Supernatural

Nein, hier geht es nicht um die Serie. Dieser Monat steht ganz im Zeichen des IndieBuchtobers, der Challenge von Indie-Buecher.de. Hier geht es um Bücher. Genau genommen um Indie-Bücher, d. h. solche, die nicht in den großen Publikumsverlagen erschienen sind.

„Supernatural“ beschreibt die heutige Tagesaufgabe: „Übernatürliches“. Also das, was mit Naturgesetzen nicht zu erklären ist. Alles, was mit Göttern zu tun hat, mit Dämonen, Geistern oder Feen. Auch Kräfte können darunter fallen, wie die Fähigkeit der Gestaltwandlung, des Gedankenlesens und der Telekinese.

Damit ist das Thema des Tages eine Steilvorlage, einmal ganz schamlos Eigenwerbung für den Codex Aureus zu betreiben. Dass selbstverlegte Bücher Indie sind, wird wohl kaum jemand bestreiten. Und wie so oft in der Fantastik, lauert das Übernatürliche auch in meinen Geschichten. Mal versteckter wie bei Steppenbrand, wo offen bleibt, ob Dejasirs Halsschmuck vielleicht doch mehr ist, als eine wunderbare Goldschmiedearbeit und ob er und Shoulaika nach ihrem Tod wirklich zu Geistern wurden. Das Übernatürliche kann aber auch ganz offen auftreten, wie zuletzt in den beiden Kurzgeschichten in Was von ihnen blieb.



Alle Aufgaben der Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Buch mit Werwölfen
02.10. Kerze und Buch17.10.Kürbis
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Gruselzitat20.10.das allergruseligste Buch
06.10.schwarze(s) Cover21.10. herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.gruseliges Buch23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.herbstliches Cover26.10.Buch und Schal
12.10.Buch und Heißgetränk27.10.schwarz und orage
13.10.Seite/Kapitel 13 Satz 1328.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichten29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

Bekenntnisse

Leider bin ich durch Krankheiten quer durch die Familie und die Tage auf der Buchmesse so raus aus der Vampirgeschichte, dass mit der Wiedereinstieg sehr schwer fällt. Parallel dazu wächst schon die nächste Geschichte in meinem Kopf, die wieder in der Welt der Khon und der Wüstenstädte spielen wird.

Aber erst schreibe ich die Geschichte der Vampirin fertig. Versprochen!

Halloween: Geister, Grusel und Geschichte(n)

Morgen abend ist es wieder so weit: Verkleidete Kinder und Jugendliche werden von Tür zu Tür laufen, klingeln und mit Trick-or-Treat-Rufen Süßigkeiten einfordern. Selbstverständlich wird eine Schüssel bereit stehen, aus der ich etwas in die ausgestreckten Hände legen werde. Vielleicht kostümiere ich mich dafür sogar. Wahlweise als Hexe oder Teufelin. Das macht man so an Halloween. Genauso, wie man Fratzen in Kürbisse schnitzt und eine Kerze hineinstellt, damit sie schaurig schön im Dunklen leuchten. An Halloween sind die Geister los. Altes keltisches Brauchtum. Weiß doch jeder.

Ok, den Kindern sind die Süßigkeiten wichtiger. Vielleicht auch der Spaß an der Verkleidung. Das wohlige Gruseln, im Dunklen draußen zu sein.

Die geschichtlichen Hintergründe sind mehr was für uns Erwachsenen. Wir können uns richtig schön aus der Moderne ausklinken. Alte Bräuche aufleben lassen. Und dann auch noch keltische. Schließlich ist deren Kultur – im Gegensatz zu den germanischen – nie ideologisch pervertiert worden, also sozusagen rein und unschuldig.
Ok, auch Halloween ist natürlich völlig kommerzialisiert. Aber im Kern bleibt doch das gute Gefühl, der Verbundenheit mit etwas Größerem, Numinosem.

Dabei ist durchaus unklar, ob die Herleitung von den Kelten überhaupt stimmt. Genauso ist eine christliche Tradition denkbar, die sich von Allerheiligen ableitet und sich immer wieder mit Aberglauben und Volksbräuchen aufgeladen, vermischt und erneuert hat.
Wenn ich mir ansehe, wie schnell Bräuche aus der Mode geraten können (wie z. B. das Rummelpottlaufen in Hamburg), fällt es mir schwer, an eine über tausendfünfhundertjährige Traditionslinie zu glauben.

