Die Frau im Wald

Statt Ostereiern, Traditionshasen oder Hefegebäck: eine Geschichte. Sie entstand als Beitrag zur 6. Clue Writing Challenge. Die Aufgabe lautete, einen Beitrag zu diesem Bild zu verfassen:

Die Frau im Wald - Clue Writing
Bildquelle: http://www.cluewriting.de/cwc6/

Die Frau im Wald

Ich bin ein rationaler Mensch. Ich glaube nicht an Homöopathie, Chemtrails und anderen esoterischen Unsinn. Nur bei Geistern – da bin ich mir nicht ganz sicher. Mein Verstand sagt: Geister kann es nicht geben. Andererseits ist da diese Geschichte …
Gut zwanzig Jahre ist das jetzt her. Ich machte damals Urlaub im Harz, in einem kleinen Ort, dessen Name alles andere als einladend klang. Dafür passte er zu dem Zustand, in dem ich mich befand, nachdem Katja sich von mir getrennt hatte, um mit einer anderen Frau zusammenzuziehen. Freunde hatten versucht, mich zu überreden, gemeinsam nach Malle zu fliegen. Sonne und Sangria würden mir den Liebeskummer schon austreiben. Aber ich wollte Ruhe, keine Menschen. Ich brauchte Abstand von Berlin, den Kommilitonen und vor allen Dingen von Katja.
Dafür schien mir der Ort ideal. Abgelegen. Nichts als Natur rundum. Genau richtig, um sich volllaufen zu lassen und anschließend langsam wieder in Tritt zu kommen.

Genau das tat ich dann auch. Die ersten zwei Tage blieb ich im Zimmer, sah nichts außer schlechten Fernsehshows, der Toilettenschüssel und den drei Flaschen Jonny Walker, die mir Gesellschaft leisteten. Am dritten schlich ich in Begleitung eines veritablen Katers nach draußen.
So schlimm, wie der Name suggerierte, war der Ort dann doch nicht. Viele der Häuser waren frisch renoviert. Die umgebenden Gärten quollen über vor schreiend bunten Blumen. Lediglich der Zustand der Straßen war durch den Ortsnamen gut beschrieben. Die trugen dafür so schön klingende Namen wie Straße-der-deutsch-sowjetischen-Freundschaft. Marketingleuten wären vermutlich Worte wie pittoresk und malerisch durch den Kopf gegangen. Vielleicht hätten sie den Ort sogar idyllisch genannt Mein Kopf dagegen brummte. Die Farben, die Sonne, das Vogelgezeter – selbst das Summen der Bienen in den Rosenbüschen vertrugen sich schlecht mit den Nachwirkungen des Gelages mit den drei Jonnys.

Als ich die Koppeln und Felder hinter mir gelassen hatte, die den Ort umgaben und den Wald betrat, wurde es besser. Der Wald bestand aus großen Bäumen, die respektvoll Abstand voneinander hielten. Gleichzeitig standen sie jedoch nahe genug, um mit ihren ausladenden Ästen alles Grelle aus dem Licht zu filtern – ein Umstand, für den ich ihnen ausgesprochen dankbar war.
Bald wurde es mir auf dem Weg zu langweilig. Wege sind für alte Leute. Links und rechts dagegen lockte das Abenteuer. Ich begegnete seltsam geformten Felsen, steckte den Kopf in eine Höhle, aus der es seltsam müffelte, hob Steine als Andenken auf und ließ sie wieder fallen. Als meine Beine müde wurden, machte ein Schläfchen auf einem großen Steinbrocken, der aus irgendwelchen Gründen mitten im Wald lag. Danach war ich so durstig, dass der Kater meinen Schädel als Hamsterrad benutzte. Von innen. Mit ausgefahrenen Krallen. Um ihn zu besänftigen, trank ich Wasser aus einem Bach, was vermutlich sehr dumm war, mir aber in keiner Weise schadete. Irgendwann verließ auch der letzte Jonny meine Adern und nahm den Kater mit.
Ich bekam Hunger.
Etwa zum gleichen Zeitpunkt stellte ich fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mich befand. Ich war so lange ziellos durch die Gegend mäandert, dass ich nicht einmal eine ungefähre Vorstellung der Richtung hatte, aus der ich gekommen war. Die Bäume sahen alle ziemlich gleich aus. Keine Chance, sich an ihnen zu orientieren. Ich hatte zwar mal gelesen, dass man die Himmelsrichtung an den Stämmen erkennen kann. Dort, wo Moos wächst, ist Norden. Aber entweder kannte das Moos diese Regel nicht, oder ich befand mich irgendwo in der Nähe des Südpols.
In der Ferne hämmerte ein Specht. Es schien mir das einsamste Geräusch auf Erden.
Immerhin war es ein Geräusch. Eins, an dem ich mich orientieren konnte. Und da ich sonst schon keine Orientierung hatte, lief ich in die Richtung, aus der es kam.

