Crash, Boom, BÄNG! Superhelden und Gewalt

Zugegeben: Ich kann Superhelden wenig abgewinnen. Aber seit meinem jüngeren Sohn das Star Wars Universum zu eng geworden ist und er Marvels Multiversen erkundet, werde ich zunehmend mit Charakteren und Stoffen bekannt, mit denen ich mich aus eigenem Antrieb nicht beschäftigt hätte. Allerdings hat er es nicht so mit Comics, sondern mehr mit den Filmen. Deren Erscheinen erwartet er nicht nur sehnsüchtig, er guckt auch jeden Trailer, den er finden kann, bis der Film dann endlich, endlich in die Kinos kommt.
Diese Sehnsucht wird natürlich mitgeteilt und da er noch nicht alt genug ist, die Filme ohne Begleitperson zu sehen, komme ich immer mal wieder mit.

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Prügeleien und kein Ende

Was mir an den Filmen auffällt, sind ein sehr einheitlicher Aufbau und der exzessive Einsatz von Gewalt. Ganz besonders fiel mir das bei Batman vs. Superman* auf; ein Film, in dem ich mich unendlich gelangweilt habe. In meiner Erinnerung besteht der Film fast ausschließlich aus einer Aneinanderreihung von Prügeleien und Explosionen. Vielleicht ist mir das deshalb so aufgefallen, weil die Handlung so dünn und die Charaktere so schlicht gestrickt waren. Jedenfalls ging das, der Geschichte angeblich zugrunde liegende Dilemma zwischen Explosionen, Rauch und Staub unter.
Eins hat der Film dann aber doch bewirkt. Nämlich, dass ich angefangen habe, mir Gedanken über Zweck und Stellenwert Gewalt im Konzept der Superheldenfilme zu machen. Gewalt ist ganz offensichtlich ein integraler Bestandteil, ob man sich jetzt Superman anguckt, die X-men oder eher lustig gemeinte Varianten wie Die Unglaublichen: Der Grundkonflikt ist genauso physischer Natur wie die Lösung. Oder um es weniger abstrakt zu formulieren: In jeder Superheldengeschichte es gibt eine äußerliche Bedrohung, die auf die Vernichtung von Leben zielt und die von den Helden unter Aufbietung aller, ihnen zur Verfügung stehenden besonderen Fähigkeiten beseitigt werden muss. Auffallend ist, dass diese Fähigkeiten vor allem dafür verwendet werden, die eigene Kampfkraft und die der Verbündeten zu erhöhen.
Bruce Wayne baut keine Schulen. Er unterstützt auch keine Präventionsprojekte, die Gotham etwas sicherer machen würden. Sein ganzes Vermögen steckt in Batmans Ausrüstung. Gleiches gilt für Tony Stark, der das Äquivaltent zu Batman ist, nur eben bei Marvel. Auch Tony Stark ist ein reicher Industrieller und Lebemann. Auch er baut coole Gadgets. Gelegentlich rüstet er damit auch die Agenten von S.H.I.E.L.D aus. Aber darin erschöpft sich seine Großzügigkeit.

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Können die nicht denken?

Warum ist das so? Warum fällt selbst den intelligentesten Superhelden, keine Lösung ein, die nicht auf eine physische Auseinandersetzung hinausläuft?
Die naheliegendste Erklärung ist natürlich, dass die Welt der Superhelden nun mal so ist: Geprägt von Gewalt und Düsternis und bevölkert von mächtigen Superschurken, die andere ausbeuten und gewaltsam unterjochen. Superhelden werden oft schon früh mit Gewalt konfrontiert. Sie sind das Ergebnis skrupelloser Menschenversuche (Black Bold, Wolverine, Deadpool, Cloak, Dagger), ihre Eltern werden ermordet (Spiderman, Superman, Daredevil, Drax the Destroyer), sie selber gemobbt (Spiderman) oder wegen ihrer besonderen Fähigkeiten verfolgt (X-Men). Daher könnte man die These wagen, dass sie, auch weil sie nichts anderes als Gewalt gelernt haben, auch nur mit Gewalt reagieren können und dass es sie auszeichnet, dabei nicht bis zum letzten zu gehen, sondern den Gegner im Endkampf zu schonen.

