Ruhm ist nicht genug,

Heute ist mal wieder einer dieser Tage, an denen ich mich frage, warum ich mir das eigentlich antue. Zu Schreiben, meine ich.

Als ich anfing, hätte ich die Antwort problemlos geben können: Natürlich wollte ich davon leben. So wie andere davon leben, Brötchen oder Klamotten zu verkaufen, Zähne zu richten oder Kindern etwas beizubringen, wollte ich von Buchstaben leben. Genau genommen, träume ich immer noch davon. Aber wenn man sich die Zahlen anguckt …


2010 verdienten die bei der Künstlersozialkasse versicherten Schriftsteller:innen durchschnittlich 13.588 Euro. Im Jahr. Auf einen Monat gerechnet sind das 1.132 Euro.* Brutto. Dabei wäre es schon netto nicht viel. Dazu kommt, dass sich in der Künstlersozialkasse die „Besserverdienenden“ sammeln. Unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze kommt man nämlich gar nicht rein. Es darf also davon ausgegangen werden, dass das tatsächliche Durchschnittseinkommen der Schreibenden noch geringer ist.

Finanziell lohnt sich das Schreiben absolut nicht.

„Aber du schreibst doch nicht nur für …“
„Man darf doch nicht alles unter monetären Aspekten …“
„Geld ist nicht alles. Mir ist wichtiger, gelesen zu werden!“

Gerade den letzten Satz unterschreibe ich sofort. Mir ist wichtiger gelesen zu werden, als den großen Reibach zu machen. Mir liegt nichts am Jet-Set. Ich brauche keine Champagnerempfänge, keine Yacht und schon gar keine Bäder in Eselmilch. Aber Miete, Renten- und Krankenversicherung zahlen zu können und trotzdem Geld für Klamotten und für einen gelegentlichen Besuch in Schwimmbad, Museum oder Kino zu haben, wäre schon schick.

Dabei ist es auch egal, ob mir das Schreiben Spaß macht. Was wäre das auch für eine Bemessungsart? „An diesem Buch habe ich endlos gesessen – es hat wirklich gar keinen Spaß gemacht“, wäre damit ein Argument viel Geld dafür zu bezahlen, während „diese Geschichte! Ich habe so viel Freude damit gehabt. Die Worte sind mir nur so aus der Feder geflossen“, gratis zu haben sein müsste? Was für ein hanebüchener Unsinn! Auch Gehalt wird schließlich nicht als Schmerzensgeld bezahlt (auch wenn das bei manchen Jobs durchaus angebracht wäre, aber das ist wieder ein anderes Thema).

„Aber das kann man doch nicht vergleichen!“

Das kann man sehr wohl. Schreiben ist Arbeit. Genaugenommen ist es sogar die Art von Arbeit, die üblicherweise gut bezahlt wird, weil sie neben Kreativität und Wissen viel Planung und Ausdauer verlangt. Ein Buch schreibt sich nicht mal eben. Es fertig zu stellen, ist ein langer, fordernder und oft einsamer Prozess. Auch wenn Schreibende untereinander oft sehr kommunikativ sind, ist man beim Schreiben allein mit sich und seinen Gedanken. Nicht nur Stunden oder Tage, sondern oft Jahre. Das lässt sich durchhalten, weil die Arbeit Spaß macht. Manchmal. Manchmal ist es auch die Konfrontation mit eigenen und fremden Abgründen, mit Abscheulichkeiten und Ängsten. Aber das gehört dazu. Außerdem haben wir uns das ja ausgesucht.

Trotzdem bleibt am Ende oft nur Erschöpfung und die Hoffnung, dass dieses Buch, in das wir so viel investiert haben, gekauft, gemocht und weiterempfohlen wird, weil wir alleine von Spaß, Ruhm und Ehre oder was auch immer Schreiben sonst noch bedeutet, nämlich weder unsere Miete, noch Klamotten oder Essen bezahlen können. Und weil es so lange dauert, ein Buch zu schreiben, müssen die Erträge, die dieses eine Buch bringt, uns so weit tragen, dass wir das nächste schreiben und herausbringen können.

