Biss zum letzten Akt – Leseprobe

1. Ouvertüre

Oper! Ausgerechnet.
Silke setzte den Lidstrich so energisch, dass er viel zu dick wurde. Auch das noch! Verärgert griff sie nach einem Abschminktuch. Warum hatten sie nicht einfach ins Kino gehen können? Alles wäre so viel einfacher gewesen. Sie hätte sich die Schminkerei erspart, das Aufbrezeln und die ganzen Vorbereitungen. Sie hätte Detlef nach hinten in die letzte Reihe lotsen können, wo sie im Dunkeln gesessen hätten. Ungesehen, unbeobachtet.
Aber Detlef hatte auf Oper bestanden. »Wir haben etwas zu feiern!«, hatte er sie in seiner großspurigen Art erinnert. »Das tut man doch nicht, indem man ins Kino geht! Schon gar nicht bei so einem Ereignis. Nein, Schatz, Kino ist nun wirklich absolut unangemessen!«
Himmel noch mal! Silke tupfte die letzten Reste des Eyeliners vom Oberlid. Der Typ war zehn Jahre jünger als sie, sah aber 20 Jahre älter aus und war mindestens doppelt so tot. Ein entsetzlicher Spießer!
Sie musterte sich im Spiegel: Das eine Auge war perfekt geschminkt, aber das andere die reine Katastrophe. Ihre Wischaktion hatte dazu geführt, Eyeliner und Lidschatten zu einem breiten, graugrünen Streifen zu verschmieren. Es war wie immer: Eine Komplikation zog die andere nach sich. Immerhin ließ sich diese hier leicht beheben. Wenn sie es schaffte, sich zusammenzureißen, und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren!
Zum Glück blieb noch reichlich Zeit. Silke warf das benutzte Tuch in den Müll und griff zu einem neuen. Sorgfältig entfernte sie auch die letzten Reste von Make-up, bevor sie den Schminkprozess von vorne begann. Mit geübten Bewegungen trug sie erst den hellen, dann den dunklen Lidschatten auf und verblendete beide mit einem Pinsel, bevor sie erneut zum Eyeliner griff.
Vermutlich sollte sie froh sein, Detlef auf den Opernbesuch runtergehandelt zu haben. Ursprünglich waren seine Pläne noch viel weiter gegangen und hatten nicht nur ein Essen im Steigenberger, sondern auch seine Eltern eingeschlossen.
»Nur eine kleine Feier im engsten Familienkreis«, hatte er gesagt. »Und vielleicht ein paar enge Freunde.«
Alleine dafür hätte sie ihm am liebsten den Kopf abgerissen. Statt dessen rang sie sich ein Lächeln ab. »Liebling, glaubst du nicht, dass das für deine Eltern etwas überraschend kommt?«
»Ja, sicher. Aber …«
Sie schüttelte, immer noch lächelnd, den Kopf und legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen, was sie nur äußerst selten tat, weil Detlef es hasste, unterbrochen zu werden. »Wir sollten sie nicht so überfahren, meinst du nicht auch?«, sagte sie in ihrem einschmeichelndsten Tonfall. »Es wäre rücksichtslos. Außerdem haben sie vielleicht auch schon ganz andere Pläne!« Sie ließ ihr Lächeln breiter werden und zwinkerte verschwörerisch. »Und es würde unsere Pläne für den Abend vereiteln.« Sie zwinkerte noch einmal und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. »Ich habe etwas ganz Besonderes geplant.«
Sie hatte gemerkt, wie er sich versteifte. Hatte seinen schneller gehenden Atem gespürt und zufrieden gegrinst. Oh ja. Es würde eine Überraschung für ihn werden. Nur nicht das, an das er gerade dachte.
Das Augenmakeup war fertig. Fehlte nur noch der Lippenstift. Silke wählte einen dunkelroten, der exakt dem Farbton ihres Abendkleids entsprach, unter dessen Saum die ebenfalls roten Highheels fast verschwanden. Eine, mit roten Pailletten besetzte Clutch und ein schwarzer Kaschmirschal vervollständigten das Ensemble und verliehen ihrem Auftritt Drama und Glamour.

