Preisgestaltung bei eBooks

Bruno E. Thyke alias @augenschelm hat einen sehr guten Beitrag zum Wert von eBooks und Geschichten geschrieben: 99 Cent für deine Geschichte.
Genauso hätte er seinen Beitrag mit „Und davon willst du leben?“ übertiteln können. Denn, machen wir uns nichts vor: Die wenigsten AutorInnen können allein vom Schreiben leben. Unter den SelfpublisherInnen sind es noch weniger. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, Raubbau an uns selber zu betreiben, indem wir uns und unsere Geschichten weit unter Wert verkaufen.

Aber warum sollte das so bleiben? Ein Buch zu schreiben ist harte Arbeit. Es fertigzustellen zeugt von Kreativität, Mut und Durchhaltewillen. Sollten wir nicht den gleichen Mut, die gleiche Kreativität und die gleiche Energie darein setzen, auch anständig bezahlt zu werden? Oder sind wir uns selber so wenig wert?

Evelyn de Morgan: The Worship of Mammon, Eigentum des De Morgan Centres London
Autorin beim verzweifelten Versuch, Geld für ihr eBook zu bekommen (Bildquelle: Wikimedia, Copyright: http://www.the-athenaeum.org/art/detail.php?ID=111065)
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Lebenszeichen

Da ich so lange nichts veröffentlicht habe, wollte ich wenigstes kurz vermelden, dass es mich und das Blog noch gibt. Das Leben bietet gerade ein Übermaß an Herausforderungen und die restliche Zeit fülle ich damit, die notwendigen Anpassungen an die DSGVO vorzunehmen. Soweit das eben geht.

Trotzdem: Mich, das Blog und meine Bücher wird es weiter geben. Und bald gibt es auch wieder neuen Lesestoff. Versprochen!
Bis dahin empfehle ich einen Klick auf die Kategorie Leseproben. Da gibt es auch einige unbekanntere Geschichten zu entdecken.

 

Warum ausgerechnet Fantastik?

Warum mich diese Frage gerade wieder beschäftigt? Vor ein paar Tagen hatte ich folgendes Gespräch:

„Woran schreibst du gerade?“
„Eine Geschichte über Werwölfe im Wilden Westen.“
Kurze Pause, dann: „Gab es das denn?“

Den Teil kennst du vielleicht schon von Twitter. Aber es ging natürlich weiter, auch wenn mir keine besonders schlagfertige Antwort eingefallen ist. Ich habe lediglich gesagt, dass ich persönlich nicht an die Existenz von Werwölfen glaube und deshalb davon ausgehe, dass es auch im Wilden Westen keine gegeben haben wird.
Darauf kam die Antwort:

„Ach, wieder so ein Fantasy-Kram.“

Mit dem deutlichen Unterton: „Kannst du denn nicht mal was RICHTIGES schreiben.“

Um es ganz klar zu sagen: Natürlich kann ich über die reale Welt und die Spannungen darin schreiben. Es gibt schließlich genug davon. Aber warum sollte ich?
Über die reale Welt zu schreiben, bedeutet auch, sich selber auf genau diese eine Realität zu beschränken. In gewisser Weise bedeutet es auch, sein Denken auf das zu hier und jetzt zu beschränken. Und genau das will ich nicht. Für mich ist die Fantastik ein Experimentierfeld. Wenn man fantastische Elemente in die Realität integriert oder neue Welten baut, werden andere Gesellschaftsmodelle denkbar. Es ist möglich, sich von einem anthropozentrischen Weltbild zu lösen, ohne dass das Ergebnis weird wirkt. Fantastik beschränkt sich eben nicht darauf, bestehende Denkmuster durch Drachen, Magie oder Raumschiffe aufzupeppen oder Klischees in Endlosschleife zu wiederholen. Natürlich gibt es das alles. Aber wer wollte bestreiten, dass es das in der „normalen“ Belletristik auch gibt?

Eigentlich müsste die Frage in der Überschrift daher andersrum gestellt werden: Warum sollte man sich beschränken? Warum etwas anderes schreiben, als Fantasy?

Ausgaben 1,2,3,4

Mehr zu meinen Büchern gibt es hier.

Warum der Bechdel-Test nicht alles ist

Der Bechdel-Test ist ein ziemlich einfaches Instrument, um den Status von Frauenrollen zu beurteilen. Er ist zuerst bei der Bewertung von Frauenrollen in Filmen herangezogen worden, funktioniert aber eigentlich überall. Die „Anwendung“ ist einfach: Man guckt, ob das betreffende Werk

  • mindestens zwei Frauenrollen aufweist (und die Frauen Namen haben),
  • beide Frauen miteinander sprechen
  • und es in diesem Gespräch nicht um einen Mann geht.

Sind alle Bedingungen erfüllt, ist der Test bestanden.

Das klingt auf Anhieb auch erst mal sehr plausibel. Wenn mindestens zwei Rollen mit Frauen besetzt sind und diese Frauen auch noch miteinander reden, spricht das dafür, dass Frauen mehr sind, als reine Staffage. Wenn sich das Gespräch dann auch noch um etwas anderes als um einen Mann dreht, haben wir Feminismus pur.

Oder?

