O Tannenbaum – Leseprobe

Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
(Erich Fried)

Mit einem lieben Gruß an Carola alias Frau Schreibseele, die dafür gesorgt hat, dass Croa und Crara ihren Platz in der Geschichte behalten. Ohne dich wäre mir nicht klargeworden, worum es bei O Tannenbaum wirklich geht.

Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr,
sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen,
gib dich ihr hin,
auch wenn das unterm Gefieder
versteckte Schwert dich verwunden kann.
(Khalil Gibran „Über die Liebe“)

 

1. Frevel

»Das ist mein Baum!«, schrie die Dryade. »Meiner! Verpiss dich, du elender, nutzloser Zellhaufen! Verschwinde und lass gefälligst meinen Baum in Ruhe!« Ihre ohnehin hohe Stimme steigerte sich zu einem schrillen Crescendo und schnappte schließlich über.
Den Mann, der gerade den Schnee von den Ästen der Nordmanntanne geschüttelt hatte, trat einen Schritt zurück, legte den Kopf schief und nickte bedächtig. Der seltsam gekrümmte Stock, den er bei sich trug, heulte auf. Sein Jaulen übertönte das Jammern der Dryade, die schon bei anderen Bäumen gesehen hatte, was dieser Stock anrichtete. Als das eine Ende unter ihren Baum fuhr, sprang sie hastig beiseite. Mit ohnmächtiger Wut sah sie zu, wie sich der Freischneider in das weiche Holz fraß. Sekunden später lag der Baum im Schnee.
»Fluch und Verderben über dich«, kreischte die Dryade. »Das wirst du büßen! Es war mein Baum, hörst du? Meiner?«
Der Mann beachtete sie so wenig, wie zuvor. Statt dessen ertönte die Stimme von Narya, der älteren Schwester hinter ihr. »Er kann dich nicht hören, Velona. Kein Mensch kann das. Ihre Ohren sind zu klein, zu schwach und sitzen zu weit oben am Kopf.« Narya zuckte mit den Schultern. »Außerdem ist das hier eine Baumschule. Besser du gewöhnst dich dran.«
Sie wollte die Jüngere tröstend in den Arm nehmen, aber Velona machte sich mit einer brüsken Bewegung frei. »Das ist mein Baum!«, wiederholte sie. »Ich kenne ihn vom Samen an. Ich war dabei, als er die Schale gesprengt und seine ersten Nadeln der Sonne entgegengeschoben hat. Ich habe ihn gefunden, weißt du nicht mehr? Er ist etwas Besonderes! Er ist mein Seelenfreund. Wir sind die Symbiose eingegangen.« Sie stemmte die winzigen Fäuste in die Hüften. »Ich werde ihn beschützen!«
Sie machte sich auf einen spöttischen Kommentar ihrer Schwester zu dieser Bindung gefasst. Aber Narya runzelte nur kurz die Stirn. Dann deutete sie auf den Mann, der seelenruhig den Stamm ergriff und den Baum hinter sich herschleifend fortging. »Und wie? Wie willst du den aufhalten?«
Velona war für einen Moment sprachlos über die Dreistigkeit dieses Menschen. Nicht einmal ein Opfer hatte er gebracht. »Dieb!«, schrie sie ihm nach, als sie endlich ihre Fassungslosigkeit überwunden hatte. »Mörder! Wie kannst du es wagen! Das ist mein Baum! Leiste wenigstens Ersatz, wie es sich gehört!«
Der Mann ging unbeeindruckt weiter. Im Gehen hob er noch einen anderen Baum auf, eine kleine Fichte, die neben der Nordmanntanne gestanden hatte, die Velona als ihre ansah. Die Dryade zögerte einen Augenblick, dann setzte sie ihm nach, wobei sie ihm jeden Fluch und jedes Schimpfwort hinterher kreischte, das ihr in den Sinn kam.

