[Werkstattgeplauder] Spannung aufbauen

Neulich beklagte sich jemand in meiner virtuellen Autorenrunde, dass immer nur Action gefordert sei. Aber man könne doch nicht eine Actionszene an die andere reihen. Irgendwo dazwischen müsse es doch auch mal Erholungsphasen geben.

Recht hat er.

Allerdings glaube ich, dass die Grundannahme falsch ist. Action ist nicht gleich Spannung. Alfred Hitchcock hat das Verhältnis von Action und Spannung so gut beschrieben, dass ich hier einfach zitiere:

Let’s suppose that there is a bomb underneath this table between us. Nothing happens, and then all of a sudden, „Boom!“ There is an explosion. The public is surprised, but prior to this surprise, it has seen an absolutely ordinary scene, of no special consequence. Now, let us take a suspense situation. The bomb is underneath the table and the public knows it, probably because they have seen the anarchist place it there. The public is aware the bomb is going to explode at one o’clock and there is a clock in the decor. The public can see that it is a quarter to one. In these conditions, the same innocuous conversation becomes fascinating because the public is participating in the scene. The audience is longing to warn the characters on the screen: „You shouldn’t be talking about such trivial matters. There is a bomb beneath you and it is about to explode!“

Im Fall der explodierenden Bombe löst die Action (Explosion) die Spannung sogar auf. Anders ist es natürlich, wenn der Held oder die Heldin eine Gruppe von Schulkindern durch den Bombenhagel lotsen muss. Hier steigern die einzelnen Explosionen die Spannung. Aber warum?

Was macht Spannung aus?

In einigen Schreibratgebern heißt es, Spannung entstünde durch offene Fragen. Das ist mir noch ein bisschen zu allgemein und allein auch nicht ausreichend. Aber der Reihe nach.

Spannung durch offene Fragen

Mir ist es zu allgemein, weil nicht jede offene Frage Spannung erzeugt, sondern nur diejenigen, die aus Sicht der Leserin oder des Lesers für den Fortgang der Handlung wichtig sind. Das klingt jetzt sehr theoretisch, deshalb ein Beispiel: Ist der folgende Dialog spannend oder nicht?

„Ich suche Frau Schneider. Svantje Schneider. Können Sie mir sagen, wo ich sie finde?“
„Svantje Schneider?“ Der dünne Mann schüttelte den Kopf. „Nie gehört. Wer soll das sein?“

Die letzte Frage trifft den Punkt. So lange ich als Leserin nicht weiß, wer diese Svantje Schneider ist und weshalb sie gesucht wird, ist das Ganze ziemlich unspektakulär. Es wird auch nur unwesentlich spannender, wenn der Fragesteller Taxifahrer ist und vor einem reichlich abgewohnten Mietshaus steht, bei dem die Hälfte der Namensschilder fehlt oder unleserlich ist.
Aber gesetzt den Fall, es handelt sich um ein einsames Gebäude, dann fängt das Hirn schon an, zu arbeiten, oder?

country-house-540796_640
FrankWinkler via Pixabay

Grundsätzlich möchte man dem dünnen Mann ja glauben. Aber andererseits muss jemand den Taxifahrer zu dieser Adresse gerufen haben. Wer, wenn nicht der dünne Mann? Und warum? Und was hat es mit dieser Frau auf sich? Gibt es sie überhaupt? Vielleicht ist der dünne Mann ein Einbrecher, Vergewaltiger, Mörder? Oder ist der Taxifahrer in eine Falle getappt?
Ich finde jede einzelne dieser Fragen spannend und würde an dieser Stelle weiterlesen wollen.
Eine Sonderform dieser Art der Spannungserzeugung ist der Cliffhanger. Hier ist die offene Frage, wie sich die Figur der meist lebensbedrohlichen Situation entzieht – und genau damit lässt man seine LeserInnen allein.

Atmosphärische Spannung

Noch größer wäre die Spannung, wenn mir der Autor oder die Autorin sie auch atmosphärisch vermittelt. Zum Beispiel, indem der Taxifahrer vorher durch einen nebelverhangenen Wald muss oder das Haus so düster beschrieben wird, wie es auf dem nächsten Bild aussieht.

house-2187170_640
Bild: darksouls via pixabay

In unserem Unterbewusstsein sind bestimmte Erwartungshaltungen angelegt. Die Fahrt auf einer einsamen Landstraße bei Nebel und einbrechender Dämmerung ruft ganz andere Gefühle hervor, als die gleiche Landstraße bei Sonnenschein. Nebel, Dunkelheit – überhaupt jede unübersichtliche Situation verknüpfen wir automatisch mit Gefahr.
Natürlich ist die „dunkle und stürmische Nacht“, mit der Snoopy jeden seiner nie vollendeten Romane beginnt, ein ausgelutschtes Klischee. Aber geschickt eingesetzt, erzeugen solche Topoi trotzdem Spannung. Hier ist es aber keine konkrete Frage, die sich Leser oder Leserin stellen, sondern das Spiel mit der Erwartungshaltung.

