Engelszähne

Wusstest du, dass das, was wir hier unten auf der Erde als „Hagel“ bezeichnen, in Wahrheit Engelszähne sind? Nein?

Dann nimm‘ dir etwas zu trinken und höre gut zu!

Natürlich verlieren Engel ihre Zähne nicht so einfach – schon gar nicht in solchen Mengen. Engel haben auch keine Milchzähne, wie kleine Kinder. Das ergäbe ja auch gar keinen Sinn, da sind wir wohl einig. Wir sind uns wohl auch darüber einig, dass man zum Harfe spielen oder um im Himmelschor mitzusingen, einen Körper benötigt. Klar, für einige andere Dinge auch. Sogar als Engel. Aber das lassen wir mal außen vor.

Jedenfalls bekommt jede neu durch das Himmelstor getretene Seele einen Körper, den sie sich nach dem Baukastensystem selbst zusammenbauen darf. So behalten die Engel ihre Individualität, obwohl sie aus Normbauteilen bestehen. Selbstverständlich sind diese Körper perfekt (selbst, wenn sie nicht unbedingt humanoid aussehen, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Schließlich ist im Himmel alles perfekt.

Zu einem perfekten System gehört auch das Recycling von Rohmaterialien. So bald eine Seele den Himmel verlässt, um wiedergeboren zu werden, kommen die Engelskörper daher in die Werkstatt, wo sie auseinandergenommen werden. Die Einzelteile werden anschließend generalüberholt und in Kisten gelagert, damit die neuen Seelen darauf zugreifen können.

Wie man sich vorstellen kann, ist dieses Lager ziemlich groß und die Kisten mit den Zähnen stehen ziemlich weit hinten. Daher kommt es manchmal vor, dass ein schusseliger Transportengel oder eine besonders tollpatschige Seele eine dieser Kisten umschmeißt. Wenn das passiert, hagelt es hier unten Engelszähne. Weisste Bescheid!


Die Geschichte entstand heute spontan auf Twitter als nach einem Synonym für „Hagelkorn“ gesucht wurde. Danke an @ME_Lee_Jonas für die schöne Inspiration!

Die Flut

Ein Märchen

Es war einmal, vor langer Zeit, da lebte ein König in seinem Schloss, hoch über dem Meer. Oft stand er auf den Zinnen des Nordturms, sah hinaus auf die rollende See, zählte die Segel seiner Handelsflotte und der vielen kleinen Fischerboote. An anderen Tagen erfreute er sich vom Südturm aus am Anblick des fruchtbaren Lands zu seinen Füßen. Wälder wechselten sich dort mit Wiesen, Weiden und wohlbestellten Felder. Dazwischen lagen Dörfer und kleine Städte. Der König sah es mit Wohlgefallen.
So vergingen Wochen, Monate und Jahre. Das Land gedieh, das Volk war zufrieden und alles war gut.

Doch dann, eines Tages geschah es, dass die Oberste Seherin vor den König trat und sagte: „Hört mich an, Majestät! Das Reich ist in Gefahr. Die Berechnungen haben ergeben, dass uns eine Flut nie gekannten Ausmaßes droht. Lasst unverzüglich die Deiche erhöhen und die Hafentore schließen.“
Bevor der König antworten konnte, mischte sich sein ältester Sohn, Prinz Beilfried ein. „Es liegt mir fern, an Eurer Weisheit zu zweifeln Hochehrwürdige“, sagte er. „Aber wenn wir jetzt die Hafentore schließen, wird unsere Handelsflotte nicht mehr ausfahren können. Also lasst uns nichts überstürzen, sondern abwarten. Wenn es wirklich so kommt, wie ihr sagt, sind die Tore schnell geschlossen.“
„Auch lassen sich die Deiche nicht so einfach erhöhen“, sprach des Königs älteste Tochter, Prinzessin Irmengarda. „Wo sollten wir den Sand hernehmen und die Arbeitskräfte? Gerade wird jede Hand auf den Feldern gebraucht, um zu pflügen, zu eggen und um die Saat auszbringen!“
„Es wird keine Ernte geben, wenn Ihr nicht handelt“, prophezeite die Oberste Seherin düster. „Das Meer wird sich das Land holen, bis allein der Felsen übrig ist, auf dem dieses Schloss erbaut wurde.“
„Nun übertreibt Ihr aber!“, protestierte Prinz Lodegar, der den Beinamen „der Fromme“ trug. „Der Herr der Meere und die Herrin der Winde sind uns wohlgesonnen, seit wir ihre Namen in Ehren halten und alle Opfer zu den vorgeschriebenen Zeiten erbringen. Nie würden sie uns schaden!“
Der König wiegte sein Haupt und strich sich über seinen Bart. Er wollte weder die Warnung der Obersten Seherin in den Wind schlagen, noch seinen Kindern widersprechen, deren Einwände ihm ebenfalls begründet erschienen.
„Was ziehst du für ein ernstes Gesicht, lieber Vater?“, erklang da die liebliche Stimme von Prinzessin Leontine, seiner jüngsten Tochter. „Dazu noch an einem so schönen Tag wie heute. Stell’ dir vor: Als ich eben in den Hof treten wollte, geriet ich ins Stolpern und noch während ich mich zu fangen versuchte, klatschte neben mir ein Vogelsch…“ Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund, als wolle sie das unfeine Wort zurückdrängen. Dann aber fuhr sie lachend fort: „Man sagt, es bringe Glück, nicht wahr? Aber ich finde, dass ich schon Glück hatte, von dem Batzen nicht getroffen worden zu sein. Meinst du nicht auch? Mein Kleid wäre verdorben gewesen und damit auch der ganze Tag!“ Sie ergriff die altersfleckige Hand des Königs und küsste sie. „Und da mein Tag gerettet ist, ist es deiner auch. Egal, was auch immer diese hässliche alte Krähe dort sagt! Mit deiner Erlaubnis werde ich sie herausbefördern.“ Und ehe der alte König etwas sagen konnte, hatte sich die Prinzessin schon der Obersten Seherin zugewandt. „Schusch!“, machte sie und wedelte mit den Armen. „Mach, dass du wegkommst!“
Nun liebte der König unter all‘ seinen Kindern ausgerechnet seine jüngste Tochter am meisten, auch wenn er diese Zuneigung nicht einmal sich selber eingestand. Sie mochte im Kopf nicht die Hellste sein, aber sie hatte so ein sonniges Gemüt, dass er ihre Unarten oft und gern verzieh. Doch dieses Mal ging ihr Verhalten zu weit, deshalb tadelte er sie scharf und befahl ihr, sich bei der Obersten Seherin zu entschuldigen. Nachdem das geschehen war, ergriff er selber das Wort und bedankte sich bei der Obersten Seherin für ihre frühzeitige Warnung. „Ihr sollt wissen, dass ich dies sehr ernst nehme. Wenn eintrifft, was Ihr sagt, stehen wahrlich schlimme Zeiten bevor! Jedoch kann kein König es sich leisten, nur auf eine Meinung zu hören“, fuhr er fort. „Ihr selber habt gehört, was meine Kinder vorzubringen hatten. Und wenn ich Eure Warnung gegen ihre Einwände abwäge, ist festzustellen, dass es nur eine Stimme für das Schließen der Tore und das Erhöhen der Deiche gibt, hingegen aber vier dagegen.“
„Die kommende Flut sind Mehrheiten egal“, entgegnete die Seherin. „Wenn Euch euer Volk und Euer Land am Herzen liegt, müsst ihr jetzt handeln!“
Doch nichts vermochte, den König umzustimmen. „Ihr habt Eure Pflicht getan und mir Eure Bedenken vorgetragen. Aber es ist an mir zu entscheiden, wie ich mit solchen Warnungen umgehe, Hochehrwürdige.“ Ein harter Ton schlich sich in seine eben noch sanfte Stimme. „Und meine Entscheidung steht fest. Ihr könnt gehen.“

