[Selfpublishing] Was zur Hölle ist authentisches Marketing?

Wer selber Bücher veröffentlichen will, kommt um’s Thema Marketing nicht herum. So schön die Idee ist, nur für das Schreiben zu leben, so weltfremd ist die Vorstellung, dann auch vom Schreiben leben zu können. Laut Statistika sind 2018 allein in den Warengruppen „erzählende Literatur“, „Spannung“ und „Science Fiction, Fantasy“ rund 18.000 neue Bücher auf den Markt gekommen. Achtzehntausend. Neu. Also zusätzlich zu denen, die schon da sind. Dass ausgerechnet das eigene Buch sozusagen von allein entdeckt wird und zum Bestseller aufsteigt, ist schon wegen der schieren Masse unwahrscheinlich. Deshalb ist es unumgänglich, Werbung zu machen, damit das Buch überhaupt eine Chance hat, wahrgenommen zu werden.

Und selbstverständlich muss man das selber machen. Auch insofern ist Selfpublishing nur ein Synonym für „niemand nimmt es dir ab“.

Also bist du gezwungen, dich auch mit Marketingmethoden zu beschäftigen. Mit das Erste, was du dann zu hören bekommst, ist, dass das Marketing authentisch sein müsse. Marketing sei mehr als „Kauf mich!“ Marketing setze auf Persönlichkeit.

Aha!

Das klingt jetzt erst mal gut. Oder tat es für mich zumindest, bis ich angefangen habe, mir Gedanken zu machen, was zur Hölle meine Persönlichkeit eigentlich ist und was das mit meinen Büchern zu tun hat. Schließlich will ich meine Bücher verkaufen, nicht mich als Escort andienen oder so.
Klar, als Autor*in steht dein Name für irgendwas. Sei es für bluttriefenden Horror oder zuckersüße Liebesgeschichten – irgendwann verbindet sich der Name mit einer Leseerwartung. Der Name wird zur Marke, wie es immer so schön heißt. Das ist nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil: Es steigert die Chance gefunden und gelesen zu werden.

Nur ist mir immer noch nicht klar, was das mit meiner Persönlichkeit zu tun haben soll und wo da die Authentizität reinspielt. Klar ist: Ich bin Autorin. Ich schreibe Fantasy. Aber wenn ich mich für Fotos als Kräuterhexe oder Elfenkriegerin zurechtmachen oder in Interviews erzählen würde, dass ich von Drachen träume und an Luftgeister glaube, wäre das hochgradig unauthentisch. Das bin nicht ich. Ich trage weder Rüstung noch wallende Gewänder, sondern Jeans und T-Shirt. Wenn ich mich mit Dämonen, Vampiren und Werwölfen unterhalte, dann nur in meinem Kopf. Ich sehe keine Geister (und glaube auch nicht daran). Ich erzähle phantastische Geschichten, aber wer, wenn nicht ich wüsste am Besten, dass sie allein meinem Hirn entsprungen sind?
Und natürlich ist die Fantasy-Autorin nur eine der Facetten, die mich als Person ausmachen. Es gibt noch ganz viele andere, aber haben die etwas mit meinen Büchern zu tun? Höchstens insoweit, als sie eine bestimmte innere Haltung formen, die dann auch in meinen Geschichten zum Tragen kommt. Nur lässt sich auch diese Haltung nicht benennen, ohne auf unsäglich platte Schlagworte zurückzugreifen. Schlagworte sind nun aber wieder das Letzte, was ich meinen Büchern zumuten möchte. Meine Geschichten sind schließlich alles andere als platt und plakativ (das ist jedenfalls mein eigener Anspruch).

Tja, und da stehe ich nun und wahrscheinlich ist das authentischste, was ich sagen kann, dass ich bin, was ich bin und meine Geschichten für sich allein sprechen müssen.

Aber wie zur Hölle lässt sich das im Marketing nutzen?

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Gefährliche Normalität

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

In Rezensionen lese ich oft Sätze wie: „Ich konnte mich mit der Protagonistin gut identifizieren“, und als ich den Artikel Forderung nach mehr Diversität veröffentlichte, schrieb mir jemand über Twitter, die eigentliche Unverschämtheit läge darin, dass von ihm verlangt würde, sich mit weißen cis-Heten zu identifizieren. Da mich die Person inzwischen blockiert hat, kann ich das Zitat nicht im Wortlaut wiedergeben. Aber der ist auch nicht so wichtig. Was auffällt ist, dass die Rezensent*innen und jener Tweetschreiber anscheinend das Gleiche wollen, nämlich Figuren, mit denen sie sich identifizieren können.

Das ist einerseits toll, weil es zeigt, welchen Einfluss Bücher haben (können). Wer Identifikationsfiguren sucht, ist selber noch auf der Suche nach der eigenen Identität. Dass Bücher dabei als Kompass dienen, ist ein Beweis dafür, welche Bedeutung das geschriebene Wort immer noch hat.