Leider nein. Sonst wären Hanni und Nanni, Dolly, Bibi und Tina, und wie sie alle heißen, Ikonen der Frauenbewegung.
Aber zwei Frauen im Gespräch um Pferde oder die optimale Zubereitung eines Hühnersalats sind noch kein Feminismus. Sie sind noch nicht mal Zeichen von Selbständigkeit oder gar Gleichberechtigung.
Bei den genannten ist eher das Gegenteil der Fall, nur wird ihre Situation so behaglich rosa plüschig beschrieben, dass es kaum auffällt, wie konservativ und eng dieses Weltbild ist. Den Bechdel-Test bestehen sie trotzdem mit Bravour, weil der rein quantitativ misst.

Andererseits gibt es Bücher, die mit gleicher Bravour am Bechdel-Test scheitern, aber trotzdem empowern* können. Ein schönes Beispiel ist die Erzählung The Tent Peg von Aritha van Herk (in Deutschland unter den Titeln „Unter Männern“ und „Mackenzies Koch“ erschienen).
Die Geschichte spielt in einem Geologencamp in der kanadischen Wildnis. Aber im Grunde geht es vorwiegend um eins: Um J. L., die sich, als Mann verkleidet, als Koch in dieses Camp eingeschmuggelt hat. Es ist so ewig lange her, dass ich das Buch gelesen habe, dass ich nicht mal mehr erinnere, ob sie eine eigene Erzählperspektive hat. Aber sie kommt sehr ausgiebig zu Wort; sie ist ein unabhängiger Geist und viel interessanter als die Männer, die die Hauptperspektivträger sind. Das gibt der Geschichte einen ganz eigenen Reiz und ermutigt dazu, neue Dinge zu wagen.
Aber, wie gesagt: Es gibt keine zweite Frau in diesem Buch, und schon deshalb würde es beim Bechdel-Test durchfallen.

Ich stehe dem Bechdel-Test daher zwiespältig gegenüber. Einerseits finde ich ein möglichst differenziertes Personal in Büchern und Filmen wichtig, schon um Klischees zu vermeiden. Andererseits ist Quantität auch nicht alles und nicht jede Geschichte lässt sich mit jeder „Besetzung“ erzählen. The Tent Peg funktioniert gerade weil J. L. die einzige Frau in einer Gruppe von Hetero-Männern ist. Eine zweite Frau, ein Homosexueller in der Gruppe – und das Ganze ergäbe eine vollkommen andere Geschichte.

 


*Leider ist mir auch bei längerem Nachdenken kein gleichwertiger deutscher Begriff eingefallen.



Übrigens bestehen auch nicht alle meiner Bücher den Bechdel-Test.
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Steppenbrand würde scheitern, obwohl die Geschichte in einer Kultur spielt, in der Frauen eigentlich absolut gleichberechtigt sind. Aber genauso, wie bei The Tent Peg eine Frau im Zentrum der Handlung steht, ist es bei Steppenbrand ein Mann. Deshalb beziehen sich auch alle Gespräche in irgendeiner Form auf ihn.

Die Frau im Wald

Statt Ostereiern, Traditionshasen oder Hefegebäck: eine Geschichte. Sie entstand als Beitrag zur 6. Clue Writing Challenge. Die Aufgabe lautete, einen Beitrag zu diesem Bild zu verfassen:

Die Frau im Wald - Clue Writing
Bildquelle: http://www.cluewriting.de/cwc6/

Die Frau im Wald

Ich bin ein rationaler Mensch. Ich glaube nicht an Homöopathie, Chemtrails und anderen esoterischen Unsinn. Nur bei Geistern – da bin ich mir nicht ganz sicher. Mein Verstand sagt: Geister kann es nicht geben. Andererseits ist da diese Geschichte …
Gut zwanzig Jahre ist das jetzt her. Ich machte damals Urlaub im Harz, in einem kleinen Ort, dessen Name alles andere als einladend klang. Dafür passte er zu dem Zustand, in dem ich mich befand, nachdem Katja sich von mir getrennt hatte, um mit einer anderen Frau zusammenzuziehen. Freunde hatten versucht, mich zu überreden, gemeinsam nach Malle zu fliegen. Sonne und Sangria würden mir den Liebeskummer schon austreiben. Aber ich wollte Ruhe, keine Menschen. Ich brauchte Abstand von Berlin, den Kommilitonen und vor allen Dingen von Katja.
Dafür schien mir der Ort ideal. Abgelegen. Nichts als Natur rundum. Genau richtig, um sich volllaufen zu lassen und anschließend langsam wieder in Tritt zu kommen.

Genau das tat ich dann auch. Die ersten zwei Tage blieb ich im Zimmer, sah nichts außer schlechten Fernsehshows, der Toilettenschüssel und den drei Flaschen Jonny Walker, die mir Gesellschaft leisteten. Am dritten schlich ich in Begleitung eines veritablen Katers nach draußen.
So schlimm, wie der Name suggerierte, war der Ort dann doch nicht. Viele der Häuser waren frisch renoviert. Die umgebenden Gärten quollen über vor schreiend bunten Blumen. Lediglich der Zustand der Straßen war durch den Ortsnamen gut beschrieben. Die trugen dafür so schön klingende Namen wie Straße-der-deutsch-sowjetischen-Freundschaft. Marketingleuten wären vermutlich Worte wie pittoresk und malerisch durch den Kopf gegangen. Vielleicht hätten sie den Ort sogar idyllisch genannt Mein Kopf dagegen brummte. Die Farben, die Sonne, das Vogelgezeter – selbst das Summen der Bienen in den Rosenbüschen vertrugen sich schlecht mit den Nachwirkungen des Gelages mit den drei Jonnys.

