[Werkstattgeplauder] Wie heldenhaft müssen Hauptfiguren sein?

Gerade im Bereich der Fantastik gehen viele Schreibtipps implizit oder explizit davon aus, dass die Protagonist*innen einer Geschichte das Gute verkörpern und die Antagonist*innen irgendwo auf der dunklen Seite agieren. Dementsprechend wird man mit Ratschlägen überhäuft, wie man den perfekten Schurken schreibt oder wie man seine Held*innen sympathisch macht.

Aber muss das so sein?

Vor ein paar Tagen gab es dazu ein interessantes Gespräch auf Twitter. Ausgangspunkt war dieser Tweet von @MichaelLeuchtenberger, in dem er zugab, wenig Lust zu haben, über Held*innen im klassischen Sinn zu schreiben:

Die Kommentare waren durch die Bank zustimmend. Als Grund wurde genannt, dass man sich mit solchen Figuren besser identifizieren könne. Außerdem lieferten sie reichlich Stoff für innere und äußere Konflikte, was gut für die Spannung sei. Als drittes Argument wurde genannt, dass Figuren ohne Schwächen auch nichts hätten, das sie überwinden und daran wachsen könnten.

Das ist alles vollkommen richtig und wird so auch in verschiedenen Schreibratgebern so bestätigt. Ich glaube aber, dass da ein generelles Missverständnis vorliegt. Deshalb möchte ich diese Begründungen, so wie ein paar der gängigen Schreibtipps zu Protagonist*innen einmal hinterfragen und auf ihre Stichhaltigkeit abklopfen.
Fangen wir ausnahmsweise von hinten an.

Müssen Protas Schwächen haben, die sie überwinden?

Es gibt unendlich viele Geschichten, die davon handeln, dass die Zentralfigur Schwächen oder Charaktermängel überwinden muss, um zum gewünschten Erfolg zu kommen oder wenigstens ein besserer Mensch zu werden. Fast jeder Martial Arts Film basiert darauf, aber auch Und täglich grüßt das Murmeltier ist so ein Beispiel. Phil Connors ist anfänglich genau so ein Kotzbrocken wie Ebenizer Scrooge aus Dickens Weihnachtsgeschichte, und beide müssen eine ähnlich fundamentale Wandlung durchmachen, um zum Ziel zu gelangen. Auch Marianne Dashwood aus Verstand und Gefühl (Sense and Sensibility) von Jane Austen muss erst von ihrer romantischen Weltsicht „geheilt“ werden, bevor sie ihr Glück findet.
Kurzum: Dieser Topos der Läuterung ist so verbreitet, dass man von einem eigenen Plot sprechen kann.

Aber verleiht das der Aussage generelle Gültigkeit, dass Protas Schwächen haben und überwinden müssten, um daran zu wachsen? Ich meine nein.
Alle Beispiele haben nämlich gemeinsam, dass die Schwäche im Mittelpunkt der Handlung steht.
Aber nicht alle Schwächen sind derart zentral. Ein Charakter kann launisch sein, kaffeesüchtig oder snobistisch. Er oder sie kann Hunde hassen, kleine Kinder verabscheuen oder Angst vor großen Höhen haben. Alles das wird das Verhalten dieser Figur und damit auch die Handlung beeinflussen. Zum Beispiel kann die Höhenangst dazu führen, dass die Figur einen bestimmten Weg meidet und gerade dadurch in Schwierigkeiten gerät. Aber selbst, wenn sie das Schlamassel überstanden hat, kann sie immer noch Angst vor Höhen haben.
Oft sind die Schwächen in diesem Fall der Charaktere nur ein erzählerischer Kniff, um die Handlung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Außerdem erzeugt es natürlich Spannung, wenn der unter Höhenangst leidende Prinz auf der Flucht vor seinen Verfolgern plötzlich an der Kante einer tiefen Schlucht steht, über die nur eine schmale, fragil wirkende Brücke ohne Geländer führt. Auf der anderen Seite wäre er sicher. Wird er seine Angst überwinden? Oder wird er zaudern? Werden die Schergen der roten Königin ihn einholen?
Stay tuned!
Damit sind wir bei der nächsten Frage:

Bild: Alexas_Fotos via Pixabay

Brauchen Protas Schwächen, um Stoff für Konflikte zu liefern?

