[Werkstattbericht] – Eine Religion entsteht

Wie ich vor ein paar Tagen schon auf Twitter gemutmaßt habe, wird das Schreiben dieses Mal noch ein bisschen länger dauern. Meine nächste Geschichte möchte nämlich ein Roman werden.

Sorry dafür, es war anders geplant.

Die Liebesgeschichte hatte ich ja noch kommen sehen. Aber dass die Backstory so viel Raum fordern würde … Aktuell beschäftigt mich die Religionsgeschichte von Hesbaan.
Ja, du hast richtig gehört: Religionsgeschichte. Auch Religionen sind keine starren, monolitischen Gebilde, auch wenn manch religiöse Fanatiker es gern anders hätte. Daher ist es vielleicht kein Wunder, dass mir, als ich einen Propheten brauchte, sofort der Name Dafuq al Banejid einfiel.
Mir ist noch nicht ganz klar, ob das nicht vielleicht zu offensichtlich ist. Aber, wenn man es unbefangen liest … Nö. Oder?

Nike in Flammen
Bild: Elenor Avelle
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Prinzessinnen und Bauerntöchter

 

Wenn ich an Märchen denke, fallen mir als erstes immer Prinzessinnen ein, die irgendwann standesgemäß von Prinzen auf weißen Rössern umworben werden, um dann in einer goldenen Kutsche in eine rosarote Zukunft zu entschwinden. Und wenn sie nicht gestorben sind …

Dabei – den letzten Satz kenne ich eigentlich nur von Disney. Oder wisst ihr ein Grimm’sches Märchen, das so endet? Und ist euch mal aufgefallen, wie viele Protagonistinnen in den Märchen gar keine Prinzessinnen sind, sondern Müllers-, Kaufmanns- oder Bauerntöchter?
Ich glaube, darüber sollte ich auch mal bloggen. Aber erst mal die Frage, wegen der ihr vermutlich hier gelandet seid. Auch hier geht es um eine Bauerntochter. Um eine besonders gewitzte sogar. Und das ist die Frage:

In was lässt sich die kluge Bauerntochter zum Königsschloss transportieren?

Viel Spaß beim Rätseln und viel Glück bei eurer Suche!

Diese Frage gehört zur großen Märchensommer Märchenrallye, bei der ihr ein märchenhaftes Paket gewinnen könnt. Den Start der Märchenrallye findet ihr auf der Märchenspinnerei (http://maerchenspinner.layeredmind.de/news/maerchenrallye/).“

Banner Märchenralley
Bildquelle: Janna Ruth, Märchenspinnerei

[Märchen] Der Fischer und die Nixe

Inspiriert von dem Märchen „Die Sirenen“ von BlueSiren habe ich in den Kurzgeschichten aus meiner Anfangszeit gewühlt und tatsächlich die Geschichte vom Fischer und der Nixe wiedergefunden, die noch aus meiner Fanfictionzeit stammt. Ursprünglich war sie an der Küste Gondors angesiedelt.

Aber da der Stil genauso schwülstig war, wie befürchtet, habe ich ihr kurzerhand einen neuen Handlungsort verpasst, den es hoffentlich noch nicht gibt.

Jetzt aber Schluss mit dem Vorgeplänkel. Viel Spaß beim Lesen!

Fischer und Nixe
Motiv erstellt unter Verwendung eines Fotos von Pexels via Pixabay

Der Fischer und die Nixe

Vor langer Zeit lebte ein junger Fischer an der Küste von Gorem. Er war so arm, dass er sich nicht einmal ein Boot leisten konnte. So blieb ihm nichts, als längs des Strandes zu fischen. Von Morgens früh, bis nach Sonnenuntergang warf er sein Netz aus, doch oft genug war der Fang so gering, dass er gerade selbst davon satt wurde. Dennoch bewahrte sich der Fischer sein freundliches Wesen, denn er liebte den Strand und das Meer. Selbst die harte Arbeit gefiel ihm, zumal er lieber sein eigener Herr war, als eines anderen Knecht.