Spannung durch Widerstände

Bei unserem letzten Werkstattgeplauder war ich kurz darauf eingegangen, dass Romanfiguren Ziele brauchen, um interessant zu sein. Diese Ziele können völlig banal sein, wichtig ist nur, dass sie sich nicht unmittelbar erreichen lassen. Sofern die Figur den unbedingten Willen hat, ihr Ziel zu erreichen, passiert das Gleiche wie in der Physik: Jeder Widerstand erhöht die Spannung.
Diese Methode der Spannungserzeugung dominiert actionlastige Szenen, also z. B. Verfolgungsjagden, Kämpfe, Fluchten … Hier sind wir wieder bei den Bomben vom Anfang: Wenn das Ziel ist, die Schulklasse sicher durch ein vermintes Gelände zu lotsen, ist jede einzelne Explosion ein Widerstand, der die Gefährlichkeit der Situation bestätigt.
Das heißt aber nicht, dass sich diese Methode der Spannungserzeugung nur für actionlastige Geschichten eignet – ganz im Gegenteil. Auch Liebesromane leben genau davon. Im Grunde besteht der klassische Liebesroman nämlich vor allem daraus, die Hindernisse zu überwinden, die der glücklichen Vereinigung im Weg stehen.

Spannung durch Sprache

Das auch die Sprache dazu beitragen kann, Spannung zu erzeugen, ist so eine Binsenweisheit, dass ich diesen Punkt der Vollständigkeit halber erwähne. Das steht nun wirklich in jedem Schreibratgeber, dass überbordende Beschreibungen, lange Sätze, viele Hilfsverben, Adjektivitis und Adverbivitis einen Text schwerfällig und damit langweilig machen.

Wichtig ist die Kombination

Da sind wir wieder am Anfang und bei der Klage des Kollegen. Eine Geschichte, sich nur einer Methode der Spannungserzeugung bedient, wird schnell langweilig. Das Gleiche gilt für zu schnelle Auflösungen. Aber hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Wenn man nämlich zu lange darauf herumreitet, wie gruselig die Atmosphäre ist oder was es nun mit dem geheimnisvollen Anruf auf sich hat, schmeißt der Leser das Buch irgendwann genervt in die Ecke. Deshalb Abwechslung. Fragen rechtzeitig klären – aber nicht bevor mindestens eine (besser: zwei) neue aufgetaucht sind.
Das Schöne daran: Ich kann meinen LeserInnen auf der einen Ebene Entspannung bieten, während ich gleichzeitig die Spannung auf einer anderen aufbaue. So könnte ich z. B. den zwischen den Bäumen hochkriechenden Nebel bildhaft und in langen Sätzen beschreiben und gleichzeitig das Unbehagen schildern, das den Fahrer befällt. Böse Assoziationen, die er mit fröhlicher Musik zu bekämpfen versucht. Schlager vielleicht oder Helene Fischer (eine sehr grausame Vorstellung).


So, das waren meine 5 Cent zum Thema Spannung. Jetzt bin ich gespannt: Hast du noch andere Punkte? Anmerkungen? Fragen? Tipps und Verbesserungsvorschläge?
Falls nicht, habe ich noch eine kleine Schreibanregung: Ich habe die ganze Zeit fast ausschließlich bedrohliche Situationen geschildert. Das ist ziemlich simpel. Versuch‘ du doch mal, mich auszustechen und das Gleiche mit einer Situation zu schaffen, die Ruhe und Geborgenheit verheißt: Nimm an, es ist heller Tag, blauer Himmel, die Sonne scheint und die Luft ist voller Bienengesumm und Vogelgezwitscher.


Und falls du neugierig geworden sein solltest, ob ich nur schlau daherreden oder auch schreiben kann, ist hier ein Link zu der Seite mit meinen Büchern.

[Werkstatt] Warum sind Antagonisten oft cooler als der Rest?

Geht es dir auch so, dass du die Helden einer Geschichte oft langweilig findest, verglichen mit dem Antagonisten? In Gesprächen mit Kolleginnen taucht das Thema jedenfalls immer wieder auf. Antagonisten sind cool, Helden eher lame. Aber warum?

Ich habe mal ein paar mögliche Antworten gesammelt:

  • Antagonisten dürfen tun, was sie wollen, während die Helden auf ihre gute Seite festgelegt sind.
  • Antagonisten haben den besseren Start (Superkräfte, Macht, Reichtum), die Protagonisten starten als 08/15.
  • Antagonisten spiegeln die verdrängten dunklen Seiten und unerfüllten Wünsche der Leser.
  • Helden sind oft weniger ausgearbeitet und gewinnen erst im Kampf mit dem Antagonisten Profil.

Vor allem den letzten Punkt finde ich ziemlich wichtig, auch wenn wir alle natürlich versuchen, gerade den Helden möglichst gut auszuarbeiten. Die meisten Protagonisten starten inzwischen mit einer Biografie. Sie haben Stärken und Schwächen und alle guten Autoren, die ich kenne sorgen dafür, dass diese auch zum Tragen kommen. Und trotzdem …

Deshalb glaube ich inzwischen, dass es noch einen anderen Punkt gibt, der dafür sorgt, dass wir Antagonisten spannender finden: Sie haben von Beginn an ein Ziel.
Der Protagonist hat meist zwar den ersten Auftritt, wird aber in einer behaglichen Ausgangssituation gezeigt und muss oft erst auf die richtige Spur gesetzt werden. Denk‘ an Bilbo, den Hobbit: Er hat seine Höhle, seine Pfeife und nicht die leiseste Lust, sein angenehmes Leben aufzugeben. Erst die Intervention Gandalfs und der Zwerge später bringt ihn dazu, sich zu bewegen.
Das ist das klassische Modell der Heldenreise. Der Ruf ergeht, der Held lehnt ab. Dann passiert etwas, das ihn doch aus dem Haus zwingt und endlich gewinnt die Geschichte an Fahrt.
Nun gibt es im Hobbit keinen echten Antagonisten, sondern nur einen Endgegner. Aber wenn man den Herrn der Ringe ansieht, der ähnlich aufgebaut ist, sieht man, dass Sauron längst aktiv ist, noch bevor Frodo seine ersten Schritte aus dem Auenland gemacht hat. Genau genommen ist es Sauron, der ihn überhaupt zum Aufbruch zwingt.
In den Schreibratgebern ist dazu oft von der Fallhöhe die Rede. Die Theorie lautet, dass die Leser um so mehr mit einer Figur mitfiebern, je größer der Verlust ist, den sie erleidet. Das gilt vor allem für die ganzen verstoßenen Prinzessinnen in den Märchen. Aber auch viele Superhelden müssen erst Heim und Familie verlieren. Mit anderen Worten: Sie starten als Opfer. Passiv.