Aber ist das überhaupt wichtig? Ich meine nicht. Wenn etwas Spaß macht und sich gut anfühlt, warum sollte es relevant sein, ob es Kelten oder Christen waren, die das Ganze aufgebracht haben? Wir leben schließlich im Jetzt und Hier. Bei uns wird es morgen deshalb auf jeden Fall Kürbis geben.

Für Schriftsteller sieht die Sache etwas anders aus. Für Schauer- und Geistergeschichten bieten sich Halloween, die Walpurgisnacht oder auch die Rauhnächte zwischen den Jahren als wunderbare  Folie an, weil auch moderne Leser damit gewisse Erwartungen verknüpfen, die man erfüllen oder brechen kann.
Anders sieht es beim historischen Roman aus. Da einfach die These von den „Keltenfesten“ zu übernehmen, halte ich für gewagt, zumal auch die Archäologen den Begriff „der Kelten“ inzwischen nur unter Vorbehalt gebrauchen.

Wie siehst du das: Ist dir die geschichtliche Einordnung persönlich wichtig, oder ist Halloween für dich ein Spaß, den man eben mitmacht, weil alle es tun?

 

Lucifer

Seit neuestem gibt es eine Serie auf Amazon Prime Video, die ich sehr gerne sehe: Lucifer. Die Serie ist ein Crime-Fantasy-Crossover, das auf einem Spin Off zu Gaimans Sandman Comics beruht und ursprünglich für den amerikanischen Fernsehsender Fox produziert wurde.

In Los Angeles ist der Teufel los. Lucifer Morningstar, der Herr der Hölle hat sich selbst auf unbestimmte Zeit beurlaubt und zusammen mit dem Dämon Mazikeen einen höchst irdischen Nachtclub eröffnet. Allerdings hat er sein Verlangen, andere für ihre Verfehlungen zu bestrafen, nicht verloren und als eines seiner Protegees getötet wird, stürzt er sich begeistert in die Ermittlungsarbeit. Dabei kommt ihm seine Fähigkeit zugute, Menschen dazu zu bringen die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie dabei ihre geheimsten Wünsche offenlegen. Seine große Schwäche ist jedoch, dass er immer die Wahrheit sagen muss, was immer wieder zu Spannungen mit seiner Partnerin Detective Chloe Decker führt. Sie ist zudem die Einzige, die gegen Lucifers Charme immun ist.
Auch Gott ist not amused und beauftragt Lucifers Bruder, den Engel Amenadiel, Lucifer zurückzubringen. Andernfalls, so die Drohung, müsse Amenadiel Lucifers Job übernehmen. Der tut sich mit Mazikeen zusammen, die sich wegen der drohenden Vermenschlichung ihres Chefs sorgt.

Ein bisschen erinnert das Ganze an Serien wie Castle oder den Mentalist mit einem Schuss Dexter. Aber Lucifer setzt noch einmal eine Schippe drauf. Ein Protagonist, der nicht nur trinkt, sondern auch alles nimmt, was gute Laune macht und grundsätzlich bereit ist mit jedem Sex zu haben (auch mit mehreren gleichzeitig), ist dann doch ein bisschen anders.
Wobei man dazu sagen muss, dass sämtliche expliziten Szenen sorgfältig umschifft werden. Da macht sich dann doch die amerikanische Prüderie bemerkbar: Selbst wenn der Herr der Hölle nach durchtriebener Nacht mit drei Frauen im Bett aufwacht, trägt er immer noch Shorts und die Frauen ordentlich sitzende BHs und passende Höschen.

Abgesehen von solchen kleinen Unstimmigkeiten ist die Serie aber, wie schon oben gesagt, sehr unterhaltsam. Popcornkino im Kleinen sozusagen.

