schafft, die Schlucht zu überwinden, obwohl er doch der Auserkorene ist, um die Welt zu retten? Darf er sich den Schergen der roten Königin heulend vor die Füße werfen und um sein Leben betteln?
Das wäre absolut nicht heldenhaft und als Vorbild untauglich, sagst du und dabei stimme ich dir vollkommen zu. Aber wenn du mich nach meiner Sicht der Dinge fragst, darf er das trotzdem. So, wie ich das sehe, müssen Protagonist*innen keine Vorbilder sein. Sie sind zwar die Hauptfiguren, aber ihre erste und wichtigste Eigenschaft ist es, die Handlung voranzubringen. So lange sie diese Aufgabe erfüllen, ist es unwichtig, ob sie widerliche Schleimbeutel auf zwei Beinen sind oder heldenhaft, großmütig und klug. Als Autorin oder Autor bist du frei, wie du sie gestalten willst.
Aber, fragst du jetzt vielleicht, was ist, wenn meine Hauptfigur nicht nur eine Schwäche hat, sondern einen richtigen Charaktermangel? Bleibt nicht die Moral auf der Strecke, wenn ich eine rassistische Kinderhasserin zur Protagonistin machen oder einen versoffenen Incel zum Protagonisten?

Quelle: Hans via Pixabay

Ganz ehrlich? Natürlich darfst du. Dann ist dein Protagonist/deine Protagonistin ein schlechter Mensch, aber so what? Niemand verbietet dir, über schlechte Menschen zu schreiben. Ob dabei die Moral auf der Strecke bleibt, hängt davon ab, ob du sein Verhalten als richtig darstellst. Hier sind wir wieder bei dem Problem, das ich schon oben bei Young Adult und bei den Vampirromanen angesprochen habe: Es gibt inzwischen unzählige Romane, in denen Stalking, Gaslighting und verschiedene Formen psychischen und physischen Missbrauchs als romantisch verklärt oder Zeichen von Überlegenheit gedeutet werden. Aber so lange du das nicht tust, ist zumindest aus meiner Sicht alles o. k.
Das gilt besonders, wenn du Korrektive einbaust, d. h. wenn deine Figur für ihre Haltung auch kritisiert wird und moralische Niederlagen einstecken muss. Ganz generell gilt aber, dass wir gar nicht moralfrei schreiben können. Jede Geschichte, jeder Charakter trägt irgendwo eine Moral in sich. Es beginnt schon mit der Auswahl dessen, welche Geschichten wir für erzählenswert halten. Es geht weiter damit, wie wir unsere Figurenliste besetzen, welche Konflikte wir einbauen und auf welchen Wegen wir unsere Charaktere zum Ziel gelangen oder scheitern lassen. Das Meiste davon passiert ganz unbewusst. Deshalb ist vor allem wichtig, diese Prozesse immer mal wieder zu reflektieren und nachzudenken, ob wir so verstanden werden, wie beabsichtigt. Also nicht einfach draufloszuschreiben, die eigenen Kinks zu verallgemeinern und darauf zu vertrauen, schon richtig verstanden zu werden. So oder so: Deine Leser*innen werden sich selber ein Bild vom Charakter deiner Protas machen und ihr eigenes Urteil fällen.
Unterschätze sie nicht. Sie sind nicht blöd.

Zusammenfassung

Protagonist*innen dienen dazu, die Handlung voranzutreiben. Wie sie das tun, wie perfekt sie sind und wie moralisch sie dabei handeln, liegt an dir. Wenn du ihnen kleine Schwächen verleihst, kann das hilfreich sein, aber es ist kein Muss. Genauso wenig, wie es ein Muss ist, sie als gute Menschen darzustellen. Als Autor oder Autorin bist du frei, sie nach deinen Ansprüchen an deine Geschichten zu gestalten.
Das Einzige, was du beachten solltest ist, die Geschichte so zu schreiben, dass sie nicht deinen eigenen Moralvorstellungen widerspricht. Damit bist du zwar immer noch nicht vor Kritik und Missverständnissen gefeit. Aber du kannst sie besser vor dir selber vertreten und das macht auch den Umgang mit Kritik leichter.

Wie siehst du das? Wie heldenhaft (und moralisch) müssen Hauptfiguren sein?

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#WirSchreibenDemokratie – Und ich schreibe mit

Eigentlich sollte das hier eine politikfreie Zone werden,

schrieb ich vor etwa anderthalb Jahren als Reaktion auf das Erstarken der AfD,

ein Wolkenschloss mit Elfenbeintürmchen sozusagen, abgeschieden von der realen Welt. Genau wie meine Geschichten. Ich verstehe mich nicht als politische Schriftstellerin.

Inzwischen hatte ich Zeit diese Position zu überdenken. Ich verstehe mich nach wie vor nicht als politische Schriftstellerin. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass ich irgendwen zu irgendetwas bekehren will. Meine Geschichten sollen in erster Linie unterhalten. Aber natürlich habe ich eine Meinung und eine Haltung. Beides prägt die Figuren, die ich erschaffe und die Geschichten, die ich erzähle. Ich glaube nicht, dass ich z. B. einen klassischen James Bond schreiben könnte, einfach, weil ich dieses Klischee des männlichen Mannes (ja, die Doppelung ist beabsichtigt) albern und ein bisschen ekelhaft finde.

Diese Haltung prägt natürlich auch die Beiträge im Blog, die sehr viel politischer sind als ursprünglich geplant. Spätestens, seit ich angefangen habe, auch über Sprache zu schreiben und Tipps zur Figurenentwicklung zu geben, ist das Politische sozusagen durch die Hintertür hereingekommen.
Das gestrige Wahlergebnis hat mich bewogen, nun auch die Vordertür zu öffnen, denn das, was da gestern in den Bundestag eingezogen ist, hat mit Demokratie nichts am Hut. Bei Ankündigungen, wie, man werde sich „sein Volk zurückholen“, möchte ich schreien. Ich bin nicht das Volk von irgendwem. Ich bin kein Eigentum, kein Besitz und ganz bestimmt lasse ich mich von niemandem einfach holen! Schon gar nicht von einem alten Mann mit Hundekrawatten. Das ist nicht mein Kandidat und das Land, von dem er träumt ist und war nie meine Heimat.