Gleichzeitig zeigt es, wie naiv der Satz ist: „Das ist doch nur Unterhaltung.“ Auch das, was wir nur zur Unterhaltung konsumieren, prägt. Unser Hirn kann gar nicht anders als zu lernen. Was uns oft begegnet, verinnerlichen wir als Norm. Genau darin liegt die Gefahr der sogenannten Unterhaltung.
Wenn wir nur schöne, hellhäutige, heterosexuelle, junge  Mittelschichtmenschen als Identifikationsfiguren haben, schürt das auf Dauer das Gefühl der Minderwertigkeit, weil spätestens der Blick in den Spiegel zeigt, wie weit wir von dieser „Norm“ entfernt sind. Wozu das führen kann, zeigt @Textflash in einem Tweet, der unabhängig von diesem Artikel aber fast gleichzeitig entstanden ist.
Je öfter wir romantisierte Darstellungen problematischer Beziehungen lesen, und uns mit der Protagonistin identifizieren*, desto wahrscheinlicher ist, dass uns Gegenstrategien fehlen, wenn wir selbst in eine solche Beziehung geraten. Es ist doch Liebe. Die große Liebe, die verzeiht und am Ende alles heilt**.
Je häufiger wir uns mit den richtigen, harten Kerlen identifizieren, die nie weinen und allein durch ihre Kraft und Ausdauer alle Hindernisse überwinden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in der Realität genauso gefühlskalt aufführen und Probleme in erster Linie durch Gewalt zu lösen versuchen.
Je öfter wir über Nerds, Frauen, Türken, Schwule oder andere spotten – nur zur Unterhaltung, versteht sich, Witze wird man ja wohl noch machen dürfen – desto empathielosere Arschlöcher werden wir tatsächlich.

Buchmenschen sollten sich dieser Gefahren bewusst sein. Nicht nur wir von der schreibenden Zunft, sondern alle, die Bücher machen, verkaufen und bewerben.
Guckt euch an, was ihr schreibt. Überlegt gut, wie ihr es vermarktet (und „gute Vermarktung“ meint ausdrücklich nicht die monetären Aspekte). Bedenkt, welche Aussagen ihr trefft, welche Haltung ihr vermittelt.
Der Satz: „Aber das ist doch nur Unterhaltung“, ist bestenfalls Selbsttäuschung. Ihr macht nicht „nur Unterhaltung.“ Ihr prägt die Sicht auf die Welt.


* Meist ist es eine Protagonistin, die dem Bad Boy durch ihre Liebe zu dem Menschen transformiert, der er „eigentlich“ ist.
** Spoiler: Tut sie nicht.


Du willst mit mir über den Artikel diskutieren? Gerne! Die Kommentare sind offen.

Die Forderung nach mehr Diversität

Diversität ist ein großes Thema in meinem Umfeld, genauer gesagt: bei den Autor*innen mit denen ich mich regelmäßig austausche. Wenn du meinem Blog folgst oder aus anderen Gründen schon mal reingelesen hast, weißt du vermutlich schon, dass ich oft etwas anderer Meinung bin.

Dabei kann ich absolut nachvollziehen, dass jedes Wesen das Bedürfnis hat, sich, bzw. die Gruppe zu der es sich zugehörig fühlt, in Filmen, Büchern und Bildern wiederzufinden. Und zwar auf eine respektvolle Art, die das eigene Selbst(wert)gefühl widerspiegelt. Also nicht nur als lustiger Sidekick oder Verkörperung irgendeines Klischees.
Mir ging es früher nicht viel anders. Abgesehen von „Mädchenbüchern“ wie Hanni und Nanni, so wie ein paar Liebesromanen, handelten fast alle Bücher von Männern. Überflüssig zu sagen, dass sie überwiegend auch von und aus der Perspektive von Männern geschrieben waren. Rückblickend scheint vieles, von dem, was ich damals als selbstverständlich überlesen habe, skurril. Damit meine ich gar nicht so sehr die oft nicht nur unterschwellige Misogynie, sondern eher die Fixierung auf den Penis und dessen Wirkung auf Frauen. Echt jetzt. Einige männliche Autoren scheinen der Überzeugung zu sein, der Penis sei sozusagen die Achse, um die die Welt rotiert. Sorry, Jungs – aber nein.
Ok, ich schweife ab. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht muss man sogar zu einem so schrägen Weltbild kommen, wenn man sein eigenes, männlich geprägtes Umfeld nie verlässt, sondern durch andere Männer noch in seiner Sichtweise bestätigt wird. Wenn alle Männer sich einig sind, muss es doch stimmen! Eine gute Medizin gegen eine so beschränkte Sichtweise ist immer, diese Komfortzone zu verlassen – wenn man(n) denn bereit ist, diesen Schritt auch zu gehen. Tatsächlich kann es ziemlich unangenehm werden, aber es eröffnet auch neue Perspektiven.
Für mich jedenfalls war es geradezu die Entdeckung eines neuen Universums, als in den 80ern im Zuge der Frauenbewegung immer mehr Bücher von AutorINNEN auf den Markt kamen. Frauen, die aus der Sicht von Frauen schrieben, denen es nicht genug war, Geliebte, Ehefrau oder Damsel in Distress zu sein. Plötzlich gab es Abenteuerinnen, Magierinnen und Detektivinnen, die fröhlich gegen alle bisherigen literarischen Konventionen verstießen, indem sie außerhalb der ihnen bisher eingeräumten Rollen agierten. Manches davon war Trash. Manche Ansichten waren genauso verquer, wie die der Kerls. Manches war miserabel geschrieben. Aber es war ungemein aufregend, wirklich gute, neue Stimmen zu finden und natürlich habe ich gezielt nach Autorinnen gesucht, um mehr davon zu bekommen.