Aktuell tut es das nicht. Der Buchmarkt ist kaputt. Die Ursachen davon sind vielfältig. Da sind die Selfpublisher:innen, die ihre Werke zu „Kampfpreisen“ auf den Markt schmeißen, in der vagen Hoffnung, dadurch sichtbarer zu werden, die aber nur das Bild zementieren, dass Bücher, zumal selbst publizierte nichts wert sind. Es sind die Verlage, die Bücherproduktion und -vertrieb vor allem unter Kostenaspekten beurteilen und den Kostendruck an das schwächste Glied der Kette weitergeben: Die Autor:innen. Es sind die Autor:innen, die seufzend akzeptieren, dass man mit Romanen immer weniger und mit kürzeren Formaten sowieso überhaupt gar nichts verdient. Es sind die selbst ums Überleben kämpfenden Buchhandlungen, die zwar mantraartig beklagen, wie schlimm das Aussterben der „kleinen inhabergeführten Buchhandlung“ wäre, aber oft auch bloß Bestseller im Angebot haben und weder der Kundschaft noch den Autor:innen irgendeinen Vorteil bieten. Es sind die Portale, die legalen, wie die illegalen auf denen man Bücher als Print- oder E-Book nahezu zum Nullpreis bekommt, die Leseflatlines, von denen alle profitieren – bis auf die Autor:innen. Es sind nicht zuletzt auch Leser:innen, die Bücher nach dem optimalen Verhältnis von Preis und Gewicht aussuchen.

Ich will nicht jammern. Aber falls du bis hier gekommen bist, bitte ich dich, dir eins klar zu machen: Wir Autor:innen sind nicht nur ein nice to have. Unsere Geschichten sind die Basis fast jeder Form von Unterhaltung die du nutzt. Sie kommen nicht nur als Bücher daher, sondern stecken in jedem Computerspiel, jeder Netflix- oder Amazon-prime-Produktionm und jedem Film. Wir schreiben die Songtexte, Theaterstücke und Drehbücher. Und überall sind wir das schwächste Glied. Das, an dem am Meisten gespart wird. Aber wie heißt es so schön: Jede Kette ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied. Unsere, d. h. auch deine Welt wäre ärmer, wenn dieses schwächste Glied irgendwann wegbricht.
Vielleicht kannst du einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass es nicht so weit kommt.


* Die Zahl ist zwar von 2010, aber leider hat sich in den letzten 10 Jahren daran auch nichts geändert.

IndieBuchtober: Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da

Das haben wir schon im Kindergarten gesungen und aus irgendwelchen Gründen ist es hängengeblieben.

Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da,
er bringt uns Wind, hei hussassa!
Schüttelt ab die Blätter,
bringt uns Regenwetter.
Heia hussassa, der Herbst ist da!

Tatsächlich faucht draußen gerade der Wind und treibt Regen gegen die Fensterscheiben, während ich diesen Text schreibe. Vielleicht ist das der Grund, warum mir bei der Tagesaufgabe zum IndieBuchtober als Erstes dieses Kinderlied eingefallen ist. Heute ist nämlich ein Indie-Buch mit einem herbstlichen Cover gefragt. Auch dafür böte sich Schwesternband von Wiebke Tillenburg an. Aber da ich das vor ein paar Tagen schon vorgestellt habe, scheidet dieses Buch leider aus. Challenges leben von der Abwechslung.

Aber es kann ja wohl nicht so schwer sein, ein Buchcover mit Kürbissen zu finden; mit roten Blättern vor blauem Himmel oder eins, in dem ein schon braun und wellig gewordenes Blatt in einer Pfütze treibt. Reife Äpfel, Nüsse, Birnen, Pilze, Nebel, Korngarben … Nichts!*
Wenn es nach Buchcovern geht, gibt es Frühling, Sommer und Winter. Dazwischen klafft eine riesige Lücke.

Und dann ist da noch das Problem, dass Indie-Bücher extrem schwer zu finden sind. In den stationären Buchhandel kommen sie nur ausnahmsweise, was in den Zeiten von Corona nicht mal ein Nachteil sein muss. Aber auch die Algorithmen der Online-Buchhandlungen bevorzugen klar die Bücher aus Publikumsverlagen und die Suchfunktion ist unterirdisch. Inzwischen gibt es zwar meist auch eine Abteilung „Indie-Autoren“, aber die ähnelt einer Kruschkiste, in sich der Anleitungen zum Stricken von Babyschuhen, Fantasyromane, Splatter und Einhand-Erotik mit Krimi, Western, Romance, BDSM, Poesie und Low-Carb-Rezepten mischt. Vermutlich habe ich noch ein paar Genres vergessen, aber ich werde mindestens einen Liter Gehirnbleiche brauchen, um die Cover der sogenannten Erotiktitel wieder aus dem Kopf zu bekommen.
Das nächste Mal, wenn wieder von den Leiden des deutschen Buchhandels und dem bösen Amazon die Rede ist, werde ich an diese Suche zurückdenken. Corona wäre ein guter Anlass gewesen, die Online-Shops auszubauen und zu verbessern. Getan hat sich nichts. Und eine Branche, die Bedürfnisse seiner Kunden so konsequent ignoriert, dass sie es nicht mal fertig bringt, aus den zu jedem Buch mitgelieferten Metadaten eine vernünftige Suchfunktion zusammenzuklöppeln, hat es irgendwann auch nicht mehr verdient, zu überleben.

