Der Fluch des Spielmanns – Leseprobe

Geisterstunde

Sie kamen auch in dieser Nacht.
Wie in den beiden Nächten zuvor wurde Corvin durch die Kälte geweckt, die sich allmählich in der Hütte ausbreitete. Und wie in den zwei Nächten vorher versuchte er, sich einzureden, sie sei nur Einbildung. Eine Folge der Müdigkeit, der Schmerzen in seinem gebrochenen Bein oder im Rücken. Sonst hatte er immer auf der Seite geschlafen, aber das ging mit der Schiene nicht. Es tat weh, wenn er versuchte, sich umzudrehen. Genau genommen tat sein ganzer Körper weh. Trotz der Salben die Vater Gion darauf verstrichen hatte. Es gab also tausend Gründe, nachts wach zu werden. Und die Kälte, sie musste von innen kommen, denn er lag ja unter einer warmen Decke.
Trotzdem blieb die Angst. Mit kalter Hand presste sie ihm Hals und Magen zusammen, während er unverwandt in die Dunkelheit starrte. An die Stelle, an der sie in den vergangenen beiden Nächten erschienen waren.
Jeden Moment erwartete er, dort das grüne Glühen zu sehen, das ihrem Erscheinen vorausging. Gleichzeitig hoffte er wider alle Vernunft, dass es ausbleiben würde. In seinem Innersten wusste er jedoch, dass es kein Entkommen gab.

Der winzige grüne Punkt wurde größer. Das Glimmen breitete sich auf der Hüttenwand aus, nahm an Helligkeit zu, floss wieder zusammen, wurde dichter und formte sich schließlich zu drei Gestalten. Zuerst wurde Pirmin erkennbar. Ihm folgte Hulda, die aus irgendeinem Grund nur das Unterkleid trug, in dem sie im vorletzten Sommer zu ihnen gestoßen war. Es saß so eng und der Stoff war so verschlissen, dass es den schlanken Leib und die hohen Apfelbrüstchen eher betonte als verhüllte.
Zuletzt, beinahe zögernd, schälte sich Seraina aus den Schatten. Sie trug jetzt wieder Frauenkleidung. Ihre Haltung strahlte Würde und wütenden Stolz aus.

Corvin setzte sich auf.
»Geht weg!«, bat er. Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. »Lasst mich!« Warum nur hatte er nicht gerufen, als noch die Möglichkeit bestand?
Die drei schwebten wortlos näher.
Corvin schlug hektisch das Kreuzzeichen, wie Vater Gion es ihm gezeigt hatte. »Ihr könnt mir nichts tun«, keuchte er. »Ihr kommt nicht mal ans Bett. Der alte Mann hat Farn gestreut und Kreuze aufgehängt.«
Pirmin kicherte höhnisch.
»Hokuspokus. Nicht wirksamer als deine Zauberei!«, wisperte Seraina.
Sie schob sich an Pirmin und Hulda vorbei an Corvins Bett. Als sie direkt neben ihm stand, zog sie mit einer aufreizend langsamen Bewegung den Schleier vom Kopf.
Corvin wandte den Blick ab. Er wollte nicht sehen, was darunter zum Vorschein kommen musste. Sie aber griff ihm mit ihrer kalten Hand unters Kinn; zwang ihn, den Kopf zu heben und sie anzusehen.
Er hatte Stoppeln erwartet, wie bei einem Schaf nach der Schur und auf dem Scheitel die blutige Furche, die das Schwert geschlagen hatte. Stattdessen sah er lange, dunkle Locken, die in geisterhaftem Licht schimmerten. Serainas Haare waren so lang, dicht und schwarz, wie damals, als sie sich kennen gelernt hatten. Sie neigte den Kopf und fuhr mit der Hand hindurch. »Siehst du, sie sind alle wieder da!«
Eine Strähne fiel auf Corvins Brust. Ihm war, als krieche kalter Nebel unter seine Decke. Corvin erschauderte.
»Ich trage dir nichts nach«, hauchte Seraina. »Wir alle nicht. Wir wollen dir nichts Böses. Gib uns nur, was uns zusteht!«
Verzweifelt schüttelte Corvin den Kopf. »Ich hab’s euch doch gestern schon gesagt. Es geht nicht. Es tut mir leid, aber es geht nicht!«
Sie seufzte. »Dann war alles umsonst?«
Obwohl ihre Stimme kaum mehr als ein Wispern war, hallten die Worte wie Donner in Corvins Kopf wider. Er wollte ihr entgegenschreien, dass das nicht wahr sei. Dass ihr Opfer sehr wohl etwas bewirkt habe, aber nutzlos sei, wenn sie ihm diesen letzten Gefallen verweigere. Sie, die ihm immer geholfen hatte. Aber seine vor Angst und Kälte klappernden Zähne zerhackten die Worte.
In einer verzweifelten Geste hob er die Hände, um sie anflehen, ihn zu verstehen und ein Einsehen zu haben. Doch aus seinem Hals kam nur ein Wimmern.
Schließlich gelang es ihm, sich Serainas Griff zu entwinden. Er kroch im Bett nach hinten, bis ihm das Kopfteil den Weg abschnitt.
»Bitte«, krächzte er. »Nicht!«
Dieses Mal war es Seraina, die den Kopf schüttelte. »Wir haben dir die Alternativen genannt, Cor. Und wir haben dir Zeit zum Überlegen gegeben. Diese Zeit ist um. Du musst dich entscheiden!« Ihre Stimme klang traurig.
»Ich kann sie euch nicht geben! Bitte, bitte habt doch ein Einsehen!«
Er suchte ihren Blick, suchte in ihren Augen nach Mitgefühl oder Verständnis. Doch Serainas Gesicht blieb unbewegt. Seraina, die für ihn alles aufgegeben hatte, die Frau, die er einst geliebt, die sein Weib gewesen war, blieb hart, kalt und unbewegt.