Im Beispiel oben trägt der Prinz einen inneren Konflikt aus, indem er mit seiner Höhenangst kämpft. Und weil viel auf dem Spiel steht, ist das natürlich auch spannend. Genauso kann es spannend sein, zu beobachten, was passiert, wenn zwei Menschen mit konträren Ansichten und gegenseitigen Vorurteilen durch äußere Umstände gezwungen sind, zusammenzuarbeiten. Auch hier sind Konflikte vorprogrammiert und Konflikte sind nun mal ein Garant für Spannung.

Allerdings ist damit nicht gesagt, dass die Konflikte unbedingt durch Schwächen der Hauptfigur initiiert werden müssen. Gegenbeispiele liefern nicht nur die zahlreichen Superheld*innen, die dank ihrer Superkräfte vollkommen konfliktfrei durchs Leben kämen, wenn es keine superschurkischen Kontrahenten auf der anderen Seite gäbe. Außer ihnen gibt es noch eine andere Kategorie von Protas, die auch ohne offensichtliche Schwächen und Charaktermängel auskommt, die aber selten besprochen wird und für die es meines Wissens auch keine spezielle Bezeichnung gibt. Ich nenne sie mal positive Katalysatoren, weil ihr zweites Merkmal darin besteht, dass sie im Laufe der Geschichte zwar andere aber nicht sich selber verändern. Zu diesen positiven Katalysatoren gehört u. a. Paddington, der kleine Bär, der einfach nur lieb und freundlich zu jedem ist, bis jede/r andere auch lieb und freundlich ist. Ein weiteres Beispiel ist Vianne Rocher, die Hauptfigur aus Chocolat – Ein kleiner Biss genügt. Auch sie kommt ohne Schwächen und Charaktermängel aus. Die Konflikte entstehen allein aufgrund der Vorurteile ihrer Mitmenschen.

Mit anderen Worten: Schwächen und Charaktermängel liefern zwar wunderbaren Zündstoff für Konflikte und können damit für Spannung sorgen. Das heißt aber nicht, dass die Protagonisten unbedingt Schwächen und Charaktermängel haben müssen.

Müssen die Protas Identifikationsfiguren sein?

Zugegeben: Diese Frage empfinde ich kniffelig.
Einerseits scheint das Bedürfnis, sich mit den Protas zu identifizieren, bei vielen Leser*innen hoch zu sein. Jedenfalls lese ich in Rezensionen immer wieder den Satz „Ich habe mich mit XY gut identifizieren können.“ Auch im Rahmen der Diversitätsdebatte wird immer wieder angemerkt, dass man auf ein breites Figurenspektrum achten solle, damit sich alle Gruppen in Geschichten wiederfinden. Und noch eins ist klar, nämlich dass jede/r von uns Schwächen hat, und dass wir uns deshalb eher in solchen Figuren wiederfinden, die ähnliche Schwächen haben, wie wir.
Andererseits finde ich mich in beiden Positionen nicht ganz wieder. Ja, ich finde es durchaus angenehm, wenn die Figuren meine eigenen Vorstellungen wiederspiegeln, ähnliche Schwächen aufweisen und mit vergleichbaren Problemen kämpfen. Auf der anderen Seite finde ich es faszinierend, in eine ganz andere Vorstellungswelt einzutauchen. Die Welt aus neuen Perspektiven zu betrachten, ist um so viel auf- und anregender als sich im altbekannten auszuruhen. Das heißt aber auch, dass ich mich mit den Protas gar nicht unbedingt identifizieren muss. Ich komme auch prima mit solchen klar, die ganz anders sind, die andere Entscheidungen treffen oder einen anderen Blick auf die Welt haben. Wichtig ist mir nur, dass diese Entscheidungen b. z. w. ihr Blick auf die Welt für mich nachvollziehbar sind.