Doch eines Tages blieb sein Netz leer, als seien alle Fische aus der Bucht verschwunden. Auch am nächsten Tag fing er nichts als Tang und leere Muschelschalen. Am dritten ging es genauso. Nach vier Tagen hatte er seine letzten Vorräte aufgezehrt. Doch auch am fünften und sechsten Tag blieben seine Mühen vergeblich. Im gleichen Maß, wie der Hunger wuchs, wuchs auch seine Verzweiflung, denn das Einzige, das er gegen einen Kanten Brot verpfänden konnte, war sein Netze – aber das zu verpfänden hieß, sich seiner Lebensgrundlage zu berauben.

Als die Sonne am Abend des siebten Tages den Horizont berührte, schien sein Schicksal besiegelt. Wieder hatte er nicht einen einzigen Fisch gefangen. Hunger und Erschöpfung ließen ihn taumeln. Wenn er auch an diesem Abend nichts zu Essen bekam, würde ihm am nächsten Morgen die Kraft fehlen, das schwere Netz noch einmal auszuwerfen.
„Einmal noch“, schwor er sich. Einmal noch wollte er es versuchen, bevor er sich in das Unvermeidliche schickte. Er blickte auf das, wie Blut und flüssiges Gold schimmernde Meer und schickte ein stummes Gebet an die Götter, bevor er mit letzter Kraft das Netz auswarf.

Schon beim Loslassen erkannte er, dass der Wurf nichts taugte. Seine Arme waren zu schwer und er selbst zu müde, um dem Netz den richtigen Schwung zu geben. Nur halb entfaltet und nur wenige Meter von seinen Füßen entfernt klatschte es in die Fluten.

Tränen der Verzweiflung brannten in seinen Augen, als er es wieder einholte. Es war zu spät. Schon war die schnell sinkende Sonne nicht mehr, als ein dünner Bogen über dem Wasser. Bald würde die Dunkelheit kommen und mit ihr die Geschöpfe der Nacht, die jeder Mensch fürchtete. Wehe dem, der dann im Freien war!

In diesem Augenblick sah er in den Maschen etwas blitzen. Nicht den silbrigen Glanz von Fischschuppen, sondern ein goldenes Funkeln. Der Fischer dachte zuerst, das schwindende Licht und die tief stehende Sonne würden ihn narren. Doch das Glitzern blieb, wurde sogar stärker, je näher er sein Netz an sich zog.

Mit zitternden Fingern löste er seinen Fang aus den Maschen gelöst hatte und den Tang, der sich darumgewickelt hatte. Als er endlich fertig war, hielt er einen aus Gold getriebener Kamm in den schwieligen Händen, wundervoll gearbeitet und graviert und über und über mit Perlen und Edelsteinen besetzt. Nie in seinem Leben hatte er etwas annähernd Schönes und Kostbares gesehen.

Lange betrachtete er diesen Fund und konnte sich gar nicht satt sehen am Glanz des Goldes, dem weichen Schimmer der Perlen und dem Gleißen der Juwelen. Erst das Knurren seines Magens erinnerte ihn schließlich daran, dass er diesen Fang nicht für sich behalten konnte.

Schweren Herzens stand er auf und wollte sich gerade auf den Weg in die Stadt machen, als ihm ein neuer Gedanke kam. Er konnte nicht einfach auf den Markt gehen und den Kamm verkaufen! Niemand würde ihm glauben, dass er einen solchen Schatz aus dem Meer gefischt hatte. Schon gar nicht an dieser Stelle, so dicht am Ufer. Statt dessen würde man glauben, er habe den Kamm gestohlen. Ins Gefängnis würde man ihn werfen und ihn dort verrotten lassen – ohne die Möglichkeit, je seine Unschuld zu beweisen.

Erneut schossen ihm die Tränen in die Augen und er verfluchte die Götter, die so grausame Scherze mit ihm trieben. Jetzt war er reich, aber er konnte mit diesem Reichtum nichts anfangen. Nicht einmal reden durfte er davon.