Deshalb hat der Aufschrei: „ICH WILL ABER AUCH!“, mein vollstes Verständnis.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass ich mir nur sehr ungern etwas vorschreiben lasse. So bald jemand sagt: „Du musst in deinen Büchern aber auch Homosexuelle / Behinderte / Transmenschen / Nichtweiße / Wasauchimmer unterbringen“, stellt mein innerer Punk den Iro hoch und antwortet frei nach Lessing*: „Ich MUSS erst mal gar nichts.“
Im Gegensatz zur Aussage: „Ich will mehr über Homosexuelle, Behinderte, Transmenschen, Nichtweiße und/oder Wasauchimmer lesen“, ist die Forderung an uns Autor*innen, wir müssten dafür sorgen, jede Minderheit in jeder unserer Geschichten zu repräsentieren, schlicht übergriffig; selbst, wenn sie noch so gut gemeint ist. Das gilt um so mehr, wenn auch noch ausformuliert wird, wie diese Charaktere angelegt werden und in welchen Rollen sie auftreten müssen. Und es gilt erst recht, wenn die Forderung von jemandem kommt, der/die selbst nicht homosexuell/behindert/trans oder wasauchimmer ist. Das kommt für mich nämlich nicht als besondere Wokeness** rüber, sondern als besondere Form von Machtspiel. Als: „Ich kann dir Vorschriften machen.“
Nein. Kannst du nicht. Schon gar nicht, wenn es um meine Bücher, meine Geschichten oder mein Leben geht.

Abgesehen von diesem persönlichen Aspekt gibt es aber auch sachliche Gründe, diese Forderung zu ignorieren. Der erste ist, dass schon die Diskussion über die Repräsentanz von Minderheiten sehr selektiv geführt wird. Es geht praktisch nur, um die bereits benannten, gelegentlich auch um Übergewichtige. Außen vor bleiben u. a. Arme, Kinder, Alte, Mütter, Untergewichtige, Depressive …  In gewisser Weise ist die Diskussion daher selbst elitär und ausgrenzend.
Der zweite Grund ist, dass Geschichten mit einem begrenzten Personal auskommen müssen (Romane von Tolstoi ausgenommen, aber das ist vermutlich einer der Gründe, warum sie so selten gelesen werden). Nehme ich mir also vor, eine Geschichte maximal divers zu besetzen, bleibt pro Minderheit maximal eine Rolle – jedenfalls dann, wenn ich darauf achte, auch wirklich jede Gruppe mindestens einmal zu repräsentieren. Das führt aber dazu, dass Eigenschaften verallgemeinert werden. Ein homosexueller Charakter mutiert zum Vertreter für alle Homosexuellen, eine Himba zur Vertretung aller Menschen aus Afrika. Das Ergebnis sind also genau die Klischees, die man eigentlich vermeiden wollte. Manchmal fehlt auch einfach das Personal, um alle Rollen zu besetzen. Wo wollte man in einer Geschichte wie Zweigs Schachnovelle noch andere Figuren unterbringen, ohne die Geschichte selbst zu zerstören?
Der dritte und in meinen Augen der wichtigste Grund ist aber, dass eine solche Diversität allenfalls eine Utopie ist, aber nicht der Realität entspricht. Klar: Wenn ich durch die Innenstadt gehe, sehe ich Menschen aller möglicher Haut-, Haar- und Augenfarben, Frauen mit und ohne Kopftuch, Männer im Maßanzug und Bettler, dazwischen vielleicht auch zwei knutschende Lesben und möglicherweise*** begegnet mir sogar ein Transgender. So bald ich aber nach Hause komme, wird die Umgebung deutlich homogener und wenn ich in meine Familie gucke, reduziert sich die Diversität noch mal. Menschen neigen zur Gruppenbildung und diese Gruppen sind für gewöhnlich einigermaßen homogen. Jede/r einzelne gehört zwar meist mehreren Gruppen an (Familie, Sportverein, Lerngruppe, Arbeitskollegen …), aber diese Gruppen werden üblicherweise durch ein oder mehrere verbindende Elemente zusammengehalten, die für Homogenität sorgen. Jede dieser Gruppen, Communities oder Peer-Groups hat ihre eigenen Regeln und Codes, die den Zusammenhalt verstärken und mit der sich die Mitglieder von anderen Communities abgrenzen. Dementsprechend gibt es auch allenfalls partielle Überschneidungen. Mit anderen Worten: Schreibe ich über die Besatzung einer Raumstation im 22. Jahrhundert kann ich von einer sehr diversen Zusammensetzung ausgehen. Trotzdem wird sie sich in verschiedene Gruppen aufspalten, die in sich relativ homogen sind.
Als vierten Grund, nicht über Aussehen, sexuelle Ausrichtung, Geschlechtsidentität, Behinderungen o. ä. zu schreiben, ist, dass es oft keine Rolle spielt. Nur bestimmte Politiker fragen, ob der Mensch der vor ihnen in der Schlange ansteht, keinen deutschen Pass oder einen künstlichen Darmausgang hat, schwul ist oder hetero, nach Mekka betet oder vielleicht gar nicht. Alle anderen warten, bis sie dran sind und hoffen, dass ihre Lieblingsbrötchen bis dahin nicht ausverkauft sind. Als Autor*in beschreibt man solche Situationen dementsprechend genau so.