Mein Deutschland ist ein reiches, fruchtbares Land, wobei ich „reich“ und „fruchtbar“ nicht nur im materiellen Sinne verstehe. Mein Deutschland ist ein Land, dessen Bewohner so selbstbewusst sind, dass sie anderen offen gegenüber treten können. Ein Land, in dem Kultur sich nicht als etwas gegebenes, abgeschlossenes verstanden wird, weil sie schon immer von anderen Kulturen befruchtet wurde und weil man es versteht, von anderen zu lernen. Mein Deutschland ist das Land, in dem jeder in den Grenzen der Gesetze nach seiner Façon selig werden kann und in dem Freiheit ganz selbstverständlich auch die Freiheit des anders Denkenden bedeutet.
Das ist vielleicht eine Utopie. Aber eine, für die es sich zu leben und zu streiten lohnt.

Auch das ist ein Zitat aus dem Artikel von vor anderthalb Jahren und in diesem Punkt hat sich meine Meinung kein bisschen geändert. Deshalb schließe ich mich dem vom Nornennetz aufgebrachten Hashtag #WirSchreibenDemokratie an und deshalb wird es hier von jetzt an auch offen politische Artikel geben. Wer das nicht erträgt, braucht hier ja nicht mitzulesen. Noch ist es ein freies Land und wenn ich mit meiner Stimme, mit meinen Worten oder mit meinen Taten irgendetwas dazu beitragen kann, wird es das auch bleiben!

#CharactersofSeptember (Tag 4) – Serainas Bild von sich selbst

Seraina ist einer der Geister, die in der Geschichte „Der Fluch des Spielmanns“ den Spielmann Corvin verfolgen. In der Challenge CharactersofSeptember gebe ich ihr die Gelegenheit, sich im Interview näher vorzustellen.

Nike: „Hallo Seraina, schön dich hierzuhaben. Heute geht es um das Bild, das du von dir selber hast. Wie siehst du dich.“

Seraina zuckt mit den Schultern, verzieht das Gesicht, schüttelt den Kopf und zuckt erneut mit den Schultern, bevor sie zögernd zu sprechen beginnt: „Wie ich mich sehe? Die Frage ist so allgemein … Wer soll darauf eine sinnvolle Antwort geben?“

Nike: „Ok, ich formuliere die Frage anders: Was macht dich aus?“

Seraina: „Ich bin ich. Was gibt es da groß zu erzählen? Ich bin genau, was ich zu sein scheine: Eine joculatrix – eine Gauklerin, wie ihr sagen würdet.“

Nike: „Du jonglierst und unterhältst die Menschen mit deiner Kunst. Machst du das gerne?“

Seraina: „Es hilft zu überleben, oder? Und Kunst würde ich es nicht nennen.“

Nike: „Gut, dann eben Artistik. Aber ich weiß, dass du ziemlich gut darin bist.“

Seraina: „Wenn gut bedeutet, dass mir lange nichts runtergefallen ist, ja.“

Nike: „Gibt es sonst irgendwelche Attribute, mit denen du dich beschreiben würdest?“

Seraina: „Aufrichtig. Jedenfalls in dem Sinn, dass ich zu dem stehe, was ich gesagt oder getan habe. Loyal. Pragmatisch. Wenn ich so darüber nachdenke, ist das vielleicht sogar meine ausgeprägteste Eigenschaft.“

Nike: „Danke, dass du dir die Zeit genommen hast.“

Seraina: „Keine Ursache. Es ist nicht, als hätte ich zur Zeit besonders viel zu tun.“


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Der Fluch des Spielmanns ist als eBook für alle gängigen Lesegeräte erhältlich, z. B. bei diesen Anbietern:

https://books2read.com/Spielmannsfluch

(Der Klick auf ein Icon leitet in den jeweiligen Shop weiter)

[Selfpublishing] Welche Software wird gebraucht? – Teil 1: Der Schreibprozess

In Foren kommt immer wieder die Frage auf, welche Software man braucht, um eBooks und/oder Prints zu veröffentlichen. Dazu schon mal vorab: Die Eine Antwort darauf gibt es nicht. Es gibt großartige Software für verschiedenste Zwecke und Anwender. Daher muss das, was für den einen stimmt, für die andere noch längst nicht passen. Deshalb werde ich mich mit Empfehlungen zurückhalten und nur erzählen, was ich verwende und warum.

Ganz grundsätzlich braucht man geeignete Programme für folgende Bereiche:

  • Schreiben (Verfassen von Manuskripten)
  • Erstellung von eBooks
  • Buchsatz für Print
  • Grafik für Covergestaltung, Werbung etc.

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Schreiben

Das eine Textverarbeitung unverzichtbar ist, dürfte klar sein, oder? Ich kenne jedenfalls niemanden, der noch glaubt, mit einem handgeschriebenen Manuskript irgendwo landen zu können. Selbst Verlage bestehen immer öfter auf der Einsendung einer Textdatei und im Selfpublishing bleibt gar keine andere Wahl. Ganz egal, ob man nun eBooks oder ausschließlich auf Papier veröffentlichen will – man braucht eine digitale Vorlage.

Die Frage ist eher, was die Textverarbeitung können soll. Wenn man „einfach nur“ Texte runtertippen will, reicht ein normales Office-Programm. Sehr beliebt ist Word, vermutlich einfach deshalb, weil es bekannt ist. Ein exzellenter Ersatz (und in meinen Augen sogar besser) ist der Writer aus dem Libre Office.
Ganz grundsätzlich kann Libre Office alles, was Word kann, „versteht“ deutlich mehr Textformate (darunter .doc und .docx), lässt sich durch unzählige Plugins ausbauen – und ist vollständig kostenlos. Ich habe vor Jahren mit dem Vorgänger Open Office angefangen, weil der (im Gegensatz zu Word) auch alte Worddateien lesen konnte und bin hochzufrieden, wenn es um kurze Texte geht.
Bei langen Texten zeigen sich die Nachteile dieser Office Pakete: Sie sind vor allem auf Büroarbeit ausgelegt. Nicht auf das Verfassen von Manuskripten mit mehreren hundert Seiten Umfang, Dutzenden von Haupt- und Nebenfiguren und diversen Schauplätzen. Das macht das Verwalten und Auffinden von Informationen mühsam. Es gibt zwar die Suchfunktion, man kann sich selbst Datenbanken anlegen und Sprungmarken in den Text setzen – aber es braucht eine große Selbstdisziplin, das auch tatsächlich zu tun.