Bis spät in die Nacht saß der Fischer neben seinem Netz. Unfähig sich zu rühren, unfähig eine Entscheidung zu treffen. Dann, Mitternacht war lange vorbei, drang plötzlich ein Klagelaut an sein Ohr. Die Verzweiflung die darin lag, war noch größer, als jene, die der Fischer fühlte.

Wieder und wieder erklang das Klagen, bis der Fischer aufstand und dem Geräusch nachging. Was machte es schon, wenn er am Ende auf eine Meerfrau, einen Meerlöwen oder eines jener anderen Wesen stieß, vor denen die Alten warnten? Er hatte nichts zu verlieren. Sollten sie ihn doch fressen!

Als er die Klippen am Rande der Bucht erreichte, fand schließlich die Quelle des Klagens. Ein junges Mädchen, so schien es, lag ganz unten am Fuß der Klippen und weinte bitterlich. Der Fischer trat näher und sah, dass er sich getäuscht hatte. Sie war kein menschliches Wesen, sondern eines jener Meerweiber, von denen es hieß, sie zögen die, die sich zu weit aufs Meer hinauswagten, zu sich hinab in die finsteren Tiefen. Hässlich, seien sie, hieß es weiter. Grünhaarig, fett und fahlhäutig, mit glotzenden Gesichtern und Mäulern, die vor spitzen Zähnen starrten. Die grünen Haare stimmten. Sie bedeckten den größten Teil des schlanken, milchweiß schimmernden Leibes, der beim Weinen zuckte. Unter diesem Vorhang schimmerten ein goldener, perlenbesetzter Gürtel und Ketten, ebenfalls aus Gold und Perlen.

Der Fischer empfand großes Mitleid mit ihr, auch wenn es ihn wunderte, wie ein so anmutiges und reiches Geschöpf solchen Kummer haben konnte. Gleichzeitig überkam ihn Angst, was sie anstellen würde, wenn sie seiner ansichtig wurde. Daher dauerte es einige Zeit, bis er sich ein Herz fasste und sie ansprach.

Die Meerfrau fuhr empor und starrte ihn aus großen erschrockenen Augen an. Ihr Gesicht hatte nichts mit den schaurigen Märchen der Alten zu tun. Es war wunderschön, selbst in diesem Augenblick, wo es nichts als den Ausdruck blanken Entsetzens zeigte.

„Hab keine Angst“, sagte der Fischer, der mit einem Mal nichts mehr fürchtete, als dass sie in ihr nasses Element stürzen und für immer zu verschwinden könne. Er sprach weiter auf sie ein, sagte, er habe ihr Weinen gehört und versprach zu helfen, so weit es irgendwie in seiner Macht stünde, bis sie schließlich Vertrauen fasste.

„Ich bin Mereja, die jüngste Tochter des Meerkönigs“, erzählte sie und ihre Stimme klang wie Musik in den Ohren des jungen Mannes. „Heute bin ich das erste Mal allein ausgeschwommen, weil ich so gerne sehen wollte, wie die Sonne versinkt. Es herrscht dann ein besonderes unter der Oberfläche.“ Ihr Gesicht leuchtete auf, als sie das sagte, doch im nächsten Moment fing sie wieder an, zu weinen. „Auf diesem Ausflug habe ich meinen Kamm verloren, ein kostbares Erbstück und nun traue ich mich nicht, zum Palast zurück zu kehren und meinem Vater unter die Augen zu treten.“

Da lächelte der Fischer und zog den Kamm aus der Tasche, in der er sonst seine Fische verwahrte. „Ist es dieser hier?“, fragte er.

Sie nickte unter Tränen und fragte, wie er daran gekommen sei.

Er erzählte seine Geschichte und gab ihr den Kamm, obwohl es ihn bitter schmerzte, auch diesen Fang zu verlieren. Doch als ob die Meerprinzessin seine Gedanken erraten hätte, lächelte sie und sagte, er solle die Hoffnung nicht aufgeben, sondern bei Tagesanbruch seine Netze an gewohnter Stelle auswerfen. Dann sprang sie hinab ins Wasser, und mit einem letzten Winken war sie verschwunden.