Aber auch danach fehlt ihnen oft noch ein Ziel. Batman baut keine Schulen, sondern spielt den reichen Snob und vermöbelt Kleinkriminelle bis ihn ein Superschurke aus der Deckung zwingt. Es ist der Schurke, der die Fäden zieht und der Held, der darauf reagiert. Überspitzt könnte man sagen: Der Protagonist ist die Marionette des Antagonisten.
Und genau das ist das Problem. Niemand findet Marionetten spannend. Wir interessieren uns automatisch mehr für den Puppenspieler.

Daher wäre mein Tipp, um den Protagonisten interessant zu gestalten: Gib ihm von Anfang an ein Ziel. Das kann ruhig banal sein. Helden müssen nicht schon am Anfang die Welt retten wollen. Das Ziel kann genauso darin bestehen, eine Frau zu finden und ihr einen Antrag zu machen (Next). Wichtig ist nur, dass der Protagonist schon erste Schritte unternommen hat, um dieses Ziel zu erreichen, bevor der Antagonist dazwischenfunkt. Sonst sind wir nämlich wieder bei der klassischen Heldenreise, wo die Hand der Prinzessin und das halbe Königreich nur die Belohnung dafür sind, dass der vergleichsweise lahme Protagonist doch noch den Arsch hochgekriegt hat.

Wie siehst du das? Sind für dich Antagonisten auch spannender? Beziehungsweise: Was tust du, um deine Protagonisten interessanter zu gestalten?

[Werkstattgeplauder] Cliffhanger

Autorinnen* sind fiese Wesen. Wir quälen unsere Protagonistinnen und manchmal sogar die Antagonistinnen, indem wir sie zwingen, an ihre Grenzen zu gehen. Oft sogar ein ganzes Stück darüber hinaus. Auch unsere Leserinnen spannen wir auf die Folter und schicken sie, wo immer möglich, in eine Gefühlsachterbahn, zu der Angst genauso gehört, wie (hoffentlich) befreiendes Lachen.

Eines dieser Stilmittel ist der Cliffhanger, bei dem eine Figur in eine für sie, vor allem aber auch für den Leser aussichtslos erscheinende Situation getrieben und dort allein gelassen wird.

child-2047088_640
Bild: Alexas_Fotos via Pixabay

Dieses „Alleinlassen“ kann verschiedene Formen annehmen. Die mildere Variante besteht darin, dass die Autorin einfach einen Punkt und einen Absatz macht und ein neues Kapitel beginnt. Auch das ist schon gemein, denn welche Leserin würde das Buch jetzt noch aus der Hand legen? Die Steigerung besteht darin, dass die Autorin sich fröhlich pfeifend einer anderen Figur zuwendet. Eine geschickte Autorin kann auf diese Weise mit einem halben Dutzend Figuren und sogar noch mehr jonglieren. Aus der Phantastik fällt mir leider gerade kein Roman ein, der sich exemplarisch anführen lässt. Allenfalls Andrzej Sapkowski tut das in seiner Geralt-Saga ansatzweise. Überragend ist Juli Zeh mit Unterleuten.

Damit ist der Cliffhanger eines der Stilmittel, die einen fast zum weiterlesen zwingen, denn natürlich will man wissen, was mit Jaime und Maria, aber auch mit Anne … (die Namen sind mir gerade in den Sinn gekommen, gehören also nicht zu einer konkreten Geschichte).
Wichtig ist, dass das implizite Versprechen der Autorin eingehalten wird, die Szene später aufzulösen. Bleibt diese Auflösung aus, d. h. endet eine Szene mit einem Cliffhanger und ein paar Szenen weiter spaziert die zurückgelassene Figur munter an anderer Stelle durch die Gegend, ohne dass verraten wird, wie sie entkommen ist, fühle ich mich um eine Antwort geprellt und werde ungnädig.
Genauso nerven mich Bücher, in denen die ganz fiese Version des Cliffhangers im Übermaß eingesetzt wird. Die „kleine Variante“, also ein Kapitelende, bei dem die Heldin in Schwierigkeiten steckt, die Handlung aber im nächsten sofort weitergeht, ist noch einigermaßen verträglich. Wenn jedes Kapitel damit endet, dass eine Figur in einer ausweglosen Lage steckt und das nächste mit einer anderen Figur beginnt, wird es lästig. Mir jedenfalls. Das mag daran liegen, dass ich als Autorin natürlich verschiedene Techniken der Spannungserzeugung kenne und erkenne. Andererseits achte ich beim Lesen nicht bewusst auf Techniken, sondern lasse mich in das Buch fallen (bzw. versuche es. Manche Bücher sperren sich dagegen). Also behaupte ich mal ganz dreist, dass eine Technik schon im Übermaß eingesetzt werden muss, um mir auf die Nerven zu gehen. Und wenn sie mir auf die Nerven geht, kann das bei anderen Leserinnen genauso der Fall sein.

Leserinnen auf die Folter zu spannen, ist eine Sache. Sie zu verärgern, ist eine ganz blöde Idee.