Ich reihte mich in die Schlange ein. Hoffentlich waren die Mohnbrötchen nicht wieder ausverkauft.

Anders ist das natürlich, wenn in besagter Schlange eine großartige Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt, weil die lesbische Afghanin einen Schritt zurückmacht und die Spitze ihres Stilettos ein Loch in den eigenen Rist tackert. Aber so lange ich diese Geschichte nicht erzählen will, müsste schon Jabba der Hutte dort stehen, damit es erwähnenswert wird.

Und nein, ich akzeptiere auch kein: „Dann schreib es doch einfach anders. Du bist Herrin deines Weltenbaus!“
Der zweite Satz ist zwar richtig. Ich kann. Wenn ich will. Aber ich bin keine Lohnschreiberin. Deshalb erzähle ich die Geschichten, die ich erzählen will und ich erzähle sie so Geschichten so, wie ich es für richtig halte. So, wie ich meine, dass sie erzählt werden müssen.
Jede/r hat das Recht, das Scheiße zu finden. Auch aufgrund theoretischer Erwägungen. Allerdings ist solche Kritik wie das Bemäkeln von Essen, das man nie probiert hat.

Denn dass ich mich gegen bevormundende und übergriffige Forderungen wehre, heißt schließlich nicht, dass ich ausschließlich über weiße, heterosexuelle, körperlich und geistig fitte Menschen schreibe. Gut, bisher hat keine meiner Figuren mit ihrer Geschlechtsidentität gehadert – oder wenn doch, hat sie nichts davon verlauten lassen. Sie waren – wenn man von Vater Gion in Der Fluch des Spielmanns absieht, auch körperlich nicht eingeschränkt. Aber:

  • Steppenbrand hat ein nicht-europäisches Setting. Die Charaktere sind durchgehend dunkelhäutig; in der Kultur der Khon haben Männer und Frauen die gleichen Rechte und Pflichten (wenigstens am Anfang); Polyamorie ist zwar nicht die Regel, aber im Normbereich des Zusammenlebens.
  • Kernthema von Der Fluch des Spielmanns sind Fremdheit und Heimatlosigkeit. Die Spielleute werden zwar nirgends beschrieben, ihr Aussehen kann allenfalls anhand der Namen gemutmaßt werden. Aber ihr Status als Außenseiter wird mehr als deutlich.
  • In O Tannenbaum geht es um Spielarten der Liebe. Das Gegengewicht zu der letztlich zerstörerischen Bindung der Protagonistin an ihren Baum bildet ein lesbisches Krähenpaar.
  • Die Protagonistin aus Biss zum letzten Akt ist ein beziehungsunfähiger Ex-Junkie, die ihrer Umgebung gerade so viel Aufmerksamkeit widmet, wie zum Überleben nötig.
  • Madame Mimi Moffat spielt zwar heute, ist aber eine Erinnerung an den Porajmos, den Mord an der tsiganen Bevölkerung (ich benutze diesen Begriff, um die Jenischen einzuschließen) während des dritten Reichs. Wer die zweite Person in der Geschichte ist, bleibt der eigenen Vorstellungskraft beim Lesen überlassen.

Zusammenfassung: Ich kann den Wunsch, die eigene Bezugsgruppe literarisch vertreten zu sehen, gut nachvollziehen. Ich glaube, dass ein Blick über den Tellerrand gut tut, lese selber alles mögliche und behaupte, insgesamt auch divers zu schreiben. Ich verwehre mich aber gegen die Forderung Literatur müsse irgendetwas. Eine derartige Anspruchshaltung ist anmaßend und übergriffig – jedenfalls so lange, wie du mich nicht dafür bezahlst, eine bestimmte Geschichte zu schreiben (ob ich das Angebot annähme, ist noch mal eine andere Frage, dazu müsste ich mehr darüber wissen).

Wenn du mir diskutieren willst – gerne. Die Kommentare sind offen.


*Nathan der Weise: „Kein Mensch muss müssen […]“
**auch nicht als Solidarität, Empathie o. ä.
*** Geschätzt sind bis zu 0,6% der Bevölkerung transsexuell. D. h. unter 1.000 Menschen sind sechs Transperson, die i. d. R. nicht auf sich aufmerksam machen. Was die interessante Frage aufwirft, wie mensch über Menschen schreibt, deren Eigenschaften unbemerkt bleiben.

Neues aus dem Autorenleben

Coverentwurf1 kleinAuf KeJas BlogBuch ist eine absolut wundervolle Besprechung zu „Was von ihnen blieb“ erschienen: 3 Geschichten – 3 Eindrücke | Nike Leonhard und Michael Leuchtenberger.

Janna schreibt:

Im Gesamten hat mir „Was von ihnen blieb“ atmosphärisch gut gefallen und ein mehr als passender Titel für beide Novellen. Auch das Cover ist absolut wundervoll, fast schon schade das es das Buch nur als eBook gibt.

Muss ich dazusagen, dass mich die Bewertung sehr glücklich gemacht hat?