Sieben Wochen später, als schon niemand mehr an die Prophezeiung dachte, stieg die Flut. Drei Tage rollte sie gegen die Deiche und brandete gegen die hastig geschlossenen Hafentore. Als sich das Wasser endlich zurückzog, hatte das Meer ein Viertel des Landes verschlungen.
Nun war die Bestürzung groß. Noch größer aber wurde sie, als die Oberste Seherin erneut vor den Thron trat und sagte, dies sei nicht die eigentliche Katastrophe gewesen. „Ihr müsst die Deiche erhöhen lassen, Majestät!“, mahnte sie eindringlich.
„Wozu den Aufwand?“, widersprach Prinz Beilfried. „Wegen ein bisschen Küste? Was ist denn schon passiert, außer dass paar Steine ins Meer gestürzt sind? So etwas ist in der Vergangenheit passiert und es wird wieder geschehen. Kein Grund, sich deshalb Sorgen zu machen!“
„Das Meer wird sich noch weit höher erheben“, prophezeite die Seherin. „Glaubt mir Majestät: Ihr müsst die Deiche erhöhen. Eure Hafentore sind stark, sie werden widerstehen. Aber das alles nützt nichts, wenn Eure Deiche zu schwach sind. Daher dürft nicht untätig bleiben, sonst wird sich das Meer Euer Land holen, bis nur noch der Felsen übrig bleibt, auf dem Euer Schloss erbaut ist.“
„Deiche lassen sich nicht so einfach erhöhen“, erklärte Prinzessin Irmengarda. „Ich dachte, diesen Punkt hätten wir bereits geklärt! Außerdem haben unsere Deiche bisher immer gehalten – selbst beim großen Sturm vor 100 Jahren. Es gibt wirklich gar keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie auch dieses Mal widerstehen werden.“
Der König wiegte sein Haupt und strich über seinen Bart. Die Worte der Obersten Seherin hatten ihn beunruhigt. Aber sie ging zu weit, ihn so zu bedrängen! Sie hätte ihm die Entscheidung überlassen sollen, was zu tun sei. Alles andere untergrub seine Autorität. Wenn er tat, was sie empfahl, würde es in den Augen seiner Kinder und des Volkes wirken, als hätten ihre Worte ihm Angst eingejagt. Das war nicht falsch, aber als Regent durfte er diese auf keinen Fall zeigen. Er musste die gleiche Gelassenheit und Ruhe ausstrahlen, wie Prinzessin Irmengarda und gleichzeitig entschlossen und tatkräftig wirken. Was also tun?
Noch während er nachdachte, betrat Prinzessin Leontine den Raum. Sie war in Begleitung eines hochgewachsenen, schlanken Mannes, dessen rollender Gang ihn als Seemann auswies. „Das, Papa, ist Kapitän Pequod. Ich habe ihn auf dem Ball neulich kennengelernt und als ich sah, dass die alte Krähe“, sie streckte der Obersten Seherin die Zunge heraus, „wieder da ist, habe ich beschlossen, ihn mitzubringen. Er kann dir sagen, wie es auf dem Meer wirklich aussieht!“
Der Kapitän verbeugte sich schneidig, bevor er zu erzählen begann. Er befehlige einen großen Frachter, der auf der Südroute eingesetzt sei. Den Sturm habe man aufziehen sehen, aber trotz anfänglicher Besorgnis sehr gut überstanden. „Das Wesentliche ist jedoch, dass diese Überschwemmung etwas Einmaliges war“, versicherte er. „Das Meer ist wieder vollkommen friedlich. Es wird keine Fluten wie diese mehr geben.“
Seine Worte erfüllten den König mit großer Erleichterung, auch wenn eine leise Stimme ihm zuflüsterte, dass eine Zufallsbekanntschaft einer seiner Töchter vielleicht nicht der beste Gewährsmann wäre und es daher besser sei, auf die Warnungen und Ratschläge der Obersten Seherin zu hören. Um diese lästige Stimme zum Verstummen zu bringen, aber auch, um allen zu zeigen, dass immer noch er es war, der die Entscheidungen traf, ordnete der König an, dass dennoch Maßnahmen zur Vorsorge getroffen werden sollten. „Die Geschichte lehrt uns, dass es immer wieder zu Fluten kommt“, sprach er gravitätisch. „Daher wäre es fahrlässig uns nicht zu wappnen, wenn wir schon gewarnt werden.“ Andererseits bestehe kein Anlass, die Dinge zu überstürzen, fuhr er fort. Unmittelbare Gefahr drohe nicht, darauf hätten sowohl der Kapitän als auch Prinzessin Irmengarda hingewiesen. Er habe daher beschlossen, eine Kommission einzuberufen. „Sie wird eine Untersuchung der Deiche einleiten und danach entscheiden, in welchem Maße eine Verstärkung notwendig ist und Empfehlungen erarbeiten, in welcher Reihenfolge sie vorgenommen werden sollte.“ So bald die Ergebnisse vorlägen, werde man darüber beraten, welche Mittel dafür bereitgestellt werden müssten, um dann unter Abwägung der anfallenden Kosten zu einer endgültigen Entscheidung zu gelangen.
„Das ist zu spät“, rief die Oberste Seherin. „Viel zu spät! Euch mag das Meer ruhig erscheinen, Majestät, aber ich sage Euch: Die Flut kommt!“