Der Kinobesuch der alten Dame

Beitrag zur 4. Clue Writing Challenge

Wie das dann immer so ist: Da dachte ich, mal eben eine nette kleine Kurzgeschichte aus dem Ärmel zu schütteln – aber denkste! Geschrieben war sie ja schnell, nur leider, leider trotz allem zu lang. Also habe ich die letzten Tage Seitenstränge rausgerupft, Adjektive gejätet, Lieblinge über die Klinge springen lassen und jeden Satz gelöscht, der nicht unbedingt notwendig war. Jetzt habe ich das Gefühl, dass nur noch ein Skelett übrig geblieben ist, durch dessen kahle Knochen der Wind pfeift. Dafür hält sich die Geschichte so gerade eben im vorgegebenen Rahmen. Und wer weiß, vielleicht kommt die Langversion irgendwann zusammen mit einer anderen Geschichte, die für eine eigenständige Veröffentlichung zu kurz ist, in den Codex Aureus.
Genug geschwafelt. Ich hoffe, sie gefällt euch trotzdem.

Der Kinobesuch der alten Dame

Sie war die Älteste, ein Fremdkörper zwischen den hippen, jungen Dingern, die der Film anlockte. Es waren nicht mehr viele. Vermutlich wurde er bald abgesetzt. Zu ärgerlich, auch wenn sie ihn nicht mochte. Beim ersten Mal war sie noch amüsiert über die naive Vorstellung von Dämonen. Inzwischen fand sie ihn nur noch entsetzlich schmalzig. Dennoch: er zog Mädchen im richtigen Alter an. Noch dazu allein, ohne ihre Freunde. Nicht, dass sie etwas gegen Männer hatte; sie mochte sie sogar recht gerne. Aber im Moment war sie auf Mädchen aus und das Kino ihr aussichtsreichstes Jagdrevier. Die einzige Alternative waren Fitness-Studios, und wenn sie etwas noch mehr abstieß, als schmalzige Mystery-Filme, dann es Fitness-Studios. Erst recht mit diesem Körper. Nicht, dass sie ihn nicht mochte. Aber die Energie, die sie daraus zog, hatte ihn vorzeitig altern lassen. Höchste Zeit, etwas Neues zu finden.

In der Schlange vor dem Popcornstand wartete eine Blondine. Das helle Haar bildete einen hübschen Kontrast zu ihrem schwarzen Corsagentop und dem Tüllrock. Die vielleicht?
Die alte Dame stellte sich in der Parallelschlange an. Hörte, wie Blondie Käsenachos und eine große Cola bestellte und verzog das Gesicht. Was für eine Stimme! Misstönend, wie nasse Kreide auf einer Schiefertafel. Aber möglicherweise musste sie Kompromisse eingehen.
Das Mädchen zahlte und drehte sich um. Die alte Dame hätte vor Enttäuschung beinahe gefaucht. Blondie trug eine Brille, die ihre Augen auf Tischtennisballgröße anschwellen ließ. Ohne war sie vermutlich auf Geruch und Gehör angewiesen. Das war inakzeptabel!
Die Schlange rückte vor. Die alte Dame bestellte Popcorn und Cola, obwohl sie beides verabscheute. Während der Vorstellung würde sie das Zeug unter den Sitz stellen und vergessen. Bis dahin war es Tarnung.

Ein lilahaariger Gnom mit Vollmondgesicht zupfte sie am Arm.
„Hi! Sind Sie auch wieder hier!“, sprudelte der Vollmond. „Super Film, oder?“
Sie zwang sich, zu lächeln. „Ja, sehr romantisch“, entgegnete sie. Das war die Kehrseite ihres Charmes: Jeder fühlte sich zu ihr hingezogen. Nicht nur Männer. Männer in letzter Zeit sogar bedauerlich wenig. Dafür so dumme Dinger, wie das plumpe Geschöpf, das sie immer noch anstrahlte.
„Sagen Sie doch Anni zu mir! Ich bin nicht so förmlich. Und das hier ist übrigens Dierdra.“ Sie schob ein zweites Mädchen vor.
Dierdra lächelte halbherzig und zuckte mit den Schultern. Unter ihrer unförmigen Strickjacke war die Bewegung kaum sichtbar.
„Ich musste Dierdra echt überreden. Sie steht nicht auf solche Filme, hat sie gesagt. Aber der ist anders, richtig gut, hab ich gesagt. Der ist so gut, dass sogar diese alte Lady immer wieder kommt.“ Sie blickte die alte Dame treuherzig an. „Sie haben doch nichts dagegen, dass ich von Ihnen erzählt habe, oder? Na, jedenfalls hat’s gewirkt und sie hat gemeint, dass sie sich das mal anguckt.“
Dann wandte sie sich Dierdra zu und versicherte, dass sie ihre Entscheidung bestimmt nicht bereuen werde, weil der Film so toll, der Hauptdarsteller supersüß und alles überhaupt supercool sei. Dierdra wirkte, als sei ihr alles entsetzlich peinlich. Sie hatte die Hände in den Taschen der Strickjacke vergraben, als wolle sie sich darin verkriechen. Trotzdem war sie bezaubernd. Ihre Aufmachung war natürlich ein absolutes No-go, wie man heutzutage sagte, aber das Mädchen verfügte über Potential: Haut wie Sahne. Rabenschwarzes Haar, blaue Augen, Schmollmund. Sie war die Richtige. Endlich!