Es klingelte. Das Taxi.
Silke schlüpfte in die High Heels, warf sich den Schal über und griff nach der Clutch.
Der Fahrer, ein älterer Mann, sprang aus dem Wagen, um ihr die Tür aufzuhalten. Im Vorbeigehen roch sie sein starkes Eau de Toilette, das vermutlich die darunterliegenden Gerüche von Zigarettenrauch, Schweiß und einem reichlich mit Zwiebeln und Knoblauch gewürzten Mittagessen verdecken sollte. Griechisch oder türkisch vermutlich. Ganz und gar nicht ihr Geschmack. Sie bevorzugte ihr Essen deutlich dezenter gewürzt.
Sie gab dem Fahrer die Adresse und schloss die Augen. Die Sonne stand schon tief, aber die Strahlen kribbelten trotzdem unangenehm auf Silkes Haut. Sie hatte gelernt, es zu ertragen. Trotzdem mied sie das Sonnenlicht, so gut es eben ging und war entsprechend froh, dass die Fahrt nicht lange dauern würde.
Ein sanfter Ruck. Der Wagen fädelte sich in den Verkehr ein. Das Radio dudelte klassische Musik. Die weichgespülten Klänge und der durchdringende Geruch des Fahrers ließen Silke an den Frühlingsball im Palmengarten denken. Das Ereignis, bei dem sie Detlef kennengelernt hatte.