Doch wie schon beim ersten Mal, hörte auch jetzt keiner auf sie. Daher war niemand vorbereitet, als das Meer wieder stieg.
„Noch könnt Ihr etwas unternehmen, Majestät!“, drängte die Seherin. „Lasst Eure Bauern Erde in Säcke füllen und auf die Deichkronen legen. Das wird uns Zeit verschaffen, Mensch und Vieh von der Küste auf die Hügel im Süden zu bringen.“
„Wo kommen wir hin, wenn wir wahllos Löcher graben lassen!“, rief Prinz Beilfried. „Am Ende fällt noch jemand hinein und verletzt sich.“
Auch Prinzessin Irmengarda zeigte sich entsetzt. „Wir können die Menschen nicht einfach von der Küste wegbringen“, erklärte sie. „Sie werden hier gebraucht. Wer soll sich dann um die Felder kümmern? Zudem steht die Schafschur bevor. Wir können es uns nicht leisten, eins davon zu vernachlässigen! Wie soll das Königreich prosperieren, wenn wir keine Wolle für den Handel und kein das Getreide als Nahrung haben?“
Die Oberste Seherin wollte einwenden, dass es kein Königreich mehr geben werde, wenn nicht unverzüglich Maßnahmen getroffen würden, wurde aber sofort von Kapitän Pequot unterbrochen, der darauf hinwies, dass das Meer immer wieder mal steige. „Das nennt sich Tidenhub, Verehrteste!“
Sie sei mit dem Wechsel der Gezeiten vertraut, besten Dank auch, wollte die Oberste Seherin erwidern, wurde jedoch von einer Handbewegung des Königs zum Schweigen gebracht. „Wir sollten uns nicht aus Furcht zu überstürztem Handeln hinreißen lassen“, sagte er. „Die Kommission tut ihre Arbeit. Sie wird zu gegebener Zeit ihre Ergebnisse vorstellen. Bis dahin sind wir alle sicher.“
Damit beendete er die Audienz, denn er war der vielen Stimmen müde. Trotzdem stand er an diesem Tag lange an seinem Ausguck auf dem Nordturm. Das Meer glitzerte blau und silbern zu seinen Füßen. Die Sonne hüllte ihn in wohlige Wärme. Alles war gut. Er hatte entschieden. Sein Herz füllte sich mit Ruhe.
Doch in der Nacht kam erneut Sturm auf. Das aufgewühlte Wasser stieg und hörte nicht auf zu steigen. Drei Tage brandete das Meer gegen die Deiche und schwappte über die Kronen. Am vierten Tag brach es durch. Schlammfluten überrollten die Felder und die panisch gen Süden fliehenden Menschen. Sieben Tage dauerte der Sturm. Als er sich endlich legte, gab es keine Deiche mehr und das Königreich war um ein weiteres Drittel kleiner geworden. Nur die Hauptstadt hatte die Überschwemmung weitgehend unbeschadet überstanden, weil der Hafenmeister vorsorglich die Hafentore geschlossen hatte.

Das Entsetzen im Königreich war groß. Der König rang verzweifelt die Hände, während Prinz Lodegar im Thronsaal auf und ab stolzierte und laut ausrief, das alles sei eine Strafe der Götter dafür, dass man dem Herrn des Meeres und der Göttin des Windes nicht ausreichend gehuldigt habe. „Ein kleines Opfer – wäre das etwa zu viel gewesen? Aber statt sich ihrer Gunst zu versichern, haben wir uns von ihnen abgewandt. Statt uns in ihre Hand zu begeben, haben wir uns abgewandt und wollten Deiche errichten, die sie ausschließen.“ Er stemmte die Hände in die Hüften und blieb vor Prinzessin Irmengard stehen. „Ist es da ein Wunder, dass sie uns dann erst recht ihre Macht spüren lassen?“, fragte er herausfordernd.
„Die Götter sind mir gerade ziemlich egal“, erwiderte sie. „Aber die Wirtschaft! Wie sollen wir noch Handel treiben, nachdem das Meer Land, Vieh und Ernte weggerissen hat?“ Sie seufzte tief. „O Vater, was sollen wir nur tun?“
Der König aber wusste auch keinen Rat.
„Was macht ihr alle für ernste Gesichter“, ertönte da von der Tür her die Stimme der Prinzessin Leontine. „Die Gefahr ist vorbei. Kapitän Pequot hat gesagt, es wird keine weitere Welle mehr kommen! Draußen scheint die Sonne und das Meer glitzert herrlich in der Sonne!“ Sie machte ein paar fröhliche Tanzschritte auf den Thron zu. „Komm mit mir Vater! Und ihr anderen auch! Ihr müsst mit hinauskommen und es selber ansehen, statt hier drinnen Trübsal zu blasen.“