Deshalb sind Bücher, die mit einem Cliffhanger enden, für mich sowohl als Autorin, als auch als Leserin ein absolutes No-Go.
Für mich beinhaltet jedes Buch das Versprechen einer Geschichte. In Schreibratgebern ist sogar teilweise von einem Vertrag die Rede, den Autorin und Leserin eingehen. Ganz so ernst nehme ich das nicht, aber wenigstens erwarte ich Anfang, Mittelteil und Ende. Ende im Sinne einer Auflösung des Handlungsstrangs, der im Mittelpunkt des Buches steht.
Wenn ich ein Buch mit einem Cliffhanger enden lasse, bringe ich meine Leserinnen um diese implizit versprochene Auflösung.
Als Leserin finde ich solche Bücher frustrierend. Ich habe mich bei der Tintentrilogie wahnsinnig über das fehlende Ende geärgert und auch bei der Geralt-Saga habe ich bei jedem Buch das Gefühl gehabt, einfach aus der Handlung gerissen zu werden und um die Auflösung betrogen worden zu sein. Bei der Geralt-Saga konnte ich auch keinen Grund für die Aufteilung erkennen, so dass sie wie reine Geldschneiderei des Verlags wirkt. Das Schlimmste an Cliffhangern am Ende ist aber, dass ich in solchen Fällen immer den Eindruck bekomme, dass ich manipuliert (nicht verführt!) werden soll, den nächsten Band auch zu kaufen. Solche Holzhammermethoden machen mich sauer. Richtig sauer. Im schlimmsten Fall, tue ich genau das Gegenteil, kaufe den nächsten Band also nicht. Und wenn ich richtig verärgert bin, lasse ich diesen Ärger auch in die Rezension des Gelesenen einfließen.

Bei mehrbändigen Werken ist ein offenes Ende in meinen Augen daher die bessere Lösung. Es ist normal, dass nicht alle Fragen in einer Geschichte geklärt werden können. Außerdem geben die offenen Fragen der Erzählung Weite und Tiefe – man ahnt, dass da mehr ist und wird verlockt, selber weiter zu denken und bei mehreren Bänden auch weiter zu lesen. Das ist auch das Rezept der meisten Erfolgsserien: Pro Folge gibt es eine abgeschlossene Haupthandlung (eventuell mit Nebenhandlungen) und darüber hinaus einen übergeordneten Erzählfaden, der sich durch alle Folgen zieht und sie logisch miteinander verknüpft. Das Muster lässt sich problemlos auf mehrbändige Werke übertragen und sorgt dafür, dass die Leserin am Ende jedes Buchs eine befriedigende Auflösung erhält – aber durch den übergeordneten, offenen Handlungsfaden zum Weiterlesen verführt wird.

Das ist aber nur meine Meinung. Wie siehst du das? Verwendest du Cliffhanger und wann?


*Ich verwende in diesem Artikel ein generisches Femininum, d.h. Männer sind selbstverständlich mitgemeint. Wer das schwierig findet: Willkommen im Club – mir geht es mit dem generischen Maskulinum oft auch.

[Fundstück] reiner Kreationismus: Fantasywesen erschaffen

Über das Erschaffen phantastischer Welten und Kreaturen bloggt Sylvia Englert (alias Katja Brandis, alias Siri Lindberg) als Gastautorin auf Tor online. Ihren Artikel zur Erschaffung von Fantasywesen kann ich nicht nur angehenden Fantasy- und SciFi-Autoren empfehlen. Ganz besonders hat es mir der Abschnitt „Die Biologie sollte Sinn ergeben“ angetan. Nicht nur, weil der perfekt zu meiner Serie über Vampire passt.

Die wird übrigens morgen fortgesetzt. Dieses Mal wird es um die Auswirkungen des Virus‘ auf den menschlichen Körper gehen.

[Werkstatt] Die Grundhaltung der Figuren als Charaktermerkmal

Letzte Woche hatte ich im Zusammenhang mit der Frage, wie mit Charakterbögen umzugehen sei, in einem Nebensatz geschrieben, dass es bei der Charakterisierung von Figuren in erster Linie auf ihre Haltung ankäme. Damit meine ich nicht die Körpersprache, also ob jemand schnell geht, aufrecht steht oder niemandem in die Augen sieht. Alle genannten Eigenarten sind zwar ebenfalls wunderbar geeignet, eine Figur zu charakterisieren, aber sie rühren aus einer inneren Haltung, um die es hier gehen soll.

Mit dieser inneren Haltung meine ich zunächst die Grundstimmung einer Figur: Ist sie optimistisch, ängstlich, feindselig, nervös, neugierig … Das zu bestimmen, fällt am Anfang nicht immer leicht, ist aber ungemein wichtig, denn diese Grundstimmung ist das, was in Krisensituationen durchschlägt (und ein Buch besteht, wie wir alle wissen, vor allem aus kleineren und größeren Krisen). Sie bestimmt das Verhalten der Figur in der Krise und verändert sich im Lauf einer Geschichte nicht.
Du* meinst, das stünde im Widerspruch zu allem, was in Schreibratgebern steht? Nämlich, dass Figuren im Verlauf der Geschichte eine Wandlung durchmachen sollen?
Stimmt.
Und stimmt doch nicht.
Aber der Reihe nach.

