#Autorinnenzeit: Nicht gekauft, aber ausgeliehen

Wie man sieht, lese ich nicht nur Phantastisches. Krimis und Thriller machen ebenfalls einen großen Teil meiner Lektüre aus. Aber manchmal nehme ich Bücher auch nur aufgrund des Titels mit. Wie das Hörbuch links oben. Da fand ich den Titel einfach unwiderstehlich.

#Autorinnenzeit: phantastische Frauen (2) – Anne McCaffrey

Heute möchte ich die Mini-Serie über die Autorinnen, die mein eigenes Schreiben beeinflusst haben, mit einer weiteren Großen fortsetzen: Anne McCaffrey.

Anne McCaffrey 2005.JPG
Quelle: Wikimedia CC BY-SA 3.0, Link

Nachdem mich die Nebel von Avalon für die Phantastik angefixt hatte, war es ganz natürlich, nach ähnlichen Büchern zu gucken. Vor allem nach Büchern, in deren Mittelpunkt aktive Frauen standen. Ich hatte ja schon im letzten Beitrag erzählt, wie ungewöhnlich das damals war. Aber es fühlte sich gut an. Es war aufregend, Frauen zur Abwechslung nicht nur passiv und vor allem als Beute, naive Jungfrau oder laszive Verführerin präsentiert zu bekommen. Es eröffnete ganz neue Rollenmuster; eine Entwicklung, die übrigens parallel auch im realen Leben stattfand.

Ich habe die Diskussionen am Abendbrottisch noch gut in Erinnerung: Meinen Vater, der brüllte, seine Frau habe es nicht nötig arbeiten. Meine Mutter, die dagegenhielt, die Zeiten hätten sich geändert. Er könne es ihr nicht mehr verbieten.
Nicht mehr, wohlgemerkt. Es war keine fünf Jahre her, dass verheiratete Frauen ohne Erlaubnis ihres Mannes einen Arbeitsvertrag abschließen durften und die Ehemänner nicht mehr berechtigt waren, ein Arbeitsverhältnis „ihrer“ Frauen eigenmächtig zu kündigen. Mein Vater war Jurist. Er muss es gewusst haben. Gefallen hat es ihm überhaupt nicht.
Ich war damals 13 oder 14. Mitten in der Pubertät. Meine heile Kinderwelt zerbrach und ich sehnte mich nach Abenteuern und Auswegen.

Natürlich habe ich deutlich mehr gelesen, als nur Fantasy. Ich habe so ziemlich alles gelesen, was mir in die Hände fiel. Von Hanni und Nanni bis Angst vorm Fliegen. Aber eben auch Fantasy. Und hier war Anne McCaffrey die nächste Autorin, die ich für mich entdeckte.
Gut, Anne McCaffrey wird eigentlich nicht zu den Fantasy, sondern zu den Science-Fiction-Autorinnen gezählt, aber da beides zur Phantastik gehört, ist auch sie eindeutig eine der phantastischen Autorinnen. Als ich ihren Zyklus über die Drachenreiter von Pern entdeckte, fiel der für mich allerdings eindeutig unter Fantasy. Gut, es spielt auf einem entfernten Planeten. Aber ferne Planeten sind erst mal auch nur alternative Welten, wie Mittelererde oder Narnia. Für mich besteht der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Genres eher darin, welchen Stellenwert Technik und technische Entwicklungen innerhalb der Geschichte haben. Pern, die Welt der Drachenreiter, ist Low Tech; die Gesellschaftsstrukturen sind mittelalterlich. Vor allem aber: Es gibt Drachen!*

Zugegeben, auf die Geschichten um die Drachen bin ich erst später gestoßen, denn mein erster Kontakt zu dem Zyklus war Menolly, die musikalisch hochbegabte Tochter eines Seebarons. Leider sieht ihre Umgebung diese Begabung als vollkommen nutzlos an. Frauen ist das Musizieren zwar nicht direkt verboten, aber eine Ausbildung als Harfnerin …
Menollys Eltern tun alles, um sie vom „nutzlosen Klimpern“ abzuhalten und ihre Ambitionen zu durchkreuzen. Wirklich alles. Bis Menolly es nicht mehr aushält und wegläuft.
Hier eröffnen sich gleich mehrere wunderbare Möglichkeiten, die Geschichte zu versieben. Aber weder mutiert Menolly in der Wildnis zu einer weisen Kräuterfrau oder Kriegerin, die sich alleine durchschlägt, noch kommt es zu einer tränenreichen Wiedervereinigung mit den Eltern, die nun ihr Fehlverhalten einsehen. Erst recht taucht kein bad-ass-Guy auf, in den Menolly sich verliebt um fürderhin ganz für diese Liebe zu leben. Menolly versucht einfach nur durchzukommen. Sie bekommt Hilfe (oft von unerwarteter Seite) und muss Widerstände überwinden, wie sich das für eine anständige Heldin gehört. Kurzum: Menolly bleibt ein normales Mädchen mit einer außerordentlichen Begabung, und das macht letztlich auch ihre Geschichte außergewöhnlich.