Neues aus dem Autorenleben

Die Frankfurter Vampirnovelle „Biss zum letzten Akt“ hat eine Neuauflage bekommen und endlich auch ist das Problem mit dem verrutschten Cover beseitigt. Der Schriftzug auf dem Rücken sitzt nun genau da, wo er hin soll und auch der rote Rahmen sieht nun richtig gut aus.

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Biss zum letzten Akt in neuem Glanz. Da möchte man doch sofort zubeißen – äh, zugreifen.

Sehr stolz und glücklich macht mich gerade auch, dass Thalia mich mit meinem E-Book „Der Esel als Pilger“ unter den Top-AutoInnen listet und die Redaktion von Bücher.de die Geschichte ebenfalls empfiehlt. Ich muss gestehen: Ich mag das Eselchen. Nicht nur, weil es das erste E-Book war, das ich veröffentlicht habe.

Literatur unter Strom – ein sehr persönlicher Rückblick

Am 15. – 16. Februar 2019 hatte ich die Ehre, an Literatur unter Strom, dem Jubiläumskongress zum 50-jährige Bestehen des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) teilnehmen zu können. Die Ehre deshalb, weil der Kongress eine geschlossene Veranstaltung für Mitglieder war und Selfpublisher*innen zum Zeitpunkt der Einladung nur von einigen Landesverbänden aufgenommen wurden. Dementsprechend war ich so etwas, wie ein Alien und bei einer der Abendveranstaltung entfuhr einem Buchhändler tatsächlich auch ein „Oh, mein Gott!“, als ich mich als Selfpublisherin vorstellte. Wir haben uns dann aber doch sehr gut unterhalten und abgesehen von diesem kurzen Moment bin ich nirgendwo Vorbehalten begegnet. Was eher durchklang, war die Befürchtung einiger konventioneller arbeitender Autor*innen, durch die zunehmende Digitalisierung des Buchmarkts und des Büchermachens abgehängt zu werden.

Aber der Reihe nach.

Der Kongress begann schon am 14. Februar mit einem feierlichen Empfang im Stadttheater Aschaffenburg und einem anschließenden Poetry Slam-Battle zum Thema Big Brother is watching you. Aus familiären Gründen konnte ich aber erst am Freitag anreisen, so dass mir beides leider entgangen ist.
Auch an der Stadtführung auf den Spuren der Brentanos konnte ich aus Zeitgründen nicht teilnehmen. Dabei hätte sie sich bestimmt gelohnt, schon weil Aschaffenburg wirklich schön ist.

Trotzdem ging es am Freitag gleich nach meiner Ankunft in die Vollen. Als erstes lief ich dem Fotografen von verdi.tv in die Arme und durfte mich als Teil der Berichterstattung über den Kongress vor laufender Kamera ausfragen lassen, was Selfpublishing eigentlich ist, welche Vor- und Nachteile es hat und welche Gründe es für Selfpublisher*innen geben könnte, sich einer Vereinigung wie dem VS anzuschließen.*

Es folgte kurzer Schwatz mit Nina George, die selbst ganz erheblich unter Strom stand, weil sie einen großen Teil des Programms gestaltet hatte und mit hinreißender Verve überall gleichzeitig nach dem Rechten sah. Ernsthaft jetzt: Ich habe schon viele Menschen unter Stress erlebt und die Meisten kommen irgendwann an einen Punkt, wo sie die Nerven verlieren. Nicht so Nina George. Hochkonzentriert, auf den Punkt mit den Ansagen, aber gleichzeitig witzig und unglaublich warmherzig. Whow!
Nina George habe ich zu verdanken, dass ich überhaupt teilnehmen durfte – dafür noch einmal ganz, ganz herzlichen Dank! Es war mir nicht nur eine Ehre, sondern auch ein Fest!
Durch Nina George habe ich auch Jens Kramer kennengelernt, den Vorsitzenden des Syndikats. Einer Verbrecherorganisation, wie er selber sagt, deren Mitglieder nach allen Regeln der Kunst morden. Natürlich nur in Büchern, denn auch das Syndikat ist eine Autorenvereinigung, nämlich die der Krimiautor*innen. Jens Kramer war für mich das Wochenende über so etwas wie der ruhende Pol. Unschätzbar wertvoll für jemanden, dem es schwer fällt, Gesichter und Namen in Übereinstimmung zu bringen.

Dann wurde es auch schon langsam Zeit für die eröffnende Podiumsdebatte, vor der ich mich die Wochen vorher ein bisschen gegruselt hatte. Ein Publikum aus lauter gestandenen Autorinnen und Autoren. Auf dem Podium u. a. die Radiomoderatorin Birgit Kolkmann, ein Verlagsmensch und Karla Paul. Und dazwischen ich als Repräsentantin der Selfpublisher*innen. Da kann man schon ein bisschen Bammel davor haben, Stuss zu reden, oder?
Den Auftakt machten aber Nina George mit einer espritsprühenden Einleitung und Rüdiger Wischenbart mit einem sehr inspirierenden Impulsreferat, bei dem ich sehr häufig dachte: „Das ist es. Auf den Punkt.“
Danach ging es in die Diskussion. Zur Debatte stand die Digitalisierung des Buchmarkts und ihre Folgen. Es ging um E-Books, Internetveröffentlichungen, die Zukunft des gedruckten Buchs, die Möglichkeiten von KI, Bestsellercodes und Übersetzerprogramme, die EU-Urheberrechtsnovelle, Selfpublishing, die gar nicht mehr so neuen Medien und sich änderndes Leseverhalten – und bestimmt habe ich noch den einen oder anderen Punkt vergessen. Als Teilnehmerin kann ich nur sagen: Ich fand die Themen spannend und die Atmosphäre ausgesprochen angenehm. Ob ich Stuss geredet habe, müssen andere entscheiden.