„Wenn wir schon beim Du sind – ich bin Asta“, sagte die alte Dame freundlich. „Ihr seid Freundinnen?“
Wieder war Anni war schneller. „Wir studieren zusammen. Sinologie. Dierdra ist neu und ich dachte, ich nehme sie ein bisschen unter die Fittiche“
Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, legte sie den Arm um Dierdras Taille. Dierdra versteifte sich kaum merklich, sagte aber nichts.
Asta war entzückt. Nun musste sie nur noch den Platz neben dem Mädchen bekommen. „Wo sitzt ihr denn, wenn ich fragen darf?“, fragte sie mit dem leisen Lachen, das wie eine charmante Art der Entschuldigung klang.
„Warum?“
„Ich dachte, es wäre nett, zusammen zu sitzen.“
Wie erwartet, war Anni begeistert, nestelte ihre Karte aus der Tasche und las die Nummern ab. Dierdra fragte skeptisch: „Und wenn der Sitz schon vergeben ist?“
„Oh, ich hoffe doch nicht!“, rief Asta in gespieltem Entsetzen. „Das Kino ist ja nicht einmal halbvoll.“ Dann senkte sie ihre Stimme und setzte verschwörerischen zwinkernd hinzu: „Notfalls flunkere ich ein bisschen und behaupte, dass ich Annis Tante bin und furchtbar gerne neben meiner Lieblingsnichte sitzen würde – was meint ihr?“

Am Ende saß sie aber doch neben Dierdra. Auf dem Platz neben Annis klebte ein Kaugummi. Kein echter, aber eine täuschend echte Illusion. Anni quietschte angeekelt, als Asta darauf deutete und Dierdra zog die Brauen zusammen.
Asta stellte die Colaflasche in den Halter und machte es sich mit dem Popcorn auf dem Schoß bequem. Wie gut, dass sie es gekauft hatte!