Es war ein ungleicher Wettlauf. Die Dryade war flink und so leicht, dass sie mühelos auf dem Schnee laufen konnte, ohne einzusinken. Der Mann hingegen bewegte sich ungelenk, wie alle Menschen.
Seine plumpen Füße versanken bis über die Knöchel im Firn. Zudem wurde er durch das Gewicht der beiden Bäume behindert, die er hinter sich her schleifte. Diese Nachteile wurden jedoch durch die Länge seiner Beine mehr als aufgewogen. Wo er einen Schritt machte, brauchte Velona mehr als zwanzig. Auf Dauer hätte er sie vermutlich abgehängt. Aber er hatte es nicht weit. Sein Ziel war ein grüner Pritschenwagen, der nicht einmal fünfzig Meter entfernt geparkt war.

Auf die Dryade wirkte der Lkw wie ein lauernder Drache. Er stank auch wie einer. Jedenfalls nahm die Dryade an, dass Drachen so stanken. Ein giftiger Dunst ging von ihm aus. Klebriger Nebel, der seine gesamte Umgebung mit einem Miasma von Schwelbrand, Rauch und Gefahr verpestete. Über allem aber lag der stechend süße Geruch von Harz und Holz. Er zerquetschte der Dryade Hals und Herz. Würgend und mit tränenenden Augen blieb sie neben einem der Stümpfe stehen, aus dessen Rinde träge der Baumsaft quoll, der nun nirgends mehr gebraucht wurde.
Ihr Mörder war unterdessen neben dem Kopf des Monstrums stehengeblieben. Achtlos ließ er seine letzten Opfer fallen, langte zum Rücken des Monstrums hinauf, von der der Harzgeruch der sterbenden Bäume wehte und rückte dort etwas zurecht. »Ich glaube, die zwei noch, dann reichts für heute. Was meinst du, Maik?«
»Soll mir recht sein«, antwortete eine Stimme. »Versteh sowieso nicht, warum du die überhaupt noch geholt hast.«
Die Stimme kam vom Kopf des Untiers und war so voller Rauch, dass die Dryade zuerst meinte, der Drache selbst habe gesprochen. Dann aber bog ein zweiter Mann um die Ecke. Er war etwas dünner als der Baummörder und vielleicht eine Spur behänder, aber eindeutig ebenso menschlich. Aus seinem Mundwinkel hing ein dünnes Stäbchen aus schwelenden Pflanzenteilen. Die Dryade schauderte.
Der andere Mann zuckte mit den Schultern. »Die Fichte ist nichts Besonderes, die hab ich eigentlich nur geschlagen, damit sich’s auch lohnt. Aber die Tanne … Das ist mal ein echtes Prachtstück! Die ist mir letztens schon aufgefallen.«
»Wie kommt denn ’ne Tanne in die Fichtenschonung?«
Jetzt zuckte der andere mit den Schultern. »Weiß der Teufel. Jedenfalls war sie da und jedes Mal, wenn ich sie gesehen habe, hab ich bei mir gedacht, was für ein verflucht schöner Baum das ist. Wenn wir die als erste vorzeigen und behaupten, die wären alle so …«
Der andere lachte. »Wenn du glaubst, wir bekommen deshalb ’nen besseren Preis, dann schlag dir das mal aus’m Kopf. Der Kunde hat die en gros bezahlt.«
»Tja, Pech, würde ich sagen. Aber ich mache die Geschäfte ja nicht.«
»Kannst sie ja selbst nehmen. Hauptsache, die Stückzahl stimmt am Ende.«
»Alter! Was soll ich denn mit ’nem Weihnachtsbaum?« Der Baummörder machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich hab nicht mal Familie! Wenn Weihnachten ist, bin ich auf Malle und mach Party! Sangria bis zum Abwinken!« Seine Stimme bekam eine schmierige Note. »Und die Bräute sind heiß und willig!«
»Jedem das Seine«, sagte der andere. »Von mir aus kannst du heiße Bräute haben, so viel du willst, aber mir ist kalt. Lass uns die Bäume einpacken und dann los!«
Er warf den Rest seines Qualmstäbchens in den Schnee, wo es zischend erlosch, griff sich die beiden Bäume und zog sie zu einer silbernen Röhre, auf die etwas Weißes gespannt war. Der Baummörder half ihm, die Bäume hindurchzuquetschen. Als sie wieder herauskamen, waren sie so eng in ein dichtes, weißes Netz verschnürt, dass sie eher Plantanen oder Zypressen glichen.
»Was tut ihr?«, schrie die Dryade. »Warum fesselt ihr sie? Sie laufen doch nicht weg!«