Sie hatte die billigste Karte gekauft. Schließlich kam sie nicht wegen des Essens oder der Shows, sondern allein wegen der Menschen. Hier bot sich genau die Gelegenheit, nach der sie suchte, denn beim Frühlingsball waren sie alle versammelt: die Reichen, die Schönen und die Wichtigen. Vor allem aber die Geltungssüchtigen. Silke hatte eine Art siebten Sinn entwickelt, sie zu erkennen. Einen geschärften Blick für das Detail, der ihr zeigte, bei wem sich die Anstrengung lohnte.
Der Tag war sonnig gewesen, so dass die Dunkelheit geradezu zum Flanieren einlud. Der sich nie ganz verdunkelnde Himmel ließ die Sterne ahnen. Die kühle Luft war gesättigt vom Geruch frisch umgebrochener Erde und sprießendem Grün. Lampions leuchteten in den überwiegend kahlen Beeten; eine Allee aus Lichtern, die wie eine Landebahn auf das hell erleuchtete Gesellschaftshaus zuführte. Walzerklänge, unterlegt mit Stimmengemurmel drangen wie ein leiser Lockruf aus den hohen Fenstern.
Silke lächelte. Sie hatte es nicht eilig. Sie verließ den beleuchteten Weg, streifte durch den Rosengarten, ging am See vorbei und flanierte durch das Palmenhaus. Obwohl der Palmengarten allen Ballbesuchern offen stand, begegneten ihr nur wenige andere Gäste, vorwiegend Liebespaare auf der Suche nach Romantik oder einem geschützten Platz für einen Quickie. Keinen befand sie eines zweiten Blickes würdig.
Im Gesellschaftshaus empfingen sie Wärme und das überwältigende Aroma der feiernden Menge. Noch überwogen die Gerüche von Parfums und Aftershaves, Cremes, Lotions und Haarspray und all den anderen Mittelchen, mit denen Menschen versuchen, ihre Ausdünstungen zu überdecken. Bald aber … Silkes Lächeln vertiefte sich, während sie durch die Menge schritt, gelegentlich nach rechts oder links grüßend, als kenne sie hier irgendjemanden.
Zweieinhalb Stunden, einige Gespräche und mehrere Tänze mit aussichtsreichen Kandidaten später, sah sie Detlef. Ein dicklicher Mann in Armani, der seine Begleiterin trotz ihrer High Heels fast um einen Kopf überragte. Er wirkte fehl am Platz, trotz des teuren Anzugs, der Frau an seiner Seite und den großen Gesten, mit denen er seine Worte untermalte. Er griff ein bisschen zu oft nach der Rolex an seinem Handgelenk. Sein Anzug war einen Tick zu unmodern, um für diesen Anlass gekauft zu sein, wirkte aber fast ungetragen. Ein teures Stück, das nur zu besonderen Gelegenheiten ausgeführt wurde. Silke hätte gemutmaßt, dass er den Ball aus ähnlichen Gründen besuchte, wie sie, wenn das Lächeln der Frau nicht so falsch gewesen wäre, wie ihr Schmuck. Sie beobachtete die Frau genauer. Ihr Beitrag zur Unterhaltung beschränkte sich auf ein gelegentliches Nicken oder Lächeln. Obwohl sie ein volles Sektglas in der Hand hielt, scannten ihre Blicke die Menge, als suche sie nach einem Kellner. Oder nach einer besseren Gelegenheit.
Dass sie trotzdem nicht ging, war aufschlussreich. Zwischen den beiden bestand ganz offenkundig eine rein geschäftliche Beziehung. Ein Umstand, der ihr eigenes Vorhaben erleichtern würde. Sie durfte bloß nicht den Anschein erwecken, diese Beziehung zu durchschauen oder gar zu bedrohen. Nichts leichter als das! Mit einem Freudenschrei rauschte Silke auf den Bistrotisch zu, an dem die beiden standen, wobei sie den Mann vollkommen ignorierte und die ganze Strahlkraft ihres Lächelns der Frau zukommen ließ.
»Hi, das ist aber schön, dass wir uns treffen!«, sprudelte sie heraus. »Sag’ mal, wie lange ist das jetzt her? Lass dich anschauen. Gut siehst du aus!«
Die Reaktion fiel wie erwartet aus. Die Fremde wich unwillkürlich zurück und riss die Augen auf. Es folgten ein unsicheres Lächeln, dann Stirnrunzeln und ein vorsichtig geäußerter Name: »Jenny?«
»Stimmt«, antwortete Silke immer noch strahlend. »Das hätte ich ja nicht gedacht, dass du dich nach all den Jahren noch an meinen Namen erinnerst!«
Fünf Minuten später hatte sich die Andere überzeugt, dass sie in der gleichen Kleinstadt aufgewachsen waren und sich im Sportverein kennengelernt hatten. Leichtatletik. Silke registrierte deutliche Zeichen von Verärgerung, als Marianne begann, Erinnerungen an Trainer, Wettkämpfe und gemeinsame Bekannte auszukramen. Danach war alles Weitere ein Kinderspiel. Sie musste Marianne nur fragen, wer ihr Begleiter sei. Einmal vorgestellt, redete Detlef nur zu gerne über sich und seine Arbeit. Eine Viertelstunde später wusste Silke nicht nur, wo er arbeitete, sondern hatte auch eine Visitenkarte mit seiner Privatnummer.
Sie hauchte Marianne, deren Blick schon wieder glasig geworden war, links und rechts Küsschen auf die Wange, versprach, sich bald zu melden und ging.