Aber als sich der König erhob, fand er sich der Obersten Seherin gegenüber. Ungehört und ungesehen hatte sie die große Halle betreten; so unbeachtet, dass es schien, als sei sie dem Boden selbst entwachsen. Ihr Haar war wirr. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und ihre Stimme klang rau und brüchig. „Zwei Mal habe ich Euch gewarnt, Majestät!“, sagte sie. „Zwei Mal ist eingetreten, was ich prophezeite. Wollt Ihr dieses Mal auf mich hören? Es ist noch nicht vorbei. Am siebenten Tag von heute an, wird eine weitere Welle kommen und sie wird gewaltiger sein als beide vorher. Daher rate ich Euch: Schickt alles Volk ins Landesinnere auf die Hügel! Lasst sie das Vieh mitnehmen und Boote. Von ihrem Besitz so viel, wie sie tragen können, doch keine Wagen, denn dafür wird der Platz nicht reichen. Die Stärksten und schnellsten aber sollen aus den Häusern und allem, was darin ist Wälle bauen und Wurten aufschütten. So werdet ihr vielleicht nicht euer Land, aber wenigstens das Volk retten und könnt einen Neuanfang wagen, wenn das Wasser gefallen ist.“ Ihre Stimme brach.
Augenblicklich begannen die Prinzen und Prinzessinnen zu reden.
„Was ist das für ein Unsinn?“, verlangte Prinz Beilfried zu wissen. „Boote ins Landesinnere! Wer hat davon schon einmal gehört?“
„Mensch und Vieh auf die Hügel?“, empörte sich Prinzessin Irmengarda. „Bei aller Ehrbietung Hochehrwürdige, aber das ist ausgeschlossen! Sie werden auch das letzte bisschen Saat zertrampeln.“
„Und wofür? Das ist doch alles Panikmache!“, erklärte Prinzessin Leontine. „Kapitän Peyquot hat genau dargelegt, dass das Meer nicht mehr steigen wird!“
Prinz Lodegar nickte eifrig. „Genau so sehe ich es auch und dafür sollten wir dem Herr des Meeres und der Herrin der Winde Dankbarkeit zeigen. Da trifft es sich gut, dass in genau sieben Tagen das Opferfest ist. Statt das Volk in die Hügel zu bringen, wo es nur alles zerstört, sollten wir dazu aufrufen, an diesem Tag besonders zahlreich an den Strand zu gehen. Nichts verbindet mehr als die Riten. Nichts entschädigt mehr für die Verluste und nichts wird die Götter mehr besänftigen als diese Bestätigung unseres tiefen Glaubens und unserer Verehrung.“
„So schließt wenigstens die Hafentore“, sagte die Oberste Seherin matt. „Vielleicht rettet Ihr dann mit etwas Glück wenigstens noch die Hauptstadt.“
„Die Hafentore schließen?“, schrie Prinzessin Irmengarda entsetzt. „Die Läger sind voll und der Handel ist das Einzige, was uns in unserer Lage noch bleibt.“
„Keinesfalls können wir die Tore schließen“, bestätigte Prinzessin Leontine. „Kapitän Pequot hat heute Morgen Segel gesetzt und wird in sieben Tagen zurückkehren. Auf keinen Fall lasse ich zu, dass er auf dem offenen Meer Anker werfen muss!“
„Ich kann euch nur sagen, was ich gesehen habe“, erwiderte die Oberste Seherin. „Es bleibt Euch überlassen, daraus Schlüsse für Euer Handeln zu ziehen, doch wahrlich, ich sage Euch: Wenn ihr so handelt, wie beabsichtigt, wird von Euch allen nichts bleiben als blanke Knochen. Euer Schloss wird noch eine Weile über dem Meer aufragen. Doch mit der Zeit wird es ebenso zerfallen wie Euer Reich und seine bröckelnden Mauern werden nur noch den Möwen als Wohnsitz dienen. Ihre Schreie werden zwischen den Mauern hallen wie die Schreie derer, die durch Euer Zaudern ertrunken sind.“ Sie warf sich die Kapuze über und schlurfte aus dem Saal.
„Und wenn wir die Tore nur ein Stück weit schließen?“, rief der König ihr nach. „Und fleißig messen?“
Doch er erhielt keine Antwort.

Nachdem die Oberste Seherin den Saal verlassen hatte, begab sie sich zum Hafen, wo sie ein Boot bestieg, das sie in ein fernes Land brachte, in dem sie noch viele Jahre glücklich lebte.
Dem König und seinen Kindern aber war weniger Glück beschieden. Sieben Tage nach Abreise der Obersten Seherin brach die Flut nachts donnernd über das Land herein. Eine Weile hörte man oben im Schloss noch die Schreie der ertrinkenden Menschen und das Brüllen des Viehs. Als sie verstummten, füllten nur das Brausen des Windes und das Tosen der Wogen die Dunkelheit.
Dann folgte Stille. Schwer wie ein bleiernes Tuch lag sie über dem Schloss. Sie erstickte das Schluchzen der Bewohner, die einige Tage, wie hohläugige Geister durch die Räume irrten, bis sie sich, von Durst und Hunger entkräftet, hinlegten, um nie wieder aufzustehen.

So erfüllte sich die Weissagung der Seherin. Noch heute steht das Schloss oben auf dem Felsen, hoch über dem Meer. Es ist schwer zu erkennen, denn seine Mauern sind längst zerfallen. Nur Wind und Möwen hausen dort – aber die Fischer, die sich wieder in diese Gegend wagen, schwören, gelegentlich die Geister der Ertrunkenen schreien zu hören.