»Es ist jedes Jahr das Gleiche«, erklärte Narya.
Die Dryade fuhr herum. Sie war von den Ereignissen so überwältigt, dass sie nicht einmal gemerkt hatte, dass ihre Schwester ihr gefolgt war. »Was ist immer das Gleiche?«, presste sie heraus, obwohl sie ahnte, dass sie die Antwort lieber nicht kennen wollte.
»Sie kommen immer im Winter«, erklärte die Ältere. »Es beginnt immer um diese Zeit herum. Ab jetzt werden sie etwa eine Woche jeden Tag wiederkommen, Bäume fällen und mitnehmen. Aber das musst du doch mitbekommen haben!«
Velona schüttelte stumm den Kopf.
»Es sind aber nur die Nadelbäume, die sie wollen«, fuhr ihre Schwester fort. »Das macht es leicht, ihnen auszuweichen. Und nun komm! Lass uns hier weggehen. Es gibt genug andere Bäume, um die du dich kümmern kannst.« Sie streckte die Hand aus.
Velona schüttelte den Kopf. »Das ist immer noch mein Baum«, sagte sie langsam. »Und was meinst du mit ›wegbringen‹?« Sie wandte sich wieder um, suchte mit Blicken nach ihrem Baum, sah aber nur die Männer, die jetzt wieder am Kopf des Untiers standen.
»Da oben.« Ihre Schwester deutete auf das grüne, kantige Monstrum, das immer noch ungerührt zwischen den blutenden Baumstümpfen ausharrte. Jetzt erst begriff die Dryade, dass der Gestank nach Baumblut und Holz, die den vermeintlichen Drachen umwehte, nicht von den Stümpfen kam. Jedenfalls nicht nur. Die verschnürten Opfer des Gemetzels lagen auf dem Rücken der Bestie.
»Es ist eine Art Wagen, nur ohne Pferde. Sie werfen die Bäume darauf und dann fahren sie mit ihnen weg«, erklärte Narya.
»Du meinst, mein Baum ist auch da?«
Narya nickte.
»Dann muss ich zu ihm!« Velona sprintete los.
»Du kannst nichts für ihn tun!«, schrie Narya ihr nach. »Es ist zu spät!