Danach verwischt sich meine Erinnerung ein wenig. Ich weiß noch, dass ich mit Lena Falkenhagen über die Absicht des VS gesprochen habe, künftig auch Selfpublisher*innen aufzunehmen. Sie hat das sehr befürwortet und darauf hingewiesen, dass PAN (die Vereinigung der Fantasy*autorinnen) sich inzwischen ja auch geöffnet habe. Dass das am Anfang anders gewesen sei, habe allein daran gelegen, dass man zunächst Strukturen schaffen wollte.
Dann habe ich mit Valentin Döring, Dr. Volker Staats (beides Juristen im VS) und Katharina Uppenbrink von der Initiative Urheberrecht über die EU-Urheberrechtsnovelle gesprochen. Die drei haben es geschafft, meine Meinung ins Wanken zu bringen, dass vor allem Artikel 11 und Artikel 13 Mist sind. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich die Richtlinie deshalb gut finde. Es ist einfach unglaublich schwer, an zuverlässige Informationen zu kommen, da auf beiden Seiten Interessengruppen stehen. Auf mich wirkt die Diskussion allerdings so, als würden die Gegner der Urheberrechtsrichtlinie sachlicher argumentieren als die Befürworter, von denen ich allenfalls Schlagworte und gelegentliche Diffamierungen mitbekomme. Das mag an den von mir konsumierten Medien liegen. Es mag auch sein, dass die Sachargumente der Gegner falsch sind. Der unsachliche Ton seitens der Befürworter weckt jedoch den Eindruck, sie hätten überhaupt keine Argumente. Das war bei den drei Genannten nun deutlich anders: Sie wirkten sowohl sachlich als auch informiert. Durch sie habe ich erfahren, dass die Diskussion über verpflichtende Uploadfilter die beabsichtigte Regelung nur sehr verkürzt darstellt. Das und die Tatsache, dass sie eindeutig die Interessen der Schriftsteller*innen vertreten, hat mein Meinungsbarometer von „Ablehnung“ auf „unschlüssig“ umspringen lassen.
Außerdem habe ich Monika Pfundmeier kennengelernt, eine sehr liebe Kollegin und sehr erfolgreiche Selfpublisherin, mit der ich am nächsten Tag lesen sollte. Mit ihr habe ich auch den größten Teil des Abends verbracht, der aus einem Festakt im Stadttheater Aschaffenburg zu dessen Höhepunkten für mich die Rede von Imre Török zählte, der Kein Ende der Bescheidenheit forderte, einem Empfang des Bürgermeisters und dem anschließenden gemeinschaftlichen Versacken der Nimmermüden im Schlappe Seppel bestand.

Und obwohl Aschaffenburg eigentlich recht übersichtlich ist, habe ich es geschafft, mich auf dem Rückweg ins Hotel zu verlaufen.

Den ersten Teil des Samstags hätte ich mir eigentlich für Schönheitsschlaf, einen ausgiebigen Bummel durch Aschaffenburg nebst Cafébesuchen und Lesungsvorbereitungen freinehmen können. Schließlich sollte die Lesung erst am Abend stattfinden. Aber natürlich war ich neugierig auf die Delegiertenkonferenz. Ganz besonders darauf, ob der Antrag über die Aufnahme von Selfpublisher*innen durchkommen würde. Zwar sind mir alle, mit denen ich mich unterhalten habe, sehr offen begegnet, aber für Außenstehende ist es schwer, Stimmungen abzuschätzen. Um so mehr hat es mich gefreut, dass der Antrag problemlos durchging. Schließlich kämpfen wir Selfpublisher*innen mit ähnlichen Problemen, wie die, die für Verlage schreiben. Darüber hinaus kämpfen wir mit ähnlichen Problemen, wie die Verlage selber – die übrigens auch Mitglied im VS sein können. Und deshalb glaube ich fest daran, dass es gut ist, diese gemeinsamen Probleme gemeinsam anzugehen und die gemeinsamen Interessen auch gemeinsam zu vertreten.
Als im Anschluss daran an einer neuen Charta gefeilt wurde, habe ich mich allerdings verabschiedet. Die Vorlage kannte ich schon und kann sie in jedem Punkt unterschreiben. Das Gleiche gilt für die am gleichen Tag verabschiedete Aschaffenburger Antwort. Deshalb habe ich mich gegen das weitere Zuhören und für ein Nickerchen im Hotel entschieden, um für die bevorstehende Lesung fit zu sein.

Die Lesung. Was soll ich darüber sagen, außer dass sie Spaß gemacht hat? Vielleicht noch, dass sie in zwei Blöcken á einer Stunde ablief. Das hatte den Sinn, dass die Zuhörenden in der Pause zu einer der parallel laufenden anderen drei Lesungen wechseln konnten. Monika Pfundmeier und ich haben abwechselnd gelesen. Im ersten Block sie zuerst, im zweiten ich. Jens Kramer hat uns jeweils vorher vorgestellt und ein bisschen in die Themen eingeleitet.
Im Anschluss an die zweite Lesung gab es sogar noch eine kleine Diskussion mit ein paar Zuhörerinnen.