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Das ist der Punkt, an dem verschiedene Spezialprogramme ansetzen. Sie versprechen Hilfe beim Plotten, Ordnen des Stoffs und der Informationen. Sehr beliebt sind Dramaqueen, Scrivener und Papyrus.
Wer nur Unterstützung beim Aufbau und Plotten sucht, dem reicht vielleicht sogar der y-Writer. Der y-Writer fällt in die Kategorie „nicht schön, aber ganz praktisch“. Man kann den Aufbau vorstrukturieren, indem man Szenen definiert und die dann Kapiteln zuordnet. Darüber hinaus bietet der y-Writer Datenbanken für Figuren und Orte, in die man auch Bilder einbinden kann, einen Wordcount, diverse Statistikfunktionen und einige wirklich nützliche Einstellungen. Die Nachteile sind, dass die deutsche Übersetzung nicht dolle ist (das ist jedenfalls bei meiner Version so), die Dateien in seltsamer Reihenfolge abgespeichert werden, das Design alles andere als hübsch ist. Dafür ist das Programm kostenlos.
Ich habe meinen ersten Roman mit y-Writer geplottet und in weiten Teilen auch geschrieben (nein, den gibt es nicht zu kaufen), aber so richtig warm geworden bin ich mit dem Programm nicht. Letztendlich habe ich alles wieder nach Open Office kopiert und dort zu Ende geschrieben.

Wegen der oben schon beschriebenen Einschränkungen von normalen Textverarbeitungsprogrammen, bin ich letztendlich auf Papyrus Author umgestiegen. Ob man Papyrus nimmt oder Scrivener, ist fast schon eine Glaubensfrage. Scrivener bietet unzweifelhaft tolle Funktionen und scheint deutlich bedienfreundlicher als Papyrus. Da hat man manchmal das Gefühl, die Programmierer hätten den Ehrgeiz gehabt, alles anders zu machen, als in anderen Programmen. Für jemanden, der seit Jahren keine Maus beim Schreiben mehr braucht, eine echte Nervenprobe.
Scrivener ist außerdem schon im Grundpreis deutlich günstiger und wird den NaNo-Teilnehmern auch noch vergünstigt angeboten.
Trotzdem hat Papyrus einige Vorteile, die ich erst nach und nach so richtig zu schätzen lerne. Der größte ist die Rechtschreib- und Grammatikfunktion. Dank enthaltenen Duden erkennt dieses Programm jeden unvollständigen Satz und findet jeden Rechtschreibfehler (bei falschen Wörtern stößt es allerdings an seinen Grenzen). Für Selfpublisher, die sich kein Korrektorat leisten können, lohnen sich Papyrus alleine deshalb schon. Darüber hinaus kann man in Papyrus, wie beim y-Writer Szenen definieren, umstellen und verschieben, es bietet aber auch einen Zeitstrahl, mit dem man (angeblich, ich komme mit dem Ding nicht zurecht) im Auge behalten kann, wann welcher Charakter wo was getan hat und eine Mindmap, die sich perfekt zum Ideen finden und sortieren eignet. Man kann Notizen schreiben und an eine virtuelle Tafel kleben, natürlich kommentieren und, und, und … Ach, und eine „normale“ Textverarbeitung besitzt es auch. Ich könnte mein Libre Office eigentlich auch löschen.
Mache ich aber nicht, denn ich arbeite nach wie vor gern damit.

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Dramaqueen ist noch mal etwas ganz anderes. Dramaqueen wurde ursprünglich nicht für Romanschriftsteller, sondern für Drehbuchautoren entworfen. Der Ansatz dieses Programms ist die charakterorientierte Storyentwicklung. Dementsprechend bietet Dramaqueen Analysetools, die helfen sollen, Plot- und Spannungslöcher aufzuspüren, sowie die Figurenentwicklung voranzutreiben. Einiges davon ähnelt den Funktionen des y-Writers, ist aber optisch deutlich ansprechender.
Ich muss zugeben, selbst keine Erfahrungen mit Dramaqueen zu haben, sondern nur Bilder und Tutorials zu kennen. Aber einige meiner Bekannten nutzen es und schwören darauf.

Letztendlich gilt das oben Gesagte: Die perfekte Software gibt es nicht. Man muss ausprobieren, womit man selber am besten zurecht kommt.

 

[Werkstattgeplauder] Die Crux mit den Frauenrollen

Vor ein paar Tagen fragte eine Kollegin, wie alt man sein müsse, um Erfahrung zu haben. Konkret ging es um eine Kräuterfrau Anfang zwanzig. Ob die schon erfahren sein könne?
Das Gespräch entwickelte sich schnell schnell weiter zu einer grundsätzlichen Frage: Warum müssen Heldinnen immer jung und schön sein? Oder anders gesagt: Warum finden sich jenseits von jung und schön nur noch die Hexen, Stiefmütter und die intriganten alten Weiber?

Die Frage hat mich nicht losgelassen und so kam es zu folgendem Zwiegespräch zwischen meinem schreiberischen Ich und dem Über-Ich, das ich hier ungekürzt und in aller Polemik wiedergebe. Zur besseren Übersicht spricht das Ich in grau und das Über-Ich in schwarz.

Das mit junge, schöne Protas vs. alte Hexen ist wirklich so ein Klischee und eigentlich wollen wir ja weg davon. Außerdem wird es in der alternden Gesellschaft vielleicht sogar begrüßt, wenn nicht nur die 16 – 21jährigen Liebesabenteuer erleben, sondern auch mal die, sagen wir, 50plusserinnen ihren Traumprinzen abkriegen?

Stimmt. Allerdings – wieso Traumprinz?

Wer sagt denn, dass Liebesgeschichten immer hetero sein müssen? Es könnte doch auch sein, dass die 50plusserin entdeckt, dass sie gar nicht auf Männer sondern auf Frauen steht.

Gute Idee. Sie findet also die Liebe ihres Lebens und die ist eben nicht überirdisch schön, sondern normal. Also gerne ein bisschen übergewichtig, orangehäutig und auch nicht mehr die sportlichste. Dafür aber, sagen wir: Türkin.
Türkin ist gut. Das bringt Interkulturalität und zusätzliche Konflikte und Konflikte sind immer gut.
Dafür sind beide aber total nett und sympathisch und deshalb fiebern wir natürlich mit, denn das Happy End gehört ja irgendwie dazu.

Das hat was. Aber mal ganz generell gefragt: Warum dürfen Frauen nicht auch mal die Fiesen sein? Also richtig böse Superschurkinnen, die Spaß an Folter, Mord oder dem Zerstören von Welten haben, statt immer nur aus Liebeskummer zu handeln?
Du bringst mich da auf eine geile Idee! Das wäre doch mal ein Superplot: Eine schon etwas ausgelutschte 50plusserin verliebt sich in eine fette, türkische …

Oh, wait!

Huston, wir haben ein Problem!