Der Fischer befolgte ihren Rat und wirklich: Obwohl er kaum noch die Kraft hatte, sein Netz richtig auszuwerfen, war es beim Einholen voller Fische. Anders als sonst, zappelten auch viele Barle und andere große Fische darin, die er auf dem Markt mit guten Gewinn verkaufen konnte.

So ging es von nun an alle Tage. Der Fischer brauchte sein Netz nur noch einmal am Tag auszuwerfen und was er fing, reichte nicht nur um satt zu werden. Es blieben immer genug Fische, um sie auf den Markt zu tragen. Mit der Zeit gelangte er sogar zu einigem Wohlstand, auch wenn er nie reich wurde.
Die anderen Fischer tuschelten über diesen Wohlstand, dessen Quelle ihnen unheimlich war. Noch unheimlicher aber fanden sie die seltsamen Angewohnheit, nachts am Strand spazieren zu gehen und im Meer zu schwimmen.
„Was sucht er dort?“, tuschelten sie und: „Kennt er denn gar keine Furcht?“
Aber sie errieten es nie. Und als er eines Tages nicht mehr zurückkehrte, sahen sie es als Bestätigung, dass die alten Geschichten stimmten und der Nacht nicht zu trauen war.

Der Fischer und die Meerprinzessin hätten eine andere Geschichte erzählen können. Aber sie sahen keinen Grund, je wieder zurückzukehren.


Die Geschichte darf  gerne geteilt werden, so lange ich als Autorin genannt werde. Änderungen und Bearbeitungen bedürfen meiner vorherigen Zustimmung.

Tag 6 bei #wirsindtraumfaenger – Erzähle eine inspirierende Geschichte

Das ist eine der Aufgaben, die sich definitiv besser für’s Blog eignet, als für Twitter mit seiner Zeichenbeschränkung und Instagram mit der Fotofixierung und dem unbequemen Handling.

Eine Geschichte, die ich persönlich sehr inspirierend finde, ist die von Glück und Unglück des Pferdezüchters. Ich habe sie von meiner Schwester, die einige Zeit in China gelebt und gearbeitet hat. Dort kursiert sie als Märchen. Ich habe sie hier mit eigenen Worten nacherzählt.

Die Geschichte vom Pferdezüchter

Es war einmal ein Mann, der züchtete Pferde. Eines Tages lief ihm seine wertvollste Zuchtstute davon.
„Welch ein Unglück!“, schrien die Leute.
„Nun, man wird sehen“, sagte er.

Ein paar Wochen später gelang es, tauchte das Pferd wieder auf und es stellte sich heraus, dass die Stute trächtig war.
„Hast du ein Glück!“, riefen die Leute.
„Nun, man wird sehen“, sagte der Mann.

Das Fohlen wuchs zu einem prächtigen Junghengst heran und eines Tages bekam der Sohn des Pferdezüchters Lust, das Tier zu reiten. Der noch nicht an Zaum und Sattel gewöhnte Hengst warf den Jungen ab. Der Junge brach sich das Bein, der Bruch heilte nicht richtig, so dass der Junge fortan hinkte.
„Welch ein Unglück!“, schrien die Leute.
„Nun, man wird sehen“, sagte der Mann.

Zwei Jahre später gab es Krieg. Alle jungen Männer des Landstrichs wurden eingezogen und die meisten von ihnen starben. Nur den Krüppel, den wollte keiner und so kam es, das er als einziger aus dem Dorf überlebte.

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Quelle: Open ClipArt-Vectors via Pixabay

Die Geschichte entspricht natürlich gar nicht den europäischen Erzähltraditionen. Sie hat keinen Höhepunkt, keine Zentralfigur und auch kein richtiges Ende. Was mich daran fasziniert, sind die raschen Wechsel einerseits, aber vor allem, dass das Unglück immer den Kern für das folgende Glück in sich birgt und umgekehrt.
Das ist etwas, das mich auch zu meinen eigenen Werken inspiriert: Zu zeigen, dass es nicht das absolute Glück oder Unglück gibt, genauso wenig, wie das absolut Gute oder Böse. Dass guter Wille zu schlimmen Folgen führen kann und großes Unglück auf der anderen Seite auch neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet.