Allerdings greift dieser Ansatz zu kurz, denn er betrifft nur einen kleinen Teil der Superhelden, die vielfach auch aus gutbürgerlichen oder sogar sehr wohlhabenden Verhältnissen stammen, wie Batman, Ironman, Elektra (oh, eine Frau!) oder Janet van Dyne alias the Wasp (noch eine Frau!). Black Panther ist nicht nur reich, sondern sogar königlicher Abstammung.
Und obwohl Wakanda, das Herkunftsland von Prinz T‘Challa, über ein einzigartiges Rohstoffvorkommen verfügt, die Wakandaner (ich hoffe, die Form stimmt) technische Wunderleistungen vollbringen und friedlich im allgemeinen Wohlstand zusammenleben, wird dieses einzigartige Rohstoffvorkommen im Wesentlichen für die Entwicklung von intelligenten Waffen genutzt. „Klar!“, könnte man sagen, „Solche Dinge wecken Begehrlichkeiten. Das Land und seine Bodenschätze müssen vor Invasoren geschützt werden.“
Der Haken an dieser Argumentation ist, dass (fast) niemand außerhalb von Wakanda von diesen Wunderdingen weiß, weil Wakanda sich dank überlegener Technologie erfolgreich als armes, rückständiges Dritte-Welt-Land tarnt, in dem es rein gar nichts zu holen gibt. Das ist eine ziemlich intelligente Strategie, um Invasoren gar nicht erst auf dumme Gedanken zu bringen. Aber wozu dann die Waffen?
Und warum hält dieses technisch unglaublich hoch entwickelte, fortschrittliche Volk daran fest, seine Anführer in einem archaischen Ritual durch Zweikampf zu bestimmen? Einem Zweikampf, in dem keinesfalls der Klügste gewinnt, der mit dem besten taktischen Geschick, dem meisten Wissen oder was man sonst noch zur Führung eines Volks für nötig halten könnte, sondern in dem allein Stärke, Ausdauer und Geschick im Umgang mit Waffen zählen?
„Es ist eben deren Tradition“, halte ich als Erklärung für ziemlich dürftig, zumal es die Gefahr birgt, Wakanda sozusagen durch die Hintertür doch noch als rückstädig dastehen zu lassen. So nach dem Motto: Ok, Technik können sie, aber gesellschaftlich sind sie doch eher Steinzeit. Was auch falsch wäre.

Vielleicht kommen wir der Lösung näher, indem wir eine dritte Gruppe angucken, von denen es in den Reihen der Superhelden geradezu wimmelt: die Superhirne. Auch hier ist Tony Stark alias Ironman ganz vorne an. Außerdem wären da z. B. noch Dr. Henryk Pym (Ant-Man), Reed Richards (Mr. Fantastic) und natürlich Dr. Robert Bruce Banner (Hulk) zu nennen.
Sie alle sind Genies auf ihrem Gebiet, mit ungeheuren Geisteskräften ausgestattet und sollten eigentlich in der Lage sein, Strategien zu entwickeln, die Gewaltanwendung überflüssig machen. Zum Beispiel müssten die von Dr. Henryk Pym entdeckten Pym-Teilchen eigentlich die gleiche Wirkung auf Gegner und ihre Waffen entfalten, wie auf Ameisen und Häuser. Wenn man das Eine nach Belieben schrumpfen oder vergrößern kann, warum dann nicht auch das andere? Eine Nano-Pistole ist genauso unbrauchbar, wie die XXL-Version und gegebenenfalls könnte man sogar den Gegner auf ein handliches Format schrumpfen und im Einweckglas zur nächsten Polizeiwache bringen.
So weit geht der Einfallsreichtum der Superhirne aber nie.