Zunächst mal lässt sich dieses Phänomen auch bei „realen“ Menschen beobachten. Obwohl die Entwicklungspsychologie inzwischen davon ausgeht, dass „Persönlichkeit“ nichts ist, das sich zwischen 16 und 25 fixiert und fortan nicht mehr ändern lässt*, bauen die meisten Menschen danach nur noch ihre Marotten aus. Vielleicht lernen sie auch mit gewissen Schwächen umzugehen. So kann ein chaotischer Mensch ein gewisses Maß an Ordnung in sein Leben bringen, indem er Hilfsmittel wie To-Do-Listen verwendet. Aber anders, als bei einem Ordnungsfanatiker werden bei ihm immer unsortierte Bereiche bleiben, in denen das Chaos die Oberhand behält. Mit anderen Worten: Reale Menschen ändern schon etwas, aber im Normalfall bleibt ihre Persönlichkeit im Kern gleich. Es muss schon ein sehr großer Anstoß von Außen kommen, damit sich die Persönlichkeit grundlegend ändert. Solche Anstöße können u. a. Traumata, spirituelle Erlebnisse (Nahtoderfahrungen, Offenbarungen etc.), aber auch psychiatrische Behandlungen sein.

Für literarische Figuren gilt das Gesagte um so mehr, da sie sich zwar ändern sollen, ihre Handlungen aber für den Leser nachvollziehbar bleiben müssen. Genau das erreicht man am Besten indem man ihnen eine Haltung mitgibt, die bis zum Schluss unverändert bleibt, auch wenn die Figur vielleicht lernt, mit den daraus resultierenden Problemen umzugehen. Ron Weasleys Angst vor Spinnen ist ein schönes Beispiel: Er wird in den verschiedenen Harry-Potter-Bänden immer wieder auf verschiedene Weise mit ihr konfrontiert. Manchmal ist das Ergebnis witzig (wie bei dem Irrwicht), aber immer muss er seine Angst zugunsten eines höheren Ziels überwinden und schafft es auch. Trotzdem würde er unglaubwürdig werden, wenn er eine noch so winzige, flaumige Spinne plötzlich „niedlich“ fände.

Wie kommt man nun zu dieser Grundhaltung?
In der Fantasy ist das vergleichsweise leicht, weil hier die Grundhaltung oft schon durch Rasse und Charakterklasse vorgegeben ist. So sind Tolkiens Elben immer großherzig, dem Schönen zugeneigt und gleichzeitig so vergangenheitsfixiert, dass man sie schon fast reaktionär nennen könnte. Hobbits sind gutmütige Genusswesen, Orks zerstörerisch und nur dem Recht des Stärkeren gehorchend. Bei den Charakterklassen haftet Dieb, Assassine und Spion immer Verschlagenheit an, während Ritter gerecht sind und Heiler (im Gegensatz zu Schamanen) Fürsorge verkörpern.
Klischees?
Klar sind das Klischees. Niemand sagt, dass du dich daran halten musst. Aber diese Klischees geben einen guten Eindruck davon, was ich mit „Grundhaltung“ meine.

Tatsächlich mag ich Charaktere, die gegen das Klischee gebürstet sind. Als Discovery Writer würde ich daher vermutlich hergehen und mir überlegen, welche Eigenheiten meine Figuren haben sollen, ihnen eine interessante Aufgabe geben und dann sehen, wie sie damit zurecht kommen.
Nun bin ich aber Plotter, d. h. ich plane meine Geschichten durch, bevor ich anfange zu schreiben. Das bedeutet auch, dass ich zumindest eine grobe Vorstellung vom Inhalt der Geschichte habe, bevor ich mir Gedanken über die Figuren mache. Dementsprechend läuft auch die „Rollenbesetzung“ ein bisschen anders. Wer jetzt an ein Casting für einen Film denkt, liegt gar nicht mal verkehrt.
Es gibt ja so eine Schreibtheorie, wonach alle Geschichten in „story driven“ oder „charakter driven“ einsortiert werden. Also danach, ob die Spannung eher aus der Handlung entsteht oder ob die Charaktere im Vordergrund stehen. In aller Unbescheidenheit möchte ich behaupten, dass die besten Bücher beides sind. Meiner Meinung nach lassen sich Charakter und Handlung nicht trennen. Der Charakter einer Figur beeinflusst ihre Handlungen, was Prozesse in Gang setzt, die neue Handlungen erfordern, die wieder auf dem Charakter beruhen. Wäre Bilbo nicht aus dem Haus gegangen, wäre er Gollum nicht begegnet und auch keinem Drachen. Hätte Galadriel den Ring genommen, wäre Frodo nicht über Lothlorien hinausgekommen.
Wenn ich also überlege, wie ich eine Rolle besetzen will, überlege ich als erstes, welcher grundlegende Charakterzug meine/n Prota antreibt und die Geschichte am Laufen hält. Bei O Tannenbaum war das die bedingungslose Hingabe der Dryade an ihren Baum. Bei Fluch des Spielmanns ist es die verbotene Liebe zur schönen Hulda und bei Steppenbrand Dejasirs Gier nach Macht und Reichtum.
Diese Grundhaltung muss natürlich durch zusätzliche Facetten ergänzt werden, damit die Figuren glaubwürdig agieren. Teilweise können diese Facetten sogar im scheinbaren Widerspruch zur Grundhaltung stehen. Faramir ist hier ein schönes Beispiel (der Buchcharakter noch stärker, als der im Film): Er würde alles tun, um die Gunst seines Vaters zu gewinnen; er riskiert dafür sogar sein eigenes Leben. Aber als ihm der Ring in die Hände fällt, bleibt er sich und seinem Charakter treu, obwohl er weiß, dass sein Vater ihn dafür nur noch mehr verachten wird.

Jetzt bin ich gespannt: Wie entwirfst du deine Charaktere?
Ich freue mich über jeden Kommentar.