Aus meiner eigenen Perspektive kann ich daher nur sagen, dass Protas keine Identifikationsfiguren sein müssen. Allerdings sind die Ansprüche verschieden und deshalb würde ich in dem Punkt einen Rat abwandeln, der Schreibratgebern oft vorangestellt wird: „Schreib die Protas, die du gerne lesen möchtest.“

Müssen Protas sympathisch sein?

Wenn man sich mit den Protas schon nicht identifizieren können muss, sollten sie dann wenigstens sympathisch sein? Auch dazu, wie man das hinbekommt, gibt es ja diverse Tipps von Schreibratgebern, so z. B. „Rette die Katze“ von Blake Snyder, das den ersten Vorschlag bereits im Namen trägt.
Andererseits gibt es auch Bücher die hervorragend funktionieren, obwohl die Protagonisten alles andere als Sympathieträger sind. Heinrich Manns Der Untertan wäre so ein Beispiel. Sein Protagonist Diederich Heßling besitzt nicht einmal Charisma. Ganz offenbar geht es also auch anders.

Allerdings kann ich mir bestimmte Genres auch nicht mit unsympathischen Charakteren vorstellen. Liebesromane zum Beispiel. Wieso sollte sich jemand in einen grundsätzlich unsympathischen Menschen verlieben?
Gut, Young Adult setzt da neue Maßstäbe. Offenbar reicht es vielen „Heldinnen“ des Genres schon ein irgendwie geartetes „heißes“ Aussehen, um sämtliche Charaktermängel zu ignorieren, sich unsterblich in den Creep zu verlieben und das Ganze auch noch für romantisch zu halten. Zugegeben viele Vampirromane sind nicht besser, auch wenn sie für älteres Publikum geschrieben sind. Insofern ist die Zuspitzung auf Young Adult nicht ganz fair. Aber ganz allgemein würde ich doch meinen, dass man sympathischen Charakteren eher zutraut zueinander zu finden, ihnen die gegenseitige Zuneigung auch eher abnimmt und das Happy End gönnt.

Auch sonst sorgen sympathische Charaktere eher dafür, dass die Leser*innen Anteil an ihrem Schicksal nehmen und deshalb weiterlesen. Bei einer unsympathischen Hauptfigur ist es ungleich schwerer, die Leser*innen bei der Stange zu halten, wenn sie sich nicht ohnehin gleich angewidert abwenden.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass sympathische Charaktere zwar kein Muss sind, aber lieber gelesen werden. Um das zu erreichen, ist es durchaus sinnvoll, ihnen auch ein paar, wenn auch nicht allzu gravierende Schwächen mitzugeben. Schließlich mögen wir auch in der Realität Menschen mit kleinen Schwächen lieber als solche, die keine Fehler zu haben scheinen. In Büchern wirken ganz fehlerlose Charaktere schnell steril und langweilig.

Sollten Protas Vorbilder sein?

Wenn du mir bis hierher gefolgt bist, beschäftigt dich vielleicht auch diese Frage. Sollten Protas nicht doch irgendwie heldenhaft sein, um als Vorbild dienen zu können? Stören Fehler da nicht irgendwie? Darf der Prinz aus dem ersten Beispiel, ein solcher Feigling sein, dass er es selbst unter Lebensgefahr nicht schafft, die Schlucht zu überwinden, obwohl er doch der Auserkorene ist, um die Welt zu retten? Darf er sich den Schergen der roten Königin heulend vor die Füße werfen und um sein Leben betteln?
Das wäre absolut nicht heldenhaft und als Vorbild untauglich, sagst du und dabei stimme ich dir vollkommen zu. Aber wenn du mich nach meiner Sicht der Dinge fragst, darf er das trotzdem. So, wie ich das sehe, müssen Protagonist*innen keine Vorbilder sein. Sie sind zwar die Hauptfiguren, aber ihre erste und wichtigste Eigenschaft ist es, die Handlung voranzubringen. So lange sie diese Aufgabe erfüllen, ist es unwichtig, ob sie widerliche Schleimbeutel auf zwei Beinen sind oder heldenhaft, großmütig und klug. Als Autorin oder Autor bist du frei, wie du sie gestalten willst.
Aber, fragst du jetzt vielleicht, was ist, wenn meine Hauptfigur nicht nur eine Schwäche hat, sondern einen richtigen Charaktermangel? Bleibt nicht die Moral auf der Strecke, wenn ich eine rassistische Kinderhasserin zur Protagonistin machen oder einen versoffenen Incel zum Protagonisten?