Wie lange ich gelaufen bin, weiß ich nicht. Die Sonne sank tiefer zwischen die Bäume – und dann, als sie sich schon fast auf Höhe meiner Augen befand, sah ich SIE.
Sie saß auf einem Baumstumpf, ein Bein über das andere geschlagen, und schrieb mit einem gelben Bleistift in ein Notizheft. Weiß der Teufel, warum mir dieser Stift so auffiel, denn es gab viel mehr an ihr zu beschreiben. Das lange, braune, zu einem lässigen Pferdeschwanz gebundene Haar zum Beispiel. Der große Mund. Die dunklen Wimpern. Vor allem aber diese Haltung. Der Ausdruck vollkommener Konzentration auf ihrem Gesicht, während sie den Stift über ihr Notizheft bewegte.
Ich hätte mich gerne geräuspert, sie gefragt, wo es zum Ort ging und ob sie vielleicht Lust hätte, später mit mir ein Bier trinken zu gehen – oder einen Kaffee oder eine Limonade oder was auch immer man in Käffern wie diesen trank, wenn es eine Kneipe oder ein Café oder etwas in der Art geben sollte. Aber ich traute mich nicht. Also ging ich weiter.
Nach einiger Zeit.
In einem kleinen Bogen.
Jedes Mal, wenn ich mich umwandte, sah ich sie dort sitzen, über ihr Buch gebeugt. Sie sah nicht einmal auf.

In der Abenddämmerung kehrte ich ins Dorf zurück, allerdings aus einer vollkommen anderen Richtung als der, in die ich es verlassen hatte. Ich fand mein Hotel, bekam ein hervorragendes Abendessen und legte mich schlafen.
Damit könnte die Geschichte zu Ende sein.
Sie wäre es vermutlich auch, wenn ich nicht mit dem Wunsch aufgewacht wäre, die Frau aus dem Wald wiederzusehen. Jetzt, am anderen Morgen, ärgerte ich mich über meine Feigheit. Schließlich konnte ich kaum zur Rezeption gehen und fragen: »Sagen Sie – ich habe da gestern im Wald eine Frau gesehen. Ungefähr mein Alter, schlank, braune Haare, Pferdeschwanz … Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wer sie sein könnte?«
Man würde mich zu Recht für verrückt halten.
Dann erinnerte ich mich an den Stift und plötzlich kam mir eine Idee zu einer List, mit der ich ihren Namen vielleicht doch herausfinden konnte. Damit sie funktionierte, musste ich allerdings nach Wernigerode. Hier im Dorf hätte sich der Schwindel sofort herumgesprochen.
Trotz meiner Ungeduld genoss ich den Ausflug. Wie ein echter Tourist ließ ich mich von der Harzquerbahn nach Wernigerode schuckeln. Dort angekommen, bewunderte ich die hübschen Häuser, ging in einige hübsche Geschäfte, kaufte hübsche Andenken, ein paar hübsche Ansichtskarten und einen Stift, setzte mich in eins der hübschen Cafés und schrieb Ansichtskarten an jeden, der mir einfiel; sogar an Katja. Genau genommen sogar vor allem an Katja, denn ganz besonders sie sollte wissen, dass ich mich hervorragend amüsierte.