Klippen im Meer
Photo by Valeriia Miller on Pexels.com

Geisterstunde

Wir nähern uns Halloween, Allerseelen und Samhain; der Zeit, in der die Grenzen zwischen der Welt der Toten und der der Lebenden dünn werden. Passend dazu ist die Tagesaufgabe des IndieBuchtobers: ein Buch mit Geistern.

Da in meinen Büchern immer mal wieder Geister auftauchen, nutze ich die Gelegenheit selbst ein bisschen Werbung zu machen. Meine „Lieblingsgeister“ sind Seraina, Hulda und Pirmin, deren Geschichte in Der Fluch des Spielmanns erzählt wird. Der Erzähler ist ein „Kollege“; der einzige Überlebende einer Truppe fahrender Spielleute.

Buchcover: Der Fluch des Spielmanns

Wer sind die drei Geister, die Corvin nachts heimsuchen und ihn sogar bis in die Hütte von Vater Gion verfolgen?
Seine Beichte offenbart eine tragische Liebesgeschichte. Aber natürlich sind die Dinge noch weit komplizierter.

Der dritte Band des Codex Aureus entführt ins frühe Mittelalter, in eine Zeit, in der der Hexenglaube höchst lebendig war und ein unbedachtes Wort tödliche Folgen haben konnte.

(Klappentext)

Der Erzählung liegt so etwas wie eine wahre Geschichte zugrunde: Vor einigen Jahren wurde an einer abgeschiedenen Stelle der Schweizer Alpen ein Grab gefunden, in dem drei Skelette lagen. Oder besser gesagt: Die Überreste von drei Skeletten, denn im Grunde handelte es sich nur noch um die großen Knochen. Archäologen stellten fest, dass sie im frühen Mittelalter bestattet worden waren. Allerdings entsprach die Bestattung in keiner Weise den damals üblichen Begräbnissitten. Außerdem wiesen alle drei Skelette erhebliche Verletzungen auf, wie sie eigentlich nur aus kriegerischen Auseinandersetzungen bekannt sind. Aber ein Krieg in dieser Gegend? Außerdem gehörten zwei der Skelette Frauen. Kurz gesagt: Das Ganze war ein Rätsel. Nichts passte zusammen.

Ich habe versucht, aus den Teilen ein stimmiges Bild zu machen. Ob das gelungen ist, müssen andere entscheiden.


01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Werwölfe bei Neumond
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbisgemetzel
03.10.Supernatural18.10.Gesucht wird ein Herbstkrimi
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstlich-schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Geisterstunde
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.Der Herbst, der Herbst,
der Herbst ist da
26.10.Buch und Schal
12.10.Heißes für die kalte Zeit27.10.schwarz und orange
13.10.Nun schlägt es dreizehn28.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichte29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten.)

Kürbisgemetzel

Wir haben Oktober. Halloween steht vor der Tür. Zeit für den uralten Brauch, die Kürbisse zu schlachten!

Na gut, so alt nun auch wieder nicht. Jedenfalls nicht bei uns in Deutschland. Hier gibt es zwar einige Bräuche zu Allerseelen (d. h. dem 1. November), zu denen auch gehört, den Toten eine Kerze aufs Grab zu stellen, aber Kürbisse gehören ursprünglich überhaupt nicht hierher. Der kam erst über einen Umweg aus Irland zu uns.

Auch in Irland gab es den Brauch, an all Hallows eve eine Laterne für die toten Seelen aufzustellen. Der Legende nach schnitzten die armen Leute ihre Laternen aus Rüben, weil die billig waren (Wir reden hier über das 18./19. Jahrhundert und wenn es damals schon Kürbisse in Irland gab, dann nur als teure Importe.).
In der Zeit wanderten aber auch viele Iren aus. Im Zuge dieser Auswanderung kam der Brauch nach Amerika und dort begegneten die Ausgewanderten dem Kürbis. Sie entdeckten schnell, dass sich Kürbisse viel besser zu Laternen eignen, weil sie größer und standfester sind. Außerdem ist das weiche Innere schnell rausgekratzt.
Nach Deutschland kamen Halloween und der inzwischen dazugehörende Kürbis aber erst mit den Familien der hier nach dem zweiten Weltkrieg stationierten Soldaten. Den großen Durchbruch erreichte Halloween aber erst, als der Einzelhandel entdeckte, dass sich mit Kostümen, Halloweenartikeln, Halloweenkochbüchern u. s. w. richtig Geld machen lässt.

Nein, das wird keine Kapitalismuskritik, keine Sorge. Ich mag Kürbisse. Außerdem befinden wir uns noch immer im IndieBuchtober, d. h. auch heute stelle ich wieder ein Indie-Buch vor.

Dieses Mal ist es das Kürbisgemetzel der Münchner Schreiberlinge, eine Anthologie, in der sich alles um Spuk und Grusel dreht und wo in jeder Geschichte ein Kürbis auftaucht.

Anders, als der Titel suggeriert, werden nicht alle gemetzelt. Manche überleben. So z. B. das sehr schwatzhafte Gemüse aus der Auftaktgeschichte.

Kürbisgemetzel ist ein sehr schönes Buch für lange Herbstabende. Selbst, wenn man Kürbissen kulinarisch nichts abgewinnen kann.



Alle Aufgaben der IndieBuchtober Challenge auf einen Blick
:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Werwölfe bei Neumond
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbisgemetzel
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.Der Herbst, der Herbst,
der Herbst ist da
26.10.Buch und Schal
12.10.Heißes für die kalte Zeit27.10.schwarz und orage
13.10.Nun schlägt es dreizehn28.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichte29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

Werwölfe bei Neumond

Am 16. Tag des IndieBuchtobers, der Indie-Buch-Challenge, stehen Werwölfe auf dem Plan.