 

*Das „du“ ist nicht despektierlich gemeint. Ich habe mich für diese informelle Anrede entschieden, um den informellen Charakter dieser Werkstattgespräche zu betonen.

** Das Leben ist eine Baustelle, Interview mit der Psychologin Ursula Staudinger, Karriere-Spiegel 29.08.2013

[Werkstatt] Über Charakterbögen (#Autorenwahnsinn die 2.)

Beim Autorenwahnsinn, der von Schreibwahnsinn ausgerufenen Challenge lautet die Frage diese Woche: Benutzt du Charakterbögen, um deine Charaktere zu entwickeln?

Kurz gesagt: Nein.

Jedenfalls nicht zur Entwicklung von Charakteren.

Früher habe ich es getan und dadurch auch eine ganze Menge über Figurenentwicklung gelernt. Inzwischen bin ich davon aber abgekommen.

Warum ich Charakterbögen sinnvoll finde

Das sollte ich vermutlich erklären, also fange ich mal mit den Vorteilen von Charakterbögen an. Für mich sind das im Wesentlichen drei Punkte:

  • Charakterbögen helfen vielschichtige Figuren zu entwickeln
    Der erste Vorteil eines Charakterbogens ist schon mal, dass er Anstöße gibt, sich tiefere Gedanken über seine Figuren zu machen. Ich weiß ja nicht, wie es dir beim Schreiben deiner ersten Geschichte ging, aber ich habe mir anfangs kaum Gedanken zu meinen Figuren gemacht. So lange ich noch Fanfictions über existierende Charaktere geschrieben habe, war das kein größeres Problem, aber meine ersten eigenen Figuren gerieten unerträglich flach.
    Charakterbögen können dabei helfen, einen vor solchen Fehlern zu bewahren, weil sie einen dazu bringen, die Figuren vor dem Schreiben zu durchdenken. Gute Charakterbögen enthalten immer auch Fragen zum sozialen Hintergrund, Vorlieben, Abneigungen und Phobien, sowie besonderen Stärken und Schwächen.
  • Charakterbögen helfen, die Handlungen der Figuren nachvollziehbar zu machen
    Wenn man einen ausgearbeiteten Charakter mit Stärken und Schwächen hat, der entsprechend seinen Vorlieben und Abneigungen handelt, wirkt er „rund“ und seine Handlungen sind für den Leser nachvollziehbar. Nicht durchdachte Figuren tun dagegen nur, was für die Handlung gerade erforderlich ist. Das macht sie vorhersehbar, gleichzeitig aber auch sprunghaft und insgesamt wenig glaubwürdig.
    Indem man sich vorher Gedanken zu seinen Figuren macht, bewahrt einen der Charakterbogen auch davor, die Figur Dinge tun zu lassen, die nicht in ihrer „Natur“ liegen und Handlungsalternativen zu finden, die für diesen Charakter stimmig sind.
  • Charakterbögen helfen, die Übersicht zu behalten
    Hieß die Kollegin der Protagonistin nun Kirstin oder Kerstin? Mayer oder Meyer? Hat der blöde Nachbar von gegenüber blaue oder graue Augen? Wie hieß noch mal der elbische Kampfstil, den der Protagonist …?
    Wenn man einen Roman schreibt, tauchen solche und ähnliche Fragen unweigerlich auf und irgendwann werden es einfach zu viele, um sie alle im Kopf zu behalten. Da sind entsprechende Listen unglaublich hilfreich. Deshalb legt man sich am Besten von Beginn an Verzeichnisse von Orten, Gegenständen oder Personen (aka Charakterbögen) an, in denen man im Bedarfsfall nachschlägt.

Natürlich hilft das alles nur, wenn man sich auch daran hält und gelegentlich mal in seinen Charakterbögen nachschaut, ob das denn so stimmt, was man sich zu einer Figur überlegt hat.

Warum ich trotzdem keine Charakterbögen zur Figurenentwicklung nutze

Die Figuren anhand von Charakterbögen zu entwickeln, hat für mich zwei ganz entscheidende Nachteile.

  • Fixierung auf Äußerlichkeiten
    Fast jeder Charakterbogen fängt mit Äußerlichkeiten an und meist nehmen Äußerlichkeiten auch einen breiten Raum innerhalb des Charakterbogens ein. Das ist insofern logisch, weil das Äußere das ist, was man zuerst an einer Person wahrnimmt. Ich habe aber festgestellt, dass das Äußere beim Schreiben so ziemlich das Unwichtigste an einer Figur ist. Ob die betreffende Person nun groß, klein, alt, jung, braunhaarig oder grünäugig ist, spielt für die Geschichte meist keine Rolle. Was eine Rolle spielt, ist ihre Haltung, wie sie tickt, was sie im Innersten antreibt, wie sie sich unter Stress verhält. Das sind aber Dinge, die sich mit einem Charakterbogen nur schlecht bis gar nicht entwickeln lassen.
  • Fehlplanungen
    Ein anderes Problem, das ich bei der Entwickung von Figuren anhand von Charakterbögen habe, besteht darin, den Charakter ohne Rücksicht auf seine Funktion in der Geschichte zu entwickeln. So können tolle Figuren entstehen, keine Frage. Aber was nützt mir ein supersensibler Künstler, der hart daran arbeitet, seinen Vaterkomplex zu überwinden, wenn ich für den Fortgang der Geschichte jemanden brauche, der einen reißenden Fluss überwindet, um ein wertvolles Artefakt aus dem Nest des Vogels Rokkh zu stehlen?
    Natürlich lässt sich das Problem überwinden, indem man ihn ganz unbekannte Seiten an sich entdecken lässt oder noch jemanden in die Geschichte reinschreibt, der den Helden aus der Patsche befreit. Nur bedeutet das, dass auch an anderen Stellen ganz viele Stellschrauben verändert werden müssen, damit das Ergebnis wieder „passt“.
    Für Discoverywriter stellt sich dieses Problem vermutlich nicht. Aber für mich, als Plotterin, die immer auf ein bestimmtes Ziel hinschreibt bedeutet das mehr Arbeit, mehr Nerv, größere Unzufriedenheit.