Quelle: Hans via Pixabay

Ganz ehrlich? Natürlich darfst du. Dann ist dein Protagonist/deine Protagonistin ein schlechter Mensch, aber so what? Niemand verbietet dir, über schlechte Menschen zu schreiben. Ob dabei die Moral auf der Strecke bleibt, hängt davon ab, ob du sein Verhalten als richtig darstellst. Hier sind wir wieder bei dem Problem, das ich schon oben bei Young Adult und bei den Vampirromanen angesprochen habe: Es gibt inzwischen unzählige Romane, in denen Stalking, Gaslighting und verschiedene Formen psychischen und physischen Missbrauchs als romantisch verklärt oder Zeichen von Überlegenheit gedeutet werden. Aber so lange du das nicht tust, ist zumindest aus meiner Sicht alles o. k.
Das gilt besonders, wenn du Korrektive einbaust, d. h. wenn deine Figur für ihre Haltung auch kritisiert wird und moralische Niederlagen einstecken muss. Ganz generell gilt aber, dass wir gar nicht moralfrei schreiben können. Jede Geschichte, jeder Charakter trägt irgendwo eine Moral in sich. Es beginnt schon mit der Auswahl dessen, welche Geschichten wir für erzählenswert halten. Es geht weiter damit, wie wir unsere Figurenliste besetzen, welche Konflikte wir einbauen und auf welchen Wegen wir unsere Charaktere zum Ziel gelangen oder scheitern lassen. Das Meiste davon passiert ganz unbewusst. Deshalb ist vor allem wichtig, diese Prozesse immer mal wieder zu reflektieren und nachzudenken, ob wir so verstanden werden, wie beabsichtigt. Also nicht einfach draufloszuschreiben, die eigenen Kinks zu verallgemeinern und darauf zu vertrauen, schon richtig verstanden zu werden. So oder so: Deine Leser*innen werden sich selber ein Bild vom Charakter deiner Protas machen und ihr eigenes Urteil fällen.
Unterschätze sie nicht. Sie sind nicht blöd.

Zusammenfassung

Protagonist*innen dienen dazu, die Handlung voranzutreiben. Wie sie das tun, wie perfekt sie sind und wie moralisch sie dabei handeln, liegt an dir. Wenn du ihnen kleine Schwächen verleihst, kann das hilfreich sein, aber es ist kein Muss. Genauso wenig, wie es ein Muss ist, sie als gute Menschen darzustellen. Als Autor oder Autorin bist du frei, sie nach deinen Ansprüchen an deine Geschichten zu gestalten.
Das Einzige, was du beachten solltest ist, die Geschichte so zu schreiben, dass sie nicht deinen eigenen Moralvorstellungen widerspricht. Damit bist du zwar immer noch nicht vor Kritik und Missverständnissen gefeit. Aber du kannst sie besser vor dir selber vertreten und das macht auch den Umgang mit Kritik leichter.

Wie siehst du das? Wie heldenhaft (und moralisch) müssen Hauptfiguren sein?

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[Fundstück] suedies kleiner Schreibratgeber – starke, weibliche Figuren

Abgesehen davon, dass ich „männliche Männer“ wie Old Shatterhand und James Bond inzwischen als leicht lächerliche Klischees und mindestens ebenso nervig wie die unbeliebte Mary Sue finde, kann ich dem Artikel nur zustimmen.
https://www.wattpad.com/449001773-mach-ein-meinungsbuch-suedie-haben-sie-gesagt

Zum Schluss von #CharactersofSeptember: Wofür Seraina kämpft

Die Challenge „Characters of September“ bot fiktiven Charakteren die Möglichkeit, selbst auf Fragen zu antworten. Bei mir war es die Spielfrau Seraina, die mehr über sich und ihr Leben preisgab. Alles andere erzählt die Geschichte Der Fluch des Spielmannsdie als eBook sowohl über die Tolino-Händler also auch über Amazon erhältlich ist.