Als ich die Koppeln und Felder hinter mir gelassen hatte, die den Ort umgaben und den Wald betrat, wurde es besser. Der Wald bestand aus großen Bäumen, die respektvoll Abstand voneinander hielten. Gleichzeitig standen sie jedoch nahe genug, um mit ihren ausladenden Ästen alles Grelle aus dem Licht zu filtern – ein Umstand, für den ich ihnen ausgesprochen dankbar war.
Bald wurde es mir auf dem Weg zu langweilig. Wege sind für alte Leute. Links und rechts dagegen lockte das Abenteuer. Ich begegnete seltsam geformten Felsen, steckte den Kopf in eine Höhle, aus der es seltsam müffelte, hob Steine als Andenken auf und ließ sie wieder fallen. Als meine Beine müde wurden, machte ein Schläfchen auf einem großen Steinbrocken, der aus irgendwelchen Gründen mitten im Wald lag. Danach war ich so durstig, dass der Kater meinen Schädel als Hamsterrad benutzte. Von innen. Mit ausgefahrenen Krallen. Um ihn zu besänftigen, trank ich Wasser aus einem Bach, was vermutlich sehr dumm war, mir aber in keiner Weise schadete. Irgendwann verließ auch der letzte Jonny meine Adern und nahm den Kater mit.
Ich bekam Hunger.
Etwa zum gleichen Zeitpunkt stellte ich fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mich befand. Ich war so lange ziellos durch die Gegend mäandert, dass ich nicht einmal eine ungefähre Vorstellung der Richtung hatte, aus der ich gekommen war. Die Bäume sahen alle ziemlich gleich aus. Keine Chance, sich an ihnen zu orientieren. Ich hatte zwar mal gelesen, dass man die Himmelsrichtung an den Stämmen erkennen kann. Dort, wo Moos wächst, ist Norden. Aber entweder kannte das Moos diese Regel nicht, oder ich befand mich irgendwo in der Nähe des Südpols.
In der Ferne hämmerte ein Specht. Es schien mir das einsamste Geräusch auf Erden.
Immerhin war es ein Geräusch. Eins, an dem ich mich orientieren konnte. Und da ich sonst schon keine Orientierung hatte, lief ich in die Richtung, aus der es kam.

Wie lange ich gelaufen bin, weiß ich nicht. Die Sonne sank tiefer zwischen die Bäume – und dann, als sie sich schon fast auf Höhe meiner Augen befand, sah ich SIE.
Sie saß auf einem Baumstumpf, ein Bein über das andere geschlagen, und schrieb mit einem gelben Bleistift in ein Notizheft. Weiß der Teufel, warum mir dieser Stift so auffiel, denn es gab viel mehr an ihr zu beschreiben. Das lange, braune, zu einem lässigen Pferdeschwanz gebundene Haar zum Beispiel. Der große Mund. Die dunklen Wimpern. Vor allem aber diese Haltung. Der Ausdruck vollkommener Konzentration auf ihrem Gesicht, während sie den Stift über ihr Notizheft bewegte.
Ich hätte mich gerne geräuspert, sie gefragt, wo es zum Ort ging und ob sie vielleicht Lust hätte, später mit mir ein Bier trinken zu gehen – oder einen Kaffee oder eine Limonade oder was auch immer man in Käffern wie diesen trank, wenn es eine Kneipe oder ein Café oder etwas in der Art geben sollte. Aber ich traute mich nicht. Also ging ich weiter.
Nach einiger Zeit.
In einem kleinen Bogen.
Jedes Mal, wenn ich mich umwandte, sah ich sie dort sitzen, über ihr Buch gebeugt. Sie sah nicht einmal auf.

In der Abenddämmerung kehrte ich ins Dorf zurück, allerdings aus einer vollkommen anderen Richtung als der, in die ich es verlassen hatte. Ich fand mein Hotel, bekam ein hervorragendes Abendessen und legte mich schlafen.
Damit könnte die Geschichte zu Ende sein.
Sie wäre es vermutlich auch, wenn ich nicht mit dem Wunsch aufgewacht wäre, die Frau aus dem Wald wiederzusehen. Jetzt, am anderen Morgen, ärgerte ich mich über meine Feigheit. Schließlich konnte ich kaum zur Rezeption gehen und fragen: »Sagen Sie – ich habe da gestern im Wald eine Frau gesehen. Ungefähr mein Alter, schlank, braune Haare, Pferdeschwanz … Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wer sie sein könnte?«
Man würde mich zu Recht für verrückt halten.
Dann erinnerte ich mich an den Stift und plötzlich kam mir eine Idee zu einer List, mit der ich ihren Namen vielleicht doch herausfinden konnte. Damit sie funktionierte, musste ich allerdings nach Wernigerode. Hier im Dorf hätte sich der Schwindel sofort herumgesprochen.
Trotz meiner Ungeduld genoss ich den Ausflug. Wie ein echter Tourist ließ ich mich von der Harzquerbahn nach Wernigerode schuckeln. Dort angekommen, bewunderte ich die hübschen Häuser, ging in einige hübsche Geschäfte, kaufte hübsche Andenken, ein paar hübsche Ansichtskarten und einen Stift, setzte mich in eins der hübschen Cafés und schrieb Ansichtskarten an jeden, der mir einfiel; sogar an Katja. Genau genommen sogar vor allem an Katja, denn ganz besonders sie sollte wissen, dass ich mich hervorragend amüsierte.