Komisch, oder?

Man könnte fast den Eindruck bekommen, es ginge nie um Gewaltvermeidung, sondern darum, sie möglichst spektakulär einzusetzen und so die eigene Großartigkeit zu demonstrieren. Denn seien wir ehrlich: Ein Superschurke, dessen Superwaffe plötzlich so winzig wird, dass er sie nicht mehr findet oder so riesig, dass sie ihm aus der Hand fällt und den Fuß bricht, ist zwar lustig, aber kein würdiger Gegner. Dagegen bestätigt einer, den der Held erst im epischen Endkampf besiegen kann, erst so richtig die Großartigkeit dieses Helden. Und weil wir uns mit dem Helden identifizieren, färbt ein Teil dieser Großartigkeit auch auf uns ab. In diesem gloriosen Moment zahlt sich aus, dass wir zu ihm gehalten, mit ihm gefiebert und gelitten haben.

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Was, wenn alles ganz anders wäre?

Diese Befriedigung herbeizuführen ist ungleich schwerer, wenn der Helden seinen Widersacher nur unter Einsatz seiner grauen Zellen auszuschaltet. Da mir kein Beispiel aus der Fantasy einfällt, möchte ich diese These durch „Superhelden“ eines anderen Genres illustrieren: dem Krimi, genauer gesagt, dem Who-dunnit. Im Zentrum steht hier oft die Gestalt eines genialen Ermittlers, der einen vertrackten Fall im Wesentlichen durch Nachdenken löst. Gewalt geht von ihm in der Regel nicht aus, oft ist er dazu körperlich gar nicht in der Lage, wie z. B. Nero Wolfe oder Lincolm Rhyme. Aber selbst, wenn er gewisse Kampftechniken trainiert, wie Sherlock Holmes, dienen diese mehr dazu, neben dem Kopf auch den Körper fit zu halten. Beim Lesen folgen wir diesen Geistesgrößen, erfahren, was sie erfahren und versuchen, unsere eigenen Schlüsse zu ziehen. Der Reiz besteht also eindeutig im Mitraten. Allerdings ist ein guter Who-dunnit so gestrickt, dass er nicht nur den Ermittler auf falsche Fährten lockt. Die Genialität des Ermittlers erweist sich aber gerade darin, dass er diese durchschaut und einen Täter ausmacht, den man selber schon ausgeschlossen hatte. Man kann die Überlegenheit des genialen Ermittlers daher zwar bewundern, aber sie färbt nicht ab.

Andere Gründe

Möglicherweise gibt es noch einen weiteren Grund, dass Gewalt in Geschichten über Superhelden omnipräsent ist, nämlich ihre Herkunft. Angefangen bei Superman, ist die ganz überwiegende Zahl ist zuerst als Comic erschienen und physische Gewalt ist graphisch deutlich leichter darzustellen als Gedanken. Das Gleiche gilt für die filmische Umsetzung.

So was wie ein Fazit

Das erklärt jedoch nicht ihre anhaltende Beliebtheit. Daher vermute ich, dass der eigentliche Grund hinter all den Explosionen und Special Effects der ist, das ist, was oben schon durchklang: Superhelden sind gut für‘s Ego. Sie siegen für uns und indem wir uns mit ihnen identifizieren, befriedigen wir unseren latenten Wunsch nach Überlegenheit. Solche Allmachtsfantasien sind zwar höchst pubertär (nicht umsonst wurde Superman von zwei Teenagern entwickelt), aber wer will schon immer erwachsen sein?

So lange die Gewalt nicht, wie bei Batman vs. Superman Überhand nimmt, ist mein einziger Wunsch an dieses Genre: Gebt uns mehr Frauen! Nicht nur als Geliebte, Gehilfin oder Opfer, sondern als eigenständige Heldinnen und Superschurkinnen mit eigenem Recht auf eine gute Geschichte. Davon gibt es noch viel zu wenige!**

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*Ja, das ist DC und nicht Marvel, aber so eng sieht mein Sohn das nicht. Superheld ist Superheld. Marvel mehr davon am Start, also beschäftigt er sich mehr mit Marvel.

