Engelszähne

Wusstest du, dass das, was wir hier unten auf der Erde als „Hagel“ bezeichnen, in Wahrheit Engelszähne sind? Nein?

Dann nimm‘ dir etwas zu trinken und höre gut zu!

Natürlich verlieren Engel ihre Zähne nicht so einfach – schon gar nicht in solchen Mengen. Engel haben auch keine Milchzähne, wie kleine Kinder. Das ergäbe ja auch gar keinen Sinn, da sind wir wohl einig. Wir sind uns wohl auch darüber einig, dass man zum Harfe spielen oder um im Himmelschor mitzusingen, einen Körper benötigt. Klar, für einige andere Dinge auch. Sogar als Engel. Aber das lassen wir mal außen vor.

Jedenfalls bekommt jede neu durch das Himmelstor getretene Seele einen Körper, den sie sich nach dem Baukastensystem selbst zusammenbauen darf. So behalten die Engel ihre Individualität, obwohl sie aus Normbauteilen bestehen. Selbstverständlich sind diese Körper perfekt (selbst, wenn sie nicht unbedingt humanoid aussehen, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Schließlich ist im Himmel alles perfekt.

Zu einem perfekten System gehört auch das Recycling von Rohmaterialien. So bald eine Seele den Himmel verlässt, um wiedergeboren zu werden, kommen die Engelskörper daher in die Werkstatt, wo sie auseinandergenommen werden. Die Einzelteile werden anschließend generalüberholt und in Kisten gelagert, damit die neuen Seelen darauf zugreifen können.

Wie man sich vorstellen kann, ist dieses Lager ziemlich groß und die Kisten mit den Zähnen stehen ziemlich weit hinten. Daher kommt es manchmal vor, dass ein schusseliger Transportengel oder eine besonders tollpatschige Seele eine dieser Kisten umschmeißt. Wenn das passiert, hagelt es hier unten Engelszähne. Weisste Bescheid!


Die Geschichte entstand heute spontan auf Twitter als nach einem Synonym für „Hagelkorn“ gesucht wurde. Danke an @ME_Lee_Jonas für die schöne Inspiration!

Die Flut

Ein Märchen

Es war einmal, vor langer Zeit, da lebte ein König in seinem Schloss, hoch über dem Meer. Oft stand er auf den Zinnen des Nordturms, sah hinaus auf die rollende See, zählte die Segel seiner Handelsflotte und der vielen kleinen Fischerboote. An anderen Tagen erfreute er sich vom Südturm aus am Anblick des fruchtbaren Lands zu seinen Füßen. Wälder wechselten sich dort mit Wiesen, Weiden und wohlbestellten Felder. Dazwischen lagen Dörfer und kleine Städte. Der König sah es mit Wohlgefallen.
So vergingen Wochen, Monate und Jahre. Das Land gedieh, das Volk war zufrieden und alles war gut.

Doch dann, eines Tages geschah es, dass die Oberste Seherin vor den König trat und sagte: „Hört mich an, Majestät! Das Reich ist in Gefahr. Die Berechnungen haben ergeben, dass uns eine Flut nie gekannten Ausmaßes droht. Lasst unverzüglich die Deiche erhöhen und die Hafentore schließen.“
Bevor der König antworten konnte, mischte sich sein ältester Sohn, Prinz Beilfried ein. „Es liegt mir fern, an Eurer Weisheit zu zweifeln Hochehrwürdige“, sagte er. „Aber wenn wir jetzt die Hafentore schließen, wird unsere Handelsflotte nicht mehr ausfahren können. Also lasst uns nichts überstürzen, sondern abwarten. Wenn es wirklich so kommt, wie ihr sagt, sind die Tore schnell geschlossen.“
„Auch lassen sich die Deiche nicht so einfach erhöhen“, sprach des Königs älteste Tochter, Prinzessin Irmengarda. „Wo sollten wir den Sand hernehmen und die Arbeitskräfte? Gerade wird jede Hand auf den Feldern gebraucht, um zu pflügen, zu eggen und um die Saat auszbringen!“
„Es wird keine Ernte geben, wenn Ihr nicht handelt“, prophezeite die Oberste Seherin düster. „Das Meer wird sich das Land holen, bis allein der Felsen übrig ist, auf dem dieses Schloss erbaut wurde.“
„Nun übertreibt Ihr aber!“, protestierte Prinz Lodegar, der den Beinamen „der Fromme“ trug. „Der Herr der Meere und die Herrin der Winde sind uns wohlgesonnen, seit wir ihre Namen in Ehren halten und alle Opfer zu den vorgeschriebenen Zeiten erbringen. Nie würden sie uns schaden!“
Der König wiegte sein Haupt und strich sich über seinen Bart. Er wollte weder die Warnung der Obersten Seherin in den Wind schlagen, noch seinen Kindern widersprechen, deren Einwände ihm ebenfalls begründet erschienen.
„Was ziehst du für ein ernstes Gesicht, lieber Vater?“, erklang da die liebliche Stimme von Prinzessin Leontine, seiner jüngsten Tochter. „Dazu noch an einem so schönen Tag wie heute. Stell’ dir vor: Als ich eben in den Hof treten wollte, geriet ich ins Stolpern und noch während ich mich zu fangen versuchte, klatschte neben mir ein Vogelsch…“ Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund, als wolle sie das unfeine Wort zurückdrängen. Dann aber fuhr sie lachend fort: „Man sagt, es bringe Glück, nicht wahr? Aber ich finde, dass ich schon Glück hatte, von dem Batzen nicht getroffen worden zu sein. Meinst du nicht auch? Mein Kleid wäre verdorben gewesen und damit auch der ganze Tag!“ Sie ergriff die altersfleckige Hand des Königs und küsste sie. „Und da mein Tag gerettet ist, ist es deiner auch. Egal, was auch immer diese hässliche alte Krähe dort sagt! Mit deiner Erlaubnis werde ich sie herausbefördern.“ Und ehe der alte König etwas sagen konnte, hatte sich die Prinzessin schon der Obersten Seherin zugewandt. „Schusch!“, machte sie und wedelte mit den Armen. „Mach, dass du wegkommst!“
Nun liebte der König unter all‘ seinen Kindern ausgerechnet seine jüngste Tochter am meisten, auch wenn er diese Zuneigung nicht einmal sich selber eingestand. Sie mochte im Kopf nicht die Hellste sein, aber sie hatte so ein sonniges Gemüt, dass er ihre Unarten oft und gern verzieh. Doch dieses Mal ging ihr Verhalten zu weit, deshalb tadelte er sie scharf und befahl ihr, sich bei der Obersten Seherin zu entschuldigen. Nachdem das geschehen war, ergriff er selber das Wort und bedankte sich bei der Obersten Seherin für ihre frühzeitige Warnung. „Ihr sollt wissen, dass ich dies sehr ernst nehme. Wenn eintrifft, was Ihr sagt, stehen wahrlich schlimme Zeiten bevor! Jedoch kann kein König es sich leisten, nur auf eine Meinung zu hören“, fuhr er fort. „Ihr selber habt gehört, was meine Kinder vorzubringen hatten. Und wenn ich Eure Warnung gegen ihre Einwände abwäge, ist festzustellen, dass es nur eine Stimme für das Schließen der Tore und das Erhöhen der Deiche gibt, hingegen aber vier dagegen.“
„Die kommende Flut sind Mehrheiten egal“, entgegnete die Seherin. „Wenn Euch euer Volk und Euer Land am Herzen liegt, müsst ihr jetzt handeln!“
Doch nichts vermochte, den König umzustimmen. „Ihr habt Eure Pflicht getan und mir Eure Bedenken vorgetragen. Aber es ist an mir zu entscheiden, wie ich mit solchen Warnungen umgehe, Hochehrwürdige.“ Ein harter Ton schlich sich in seine eben noch sanfte Stimme. „Und meine Entscheidung steht fest. Ihr könnt gehen.“