Am Morgen des nächsten Tages ging ich wieder spazieren. Wieder im Wald, weil ich insgeheim hoffte, die Braunhaarige wiederzusehen. Auch, wenn die Chancen mehr als schlecht standen. Aber das machte nichts. Ich hatte ja meinen Plan.
Am Mittag war es endlich Zeit, ihn umzusetzen.
Mir war ein bisschen flau, als ich zur Rezeption ging und den Bleistift herausholte, den ich seit gestern in der Jackentasche trug. »Vorhin im Wald, da war eine Frau, die hat den hier verloren. Ich würde ihn gerne zurückgeben, aber sie war schon außer Rufweite.« Wie dümmlich sich das anhörte, wurde mir erst bewusst, als die Worte schon raus waren. Das war vermutlich die idiotischste Ausrede, auf die je jemand verfallen war.
Die Frau hinterm Tresen zuckte nur mit den Achseln. »Und was soll ich da tun? Ich glaub nu’ auch nicht, dass jemand zur Polizei geht, um den als verloren zu melden.«
»Ich dachte, sie könnten mir vielleicht helfen, wenn ich die Frau beschreibe«, sagte ich lahm. »Sie war ungefähr so alt wie ich. Schlank. Braune Haare. Pferdeschwanz.«
Das Gesicht der Frau blieb ausdruckslos.
»Graue Jacke«, versuchte ich es weiter. »Jeans. Chucks … also so Baseballschuhe, rot mit weißen Kappen und einem Stern an der Seite.«
Etwas zuckte im Gesicht der Frau. Ihre Augen verengten sich. Die Brauen zogen sich zusammen. Der Mund wurde erst zu einem blassen Strich, dann spuckte sie mir entgegen: »Findest du das etwa witzig? Was für ein Spiel versuchst du mit mir zu spielen?«
Erschrocken wich ich zurück und versicherte hastig, dass ich überhaupt keine Spiele spielen würde, sondern dass das mein voller Ernst sei. »Ich habe sie gesehen – allerdings schon vorgestern. Nur das mit dem Stift … Das habe ich erfunden. Ich brauchte doch einen Vorwand.«
»Vorgestern …« Die Frau sackte in sich zusammen und begann zu schluchzen. »Vorgestern. Das war ihr Todestag.«
Ich glaubte, nicht richtig zu hören.
Sie aber sah mich an, die Augen voller Tränen. »Auf den Schreck brauche ich einen Schluck. Und dann musst du mir alles erzählen!«

Sie nötigte mich in das, um diese Zeit leere Restaurant, griff zwei Longdrinkgläser und eine Flasche aus der Bar und schenkte uns beiden ein. Wodka. Sie trank ihr Glas in einem Zug aus und füllte es gleich wieder. Dann begann sie zu erzählen. Ich kam gar nicht zu Wort.
Sie erzählte von ihrer Tochter Sandy, die so schön zeichnen konnte. »Sie wollte Kunst studieren. In Berlin. Im Oktober wollte sie wegziehen. Bis dahin hat sie jede freie Minute und jeden Sonnenstrahl genutzt, um im Freien zu zeichnen.«
Bis sie eines Tages nicht zurückgekommen war. Zwei Tage hatte man nach ihr gesucht, bis man sie im Wald fand. Erwürgt. Ihr Notizblock und ihr Zeichenstift blieben verschwunden.
»Sie hatte genau die Sachen an, die Sie beschrieben habe. Die Schuhe waren ganz neu. Aber es war der Bleistift, der mir den Rest gegeben hat. Sandy hat immer diese gelben Bleistifte benutzt. Genau solche, wie den, den Sie ihn mitgebracht haben.«

Noch am gleichen Abend bin ich abgereist. Ich konnte den Blick nicht ertragen, die stummen Fragen, auf die ich auch keine Antwort hatte. Bis heute nicht.
Was ist passiert an jenem Nachmittag? Habe ich einen Geist gesehen? Bin ich in eine Paralleldimension gestolpert und habe die letzten schönen Minuten im Leben einer Frau gesehen? Hätte ich den Mörder gesehen, wenn ich gewartet hätte? Oder ist das Ganze nur ein großer Zufall? Es gibt so viele junge Frauen mit braunen Haaren. Chucks sind auch nicht gerade selten. Warum sollte nicht irgendeine Studentin, im Wald Ruhe gesucht haben, um zu schreiben, zu zeichnen oder was auch immer zu tun?
Wie gesagt: Ich bin ein durch und durch rationaler Mensch. Ich glaube weder an Homöopathie, noch an Chemtrails oder irgendeinen anderen esoterischen Blödsinn. Nur bei Geistern – da bin ich mir nicht ganz sicher.

Advertisements

Schöne Bescherung bei Clue Writing

Heute ist zwar erst der dritte Advent, aber bei Clue Writing gibt es ab 18:00 Uhr trotzdem schon eine schöne Bescherung.

Schöne Bescherung lautet nämlich der Titel der Gaststory, die ich nach den von Rahel und Sarah vorgegebenen Clues verfasst habe. Herausgekommen ist eine fast klassische Weihnachtsgeschichte. Aber eben nur fast. Als Soundtrack empfehle ich Don’t Pay The Ferryman von Chris de Burgh.

christmas-1299235_640
Dieter on Tour  –  Bildquelle: Open Cliparts via Pixabay

Und um den Service perfekt zu machen, hier der Direktlink.