**Wenn ich oben schrieb, dass ich Superhelden wenig abgewinnen kann, war das durchaus nicht im Sinne des generischen Maskulinum gemeint.


Der Beitrag entstand im Rahmen der Blogparade des Nornennetzes zu Fantasy und Gewalt.

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Biss zum letzten Akt – bald als Taschenbuch

Wer mir bei Twitter folgt, hat es vielleicht mitbekommen: Eine weitere Erzählung aus dem Codex Aureus geht in den Druck. Wie schon Steppenbrand, wird demnächst auch Biss zum letzten Akt als Taschenbuch bei BoD erscheinen. Auf der Leipziger Buchmesse werde ich es offiziell vorstellen.

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Hier schon mal die Vorschau auf das Cover

Ein neues Buch herauszubringen (und sei es nur in einem neuen Format) ist immer wieder eine Herausforderung. Um so mehr freue ich mich, dass es jetzt geschafft ist, und dass ich mich beim Bearbeiten wieder in die Geschichte von Silke verliebt habe.

Es hat geklappt!

Und fast hätte ich es nicht mitbekommen, weil der Postbote das Päckchen klammheimlich im Briefkasten deponiert hat. Dort wäre es auch das Wochenende über geblieben, wenn mein Großer keine Langeweile gehabt und deshalb erst in den Schränken und schließlich auch im Briefkasten nach Abenteuern gesucht hätte.
So habe ich es bekommen, während ich eigentlich gerade dabei war Abendessen zu kochen. Als ich die Verpackung aufgerissen habe, haben mir die Hände gezittert, so nervös war ich. Nicht, dass am Ende alles schief und krumm und ganz fürchterliche Farben …

Nein, hat es nicht. Zwar hat BoD sich nicht an seine eigenen Beschnittgrenzen gehalten oder ich habe bei der Umrechnung von Pixeln in Zentimeter doch einen Fehler gemacht – aber egal! Es sieht gut aus. Ich mag es. Auch Satz und Schriftbild sind sehr gut geworden.

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Leider habe ich bei all der Aufregung nicht daran gedacht, Bilder vom Auspacken zu machen und diese Aufnahme vom Handy ist auch eher mäßig. Aber zum Zeigen reicht es.

Ab jetzt ist Steppenbrand überall im Buchhandel erhältlich.
BoD, 8o Seiten, ISBN 978-3-7440-89631-3
4,99 €

Zur Leseprobe

In eigener Sache: Wie es mit den Vampiren weitergeht

Ja, es ist mir peinlich, aber leider kann ich immer noch nicht absehen, wann der nächste Band des Codex Aureus mit der Vampirstory herauskommen wird. Immerhin: Es geht weiter. Die erste Überarbeitungsrunde ist beendet. Nur an ein paar Stellen muss noch nachjustiert werden. Und da sich das Erscheinungsdatum ohnehin so verzögert hat, habe ich beschlossen, die Geschichte danach noch einmal den Kolleginnen vom Nornennetz zum Testlesen anzubieten. Eine zusätzliche qualifizierte Beratung schadet schließlich nie!

Danach wird es vermutlich sehr zügig weitergehen. Das Cover steht schon lange. Was noch fehlt, sind das Nachwort* und der Klappentext. Beides zusammen dürfte aber nicht mehr als eine Woche in Anspruch nehmen. Wenn nichts dazwischen kommt. Drückt bitte die Daumen!

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Der Crackgeruch ist der Überarbeitung zum Opfer gefallen. Die Szene spielt in den 80ern. Da war Crack noch kein Thema.