Nike: „Letzter Tag heute, wie fühlst du dich?“

Seraina: „Müde. Es war gut, mal wieder rauszukommen. Aber nun ist es auch genug.“

Nike: „Dann eine letzte Frage noch: Wofür setzt du dich ein? Welche Ziele hast du?“

Seraina: „Ziele? Ich bin tot! Alles, was ich noch will, ist meine Ruhe.“

Nike: „Moment, gestern hast du noch gesagt …“

Seraina: „Gestern ging es um die Frage, was ich ändern würde, wenn ich könnte. Aber wir Toten können nichts ändern. Wir sind nur Schatten und Erinnerung. Blass, blutleer und ohne Macht oder Einfluss. Das Heute ist eure Welt. Du hast gestern gesagt, sie sei besser geworden. Gerechter. Gratuliere! Aber wir sind nicht mehr Teil davon, also müsst ihr euch kümmern. Ihr könnt neue Fehler machen oder unsere wiederholen; das Erreichte ausbauen oder zerstören. Uns Tote kümmert das nicht mehr. Aber eure Kinder, vielleicht.“


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Die Erzählung Der Fluch des Spielmanns ist als eBook für alle gängigen Lesegeräte erhältlich. Unter anderem kann es bei diesen Anbietern heruntergeladen werden:

https://books2read.com/Spielmannsfluch

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#CharactersofSeptember (Tag 27) – Seraina und die Tränen

Wer mitliest, kennt es bereits: Characters of September ist eine Challenge, bei der fiktive Charaktere selbst zu Wort kommen. Bei mir beantwortet Seraina, eine Spielfrau aus dem 8. Jahrhundert die Fragen. Sie ist eine der Figuren aus der Erzählung Der Fluch des Spielmanns.

Nike: „Hallo Seraina, noch vier Tage, dann ist die Challenge zuende. Ich hoffe, die Fragen sind dir nicht zu nahe gegangen.“

Seraina: „Sei gegrüßt. Nein, es passt schon. Wenn es zu viel ist, sage ich das auch. Du kennst mich.“

Nike: „Das ist gut, denn heute wird es wieder sehr persönlich und zwar geht es darum, wann du das letzte Mal geweint hast – und warum.“

Seraina: „Ich habe in meinem Leben viele Tränen vergossen, aber wann das letzte Mal und warum? Das ist alles so lange her und es gab so viele Gründe zu weinen. Hunger, Schmerzen, Verachtung …
Nicht, dass es irgendwie geholfen hätte. Es erschöpft nur und die Probleme bleiben. Aber das sagt sich so leichthin. Wenn es so weit ist, weint man ja doch. Aber irgendwann … Irgendwann hat es aufgehört. Die Probleme waren noch da. Die Gefühle auch. Aber ich hatte keine Tränen mehr. Ganz so, als wäre ich innerlich vertrocknet.“


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Die Erzählung Der Fluch des Spielmanns ist als eBook für alle gängigen Lesegeräte erhältlich. Unter anderem kann es bei diesen Anbietern heruntergeladen werden:

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#CharactersofSeptember (Tag 26) – Worauf Seraina stolz ist

„Characters of September“ ist eine Challenge, bei der fiktive Charaktere selbst zu Wort kommen. Bei mir stellt sich Seraina, eine Spielfrau aus dem frühen Mittelalter, den Fragen. Sie ist eine der Figuren aus der Erzählung Der Tod des Spielmanns.