Am Morgen des nächsten Tages ging ich wieder spazieren. Wieder im Wald, weil ich insgeheim hoffte, die Braunhaarige wiederzusehen. Auch, wenn die Chancen mehr als schlecht standen. Aber das machte nichts. Ich hatte ja meinen Plan.
Am Mittag war es endlich Zeit, ihn umzusetzen.
Mir war ein bisschen flau, als ich zur Rezeption ging und den Bleistift herausholte, den ich seit gestern in der Jackentasche trug. »Vorhin im Wald, da war eine Frau, die hat den hier verloren. Ich würde ihn gerne zurückgeben, aber sie war schon außer Rufweite.« Wie dümmlich sich das anhörte, wurde mir erst bewusst, als die Worte schon raus waren. Das war vermutlich die idiotischste Ausrede, auf die je jemand verfallen war.
Die Frau hinterm Tresen zuckte nur mit den Achseln. »Und was soll ich da tun? Ich glaub nu’ auch nicht, dass jemand zur Polizei geht, um den als verloren zu melden.«
»Ich dachte, sie könnten mir vielleicht helfen, wenn ich die Frau beschreibe«, sagte ich lahm. »Sie war ungefähr so alt wie ich. Schlank. Braune Haare. Pferdeschwanz.«
Das Gesicht der Frau blieb ausdruckslos.
»Graue Jacke«, versuchte ich es weiter. »Jeans. Chucks … also so Baseballschuhe, rot mit weißen Kappen und einem Stern an der Seite.«
Etwas zuckte im Gesicht der Frau. Ihre Augen verengten sich. Die Brauen zogen sich zusammen. Der Mund wurde erst zu einem blassen Strich, dann spuckte sie mir entgegen: »Findest du das etwa witzig? Was für ein Spiel versuchst du mit mir zu spielen?«
Erschrocken wich ich zurück und versicherte hastig, dass ich überhaupt keine Spiele spielen würde, sondern dass das mein voller Ernst sei. »Ich habe sie gesehen – allerdings schon vorgestern. Nur das mit dem Stift … Das habe ich erfunden. Ich brauchte doch einen Vorwand.«
»Vorgestern …« Die Frau sackte in sich zusammen und begann zu schluchzen. »Vorgestern. Das war ihr Todestag.«
Ich glaubte, nicht richtig zu hören.
Sie aber sah mich an, die Augen voller Tränen. »Auf den Schreck brauche ich einen Schluck. Und dann musst du mir alles erzählen!«

Sie nötigte mich in das, um diese Zeit leere Restaurant, griff zwei Longdrinkgläser und eine Flasche aus der Bar und schenkte uns beiden ein. Wodka. Sie trank ihr Glas in einem Zug aus und füllte es gleich wieder. Dann begann sie zu erzählen. Ich kam gar nicht zu Wort.
Sie erzählte von ihrer Tochter Sandy, die so schön zeichnen konnte. »Sie wollte Kunst studieren. In Berlin. Im Oktober wollte sie wegziehen. Bis dahin hat sie jede freie Minute und jeden Sonnenstrahl genutzt, um im Freien zu zeichnen.«
Bis sie eines Tages nicht zurückgekommen war. Zwei Tage hatte man nach ihr gesucht, bis man sie im Wald fand. Erwürgt. Ihr Notizblock und ihr Zeichenstift blieben verschwunden.
»Sie hatte genau die Sachen an, die Sie beschrieben habe. Die Schuhe waren ganz neu. Aber es war der Bleistift, der mir den Rest gegeben hat. Sandy hat immer diese gelben Bleistifte benutzt. Genau solche, wie den, den Sie ihn mitgebracht haben.«

Noch am gleichen Abend bin ich abgereist. Ich konnte den Blick nicht ertragen, die stummen Fragen, auf die ich auch keine Antwort hatte. Bis heute nicht.
Was ist passiert an jenem Nachmittag? Habe ich einen Geist gesehen? Bin ich in eine Paralleldimension gestolpert und habe die letzten schönen Minuten im Leben einer Frau gesehen? Hätte ich den Mörder gesehen, wenn ich gewartet hätte? Oder ist das Ganze nur ein großer Zufall? Es gibt so viele junge Frauen mit braunen Haaren. Chucks sind auch nicht gerade selten. Warum sollte nicht irgendeine Studentin, im Wald Ruhe gesucht haben, um zu schreiben, zu zeichnen oder was auch immer zu tun?
Wie gesagt: Ich bin ein durch und durch rationaler Mensch. Ich glaube weder an Homöopathie, noch an Chemtrails oder irgendeinen anderen esoterischen Blödsinn. Nur bei Geistern – da bin ich mir nicht ganz sicher.

#NaNoWriMo (Tag 3): Über eine liebenswürdige Antagonistin

Aktuell schreibe ich das Tagebuch der Antagonistin, bin also sehr mit ihr verbunden und gewinne sie dadurch richtig lieb. Sie ist ein lieber Mensch mit guten Absichten. Das ist einerseits gut, weil das (hoffentlich) auch auf die Gefühle der Leserschaft

überträgt, was der Geschichte dann eine Tiefe gibt, die ich nicht eingeplant hatte. Andererseits muss ich aufpassen, dass die die Biege noch kriegt, sonst kippt das Ganze und die Geschichte wird unglaubwürdig.

Die Protas müssen noch ein bisschen warten, bis ich mich mit ihnen befassen kann. Aber das ist auch fair, weil sie zu diesem Zeitpunkt (also dem, zu dem die Antagonistin schreibt) noch gar nicht geboren sind.