Am Ende war ich schon fast so weit, mich von der Belletristik ab und den Kochbüchern zuzuwenden. Es gibt bestimmt einen Indie-Titel: wie „Herbstgenüsse – die besten Rezepte meiner Oma“ mit Äpfeln, Pilzen, Kürbissen oder etwas in der Art auf dem Cover. Nur, weil ich ein Kochbuch nicht wirklich gut zu einem Blog passt, bei dem es um Fantastik, Selfpublishing und ein bisschen auch der Geschichte geht, habe ich es nicht getan, sondern weitergesucht.

Wie du siehst, bin ich schließlich sogar noch fündig geworden. Die Blätter des Herbstbringers von Fabienne Siegmund hat nicht nur den Herbst im Titel, sondern auch schöne Herbstblätter auf dem Cover.
Der Klappentext spricht von einem Geheimnis und die Leseprobe las sich angenehm. Außerdem genießt der OHNEOHREN-Verlag in der Fantastikszene einen guten Ruf. Deshalb habe ich auch keine Bedenken, das Buch hier zu präsentieren, auch wenn ich es selber noch nicht gelesen habe.


*Oder besser gesagt: Fast nichts. Es gab zwei oder drei Bücher, die ich im Rahmen dieser Challenge leider nicht zeigen kann, weil sie in großen Publikumsverlagen erschienen sind, also nicht Indie sind – und ungefähr doppelt so viele Indie-Bücher, die aber leider völlig an meinem Geschmack vorbeigingen.


Alle Aufgaben der Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Buch mit Werwölfen
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbis
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.herbstliches Cover26.10.Buch und Schal
12.10.Buch und Heißgetränk27.10.schwarz und orage
13.10.Seite/Kapitel 13 Satz 1328.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichten29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

Gefährliche Normalität

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

In Rezensionen lese ich oft Sätze wie: „Ich konnte mich mit der Protagonistin gut identifizieren“, und als ich den Artikel Forderung nach mehr Diversität veröffentlichte, schrieb mir jemand über Twitter, die eigentliche Unverschämtheit läge darin, dass von ihm verlangt würde, sich mit weißen cis-Heten zu identifizieren. Da mich die Person inzwischen blockiert hat, kann ich das Zitat nicht im Wortlaut wiedergeben. Aber der ist auch nicht so wichtig. Was auffällt ist, dass die Rezensent*innen und jener Tweetschreiber anscheinend das Gleiche wollen, nämlich Figuren, mit denen sie sich identifizieren können.

Das ist einerseits toll, weil es zeigt, welchen Einfluss Bücher haben (können). Wer Identifikationsfiguren sucht, ist selber noch auf der Suche nach der eigenen Identität. Dass Bücher dabei als Kompass dienen, ist ein Beweis dafür, welche Bedeutung das geschriebene Wort immer noch hat.

Gleichzeitig zeigt es, wie naiv der Satz ist: „Das ist doch nur Unterhaltung.“ Auch das, was wir nur zur Unterhaltung konsumieren, prägt. Unser Hirn kann gar nicht anders als zu lernen. Was uns oft begegnet, verinnerlichen wir als Norm. Genau darin liegt die Gefahr der sogenannten Unterhaltung.
Wenn wir nur schöne, hellhäutige, heterosexuelle, junge  Mittelschichtmenschen als Identifikationsfiguren haben, schürt das auf Dauer das Gefühl der Minderwertigkeit, weil spätestens der Blick in den Spiegel zeigt, wie weit wir von dieser „Norm“ entfernt sind. Wozu das führen kann, zeigt @Textflash in einem Tweet, der unabhängig von diesem Artikel aber fast gleichzeitig entstanden ist.
Je öfter wir romantisierte Darstellungen problematischer Beziehungen lesen, und uns mit der Protagonistin identifizieren*, desto wahrscheinlicher ist, dass uns Gegenstrategien fehlen, wenn wir selbst in eine solche Beziehung geraten. Es ist doch Liebe. Die große Liebe, die verzeiht und am Ende alles heilt**.
Je häufiger wir uns mit den richtigen, harten Kerlen identifizieren, die nie weinen und allein durch ihre Kraft und Ausdauer alle Hindernisse überwinden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in der Realität genauso gefühlskalt aufführen und Probleme in erster Linie durch Gewalt zu lösen versuchen.
Je öfter wir über Nerds, Frauen, Türken, Schwule oder andere spotten – nur zur Unterhaltung, versteht sich, Witze wird man ja wohl noch machen dürfen – desto empathielosere Arschlöcher werden wir tatsächlich.