Nike: „Hallo Seraina. Schön, dass du wieder da bist. Nachdem wir uns gestern über Scham unterhalten haben, geht es heute um Stolz. Gibt es etwas, auf das du rückblickend besonders stolz bist?“

Seraina: „Sei gegrüßt, Nike. Stolz ist ein großes Wort und wir waren kleine Leute. Stolz konnten wir uns nicht leisten. Aber doch, es gibt eine Sache, auf die ich tatsächlich stolz bin.“

Nike: „Lass mich raten. Darauf, dass du weggelaufen bist? Du hast diesen Moment der Freiheit erwähnt.“

Seraina: „Das war ein wundervolles Gefühl. Aber stolz? Nein! Stolz bin ich darauf, Corvin das Leben gerettet zu haben. Wenigstens ihm.“


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Die Erzählung Der Fluch des Spielmanns ist als eBook für alle gängigen Lesegeräte erhältlich. Unter anderem kann es bei diesen Anbietern heruntergeladen werden:

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#WirSchreibenDemokratie – Und ich schreibe mit

Eigentlich sollte das hier eine politikfreie Zone werden,

schrieb ich vor etwa anderthalb Jahren als Reaktion auf das Erstarken der AfD,

ein Wolkenschloss mit Elfenbeintürmchen sozusagen, abgeschieden von der realen Welt. Genau wie meine Geschichten. Ich verstehe mich nicht als politische Schriftstellerin.

Inzwischen hatte ich Zeit diese Position zu überdenken. Ich verstehe mich nach wie vor nicht als politische Schriftstellerin. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass ich irgendwen zu irgendetwas bekehren will. Meine Geschichten sollen in erster Linie unterhalten. Aber natürlich habe ich eine Meinung und eine Haltung. Beides prägt die Figuren, die ich erschaffe und die Geschichten, die ich erzähle. Ich glaube nicht, dass ich z. B. einen klassischen James Bond schreiben könnte, einfach, weil ich dieses Klischee des männlichen Mannes (ja, die Doppelung ist beabsichtigt) albern und ein bisschen ekelhaft finde.

Diese Haltung prägt natürlich auch die Beiträge im Blog, die sehr viel politischer sind als ursprünglich geplant. Spätestens, seit ich angefangen habe, auch über Sprache zu schreiben und Tipps zur Figurenentwicklung zu geben, ist das Politische sozusagen durch die Hintertür hereingekommen.
Das gestrige Wahlergebnis hat mich bewogen, nun auch die Vordertür zu öffnen, denn das, was da gestern in den Bundestag eingezogen ist, hat mit Demokratie nichts am Hut. Bei Ankündigungen, wie, man werde sich „sein Volk zurückholen“, möchte ich schreien. Ich bin nicht das Volk von irgendwem. Ich bin kein Eigentum, kein Besitz und ganz bestimmt lasse ich mich von niemandem einfach holen! Schon gar nicht von einem alten Mann mit Hundekrawatten. Das ist nicht mein Kandidat und das Land, von dem er träumt ist und war nie meine Heimat.

Mein Deutschland ist ein reiches, fruchtbares Land, wobei ich „reich“ und „fruchtbar“ nicht nur im materiellen Sinne verstehe. Mein Deutschland ist ein Land, dessen Bewohner so selbstbewusst sind, dass sie anderen offen gegenüber treten können. Ein Land, in dem Kultur sich nicht als etwas gegebenes, abgeschlossenes verstanden wird, weil sie schon immer von anderen Kulturen befruchtet wurde und weil man es versteht, von anderen zu lernen. Mein Deutschland ist das Land, in dem jeder in den Grenzen der Gesetze nach seiner Façon selig werden kann und in dem Freiheit ganz selbstverständlich auch die Freiheit des anders Denkenden bedeutet.
Das ist vielleicht eine Utopie. Aber eine, für die es sich zu leben und zu streiten lohnt.