Sieben Wochen später, als schon niemand mehr an die Prophezeiung dachte, stieg die Flut. Drei Tage rollte sie gegen die Deiche und brandete gegen die hastig geschlossenen Hafentore. Als sich das Wasser endlich zurückzog, hatte das Meer ein Viertel des Landes verschlungen.
Nun war die Bestürzung groß. Noch größer aber wurde sie, als die Oberste Seherin erneut vor den Thron trat und sagte, dies sei nicht die eigentliche Katastrophe gewesen. „Ihr müsst die Deiche erhöhen lassen, Majestät!“, mahnte sie eindringlich.
„Wozu den Aufwand?“, widersprach Prinz Beilfried. „Wegen ein bisschen Küste? Was ist denn schon passiert, außer dass paar Steine ins Meer gestürzt sind? So etwas ist in der Vergangenheit passiert und es wird wieder geschehen. Kein Grund, sich deshalb Sorgen zu machen!“
„Das Meer wird sich noch weit höher erheben“, prophezeite die Seherin. „Glaubt mir Majestät: Ihr müsst die Deiche erhöhen. Eure Hafentore sind stark, sie werden widerstehen. Aber das alles nützt nichts, wenn Eure Deiche zu schwach sind. Daher dürft nicht untätig bleiben, sonst wird sich das Meer Euer Land holen, bis nur noch der Felsen übrig bleibt, auf dem Euer Schloss erbaut ist.“
„Deiche lassen sich nicht so einfach erhöhen“, erklärte Prinzessin Irmengarda. „Ich dachte, diesen Punkt hätten wir bereits geklärt! Außerdem haben unsere Deiche bisher immer gehalten – selbst beim großen Sturm vor 100 Jahren. Es gibt wirklich gar keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie auch dieses Mal widerstehen werden.“
Der König wiegte sein Haupt und strich über seinen Bart. Die Worte der Obersten Seherin hatten ihn beunruhigt. Aber sie ging zu weit, ihn so zu bedrängen! Sie hätte ihm die Entscheidung überlassen sollen, was zu tun sei. Alles andere untergrub seine Autorität. Wenn er tat, was sie empfahl, würde es in den Augen seiner Kinder und des Volkes wirken, als hätten ihre Worte ihm Angst eingejagt. Das war nicht falsch, aber als Regent durfte er diese auf keinen Fall zeigen. Er musste die gleiche Gelassenheit und Ruhe ausstrahlen, wie Prinzessin Irmengarda und gleichzeitig entschlossen und tatkräftig wirken. Was also tun?
Noch während er nachdachte, betrat Prinzessin Leontine den Raum. Sie war in Begleitung eines hochgewachsenen, schlanken Mannes, dessen rollender Gang ihn als Seemann auswies. „Das, Papa, ist Kapitän Pequod. Ich habe ihn auf dem Ball neulich kennengelernt und als ich sah, dass die alte Krähe“, sie streckte der Obersten Seherin die Zunge heraus, „wieder da ist, habe ich beschlossen, ihn mitzubringen. Er kann dir sagen, wie es auf dem Meer wirklich aussieht!“
Der Kapitän verbeugte sich schneidig, bevor er zu erzählen begann. Er befehlige einen großen Frachter, der auf der Südroute eingesetzt sei. Den Sturm habe man aufziehen sehen, aber trotz anfänglicher Besorgnis sehr gut überstanden. „Das Wesentliche ist jedoch, dass diese Überschwemmung etwas Einmaliges war“, versicherte er. „Das Meer ist wieder vollkommen friedlich. Es wird keine Fluten wie diese mehr geben.“
Seine Worte erfüllten den König mit großer Erleichterung, auch wenn eine leise Stimme ihm zuflüsterte, dass eine Zufallsbekanntschaft einer seiner Töchter vielleicht nicht der beste Gewährsmann wäre und es daher besser sei, auf die Warnungen und Ratschläge der Obersten Seherin zu hören. Um diese lästige Stimme zum Verstummen zu bringen, aber auch, um allen zu zeigen, dass immer noch er es war, der die Entscheidungen traf, ordnete der König an, dass dennoch Maßnahmen zur Vorsorge getroffen werden sollten. „Die Geschichte lehrt uns, dass es immer wieder zu Fluten kommt“, sprach er gravitätisch. „Daher wäre es fahrlässig uns nicht zu wappnen, wenn wir schon gewarnt werden.“ Andererseits bestehe kein Anlass, die Dinge zu überstürzen, fuhr er fort. Unmittelbare Gefahr drohe nicht, darauf hätten sowohl der Kapitän als auch Prinzessin Irmengarda hingewiesen. Er habe daher beschlossen, eine Kommission einzuberufen. „Sie wird eine Untersuchung der Deiche einleiten und danach entscheiden, in welchem Maße eine Verstärkung notwendig ist und Empfehlungen erarbeiten, in welcher Reihenfolge sie vorgenommen werden sollte.“ So bald die Ergebnisse vorlägen, werde man darüber beraten, welche Mittel dafür bereitgestellt werden müssten, um dann unter Abwägung der anfallenden Kosten zu einer endgültigen Entscheidung zu gelangen.
„Das ist zu spät“, rief die Oberste Seherin. „Viel zu spät! Euch mag das Meer ruhig erscheinen, Majestät, aber ich sage Euch: Die Flut kommt!“