Ich habe danach so ziemlich alles aus dem Drachenreiter-Zyklus gelesen und das Meiste fand ich gut. Besonders gefiel mir, dass man jedes Buch einzeln lesen kann, weil jedes eine in sich abgeschlossene Geschichte enthält.  Im Zentrum stehen immer wieder andere Figuren, mal Männer, mal Frauen. Manche tauchen nur in einem Band auf, manche haben über mehrere Bände hinweg tragende Rollen. Die einzelnen Geschichten sind zwar, wie moderne Fernsehserien, durch eine Rahmenhandlung verbunden. Diese wird aber nicht chronologisch enthüllt, so dass man die Bücher auch nicht in einer bestimmten Reihenfolge lesen muss.
Über den Stil kann ich nicht mehr viel sagen, außer dass er – zumindest in meiner Erinnerung – weniger Pathos enthielt, als die Bücher von Zimmer Bradley. Sex kam ebenfalls vor, aber seltener. Insgesamt habe ich mich von den Drachenreitern immer gut unterhalten gefühlt (sonst hätte ich auch kaum so viel davon gelesen). Außerdem gefiel mir, dass McCaffrey immer wieder Themen wie Gerechtigkeit, Vorurteile, Gleichberechtigung etc. aufgriff, so dass den Romanen trotz der ständisch-mittelalterlichen Gesellschaft, in der sie spielen, nichts restauratorisches anhaftet. Sie behandelte diese Themen aber immer subtil, im Rahmen der Geschichte und ohne erhobenen Zeigefinger. Das machte sie sehr angenehm und zugleich anregend zu lesen.


*Puristen mögen jetzt einwenden, dass die Drachen nicht auf natürlichem Weg, sondern durch gentechnische Veränderung einer Echsenart entstanden sind. Aber diese Zusammenhänge werden erst nach und nach aufgedeckt – und vor allem viel zu spät, um den Ersteindruck zu ändern.

#Autorinnenzeit: Ein Einwurf von Eva-Maria Obermann

Ein schönen Montag, einen wundervollen Mai. Macht euch auf was gefasst. Der Autor Sven Hensel – wahrscheinlich habt ihr schon davon gehört – hat die Initiative ergriffen und den Mai dieses Jahr zum „Autorinnenmonat“ erklärt. Unter dem Hashtag #Autorinnenzeit lernt ihr diesen Monat viele Autorinnen kennen und natürlich auch ihre Bücher. Ich werde mal hier, mal…

über Warum wir über Autorinnen reden müssen – #Autorinnenzeit — Schreibtrieb

#Autorinnenzeit: Der Mai wird weiblich

Quelle: https://www.rawpixel.com

Den nächsten Monat wird es hier im Blog ausschließlich Beiträge über Autorinnen und ihre Bücher geben.

Warum?

Weil Literatur immer noch eine Männerdomäne ist. Zwar sind die Zeiten zum Glück vorbei, in denen es für Frauen als unschicklich galt, zu schreiben. Trotzdem finden Autorinnen im Literaturbetrieb immer noch weniger Anerkennung, als ihre Kollegen.

Das beginnt damit, dass Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, signifikant seltener im Schulunterricht verwendet werden*.
Das ist um so bemerkenswerter, weil der Kinder- und Jugendbuchsektor zu den Bereichen gehört, in denen Frauen dominieren. So tauchen in der Liste „Empfehlenswerte deutsche Kinder- und Jugendbuchautoren“ bei Lovelybooks vorwiegend Autorinnen auf. Interessanterweise schlägt sich das aber nicht in den Unterrichtsempfehlungen nieder. So hat die ebenfalls bei Lovelybooks geführte Liste „Die beliebtesten Schullektüren“ praktisch keine Überschneidungen mit der zuvor genannten.