Im Buch werden sich Haupthandlung und Tagebuchauszüge abwechseln, bis die Antagonistin für sich selber sprechen kann und beides zu einem Handlungsstrang zusammenfließt. Ein bisschen, wie bei modernen Thrillern, wo der irre Killer auch immer wieder Kapitel bekommt, in denen er seine Perspektive darlegt – nur ist meine Antagonistin halt tot. Oder auch nicht. Jedenfalls nicht vollständig.

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Quelle: DasWortgewand via pixabay

Warum ich nicht diskriminierungsfrei schreiben kann und es trotzdem versuche

birdcage-2337188_640Ich habe lange Zeit mit mir gerungen, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Oder besser gesagt: Ich habe ihn geschrieben, weil es mir ein Bedürfnis war, das Thema aufzugreifen und dann lange mit mir gerungen, ob ich ihn veröffentlichen soll. Mir ist schon jetzt klar, dass ich damit Menschen vor den Kopf stoßen werde. Trotzdem ist das hier nun einmal mein Standpunkt, und damit genauso berechtigt, wie jede andere Meinung auch. Also raus damit.

Es geht, wie der Titel schon verrät, einmal mehr um Diskriminierung und Teilhabe. Ich lese viel darüber und es mehren sich die Beschwerden, dass Literatur nicht divers genug sei. Erzählt würde in der Regel aus der Perspektive der weißen, männlichen Mittelschicht. Heterosexualität sei die Norm. Menschen anderer Hautfarbe tauchten allenfalls als Staffage auf und überwiegend in untergeordneten Positionen. Behinderungen seien völlig tabuisiert. Und gerade in der Jugendliteratur falle das Frauenbild noch hinter die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Dass diese Gruppen dadurch marginalisiert und diskriminiert werden, steht außer Frage.
Dementsprechend viele Empfehlungen gibt es, wie Bücher im Sinne der Diversifizierung verbessert werden könnten: eine größere Bandbreite im Aussehen der Protagonisten, mehr Frauen, Behinderte, Schwule, Lesben, Asexuelle – wenn schon nicht in den Haupt-, dann doch wenigstens in den wesentlichen Nebenrollen. Dem stimme ich zwar weitgehend zu, aber manchmal frage ich mich doch, ob man gute Absichten und gute Literatur wirklich gleichsetzen sollte.
Weitaus problematischer finde ich jedoch die oft gleichzeitig erhobene Forderung, das Werk müsse außerdem frei von ableistischen, rassistischen, homophoben und misogynen Begriffen sein – überhaupt von allem, durch das sich irgendwer gekränkt fühlen könnte.
Ich muss zugeben, dass es mich da manchmal schüttelt.

Warum ich es nie allen recht machen werde

Zunächst mal empfinde es als Zumutung, von einem Autor oder einer Schriftstellerin zu verlangen, in jeder Geschichte ein Maximum an Diversität unterzubringen. Das hat mehrere Gründe, die vielleicht den einen oder die andere überraschen.

Diversität ist nicht immer möglich und sinnvoll

Gerade bei historischen Stoffen ist die Forderung nach maximaler Diversität geballter Unsinn. Wie soll man in einer Handlung, die irgendwo zwischen Völkerwanderung und Neuzeit in einem Bergdorf im Schwarzwald oder auf einer Nordseehallig spielt, jemanden mit dunkler Hautfarbe unterbringen? In solchen Gegenden sind Haut- und Haarfarbe über weite Epochen gar kein Thema. Fremd ist, wer mehr als eine Tagesreise entfernt wohnt. Manchmal reicht zum Fremdsein schon das Nachbardorf.
Genauso muss man sich fragen, wie wahrscheinlich die Teilnahme es ist, dass in einer bestimmten Gruppe Frauen oder Behinderte sind. Nehmen wir das Beispiel einer der frühen Weltraummissionen: Von den von Wikipedia aufgelisteten 568 Raumfahrern sind gerade mal knapp 11% weiblich. (Und das auch nur, weil sich Frauen in den USA in den 70ern per Gerichtsurteil das Recht auf Teilnahme an Raumflügen erstritten.) Noch schwieriger ist es nur, jemanden mit Behinderung in die Mannschaft zu bringen, da körperliche Fitness eines der wesentlichen Kriterien für die Teilnahme ist.
Wo soll Homosexualität anklingen, wenn in dieser Zeit nicht darüber gesprochen wurde oder die Ausübung sogar zum Tod führen konnte? Sicher, man kann dann genau das zum Thema machen, aber was, wenn das Thema ein ganz anderes sein sollte?
Warum messen wir der Sexualität überhaupt so viel Bedeutung zu, sie unbedingt einbringen zu müssen – in welcher Spielart auch immer? Wenn der Plot keine Liebesgeschichte erfordert, kommt es dann überhaupt darauf an, ob die Charaktere nun hetero-, homo-, bi-, metro- oder asexuell sind? Wer will das wissen? Wozu?