Buchmenschen sollten sich dieser Gefahren bewusst sein. Nicht nur wir von der schreibenden Zunft, sondern alle, die Bücher machen, verkaufen und bewerben.
Guckt euch an, was ihr schreibt. Überlegt gut, wie ihr es vermarktet (und „gute Vermarktung“ meint ausdrücklich nicht die monetären Aspekte). Bedenkt, welche Aussagen ihr trefft, welche Haltung ihr vermittelt.
Der Satz: „Aber das ist doch nur Unterhaltung“, ist bestenfalls Selbsttäuschung. Ihr macht nicht „nur Unterhaltung.“ Ihr prägt die Sicht auf die Welt.


* Meist ist es eine Protagonistin, die dem Bad Boy durch ihre Liebe zu dem Menschen transformiert, der er „eigentlich“ ist.
** Spoiler: Tut sie nicht.


Du willst mit mir über den Artikel diskutieren? Gerne! Die Kommentare sind offen.

Literatur unter Strom: Interview durch Nina George

Nächstes Jahr feiert der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) 50-jähriges Jubiläum. Der Jubiläumskongress steht unter dem Motto „Literatur unter Strom“ – ein in mehrfacher Hinsicht passendes Motto, denn das zentrale Thema des Jubiläumsjahrs 2019 ist die Digitalisierung und ihre Bedeutung für AutorInnen, Verlage und Buchmarkt.

Das Thema wird jedoch nicht erst ab 2019, sondern bereits jetzt diskutiert. In diesem Zusammenhang hat Nina George (ja, genau DIE Nina George) mich zu den Themen Selfpublishing und den Folgen der Digitalisierung für den Buchmarkt interviewt.
Ihre Fragen fand ich sehr spannend und herausfordernd. Was dabei herausgekommen ist, kannst du auf den Seiten des VS in der Rubrik „Literatur unter Strom: Interviews und Statements“ nachlesen.

28768659_964298187058547_1701217180_oWas mich jetzt interessieren würde: Wie siehst du das? Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf den Buchmarkt? Können Verlage von Selfpublishern lernen? Werden unsere Enkel noch gedruckte Bücher lesen? Werden sie überhaupt noch lesen oder gehört die Zukunft dem Gaming, Streaming oder ganz anderen Technologien?
Ich freue mich auf deine Meinung!

 

Raus aus der Kuschelecke

Marah Woolfe hat einen Brief von einer Buchhändlerin bekommen, in dem diese sich darüber empört, dass Marah Woolfe auf ihrer Seite für die Bestellmöglichkeit über Amazon wirbt.
Warum

ich das erwähne? Weil ich die Antwort auf Marahs Blog Wort für Wort unterschreibe und weil das Ganze thematisch zu dem Artikel „Was ich mir von Tolino wünsche“ passt, den ich vor ein paar Tagen veröffentlicht habe.

Sich zu überlegen, was seinen Laden, sein Geschäft zu etwas Besonderem macht, ist täglicher Alltag aller Selbständigen, Unternehmer, Gewerbetreibenden.

Was ich mir von Tolino wünsche

Vor zwei Jahren noch, habe ich zu den Leuten gehört, die auf „echte Bücher“ geschworen haben. Print also. Weil sie so schön in der Hand liegen. Weil man Zettel reinstecken kann. Weil man sie im Regal vor Augen hat. Weil sie einfach hach sind.
Dann bekam ich einen Tolino und seitdem möchte ich eBooks nicht mehr missen. Weil sie keinen Platz im Koffer wegnehmen. Weil sie nichts wiegen. Weil sie nicht zerknittern. Weil sie bei jeder Beleuchtung lesbar sind. Weil man mit „suchen“ schnell und gezielt bestimmte Passagen findet. Kurz gesagt: Der Reader hat mein Verhältnis zum gedruckten Buch verändert.