Als weiter Punkt ließe sich noch einfügen, dass man alles, was man einer Figur angedichtet hat, gerne auch in der Geschichte unterbringen will – bis hin zum traumatischen Verlust des geliebten Meerschweinchens. Dass ich es nicht getan habe, liegt daran, dass man immer überflüssigen Kram erfinden muss, um seine Figuren besser kennen zu lernen, vollkommen unabhängig davon, ob man nun einen Charakterbogen benutzt oder nicht.
Und vermutlich erzähle ich auch niemandem etwas Neues, wenn ich sage, dass man diesem Wunsch besser nicht nachgibt, so lange die Information die Geschichte nicht vorantreibt.

Wofür ich Charakterbögen immer noch benutze

Wie schon oben gesagt, sind Listen unabdingbar, wenn man bei längeren Texten die Übersicht behalten will.

Genau dafür benutze ich Charakterbögen. Der Charakterbogen startet als leeres Dokument, aber so bald ich an einer meiner Figuren eine Eigenschaft entdecke, wird sie im Charakterbogen notiert bzw. mit den älteren Einträgen abgeglichen. Natürlich halte ich dort auch biographische Details fest, die in der Geschichte auftauchen. So wächst der Charakterbogen der jeweiligen Figur parallel zur Geschichte.

Oder besser gesagt: Die Figur entwickelt sich mit der Geschichte. Umgekehrtes Discoverywriting, sozusagen, bei dem man als Autor nicht die Geschichte entdeckt, sondern die Charaktere, die sie vorantreiben.
strategy-1710763_640

Bildquelle: quimono via pixabay

Ähnlich, wie ein Schachspieler verfolge ich einen Plan – die Geschichte. Um sie zu erzählen, benötige ich die Figuren. Und wie der Schachspieler muss ich versuchen, ihre Stärken optimal auszuspielen.
Da die Figuren am Anfang jedoch noch ganz auf einige wenige, aber grundlegende Attribute reduziert sind, stelle ich genau das sicher. Da ich als Autorin aber auf beiden Seiten des Bretts sitze, sorge ich gleichzeitig dafür, Druck auf die Figuren aufzubauen und zwinge sie, sich mit ihren Schwächen auseinanderzusetzen. Ich habe den Eindruck, dass sich in diesem offenen Verfahren eine größere Dynamik entwickelt, als das bei „vorgefertigten“ Charakteren der Fall ist.

Natürlich kann es sein, dass Lücken bleiben. Im Fluch des Spielmanns ist z. B. nur das Äußere der beiden Frauen näher beschrieben, weil das ganz maßgeblich den Verlauf beeinflusst. Über Pater Gion erfährt man noch, dass er ein bärtiger Greis ist; aber wie der Protagonist und der schöne Pirmin aussehen, ist ganz der Fantasie des Lesers überlassen. Tatsächlich habe ich dazu auch keine Notizen, abgesehen von einer groben Altersangabe bei Pirmin.

Ich würde gerne auch die Charakterbögen verlinken, die ich benutze (es sind mehrere, die ich nach Bedarf kombiniere). Dabei besteht allerdings das Problem, dass ich sie selbst irgendwann mal aus dem Netz runtergeladen habe und nicht mehr weiß, von wem.
Sie jetzt als meine zu reklamieren, empfände ich als extrem unfair. Deshalb lasse ich das. Außerdem, wer weiß, vielleicht gibt es längst bessere, ich habe lange nicht mehr geguckt.


Das Titelbild ist ein Screenshot von www.schreibwahnsinn.de

[Werkstatt] Aller Anfang ist schwer

Anfänge scheinen mir ein gutes Thema für meinem ersten Schreibwerkstatt-Artikel. Wo fängt man an? Wann fängt man an? Womit fängt man an?
In der Vorstellung meiner Familie läuft das so: Der Autor hat eine Idee, setzt sich hin und schreibt sie auf. Fertig ist das Buch. Aber jeder, der sich schon einmal ernsthaft mit Schreiben beschäftigt hat, weiß, dass das in der Regel nicht so läuft.

Wenn wir ehrlich sind, starten wir mit einer Idee, die sich im Kopf ganz toll anfühlt. Das Problem beginnt in dem Moment, wo wir versuchen, sie aufzuschreiben. Kaum setzen wir uns hin, verkriecht sie sich in der hintersten Hirnwindung und macht sich ganz klein. Mir geht es jedenfalls so. Ein weißes Blatt Papier oder ein leerer Bildschirm haben eine unglaublich abschreckende Wirkung auf jeden noch so gloriosen Einfall. Wendungen, die im Kopf grandios klangen, wirken niedergeschrieben nur noch hohl, fad und lahm.