#wirsindtraumfaenger ist eine von Annika Bühnemann ausgerufene Challenge, die sich vor allem an Leser und Autoren wendet.

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Realistische Vampire (1) – Wie wird man eigentlich Vampir?

An der Überschrift für diesen Artikel habe ich lange überlegt. Ursprünglich wollte ich ihn mit Fantasy und Realismus überschreiben, aber das hätte auf eine grundsätzlichen Auseinandersetzung hingedeutet, die ich an dieser Stelle nicht führen wollte. Hier sollte es wirklich in erster Linie um realistische Vampire gehen.

Warum mir das wichtig ist? Der Anlass ist natürlich, dass ich gerade selber über Vampire schreibe. Da bleibt es nicht aus, dass man sich ein paar Gedanken macht.
Um es vorab zu sagen: Ich finde supersexy, superstarke, superschnelle Charaktere totlangweilig. Erst recht, wenn sie auch noch reich und mächtig sind und außergewöhnliche Fähigkeiten, wie Telepathie, Gedankenkontrolle und ähnliches besitzen. Dummerweise trifft all‘ das auf moderne Vampire zu.
Dracula hatte zwar schon einen hohen Glamourfaktor, aber immerhin glitzerte er nicht in der Sonne, sondern verbrannte. Außerdem war er der Antagonist – und Antagonisten verzeiht man gerne ein paar Sonderfähigkeiten, weil sie den Helden am Ende um so heroischer aussehen lassen.

Aber wenn mich etwas an einem literarischen Helden antörnt, dann ist das nicht seine Überlegenheit, sondern die Art, wie er mit seinen Schwächen umgeht. Das gleiche gilt selbstverständlich für Heldinnen.
Als ich beschloss, über Vampire zu schreiben, war es daher logisch, zuerst über mögliche Schwächen nachzudenken. Das brachte mich auf die Frage, wie man zum Vampir wird.
Bei Dracula geschieht das, indem der Graf das Opfer dreimal beißt und ihm dann sein eigenes Blut verabreicht. Diese Blutspende hat sich als Topos teilweise bis in die Neuzeit erhalten, aber ehrlich gesagt, überzeugt mich dieser Übertragungsweg nicht.

Im 19. Jahrhundert, als sich gerade die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass Krankheiten nicht auf einem Ungleichgewicht von „Körpersäften“ basierten, mag so eine Erklärung noch logisch geklungen haben. Aber der menschliche Verdauungstrakt ist erstaunlich robust. Mit ein bisschen Blut wird er problemlos fertig.
Da Vampirismus aber nun mal ansteckend zu sein scheint, wäre eine Übertragung durch ein Virus eine logische Erklärung. Nur nicht durch den Magen-Darm-Trakt, sondern durch eine Infektion der Wunde. Wenn sich das Virus im Speichel befindet, gerät beim Biss automatisch in die Blutbahn.
Allerdings ergäbe es wirklich keinen Sinn, wenn jeder Gebissene zum Vampir werden würde. Damit entzöge es seinem Wirt auf Dauer die Existenzgrundlage. Einfacher ausgedrückt: Wenn alle zum Vampir werden, gibt es irgendwann keine Menschen mehr. Die Nahrung stirbt aus.
Also muss das Immunsystem gewinnen. Meistens jedenfalls.

Die Blutspende ergibt trotzdem einen Sinn. Welchen, verrate ich ein anderes Mal.


Hat dir der Artikel gefallen? Dann interessieren dich vielleicht auch diese Artikel:
Teil 2: Was macht (meine) Vampire aus?
Teil 3: Die Ernährungsfrage
Teil 4: Das Gebiss
Teil 5: Sozialstukturen

Nachzehrer – Wenn die Toten Hunger haben

b1Foto via Pixabay

Heute möchte ich ein Wesen vorstellen, das heute kaum noch jemand kennt, obwohl es großartige Voraussetzungen für eine Horrorfigur mitbringt: Den Nachzehrer. Nachzehrer sind in gewisser Weise so etwas wie die westliche Variante des Vampirs. Auch sie sind Untote, die sich von der Lebensenergie anderer ernähren.