Auch das ist ein Zitat aus dem Artikel von vor anderthalb Jahren und in diesem Punkt hat sich meine Meinung kein bisschen geändert. Deshalb schließe ich mich dem vom Nornennetz aufgebrachten Hashtag #WirSchreibenDemokratie an und deshalb wird es hier von jetzt an auch offen politische Artikel geben. Wer das nicht erträgt, braucht hier ja nicht mitzulesen. Noch ist es ein freies Land und wenn ich mit meiner Stimme, mit meinen Worten oder mit meinen Taten irgendetwas dazu beitragen kann, wird es das auch bleiben!

#CharactersofSeptember (Tag 25) – Dafür schämt sich Seraina am Meisten

Die Challenge Characters of September lässt fiktive Charaktere selber zu Wort kommen. Bei mir ist es Seraina, einer der Geister aus der Erzählung Der Fluch des Spielmanns, die sich den Fragen stellt. Seraina ist zwar nicht die Hauptfigur, nimmt aber innerhalb der Geschichte eine sehr wichtige Rolle ein. Vor allem aber ist sie meine Inspiration beim Schreiben gewesen, da der Fund ihrer Gebeine Anlass zum Schreiben dieser Geschichte war.

Nike: „Hallo Seraina! Schön, dass wir uns wiedersehen.“

Seraina: „Sei du auch gegrüßt. Aber ich bin froh, wenn das hier überstanden ist. Ich möchte endlich wieder schlafen. In Ruhe.“

Nike: „Dann will ich gleich auf den Punkt kommen: Was ist das, wofür du dich am Meisten schämst, wenn du zurückdenkst.“

Seraina: „Am Meisten schämen … Als wenn das so einfach zu sagen wäre. Und wie soll ich einen einzelnen Moment herausgreifen, wo doch mein ganzes Leben Scham und Schande war?“

Nike: „Kannst du uns das etwas näher erklären?“

Seraina: „Ich habe durch meine Flucht gegen das Gesetz und durch mein Leben mit Corvin gegen gute Sitten verstoßen, ja.“

Nike: „Das heißt, dass du deine Entscheidung letztlich doch für falsch hältst?“

Seraina (schüttelt den Kopf): „Nein. Das war schon richtig. Trotzdem: Wenn die Leute ständig auf dich herabblicken und dir zu verstehen geben, dass du nichts bist, dann bleibt das irgendwann haften. Es ist wie Schmutz, der sich unter die Haut frisst, bis auf deine Seele und diesen Schmutz wirst du nie, nie wieder ganz los – selbst, wenn nur du selber ihn sehen kannst.
Und es hat nicht erst angefangen, als ich weggelaufen bin. Die Scham begleitet mich, seit ich denken kann. Wäre sie nicht gewesen, wäre ich doch gar nicht erst weggelaufen. Aber auch als ich noch der familia der Herrin gehörte, war ich schon Dreck. Indem ich weglief und mich mit Corvin zusammentat, war ich wenigstens einmal frei. Für einen kurzen, angstvollen, aufregenden Moment nur, bis mich die Scham wiederfand und mich nie mehr losließ. Aber schon um dieses Moments willen, hat sich alles gelohnt.“

Nike: „Das ist nach heutigen Maßstäben alles sehr schwer nachvollziehbar. Um so mehr danke ich dir dafür, dass du uns so offen davon erzählst!“


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#CharactersofSeptember (Tag 24) – Seraina über das Schrecklichste, was sie Corvin angetan hat

Wer hier mitliest, weiß inzwischen vermutlich sehr genau, dass es bei Characters of September darum geht, fiktiven Charakteren eine Stimme zu geben. Trotzdem schreibe ich es für die Neueinsteiger sicherheitshalber noch einmal dazu.
Bei mir beantwortet Seraina, eine Spielfrau aus dem frühen Mittelalter die Fragen.