Danach sind wir mit den übrigen Kongressteilnehmern wieder im Schlappe Seppel versackt.

Damit war der Kongress eigentlich zu Ende. Allerdings gab es am nächsten Morgen noch so etwas wie ein inoffizielles Treffen. Eher zufällig. Vor dem Hauptbahnhof.
Das Wetter war schön, ich hatte keine Lust auf Hotelzimmer und der Kaffee dort war auch eher mau. Also bin ich früher raus und habe mir einen Chai Latte in der Sonne gegönnt. Und nach und nach bekam ich Gesellschaft. Zuerst Monika Pfundmeier. Dann Lena Falkenhagen, die frisch gekührte Vorsitzende. Imre Török. Sven j. Ohlsson (noch jemand aus dem Vorstand) und noch ein paar andere, deren Namen mir leider entfallen sind. Einige blieben nur kurz auf ein paar Worte. Andere länger.
Es war eine sehr angenehme Runde. Auch das hat mich darin bestärkt, dass es richtig ist, dem VS beizutreten.


*Den Bericht werde ich noch verlinken, so bald er fertig geschnitten ist.


Wer objektivere Informationen sucht, ist mit diesem Artikel vielleicht ganz gut bedient: http://kuk.verdi.de/literatur/laengst-noch-kein-ende-der-bescheidenheit-1832/

VS öffnet sich für Selfpublisher*innen

Für Selfpublisherinnen und Selfpublisher hat sich eine neue Tür geöffnet: Seit dem 15.02.2019 sind sie auch im Verband der deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) offiziell willkommen. Zuvor bestand nur in einzelnen Landesverbänden die Möglichkeit beizutreten, die Regelungen waren aber uneinheitlich.

Bei seinem diesjährigen Kongress hat der VS beschlossen, sich generell zu öffnen und einheitliche Voraussetzungen für die Aufnahme geschaffen. Zu den Kriterien gehört neben mindestens einer Print- oder E-Book-Veröffentlichung die Professionalität im Umgang mit dem eigenen Werk und die Wahrnehmbarkeit als Autor bzw. Autorin. Wer nur auf seinem Blog oder in einem Druckkostenzuschussverlag veröffentlicht, ist aber weiter außen vor.
Damit trägt der VS der Tatsache Rechnung, dass sich die Arbeit von „Verlagsautor*innen“ und Selfpublisher*innen immer weniger unterscheidet. Auch Verlage wälzen zunehmend Aufgaben wie Lektorat und Marketing auf „ihre“ Autor*innen ab. Andererseits sind selbstproduzierte Bücher inzwischen oft so professionell, dass sie jedem Vergleich mit Verlagsprodukten standhalten. Ein weiterer Grund mag sein, dass beide Gruppen im Kern die gleichen Interessen haben und es daher weder Selfpublisher*innen noch „Verlagsautor*innen“ nutzt, wenn man sie gegeneinander ausspielen kann.

Persönlich begrüße ich diese Entscheidung sehr, weil Selfpublisher*innen dadurch eine zusätzliche Möglichkeit gewonnen haben, ihren Interessen Ausdruck und ihrer Stimme politisches Gewicht zu verleihen. Und ja, mein Antrag ist unterwegs.

Lesung am 16. Februar 2019 in Aschaffenburg

28768659_964298187058547_1701217180_oWenn du mich einmal echt, in Farbe und voller Lebensgröße erleben oder in meine Bücher reinhören willst, kannst du das am 16. Februar in Aschaffenburg tun. Dort werde ich im Rahmen von Literatur unter Strom in einer Doppellesung mit Monika Pfundmeier aus meinen Büchern lesen und gerne auch Fragen beantworten.

Wann genau:
Samstag, den 16.02.2019
19:00 Uhr
und 20:30 Uhr

Wo genau:
Stadtbibliothek, 63739 Aschaffenburg

Mehr Informationen, auch zu den anderen Lesungen und eine wunderbaren Übersichtskarte (damit du auch hinfindest) gibt es auf der Veranstaltungsseite  des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, mit #LiteraturUnterStrom sein 50-jähriges Jubiläum feiert.

Wenn du Zeit hast und irgendwo in der Nähe wohnst, solltest du dir das auf keinen Fall entgehen lassen. Ich jedenfalls würde mich freuen, dich dort zu treffen.

Eine Lanze für das Happy-End

Happy Endings haben einen schlechten Ruf. Gerade Autorinnen geraten bei einem Happy End schnell in Verdacht, oberflächlichen Kitsch zu produzieren. Aber auch männlichen Autoren wird von Anfang an beigebracht, dass Happy Ends verdächtig sind. Lange Zeit galt sogar, dass richtige, d. h. anspruchsvolle Literatur geradezu synonym mit einem tragischen Ausgang ist. Ganz so fanatisch wird das heute zum Glück nicht mehr gesehen. Aber es gilt immer noch, dass Bücher, die den Ausgang der Fantasie der Leser*innen überlassen, eher ernst genommen werden als solche mit Happy End.