Doch wie schon beim ersten Mal, hörte auch jetzt keiner auf sie. Daher war niemand vorbereitet, als das Meer wieder stieg.
„Noch könnt Ihr etwas unternehmen, Majestät!“, drängte die Seherin. „Lasst Eure Bauern Erde in Säcke füllen und auf die Deichkronen legen. Das wird uns Zeit verschaffen, Mensch und Vieh von der Küste auf die Hügel im Süden zu bringen.“
„Wo kommen wir hin, wenn wir wahllos Löcher graben lassen!“, rief Prinz Beilfried. „Am Ende fällt noch jemand hinein und verletzt sich.“
Auch Prinzessin Irmengarda zeigte sich entsetzt. „Wir können die Menschen nicht einfach von der Küste wegbringen“, erklärte sie. „Sie werden hier gebraucht. Wer soll sich dann um die Felder kümmern? Zudem steht die Schafschur bevor. Wir können es uns nicht leisten, eins davon zu vernachlässigen! Wie soll das Königreich prosperieren, wenn wir keine Wolle für den Handel und kein das Getreide als Nahrung haben?“
Die Oberste Seherin wollte einwenden, dass es kein Königreich mehr geben werde, wenn nicht unverzüglich Maßnahmen getroffen würden, wurde aber sofort von Kapitän Pequot unterbrochen, der darauf hinwies, dass das Meer immer wieder mal steige. „Das nennt sich Tidenhub, Verehrteste!“
Sie sei mit dem Wechsel der Gezeiten vertraut, besten Dank auch, wollte die Oberste Seherin erwidern, wurde jedoch von einer Handbewegung des Königs zum Schweigen gebracht. „Wir sollten uns nicht aus Furcht zu überstürztem Handeln hinreißen lassen“, sagte er. „Die Kommission tut ihre Arbeit. Sie wird zu gegebener Zeit ihre Ergebnisse vorstellen. Bis dahin sind wir alle sicher.“
Damit beendete er die Audienz, denn er war der vielen Stimmen müde. Trotzdem stand er an diesem Tag lange an seinem Ausguck auf dem Nordturm. Das Meer glitzerte blau und silbern zu seinen Füßen. Die Sonne hüllte ihn in wohlige Wärme. Alles war gut. Er hatte entschieden. Sein Herz füllte sich mit Ruhe.
Doch in der Nacht kam erneut Sturm auf. Das aufgewühlte Wasser stieg und hörte nicht auf zu steigen. Drei Tage brandete das Meer gegen die Deiche und schwappte über die Kronen. Am vierten Tag brach es durch. Schlammfluten überrollten die Felder und die panisch gen Süden fliehenden Menschen. Sieben Tage dauerte der Sturm. Als er sich endlich legte, gab es keine Deiche mehr und das Königreich war um ein weiteres Drittel kleiner geworden. Nur die Hauptstadt hatte die Überschwemmung weitgehend unbeschadet überstanden, weil der Hafenmeister vorsorglich die Hafentore geschlossen hatte.

Das Entsetzen im Königreich war groß. Der König rang verzweifelt die Hände, während Prinz Lodegar im Thronsaal auf und ab stolzierte und laut ausrief, das alles sei eine Strafe der Götter dafür, dass man dem Herrn des Meeres und der Göttin des Windes nicht ausreichend gehuldigt habe. „Ein kleines Opfer – wäre das etwa zu viel gewesen? Aber statt sich ihrer Gunst zu versichern, haben wir uns von ihnen abgewandt. Statt uns in ihre Hand zu begeben, haben wir uns abgewandt und wollten Deiche errichten, die sie ausschließen.“ Er stemmte die Hände in die Hüften und blieb vor Prinzessin Irmengard stehen. „Ist es da ein Wunder, dass sie uns dann erst recht ihre Macht spüren lassen?“, fragte er herausfordernd.
„Die Götter sind mir gerade ziemlich egal“, erwiderte sie. „Aber die Wirtschaft! Wie sollen wir noch Handel treiben, nachdem das Meer Land, Vieh und Ernte weggerissen hat?“ Sie seufzte tief. „O Vater, was sollen wir nur tun?“
Der König aber wusste auch keinen Rat.
„Was macht ihr alle für ernste Gesichter“, ertönte da von der Tür her die Stimme der Prinzessin Leontine. „Die Gefahr ist vorbei. Kapitän Pequot hat gesagt, es wird keine weitere Welle mehr kommen! Draußen scheint die Sonne und das Meer glitzert herrlich in der Sonne!“ Sie machte ein paar fröhliche Tanzschritte auf den Thron zu. „Komm mit mir Vater! Und ihr anderen auch! Ihr müsst mit hinauskommen und es selber ansehen, statt hier drinnen Trübsal zu blasen.“