Lesbische Superschurkin ist nicht. Es gibt so wenige lesbische Protagonistinnen, dass jede als Stellvertreterin für alle Lesben gesehen wird. Wenn ich also eine lesbische Superschurkin habe, die aus Freude am Foltern foltert, dann werden alle denken, du hast was gegen Lesben. Und wenn die dann auch noch Türkin ist, bist du außerdem Rassistin.
Wenn, muss die weiße Kartoffel die Böse sein, dann gleicht sich das vielleicht wieder aus.

Puhhhhhhhh!

Also fette, türkische Lesbe verknallt sich in die schurkische Kartoffel, wechselt auf die dunkle Seite der Macht. Gemeinsam sind sie noch stärker und weiten ihren Geschäftsbereich aus, bis …
Ne, kannste nicht machen. Erstens glaubt das kein Mensch und zweitens ist das wieder Anti-LGBT.
Ok, sie verlieben sich also und kämpfen auf der dunklen Seite der Macht, bis sie werden wie Thelma und Louise …
Halt, stopp! Das ist zwar schon besser, aber wer bringt denn den Untergang? Doch garantiert die Polizei, also im Zweifel Männer. Dabei geht es hier um Frauenrollen, Herrgott, … Verzeihung: Große Mutter nochmal!
Also dritter Anlauf: Die fette Türkin verliebt sich, sieht dann aber ihren Fehler ein, beseitigt die Kartoffel und rettet die Welt.
Das ist mir auch schon wieder zu Mainstreamig. Muss denn der Superschurke immer gleich gekillt werden? Und dann auch noch eine Weiße von einer PoC? Das riecht nach Rassismus.
Den Punkt hatte ich nicht bedacht. Also die supernette Türkin, die natürlich Atheistin ist, überzeugt die Weiße davon, auf die helle Seite zu wechseln. Das hat dann auch noch eine hübsche Konnotation, wenn ausgerechnet die Weiße erst auf der dunklen Seite steht und dann durch die Liebe ihrer dunkelhaarigen Freundin gerettet wird.
Super Plot! Projekt gerettet! Jetzt muss ich nur noch ’ne Story drumrum basteln.

Ja, nicht so schnell: Müssen die sich unbedingt verlieben? Wer sagt eigentlich, dass sich Frauen unbedingt verlieben müssen?
Müssen sie ja gar nicht. Sie können zum Beispiel auch Nachbarinnen sein, die sich aber nicht leiden können …
Nein, das geht auch nicht, wir wollen positive Frauenrollen. Frauen, die sich gegenseitig unterstützen. Keinen Zickenkrieg, das ist nicht nur ein böses Wort, sonder auch so ein Klischee, das es zu bekämpfen gilt.
Also: Sie sind Freundinnen.
Ja, und der Konflikt? Wo bleibt der Konflikt? Du weißt, dass du einen brauchst.
Der Konflikt ist natürlich die Gesellschaft. Sie sind beide über 50, übergewichtig und lesbisch. Aber die Gesellschaft erwartet von ihnen, dass sie jung, hübsch und hetero sind. Außerdem ist eine auch noch Türkin. Das ist doch Konfliktstoff, oder?
Stoff schon, aber noch kein Konflikt. Da brauchst du mehr. Vor allem müssen sie aktiv sein und etwas tun. Aktivität ist schließlich das, was eine gute Protagonistin auszeichnet.
Gut, was hältst du davon: Sie eröffnen gemeinsam eine interkulturelle Konditorei, oder warte, besser: ein Hammam! Eins, wo nur Frauen Zutritt haben! Und alle Frauen sind natürlich total begeistert, auch weil sie mit einem ganz neuen Körpergefühl rauskommen, auch wenn es natürlich auch Gegner gibt. Ich stelle mir da zum Beispiel so eine alte, vertrocknete Lehrerin vor …
Achtung! Ganz dünnes Eis, meine Liebe! „Alte, vertrocknete“ ist Bodyshaming! Und nichts gegen Lehrerinnen!
Die Lehrerin ist ja nur am Anfang dagegen, aber nachdem sie das Hammam einmal besucht, ist sie hin und weg und hilft den beiden Lesben gegen ihren ärgsten Widersacher, so einen echten Widerling …
EINEN MANN? Sag mal, willst du jetzt die Männer diskriminieren?


An dem Punkt habe ich die Diskussion mit meinem Über-Ich abgebrochen und mich darauf besonnen, dass ich ohnehin erst die Geschichte glattziehe, bevor ich mir Gedanken über die Besetzung mache. Aber natürlich bleibt das Grundproblem erhalten: nämlich welche Figuren wir als Autor*Innen und Leser*Innen eigentlich wollen.
Und bevor jetzt irgendwer auf die Idee kommt, das sei ein Problem des Genderns oder des Feminismus: Das Problem, gute Figuren zu schaffen, existiert keinesfalls nur für Frauen. Ich kann das gleiche Fass problemlos auch für Männer aufmachen. Die Konstruktion des idealen Superhelden wäre auch sehr spaßig.


Als Ergänzung hier noch ein Artikel der Edition F, über den ich eben auf Twitter gestolpert bin. Andere Perspektive aber das gleiche Problem.

[Werkstatt] Die Grundhaltung der Figuren als Charaktermerkmal

Letzte Woche hatte ich im Zusammenhang mit der Frage, wie mit Charakterbögen umzugehen sei, in einem Nebensatz geschrieben, dass es bei der Charakterisierung von Figuren in erster Linie auf ihre Haltung ankäme. Damit meine ich nicht die Körpersprache, also ob jemand schnell geht, aufrecht steht oder niemandem in die Augen sieht. Alle genannten Eigenarten sind zwar ebenfalls wunderbar geeignet, eine Figur zu charakterisieren, aber sie rühren aus einer inneren Haltung, um die es hier gehen soll.

Mit dieser inneren Haltung meine ich zunächst die Grundstimmung einer Figur: Ist sie optimistisch, ängstlich, feindselig, nervös, neugierig … Das zu bestimmen, fällt am Anfang nicht immer leicht, ist aber ungemein wichtig, denn diese Grundstimmung ist das, was in Krisensituationen durchschlägt (und ein Buch besteht, wie wir alle wissen, vor allem aus kleineren und größeren Krisen). Sie bestimmt das Verhalten der Figur in der Krise und verändert sich im Lauf einer Geschichte nicht.
Du* meinst, das stünde im Widerspruch zu allem, was in Schreibratgebern steht? Nämlich, dass Figuren im Verlauf der Geschichte eine Wandlung durchmachen sollen?
Stimmt.
Und stimmt doch nicht.
Aber der Reihe nach.