Nike: „Hallo Seraina! Noch einmal herzlichen Dank, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Ich weiß, dass dir die Fragen sehr zusetzen und auch die nächste wird vermutlich nicht leicht. Es geht darum, was das Schrecklichste war, das du jemandem, den du liebst, angetan hast.“

Seraina: „Du hast recht. Ich hätte es mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen sollen, bevor ich zusage. Oder die Fragen genauer lesen. Manche davon sind wirklich …
Warum wird so in den düsteren Winkeln der Seele gestochert? Was soll das bringen? Glaubt wirklich jemand, mich besser zu kennen, nur weil solche Sachen ans Licht gezerrt werden? Ist denn der Kern meines Seins das Böse? Sind es nicht auch die hellen Dinge? Meine Talente und Fähigkeiten, die schönen Erlebnisse; das, was mich mit anderen verbindet? Warum sprechen wir nicht über meine Beziehung zu Corvin oder – wenn es denn schon hart und schwer sein muss – über das Leben als Fahrende und darüber, wie es ist, Geld für Ehre zu nehmen?“

Nike: „Tut mir leid, aber …“

Seraina: „Ja, ja, ich weiß. Du hast die Fragen nicht gemacht und so weiter. Hatten wir schon. Also kurz die Antwort: Das Schlimmste, was ich Corvin, meiner großen Liebe angetan habe, war natürlich die Drohung, ihn mit in den Tod zu nehmen. Ich habe damals keinen anderen Weg gesehen, aber es zerschneidet mir immer noch das Herz, wenn ich an das Entsetzen in seinen Augen denke.“


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#CharactersofSeptember (Tag 23) – Serainas erster Kuss

Characters of September ist eine Challenge, bei der fiktive Charaktere selber das Wort ergreifen. Bei mir ist es Seraina, eine der Spielfrauen aus Der Fluch des Spielmanns, die im Interview Rede und Antwort steht (wenn sie denn Lust hat).

Nike: „Hallo Seraina. Schön, dass du wieder da bist.“

Seraina: „…“

Nike: „Ok, ich sehe schon: Du bist immer noch sauer. Aber ich habe mir die Fragen nicht ausgedacht – und du hast gesagt, du würdest antworten.“

Seraina: „Ja.“

Nike: „Ich fürchte, die nächste Frage wird wieder heikel. Es geht darum, wie dein erster Kuss war.“

Seraina: „Meinen ersten Kuss, ja? Den habe ich vom zweiten Sohn unserer Herrin bekommen. Kurz bevor er mir befahl, mich hinzuknieen und sein Ding in den Mund zu nehmen. Willst du mehr Einzelheiten?“

Nike: „Danke, ich glaube, das reicht.“


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#CharactersofSeptember (Tag 17) – Serainas Freunde

Bei Characters of September kommen fiktive Charaktere zu Wort. Bei mir stellt sich Seraina, eine Spielfrau und Geist aus Der Fluch des Spielmanns den Fragen der Challenge.

Nike: „Hallo Seraina und danke noch mal, dass du dir so viel Zeit nimmst. Heute wird es aber vermutlich ein kurzes Interview, denn heute geht es um deinen Freundeskreis. Nach dem, was du in den vergangenen Tagen erzählt hast, ist der eher klein, oder?“

Seraina (lacht): „Klein ist eine gelungene Untertreibung. Wenn man Corvin als meinen Freund und nicht als meinen Mann betrachtet, habe ich neben Hulda genau einen Freund.“

Nike: „Das heißt, du würdest ihn immer noch als deinen Freund ansehen? Trotz seines Verrats?“

Seraina: „Was meinst du mit Verrat? Dass er Hulda nachgestiert hat? Welcher Mann hat das nicht?
Dass er nicht mit uns gestorben ist? Warum sollte er! Ich bin froh, dass er überlebt hat!“

Nike: „Trotzdem hast du ihn nach eurem Tod verfolgt.“

Seraina: „Ja. Ich bin nicht stolz darauf. Ich hatte Angst. Ich war wütend und enttäuscht. Also habe ich ihm Angst gemacht. Als ob er nicht selbst genug gehabt hätte. Deshalb würde ich auch nicht von Verrat sprechen. Und letztlich … Ich will nicht sagen, dass alles gut geworden ist. Das nicht. Aber er hat überlebt. Ich hätte mich nur gerne richtig verabschiedet. Ihn noch einmal umarmt und gesagt, wie sehr ich ihn liebe!“


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