Trotzdem gibt es da einige Dinge, die mich nerven. Gerade bei Tolino.

Es ist jetzt 10 Jahre her, dass Amazon den ersten Kindle auf den Markt gebracht hat. Trotzdem sind – so mein Eindruck – die einzigen, die eBooks für eine großartige Entwicklung halten, Selfpublisher, Plattformen wie neobooks und natürlich Amazon.
Die Selfpublisher, weil sie ihre Bücher dadurch schnell, kostengünstig und an den Verlagen vorbei auf den Markt bringen können. Neobooks, weil sie an den Selfpublishern verdienen und Amazon, weil sie an den Selfpublishern nicht nur verdienen, sondern die Selfpublisher und ihre eBooks außerdem das Kanonenfutter im Kampf gegen die Verlage sind.*

Aber obwohl diese Haltung nun seit einer ganzen Weile bekannt ist, fällt Verlagen und Buchhandel wenig mehr ein, als Plakete und Buy-local-Kampagnen. Immerhin hat man 2013, mit dem Tolino einen eigenen Reader auf den Markt gebracht, um Amazon wenigstens etwas entgegenzusetzen. Also rund 13 Jahre nach dem Kindle. Damit kann man die meisten eBooks jetzt auch total lokal beim örtlichen Buchhändler kaufen. Trotzdem bleibt das eBook für Verlage und Handel noch so etwas, wie der ungeliebte Bastard; das etwas anrüchige Produkt eines Fehltritts, der sich zum Leidwesen aller nicht totschweigen lässt. Die mangelnde Begeisterung schlägt sich leider auch bei der Funktionalität des Tolino nieder.

Noch mal als Erinnerung: Ich finde den Tolino toll. Er ist technisch super, dabei aber deutlich leichter als der Kindle und sehr angenehm in der Bedienung.

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Bildquelle: Myriams-Fotos via pixabay

Was mich nervt, ist die lieblose Art, in der dort Bücher präsentiert werden.
Der Startbildschirm begrüßt mich zwar mit Namen, hat aber nichts mit meinen Lesevorlieben zu tun. Statt dessen werden dort Bestseller gelistet, quer über alle Genres verteilt. Die Chance, nichts zu finden, ist da schon sehr groß.
Aber auch, wenn ich mich ins Menü klicke in die Kategorie Fantasy und Science Fiction gucke, stehen Bestseller wieder als erste Auswahlmöglichkeit ganz oben. Es folgen Neuheiten, Top-Vorbesteller und Top-Autoren und dann, fast verschämt am Ende: Fantasy, Science Fiction, Vampirromane. Bei Krimis (bzw. Krimis, Thriller, Horror, wie die Kategorie vollständig heißt) sieht es nicht viel anders aus. Nur tauchen dort „Gratis Krimis“ in den oberen Rängen auf und Anthologien sind offenbar eine eigene Gattung. Ansonsten gibt es die Subgenres Historischer Krimi, Horror und Kulinarische Krimis.
Mehr Subgenre gibt es nicht.  Ein bisschen dürftig, wenn ich gerade nach einer Steampunk Autorin suche, deren Name mir nur leider entfallen ist. Das liegt auch nicht an dem Shop, an dem mein Tolino hängt, sondern ist bei allen Online-Buchhandlungen gleich schlecht : Die Aufteilung ist unübersichtlich, fantasielos und offenkundig mehr am Umsatz als am Interesse des konkreten Kunden orientiert. Amazon ist da durchaus keine Ausnahme.

Allerdings macht Amazon ein paar Dinge besser. Zum Beispiel, indem es mich zum „Stöbern“ einlädt und mir dabei Bücher vorstellt, die denen ähneln, die ich mir angesehen, gekauft oder auf meinen Wunschzettel geschrieben habe. Dadurch stoße ich tatsächlich immer wieder auf Bücher, die mich interessieren.
Von den Tolino-Buchhandlungen bietet nur Thalia persönliche Empfehlungen. Alle anderen bieten allen Kunden den gleichen Einheitsbrei. Im Zeitalter von Digitalisierung und Big Data wirkt das nicht nur rückständig sondern beinahe snobistisch. Als sei es das Problem des Kunden, ob er etwas findet. Das Problem eines Kunden, dessen Geld man zwar nimmt, wenn er es denn unbedingt ausgeben will, auf das man aber nicht angewiesen ist.