Werwölfe, das sind doch diese schrecklichen, haarigen Biester … Ach nein, pardon, ich verwechsle da gerade etwas. Der Text der Ärzte bezog sich ausschließlich auf Männer. Selbstverständlich können auch Frauen Werwölfe sein und sich zu gegebener Zeit in Werwölfe verwandeln. Im Licht des Vollmonds bricht ihre animalische Natur hervor und lässt sie zu blutrünstigen Killern werden.

Ärgerlich nur, wenn just in dem Moment ein Wolkenfetzen den Mond verhüllt und die Rückverwandlung einsetzt. Ich stelle mir das jedenfalls sehr lästig vor. Aber heute Nacht ist sowieso Neumond. Wenn also stimmt, was man sich erzählt,* dann sind wir heute daher so sicher, wie es nur irgendwie geht.

Wenn du jetzt aber Blut geleckt hast und dich trotzdem mit Werwölfen gruseln möchtest, habe ich das passende Buch für dich: Werwölfe in Aremsrath von Tanja Hanika.

1873 – Nachdem seine Familie von einem Werwolf getötet wurde, zieht es Paul zu seinem Onkel nach Aremsrath in die Eifel, wo er seine eigene Apotheke eröffnen möchte. Dort hilft er der Bürgerwehr im Kampf und Doktor Moriensius bei der Suche nach einem Heilmittel gegen die Werwolfplage.

Minna ist ihm im Kampf gegen die Werwölfe eine besondere Hilfe und ein Lichtblick, während das Misstrauen der Menschen untereinander wächst.

Ein Schauerroman, in dem die menschlichen Abgründe nicht weniger Gefahr verheißen, als die Werwölfe selbst.

So viel zum Klappentext. Was mir beim Lesen gut gefallen hat, ist der Sprachstil. Er passt hervorragend zum zeitlichen Rahmen der Geschichte und vermittelt gerade am Anfang eine trügerische Sanftheit. Denn natürlich wird es blutig.


*Es gibt ältere Quellen, die nahe legen, dass Vollmond und Werwölfe genauso zusammenhängen, wie Wolfsgeheul und Vollmond – nämlich gar nicht. Aber das ist ein schönes Thema für einen eigenen Blogartikel. Den schreibe ich dann, wenn mein Werwolfwestern endlich veröffentlichungsreif ist.


Alle Aufgaben der IndieBuchtober Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Buch mit Werwölfen
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbis
03.10.Supernatural18.10.Herbstkrimi oder -Thriller
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.Der Herbst, der Herbst,
der Herbst ist da
26.10.Buch und Schal
12.10.Heißes für die kalte Zeit27.10.schwarz und orage
13.10.Nun schlägt es dreizehn28.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichte29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten)

Lesung am 16. Februar 2019 in Aschaffenburg

28768659_964298187058547_1701217180_oWenn du mich einmal echt, in Farbe und voller Lebensgröße erleben oder in meine Bücher reinhören willst, kannst du das am 16. Februar in Aschaffenburg tun. Dort werde ich im Rahmen von Literatur unter Strom in einer Doppellesung mit Monika Pfundmeier aus meinen Büchern lesen und gerne auch Fragen beantworten.

Wann genau:
Samstag, den 16.02.2019
19:00 Uhr
und 20:30 Uhr

Wo genau:
Stadtbibliothek, 63739 Aschaffenburg

Mehr Informationen, auch zu den anderen Lesungen und eine wunderbaren Übersichtskarte (damit du auch hinfindest) gibt es auf der Veranstaltungsseite  des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, mit #LiteraturUnterStrom sein 50-jähriges Jubiläum feiert.

Wenn du Zeit hast und irgendwo in der Nähe wohnst, solltest du dir das auf keinen Fall entgehen lassen. Ich jedenfalls würde mich freuen, dich dort zu treffen.

Geister gibt es nur zu Halloween?

Von wegen!

In den europäischen Sagen und Legenden spukt es zu allen Jahreszeiten. Das gilt nicht nur für die, eher in Schlössern und Burgen beheimateten, weißen Frauen. In den Wäldern muss man sich nachts vor Huckaufs fürchten und im Moor sollte man keinesfalls den Irrlichtern folgen. Aber auch auf freiem Feld ist man nicht sicher, weil dort Hafermann und Roggenmuhme ihr Unwesen treiben.

Jetzt, nachdem die Ernte eingeholt wurde, geben die letztgenannten zwar Ruhe – dafür beginnt allerdings bald die Zeit der wilden Jagd.

Eine wunderbare Zeit, sich ein bisschen zu gruseln. Denn als aufgeklärte Menschen glauben wir selbstverständlich nicht an Geister, oder?

Vorankündigung 1

 

Crash, Boom, BÄNG! Superhelden und Gewalt

Zugegeben: Ich kann Superhelden wenig abgewinnen. Aber seit meinem jüngeren Sohn das Star Wars Universum zu eng geworden ist und er Marvels Multiversen erkundet, werde ich zunehmend mit Charakteren und Stoffen bekannt, mit denen ich mich aus eigenem Antrieb nicht beschäftigt hätte. Allerdings hat er es nicht so mit Comics, sondern mehr mit den Filmen. Deren Erscheinen erwartet er nicht nur sehnsüchtig, er guckt auch jeden Trailer, den er finden kann, bis der Film dann endlich, endlich in die Kinos kommt.
Diese Sehnsucht wird natürlich mitgeteilt und da er noch nicht alt genug ist, die Filme ohne Begleitperson zu sehen, komme ich immer mal wieder mit.

https://pixabay.com/de/kapow-comic-comic-buch-kampf-1601675/
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Prügeleien und kein Ende