Anzufangen ist Schwerstarbeit. Immer. Wenn jemand ein Rezept hat, es leichter zu machen: Immer her damit. Ich kenne nämlich keins, außer: Zähne zusammenbeißen und durch. Es ist wie beim Anschieben eines Autos. Man muss sich unglaublich anstrengen, um die Kiste in Bewegung zu setzen – aber wenn sie erst mal rollt, wird alles einfacher.
recite-1jx0bvdDeshalb würde ich auch davon abraten, der oft gegebenen Empfehlung von Faulkner zu folgen, den ersten Satz so zu schreiben, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will.
Der Tipp ist gut, wenn es ums Überarbeiten geht. Beim Schreiben hält er nur auf. Anders gesagt: Je länger ich brauche, um den ersten Satz zu formulieren, desto länger brauche ich auch, um überhaupt zum zweiten zu kommen, der mit der gleichen Sorgfalt formuliert werden muss, damit der Leser auch den Dritten … Verstehst du, was ich meine? Auf diese Weise dauert es unendlich lange, um in Schwung zu kommen. Wenn man überhaupt in Schwung kommt und nicht spätestens bei Satz fünf das Gefühl hat, dem Ganzen nicht gewachsen zu sein und frustriert aufgibt. Es mag Menschen geben, die so arbeiten können. Meiner Meinung nach, ist das einer der sichersten Wege in die Schreibblockade.

Und wo ich gerade dabei bin, würde ich empfehlen gleich noch einen in Schreibratgebern oft gegebenen Rat mit in die Tonne zu treten. Nämlich den, immer möglichst spät in eine Szene einzusteigen. Wenn du Zeit brauchst, dich auf eine Szene einzustimmen, dann nimm sie dir. Wenn es dazu nötig ist, erst die Vergangenheit deiner Heldin, das Gefühlsleben deines Helden oder die nähere Umgebung in allen Einzelheiten zu beschreiben, dann tu es. Es ist vollkommen ok, sich erst mal warmzuschreiben. Wenn es Mist ist, ist es eben Mist, aber das muss dich in dem Moment nicht kümmern. Hauptsache, du schreibst.

Überarbeiten kannst du immer noch. Solltest du auch. Aber das ist ein anderes Thema. Jetzt, wo ich mich mit diesem Blogpost warmgeschrieben habe, werde ich mit der Vampirgeschichte weitermachen. Und du? Was schreibst du heute?

[Schreibwerkstatt] Welche Tipps ich geben kann

Nachdem ich ja nun versprochen hatte, hier im Blog künftig auch Schreibtipps zu geben, habe ich sehr schnell festgestellt, dass es eine Sache ist, welche zu verprechen. Sie zu erteilen ist eine ganz andere.
Ich bin zwar überzeugt, gut schreiben zu können, sonst würde ich nicht publizieren. Trotzdem maße ich mir aber nicht an, im Besitz irgendeiner alleinseeligmachenden Wahrheit zu sein. Auch beim Schreiben gibt es verschiedene Wege.

Das fängt schon bei der Arbeitsweise an. Einige Autoren verhalten sich wie Forscher im Labor: Sie nehmen ihre Figuren, schmeißen sie in eine interessante Konstellation und warten ab, was passiert. Stephen King ist damit sehr erfolgreich. Und eine große Schriftstellerin hat einmal sinngemäß gesagt, der Verlust eines Manuskripts wäre für sie eine Katastrophe; sie wäre unfähig das Buch ein zweites Mal zu schreiben, denn sie kenne ja das Ende.
Leider finde ich das Zitat nicht wieder. Aber worauf ich hinaus will ist, dass ich mit dieser Art zu schreiben überhaupt nicht klarkomme. Ich gehöre nicht nur zu den Plottern, also denen, die eine Geschichte vorplanen, sondern brauche ein Ende, als Fixpunkt, auf den ich zusteuern kann. Oft ist es sogar einer der ersten Teile die ich von einer Geschichte kenne. Die einzige Ausnahme war bisher Der Fluch des Spielmanns – aber das hat mit der Entstehungsgeschichte zu tun. In der Ursprungsversion, die ich für einen Wettbewerb geschrieben habe, war das Ende mehr oder weniger vorgegeben. Zwar hatte ich auch da schon die Idee mit dem Einsiedler, konnte sie aber wegen der begrenzten Zeichenzahl nicht umsetzen (für die Wettbewerbstexte war eine Maximallänge von 10.000 Zeichen vorgegeben). Erst mit dem Entschluss, den Fluch im Codex Aureus zu veröffentlichen, war auch wieder Platz für Vater Gion, der allerdings während des Schreibprozesses seine Rolle änderte, was wieder zu einem ganz anderen Ende führte.

Ok, ja, ich schweife ab. Eigentlich waren Schreibtipps das Thema. Genauer gesagt, die Form, in der ich welche geben könnte. Wie schon gesagt, glaube ich nicht, an den einen, für alle Zeiten, Genres und Autoren gültigen Weg. Schlechte Voraussetzungen, sich wirksam als Guru aufzuspielen – ganz abgesehen davon, dass vermutlich auch gar kein Bedarf an einem Blog besteht, das einem beibringt, nicht zu viele Adjektive zu verwenden, perfekte Protagonisten zu bauen und was es mit der Heldenreise auf sich hat. Das tun längst diverse gedruckte Schreibratgeber und etliche Blogs.
Was also dann? Was ich anbieten kann, sind eher Erfahrungsberichte. Lockere Plaudereien darüber, welche Methoden ich kenne und was ich mit welchem Erfolg ausprobiert habe. Immer mit der Einschränkung, versteht sich, dass das ein subjektiver Ansatz ist. Deshalb würde es mich um so mehr freuen, wenn andere die Themen in Kommentaren oder eigenen Blogbeiträgen aufgreifen, so dass auf lange Sicht so etwas, wie eine virtuelle Kaminrunde entsteht.

Was halten Sie, was hältst du von der Idee?