 


*Jemand sagte mal, ich hätte das Nachwort zur Kunstform erhoben. Das freut mich natürlich und wenn tolle Nachworte ein Alleinstellungsmerkmal sind, möchte ich meine Leser*innen keinesfalls enttäuschen!

phantastische Frauen: Susan Dexter

Meine im Rahmen der Autorinnenzeit begonnene, sehr persönliche Reihe über Frauen in der Phantastik, die mich und mein Schreiben geprägt haben, wäre unvollständig, wenn ich nicht wenigstens auch Susan Dexter erwähnen würde.

Ihre Bücher habe ich verschlungen, obwohl sie ein Genre berühren, das ich sonst so gar nicht mag: Den Liebesroman. Dabei ist „berühren“ eigentlich das falsche Wort, denn ihre Romane beinhalten immer eine Liebesgeschichte, die so zuckersüß und fluffig ist, wie Sahneschnittchen mit rosa Zuckerguss. Daneben geht es auch immer um ein ganz besonderes Pferd. Valladan, einen schwarzen Hengst mit außerordentlichen Fähigkeiten.

Kurzum: Kitsch.

Man könnte Sodbrennen davon bekommen, wenn es nicht so perfekt wäre und so komisch. Susan Dexter greift absichtlich in die Klischeekiste und treibt alles, was ihr dabei in die Finger gerät, gnadenlos und konsequent auf die Spitze. Das und die Komik sorgen für eine ironische Brechung, die den Kitsch auf ein mehr als nur genießbares Maß reduziert. (Ich erspare mir hier weitere Kuchenvergleiche, sonst stürme ich die nächste Konditorei)

Es gibt aber noch einen anderen Punkt, in dem sich ihre Romane sehr deutlich von moderner Romantasy unterscheiden: Bei Susan Dexter sind es nie die Frauen, die irgendwelchen supercoolen, badassigen, heißen Typen hinterherhecheln. Wenn jemand badass ist, dann die Frauen. In jedem Fall haben die aber sehr konkrete eigene Ziele und es sind die Männer, die ihren Wert beweisen müssen (und es natürlich tun, schließlich handelt es sich um Liebesromane, da ist Happy End nahezu Pflicht).

Ich muss gestehen, dass ich es schade finde, dass ihre Bücher nicht mehr aufgelegt werden, sondern allenfalls noch antiquarisch zu haben sind. Ihre Protagonisten finde ich nämlich deutlich anziehender, als die ganzen modernen männlichen Love-Interests, die sich neben ihrem Reichtum vor allem dadurch auszeichnen, dass sie Frauen schlecht behandeln. Dann doch lieber einen wahren Ritter!*


„Der wahre Ritter“ ist der Titel eines von Susan Dexters Romanen – und der allerkitschigste.

#Autorinnenzeit: phantastische Frauen – Marion Zimmer Bradley

Der Mai wird weiblich, habe ich versprochen – und was läge da näher, als auch über die Autorinnen zu sprechen, die mich besonders beeinflusst oder beeindruckt haben. Da das hier ein Phantastik-Blog sein will, beschränke ich mich Autorinnen phantastischer Literatur. Den Auftakt macht (natürlich) Marion Zimmer Bradley.

Die Nebel von Avalon, oder: Wie ich die Fantasy entdeckte

Ich bin in den 80ern groß geworden, jenem Jahrzehnt, als Eskapismus als etwas ganz furchtbares galt, in einem Elternhaus, das sich durchaus bildungsbeflissen war, aber bitte nur im Rahmen. Das heißt, mein Vater las Zeitung und Magazine, meine Mutter durchaus auch Romane, aber vor allem das, was das Feuilleton vorher abgesegnet hatte. Auch der Lesestoff in der Schule war darauf ausgerichtet, auf den Ernst des Lebens vorzubereiten. Rückblickend habe ich fast den Eindruck, es sei darum gegangen, jede Hoffnung, Leben und Lesen könnten auch Spaß machen, gleich im Ansatz zu ersticken. Je düsterer das Setting, je schlimmer das Ende, desto besser das Buch.