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Meine Perspektive ist nicht vorurteilsfrei

Der nächste Punkt sind die Perspektiven: Natürlich habe ich Wahrnehmungsprobleme und blinde Flecken. Meine Welt setzt sich in erster Linie aus den gemachten Erfahrungen zusammen. Genauso, wie ich keinen Infraschall hören und kein UV-Licht sehen kann und deshalb das mir zugängliche Geräusch- und Farbspektrum als das normale zugrundelege, konstruiere ich auch meine Vorstellung von Normalität aus den gemachten Erfahrungen.
Mit anderen Worten: Ich kann mich zwar an die Erfahrungswelt einer Migrantin annähern, indem ich eigene Erfahrungen mit Fremd-Sein und die Erzählungen anderer verknüpfe, werde aber immer an den Details scheitern, weil die Details individuell und nicht verabsolutierbar sind. Genauso werde ich vermutlich an der Darstellung eines Schwulen innerhalb einer der diversen vorhandenen Szenen scheitern, weil mein Blick für Details durch meine Hetenbrille verzerrt ist.
Überhaupt – und das ist auch so ein Thema, das ich auf genau den gleichen Blogs und den gleichen Portalen lese – sollten wir nicht sowieso die für sich sprechen lassen, die aus eigener Erfahrung berichten können? Also die eingeschränkt-agilen, nicht-heterosexuellen, nicht-mittelständischen Nicht-Kartoffeln. Was für eine Anmaßung, zu glauben, deren Erleben angemessen widerspiegeln zu können!*

Eine beleidigungsfreie Sprache ist nicht möglich

Aber es ist die dritte Forderung, die mich vollends auf die Palme bringt: Nämlich die, so zu schreiben, dass sich niemand beleidigt oder sonst wie getriggert fühlt.
Nicht, dass ich unbedingt jemanden beleidigen oder triggern will. Fakt ist aber, dass sich immer jemand finden wird, der sich beleidigt fühlt. Vielleicht nicht sofort, aber in Zukunft garantiert.
Natürlich kann man bestimmte Worte weglassen. Man kann darauf verzichten, „Neger“ zu sagen – das tut nicht mal weh. Man kann darauf verzichten, Menschen, die sich aufgrund Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft anderen überlegen fühlen als Rassisten, Chauvinisten oder Snobs zu bezeichnen, denn gerade die fühlen sich besonders beleidigt, wenn man das tut. Man kann seine Charaktere so weit disziplinieren, dass sie nicht fragen: „Ey, sach mal bist du schwul, Alda?“, sich gegenseitig als Spasten bezeichen oder die Oma eben nicht zum Enkel sagt: „Nun schneid‘ dir aber mal die Haare, Jung! Du siehst ja schon aus wie ein Mädchen.“ Kann man alles machen. Man kann sogar darauf verzichten, Nazis als Nazis zu bezeichnen. Wie gesagt.

Aber wer gibt mir die Garantie darauf, dass nicht in 10 Jahren Tiere als vollwertige Rechtspersönlichkeiten angesehen werden und PETA Massenklagen einreicht, weil Autorinnen und Autoren die Beleidigung „dumme Kuh“ verwendet haben?
Sprache ist immer Ausdruck einer bestimmten Kultur. Kultur kann sich ändern. Damit ändert sich auch, was als beleidigend empfunden wird. Wenn ich heute über jemanden als „das Weib“ spreche, ist das beleidigend. Vor 200 Jahren wäre es normal gewesen. Da war „Frau“ das Synonym für eine Höherstehende.

Nun bin ich als Fantasy-Autorin in der privilegierten Position, den Leuten nicht aufs Maul schauen zu müssen. Ich kann mir noch wesentlich kreativere Beleidigungen und Flüche einfallen lassen. Trotzdem bleibt Sprache Ausdruck einer bestimmten Kultur. Wenn ich meine Völker forme, muss ich im Hinterkopf behalten, wie der Blick der jeweiligen Kultur auf Außenstehende aussieht – und was als außenstehend empfunden wird. Irgendetwas ist es immer.
Das bedeutet aber auch, dass sich das Konzept von „fremd“, „andersartig“ und „abstoßend“ je nach (Sub-)Kultur ändert. Damit ändert sich auch, was als Beleidigung empfunden wird und deshalb ist es nicht der Sachinhalt, der ein Wort zur Beleidigung macht, sondern die dahinter durchscheinende Intention. Die wiederum ist aber etwas anderes, als die Aussage des Textes insgesamt – was bei der Forderung nach einer sauberen (sprich nicht diskriminierenden, niemanden verletzenden) Sprache vollkommen untergeht.**

Ein vorsichtiges Fazit

Im Ergebnis bleibt schon mal festzuhalten, dass schon der Versuch, es jedem recht machen zu wollen, zu einem Eiertanz führt, der nur schief gehen kann. Selbst im besten Fall kommt nicht mehr dabei heraus als eine neue Form der Erbauungsliteratur. Ideologisch unbedenklich, ohne Ecken und Kanten und garantiert keimfrei. Noch reizärmer als eine öffentlich-rechtliche Vorabendserie und mit Figuren ausgestattet, die mit echten Menschen noch weniger zu tun haben als Ken und Barbie mit den Maßen real existierender Mitteleuropäer.
Ob das freiwillig jemand lesen will? Ich glaube nicht. Lesen soll ein Abenteuer sein, das einen an fremde Orte bringt, neue Erfahrungen machen lässt oder wenigstens die Tristesse des Alltags vergessen macht. Wir wollen krasse Helden und Kickass-Protagonistinnen, die Dinge tun, die wir uns nie im Leben trauen und Situationen durchleben, die wir um alles in der Welt zu vermeiden wünschen. Mit Ken und Barbie wird das nichts.

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Warum ich trotzdem versuche, niemanden zu diskriminieren

Kurz gesagt: Weil das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht heißt, dass man andere abwerten darf und weil gute Bücher vielschichtig sind.
Die Langfassung ist, wie immer, etwas komplexer.