Viel Spaß beim Lesen!

Schöne Bescherung bei Clue Writing

Habe ich schon erzählt, dass diesen Dezember gleich zwei Geschichten von mir erscheinen? Rahel und Sarah von Clue Writing hatten angefragt, ob ich Lust hätte, eine Gaststory zu schreiben. Natürlich hatte ich.

Die erste Idee war von einer Dryade zu erzählen, der man ihren Lieblingsbaum „geklaut“ hat. Aber da als Setting ein Schlitten vorgegeben war, ist eine fast klassische Weihnachtsgeschichte entstanden, mit Weihnachtsmann, Schlitten, Rentieren und Geschenken. Schöne Bescherung heißt sie und wer mich ein bisschen kennt, ahnt jetzt vermutlich, dass das durchaus doppeldeutig gemeint ist.

Schöne Bescherung erscheint am 11.12.2016 bei Clue Writing.

Viel Spaß beim Lesen!

Die Dryade, der Schlitten und die Geister – drei Geschichten im Werden

Nach ganz vielen Artikeln über alles Mögliche mal wieder einen in eigener Sache. Schließlich ist das Blog auch eine Art Arbeitstagebuch oder soll zumindest ein paar Einblicke in meine Arbeitsweise und einen Überblick über die aktuellen Projekte geben.

Aktuell arbeite ich an einer Weihnachtsgeschichte. Es geht darin um eine ziemlich besitzergreifende Dryade und ein verhängnisvolles Versprechen. Die Idee überfiel mich kurz nachdem Sarah und Rahel von Clue Writing angefragt hatte, ob ich Lust hätte als Gastautorin einen Beitrag für sie zu verfassen. Der einzige Haken ist, dass sie so gar nicht zum von Rahel und Sarah vorgegebenen Setting passt. Die beiden möchten als Ort des Geschehens nämlich gerne einen Schlitten und da spielt die Dryade nicht mit.

Dafür passt sie viel besser in mein Veröffentlichungskonzept als die Geschichte, die ich eigentlich um Weihnachten rum veröffentlichen wollte. Eigentlich wollte ich dann nämlich eine weitere Geschichte aus der Welt der Khon veröffentlichen. Und weil Weihnachten bekanntlich das Fest der Liebe ist, sollte es eine Liebesgeschichte werden. Wunderschön und herzzerreißend traurig. Dafür kitschfrei. Versprochen!
Aber die Geschichte mit der Dryade spielt nicht nur in der Gegenwart und in der Vorweihnachtszeit, sondern es geht auch um einen Weihnachtsbaum. Was passt wohl besser zu Weihnachten?

Also werde ich zwei Weihnachtsgeschichten schreiben. Mindestens. Vielleicht noch etwas ganz kurzes als Draufgabe, wenn die Dryade zu kurz werden sollte.

Außerdem muss noch eine andere Geschichte endlich umgeschrieben und überarbeitet werden, damit sie Anfang Oktober fertig ist. Passend zur Jahreszeit und zu dem dann bald wieder anstehenden Halloween wird das eine Geistergeschichte. Sie hat, wie schon Steppenbrand wieder einen männlichen Protagonisten, aber auch eine starke Frau in der Nebenrolle. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Setting und Plot sind vollkommen. Die Handlung entführt ins europäische Frühmittelalter und in die Berge. Unter anderen treten auf: ein alter Einsiedler, eine schöne Frau und eine außergewöhnlich kluge Ziege.

Von Glück und Geistern

Bei der 4. Cluewriting Challenge habe ich mit meiner Kurzgeschichte „Der Kinobesuch der alten Dame“ ein Buchpaket aus dem Verlag die Waage gewonnen! 500 Geistergeschichten von Pu Sung-Lin in 5 Bänden. In Leinen gebunden und mit Holzschnitten.

Buchpaket
Das ist das Buchpaket (das Bild ist ein Screenshot von der Seite mit den ausgelobten Gewinnen http://www.cluewriting.de/downloads/events/preise_cwc4.pdf)

Ich bin so unglaublich überglücklich! So schöne Bücher, so viel zu lesen!

Ganz, ganz herzlichen Dank an Rahel und Sarah von Cluewriting und an den Verlag die Waage, der diese grandiosen Bücher (und noch andere) als Gewinn zur Verfügung gestellt hat.