Was mir an den Filmen auffällt, sind ein sehr einheitlicher Aufbau und der exzessive Einsatz von Gewalt. Ganz besonders fiel mir das bei Batman vs. Superman* auf; ein Film, in dem ich mich unendlich gelangweilt habe. In meiner Erinnerung besteht der Film fast ausschließlich aus einer Aneinanderreihung von Prügeleien und Explosionen. Vielleicht ist mir das deshalb so aufgefallen, weil die Handlung so dünn und die Charaktere so schlicht gestrickt waren. Jedenfalls ging das, der Geschichte angeblich zugrunde liegende Dilemma zwischen Explosionen, Rauch und Staub unter.
Eins hat der Film dann aber doch bewirkt. Nämlich, dass ich angefangen habe, mir Gedanken über Zweck und Stellenwert Gewalt im Konzept der Superheldenfilme zu machen. Gewalt ist ganz offensichtlich ein integraler Bestandteil, ob man sich jetzt Superman anguckt, die X-men oder eher lustig gemeinte Varianten wie Die Unglaublichen: Der Grundkonflikt ist genauso physischer Natur wie die Lösung. Oder um es weniger abstrakt zu formulieren: In jeder Superheldengeschichte es gibt eine äußerliche Bedrohung, die auf die Vernichtung von Leben zielt und die von den Helden unter Aufbietung aller, ihnen zur Verfügung stehenden besonderen Fähigkeiten beseitigt werden muss. Auffallend ist, dass diese Fähigkeiten vor allem dafür verwendet werden, die eigene Kampfkraft und die der Verbündeten zu erhöhen.
Bruce Wayne baut keine Schulen. Er unterstützt auch keine Präventionsprojekte, die Gotham etwas sicherer machen würden. Sein ganzes Vermögen steckt in Batmans Ausrüstung. Gleiches gilt für Tony Stark, der das Äquivaltent zu Batman ist, nur eben bei Marvel. Auch Tony Stark ist ein reicher Industrieller und Lebemann. Auch er baut coole Gadgets. Gelegentlich rüstet er damit auch die Agenten von S.H.I.E.L.D aus. Aber darin erschöpft sich seine Großzügigkeit.

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Können die nicht denken?

Warum ist das so? Warum fällt selbst den intelligentesten Superhelden, keine Lösung ein, die nicht auf eine physische Auseinandersetzung hinausläuft?
Die naheliegendste Erklärung ist natürlich, dass die Welt der Superhelden nun mal so ist: Geprägt von Gewalt und Düsternis und bevölkert von mächtigen Superschurken, die andere ausbeuten und gewaltsam unterjochen. Superhelden werden oft schon früh mit Gewalt konfrontiert. Sie sind das Ergebnis skrupelloser Menschenversuche (Black Bold, Wolverine, Deadpool, Cloak, Dagger), ihre Eltern werden ermordet (Spiderman, Superman, Daredevil, Drax the Destroyer), sie selber gemobbt (Spiderman) oder wegen ihrer besonderen Fähigkeiten verfolgt (X-Men). Daher könnte man die These wagen, dass sie, auch weil sie nichts anderes als Gewalt gelernt haben, auch nur mit Gewalt reagieren können und dass es sie auszeichnet, dabei nicht bis zum letzten zu gehen, sondern den Gegner im Endkampf zu schonen.

Allerdings greift dieser Ansatz zu kurz, denn er betrifft nur einen kleinen Teil der Superhelden, die vielfach auch aus gutbürgerlichen oder sogar sehr wohlhabenden Verhältnissen stammen, wie Batman, Ironman, Elektra (oh, eine Frau!) oder Janet van Dyne alias the Wasp (noch eine Frau!). Black Panther ist nicht nur reich, sondern sogar königlicher Abstammung.
Und obwohl Wakanda, das Herkunftsland von Prinz T‘Challa, über ein einzigartiges Rohstoffvorkommen verfügt, die Wakandaner (ich hoffe, die Form stimmt) technische Wunderleistungen vollbringen und friedlich im allgemeinen Wohlstand zusammenleben, wird dieses einzigartige Rohstoffvorkommen im Wesentlichen für die Entwicklung von intelligenten Waffen genutzt. „Klar!“, könnte man sagen, „Solche Dinge wecken Begehrlichkeiten. Das Land und seine Bodenschätze müssen vor Invasoren geschützt werden.“
Der Haken an dieser Argumentation ist, dass (fast) niemand außerhalb von Wakanda von diesen Wunderdingen weiß, weil Wakanda sich dank überlegener Technologie erfolgreich als armes, rückständiges Dritte-Welt-Land tarnt, in dem es rein gar nichts zu holen gibt. Das ist eine ziemlich intelligente Strategie, um Invasoren gar nicht erst auf dumme Gedanken zu bringen. Aber wozu dann die Waffen?
Und warum hält dieses technisch unglaublich hoch entwickelte, fortschrittliche Volk daran fest, seine Anführer in einem archaischen Ritual durch Zweikampf zu bestimmen? Einem Zweikampf, in dem keinesfalls der Klügste gewinnt, der mit dem besten taktischen Geschick, dem meisten Wissen oder was man sonst noch zur Führung eines Volks für nötig halten könnte, sondern in dem allein Stärke, Ausdauer und Geschick im Umgang mit Waffen zählen?
„Es ist eben deren Tradition“, halte ich als Erklärung für ziemlich dürftig, zumal es die Gefahr birgt, Wakanda sozusagen durch die Hintertür doch noch als rückstädig dastehen zu lassen. So nach dem Motto: Ok, Technik können sie, aber gesellschaftlich sind sie doch eher Steinzeit. Was auch falsch wäre.