Es war schon fast eine kleine Revolution, als ein Mitschüler mir den Herrn der Ringe nahelegte: „Mal was anderes, als immer diesen deprimierenden Kram.“
Natürlich habe ich reingelesen. Aber es ging mir, wie gefühlt einem Viertel aller anderen auch. Ich habe das Buch nach fünf Seiten zugeklappt und gesagt: „Ne, danke. Da ist Krieg und Frieden unterhaltsamer.“ *
Gut, ich übertreibe. Es gab auch Kinder- und Jugendbücher. Die drei Fragezeichen. Geheimnis um … Blitz, der schwarze Hengst. Bille und Zottel, mein Freund Flicka und viele andere, die ich vergessen habe. Vermutlich zu Recht. Alle hatten eins gemeinsam: Jungen erlebten Abenteuer, Mädchen sahen zu und achteten darauf, nicht zu schmutzig zu werden. Allenfalls konnten sie versuchen „wie ein richtiger Junge“ zu werden, wie Georgina in den 5 Freunden oder Dinah bei Geheimnis um. Aber Mädchen, die auf einsamen Inseln Schiffbruch erlitten, wilde Pferde zähmten oder Schurken das Handwerk legten? Nicht doch! Vor allem aber (und das fand ich damals deutlich wichtiger) waren es Jugendbücher. So was las man nicht, wenn man ernst genommen werden wollte. Wenn man ernst genommen werden wollte, blieb nur „dieser deprimierende Kram“.

Und dann kamen die Nebel von Avalon und lösten einen Hype aus, der sich eigentlich nur mit dem von 50 Shades of Grey vergleichen lässt. Ich glaube, jede Frau und jedes Mädchen in meinem Umfeld hat das Buch gelesen. Sogar meine Mutter. Und alle (jedenfalls alle, die ich erinnere) fanden es großartig. Sex, Blut und Intrigen. Schwere Schicksale. Magie! Vor allem aber eine Frau als Zentralfigur. Eine, die sich nicht unterordnet. Die andere Ziele hat, als einen Ehemann zu finden und sich häuslich niederzulassen. Die sich auch nicht für die Ziele anderer einspannen lassen will, sondern versucht, einen eigenen Weg zu finden.
Man kann über die Nebel sagen, was man will. Manche der Inhalte sehe ich inzwischen deutlich kritisch. Nicht so sehr, weil ich den Gegensatz böse (christliche) Römer versus gute (pagane) Briten ein bisschen sehr an den Haaren herbeigezogen finde. Vor allem ist es der als ach so freundlich dargestellte Kult um die Große Göttin, der mir nachträglich aufstößt, weil er wie selbstverständlich Inzest, Vergewaltigung und Menschenopfer beinhaltet. Trotzdem war das Buch für mich damals ein Aha-Erlebnis. Das Tor zu neuen Lesewelten, farbenprächtiger und gewaltiger als alles, was ich vorher kannte. Ich bin gerne hindurch gegangen.

Natürlich habe ich noch mehr von Marion Zimmer Bradley gelesen. Aber weder im Darkover Zyklus noch in einem ihrer anderen Bücher habe ich das Gefühl wiedergefunden, das die Nebel von Avalon in mir geweckt hat. Das kam erst wieder, als ich die Sword and Sorceress Reihe** entdeckte; eine von Zimmer Bradley herausgegebene Reihe von Anthologien, mit durchaus feministischem Anspruch. In einem der Vorworte schrieb sie, in ihrer Kindheit und Jugend seien Frauen in Fantasy und Science Fiction vor allem auf den Covern präsent gewesen. Meist sehr leicht bekleidet und oft in den Fängen eines lüstern starrenden Insekts. Sie (MZB) wolle das ändern. Dementsprechend war allen Kurzgeschichten der Sword and Sorceress Reihe gemeinsam, dass sie Protagonistinnen hatten. Frauen, die sich durch Willenskraft und Stärke auszeichneten – unabhängig davon, welche Ziele sie hatten und mit welchen Mitteln sie sie verfolgten.
Auch für diese Reihe bin ich Marion Zimmer Bradley sehr dankbar, weil ich darüber viele, für mich neue Autoren entdeckt habe, auf die ich sonst nie gestoßen wäre.