Brainstorming für die 4. Clue Writing Challenge

Rahel und Sarah von Clue Writing haben es wieder getan: Sie haben einer Challenge aufgerufen. Dieses Mal sind aber keine Worte vorgegeben, sondern Titel:

Erste Titelvorgabe: Biedermann und die Brandmelder
Zweite Titelvogabe: Der Kinobesuch der alten Dame

Bis zum 29. Juli ist jetzt Zeit, eine Kurzgeschichte (oder mehrere) zu einem der beiden Titel (oder auch zu beiden) zu verfassen und hochzuladen.
Dieses Mal gibt es sogar etwas zu gewinnen. Die Sieger werden mit Buchpaketen aus dem Waage-Verlag belohnt – aber auch alle anderen dürfen sich auf ein Buch als Belohnung freuen.

Aber nicht nur deshalb freue ich mich auf’s Mitmachen, sondern auch, weil es schon beim letzten Mal einen Riesenspaß gemacht hat.
Mir sind zum Kinobesuch der alten Dame spontan ein paar Ideen gekommen, die ich gerade auf ihre Tauglichkeit abklopfe. Mit der Vorlage haben sie allerdings nur sehr entfernt zu tun. Sehr entfernt. So 2 – 3 Lichtjahre. Aber wie es aussieht, wird es einen Todesfall geben.

Alte Geister – ein Beitrag für die Blogparade auf cluewriting.de

Endlich ist er fertig, der schon lange angekündigte Beitrag für die Blogparade auf Clue Writing. Als Clues waren vorgegeben: Flügel, Schaf, Enthusiasmus, Teppichboden, Gewürznelke, als Setting ein Wohnblock.

Genau genommen ist die folgende Kurzgeschichte ein gekürzter Ausschnitt einer deutlich längeren Geschichte. Aber die Regeln sehen nun mal eine Beschränkung auf maximal 1700 Worte inklusive Titel vor und ich denke, dass dieser Ausschnitt auch ganz gut für sich alleine steht.
Jetzt aber genug der Vorreden, urteilt selbst:

 

Alte Geister

Aus reinem Unwissen war der Wohnblock genau über dem alten Friedhof gebaut worden. Als mit dem Bau begonnen wurde, war seine Lage längst ebenso vergessen, wie der Name der Siedlung, zu der er gehört hatte. Geblieben waren nur die Geister der Toten.

Zu den ersten Mietern gehörte Henriette Lehmann, die diesen Namen aber nur auf ihren Briefkasten schrieb. An den Türklingeln stand Mme. Voilève und in kleinerer Schrift darunter: Hellseherin. Nicht, dass Henriette an solche Spökenkiekerei glaubte. Aber ihre Kunden taten es.
Mme. Voilève erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen. Sie trug lange Kleider mit weitschwingenden Röcken, klirrenden Silberschmuck, üppiges Make-up und einen Turban, der die kurzen Haare verbarg. Das Wohnzimmer ließ sich mit wenigen Handgriffen in den Salon einer Hellseherin verwandeln. Die Anregungen dafür hatte Henriette sich von den zahlreichen Hobbyhexen im Internet geholt. Vor jeder Seance schloss sie die Samtportieren vor den Fenstern, stellte die den Elementen geweihten Altäre auf und zündete Kerzen und Weihrauch an. Der Tisch verschwand unter einer Spitzendecke, Sessel und Couch unter einer Extraschicht bunter Kissen. Ein Messingsamowar lieferte Heißwasser, falls der Kunde Tee- oder Kaffeesatz gelesen haben wollte. Kristallkugel, Runenplättchen und Tarotkarten lagen, in Seidentücher gewickelt, auf einem Beistelltischchen bereit. Während der Sitzungen stand die Wohnzimmertür einen Spalt breit auf, damit die beiden Katzen, der schwarze Baal und die dreifarbige Bastet, nach Belieben kommen und gehen konnten.
Ihren Kunden gefiel die Atmosphäre. Viele kamen regelmäßig, aber auch die, denen eine Beratung reichte, zollten ihr überwiegend Anerkennung und empfahlen sie weiter.
Henriette sah darin die Bestätigung für ein erfolgreiches Geschäftskonzept. Sie glaubte lediglich an Psychologie. Ganz ohne Para.