Aber als sich der König erhob, fand er sich der Obersten Seherin gegenüber. Ungehört und ungesehen hatte sie die große Halle betreten; so unbeachtet, dass es schien, als sei sie dem Boden selbst entwachsen. Ihr Haar war wirr. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und ihre Stimme klang rau und brüchig. „Zwei Mal habe ich Euch gewarnt, Majestät!“, sagte sie. „Zwei Mal ist eingetreten, was ich prophezeite. Wollt Ihr dieses Mal auf mich hören? Es ist noch nicht vorbei. Am siebenten Tag von heute an, wird eine weitere Welle kommen und sie wird gewaltiger sein als beide vorher. Daher rate ich Euch: Schickt alles Volk ins Landesinnere auf die Hügel! Lasst sie das Vieh mitnehmen und Boote. Von ihrem Besitz so viel, wie sie tragen können, doch keine Wagen, denn dafür wird der Platz nicht reichen. Die Stärksten und schnellsten aber sollen aus den Häusern und allem, was darin ist Wälle bauen und Wurten aufschütten. So werdet ihr vielleicht nicht euer Land, aber wenigstens das Volk retten und könnt einen Neuanfang wagen, wenn das Wasser gefallen ist.“ Ihre Stimme brach.
Augenblicklich begannen die Prinzen und Prinzessinnen zu reden.
„Was ist das für ein Unsinn?“, verlangte Prinz Beilfried zu wissen. „Boote ins Landesinnere! Wer hat davon schon einmal gehört?“
„Mensch und Vieh auf die Hügel?“, empörte sich Prinzessin Irmengarda. „Bei aller Ehrbietung Hochehrwürdige, aber das ist ausgeschlossen! Sie werden auch das letzte bisschen Saat zertrampeln.“
„Und wofür? Das ist doch alles Panikmache!“, erklärte Prinzessin Leontine. „Kapitän Peyquot hat genau dargelegt, dass das Meer nicht mehr steigen wird!“
Prinz Lodegar nickte eifrig. „Genau so sehe ich es auch und dafür sollten wir dem Herr des Meeres und der Herrin der Winde Dankbarkeit zeigen. Da trifft es sich gut, dass in genau sieben Tagen das Opferfest ist. Statt das Volk in die Hügel zu bringen, wo es nur alles zerstört, sollten wir dazu aufrufen, an diesem Tag besonders zahlreich an den Strand zu gehen. Nichts verbindet mehr als die Riten. Nichts entschädigt mehr für die Verluste und nichts wird die Götter mehr besänftigen als diese Bestätigung unseres tiefen Glaubens und unserer Verehrung.“
„So schließt wenigstens die Hafentore“, sagte die Oberste Seherin matt. „Vielleicht rettet Ihr dann mit etwas Glück wenigstens noch die Hauptstadt.“
„Die Hafentore schließen?“, schrie Prinzessin Irmengarda entsetzt. „Die Läger sind voll und der Handel ist das Einzige, was uns in unserer Lage noch bleibt.“
„Keinesfalls können wir die Tore schließen“, bestätigte Prinzessin Leontine. „Kapitän Pequot hat heute Morgen Segel gesetzt und wird in sieben Tagen zurückkehren. Auf keinen Fall lasse ich zu, dass er auf dem offenen Meer Anker werfen muss!“
„Ich kann euch nur sagen, was ich gesehen habe“, erwiderte die Oberste Seherin. „Es bleibt Euch überlassen, daraus Schlüsse für Euer Handeln zu ziehen, doch wahrlich, ich sage Euch: Wenn ihr so handelt, wie beabsichtigt, wird von Euch allen nichts bleiben als blanke Knochen. Euer Schloss wird noch eine Weile über dem Meer aufragen. Doch mit der Zeit wird es ebenso zerfallen wie Euer Reich und seine bröckelnden Mauern werden nur noch den Möwen als Wohnsitz dienen. Ihre Schreie werden zwischen den Mauern hallen wie die Schreie derer, die durch Euer Zaudern ertrunken sind.“ Sie warf sich die Kapuze über und schlurfte aus dem Saal.
„Und wenn wir die Tore nur ein Stück weit schließen?“, rief der König ihr nach. „Und fleißig messen?“
Doch er erhielt keine Antwort.

Nachdem die Oberste Seherin den Saal verlassen hatte, begab sie sich zum Hafen, wo sie ein Boot bestieg, das sie in ein fernes Land brachte, in dem sie noch viele Jahre glücklich lebte.
Dem König und seinen Kindern aber war weniger Glück beschieden. Sieben Tage nach Abreise der Obersten Seherin brach die Flut nachts donnernd über das Land herein. Eine Weile hörte man oben im Schloss noch die Schreie der ertrinkenden Menschen und das Brüllen des Viehs. Als sie verstummten, füllten nur das Brausen des Windes und das Tosen der Wogen die Dunkelheit.
Dann folgte Stille. Schwer wie ein bleiernes Tuch lag sie über dem Schloss. Sie erstickte das Schluchzen der Bewohner, die einige Tage, wie hohläugige Geister durch die Räume irrten, bis sie sich, von Durst und Hunger entkräftet, hinlegten, um nie wieder aufzustehen.

So erfüllte sich die Weissagung der Seherin. Noch heute steht das Schloss oben auf dem Felsen, hoch über dem Meer. Es ist schwer zu erkennen, denn seine Mauern sind längst zerfallen. Nur Wind und Möwen hausen dort – aber die Fischer, die sich wieder in diese Gegend wagen, schwören, gelegentlich die Geister der Ertrunkenen schreien zu hören.

Klippen im Meer
Photo by Valeriia Miller on Pexels.com

Kürbisgemetzel

Wir haben Oktober. Halloween steht vor der Tür. Zeit für den uralten Brauch, die Kürbisse zu schlachten!

Na gut, so alt nun auch wieder nicht. Jedenfalls nicht bei uns in Deutschland. Hier gibt es zwar einige Bräuche zu Allerseelen (d. h. dem 1. November), zu denen auch gehört, den Toten eine Kerze aufs Grab zu stellen, aber Kürbisse gehören ursprünglich überhaupt nicht hierher. Der kam erst über einen Umweg aus Irland zu uns.

Auch in Irland gab es den Brauch, an all Hallows eve eine Laterne für die toten Seelen aufzustellen. Der Legende nach schnitzten die armen Leute ihre Laternen aus Rüben, weil die billig waren (Wir reden hier über das 18./19. Jahrhundert und wenn es damals schon Kürbisse in Irland gab, dann nur als teure Importe.).
In der Zeit wanderten aber auch viele Iren aus. Im Zuge dieser Auswanderung kam der Brauch nach Amerika und dort begegneten die Ausgewanderten dem Kürbis. Sie entdeckten schnell, dass sich Kürbisse viel besser zu Laternen eignen, weil sie größer und standfester sind. Außerdem ist das weiche Innere schnell rausgekratzt.
Nach Deutschland kamen Halloween und der inzwischen dazugehörende Kürbis aber erst mit den Familien der hier nach dem zweiten Weltkrieg stationierten Soldaten. Den großen Durchbruch erreichte Halloween aber erst, als der Einzelhandel entdeckte, dass sich mit Kostümen, Halloweenartikeln, Halloweenkochbüchern u. s. w. richtig Geld machen lässt.

Nein, das wird keine Kapitalismuskritik, keine Sorge. Ich mag Kürbisse. Außerdem befinden wir uns noch immer im IndieBuchtober, d. h. auch heute stelle ich wieder ein Indie-Buch vor.

Dieses Mal ist es das Kürbisgemetzel der Münchner Schreiberlinge, eine Anthologie, in der sich alles um Spuk und Grusel dreht und wo in jeder Geschichte ein Kürbis auftaucht.

Anders, als der Titel suggeriert, werden nicht alle gemetzelt. Manche überleben. So z. B. das sehr schwatzhafte Gemüse aus der Auftaktgeschichte.

Kürbisgemetzel ist ein sehr schönes Buch für lange Herbstabende. Selbst, wenn man Kürbissen kulinarisch nichts abgewinnen kann.



Alle Aufgaben der IndieBuchtober Challenge auf einen Blick
:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Werwölfe bei Neumond
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbisgemetzel
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.Der Herbst, der Herbst,
der Herbst ist da
26.10.Buch und Schal
12.10.Heißes für die kalte Zeit27.10.schwarz und orage
13.10.Nun schlägt es dreizehn28.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichte29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

Werwölfe bei Neumond

Am 16. Tag des IndieBuchtobers, der Indie-Buch-Challenge, stehen Werwölfe auf dem Plan.