Vielleicht ist dieser Eindruck ja gar nicht so falsch. Vielleicht verfolgt die mangelnde Struktur des Angebots und das Fehlen von Kundenorientierung ja ein Ziel. Vielleicht glaubt man tatsächlich, Kunden würden, wenn sie nicht finden, was sie suchen, in die Filiale gehen, um dort zu kaufen. Dafür sprächen die unübersehbaren (weil viel Platz einnehmenden) Hinweise auf die Filialen auf manchen Seiten.
Allerdings ist der Wunsch naiv. Wer online einkauft, tut das in der Regel, weil der Einkauf im Internet bequemer ist. Deshalb geht er auch nicht in die Filiale, wenn ihn das Angebot im Online-Shop nicht interessiert, sondern zur Konkurrenz. Also im Zweifel zu Amazon.

Dass ich 2018 so etwas in einem Blogartikel schreiben muss, weil ich das Gefühl habe, dass manche Unternehmen da draußen immer noch nach Zielen ausgerichtet werden, die schon in den 1990ern überholt waren, lässt mich schaudern.
Man hatte 20 Jahre Zeit, die Konkurrenz zu beobachten und von ihren Erfolgen und Fehlern zu lernen. Was dabei herausgekommen ist, ist ein schlecht gemachter Abklatsch. Ja, es gibt einen gemeinsamen Reader, ein gemeinsames Format. Aber da hört die Gemeinsamkeit schon auf. Die Mitglieder der Tolino-Allianz haben es nicht mal geschafft, ihre Verkäufe nicht etwa über ein gemeinsames Portal abwickeln.
Das heißt aber auch: Es gibt keine Plattform, auf dem man Bücherbewertungen teilt. Oder Autorenportraits.
Dabei hat das ganz praktische Auswirkungen: So hat z. B. der Roman „Das Lavendelzimmer“ bei Thalia 78 Bewertungen, bei der Meyerschen nur 5 und bei Osiander gar keine. Je nachdem, wo ich mich gerade befinde, wird mir als Kunde das Buch daher mehr oder weniger attraktiv erscheinen – aber in jedem Fall unattraktiver als bei Amazon, wo es auf über 300 Rezensionen kommt, weil Amazon die Bewertung für alle Formate einbezieht, während die o. g. Buchhandlungen z. T. nicht einmal das hinbekommen.

Wohin geht ein Kunde also wohl? Dorthin, wo er sich nur mühsam zurecht findet und wo ihm Informationen allenfalls häppchenweise präsentiert werden? Oder da hin, wo er zum Stöbern eingeladen wird und wo er das Gefühl hat, man kümmert sich um seine Interessen?

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Symbolbild: Was will der Kunde? Bildquelle: Pixabay

Ok, das war eine rhetorische Frage.

Außerdem hatte ich den Artikel anders überschrieben. Das oben ist eigentlich nur die Vorrede, damit die Unternehmen der Tolino-Allianz erkennen, vielleicht erkennen, wie ihr System auf Kunden wirkt (ich habe manchmal das Gefühl, Kunden kommen in dem Kosmos nicht vor).

Was ich mir also als Kunde wünsche:

  1. Ernst genommen zu werden. Das bedeutet nicht nur, mit Namen angesprochen zu werden, sondern vor allem, dass die Daten, die ich dort lasse (und erzählt mir nicht, dass sie nicht gespeichert und verarbeitet werden) auch dafür genutzt werden, mir den Aufenthalt auf der Seite so angenehm wie möglich zu machen.
    Das bedeutet