Daher lächelte sie nur, als ihre Nachbarin eines Morgens halb im Scherz erzählte, sie habe den Eindruck, in ihrer Wohnung spuke es. »Ich bin mir sicher, dass ich die Schlüssel an den Haken gehängt habe. Das tue ich immer.«
»Und wo waren sie?«
»Im Kühlschrank! Können Sie sich das vorstellen?«
Henriette konnte. »Wahrscheinlich hatten Sie sie noch in der Hand, als Sie vom Einkaufen zurückgekommen sind, und haben sie versehentlich zusammen mit den Einkäufen hineingetan.«
Die Nachbarin gab zu, dass das eine Erklärung sein könne, klang aber nicht überzeugt. Geister waren vermutlich leichter zu akzeptieren, als die eigene Schusseligkeit, dachte Henriette, während sie ihre Wohnungstür aufschloss. Sie war in Eile. Der erste Termin war bereits in einer halben Stunde.

Nachdem sie sich in Mme. Voilève verwandelt hatte, stöckelte sie in die Küche, um Wasser für den Samowar zu holen. Die Tür zum Wohnzimmer stand einen Spalt offen und augenblicklich befiel Henriette eine Vorahnung, die nichts mit Parapsychologie zu tun hatte. Sie holte tief Luft und stieß die Tür ganz auf. Das Bild, das sich ihr bot, übertraf die schlimmsten Erwartungen. Der große Kerzenleuchter vom Altar an der Ostwand war umgestoßen. Die Bruchstücke der Kerzen lagen zwischen Runensteinen und Weihrauchkrümeln auf dem Teppichboden. Zum Glück stand das Räucherbecken noch. Am Rand ihres Blickfelds nahm Henriette eine Bewegung wahr. Etwas streifte ihre Beine, wie ein kühler Luftzug.
»Du kleines Miststück!«, rief sie der Katze hinterher. »Musstest du ausgerechnet jetzt …«
Aber zu mehr war keine Zeit. Hastig goss sie das Wasser in den Samowar, klaubte die Runensteine und die größeren Kerzenstücke auf, warf die Steine auf den Tisch und die kaputten Kerzen in den Mülleimer in der Küche, griff sich ein paar Gewürze und den Tischstaubsauger, lief ins Wohnzimmer zurück, streute die Gewürze auf das Räucherbecken, saugte die Weihrauch- und Kerzenkrümel zusammen, schloss die Vorhänge, steckte neue Kerzen in den Leuchter und zündete sie an. Sie war gerade fertig, als es klingelte.

Nachdem der Kunde gegangen war, verwandelte Mme. Voilève sich in Henriette zurück, riss die Flügel des Fensters auf und lüftete gründlich. Das Wohnzimmer ganz aufzuräumen wäre unsinnig, weil sie noch zwei weitere Kunden erwartete. Aber der intensive Geruch nach Zimt, Gewürznelke, Sternanis und Salbei bereitete ihr Kopfschmerzen. Besser, sie besorgte schnell neues Räucherwerk, aus der Großbuchhandlung am Neumarkt. Bevor sie die Wohnung verließ, schloss sie das Fenster und vergewisserte sich, dass keine der beiden Katzen im Raum war, bevor sie die Wohnzimmertür hinter sich schloss.
Vermutlich hätte ich auch noch abschließen sollen, dachte sie, als sie bereits an der Kasse stand. Für den Fall, dass eine der Katzen es gelernt hatte, die Tür zu öffnen. Gehört hatte sie davon schon.

Um so dankbarer registrierte sie bei ihrer Rückkehr, dass die Wohnzimmertür immer noch geschlossen war. Trotzdem konnte sie dem Drang nicht widerstehen, hineinzusehen. Der Anblick traf sie, wie ein Schlag in die Magengrube. Das Deck Tarotkarten lag auf dem Boden. Aufgefächert. Mit der Rückseite nach oben. So, wie sie es vor ihren Kunden ausbreitete, bevor sie diese aufforderte, drei Karten zu ziehen. Aber was Henriette wirklich aus der Fassung brachte, war, dass drei Karten bereits umgedreht davor lagen: Hohepriesterin, Eremit und Stern.
»Was zum Teufel?!«
Mit zwei schnellen Schritten war sie im Raum, raffte die Karten zusammen und legte sie auf den Tisch zurück. Fast ängstlich sah sie sich noch einmal um. Nichts sonst war verändert.
Sie zwang sich, zu ihrer Routine zurückzukehren, das Räucherbecken aufzufüllen, die Kohlen anzuzünden und Weihrauch darüber zu streuen. Halb erwartete sie, im Rauch Gestalten zu sehen, aber nichts geschah. Gut. Ihr Herzschlag beruhigte sich allmählich. Sie ging in die Küche und kochte frischen Tee. Als sie die Kanne und neue Tassen ins Wohnzimmer trug, lag der Kartenstapel genau dort, wo sie ihn abgelegt hatte. Sie bedachte ihn mit einem misstrauischen Blick, ging aber schließlich doch ins Bad. Es war höchste Zeit, wieder Mme. Voilève zu werden.