Werwölfe, das sind doch diese schrecklichen, haarigen Biester … Ach nein, pardon, ich verwechsle da gerade etwas. Der Text der Ärzte bezog sich ausschließlich auf Männer. Selbstverständlich können auch Frauen Werwölfe sein und sich zu gegebener Zeit in Werwölfe verwandeln. Im Licht des Vollmonds bricht ihre animalische Natur hervor und lässt sie zu blutrünstigen Killern werden.

Ärgerlich nur, wenn just in dem Moment ein Wolkenfetzen den Mond verhüllt und die Rückverwandlung einsetzt. Ich stelle mir das jedenfalls sehr lästig vor. Aber heute Nacht ist sowieso Neumond. Wenn also stimmt, was man sich erzählt,* dann sind wir heute daher so sicher, wie es nur irgendwie geht.

Wenn du jetzt aber Blut geleckt hast und dich trotzdem mit Werwölfen gruseln möchtest, habe ich das passende Buch für dich: Werwölfe in Aremsrath von Tanja Hanika.

1873 – Nachdem seine Familie von einem Werwolf getötet wurde, zieht es Paul zu seinem Onkel nach Aremsrath in die Eifel, wo er seine eigene Apotheke eröffnen möchte. Dort hilft er der Bürgerwehr im Kampf und Doktor Moriensius bei der Suche nach einem Heilmittel gegen die Werwolfplage.

Minna ist ihm im Kampf gegen die Werwölfe eine besondere Hilfe und ein Lichtblick, während das Misstrauen der Menschen untereinander wächst.

Ein Schauerroman, in dem die menschlichen Abgründe nicht weniger Gefahr verheißen, als die Werwölfe selbst.

So viel zum Klappentext. Was mir beim Lesen gut gefallen hat, ist der Sprachstil. Er passt hervorragend zum zeitlichen Rahmen der Geschichte und vermittelt gerade am Anfang eine trügerische Sanftheit. Denn natürlich wird es blutig.


*Es gibt ältere Quellen, die nahe legen, dass Vollmond und Werwölfe genauso zusammenhängen, wie Wolfsgeheul und Vollmond – nämlich gar nicht. Aber das ist ein schönes Thema für einen eigenen Blogartikel. Den schreibe ich dann, wenn mein Werwolfwestern endlich veröffentlichungsreif ist.


Alle Aufgaben der IndieBuchtober Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Buch mit Werwölfen
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbis
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.Der Herbst, der Herbst,
der Herbst ist da
26.10.Buch und Schal
12.10.Heißes für die kalte Zeit27.10.schwarz und orage
13.10.Nun schlägt es dreizehn28.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichte29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

[Werkstattbericht] – Eine Religion entsteht

Wie ich vor ein paar Tagen schon auf Twitter gemutmaßt habe, wird das Schreiben dieses Mal noch ein bisschen länger dauern. Meine nächste Geschichte möchte nämlich ein Roman werden.

Sorry dafür, es war anders geplant.

Die Liebesgeschichte hatte ich ja noch kommen sehen. Aber dass die Backstory so viel Raum fordern würde … Aktuell beschäftigt mich die Religionsgeschichte von Hesbaan.
Ja, du hast richtig gehört: Religionsgeschichte. Auch Religionen sind keine starren, monolitischen Gebilde, auch wenn manch religiöse Fanatiker es gern anders hätte. Daher ist es vielleicht kein Wunder, dass mir, als ich einen Propheten brauchte, sofort der Name Dafuq al Banejid einfiel.
Mir ist noch nicht ganz klar, ob das nicht vielleicht zu offensichtlich ist. Aber, wenn man es unbefangen liest … Nö. Oder?

Nike in Flammen
Bild: Elenor Avelle

Prinzessinnen und Bauerntöchter

 

Wenn ich an Märchen denke, fallen mir als erstes immer Prinzessinnen ein, die irgendwann standesgemäß von Prinzen auf weißen Rössern umworben werden, um dann in einer goldenen Kutsche in eine rosarote Zukunft zu entschwinden. Und wenn sie nicht gestorben sind …

Dabei – den letzten Satz kenne ich eigentlich nur von Disney. Oder wisst ihr ein Grimm’sches Märchen, das so endet? Und ist euch mal aufgefallen, wie viele Protagonistinnen in den Märchen gar keine Prinzessinnen sind, sondern Müllers-, Kaufmanns- oder Bauerntöchter?
Ich glaube, darüber sollte ich auch mal bloggen. Aber erst mal die Frage, wegen der ihr vermutlich hier gelandet seid. Auch hier geht es um eine Bauerntochter. Um eine besonders gewitzte sogar. Und das ist die Frage:

In was lässt sich die kluge Bauerntochter zum Königsschloss transportieren?

Viel Spaß beim Rätseln und viel Glück bei eurer Suche!

Diese Frage gehört zur großen Märchensommer Märchenrallye, bei der ihr ein märchenhaftes Paket gewinnen könnt. Den Start der Märchenrallye findet ihr auf der Märchenspinnerei (http://maerchenspinner.layeredmind.de/news/maerchenrallye/).“

Banner Märchenralley
Bildquelle: Janna Ruth, Märchenspinnerei

[Märchen] Der Fischer und die Nixe

Inspiriert von dem Märchen „Die Sirenen“ von BlueSiren habe ich in den Kurzgeschichten aus meiner Anfangszeit gewühlt und tatsächlich die Geschichte vom Fischer und der Nixe wiedergefunden, die noch aus meiner Fanfictionzeit stammt. Ursprünglich war sie an der Küste Gondors angesiedelt.

Aber da der Stil genauso schwülstig war, wie befürchtet, habe ich ihr kurzerhand einen neuen Handlungsort verpasst, den es hoffentlich noch nicht gibt.

Jetzt aber Schluss mit dem Vorgeplänkel. Viel Spaß beim Lesen!

Der Fischer und die Nixe (Sweek Version)Der Fischer und die Nixe

Vor langer Zeit lebte ein junger Fischer an der Küste von Gorem. Er war so arm, dass er sich nicht einmal ein Boot leisten konnte. So blieb ihm nichts, als längs des Strandes zu fischen. Von Morgens früh, bis nach Sonnenuntergang warf er sein Netz aus, doch oft genug war der Fang so gering, dass er gerade selbst davon satt wurde. Dennoch bewahrte sich der Fischer sein freundliches Wesen, denn er liebte den Strand und das Meer. Selbst die harte Arbeit gefiel ihm, zumal er lieber sein eigener Herr war, als eines anderen Knecht.