Zunächst mal lässt sich dieses Phänomen auch bei „realen“ Menschen beobachten. Obwohl die Entwicklungspsychologie inzwischen davon ausgeht, dass „Persönlichkeit“ nichts ist, das sich zwischen 16 und 25 fixiert und fortan nicht mehr ändern lässt*, bauen die meisten Menschen danach nur noch ihre Marotten aus. Vielleicht lernen sie auch mit gewissen Schwächen umzugehen. So kann ein chaotischer Mensch ein gewisses Maß an Ordnung in sein Leben bringen, indem er Hilfsmittel wie To-Do-Listen verwendet. Aber anders, als bei einem Ordnungsfanatiker werden bei ihm immer unsortierte Bereiche bleiben, in denen das Chaos die Oberhand behält. Mit anderen Worten: Reale Menschen ändern schon etwas, aber im Normalfall bleibt ihre Persönlichkeit im Kern gleich. Es muss schon ein sehr großer Anstoß von Außen kommen, damit sich die Persönlichkeit grundlegend ändert. Solche Anstöße können u. a. Traumata, spirituelle Erlebnisse (Nahtoderfahrungen, Offenbarungen etc.), aber auch psychiatrische Behandlungen sein.

Für literarische Figuren gilt das Gesagte um so mehr, da sie sich zwar ändern sollen, ihre Handlungen aber für den Leser nachvollziehbar bleiben müssen. Genau das erreicht man am Besten indem man ihnen eine Haltung mitgibt, die bis zum Schluss unverändert bleibt, auch wenn die Figur vielleicht lernt, mit den daraus resultierenden Problemen umzugehen. Ron Weasleys Angst vor Spinnen ist ein schönes Beispiel: Er wird in den verschiedenen Harry-Potter-Bänden immer wieder auf verschiedene Weise mit ihr konfrontiert. Manchmal ist das Ergebnis witzig (wie bei dem Irrwicht), aber immer muss er seine Angst zugunsten eines höheren Ziels überwinden und schafft es auch. Trotzdem würde er unglaubwürdig werden, wenn er eine noch so winzige, flaumige Spinne plötzlich „niedlich“ fände.

Wie kommt man nun zu dieser Grundhaltung?
In der Fantasy ist das vergleichsweise leicht, weil hier die Grundhaltung oft schon durch Rasse und Charakterklasse vorgegeben ist. So sind Tolkiens Elben immer großherzig, dem Schönen zugeneigt und gleichzeitig so vergangenheitsfixiert, dass man sie schon fast reaktionär nennen könnte. Hobbits sind gutmütige Genusswesen, Orks zerstörerisch und nur dem Recht des Stärkeren gehorchend. Bei den Charakterklassen haftet Dieb, Assassine und Spion immer Verschlagenheit an, während Ritter gerecht sind und Heiler (im Gegensatz zu Schamanen) Fürsorge verkörpern.
Klischees?
Klar sind das Klischees. Niemand sagt, dass du dich daran halten musst. Aber diese Klischees geben einen guten Eindruck davon, was ich mit „Grundhaltung“ meine.

Tatsächlich mag ich Charaktere, die gegen das Klischee gebürstet sind. Als Discovery Writer würde ich daher vermutlich hergehen und mir überlegen, welche Eigenheiten meine Figuren haben sollen, ihnen eine interessante Aufgabe geben und dann sehen, wie sie damit zurecht kommen.
Nun bin ich aber Plotter, d. h. ich plane meine Geschichten durch, bevor ich anfange zu schreiben. Das bedeutet auch, dass ich zumindest eine grobe Vorstellung vom Inhalt der Geschichte habe, bevor ich mir Gedanken über die Figuren mache. Dementsprechend läuft auch die „Rollenbesetzung“ ein bisschen anders. Wer jetzt an ein Casting für einen Film denkt, liegt gar nicht mal verkehrt.
Es gibt ja so eine Schreibtheorie, wonach alle Geschichten in „story driven“ oder „charakter driven“ einsortiert werden. Also danach, ob die Spannung eher aus der Handlung entsteht oder ob die Charaktere im Vordergrund stehen. In aller Unbescheidenheit möchte ich behaupten, dass die besten Bücher beides sind. Meiner Meinung nach lassen sich Charakter und Handlung nicht trennen. Der Charakter einer Figur beeinflusst ihre Handlungen, was Prozesse in Gang setzt, die neue Handlungen erfordern, die wieder auf dem Charakter beruhen. Wäre Bilbo nicht aus dem Haus gegangen, wäre er Gollum nicht begegnet und auch keinem Drachen. Hätte Galadriel den Ring genommen, wäre Frodo nicht über Lothlorien hinausgekommen.
Wenn ich also überlege, wie ich eine Rolle besetzen will, überlege ich als erstes, welcher grundlegende Charakterzug meine/n Prota antreibt und die Geschichte am Laufen hält. Bei O Tannenbaum war das die bedingungslose Hingabe der Dryade an ihren Baum. Bei Fluch des Spielmanns ist es die verbotene Liebe zur schönen Hulda und bei Steppenbrand Dejasirs Gier nach Macht und Reichtum.
Diese Grundhaltung muss natürlich durch zusätzliche Facetten ergänzt werden, damit die Figuren glaubwürdig agieren. Teilweise können diese Facetten sogar im scheinbaren Widerspruch zur Grundhaltung stehen. Faramir ist hier ein schönes Beispiel (der Buchcharakter noch stärker, als der im Film): Er würde alles tun, um die Gunst seines Vaters zu gewinnen; er riskiert dafür sogar sein eigenes Leben. Aber als ihm der Ring in die Hände fällt, bleibt er sich und seinem Charakter treu, obwohl er weiß, dass sein Vater ihn dafür nur noch mehr verachten wird.

Jetzt bin ich gespannt: Wie entwirfst du deine Charaktere?
Ich freue mich über jeden Kommentar.


 

*Das „du“ ist nicht despektierlich gemeint. Ich habe mich für diese informelle Anrede entschieden, um den informellen Charakter dieser Werkstattgespräche zu betonen.

** Das Leben ist eine Baustelle, Interview mit der Psychologin Ursula Staudinger, Karriere-Spiegel 29.08.2013

[Werkstatt] Über Charakterbögen (#Autorenwahnsinn die 2.)

Beim Autorenwahnsinn, der von Schreibwahnsinn ausgerufenen Challenge lautet die Frage diese Woche: Benutzt du Charakterbögen, um deine Charaktere zu entwickeln?

Kurz gesagt: Nein.

Jedenfalls nicht zur Entwicklung von Charakteren.

Früher habe ich es getan und dadurch auch eine ganze Menge über Figurenentwicklung gelernt. Inzwischen bin ich davon aber abgekommen.