Wie zur Bestätigung hustete das Wagenmonster. Im nächsten Moment flammten seine Augen auf. Velona zuckte zusammen, aber das Ungetüm hatte sie nicht bemerkt. Sein Flammenblick ging in eine andere Richtung.
Die Dryade lief schneller, erreichte die riesigen schwarzen Stummel, auf denen das Ding stand und begann zu klettern. Das Husten ging in ein gleichmäßigeres Grollen über.
Sie hatte den Stummel gerade zur Hälfte erklommen, als sie bemerkte, wie sich etwas unter ihr zu bewegen begann. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, was vor sich ging. Dass sie emporgehoben wurde, weil das, was sie für seltsam geformte Beine gehalten hatte, eine Art Rollen waren. Räder. Demnach würde es sehr schnell wieder abwärts gehen, so bald sie den Scheitelpunkt des Rades erreicht hatte. Mehr noch: Sie konnte abgeworfen werden, unter die Räder geraten und zermalmt werden.
Bei diesem Gedanken fuhr ihr ein eisiger Schreck durch die Glieder. Sie sah sich bereits unter den riesigen Rollen verschwinden, fühlte beinahe ihre Knochen bersten – aber das Schlimmste an dieser Vorstellung war, dass sie sterben würde, ohne ihrem Baum wenigstens Lebewohl gesagt zu haben.
Hektisch schaure sie um sich. Sie brauchte einen Ausweg und sie brauchte ihn schnell. Irgendetwas, an dem sie sich festhalten konnte. Etwas, das sie vor dem Sturz in die Tiefe bewahrte. Etwas, an dem sie sich hochziehen konnte. Aber da war nichts. Nur rostiges Metall über ihr, viel zu weit entfernt, um danach zu greifen. Sie hätte schreien können, vor Angst und Hoffnungslosigkeit. Warum besaßen Dryaden keine Flügel? Warum konnten sie nicht fliegen, wie die Blumenelfen? Dann hätte sie jetzt kein Problem gehabt, zu ihrem Baum zu gelangen. Nie hatte sie sich ihm so nahe und doch so fern gefühlt.
Das Rad bewegte sich immer schneller. Gleich würde sie den höchsten Punkt erreichen. Velona überkam ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Sie war gescheitert. Die Erkenntnis, dass es nichts mehr zu tun gab, als dem Tod entgegenzusehen, brachte ihre Gelassenheit zurück.
In diesem Moment sah sie es. Eine Bewegung. Da war etwas vor und über ihr. Eine weiße Faser flatterte im Wind, so dünn, dass man sie leicht übersehen konnte. War das ein Weg hinauf? Und würde die Faser ihr Gewicht tragen? Aber einen anderen Weg hinauf gab es nicht. Was blieb ihr also anderes, als das Risiko einzugehen?
Es war auch so gefährlich genug. Die Faser befand sich außer Reichweite und dazu ein Stück hinter dem Scheitelpunkt des Rades. Außerdem hing das Mistding nicht still, sondern flog ein Stück hoch und senkte sich wieder. Velona musste sich also ganz nach oben tragen lassen und dann, im richtigen Moment, wenn es wieder nach unten ging, nach oben abspringen.
Sie ließ die Faser nicht mehr aus den Augen.
Das Rad bewegte sich immer schneller. Sie erreichten den Scheitelpunkt.
Fast hätte die Dryade den richtigen Moment verpasst. »Zu spät«, schoss es ihr durch den Kopf, als sie sprang. »Du hast es verpatzt!«
Die Kluft zwischen ihr und dem weißen Band schien endlos. Sie würde es nie erreichen, würde doch fallen, zermalmt werden. Ach, hätte sie doch Flügel gehabt! Aber dann schlossen sich ihre Finger doch um den Faden. Ein Ruck ging durch Velonas Schultern. Ihr war, als würden die Arme aus den Gelenken gerissen. Der Faden glitt ein Stück durch ihre Hand, brannte wie Feuer auf der Haut, aber die Dryade ließ nicht locker. Klammerte sich fest und zog sich Stück um Stück höher, obwohl die Faser ihr die Handflächen zerschnitt und der Fahrtwind sie mehrfach hart gegen die Metallwand der Ladefläche schmetterte.

Schließlich war es geschafft. Mit letzter Kraft zog Velona sich über eine Kante und krabbelte zwischen die gefesselten Bäume. Eine Weile blieb sie reglos liegen. Pumpte Luft in die geschundenen Lungen. Ihr ganzer Körper fühlte sich wund an, innen wie außen. Aber noch war sie nicht am Ziel. Ihr Baum wartete. Irgendwo über ihr. Sie konnte ihn riechen. Sein Geruch war unvergleichlich. Herrlich. Die Dryade hätte ihn unter tausenden erkannt.
»Auf!«, befahl sie sich nach einer Weile. »Du hast ein Versprechen zu halten! Ausruhen kannst du später.«


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