Doch eines Tages blieb sein Netz leer, als seien alle Fische aus der Bucht verschwunden. Auch am nächsten Tag fing er nichts als Tang und leere Muschelschalen. Am dritten ging es genauso. Nach vier Tagen hatte er seine letzten Vorräte aufgezehrt. Doch auch am fünften und sechsten Tag blieben seine Mühen vergeblich. Im gleichen Maß, wie der Hunger wuchs, wuchs auch seine Verzweiflung, denn das Einzige, das er gegen einen Kanten Brot verpfänden konnte, war sein Netze – aber das zu verpfänden hieß, sich seiner Lebensgrundlage zu berauben.

Als die Sonne am Abend des siebten Tages den Horizont berührte, schien sein Schicksal besiegelt. Wieder hatte er nicht einen einzigen Fisch gefangen. Hunger und Erschöpfung ließen ihn taumeln. Wenn er auch an diesem Abend nichts zu Essen bekam, würde ihm am nächsten Morgen die Kraft fehlen, das schwere Netz noch einmal auszuwerfen.
„Einmal noch“, schwor er sich. Einmal noch wollte er es versuchen, bevor er sich in das Unvermeidliche schickte. Er blickte auf das, wie Blut und flüssiges Gold schimmernde Meer und schickte ein stummes Gebet an die Götter, bevor er mit letzter Kraft das Netz auswarf.

Schon beim Loslassen erkannte er, dass der Wurf nichts taugte. Seine Arme waren zu schwer und er selbst zu müde, um dem Netz den richtigen Schwung zu geben. Nur halb entfaltet und nur wenige Meter von seinen Füßen entfernt klatschte es in die Fluten.

Tränen der Verzweiflung brannten in seinen Augen, als er es wieder einholte. Es war zu spät. Schon war die schnell sinkende Sonne nicht mehr, als ein dünner Bogen über dem Wasser. Bald würde die Dunkelheit kommen und mit ihr die Geschöpfe der Nacht, die jeder Mensch fürchtete. Wehe dem, der dann im Freien war!

In diesem Augenblick sah er in den Maschen etwas blitzen. Nicht den silbrigen Glanz von Fischschuppen, sondern ein goldenes Funkeln. Der Fischer dachte zuerst, das schwindende Licht und die tief stehende Sonne würden ihn narren. Doch das Glitzern blieb, wurde sogar stärker, je näher er sein Netz an sich zog.

Mit zitternden Fingern löste er seinen Fang aus den Maschen gelöst hatte und den Tang, der sich darumgewickelt hatte. Als er endlich fertig war, hielt er einen aus Gold getriebener Kamm in den schwieligen Händen, wundervoll gearbeitet und graviert und über und über mit Perlen und Edelsteinen besetzt. Nie in seinem Leben hatte er etwas annähernd Schönes und Kostbares gesehen.

Lange betrachtete er diesen Fund und konnte sich gar nicht satt sehen am Glanz des Goldes, dem weichen Schimmer der Perlen und dem Gleißen der Juwelen. Erst das Knurren seines Magens erinnerte ihn schließlich daran, dass er diesen Fang nicht für sich behalten konnte.

Schweren Herzens stand er auf und wollte sich gerade auf den Weg in die Stadt machen, als ihm ein neuer Gedanke kam. Er konnte nicht einfach auf den Markt gehen und den Kamm verkaufen! Niemand würde ihm glauben, dass er einen solchen Schatz aus dem Meer gefischt hatte. Schon gar nicht an dieser Stelle, so dicht am Ufer. Statt dessen würde man glauben, er habe den Kamm gestohlen. Ins Gefängnis würde man ihn werfen und ihn dort verrotten lassen – ohne die Möglichkeit, je seine Unschuld zu beweisen.

Erneut schossen ihm die Tränen in die Augen und er verfluchte die Götter, die so grausame Scherze mit ihm trieben. Jetzt war er reich, aber er konnte mit diesem Reichtum nichts anfangen. Nicht einmal reden durfte er davon.

Bis spät in die Nacht saß der Fischer neben seinem Netz. Unfähig sich zu rühren, unfähig eine Entscheidung zu treffen. Dann, Mitternacht war lange vorbei, drang plötzlich ein Klagelaut an sein Ohr. Die Verzweiflung die darin lag, war noch größer, als jene, die der Fischer fühlte.

Wieder und wieder erklang das Klagen, bis der Fischer aufstand und dem Geräusch nachging. Was machte es schon, wenn er am Ende auf eine Meerfrau, einen Meerlöwen oder eines jener anderen Wesen stieß, vor denen die Alten warnten? Er hatte nichts zu verlieren. Sollten sie ihn doch fressen!

Als er die Klippen am Rande der Bucht erreichte, fand schließlich die Quelle des Klagens. Ein junges Mädchen, so schien es, lag ganz unten am Fuß der Klippen und weinte bitterlich. Der Fischer trat näher und sah, dass er sich getäuscht hatte. Sie war kein menschliches Wesen, sondern eines jener Meerweiber, von denen es hieß, sie zögen die, die sich zu weit aufs Meer hinauswagten, zu sich hinab in die finsteren Tiefen. Hässlich, seien sie, hieß es weiter. Grünhaarig, fett und fahlhäutig, mit glotzenden Gesichtern und Mäulern, die vor spitzen Zähnen starrten. Die grünen Haare stimmten. Sie bedeckten den größten Teil des schlanken, milchweiß schimmernden Leibes, der beim Weinen zuckte. Unter diesem Vorhang schimmerten ein goldener, perlenbesetzter Gürtel und Ketten, ebenfalls aus Gold und Perlen.

Der Fischer empfand großes Mitleid mit ihr, auch wenn es ihn wunderte, wie ein so anmutiges und reiches Geschöpf solchen Kummer haben konnte. Gleichzeitig überkam ihn Angst, was sie anstellen würde, wenn sie seiner ansichtig wurde. Daher dauerte es einige Zeit, bis er sich ein Herz fasste und sie ansprach.

Die Meerfrau fuhr empor und starrte ihn aus großen erschrockenen Augen an. Ihr Gesicht hatte nichts mit den schaurigen Märchen der Alten zu tun. Es war wunderschön, selbst in diesem Augenblick, wo es nichts als den Ausdruck blanken Entsetzens zeigte.

„Hab keine Angst“, sagte der Fischer, der mit einem Mal nichts mehr fürchtete, als dass sie in ihr nasses Element stürzen und für immer zu verschwinden könne. Er sprach weiter auf sie ein, sagte, er habe ihr Weinen gehört und versprach zu helfen, so weit es irgendwie in seiner Macht stünde, bis sie schließlich Vertrauen fasste.