Es setzt sich damit fort, dass von Männern geschriebene Bücher deutlich öfter rezensiert werden. Die Zahlen schwanken je nach Magazin und Land, sind jedoch immer zu Gunsten der Autoren, wie z. B. Nina George im Börsenblatt feststellte.
Das doppelt spannend, weil es immer wieder heißt, dass die Mehrzahl der Bücher von Frauen gelesen und gekauft würden, und dass Frauen Protagonistinnen wünschten, Männer aber vor allem für und über Männer schrieben.

Schließlich werden auch Literaturpreise signifikant häufiger an Männer vergeben.

Mehr Beispiele gefällig? Dann empfehle ich das Interview von Janet Clark bei Literaturschock.

Vielleicht schreiben Männer einfach besser?

Vielleicht tun sie das. Aber warum werden dann im Bereich Kinder- und Jugendbuch vorwiegend Autorinnen empfohlen? Und warum schafft es praktisch keine dieser Autorinnen in den Schulunterricht? Weil die Lesergemeinde zu dumm ist und nur die Schulbehörde den Durchblick hat?

Ich bin inzwischen der Meinung, dass das Problem die unterschiedliche Sichtweise auf Männer und Frauen ist. Wenn Charlotte Roche über Intimrasur und Pickel am Po berichtet, ist das „Schweinkram“, über den man sich selbst dann trefflich echauffieren kann, wenn man Schoßgebete nicht gelesen hat. Dagegen schrieb Günter Grass natürlich hohe Literatur – auch das weiß man, ohne es je gelesen zu haben und deshalb hinterfragt auch niemand, was daran literarisch ist, wenn Mädchen wichsende Jungen und ihr schäumendes Sperma bewundern (Katz und Maus).

Das ist natürlich ein sehr krasses Beispiel. Aber ich habe ganz allgemein den Eindruck, dass Männerphantasien akzeptierter sind als ein allzu weiblicher Blick auf den eigenen Körper. Der Mann ist die Norm, die Frau immer noch Das andere Geschlecht und wehe, ihre Weltsicht stimmt nicht mit seiner überein. In diesem Fall setzen fast automatisch Abwehrmechanismen ein, die den Status quo sichern sollen.**

Ein Monat nur Autorinnen, diskriminiert das nicht die Männer?

Bitte was? Wenn du das ernsthaft meinst, solltest du dir vielleicht noch mal das unter der Überschrift „Warum?“ Gesagte durchlesen. Fakt ist, dass das derzeitige System ganz klar Autoren bevorzugt. Anders gesagt: selbst wenn ich einen Monat nur über Autorinnen schreibe, ist das bestenfalls ein schwacher Ausgleich des herrschenden Ungleichgewichts. Deshalb möchte ich mit einem Zitat von Sven Hensel schließen, der die Aktion Autorinnenzeit ins Leben gerufen hat:

Es wird Zeit, sich solidarisch zu zeigen, gemeinsam für die Vielseitigkeit des Literaturbetriebes einzutreten, anzuerkennen, dass auch Frauen tolle Arbeit leisten und das Scheinwerferlicht zu teilen. Die literarische Bühne bietet uns allen Platz!

gesture-772977_640
Quelle: carloscuellito87 via pixabay

*Die Lektüreliste für Gymnasien des Landes Baden-Württemberg nennt beispielsweise 236 deutschsprachige Werke, die „im Unterricht gewinnbringend gelesen werden können“. Von diesen 236 Werken stammen 216 von Männern und nur 20 von Frauen. Quelle: hier

**Das Gleiche lässt sich zum Thema Rassismus feststellen. Auch hier gilt: Wer selbst in einer privilegierten Stellung ist und die als Norm setzt, wird blind für die eigene Ungerechtigkeit. So jemand wird jede Form der Kritik als ungerecht und Gefahr für die eigene Position und Stellung empfinden.

Ostern: Aber bitte mit #BiO!

Gestern habe ich Ostergeschenke gekauft (und nein, ich verrate nicht, was, schließlich weiß ich genau, dass auch meine Familie gelegentlich guckt, was ich im Internet so schreibe).
Für alle die, die immer noch auf der Suche sind, ein Tipp: Wie wäre es mit #BiO?
BiO steht für Bücher im Osternest und ich finde das eine ganz phantastische Idee. Nicht nur als Autorin. Ich habe nämlich nur einen virtuellen SUB und damit eine seeeeeeeeehr lange Wunschliste.

Falls hier also jemand aus der Familie reinliest: Frag mich einfach! Ich freue mich über Schokolade und #BiO!

Ostern1

Ist das Literatur oder kann das weg?