Ihre Routine rettete sie über die Sitzungen. Beide Kunden gingen sehr zufrieden, obwohl Henriette die ganze Zeit die drei Karten vor sich sah. Hohepriesterin. Eremit. Stern. Als ob jemand sie so hingelegt hatte. Als ob ihr jemand etwas sagen wollte.
»Jetzt wirst du schon selber zu so einem abergläubischen Schaf«, schimpfte sie, während sie die Katzen fütterte. »Bestimmt gibt es eine rationale Erklärung.«
Das Dumme war nur, dass ihr keine rationalere Erklärung einfiel, als dass jemand die Karten dahin gelegt hatte, um ihr etwas zu sagen. Dass an diesem Abend ausgerechnet »Ghost – Nachricht von Sam« im Fernsehen lief, machte die Sache nicht besser.

Schließlich gab sie entnervt auf, holte einen Bogen Backpapier, breitete ihn auf dem Wohnzimmertisch aus und schrieb in großen Lettern alle Buchstaben des Alphabets darauf. Als Nächstes holte sie ein Glas, stellte es umgedreht in die Mitte des Papiers und legte die Spitzen von beiden Zeige- und Mittelfingern darauf.
»Gut, machen wir eine Séance. Eine ganz einfache Séance!«, rief sie und kam sich gleichzeitig unglaublich dämlich vor. »Wer oder was auch immer du bist – jetzt kannst du sagen, was du zu sagen hast.«
Das Glas ruckte. Henriette riss die Augen auf. Sie musste sich zwingen, ruhig sitzen zu bleiben. Als habe es ihr Widerstreben gespürt, blieb das Glas einen Moment stehen, bevor es sich wieder in Bewegung setzte. Zuerst nur langsam, wie um sicherzugehen, dass ihre Finger folgten, dann nahm es Fahrt auf, blieb kurz auf dem S stehen und glitt weiter zum E. Henriette buchstabierte halblaut mit: »R – V – U – S.«
Das Glas hielt inne.
»Servus?« Henriette kicherte nervös. »Bist du Bayer?«
Das Glas setzte sich wieder in Bewegung.
»Kimber«, buchstabierte Henriette. Was war das denn? »Und was willst du?«
»HILFUNS«
Henriette brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass das ›Hilf uns‹ heißen sollte. Na, das konnte ja heiter werden. Trotzdem fragte sie: »Und wie?«
»NIMMDENSTEIN«
»Verdammt noch eins«, schrie Henriette frustriert. »Geht’s nicht ein bisschen klarer? Welchen verdammten Stein denn nun wieder?«
Diesmal rutschte das Glas eine ganze Weile hin und her, so schnell, dass Henriette Mühe hatte, sich die einzelnen Buchstaben zu merken. Als es endlich innehielt, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Sorry Leute, aber darauf brauche ich erstmal einen Schnaps.«