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Bildquelle: PourquoiPas via pixabay

Ich bin mit dem Diktat des „guten Buchs“ großgeworden, wobei „gut“ ganz selbstverständlich bedeutete, dass das Buch von einem anerkannten männlichen Autor stammte, von den Problemen des (meist männlichen) Individuums mit der grausam kalten Gesellschaft (seltener einer grausam kalten Frau) handelte und tragisch endete.
Diese Doktrin des „guten Buchs“ begann schon in der Schule. Offensichtlich steckte dahinter die gut gemeinte Absicht, frühzeitig ein Problembewusstsein zu wecken und einer naiven Weltsicht entgegenzuwirken.
Entsprechend trist war das, was wir lasen. Ganz besonders ist mir eine Geschichte in Erinnerung, in der es darum ging, dass eine adelige Familie die ihr untergebenen Bauern durch falsche Gewichte betrügt. Ein Kind deckt diesen Betrug auf. Aber statt nun richtig bezahlt zu werden, wird die ganze Familie vertrieben. Die Geschichte endet mit dem Hinweis, dass wohin sie auch kamen, immer die Maße zugunsten der Mächtigen gefälscht waren.
Wie gesagt: Ich bin mir sicher, dass hinter alledem gute Absichten standen. Sonst hätte man den Betrug nicht aufdecken müssen, sondern hätte eine andere Geschichte erzählt. Eine, in der ein boshafter Bauernbursche die gute Herrschaft verleumdete zum Beispiel. Oder eine, in der sich der Junge täuscht. Aber gerade der Schluss macht die Absicht deutlich: Es geht darum, zu erzählen, dass Reichtum immer durch Betrug entsteht. Die Geschichte ist also gesellschaftskritisch gemeint.

Das ist aber nur die eine Seite. Die andere ist das Schicksal des Kindes und seiner Familie. Wenn man die Geschichte aus ihrer Perspektive betrachtet, ist die Lehre plötzlich eine ganz andere. Das Kind ist zwar im Recht, aber das Beharren auf gerechter Behandlung wird zum Verhängnis für alle. Die eigentliche Botschaft ist also: Halt bloß die Klappe! Wer aufmuckt, schadet nicht nur sich selbst, sondern auch denen, die er liebt. Wer sein Recht durchsetzen will, macht alles nur noch schlimmer.
Im Ergebnis rät die „gute Literatur“ hier also zu Duckmäusertum. Ganz wie der Schlager „Die süßesten Früchte“.

Nur kommt die Botschaft der Geschichte nicht so locker-flockig rüber, wie bei Peter Alexander und Leila Negra, sondern trist und tragisch.

Die Wirkung wäre eine ganz andere, wenn sich die anderen Familien aus dem Dorf solidarisiert hätten und die Adeligen irgendwie bestraft worden wären. Das mag dick aufgetragen sein, aber es ist genau die Erzählweise, der sich Hollywood oft erfolgreich bedient. Man kann aber auch deutlich subtiler vorgehen. Die Botschaft wäre längst nicht so verheerend, wenn die Familie am Ende doch einen Ort gefunden hätte, wo ihr Gerechtigkeit wiederfahren wäre.
Der Wunsch, die „Guten“ belohnt und die „Bösen“ bestraft zu sehen, ist tief in uns verankert. Er bestätigt unser Rechtsgefühl und wenn dagegen verstoßen wird, empfinden wir das als unangenehm. Das ist in Geschichten nicht anders als in der Realität. Deshalb empfinden wir Geschichten als belastend, in denen uns diese epische Gerechtigkeit vorenthalten wird.

Umgekehrt ist es deshalb gerade bei Geschichten, die aufrütteln sollen, wichtig, nicht nur die Ungerechtigkeit aufzuzeigen, sondern epische Gerechtigkeit walten zu lassen. Richtig dosiert, wirkt ein solches Happy End auch ganz und gar nicht kitschig, sondern ermutigend und aufbauend.

Wie siehst du das? Welche Art von Ende bevorzugst du?

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Bildquelle: Rauschenberger via pixabay

Literatur unter Strom: Interview durch Nina George

Nächstes Jahr feiert der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) 50-jähriges Jubiläum. Der Jubiläumskongress steht unter dem Motto „Literatur unter Strom“ – ein in mehrfacher Hinsicht passendes Motto, denn das zentrale Thema des Jubiläumsjahrs 2019 ist die Digitalisierung und ihre Bedeutung für AutorInnen, Verlage und Buchmarkt.

Das Thema wird jedoch nicht erst ab 2019, sondern bereits jetzt diskutiert. In diesem Zusammenhang hat Nina George (ja, genau DIE Nina George) mich zu den Themen Selfpublishing und den Folgen der Digitalisierung für den Buchmarkt interviewt.
Ihre Fragen fand ich sehr spannend und herausfordernd. Was dabei herausgekommen ist, kannst du auf den Seiten des VS in der Rubrik „Literatur unter Strom: Interviews und Statements“ nachlesen.

28768659_964298187058547_1701217180_oWas mich jetzt interessieren würde: Wie siehst du das? Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf den Buchmarkt? Können Verlage von Selfpublishern lernen? Werden unsere Enkel noch gedruckte Bücher lesen? Werden sie überhaupt noch lesen oder gehört die Zukunft dem Gaming, Streaming oder ganz anderen Technologien?
Ich freue mich auf deine Meinung!