 


*Ja, ich habe es gelesen. Ich habe es schon deshalb gehasst, weil ich mir keine Namen merken kann und jede Figur in Krieg und Frieden mindestens drei Namen hat, die je nach Kontext benutzt werden. Mich hat nichts daran gereizt, außer dass es Weltliteratur ist und man deshalb gelesen haben sollte. Ich habe mich tatsächlich durchgekämpft. Es war das erste und letzte Buch, das ich gelesen habe, weil es Weltliteratur ist oder auf irgendeiner Liste stand, die man gelesen haben musste.

**In Deutschland erschienen die Bücher unter Titeln wie „Windschwester“, „Schwertschwester“, „Zauberschwester“ usw.



Anmerkung: Mir sind die gegen Marion Zimmer Bradley erhobenen Missbrauchsvorwürfe bekannt. Es geht in diesem Artikel aber nicht um die Person Bradleys, sondern um ihren Einfluss auf mich (und vielleicht auch auf einige andere). Dieser Einfluss beruht ausschließlich auf ihrem literarischen Schaffen und in den mir bekannten Büchern findet sich kein Hinweis, geschweige denn eine Rechtfertigung für Gewalt gegen Kinder – in welcher Form auch immer.
Diesen Nachtrag habe ich verfasst, weil ich auf Twitter sehr nachdrücklich auf die Missbrauchsvorwürfe hingewiesen wurde. Da MZB aber seit fast 20 Jahren tot ist, und sich der Artikel mit ihrer literarischen Wirkung befasst, sehe ich nach wie vor keine Notwendigkeit, im Artikel selber darauf einzugehen.

Wer will den Fluch des Spielmanns hören?

Nun gut, es gibt nicht den ganzen. Aber Klaus_Nb, ein lieber Bekannter von Twitter, der u. a. auch für Clue Cast liest, hat sich die Mühe gemacht, den Anfang vom „Spielmann“ aufzunehmen. Seine Stimme erzeugt dabei genau den Gänsehautmoment, den ich beim Schreiben im Sinn hatte.

Unbedingt anhören! Wo? Auf Klaus‘ Blog.


dfds

Die im frühen Mittelalter spielende Geister- und Gaunergeschichte „Der Fluch des Spielmanns“ gibt es als eBook für alle gängigen Lesegeräte.

Man bekommt sie sowohl über Amazon als auch die Händler der Tolino-Allianz, also Buch.de, Hugendubel, die Mayersche, Osiander, Thalia, Weltbild usw. Mein Favorit dort ist allerdings Bookzilla, weil Bookzilla 5% des Kaufpreises für die Entwicklung freier Software spendet.

 

realistische Vampire (5) – Sozialstrukturen

Mit dem letzten Teil meiner Serie über realistische Vampire begebe ich mich auf sehr dünnes Eis, aber es geht nun mal um das, was mich an modernen Vampiren mit am Meisten stört: Der Mythos hierarchisch aufgebauter Vampirgesellschaften. Vampir A beißt einen Menschen und macht ihn damit nicht nur zum Vampir, sondern auch zu seinem Untergebenen. Einer Art Sklaven, der sich wieder eigene Sklaven erschafft, die natürlich ihrem Meister gehorchen müssen, aber auch dessen Herren.

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Bild: ilaria88 via Pixabay

Zusammen mit dem „Vampire-sind-so-heiß-und-überlegen-Hype“ finde ich das eine sehr ungesunde Mischung, um es diplomatisch auszudrücken. Damit werden Sklaverei und Abhängigkeit nämlich nicht nur quasi als Naturgesetz verkauft, sondern auch noch als ganz großartig.
Von Auflehnung und Aufstand ist nur in den wenigsten Fällen etwas zu merken. Schon bei Anne Rice sind die „Obervampire“ die Heißesten, Härtesten und Großartigsten von allen. Lebendige Götter.