Sie ging in die Küche und kippte Glas Vodka auf ex. Die Flasche nahm sie sie mit ins Wohnzimmer. Dieses Mal brauchte sie das Glas auf dem Tisch nicht einmal zu berühren. Kaum hatte sie sich gesetzt, glitt es von alleine über das Papier. »PROST«
»Danke«, murmelte Henriette und nahm noch einen Schluck, diesmal direkt aus der Flasche. »Ihr habt also den Stein der Weisen.«
»JA«
»Ihr solltet ihn vernichten, und weil ihr das nicht getan habt, müsst ihr spuken.«
»JA«
»Ok.« Sie nahm noch einen Schluck und gleich darauf noch einen. Das Zeug brannte wie Hölle und genau das brauchte sie jetzt. Immerhin zeigte das Brennen, dass sie nicht träumte, oder? »Und ihr sucht jemanden, der euch den Stein und die Aufgabe abnimmt.«
»JA«
Henriette nickte. Wenn man akzeptierte, dass es Geister und einen Stein der Weisen gab, wurde die Geschichte beinahe logisch. »Und spukt ihr schon lange?«
»SEHR«
Sie nickte wieder und genehmigte sich noch einen Schluck. »Muss öde sein.«
»JA« Das Glas verharrte einen Moment, dann setzte es sich wieder in Bewegung. »WIRWOLLENRUHEFRIEDENSCHLAF«
»Kann ich verstehen.«
»BITTEHILF«
»Ja, aber wie denn?«
Das Glas setzte sich wieder in Bewegung. Henriette brauchte ein bisschen, um zu begreifen, aber offenbar musste man nur ein bisschen graben. Das sollte kein Problem sein.
»Und ihr seid sicher, dass er noch da ist. Könnte doch sein, dass nach all den Jahren … Nicht, dass da jetzt auch ein Haus drauf steht oder so?« Sie merkte, dass ihre Aussprache ein bisschen verwaschen klang. Kein Wunder, es war ja auch schon spät. Fast Mitternacht. Zeit, dass sie ins Bett kam.
»Ja, er ist noch da und zugänglich. Bitte hilf!«, erklang eine Stimme direkt in ihrem Kopf. Eine Männerstimme. Dunkel. Schmeichelnd.»Er war nie auf dem Friedhof, sondern im heiligen Hain. Das schien uns angemessen und es gibt ihn immer noch. Mittendrin liegt ein See mit einer Insel.«
»Der Park«, murmelte Henriette und stand schwankend auf.
»Auf der Insel haben wir damals die Götter angerufen«, fuhr die Stimme fort. »Dort, wo einst der Altar war, steht heute eine Eiche. Sehr alt jetzt, aber damals war sie nur ein Sprössling. Dort liegt der Stein.«
»Na gut, dann woll’n ma mal. Ich hol nur eben ’ne Schaufel.«, sagte sie ohne Enthusiasmus. Aber manche Dinge mussten eben getan werden, und wie es aussah, war sie die Einzige, die hier etwas tun konnte.

Wie kommst du auf deine Ideen?

Mal wieder eine der Fragen aus dem Autorenfragenbingo und zwar eine, die sich nicht so leicht beantworten lässt. Jedenfalls nicht so, dass man daraus eine handwerkliche Regel für Kreativtechniken ableiten könnte.

Grob gesagt: Einige fliegen mir zu, andere kommen wenn man sie lockt.
Allerdings klappt das auch mit dem Zufliegen nicht, weil ich so furchtbar viel Phantasie und ganz viele tolle Einfälle habe, sondern ist meist als Nebenprodukt von irgendwas anderem und manchmal gar nicht so erwünscht. Zum Beispiel hat mich die Grundidee für die vor kurzem fertig gewordene Vampirgeschichte angefallen, als ich am Hauptfriedhof vorbeigefahren bin. Alle Einfälle zur konkreten Handlung kamen während des Schreibens.
Oder um ein Beispiel für eine herausgelockte Geschichte zu nehmen: Die Kurzgeschichte, an der ich gerade schreibe, entsteht im Rahmen eines Clue Writing Projekts. Es sind ein paar Schlüsselwörter und ein Setting vorgegeben. Genre und Stil sind frei. Da ich Fantasy schreibe, war klar, dass es eine Fantasy-Geschichte werden soll. Also habe ich mich hingesetzt und überlegt, was in dem Setting möglich wäre. So kurz vor Weihnachten boten sich natürlich Engel, Weihnachtsmänner, Feen, Wichtel usw. an und mir war sehr schnell klar, dass ich über all das NICHT schreiben wollte. Dafür hatte ich (wahrscheinlich noch von der Vampirgeschichte inspiriert) ganz schnell einen ersten Satz, der das Setting klar machte: „Der Wohnblock war genau auf dem alten Friedhof erbaut worden.“ Das provoziert die Frage nach den Auswirkungen und dem möglichen „Personal“. Nachdem ich mich auf Geister festgelegt hatte, brauchte ich einen Grund für’s Geistern und einen Gegenspieler und so kam eins zum anderen.

Zusammenfassend kann man vielleicht sagen: Im günstigsten Fall springt mich die Grundidee an, aber der Rest ist Nachdenken.

aktuelles Projekt: Geistergeschichte

Nachdem die leicht durchgeknallte Vampirgeschichte fertig ist, schreibe ich jetzt an einem Beitrag für die Blogparade bei Clue Writing. Die Vorgabe für das Setting ist ein Wohnblock, die Schlüsselwörter lauten Flügel, Schaf, Enthusiasmus, Teppichboden und Gewürznelke.

Da ich Fantasy schreibe, wird es natürlich übernatürlich: Eine Wahrsagerin, die nicht an Geister glaubt, wird von eben diesen heimgesucht.

Das einzige Problem wird (mal wieder) die Textlänge. Vorgegeben sind 870 bis maximal 1.700 Worte. Da heißt es am Ende wieder kürzen, kürzen und noch mal kürzen.