Wer braucht eigentlich Literatur?

Blöde Frage, oder? Seit wann hat Literatur einen Nutzen?

Niemand braucht“ Literatur. Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie wir Essen oder Trinken brauchen, Kleidung oder Sex. Literatur ist etwas, das wir uns leisten, wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind.
Besonders kluge Menschen unterscheiden noch feinsinnig zwischen hehrer E- und billiger U-Literatur und lehren, dass letztere natürlich abzulehnen ist. In ihrer höchsten Form ist Literatur vollkommen zweckfreier Luxus und gerade das adelt sie zur Kunst.

Der böse Eskapismus

Was gute Literatur ausmacht, darüber streiten die Gelehrten. Vermutlich wurde auch Homer vorgeworfen, in seine Gesängen viel zu viel Sex and Blood and Alcohol eingebaut zu haben.
Wo kämen wir auch hin, wenn Lesen Spaß brächte? Wenn Menschen sich in andere Welten flüchten, statt in steter Auseinandersetzung mit dem Elend der Welt an eben jenem Elend zu zerbrechen?

Das ganz große Grausen bricht jedoch aus, wenn die Leser versuchen, jene Welten auch noch zu leben und dabei Symbole verwenden, die den selbsternannten Hütern der Hochkultur fremd sind. So geschehen in der Nachlese des SWR Kulturredakteurs Carsten Otte zur Leipziger Buchmesse.*

Cosplayer als Killerkaninchen

winter-kingdom-798279_640
Quelle: Kukunamu via pixabay

Ausnahmsweise traf der Bannstrahl dieses Mal nicht die Selfpublisher. Vielmehr fühlte sich Herr Otte durch die Cosplayer gestört. Der „Massenauftritt der leicht bekleideten Comicfiguren mit Plüschtier unterm Arm [werde] zum Hohn auf den Rest der Messe“, wetterte Otte, wobei ihm dieser Rest für ihn vor allem in „Diskussionen über die politische Weltlage und die neue Ernsthaftigkeit im Literaturbetrieb“ bestand. Vielleicht haben ihm die „pornographischen Posen“ der „nackten Hasen“, aber auch nur das Willi-Brand-Feeling verdorben, das in ihm aufwallte, als er „Verleger und Autoren mit dem Parteisticker der Sozialdemokraten durch die Messehallen schlendern sah“.

Unter dem Strich

Mit Verlaub: Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Der Parteisticker steht ebenso wenig für qualitativ hochwertige Literatur, wie Kätzchenohren und Kuscheltier oder ein ostentativ getragenes Kreuz. Literatur lebt in Büchern und den Geschichten, die sie erzählen. Man muss sie lesen, bevor man sich zu ihren Inhalten äußern kann.

Natürlich kann man es auch lassen. Literatur lebt zwar davon, gelesen zu werden, aber nicht jeder muss alles gelesen haben. Damit kommt die Literatur prächtig zurecht. Wer sich jedoch um die Geschichten nicht schert, sondern sie aufgrund von Äußerlichkeiten ablehnt, missbraucht Literatur und setzt sich dem Verdacht aus, hinter der vorgeschobenen Kulturpflege stecke nur der hilflose Wunsch, die eigene Existenz in einer unübersichtlich gewordenen Welt zu rechtfertigen.


*Der Beitrag, sowie ein offener Antwortbrief auf die Reaktionen der Cosplayer findet sich hier


Auf den Beitrag bin ich aufgrund eines Artikels von Lena Falkenhagen auf Tor-online aufmerksam geworden. Falkenhagen geht nicht nur auf die Geschichte des Manga ein, sondern kommt auch zu dem Schluss, dass der von Otte geforderte Ausschluss der Manga-Convention genau der Zensur gleichkäme, die er zu bekämpfen behauptet.


Zum Schluss zur Klarstellung: Ich mag Mangas nicht sonderlich, da sie mich ästhetisch nicht ansprechen. Trotzdem gucke ich seit neuestem mit meinen Söhnen Assasination Classroom und muss zugeben, dass die Serie nicht nur witzig gemacht ist, sondern auch einen ernsthaften Unterbau hat.
Cosplay ist ebenfalls nichts für mich, weil zu wenig praxisorientiert. Nur zu posen finde ich langweilig. Aber das ist Geschmackssache und vermutlich könnten die Cosplayer auf Anfrage sehr viel zu ihrer Figur und der Rolle erzählen, die sie in den Geschichten spielt, aus denen sie entlehnt ist. Es würde mich wundern, wenn es anders wäre als in der Living-History-Darstellung, die ich betreibe.
Was mich an den Äußerungen Ottes stört, ist zum einen die ungeheuerliche Überheblichkeit, die dahinter steht. Zum anderen aber auch, dass Freiheit, Demokratie und Menschenrechte deutlich mehr durch rechte und extremistische Agitatoren bedroht sind als durch ein paar Kuscheltiere und Menschen in merkwürdigen Kostümen. Auch diese Agitatoren hatten Stände auf der LBM, ihre Werbematerialien waren omnipräsent. Vielleicht ist dieser Umstand, Otte aufgrund zu viel offensichtlicher, nackter Haut aber entgangen.