Schließlich setzte Hulda seinem stummen Betteln ein Ende. Mit einem energischen »Schluss jetzt!« drängte sie sich durch Seraina hindurch und brachte ihr Gesicht so dicht an seines, dass Corvin meinte, ihren Atem auf der Haut zu spüren. »Wir hatten genug Geduld mit dir.«
Wenn nur das verflixte Bein nicht gewesen wäre! So klein, wie die Hütte war, hätte er mit zwei, höchstens drei Sprüngen an der Tür sein können. Andererseits: wohin sollte er schon fliehen? Wo war er denn sicher, wenn sie ihn selbst hierher verfolgten?
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn in der vorletzten Nacht nicht Hals über Kopf geflohen wäre. Wenn er besser auf seine Schritte geachtet hätte. Der Mond war fast voll gewesen. Buttergelb hatte er am Himmel gestanden und sein Licht war so hell, dass Corvin den Eindruck hatte, es wäre sogar warm. Bis die Kälte kam. Und mit der Kälte sie. Da war er in Panik geraten und gerannt, bis sein Fuß in einem Loch oder an einem Stein hängen blieb. Den Sturz erinnerte er kaum, nur das Gefühl grauenvoller Unendlichkeit.

Hulda war jetzt so nahe, dass ihre Nasenspitze fast die seine berührte und ihr Gesicht zu einem hellen Fleck aus Wut und Begierde verschwamm. Sie roch nach Heu und grauer Erde. »Du willst behalten, was du gestohlen hast.«
»Ich habe nicht …«, begann er, aber sie legte ihm einen Finger auf die Lippen und erstickte damit jeden Widerspruch.
»Wir sind nicht hier, um zu streiten. Wir sind hier, um zu beenden, was wir gestern angekündigt haben. Uns fehlen Macht und Mittel, uns Dinge zu nehmen. Also musst du sie herausgeben, oder …«
»Wir haben doch immer geteilt!«, stieß er heraus. »Außerdem brauche ich die Sachen hier!«
Hulda schüttelte den Kopf. »Du versuchst zu verhandeln. Aber es gibt nichts mehr zu verhandeln. Und alles, was wir jetzt noch teilen können, ist das Schicksal!«
Sie legte die Hand auf seine Brust. Hulda hatte immer hübsche kleine Hände gehabt. Kinderhände mit zarten Fingern. Jetzt waren die Finger eisig. Die Kälte grub sich wie Krallen durch Corvins Hemd in seine Haut und sein Fleisch. Er sah Hulda schon seine Brust öffnen und das Herz, sein dampfendes, zuckendes Herz herausreißen, aber da stieß Seraina sie zur Seite.


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