Anders als Vampire entstehen Nachzehrer jedoch nicht durch einen Biss, sondern durch mangelnde Sorgfalt bei der Beerdigung. Wenn man die Leiche in den Sarg legte, musste man unbedingt darauf achten, dass nicht etwa einen Zipfel des Kragens oder Leichentuchs den Mund der Leiche berührte. Geschah dies doch, konnte es nämlich passieren, dass der Zipfel in den Mund rutschte und der Leichnam daran zu kauen begann. Er fraß dann zuerst das Tuch oder das Hemd. Wenn es ganz verzehrt war, begann er, Kraft aus seiner Umgebung zu saugen, was man durch Schmatzen aus dem Grab heraus erkennen konnte.

Um zu verhindern, dass ein Toter zum Nachzehrer wurde, bediente man sich verschiedener Methoden. In einigen Gegenden wurde ihm ein Blatt Papier unter’s Kinn gelegt. Vielleicht rührt auch das noch heute praktizierte Hochbinden des Kiefers ursprünglich daher (und hat nicht nur ästhetische Gründe).
War jemand nämlich zum Nachzehrer geworden, halfen nur drastische Mittel, ihn aufzuhalten. Man schlug den Leichen z. B. den Kopf ab, rammte ihnen Steine in den Mund, Pflöcke ins Herz, zerstückelte oder verbrannte sie. Alles Maßnahmen, die im krassen Gegensatz zum christlichen Glauben stehen, wonach ein Leichnam für die Auferstehung beim jüngsten Gericht unbeschädigt bleiben muss. Entsprechend traumatisch muss es für die Hinterbliebenen gewesen sein, wenn sich ein Verstorbener als Nachzehrer entpuppte.
Andererseits galt es als absolut unumgänglich, den Nachzehrer aufzuhalten, weil er sonst ganze Dörfer auslöschen konnte.

Eine interessante Variante dieses Glaubens findet sich in kaschubischen Legenden. Dort erzählte man sich nämlich, dass Kinder, die mit einer „Mütze“ zur Welt kommen, automatisch zu Nachzehrern würden, wenn man diese „Mütze“ nicht trocknete, verbrannte und den Kindern binnen sechs Wochen nach der Geburt die mit Muttermilch vermischte Asche einflößt.
Diese Sage ist nicht nur deshalb interessant, weil die „Mütze“ in anderen Gebieten als besonders glücksbringendes Zeichen gilt und deshalb auch als Glückshaube bekannt ist (tatsächlich handelt es sich um in Stück von der Fruchtblase). Ein weiterer Aspekt ist, dass die kaschubischen Nachzehrer besonders gruselige Vertreter ihrer Art sind, die sich nicht mit dem Leichenhemd begnügen. Sie fressen erst ihre eigene Kleidung, dann das Fleisch von Armen und Füßen, bevor sie sich aus dem Grab erheben und sich als Mischung aus Zombi und Vampir auf die Jagd machen. Zuerst fressen sie ihre Verwandten (die nahestehenden zuerst), dann alle anderen und zum Schluss läuten sie die Kirchenglocken,

und nun muß Alles sterben, so weit der Schall der Glocken reicht.

Den Glauben an Nachzehrer und andere Formen des Wiedergängers gibt es offenbar schon seit der Steinzeit. Jedenfalls stoßen Archäologen immer wieder auf Gräber, bei denen in der oben beschriebenen Weise mit Toten verfahren wurde.*

Wenn man so was liest, fragt man sich schon, wie solche Wesen so lange literarisch unbeachtet bleiben konnten, oder?


*http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/4061657/Die-Angst-vor-den-Untoten/

Die zitierte kaschubische Sage habe ich Wikisource entnommen.