Kurz darauf begannen die Mädchen zu tuscheln. Die Dämonin spitzte die Ohren.
„Warte ab“, hörte sie Anni sagen. „Sie haben sich ja gerade erst kennen gelernt.“
„Aber was findet sie an ihm? Er sieht gut aus, aber …“
„Ja, heiß, nicht? Und an ihm ist schon mehr dran. Wirst schon sehen!“
Die Dämonin schielte zu Dierdra. Die unförmige Strickjacke lag zusammengeknäult auf ihrem Schoß. Die nackten Arme schimmerten weiß, bis auf eine dünne Ranke, die sich um den Oberarm wand. Eine Tätowierung, wie hübsch! Asta widerstand der Versuchung, die Hand auszustrecken, um die Umrisse mit dem Finger nachfahren. Aber wenn sie den Arm auf die Sitzlehne legte, würde sie vielleicht Dierdras Haut berühren. Ganz zart nur. Wie zufällig.
Lächelnd ließ sie den Arm auf das Polster sinken. Aber außer Dierdras Wärme war da noch etwas höchst beunruhigendes: Eine magische Aura! Ein Schutzzauber! Woher kam das? Dierdra war eine Langnase, zu rational, um an Zauber zu glauben. Es musste eine andere Erklärung geben. Irgendein altes Schmuckstück vielleicht. Etwas, das man trug, weil es schön war, ohne von seiner Wirkung zu wissen.
Vorsichtig, um nichts aufzuschrecken, falls doch mehr dahinter steckte, sandte die Dämonin ihre Magie aus. Der Zauber war alt. Er ging vom Hals des Mädchens aus. Die Dämonin spürte Metall, einen Hohlraum und einen Stein darin. Ein Medaillon. Der Stein war die Quelle. Sie tastete danach; bereit, sich jederzeit zurückzuziehen, falls die Magie des Steins zurückschlagen sollte. Nichts. Nur latente Magie. Vermutlich ahnte Dierdra nicht einmal, was sie da trug. Die alte Dame entspannte sich.
Alles würde gut gehen. Sie musste sich nur gedulden, bis die Liebenden glaubten, dem Unheil entkommen zu sein und sich das erste Mal küssten. Natürlich irrten sie. Der Held hatte die Zutaten für das Siegel falsch angemischt und Dämon war keineswegs in der Flasche gefangen. Die Zuschauer wussten, dass er entkommen und sich grausam rächen würde. So hielt das ganze Kino den Atem an, als der Schatten an der Wand hinter den Liebenden in die Höhe wuchs und keuchte, als er sich auf das Paar warf. Die Heldin kreischte. Die alte Dame stieß einen spitzen Schrei aus und warf in einer Abwehrbewegung ihr Popcorn um. In weiten Halbkreis flogen die Körner durch die Luft. Die meisten prallten von den vorderen Sitzreihen ab. Aber etliche trafen Dierdra.
„Oh, entschuldige meine Liebe!“, hauchte Asta in gespieltem Entsetzen. Sie versicherte sich kurz, dass Anni immer noch vom Geschehen auf der Leinwand gebannt war, wo Held und Heldin um ihr Leben rannten.„Was für ein Schlamassel! Lass mich dir helfen.“

Als ihre kalten Finger Dierdras Haut berührten, erwachte das Tattoo auf deren Oberarm zum Leben. Ranken schossen heraus, wickelten sich um Brust und Arme der alten Frau und fesselten sie an ihren Sitz. Dierdra beugte sich vor und schob ihr etwas kaltes in den Mund, das wuchs, bis Asta glaubte, zu ersticken. Was geschah hier?
„Ruhig Dämon“, flüsterte Dierdra.
Asta riss die Augen auf. Wie konnte sie das wissen?

Seelenruhig zog das Mädchen eine Dose aus seiner Handtasche, tauchte den Finger hinein und tupfte das Zeug auf die Stirn der alten Frau. Es stank und brannte entsetzlich. Die Dämonin warf sich gegen die Fesseln, versuchte den Kopf zu drehen oder wenigstens das kalte Ding in ihrem Mund auszuspucken. Vergeblich.
„Meine Vorstellung war nicht ganz vollständig“, erklärte Dierdra im Plauderton, während sie die Mixtur auf Astas Gesicht und Hals verteilte. „Mein vollständiger Name ist Dierdra O’Really. Meine Familie waren im 18. Jahrhundert recht bekannte Dämonenjäger. Inzwischen sind wir überwiegend im Sicherheitssektor tätig. Aber unser ursprüngliches Gewerbe haben wir nie ganz aufgegeben, auch wenn es längst nicht mehr so gut bezahlt wird. Wer glaubt heute schon noch an Dämonen?“
Sie lachte leise, wurde aber sofort wieder ernst. „Ich muss nicht daran glauben – ich weiß, dass ihr existiert. Der eigentliche Witz ist, dass ich das Studium nur angefangen habe, um mein Wissen über chinesische Dämonen zu vertiefen. Und dann schwärmt eine Kommilitonin von diesem Schmachtfetzen und der süßen alten Dame, die keine Vorstellung verpasst. Das kam mir verdächtig vor, also bin ich mitgegangen. Und was finde ich?“ Sie legte den Kopf schief, als erwarte sie eine Antwort.
Der Dämon wollte das schöne Gesicht zerkratzen, ihr die Haare ausreißen – aber die Ranken hielten. Ihre Gegnerin lächelte. „Vergiss es, Füchschen. Das bist du doch, oder? Eine Fuchsfee.“

Dierdra nahm einen neuen Batzen Creme und verteilte ihn auf den Armen der alten Frau. Die Salbe brannte tief unter der Haut. Die Fuchsfee winselte. Sie musste raus aus diesem Körper, bevor das Hexenzeug noch tiefer drang und ihr eigentliches Ich erreichte.