Warum ich Charakterbögen sinnvoll finde

Das sollte ich vermutlich erklären, also fange ich mal mit den Vorteilen von Charakterbögen an. Für mich sind das im Wesentlichen drei Punkte:

  • Charakterbögen helfen vielschichtige Figuren zu entwickeln
    Der erste Vorteil eines Charakterbogens ist schon mal, dass er Anstöße gibt, sich tiefere Gedanken über seine Figuren zu machen. Ich weiß ja nicht, wie es dir beim Schreiben deiner ersten Geschichte ging, aber ich habe mir anfangs kaum Gedanken zu meinen Figuren gemacht. So lange ich noch Fanfictions über existierende Charaktere geschrieben habe, war das kein größeres Problem, aber meine ersten eigenen Figuren gerieten unerträglich flach.
    Charakterbögen können dabei helfen, einen vor solchen Fehlern zu bewahren, weil sie einen dazu bringen, die Figuren vor dem Schreiben zu durchdenken. Gute Charakterbögen enthalten immer auch Fragen zum sozialen Hintergrund, Vorlieben, Abneigungen und Phobien, sowie besonderen Stärken und Schwächen.
  • Charakterbögen helfen, die Handlungen der Figuren nachvollziehbar zu machen
    Wenn man einen ausgearbeiteten Charakter mit Stärken und Schwächen hat, der entsprechend seinen Vorlieben und Abneigungen handelt, wirkt er „rund“ und seine Handlungen sind für den Leser nachvollziehbar. Nicht durchdachte Figuren tun dagegen nur, was für die Handlung gerade erforderlich ist. Das macht sie vorhersehbar, gleichzeitig aber auch sprunghaft und insgesamt wenig glaubwürdig.
    Indem man sich vorher Gedanken zu seinen Figuren macht, bewahrt einen der Charakterbogen auch davor, die Figur Dinge tun zu lassen, die nicht in ihrer „Natur“ liegen und Handlungsalternativen zu finden, die für diesen Charakter stimmig sind.
  • Charakterbögen helfen, die Übersicht zu behalten
    Hieß die Kollegin der Protagonistin nun Kirstin oder Kerstin? Mayer oder Meyer? Hat der blöde Nachbar von gegenüber blaue oder graue Augen? Wie hieß noch mal der elbische Kampfstil, den der Protagonist …?
    Wenn man einen Roman schreibt, tauchen solche und ähnliche Fragen unweigerlich auf und irgendwann werden es einfach zu viele, um sie alle im Kopf zu behalten. Da sind entsprechende Listen unglaublich hilfreich. Deshalb legt man sich am Besten von Beginn an Verzeichnisse von Orten, Gegenständen oder Personen (aka Charakterbögen) an, in denen man im Bedarfsfall nachschlägt.

Natürlich hilft das alles nur, wenn man sich auch daran hält und gelegentlich mal in seinen Charakterbögen nachschaut, ob das denn so stimmt, was man sich zu einer Figur überlegt hat.

Warum ich trotzdem keine Charakterbögen zur Figurenentwicklung nutze

Die Figuren anhand von Charakterbögen zu entwickeln, hat für mich zwei ganz entscheidende Nachteile.

  • Fixierung auf Äußerlichkeiten
    Fast jeder Charakterbogen fängt mit Äußerlichkeiten an und meist nehmen Äußerlichkeiten auch einen breiten Raum innerhalb des Charakterbogens ein. Das ist insofern logisch, weil das Äußere das ist, was man zuerst an einer Person wahrnimmt. Ich habe aber festgestellt, dass das Äußere beim Schreiben so ziemlich das Unwichtigste an einer Figur ist. Ob die betreffende Person nun groß, klein, alt, jung, braunhaarig oder grünäugig ist, spielt für die Geschichte meist keine Rolle. Was eine Rolle spielt, ist ihre Haltung, wie sie tickt, was sie im Innersten antreibt, wie sie sich unter Stress verhält. Das sind aber Dinge, die sich mit einem Charakterbogen nur schlecht bis gar nicht entwickeln lassen.
  • Fehlplanungen
    Ein anderes Problem, das ich bei der Entwickung von Figuren anhand von Charakterbögen habe, besteht darin, den Charakter ohne Rücksicht auf seine Funktion in der Geschichte zu entwickeln. So können tolle Figuren entstehen, keine Frage. Aber was nützt mir ein supersensibler Künstler, der hart daran arbeitet, seinen Vaterkomplex zu überwinden, wenn ich für den Fortgang der Geschichte jemanden brauche, der einen reißenden Fluss überwindet, um ein wertvolles Artefakt aus dem Nest des Vogels Rokkh zu stehlen?
    Natürlich lässt sich das Problem überwinden, indem man ihn ganz unbekannte Seiten an sich entdecken lässt oder noch jemanden in die Geschichte reinschreibt, der den Helden aus der Patsche befreit. Nur bedeutet das, dass auch an anderen Stellen ganz viele Stellschrauben verändert werden müssen, damit das Ergebnis wieder „passt“.
    Für Discoverywriter stellt sich dieses Problem vermutlich nicht. Aber für mich, als Plotterin, die immer auf ein bestimmtes Ziel hinschreibt bedeutet das mehr Arbeit, mehr Nerv, größere Unzufriedenheit.

Als weiter Punkt ließe sich noch einfügen, dass man alles, was man einer Figur angedichtet hat, gerne auch in der Geschichte unterbringen will – bis hin zum traumatischen Verlust des geliebten Meerschweinchens. Dass ich es nicht getan habe, liegt daran, dass man immer überflüssigen Kram erfinden muss, um seine Figuren besser kennen zu lernen, vollkommen unabhängig davon, ob man nun einen Charakterbogen benutzt oder nicht.
Und vermutlich erzähle ich auch niemandem etwas Neues, wenn ich sage, dass man diesem Wunsch besser nicht nachgibt, so lange die Information die Geschichte nicht vorantreibt.

Wofür ich Charakterbögen immer noch benutze

Wie schon oben gesagt, sind Listen unabdingbar, wenn man bei längeren Texten die Übersicht behalten will.

Genau dafür benutze ich Charakterbögen. Der Charakterbogen startet als leeres Dokument, aber so bald ich an einer meiner Figuren eine Eigenschaft entdecke, wird sie im Charakterbogen notiert bzw. mit den älteren Einträgen abgeglichen. Natürlich halte ich dort auch biographische Details fest, die in der Geschichte auftauchen. So wächst der Charakterbogen der jeweiligen Figur parallel zur Geschichte.