Mit den alten Vampirlegenden, in denen der Vampir eine zerstörerische Kraft war, die es zu vernichten galt, ist das nur schwer zu vereinbaren. Die Nachzehrer, Wurdalaks und wie sie noch genannt wurden, hatten überhaupt kein Interesse, irgendwelche Geheimgesellschaften zu erschaffen.
Selbst Dracula war – von seinem Harem abgesehen – ein Einzelgänger. Sein übergeordneter Stand resultierte aus seinem Titel, nicht daraus, wen er gebissen hatte.

Möglicherweise kommt die heute bestehende Verknüpfung von Vampirismus und Rangverhältnissen in der romantischen Verbrämung einer Zeit, in der jeder wusste, wo „sein Platz“ war. Das sorgt immerhin für klare Verhältnisse.

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Bild: Jo-B via Pixabay

In der modernen Gesellschaft sind derartige, auf Geburt beruhende Über-und-Unterordnungsverhältnisse dagegen nur schlecht zu rechtfertigen. Noch weniger verstehe ich sie bei Vampiren.
Gut, wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch dadurch zum Vampir wird, dass er Vampirblut trinkt, ließe sich immerhin die vergleichsweise Schwäche der neu entstandenen Vampire gegenüber den Alten erklären. Allerdings ist hier meiner Meinung nach schon die Prämisse schwach, will sagen: Es ist unverständlich, warum das Blut diese Wirkung haben sollte. Außerdem sind die körperlichen Unterschiede noch kein Grund, von einem Abhängigkeits- oder Über-/Unterordnungsverhältnis auszugehen.
Wenn man, wie ich, von einem Virus als Überträger ausgeht, ist eine derartig Rangordnung sogar noch schlechter begründbar. Hier fällt schon die Überlegenheit der Urvampire weg. Sie sind zwar der Infektionsherd aber die Wirkung der Grippe wird ja auch nicht schwächer, wenn man sich bei jemandem anderen ansteckt.

Überhaupt passt dieser ganze Rangordnungskram eigentlich viel besser auf eine andere Gattung von Fantasy-Wesen. Und zwar ausgerechnet auf die, die sich angeblich seit je her im Krieg mit Vampiren befinden. Ich spreche natürlich von Werwölfen.

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Der Werwolf – nur das haarige Gegenstück zum eleganten Vampir?

Ausgerechnet die werden, jedenfalls in ihrer Wolfsform, oft als hirnlose Bestien skizziert – und das, obwohl gerade Wölfe sehr ausgeprägte Sozialstrukturen haben. Eine Geheimgesellschaft von Werwölfen könnte ich mir daher sogar ausgesprochen gut vorstellen.
Wenn aber Vampire und Werwölfe in ewiger Feindschaft verbunden sind, also, um das Sprichwort zu bemühen „wie Hund und Katze“ – wäre es da nicht glaubhafter, wenn Vampire sich auch in ihrer Lebensart deutlich von Werwölfen unterschieden? Was, wenn Vampire im Gegensatz zu Werwölfen Anarchisten wären? Freigeister, die nur dem eigenen Willen gehorchend, wie Katzen – würde das Vampire weniger attraktiv machen?


Für alle, die neu eingestiegen sind, oder aus anderen Gründen einen der älteren Beiträge noch einmal lesen möchten, habe ich sie hier noch einmal verlinkt:
Teil 1: Wie wird man eigentlich Vampir?
Teil 2: Was macht (meine) Vampire aus?
Teil 3: Die Ernährungsfrage
Teil 4: Das Gebiss


Cover thumpSie will nicht nur dein Blut! Silke hat ganz andere Interessen. Dazu braucht sie den richtigen Mann – wenn auch nicht aus den üblichen Gründen.

Biss zum letzten Akt gibt es als Print und als E-Book überall dort, wo es gute Bücher gibt.

Vorab eine Leseprobe gefällig? Dann bitte hier entlang!