„Gleich darfst du raus. Nur einen Moment Geduld“, versprach das Mädchen, griff nach der Colaflasche. Das kalte Ding flutschte aus Astas Mund. Dafür spürte sie den Flaschenhals an den Zähnen. Dierdra flüsterte lockend ihren Namen: „Hǔlijīng! Komm heraus, Füchschen; komm heraus, Hǔlijīng!
Die Dämonin begriff. Das war kein einfacher Exorzismus! Verzweifelt versuchte sie, sich im Körper der alten Frau festzukrallen und presste Zähne und Lippen aufeinander. Zu spät.
Noch einmal lockte Dierdra: „Komm heraus, Füchschen, komm heraus, Hǔlijīng!“, und da konnte sie sich nicht länger festhalten, fuhr heraus und landete in der süßen, braunen Brühe.
Angewidert sauste die Fuchsfee empor – und knallte gegen ein mit aller Meisterschaft und der Erfahrung aus über 300 Jahren gefertigtes Bleisiegel. Gedämpft hörte sie Dierdra sagen: „Anni? Ich glaube, die Aufregung war zu viel für die alte Dame. Wir sollten einen Krankenwagen rufen.“

Der Teufel und der Farn

Mittelalterliche Teufelsaustreibung

paris-1233618_640Man stelle sich vor: Eine Frau wird geknebelt und ans Bett gefesselt. Anschließend schlagen ihre Verwandten über Stunden auf sie ein, um ihr den Teufel auszutreiben, bis sie am Ende erstickt.
Mittelalterlich? Nein, so geschehen im Dezember 2015 in einem Hotelzimmer in Frankfurt am Main.

Hildegard von Bingen rät zu Farn

Im Mittelalter war es offenbar leichter, sich den Teufel vom Leib zu halten. Da reichte Farn. Über ihn schreibt Hildegard von Bingen in ihrer Physica:

Der Farn ist sehr warm und trocken und hat etwas Saft in sich. Aber er enthält viel Kraft, und zwar solche Kraft, dass der Teufel ihn meidet. […]den Menschen, der ihn [den Farn] bei sich trägt, meiden Magie und Zaubereien der Dämonen sowie teuflische Worte und andere Trugbilder.

Interessant ist dabei, dass man den Farn nur bei sich zu tragen braucht, um geschützt zu sein. Wenn der Teufel oder Dämon schon eingedrungen ist, hilft Farnsaft, ihn wieder auszutreiben. Ihn

flieht alles Üble und Magische.

Offenbar waren die Dämonen im Mittelalter kooperativer, als in späteren Zeiten. Bei Hildegard erscheinen sie jedenfalls nicht als elementare Bedrohung, der man mit Weihwasser, Priester und brutaler Gewalt begegnen muss, sondern eher als ein lästiges Übel, das man bei Beachtung der üblichen Vorsichtsmaßnahmen aber ganz gut in den Griff bekommt. Farn im Haus zu haben, ist eine davon, die außerdem den Vorteil hat, dass praktisch jeder sie sich leisten konnte.

Ich finde solche Details immer sehr spannend und benutze sie gerne. Nicht nur in den historischen, sondern auch in phantastischen Geschichten – selbst wenn das Ergebnis der gängigen Vorstellung widerspricht, wie sich ein Dämon zu benehmen oder ein Exorzismus auszusehen hat. Aber ich habe den Eindruck, dass phantastische Geschichten dadurch mehr „Tiefe“ und in gewisser Weise auch mehr Glaubwürdigkeit bekommen.

Jetzt bin ich gespannt: Sind solche Recherchen überflüssiger Hokuspokus, wenn man Fantasy schreibt? Verwirren sie vielleicht sogar und ist es deshalb besser, sich auf den „Common sense“ oder auf seine eigenen Vorstellungen stützen?