Aktualisierungen:
Auch auf PhantaNews gibt es einen sehr lesenswerten Beitrag: Haltet die Buchmesse sauber!
Auf SPON schreibt Margarete Stokowski: Auch nackte Hasen sind politisch

Autorenleben: Wann und wie hast du mit dem Schreiben angefangen?

Wie man aus dem Titelbild sieht, ist das mal wieder eine Frage aus der #Autorenwahnsinn Challenge von Schreibwahnsinn.de.

Wann genau ich angefangen habe, kann ich nicht mehr sagen. Sehr früh jedenfalls. Ich habe als Kind sehr viel gemalt und meine Bilder hatten immer Geschichten, ähnlich den Wimmelbüchern. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, aus diesen Bildergeschichten kleine Bücher zu machen, was im Nachhinein seltsam ist, weil Comics in meinem Elternhaus verpönt waren. Sie galten als Schund, wohingegen meinen Eltern sehr daran gelegen war, dass wir „gute Bücher“ lasen.
Damals (wir reden von den 1970ern und 80ern) wurden darunter vor allem Klassiker und problemorientierte Werke verstanden. Menschen mit schlimmen Schicksalen, die gegen die Kälte der Gesellschaft, die Grausamkeit der Welt kämpfen und schließlich doch scheitern. Dass ich auch Märchen, Sagen, Fantasy- und Abenteuergeschichten verschlang, gab Anlass zur Sorge, ich könne den Kontakt zur Realität verlieren.
Aber obwohl ich eine echte Leseratte war, kam ich erst relativ spät auf die Idee, meine Geschichten in Worte und nicht in Bilder zu fassen.

In der 5. oder 6. Klasse habe ich an einem Schreibwettbewerb für Schüler zum Thema Alltagsrassismus teilgenommen (Den gab es damals schon. Nazis auch.) und sogar irgendeinen Platz belegt. Welchen weiß ich nicht mehr, aber mein Preis war ein seht zeitgeistiger Postkartenkalender mit schrecklich lieben Sprüchen, mit dem ich als Punk, der ich war, überhaupt nichts anfangen konnte. Das Ding ist umgehend in den Müll gewandert.

Danach klafft eine Erinnerungslücke bis nach dem Studium. Ich kann beim besten Willen nicht sagen, ob ich in der Zeit irgendwelche freiwilligen, ernsthaften Schreibversuche unternommen habe.
Dann las ich das Nibelungenlied und war hingerissen. So etwas wollte ich auch schreiben! Historisch. Trotzdem modern. Ein neues, großes Werk des magischen Realismus!
Natürlich bin ich grandios gescheitert. Mehrfach sogar. Man gibt ja nicht einfach etwas auf, nur weil man immer wieder daran scheitert. Erst recht nicht, wenn schon so viel Arbeit darin steckt.

Zum Glück stieß ich irgendwann auf Elronds Haus*, und dort auf Fanfiction. Das Gute an der Community dort war, dass sie sich stark am Kanon orientierte. Mary Sues und OOC**s waren nicht gerne gesehen. Aber ich fand ohnehin die Teile spannender, über die sich Tolkien nur wenige Informationen geliefert hat. Sie ließen den größten Raum, die eigene Fantasie spielen zu lassen. Damals entstand u. a. die Urfassung zu Steppenbrand, aber auch andere Kurzgeschichten, die ich jetzt nach und nach in den Codex Aureus einfließen lasse.

Ohne Elronds Haus und die Fanfictions wäre ich vielleicht nie so weit gekommen. Aber damals habe ich nicht nur festgestellt, dass mir das Schreiben Spaß macht, sondern auch dass meine Geschichten Leser finden, auch wenn mein Stil ausbaufähig war.

Aber die Sache mit dem Stil ist eine andere Geschichte und geht schon weit, weit über die Frage hinaus.