    • mich nicht mit Einheitskontent zu überschwemmen, sondern mir maßgeschneiderte Angebote zu machen, die sowohl auf meinem Kauf-, Lese- und Stöberverhalten als auch auf den Metadaten der Bücher beruht. Dafür ist nicht mal ein Abgleich mit dem Kauf- und/oder Leseverhalten anderer erforderlich.
    • die Seitengestaltung übersichtlich und die Navigation einfach, wie möglich.
    • Bücher mindestens nach Genres und Subgenres zu sortieren.
    • Eine Stichwortsuche zuzulassen.
  2. Eine gemeinsame Plattform über die ich eBooks herunterladen kann und auf der ich alle Informationen zu Buch und Autor bekomme. Als ich den Reader gekauft habe, war zwar ein Online-Händler vorinstalliert, aber ich kaufe da ohnehin nur selten, weil das Angebot dort besonders unübersichtlich ist. Eine solche Plattform hätte für mich als Kundin den Vorteil, dass ich mich schnell und umfassend über Buch, Bewertungen und Autor informieren könnte. Sie hätte außerdem den Vorteil, dass sie von Buchbloggern als Affiliate-Link eingebunden werden könnte und damit den Umsatz der Teilnehmer insgesamt erhöhen würde (kein Buchblogger bindet für das gleiche Buch Links von 5 verschiedenen Buchshops ein, der übliche Link geht zum großen A). Trotzdem ist es technisch problemlos umsetzbar, vorrangig über den Shop einzukaufen, der auf dem Reader vorinstalliert ist.
  3. Dass eBooks endlich als „normale Bücher“ gesehen und mit entsprechender Wertschätzung behandelt und verkauft werden. An einem Buch zählt nicht in erster Linie der Duft oder die Haptik. Wenn das so wäre, zöge ich einen Handschmeichler aus Zitronen- oder Zedernhölz allemal vor. Bei Büchern zählt der Inhalt. Und der ist der Gleiche, ob sie nun rascheln oder nicht.

 


  • Von Jeff Bezos wird der Spruch kolportiert “that Amazon should approach these small publishers the way a cheetah would pursue a sickly gazelle.”

Es hat geklappt!

Und fast hätte ich es nicht mitbekommen, weil der Postbote das Päckchen klammheimlich im Briefkasten deponiert hat. Dort wäre es auch das Wochenende über geblieben, wenn mein Großer keine Langeweile gehabt und deshalb erst in den Schränken und schließlich auch im Briefkasten nach Abenteuern gesucht hätte.
So habe ich es bekommen, während ich eigentlich gerade dabei war Abendessen zu kochen. Als ich die Verpackung aufgerissen habe, haben mir die Hände gezittert, so nervös war ich. Nicht, dass am Ende alles schief und krumm und ganz fürchterliche Farben …

Nein, hat es nicht. Zwar hat BoD sich nicht an seine eigenen Beschnittgrenzen gehalten oder ich habe bei der Umrechnung von Pixeln in Zentimeter doch einen Fehler gemacht – aber egal! Es sieht gut aus. Ich mag es. Auch Satz und Schriftbild sind sehr gut geworden.

Print 1

Leider habe ich bei all der Aufregung nicht daran gedacht, Bilder vom Auspacken zu machen und diese Aufnahme vom Handy ist auch eher mäßig. Aber zum Zeigen reicht es.

Ab jetzt ist Steppenbrand überall im Buchhandel erhältlich.
BoD, 8o Seiten, ISBN 978-3-7440-89631-3
4,99 €

Zur Leseprobe

[Marketing von eBooks] 5 Aktionen die man sich sparen kann

MarketingexpertInnen raten zwar von Negativformulierungen im Titel ab, aber was manchmal geht es eben nicht anders. Heute zum Beispiel soll es um Marketingstrategien gehen, die zumindest für den Verkauf von eBooks völlig für die Füße sind. Und so ganz schlimm kann der faux pas auch nicht sein, sonst würden Sie/würdest du das hier nicht lesen.

1. Lesezeichen

Lesezeichen sind unter Self-PublisherInnen ein sehr beliebtes Give-away. Kein Wunder. Wenn sie gut gemacht sind, haben einen hohen Erinnerungswert und sind außerdem billig in der Herstellung.
Leider sind sie bei eBooks vollkommen nutzlos. Und was keinen Gebrauchswert hat, bringt für die Kundenbindung nichts. Da kann man sich die Druckkosten sparen.

2. Flyer

Auch sehr beliebt bei SelfpublisherInnen: Flyer mit dem Titelbild und vielleicht einer kurzen Inhaltsangabe oder Leseprobe. Finde ich auch superchic, vor allem, wenn man schon mehrere Bücher am Markt hat und seine Bücher (auch) selber verschickt. Dann kann man dem einen Buch Flyer vom anderen beilegen und so schon mal Neugier wecken.
Aber bei eBooks? Da bleibt höchstens, die Flyer irgendwo auszulegen, wo sich potentielle Leser rumtreiben und zu hoffen. Kann man machen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich deshalb jemand hinsetzt und ein eBook runterläd, ist leider ziemlich gering.