Vielleicht kommen wir der Lösung näher, indem wir eine dritte Gruppe angucken, von denen es in den Reihen der Superhelden geradezu wimmelt: die Superhirne. Auch hier ist Tony Stark alias Ironman ganz vorne an. Außerdem wären da z. B. noch Dr. Henryk Pym (Ant-Man), Reed Richards (Mr. Fantastic) und natürlich Dr. Robert Bruce Banner (Hulk) zu nennen.
Sie alle sind Genies auf ihrem Gebiet, mit ungeheuren Geisteskräften ausgestattet und sollten eigentlich in der Lage sein, Strategien zu entwickeln, die Gewaltanwendung überflüssig machen. Zum Beispiel müssten die von Dr. Henryk Pym entdeckten Pym-Teilchen eigentlich die gleiche Wirkung auf Gegner und ihre Waffen entfalten, wie auf Ameisen und Häuser. Wenn man das Eine nach Belieben schrumpfen oder vergrößern kann, warum dann nicht auch das andere? Eine Nano-Pistole ist genauso unbrauchbar, wie die XXL-Version und gegebenenfalls könnte man sogar den Gegner auf ein handliches Format schrumpfen und im Einweckglas zur nächsten Polizeiwache bringen.
So weit geht der Einfallsreichtum der Superhirne aber nie.

Komisch, oder?

Man könnte fast den Eindruck bekommen, es ginge nie um Gewaltvermeidung, sondern darum, sie möglichst spektakulär einzusetzen und so die eigene Großartigkeit zu demonstrieren. Denn seien wir ehrlich: Ein Superschurke, dessen Superwaffe plötzlich so winzig wird, dass er sie nicht mehr findet oder so riesig, dass sie ihm aus der Hand fällt und den Fuß bricht, ist zwar lustig, aber kein würdiger Gegner. Dagegen bestätigt einer, den der Held erst im epischen Endkampf besiegen kann, erst so richtig die Großartigkeit dieses Helden. Und weil wir uns mit dem Helden identifizieren, färbt ein Teil dieser Großartigkeit auch auf uns ab. In diesem gloriosen Moment zahlt sich aus, dass wir zu ihm gehalten, mit ihm gefiebert und gelitten haben.

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Was, wenn alles ganz anders wäre?

Diese Befriedigung herbeizuführen ist ungleich schwerer, wenn der Helden seinen Widersacher nur unter Einsatz seiner grauen Zellen auszuschaltet. Da mir kein Beispiel aus der Fantasy einfällt, möchte ich diese These durch „Superhelden“ eines anderen Genres illustrieren: dem Krimi, genauer gesagt, dem Who-dunnit. Im Zentrum steht hier oft die Gestalt eines genialen Ermittlers, der einen vertrackten Fall im Wesentlichen durch Nachdenken löst. Gewalt geht von ihm in der Regel nicht aus, oft ist er dazu körperlich gar nicht in der Lage, wie z. B. Nero Wolfe oder Lincolm Rhyme. Aber selbst, wenn er gewisse Kampftechniken trainiert, wie Sherlock Holmes, dienen diese mehr dazu, neben dem Kopf auch den Körper fit zu halten. Beim Lesen folgen wir diesen Geistesgrößen, erfahren, was sie erfahren und versuchen, unsere eigenen Schlüsse zu ziehen. Der Reiz besteht also eindeutig im Mitraten. Allerdings ist ein guter Who-dunnit so gestrickt, dass er nicht nur den Ermittler auf falsche Fährten lockt. Die Genialität des Ermittlers erweist sich aber gerade darin, dass er diese durchschaut und einen Täter ausmacht, den man selber schon ausgeschlossen hatte. Man kann die Überlegenheit des genialen Ermittlers daher zwar bewundern, aber sie färbt nicht ab.

Andere Gründe

Möglicherweise gibt es noch einen weiteren Grund, dass Gewalt in Geschichten über Superhelden omnipräsent ist, nämlich ihre Herkunft. Angefangen bei Superman, ist die ganz überwiegende Zahl ist zuerst als Comic erschienen und physische Gewalt ist graphisch deutlich leichter darzustellen als Gedanken. Das Gleiche gilt für die filmische Umsetzung.

So was wie ein Fazit

Das erklärt jedoch nicht ihre anhaltende Beliebtheit. Daher vermute ich, dass der eigentliche Grund hinter all den Explosionen und Special Effects der ist, das ist, was oben schon durchklang: Superhelden sind gut für‘s Ego. Sie siegen für uns und indem wir uns mit ihnen identifizieren, befriedigen wir unseren latenten Wunsch nach Überlegenheit. Solche Allmachtsfantasien sind zwar höchst pubertär (nicht umsonst wurde Superman von zwei Teenagern entwickelt), aber wer will schon immer erwachsen sein?

So lange die Gewalt nicht, wie bei Batman vs. Superman Überhand nimmt, ist mein einziger Wunsch an dieses Genre: Gebt uns mehr Frauen! Nicht nur als Geliebte, Gehilfin oder Opfer, sondern als eigenständige Heldinnen und Superschurkinnen mit eigenem Recht auf eine gute Geschichte. Davon gibt es noch viel zu wenige!**

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*Ja, das ist DC und nicht Marvel, aber so eng sieht mein Sohn das nicht. Superheld ist Superheld. Marvel mehr davon am Start, also beschäftigt er sich mehr mit Marvel.

**Wenn ich oben schrieb, dass ich Superhelden wenig abgewinnen kann, war das durchaus nicht im Sinne des generischen Maskulinum gemeint.


Der Beitrag entstand im Rahmen der Blogparade des Nornennetzes zu Fantasy und Gewalt.

Biss zum letzten Akt – bald als Taschenbuch

Wer mir bei Twitter folgt, hat es vielleicht mitbekommen: Eine weitere Erzählung aus dem Codex Aureus geht in den Druck. Wie schon Steppenbrand, wird demnächst auch Biss zum letzten Akt als Taschenbuch bei BoD erscheinen. Auf der Leipziger Buchmesse werde ich es offiziell vorstellen.

Biss Print
Hier schon mal die Vorschau auf das Cover

Ein neues Buch herauszubringen (und sei es nur in einem neuen Format) ist immer wieder eine Herausforderung. Um so mehr freue ich mich, dass es jetzt geschafft ist, und dass ich mich beim Bearbeiten wieder in die Geschichte von Silke verliebt habe.