„Ich bin Mereja, die jüngste Tochter des Meerkönigs“, erzählte sie und ihre Stimme klang wie Musik in den Ohren des jungen Mannes. „Heute bin ich das erste Mal allein ausgeschwommen, weil ich so gerne sehen wollte, wie die Sonne versinkt. Es herrscht dann ein besonderes unter der Oberfläche.“ Ihr Gesicht leuchtete auf, als sie das sagte, doch im nächsten Moment fing sie wieder an, zu weinen. „Auf diesem Ausflug habe ich meinen Kamm verloren, ein kostbares Erbstück und nun traue ich mich nicht, zum Palast zurück zu kehren und meinem Vater unter die Augen zu treten.“

Da lächelte der Fischer und zog den Kamm aus der Tasche, in der er sonst seine Fische verwahrte. „Ist es dieser hier?“, fragte er.

Sie nickte unter Tränen und fragte, wie er daran gekommen sei.

Er erzählte seine Geschichte und gab ihr den Kamm, obwohl es ihn bitter schmerzte, auch diesen Fang zu verlieren. Doch als ob die Meerprinzessin seine Gedanken erraten hätte, lächelte sie und sagte, er solle die Hoffnung nicht aufgeben, sondern bei Tagesanbruch seine Netze an gewohnter Stelle auswerfen. Dann sprang sie hinab ins Wasser, und mit einem letzten Winken war sie verschwunden.

Der Fischer befolgte ihren Rat und wirklich: Obwohl er kaum noch die Kraft hatte, sein Netz richtig auszuwerfen, war es beim Einholen voller Fische. Anders als sonst, zappelten auch viele Barle und andere große Fische darin, die er auf dem Markt mit guten Gewinn verkaufen konnte.

So ging es von nun an alle Tage. Der Fischer brauchte sein Netz nur noch einmal am Tag auszuwerfen und was er fing, reichte nicht nur um satt zu werden. Es blieben immer genug Fische, um sie auf den Markt zu tragen. Mit der Zeit gelangte er sogar zu einigem Wohlstand, auch wenn er nie reich wurde.
Die anderen Fischer tuschelten über diesen Wohlstand, dessen Quelle ihnen unheimlich war. Noch unheimlicher aber fanden sie die seltsamen Angewohnheit, nachts am Strand spazieren zu gehen und im Meer zu schwimmen.
„Was sucht er dort?“, tuschelten sie und: „Kennt er denn gar keine Furcht?“
Aber sie errieten es nie. Und als er eines Tages nicht mehr zurückkehrte, sahen sie es als Bestätigung, dass die alten Geschichten stimmten und der Nacht nicht zu trauen war.

Der Fischer und die Meerprinzessin hätten eine andere Geschichte erzählen können. Aber sie sahen keinen Grund, je wieder zurückzukehren.


Die Geschichte darf  gerne geteilt werden, so lange ich als Autorin genannt werde. Änderungen und Bearbeitungen bedürfen meiner vorherigen Zustimmung.

Tag 6 bei #wirsindtraumfaenger – Erzähle eine inspirierende Geschichte

Das ist eine der Aufgaben, die sich definitiv besser für’s Blog eignet, als für Twitter mit seiner Zeichenbeschränkung und Instagram mit der Fotofixierung und dem unbequemen Handling.

Eine Geschichte, die ich persönlich sehr inspirierend finde, ist die von Glück und Unglück des Pferdezüchters. Ich habe sie von meiner Schwester, die einige Zeit in China gelebt und gearbeitet hat. Dort kursiert sie als Märchen. Ich habe sie hier mit eigenen Worten nacherzählt.

Die Geschichte vom Pferdezüchter

Es war einmal ein Mann, der züchtete Pferde. Eines Tages lief ihm seine wertvollste Zuchtstute davon.
„Welch ein Unglück!“, schrien die Leute.
„Nun, man wird sehen“, sagte er.

Ein paar Wochen später gelang es, tauchte das Pferd wieder auf und es stellte sich heraus, dass die Stute trächtig war.
„Hast du ein Glück!“, riefen die Leute.
„Nun, man wird sehen“, sagte der Mann.

Das Fohlen wuchs zu einem prächtigen Junghengst heran und eines Tages bekam der Sohn des Pferdezüchters Lust, das Tier zu reiten. Der noch nicht an Zaum und Sattel gewöhnte Hengst warf den Jungen ab. Der Junge brach sich das Bein, der Bruch heilte nicht richtig, so dass der Junge fortan hinkte.
„Welch ein Unglück!“, schrien die Leute.
„Nun, man wird sehen“, sagte der Mann.

Zwei Jahre später gab es Krieg. Alle jungen Männer des Landstrichs wurden eingezogen und die meisten von ihnen starben. Nur den Krüppel, den wollte keiner und so kam es, das er als einziger aus dem Dorf überlebte.

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Quelle: Open ClipArt-Vectors via Pixabay

Die Geschichte entspricht natürlich gar nicht den europäischen Erzähltraditionen. Sie hat keinen Höhepunkt, keine Zentralfigur und auch kein richtiges Ende. Was mich daran fasziniert, sind die raschen Wechsel einerseits, aber vor allem, dass das Unglück immer den Kern für das folgende Glück in sich birgt und umgekehrt.
Das ist etwas, das mich auch zu meinen eigenen Werken inspiriert: Zu zeigen, dass es nicht das absolute Glück oder Unglück gibt, genauso wenig, wie das absolut Gute oder Böse. Dass guter Wille zu schlimmen Folgen führen kann und großes Unglück auf der anderen Seite auch neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet.


#wirsindtraumfaenger ist eine von Annika Bühnemann ausgerufene Challenge, die sich vor allem an Leser und Autoren wendet.

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Realistische Vampire (1): Wie wird man eigentlich Vampir?

An der Überschrift für diesen Artikel habe ich lange überlegt. Ursprünglich wollte ich ihn mit Fantasy und Realismus überschreiben, aber das hätte auf eine grundsätzlichen Auseinandersetzung hingedeutet, die ich an dieser Stelle nicht führen wollte. Hier sollte es wirklich in erster Linie um realistische Vampire gehen.

Warum mir das wichtig ist? Der Anlass ist natürlich, dass ich gerade selber über Vampire schreibe. Da bleibt es nicht aus, dass man sich ein paar Gedanken macht.
Um es vorab zu sagen: Ich finde supersexy, superstarke, superschnelle Charaktere totlangweilig. Erst recht, wenn sie auch noch reich und mächtig sind und außergewöhnliche Fähigkeiten, wie Telepathie, Gedankenkontrolle und ähnliches besitzen. Dummerweise trifft all‘ das auf moderne Vampire zu.
Dracula hatte zwar schon einen hohen Glamourfaktor, aber immerhin glitzerte er nicht in der Sonne, sondern verbrannte. Außerdem war er der Antagonist – und Antagonisten verzeiht man gerne ein paar Sonderfähigkeiten, weil sie den Helden am Ende um so heroischer aussehen lassen.