Dabei ist der erste Teil noch relativ leicht. Ich bin sehr für klare Worte und eindeutige, eingängige Formulierungen. Das bedeutet aber keinen Freibrief dafür, andere absichtlich zu verletzten.
Und damit sind wir schon beim diskriminierungsfreien Ansatz, denn nichts anderes bedeutet diskriminieren: Jemanden schlechter zu behandeln als andere oder seinem Ansehen durch negative Äußerungen zu schaden.

Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass es dem Werk gut tut, wenn der Autor oder die Autorin sich aktiv mit seinen/ihren Vorurteilen auseinandersetzt und versucht, sie zu überwinden. Nichts ist langweiliger als die Episteln deren, die in ihrer eigenen Welt gefangen und dadurch gezwungen sind, ewig die gleichen Gedanken widerzukäuen. Deutlich spannender sind die Bücher, derjenigen Autor*innen in der Lage sind, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Das geht nur, wenn man bereit ist, erst mal vom hohen Ross der wohlgeformten eigenen Weltsicht abzusteigen.
Leider ist dieser Akt nicht ganz ungefährlich. Nicht nur, weil der Boden der Tatsachen oft ganz schön dreckig ist. Mehr noch: Mit Pech erkennt man, einer Chimäre aufgesessen zu sein. Das eigene Weltbild gerät ins Wanken und auch alle Kategorien von schön/hässlich, gut/böse, wahr und falsch – kurz alles, was das eigene Leben vorher einfach und übersichtlich gemacht hat. Vorurteile eben. Wir alle haben sie.
Trotzdem lohnt es sich, diesen Schritt zu wagen. Zwar werden wir auch dadurch nie in der Lage sein, unsere Vorurteile vollständig abzubauen, aber er schult die Wahrnehmung, erweitert den Horizont und hilft, sich über Analogienden Erfahrungen anderer anzunähern (die genauso subjektiv sind, wie die eigenen). Damit ist man in der Lage, seine Inhalte zumindest punktuell anzupassen, neue Sichtweisen anzunehmen und sie in Geschichten zu integrieren.

Das garantiert nicht, dass sich nie jemand beleidigt fühlen wird. Eine derartige Garantie ist schon deshalb unmöglich, weil dieser Ansatz darauf verzichtet, bestimmte Worte in den Giftschrank zu stellen. Dieser Ansatz garantiert aber, dass man sich damit auseinandersetzt, was man sagt und welche Worte man in welchen Zusammenhängen verwendet.
Vielleicht wird man dadurch ein besserer Mensch. Vielleicht auch nicht. Ich glaube aber fest daran, dass man so die besseren Geschichten schreibt.

Und ich bin der festen Überzeugung, dass es das wert ist.


*Der Widerspruch zu Punkt 1 wird leider nicht bemerkt oder jedenfalls nicht angesprochen und dementsprechend auch nicht aufgelöst.
**Den Punkt habe ich schon in den Artikeln „Das Schreckgespenst der gegenderten Sprache“ und „Alles auf die Goldwaage?“ angesprochen, daher will ich ihn hier nicht vertiefen.


Bildquelle: johhsonlu via pixabay

Blogtour zu „Infiziert – Geheime Sehnsucht“ von Elenor Avelle

Huch, Sehnsucht? Romantik? Und das hier?

Keinesfalls, wie das Beitragsbild verrät und wie diejenigen bereits wissen, die die beiden vorangegangenen Beiträge der Blogtour gelesen haben.
Bei Infiziert geht es um das Überleben im zombiverseuchten Berlin. Infiziert ist im Wortsinn eine Dystopie. Damit willkommen bei der dritten Station der Blogtour, die ganz im Zeichen von Dystopien steht.

Der Begriff Dystopie bedeutet so viel wie „schlechter Ort“, wobei diese Bedeutung häufig nur im übertragenen Sinn gilt. Die Welt der Dystopien kann vielfältige Formen annehmen. Sie kann hochtechnologisiert sein, wie die „Schöne neue Welt“, vorindustriellen Gesellschaften beschreiben, wie „Die Haarteppichknüpfer“ oder postindustrielle wie in Endzeitfilmen wie „Mad Max“.

Es kann sogar sein, dass die Welt auf den ersten Blick paradisisch wirkt. Die Gesellschaft scheint friedlich, ihre Mitglieder glücklich. Armut, Krankheiten, manchmal sogar der Alterungsprozess scheinen überwunden. Erst nach und nach wird klar, dass dieses Bild täuscht. Beispiele dieser Form von Dystopie sind „Schöne neue Welt“, „Alles was wir geben mussten“ oder auch „Die Truman-Show“.

Der Grund dafür ist, dass in klassischen Dystopien in erster Linie vor gesellschaftlichen Fehlentwicklungen gewarnt. Auch hier sind die Ausprägungen vielfältig. Häufige Themen sind die Ohnmacht des Individuums gegenüber einem despotischen Staat, der noch in die intimsten Lebensbereiche eingreift, die Ausbeutung durch mächtige Konzerne oder Kartelle, für die Menschen nur Mittel zum Zweck sind und massive soziale Gefälle bis hin zu Kastensystemen.

Diese „klassischen“ Dystopien verbindet nicht nur der düstere Grundton, sondern auch oft eine pessimistische Gesamthaltung. Ein Happy End ist selten. In der Regel siegt das System, während die Protagonisten zerbrechen oder sich seinen Bedingungen unterwerfen und anpassen. Aber selbst, wenn ein Entkommen gelingt, wird das System nicht überwunden, sondern besteht unverändert fort.

