[Werkstattbericht] #Autorenleben

Zum heutigen Werkstattbericht musste ich mal keine Gedanken machen. Das hat mir Señor Rolando vom Büchergefahr! Podcast mit seinem Interview abgenommen.
Wer also schon immer wissen wollte, wie das Leben einer zukünftigen Bestsellerautorin aussieht, welche Vorteile ich mir vom Netzwerken verspreche oder einfach mal hören will, wie ich „in echt“ klinge, erfährt das hier:

Büchergefahr! Folge 55: Alltag einer Autorin

Büchergefahr!Interview

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[Werkstattgeplauder] Starke Frauen

„Schreib doch mal über starke Frauen“ hieß es neulich auf Twitter, als ich darüber klagte, mal wieder bloggen zu müssen, aber kein Thema zu haben. Interessanter Weise kam der Vorschlag von einem Mann. Andererseits ist das vielleicht sogar sehr nachvollziehbar, denn eins ist sicher: Die Forderung nach starken Frauencharakteren ist universell. Im Bereich historischer Roman war es (wenigstens zeitweilig, wie es aktuell aussieht, weiß ich nicht) die Voraussetzung für einen Verlagsvertrag, dass wenigstens eine wichtige Nebenrolle mit einer „starken Frau“ besetzt wird. Noch besser die Hauptfigur, natürlich. Nicht umsonst beginnen so viele Buchtitel mit dem Artikel „die“.

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Quelle: Pexels via Pixabay

Was aber ist nun die ominöse „starke Frau“? Wenn ich mir die Frauencharaktere in historischen Romane ansehe, gehen die Meinung der Verlage und meine eigene Auffassung in diesem Punkt sehr weit auseinander.
Guckt man sich die mit „starke Frau“ beworbenen Bücher näher an, ist nach Meinung der Verlage anscheinend essenziell, dass besagte Frau:

  1. unverschuldet in eine Notlage gerät, zu Unrecht verfolgt wird, gegen ihren Willen verheiratet werden soll – aber in jedem Fall sehr unter den gegebenen Verhältnissen leidet,
  2. viele schlimme Dinge durchmachen muss, bis sie
  3. am Ende des Buchs mit ihrem Herzallerliebsten (wieder)vereint ist.

Nach Möglichkeit hat besagte Frau auch noch eine besondere Gabe, die sie aus der Masse hervorhebt (gern genommen sind heilende Hände, seherische oder andere paranormale Fähigkeiten), die ihr aber missgönnt werden, so dass sie bei Nachbarn, Kirche und Obrigkeit gleichermaßen verhasst ist, obwohl sie ihre Kräfte doch nur für das Gute, Schöne und Wahre einsetzt.

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Bildquelle: darksouls1 via pixabay

Eigentlich hat dieser Charakter alles, was es braucht, um „stark“ zu sein: eine rebellische Grundhaltung, teilweise sogar ein konkretes Ziel wie „Die Pilgerin“, die das Herz ihres verstorbenen Vaters in Santiago de Compostela beerdigen will, dazu noch spezielle Fähigkeiten … Was will man also mehr?
Das Problem bei all‘ diesen Damen ist, dass sie trotz ihrer rebellischen Grundhaltung, ihrer Ziele und tollen Fähigkeiten nicht aktiv handeln, sondern sich so lange herumschubsen lassen, bis sie jemand kommt, der sie rettet. Jeder Versuch, das aus eigener Kraft zu schaffen, endet unweigerlich damit, dass alles noch schlimmer wird.*
Was einem hier als „starke Frauen“ verkauft wird, ist damit in Wahrheit ein Etikettenschwindel. Tatsächlich gehören diese Charaktere zum Typus der verfolgten Unschuld oder, um den vielleicht bekannteren Begriff zu nehmen, der Damsel in Distress. Dieser Typus zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass gerade die Leidensfähigkeit der „Heldin“ belohnt wird.

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Quelle: 5arah via pixabay

Nun kann man einwenden, das Mittelalter, die frühe Neuzeit oder meinetwegen auch das Neolitikum „sei eben so“ gewesen. Männer seien nun mal stärker und mächtiger gewesen und hätten das auch ausgenutzt, während Frauen zu allen Zeiten die armen, der Willkür ausgesetzten, unterdrückten Opfer gewesen seien.
Diese Behauptung hat einen gewissen Wahrheitsgehalt (auch, wenn wir über das Neolithikum nicht genug wissen, um dessen Größe beurteilen zu können). Aber das ist noch lange kein Grund, solche Geschichten mit ebendiesen Charakteren zu schreiben.
Das geht nicht? Aber sicher geht das!

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Quelle: FOTORC via pixabay

In Jane Austens Romanen gibt es nur eine einzige Protagonistin, die zum Typ der Damsel in Distress gehört – und das ist eine bitterböse Parodie (Northanger Abbey). Alle anderen Protagonistinnen gestalten ihr Leben selber – trotz aller Beschränkungen, die ihnen Stand und Zeit zumuten, zupackend und aktiv.
Das Gleiche gilt für Jane Eyre im gleichnamigen Roman von Charlotte Brontë. Obwohl als hochromantischer Schauerroman angelegt, kämpft die Protagonistin sehr aktiv für ihre Freiheit und Selbstbestimmung.
Oder gehen wir noch weiter zurück zum Nibelungenlied. Auch hier sind es Frauen, die die Story am Laufen halten. Allerdings wäre es unfair, den Konflikt allein auf den Machtkampf zwischen Brunhilde und Krimhild zu reduzieren. Hier spielen noch ganz andere Faktoren mit. Aber beide Frauen lassen die versammelten Männer (abgesehen von Hagen) blass aussehen.
Alle diese Geschichten haben trotz ihrer Verschiedenheit eins gemeinsam: Sie zeigen, dass es möglich ist, auch innerhalb der Grenzen, die eine Gesellschaft auferlegt, starke Charaktere zu enwickeln. Daher gibt es überhaupt keinen Grund, das heute nicht mehr zu tun. Noch weniger gibt es einen Grund, die Damsel in Distress als „starke Frau“ und Rolemodell für die Gegenwart zu verkaufen.