Natürlich hatte sie nicht die Absicht, dieses Versprechen zu halten. Marianne war nur Mittel zum Zweck gewesen. Silke hatte es auf Detlef abgesehen. Eine knappe Woche später passte sie ihn vor der Versicherung ab, für die er arbeitete. Scheinbar in die Auslage einer Buchhandlung vertieft, wartete sie ab, bis sie in der Spiegelung der Schaufensterscheibe sah, wie er das Gebäude verließ. Ohne Eile legte sie das Buch beiseite, zog ihr Handy heraus und ging ihm entgegen; alle Sinne auf ihn gerichtet, aber den Blick fest auf das Display geheftet. Sie spürte seinen Versuch auszuweichen, schwenkte um, ignorierte seinen Warnruf und setzte ihren Kollisionskurs fort. Erst, als er sie an der Schulter festhielt, blieb sie stehen und sah auf.
»Entschuldigen Sie bitte!« An seiner Reaktion bemerkte sie, dass sie den richtigen Tonfall getroffen hatte. Sie lächelte. Sah ihn aufmerksamer an, mischte Überraschung und Wiedererkennen in ihren Gesichtsausdruck und setzte hinzu: »Haben wir uns nicht auf dem Frühlingsball getroffen?«
Er nickte. »Jenny, oder?«
»Richtig! Und Sie sind der Verlobte von Marianne. Grüßen Sie sie bitte ganz herzlich!«
Er wurde nicht rot, geriet aber ins Stammeln, als er antwortete, Marianne und er seien nicht und er würde sie wohl auch nicht …
Silkes Lächeln vertiefte sich, während sie sich erneut entschuldigte. »Das geht mich nun wirklich nichts an. Aber in dem Fall …« Sie schwieg einen Moment, dann lachte sie leise, als sei es ihr peinlich. »Vermutlich halten Sie mich jetzt für furchtbar aufdringlich. Aber vielleicht können wir uns einmal auf einen Kaffee … Sie haben mir ja auf dem Ball Ihr Wissen angeboten und ich hätte da tatsächlich eine Frage …«
Er biss sofort an. Zwei Tage nach dem Cafébesuch, bei dem sie darauf bestanden hatte, die Rechnung zu übernehmen, rief er an und lud sie zum Abendessen ein. Die Woche darauf gingen sie ins Kino. Drei Wochen später versuchte er das erste Mal, sie zu küssen. Seit einer Woche sprach er davon, sie endlich seinen Eltern vorzustellen. Gestern hatten sie sich verlobt. Höchste Zeit, ihn loszuwerden.

2. Erster Akt

Silke ignorierte die Blicke, die ihr durch das Foyer folgen. Ihr Auftritt war kalkuliert: Das lange, rote Kleid, der schwarze Schal und die ebenfalls schwarzen, zu einem kinnlangen Bob geschnittenen Haare, die einen dramatischen Kontrast zu ihrer hellen Haut bildeten. Lady in red. Wer sie sah, würde sie in Erinnerung behalten.
Detlef wartete neben dem Treppenaufgang. Die Pünktlichkeit in Person. Präzise, wie die Breitling an seinem Handgelenk. Dabei hatte die Uhr ursprünglich nicht mal ihm gehört, sondern war ein Geschenk von ihr – oder besser gesagt: eine Leihgabe. Eine Geste guten Willens, die sie zurücknehmen würde, so bald sie nicht mehr gebraucht wurde.
»Du siehst bezaubernd aus!«, stellte er fest.
Sie bedankte sich. »Hast du die Karten schon abgeholt?«
Er hatte. Natürlich. Sogar für den Balkon, was, wie er behauptete, viel besser war als das Parkett. Man habe den besseren Blick auf die Bühne und in den Orchestergraben. Ärgerlich sei bloß, dass sich die Sitze in der dritten Reihe befänden. »Es zerstört den Gesamtgenuss, wenn man die ganze Zeit auf den Hinterkopf des Vordermannes starren muss, verstehst du?»
Silke stimmte nur halbherzig zu. Sie konnte schlecht sagen, dass ihr die dritte Reihe immer noch zu weit vorne war, und sie lieber ganz hinten gesessen hätte. Mit dem Rücken zur Wand. Immerhin waren die Sitze direkt am Gang.

Endlich ertönte der dritte Gong. Die Türen wurden geschlossen. Dunkelheit senkte sich über den Saal.

(Ende der Leseprobe)


Cover thump

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Leider ist die Auflistung nicht ganz vollständig. So fehlt z. B. Bookzilla (das ich persönlich immer gerne weiterempfehle, weil jeder Kauf dort die Entwicklung freier Software fördert).

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