3. Lokalpatriotismus

„Ich komme aus dieser Ecke, mein Buch spielt hier, können Sie das nicht wenigstens versuchsweise ins Regal stellen“, ist eine Strategie, die angeblich im lokalen Buchhandel ganz gut funktioniert. Beim Print.
Bei eBooks ist man für den Vertrieb auf überregionale PartnerInnen angewiesen und die interessieren sich absolut nicht dafür, woher man kommt oder wo das Buch spielt.

4. Gefälligkeitsrezensionen

Fünf Sterne bei Amazon sind toll. Ich rede aus Erfahrung, denn auch ich freue mir jedes Mal ein Loch in den Bauch, wenn jemand meine Bücher lobt. Aber wenn ausschließlich pauschale Urteile, wie das nachstehende abgegeben werden, guckt man sich die RezensentInnen auch mal genauer an.

Wunderschöne spannende Liebesgeschichte. Hat echt Spaß gemacht zu lesen, ich freue mich auf Band 2. Ich will unbedingt wissen wie es weitergeht.

Wenn dabei rauskommt, dass die sonst keine oder immer nur die gleichen drei AutorInnen loben, wird man als LeserIn schon stutzig. Und wenn dann nicht mal ein verifizierter Kauf dabei ist, kauft man dieses Buch gleich gar nicht. Mit Pech (für die AutorIn) merken sich die LeserInnen den Namen und kaufen nie wieder eines der Bücher.

5. BuchbloggerInnen nerven

Buchblogs sind eine tolle Erfindung und inzwischen gibt es mehr und mehr Plattformen, die sich auf SelfpublisherInnen spezialisieren. Als Medium für das eBook-Marketing optimal, denn wer Blogs liest, hat in der Regel auch weniger Vorbehalte gegen das elektronische Lesen allgemein.
Trotzdem sollte man auch hier die allgemeinen Regeln der Höflichkeit beachten. Niemand ist gezwungen, ein Buch zu lesen – auch eine BuchbloggerIn nicht. Der denkbar schlechteste Weg, zu einer Besprechung zu kommen ist, die Datei zu schicken und die BloggerIn eine Woche später zu bepöbeln, dass das Buch immer noch nicht besprochen ist (nein, ich sauge mir das Beispiel nicht aus den Fingern).

Nächsten Sonntag gibt es hier Ideen, was man besser oder statt dessen machen könnte.

Selfpublishing schadet der Umwelt

Außerdem macht Selfpublishing den Buchhandel kaputt. Das ist jedenfalls das Resümee eines Artikels auf Börsenblatt.net.

Selfpublisher (vor allem von eBooks) ruinieren die Umwelt. Weil sich eBooks nicht verleihen lassen, deshalb jeder einen eReader braucht, der wiederum Strom verbraucht. Während ein klassisches Buch ja mehrfach gelesen und verliehen werden kann (und sich offensichtlich ohne Ressourcenverbrauch herstellt und abbaut).

Auch sonst hält die Autorin Selfpublishing von Übel. Die schöne, neue, anarchische Selfpublisherwelt ist mitnichten Widerstand gegen die Konzerne. Man muss sich in sozialen Medien auskennen und darüber austauschen. Damit spielt man den Datenkraken in die Hände. Sie spionieren einen aus, man verliert sein Urheberrecht und muss auch noch gegen Buchpiraten kämpfen.

Und weil es kein Qualitätsmanagement gibt, sondern jede/r veröffentlichen kann, der sich dazu berufen fühlt, sind Selfpublisher auch mitnichten eine Bereicherung des Buchmarkts, sondern spalten ihn. Nutznießer werden nur einige wenige große Konzerne sein (warum, steht da leider nicht).

Aber der schönste Vorwurf ist doch, dass Selfpublisher den Buchhandel kaputt machen.

Zur Ehrenrettung der Autorin muss man sagen, dass der Artikel die arg verkürzte Widergabe einer Rede ist, die man auf Buecherfrauen.de nachlesen kann.
In der langen Variante liest sich das alles dann auch nicht mehr ganz so abstrus. Aber man merkt stark, dass die Verfasserin wirklich kein Digital Native ist, sondern sehr fest in den Strukturen des gängigen Verlags- und Buchhandelssystems verhaftet.

Fundstück: Und es kommt doch auf die Größe an …

Wer schon immer mal wissen wollte, wie Bestsellerlisten ermittelt werden, kann das bei Buchreport nachlesen. Jedenfalls über die Listen, die Spiegel-online veröffentlicht. Und so viel sei verraten: Auch die Größe spielt eine Rolle.

https://www.buchreport.de/spiegel-bestseller/ermittlung-der-bestseller/