Oder besser gesagt: Die Figur entwickelt sich mit der Geschichte. Umgekehrtes Discoverywriting, sozusagen, bei dem man als Autor nicht die Geschichte entdeckt, sondern die Charaktere, die sie vorantreiben.
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Bildquelle: quimono via pixabay

Ähnlich, wie ein Schachspieler verfolge ich einen Plan – die Geschichte. Um sie zu erzählen, benötige ich die Figuren. Und wie der Schachspieler muss ich versuchen, ihre Stärken optimal auszuspielen.
Da die Figuren am Anfang jedoch noch ganz auf einige wenige, aber grundlegende Attribute reduziert sind, stelle ich genau das sicher. Da ich als Autorin aber auf beiden Seiten des Bretts sitze, sorge ich gleichzeitig dafür, Druck auf die Figuren aufzubauen und zwinge sie, sich mit ihren Schwächen auseinanderzusetzen. Ich habe den Eindruck, dass sich in diesem offenen Verfahren eine größere Dynamik entwickelt, als das bei „vorgefertigten“ Charakteren der Fall ist.

Natürlich kann es sein, dass Lücken bleiben. Im Fluch des Spielmanns ist z. B. nur das Äußere der beiden Frauen näher beschrieben, weil das ganz maßgeblich den Verlauf beeinflusst. Über Pater Gion erfährt man noch, dass er ein bärtiger Greis ist; aber wie der Protagonist und der schöne Pirmin aussehen, ist ganz der Fantasie des Lesers überlassen. Tatsächlich habe ich dazu auch keine Notizen, abgesehen von einer groben Altersangabe bei Pirmin.

Ich würde gerne auch die Charakterbögen verlinken, die ich benutze (es sind mehrere, die ich nach Bedarf kombiniere). Dabei besteht allerdings das Problem, dass ich sie selbst irgendwann mal aus dem Netz runtergeladen habe und nicht mehr weiß, von wem.
Sie jetzt als meine zu reklamieren, empfände ich als extrem unfair. Deshalb lasse ich das. Außerdem, wer weiß, vielleicht gibt es längst bessere, ich habe lange nicht mehr geguckt.


Das Titelbild ist ein Screenshot von www.schreibwahnsinn.de

O Tannenbaum – Die Figuren

Ein Vorteil kürzerer Texte ist bekanntlich, dass man sich nicht unendlich viele Namen merken muss. Einer der Gründe, warum ich die Novellen und Kurzgeschichten russischer Schriftsteller liebe, während ich an ihren Romanen regelmäßig scheitere. Auch O Tannenbaum hat diesen Vorteil; die Besetzungsliste ist sehr kurz.

Ein Grund mehr, die handelnden Figuren hier einmal vorzustellen. Da wären (nicht unbedingt in der Reihenfolge ihres Auftritts):

  • Velona, die Protagonistin – eine Dryade,
  • Narya, ihre Schwester – logischerweise noch eine Dryade,
  • Crara – eine Krähe,
  • Croa – eine weitere Krähe,
  • Maik – ein Mann (menschlich),
  • Boris – ein Mann (menschlich),
  • Silke – seine Frau, ebenfalls menschlich,
  • Anouk – Kind, Tochter von Silke und Boris,
  • Simon – Kind, Sohn von Silke und Boris,
  • Luzi – ein Kater,
  • der Baummörder – Mann (menschlich),
  • der Händler – Mann (menschlich),
  • eine Ratte,
  • ein Hund,
  • die Hundebesitzerin – menschlich

Und nein, es wird keine Liebesgeschichte zwischen Simon und Velona geben. Aber das hatte ich im letzten Beitrag ja schon angedeutet.

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Überarbeiten: den inneren Lektor loslassen

lyrics-710329_640Bekanntermaßen soll man den inneren Lektor während der Schreibphase am Besten in ein schallisoliertes Kellerloch abschieben, um sich ganz seiner Muse zu widmen. Ist das Werk dann fertig, wird die Muse auf Erholungsurlaub geschickt und der innere Lektor darf aus dem Verlies. So oder so ähnlich beschreiben es verschiedene Schreibratgeber.

Aber wenn es darum geht, was er dann machen soll, wird es teilweise sehr vage. Andreas Eschbach empfiehlt den 10-PunkteText-ÜV, auf dem auch die Stilanalyse von Papyrus beruht. Andere begnügen sich mit allgemeineren Tipps  (Kill your Darlings, achte auf abwechslungsreiche Sprache, streiche Adjektive und Adverbien u. s. w.) oder klammern das Thema ganz aus. Vielleicht, weil die Autoren der Meinung sind, alles Wesentliche bei Stil, Aufbau und Personenentwicklung gesagt zu haben und meinen, das müsste man nur noch umsetzen.
Das ist im Prinzip alles richtig, setzt aber m. E. an der falschen Stelle an und verleitet zu einem Riesenfehler, genauso zu überarbeiten, wie man schreibt: Von vorne nach hinten. Mit Satz eins anzufangen und den so lange zu polieren, bis er wie blanker Knochen funkelt, hat für mich den entscheidenden Nachteil, dass die Überarbeitung auf diese Weise elend lange dauert. Mit Pech verliert man dadurch nicht nur die Lust, sondern außerdem den Überblick und übersieht Plotlöcher. Oder man vergisst, dass die Protagonistin gegen Fischeiweiß allergisch ist und verpasst ihr einen anaphylaktischen Schock, weil sie versehentlich in ein Erdnussbuttersandwich gebissen hat. Sowas ist blöd.

Meine Überarbeitungsstrategie ist deshalb etwas anders.

Zunächst mal drucke ich den Text aus. Darin gehe ich mit den meisten Ratgebern noch vollkommen konform. Eigene Fehler sieht man nur schwer. Ein anderes Format sorgt dafür, dass sie besser auffallen. Ich nehme sogar eine andere Schrift. Auf dem Bildschirm ist, wie vermutlich bei den Meisten, Times New Roman voreingestellt, für Ausdrucke benutze ich Arial (11 Punkt, anderthalbzeilig mit 6 cm Rand auf der rechten und 2 auf der linken Seite).
Anschließend lese ich das Ganze und mache mir Notizen. Soweit normal – allerdings betreffen meine Notizen weniger den Stil, als den Inhalt. Bei diesem ersten Lesedurchgang prüfe ich vor allem drei Dinge ab:

  1. Ist die Handlung in sich logisch? Hierzu gehört, dass die einzelnen Ereignisse aufeinander aufbauen, keine Plotlöcher bestehen und keine Dei ex machinae eingreifen.
  2. Sind die Figuren interessant und verhalten sie sich ihrem Charakter entsprechend? Jemand, der sonst alle Hindernisse mit Gewalt beseitigt, mutiert nicht plötzlich zur eloquenten Quasselstrippe oder haut ab, nur weil der Plot das gerade braucht. Gut, letzteres könnte man auch als Unterpunkt der Logik betrachten. Mir fällt es aber leichter, die Charaktere und ihre Entwicklung im Auge zu behalten, wenn ich sie als eigenen Punkt betrachte.
  3. Stimmt die Spannung und sitzen die Plotpunkte da, wo sie hingehören? Wenn die Spannung verflacht, kann es daran liegen, dass man es den Charakteren zu leicht gemacht hat, zum Ziel zu kommen. Oder dass man Fragen zu schnell beantwortet. Hier gilt es also, zu überlegen, mit welchen Mitteln man die Spannung hochschrauben kann. Aus dem gleichen Grund sollte man seine Wendepunkte prüfen. Wenn zu viel (Lese-)zeit vergeht, ohne dass eine neue Entwicklung eintritt, schläft der Leser eventuell ein.

Das heißt nicht, dass ich nicht auch notiere, wenn mir eine besonders misslungene Formulierung auffällt. Aber welchen Sinn hat es, einen Satz liebevoll zurechtzubasteln, wenn am Ende die ganze Szene gestrichen wird, weil sie nichts zur Entwicklung beiträgt oder unlogisch ist? Daher mache ich mich erst an die stilistische Überarbeitung, wenn diese drei Punkte geklärt sind.

Die Idee dafür habe ich mir übrigens bei Sol Stein abgeguckt, der in „Über das Schreiben“ eine ähnliche Vorgehensweise propagiert. Bei ihm hat das Ganze sogar einen Namen. Er nennt diese Art des Vorgehens in Anlehnung an die Katastrophenmedizin „Triage.“ Anders, als ein Katastrophenmediziner widmet er sich aber nicht zuerst den leichtesten, sondern den schwerwiegendsten Fällen, d. h. denen, die am ehesten zur Ablehnung durch einen Verlag führen könnten. Anders, als oben vorgeschlagen, fängt Stein mit den Figuren an. Er sagt aber selber, das sei kein in Stein gehauenes Gesetz.
Vermutlich kann man sich daher genauso zuerst den Aufbau vornehmen und bei den Plotpunkten ansetzen.


Sol Stein, Über das Schreiben, Zweitausendeins, 11. Aufl. Frankfurt a. M. 2008

Helden vs. Schurken?

Neben dem Schreiben lese ich auch ziemlich viel. Romane, Zeitung, Twitter, Kochbücher, Schreibratgeber, um nur einige zu nennen. Aktuell lese ich mal wieder Sol Stein, „Über das Schreiben“ (erschienen bei Zweitausendeins). Das Buch ist sowas, wie ein Klassiker unter den Schreibratgebern, zumal Stein sowohl als Autor, als auch als Lektor erfolgreich war, bevor er das Buch schrieb.

Trotzdem stelle ich mal wieder fest, dass ich dieses Buch nicht mag. Nicht nur, weil Sol Stein nach meinem Empfinden ein bisschen sehr auf seinen Erfolgen herumreitet, sondern auch, dass ich manche seiner Behauptungen für falsch halte.
Aktuell geht es z. B. um Protagonisten und Antagonisten. Stein meint dazu, die beiden schwerwiegendste Fehler, der einem Autor unterlaufen könne, seien:

Ein Protagonist, der nicht weiß, was er will und ein Bösewicht, der im Grunde nichts weiter ist, als ein ungehobelter Rüpel.

Hinsichtlich des Protagonisten würde ich wenigstens noch grundsätzlich zustimmen können, wenn Stein nicht wenig später verlangen würde:

Nehmen wir zuerst einmal den „Helden“, der nicht heldenhaft ist, dem die notwendige Energie und zur Willenskraft zur Verfolgung seiner Ziele fehlt. Seien wir ehrlich, die Leser interessieren sich nicht für solche Schwächlinge. Ihr Interesse gilt der Person, die etwas will, die es unbedingt und auf der Stelle will.

He-Man statt Hamlet also. Auch Hobbits, deren Interesse eher der nächsten Mahlzeit, als einem Gewaltmarsch durch Mittelerde gilt, wären damit wohl raus. Trotzdem hat fast jeder den Namen Hamlet schon mal gehört. Bei He-Man würde ich meine Hand dafür nicht ins Feuer legen.
Außerdem finde ich Helden deutlich heldenhafter, wenn sie am Anfang überhaupt keinen Bock haben, vom Sofa runter zu kommen. Ganz abgesehen davon, dass jeder, der unbedingt mit Drachen kämpfen will, in meinen Augen ein Kandidat für die Darwin-Awards ist, weil sein Ende als Grillfleisch absehbar ist. Das Gleiche gilt für alle anderen Gefahrsuchtis. Intelligente Couch-Potatoes sind für mich im Buch wie im Leben deutlich attraktiver.  Hauptsache, sie kriegen ihren Arsch hoch, wenn es wirklich nötig ist. So wie die Hobbits eben.

Aber zurück zu Stein und seinen Vorstellungen zu Charakteren: Ich gebe ihm insoweit recht, dass ein Antagonist, der nur durch schlechtes Benehmen auffällt, eher nervt. Was ich aber nicht unterschreiben würde ist, dass der Antagonist unbedingt ein Bösewicht sein muss. Das Wort „Bösewicht“ in dem Zitat oben ist übrigens weder ein unpassend gewähltes Synonym, noch eine Fehlübersetzung. Stein schreibt am Ende der Passage:

Was die Charakterisierung des Bösewichts betrifft, so ist schlechtes Benehmen viel weniger eindrucksvoll als eine wahrhaft niedere Gesinnung, die diesen Menschen Befriedigung und sogar Freude dabei empfinden lässt, wenn er den Helden verletzt oder daran hindert, sein Ziel zu verwirklichen.

Kann man so sehen. Auf Sauron und Lord Voldemort trifft das bestimmt zu. Aber schon bei Saruman und Severus Snape habe ich da meine Bedenken. Und bei Game of Thrones von J.R.R. Martin wird oder bei der Königsmördertrilogie von Patrick Rotfuss wird es ganz unübersichtlich, wer da „gut“ und wer „böse“ ist.
Letztlich glaube ich auch nicht, dass solche Klischees nötig sind, so lange man starke Figuren mit gegensätzlichen Interessen hat. Das sind jedenfalls die Figuren, über die ich Bücher lesen und deren Geschichten ich erzählen will.