* Elronds Haus war ein Forum zu Tolkiens Geschichten. Leider existiert es nicht mehr.
** Charaktere, die sich anders verhalten, als vom Verfasser beschrieben

[Rezension] Schatten vom M. D. Grand

Ausnahmsweise beginne ich eine Rezension mit dem Cover, weil mich das Cover von Schatten schon beim ersten Sehen ansprang. Vollkommen abstrakt mit einem beschränkten Farbspektrum (schwarz, weiß, dunkelrot) – und trotzdem DER HAMMER!
Allerdings hat mich dieses Hammercover in Verbindung mit dem Autorennamen erst mal auf eine vollkommen falsche Fährte gesetzt. Für mich suggestierte beides Science Fiction, eventuell auch einen Wissenschaftsthriller. Beides sind Genres, die ich gerne lese, auf die ich aber zu der Zeit keine Lust hatte.

Deshalb kam „Schatten“ zunächst nur auf den virtuellen Stapel der vorgemerkten Bücher. Vielleicht hätte ich es dort vergessen, wenn nicht einige BartBroAuthors geschwärmt hätten, wie toll es sei. Also habe ich es gekauft und das war auch gut so.

Entgegen meiner ersten Annahme ist Schatten nämlich weder Science Fiction, noch ein Thriller, sondern solide High Fantasy. Darüber hinaus überrascht die Geschichte mit einer ungewöhnlichen Perspektive. Ceryan, der Protagonist ist nämlich das böse Minion des noch böseren Oberschurken – wenn auch nicht ganz freiwillig. Aber der Eid, durch den König Zenox ihn in seine Dienste gezwungen hat, verhindert jede offene Auflehnung.
Das lässt einen schnell wünschen, Ceryan, der auch sonst überraschend differenziert dargestellt wird, möge es schaffen, sich irgendwie zu befreien. Zumal es den Untergang der letzten freien Völker bedeuten würde, wenn es Ceryan seinen Auftrag ausführt und König Zenox den Stein von Kairoan beschafft.

Auch sonst bietet die Geschichte einen angenehmen Mix aus bekannten Fantasy-Elementen und überraschenden Wendungen. Sprachlichen fielen ein paar Unsicherheiten auf, die aber dem Lesevergnügen insgesamt keinen Abbruch taten.

Insgesamt daher eine Leseempfehlung.


Schatten von M. D. Grand ist erschienen bei Amazon und als Taschenbuch und eBook erhältlich.

[Fantasy] Ich mach mir die Welt …

Einer der Vorteile des Fantasy-schreibens ist die Freiheit, nicht an die Beschränkungen der Realität gebunden zu sein. Als Autorin ist man frei darin, neue Welten zu erfinden und zu bevölkern. Man kann Gebiete schaffen, in denen der Himmel rosa und das Gras purpur ist, sie in undurchdringliche Finsternis hüllen oder in ewiges Licht tauchen und sie mit allem bevölkern, was Sagen, Märchen, Mythen und Träume hergeben. Man kann aber auch die bestehende Welt nehmen und nur ein kleines bisschen verändern.

Diese Freiheit des Schreibens ermöglicht es auch der Leserin Welten und Gegenden zu bereisen, zu denen es physisch keinen Zugang gibt und in denen die Naturgesetze aufgehoben oder wenigstens gebrochen sind. Sie führt uns in Verstrickungen und Abenteuer, die uns Alltag und Sorgen eine Weile vergessen lassen.

Ja, aber ist das nicht böser Eskapismus? Muss man nicht die Welt zeigen, wie sie ist?

Also, erst mal möchte ich schon bestreiten, dass Belletristik die Welt überhaupt zeigen kann, „wie sie ist“. Belletristik zeigt die Welt immer gefärbt durch die Wahrnehmung der Autorin, der Erzählerinnen und der Charaktere eines Buchs. Im Idealfall ist Belletristik ein Prisma, ein Kaleidoskop verschiedener Perspektiven – aber wann hätte je ein Kaleidoskop oder ein Prisma die objektive Realität wiedergegeben?
Wer eine objektive Weltsicht sucht, sollte sich besser an Sachbücher, Biographien und ähnliches halten.

Und dann möchte ich bestreiten, dass Eskapismus per se etwas Schlechtes ist. Wenn ich mir angucke, welche Wirkung die dauernde Beschäftigung mit oft nur vermeintliche Krisen hat, täte uns allen vermutlich ein bisschen mehr Eskapismus sehr gut.