In den moderneren Dystopien trifft der Begriff des „schlechten Orts“ oft auch auf die äußeren Umstände zu. Ein typisches Szenario besteht darin, dass die Erde unbewohnbar geworden ist und ein kleines Häufchen von Menschen um das Überleben kämpft. In diesen modernen Dystopien kann die Umgebung selbst zu einem der Gegner werden, den es zu überwinden gilt.

Anders als in der klassischen Variante ist die Grundhaltung jedoch überwiegend positiv. Die prekäre Ausgangssituation wird oft genutzt, um Heldengeschichten zu erzählen. Die Protagonisten zeichnen sich in der Regel durch Willensstärke, Einfallsreichtum und Resilenz aus. Sie schließen Bündnisse und Freundschaften, die allen Seiten nutzen. Am Ende ist die Situation vielleicht nicht vollständig überwunden, aber doch ein Stück besser geworden. Beispiele dieser modernen Dystopien sind u. a. „Die Tribute von Panem“, „Waterworld“ oder auch „Der Schwarm“.
Auch wenn bei diesen modernen Dystopien das persönliche Heldentum in den Fokus rückt, liegt auch ihnen oft ein gesellschafts- vor allem aber technikkritischer Blick zugrunde. Vielfach ist die Katastrophe, die den Zerfall herbeigeführt hat, menschengemacht. Themen sind Umweltverschmutzung, Klimawandel oder auch die Folgen der Gentechnik.

Ohne zu spoilern, lässt sich sagen, dass „Infiziert – Geheime Sehnsucht“ von Elenor Avelle zu dieser modernen Form der Dystopien gehört. Zentralfigur ist Charlie, eine junge Frau, die immun gegen das hochinfektiöse Zombivirus ist. Das macht das Überleben für sie ein Stück leichter, aber nur ein bisschen, denn die Zombis bei Elenor Avelle sind keine tumben Trottel, sondern Jäger. Auch Elenor Avelles Berlin entspricht dem typischen Setting. Die Stadt ist fast ausgestorben. Technik funktioniert nicht mehr. Essen und Wasser sind knapp, die wenigen Überlebenden zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt.
Dieses Szenario ist nicht aus bloßer Lust an Untergang und Gemetzel entstanden, wie im Lauf des Romans klar wird. Vielmehr geht es Elenor Avelle, die sich selbst als „Gutmensch“, „Baumkuschler“ und „Nagetier“ beschreibt, darum, den technischen Fortschritt, kritisch zu hinterfragen.

Die Macht untergräbt die ethischen Grenzen. Ich halte Technik nicht für falsch, ich denke aber, dass wir unsere Entwicklung an unseren Planeten anpassen sollten. Naturstrom statt Atom etc. Es macht mich traurig und wütend, wenn die Konzerne und ihr Geld mal wieder über die Vernunft siegen.
Elenor Avelle

Was das mit der Romanhandlung zu tun hat, werde ich allerdings nicht verraten. Dazu musst du das Buch schon selber lesen. Eine Chance dazu hast du jetzt, denn:

Wir verlosen 1 signiertes Print von „Infiziert – geheime Sehnsucht“

Sicher ist dir das rot markierte Wort aufgefallen. So eines findest du in jedem der Beiträge. Zusammen ergeben sie einen Satz aus dem Buch. Wenn du ihn bis zum 22.10. an schreibtrieb-buchblog@gmx.de schickst, nimmst du an der Auslosung teil.

Teilnahmebedingungen

Gewinnspielteilnahme ab 18 oder mit Erlaubnis eines Erziehungsberechtigten.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, für Versand wird keine Haftung übernommen, eine Barauszahlung ist nicht möglich.
Als Teilnehmer erklärst du dich bereit, dass deine Adresse an die Autorin übersendet werden darf und im Gewinnfall dein Name öffentlich genannt wird.
Pro Person ist eine Teilnahmemöglichkeit gegeben.
Das Gewinnspiel steht in keinem Zusammenhang mit Facebook.
Das Gewinnspiel endet am 22.10.2017, 23:59.


Morgen geht die Blogtour bei der BlogBücherei weiter.

Die vorangegangenen Beiträge findest du auf dem Blue Siren Blog und bei Lust & Laune.

 

Start der Blogtour zu „Infiziert – Geheime Sehnsucht“ von Elenor Avelle

Nein, ich mache hier nicht neuerdings Werbung für Liebesgeschichen, auch wenn man das bei geheimen Sehnsüchten denken könnte. Infiziert – Geheime Sehnsucht ist eine Dystopie. Mit Zombies.

Mehr Informationen gibt es im Lauf der Blogtour, bei der übrigens auch etwas zu gewinnen gibt. Dafür musst du nichts weiter tun, als einen Satz aus dem Buch zu erraten. Wie? Einfach die Beiträge verfolgen, dann siehst du es schon. 😉

Den Auftakt macht heute im Laufe des Tages Blue Siren.
Mein Beitrag erscheint am 18.10.2017

Viel Spaß beim Lesen und miträtseln. Und viel Glück!

[Fundstück] suedies kleiner Schreibratgeber – starke, weibliche Figuren

Abgesehen davon, dass ich „männliche Männer“ wie Old Shatterhand und James Bond inzwischen als leicht lächerliche Klischees und mindestens ebenso nervig wie die unbeliebte Mary Sue finde, kann ich dem Artikel nur zustimmen.
https://www.wattpad.com/449001773-mach-ein-meinungsbuch-suedie-haben-sie-gesagt