Aber wenn mich etwas an einem literarischen Helden antörnt, dann ist das nicht seine Überlegenheit, sondern die Art, wie er mit seinen Schwächen umgeht. Das gleiche gilt selbstverständlich für Heldinnen.
Als ich beschloss, über Vampire zu schreiben, war es daher logisch, zuerst über mögliche Schwächen nachzudenken. Das brachte mich auf die Frage, wie man zum Vampir wird.
Bei Dracula geschieht das, indem der Graf das Opfer dreimal beißt und ihm dann sein eigenes Blut verabreicht. Diese Blutspende hat sich als Topos teilweise bis in die Neuzeit erhalten, aber ehrlich gesagt, überzeugt mich dieser Übertragungsweg nicht.

Im 19. Jahrhundert, als sich gerade die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass Krankheiten nicht auf einem Ungleichgewicht von „Körpersäften“ basierten, mag so eine Erklärung noch logisch geklungen haben. Aber der menschliche Verdauungstrakt ist erstaunlich robust. Mit ein bisschen Blut wird er problemlos fertig.
Da Vampirismus aber nun mal ansteckend zu sein scheint, wäre eine Übertragung durch ein Virus eine logische Erklärung. Nur nicht durch den Magen-Darm-Trakt, sondern durch eine Infektion der Wunde. Wenn sich das Virus im Speichel befindet, gerät beim Biss automatisch in die Blutbahn.
Allerdings ergäbe es wirklich keinen Sinn, wenn jeder Gebissene zum Vampir werden würde. Damit entzöge es seinem Wirt auf Dauer die Existenzgrundlage. Einfacher ausgedrückt: Wenn alle zum Vampir werden, gibt es irgendwann keine Menschen mehr. Die Nahrung stirbt aus.
Also muss das Immunsystem gewinnen. Meistens jedenfalls.

Die Blutspende ergibt trotzdem einen Sinn. Welchen, verrate ich ein anderes Mal.


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Teil 2: Was macht (meine) Vampire aus?
Teil 3: Die Ernährungsfrage
Teil 4: Das Gebiss
Teil 5: Sozialstukturen


Cover thumpSie will nicht nur dein Blut! Silke hat ganz andere Interessen. Dazu braucht sie den richtigen Mann – wenn auch nicht aus den üblichen Gründen.

Biss zum letzten Akt gibt es als Print und als E-Book überall dort, wo es gute Bücher gibt.

Vorab eine Leseprobe gefällig? Dann bitte hier entlang!

Nachzehrer – Wenn die Toten Hunger haben

b1Foto via Pixabay

Heute möchte ich ein Wesen vorstellen, das heute kaum noch jemand kennt, obwohl es großartige Voraussetzungen für eine Horrorfigur mitbringt: Den Nachzehrer. Nachzehrer sind in gewisser Weise so etwas wie die westliche Variante des Vampirs. Auch sie sind Untote, die sich von der Lebensenergie anderer ernähren.

Anders als Vampire entstehen Nachzehrer jedoch nicht durch einen Biss, sondern durch mangelnde Sorgfalt bei der Beerdigung. Wenn man die Leiche in den Sarg legte, musste man unbedingt darauf achten, dass nicht etwa einen Zipfel des Kragens oder Leichentuchs den Mund der Leiche berührte. Geschah dies doch, konnte es nämlich passieren, dass der Zipfel in den Mund rutschte und der Leichnam daran zu kauen begann. Er fraß dann zuerst das Tuch oder das Hemd. Wenn es ganz verzehrt war, begann er, Kraft aus seiner Umgebung zu saugen, was man durch Schmatzen aus dem Grab heraus erkennen konnte.

Um zu verhindern, dass ein Toter zum Nachzehrer wurde, bediente man sich verschiedener Methoden. In einigen Gegenden wurde ihm ein Blatt Papier unter’s Kinn gelegt. Vielleicht rührt auch das noch heute praktizierte Hochbinden des Kiefers ursprünglich daher (und hat nicht nur ästhetische Gründe).
War jemand nämlich zum Nachzehrer geworden, halfen nur drastische Mittel, ihn aufzuhalten. Man schlug den Leichen z. B. den Kopf ab, rammte ihnen Steine in den Mund, Pflöcke ins Herz, zerstückelte oder verbrannte sie. Alles Maßnahmen, die im krassen Gegensatz zum christlichen Glauben stehen, wonach ein Leichnam für die Auferstehung beim jüngsten Gericht unbeschädigt bleiben muss. Entsprechend traumatisch muss es für die Hinterbliebenen gewesen sein, wenn sich ein Verstorbener als Nachzehrer entpuppte.
Andererseits galt es als absolut unumgänglich, den Nachzehrer aufzuhalten, weil er sonst ganze Dörfer auslöschen konnte.

Eine interessante Variante dieses Glaubens findet sich in kaschubischen Legenden. Dort erzählte man sich nämlich, dass Kinder, die mit einer „Mütze“ zur Welt kommen, automatisch zu Nachzehrern würden, wenn man diese „Mütze“ nicht trocknete, verbrannte und den Kindern binnen sechs Wochen nach der Geburt die mit Muttermilch vermischte Asche einflößt.
Diese Sage ist nicht nur deshalb interessant, weil die „Mütze“ in anderen Gebieten als besonders glücksbringendes Zeichen gilt und deshalb auch als Glückshaube bekannt ist (tatsächlich handelt es sich um in Stück von der Fruchtblase). Ein weiterer Aspekt ist, dass die kaschubischen Nachzehrer besonders gruselige Vertreter ihrer Art sind, die sich nicht mit dem Leichenhemd begnügen. Sie fressen erst ihre eigene Kleidung, dann das Fleisch von Armen und Füßen, bevor sie sich aus dem Grab erheben und sich als Mischung aus Zombi und Vampir auf die Jagd machen. Zuerst fressen sie ihre Verwandten (die nahestehenden zuerst), dann alle anderen und zum Schluss läuten sie die Kirchenglocken,

und nun muß Alles sterben, so weit der Schall der Glocken reicht.

Den Glauben an Nachzehrer und andere Formen des Wiedergängers gibt es offenbar schon seit der Steinzeit. Jedenfalls stoßen Archäologen immer wieder auf Gräber, bei denen in der oben beschriebenen Weise mit Toten verfahren wurde.*

Wenn man so was liest, fragt man sich schon, wie solche Wesen so lange literarisch unbeachtet bleiben konnten, oder?


*http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/4061657/Die-Angst-vor-den-Untoten/

Die zitierte kaschubische Sage habe ich Wikisource entnommen.