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Quelle: Pexels via pixabay

„Ok“, sagst du. „Aber was ist denn nun eine starke Frau? Wie schreibe ich einen starken Frauencharakter?“
Ganz ehrlich? Genau wie einen Mann. Mit Ecken, Kanten, Stärken und Schwächen, vor allem aber mit einem Ziel, für das sie alles gibt. Es ist nicht wichtig, ob dieses Ziel darin besteht, die Welt zu retten, die beste Nudelsuppe von Tokio zu kochen oder einen Mann für die beste Freundin zu finden. Wichtig ist, dass sie ihre Energie auf dieses Ziel ausrichtet und mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln darum kämpft. Das können Tränen sein, Fäuste, Manipulation und Maschinenpistolen. Genau wie bei einem Mann.

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Quelle: StockSnap via pixabay

Damit meine ich durchaus nicht, dass die Ziele „männlich“ sein müssen. Rebellion gegen die vorgesehene Rolle ist kein Muss, sondern inzwischen fast Klischee.
Dieses Rebellions-Klischee ist natürlich Quatsch. Gerade ein adeliges Fräulein darf durchaus mit ihrem Leben rundum zufrieden sein. Trotzdem kann kann sie politische Intrigen schmieden und dadurch ein starker Charakter werden. Genauso könnte sie das Ziel haben, eine besondere Kostbarkeit in ihren Besitz zu bringen, um eine Konkurrentin auszustechen oder einem Gegner eins auszuwischen. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, den „starken Mann“ darüber zu definieren, dass er, obwohl zum Krieger bestimmt, unbedingt Sticken und Häkeln lernen will oder eine Arztkarriere sausen lässt, um von zuhause aus einen Etsy-Shop mit selbstgekochten Marmeladen zu betreiben. **
Eine starke Frau braucht auch keine Superkräfte oder besondere Gaben. Sie braucht nur das, was jeder gute Protagonist auch braucht: Zielstrebigkeit. Während sie ihre Ziele verfolgt, kann die starke Frau die Liebe ihres Lebens treffen oder verlieren. Sie kann am Ende gewinnen, auf dem Scheiterhaufen enden oder einsehen, dass sie totalen Mist gebaut hat. Hauptsache, sie zieht ihr Ding durch. Mit allen Konsequenzen.

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Quelle: StockSnap via pixabay

Tatsächlich ist es bei meinen Geschichten oft sogar zufällig, ob ein Charakter nun männlich oder weiblich wird. Beim Fluch des Spielmanns war die Geschlechterverteilung durch die Skelettfunde vorgegeben. Aber wenn Dryaden nicht grundsätzlich weiblich wären, könnte Velona aus O Tannenbaum genauso männlich sein, wie Dejasir aus Steppenbrand eine Frau hätte werden können. Er wäre dann vermutlich als Amazonenanführerin durchgegangen, was auch keinesfalls verkehrt gewesen wäre. So assoziieren die Leser eher Dschingis Khan und die goldene Horde.
Lediglich Silke (aus Biss zum letzten Akt) musste eine Frau werden. Das ist aber vor allem der Methodik ihres Vorgehens geschuldet. Als Mann hätte sie andere Möglichkeiten gehabt und genutzt.

Ich hoffe, es ist klar geworden, was ich unter einer „starken Frau“ verstehe. Jetzt du dran: Wie ist deine Sichtweise?


* Das ist übrigens ein Punkt, der auch auf viele Figuren in der Romantasy zutrifft und leider besonders im Bereich Young Adult und New Adult.

** Albern? Nein, überhaupt nicht. Das Beispiel zeigt nur, wie sehr „typisch männliche“ Tätigkeiten überhöht und „typisch weibliche“ marginalisiert werden. Für einen starken Charakter ist aber nicht ausschlaggebend, wie Außenstehende diese Tätigkeit beurteilen. Für ihn oder sie ist zunächst nur wichtig, was er/sie davon hält.


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Dieser Beitrag war mal wieder unglaublich schwer zu illustrieren. Zwar gibt es auf pixabay nahezu unendlich viele Bilder zum Stichwort „Frau“, aber kaum solche, auf denen Frauen nicht in Flüssen, Wiesen oder Wäldern rumliegen, verträumt in die Gegend starren und/oder signalisieren, dass sie dringend gefickt werden wollen.

[Selfpublishing] Welche Software wird gebraucht? – Teil 1: Der Schreibprozess

In Foren kommt immer wieder die Frage auf, welche Software man braucht, um eBooks und/oder Prints zu veröffentlichen. Dazu schon mal vorab: Die Eine Antwort darauf gibt es nicht. Es gibt großartige Software für verschiedenste Zwecke und Anwender. Daher muss das, was für den einen stimmt, für die andere noch längst nicht passen. Deshalb werde ich mich mit Empfehlungen zurückhalten und nur erzählen, was ich verwende und warum.

Ganz grundsätzlich braucht man geeignete Programme für folgende Bereiche:

  • Schreiben (Verfassen von Manuskripten)
  • Erstellung von eBooks
  • Buchsatz für Print
  • Grafik für Covergestaltung, Werbung etc.

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Schreiben

Das eine Textverarbeitung unverzichtbar ist, dürfte klar sein, oder? Ich kenne jedenfalls niemanden, der noch glaubt, mit einem handgeschriebenen Manuskript irgendwo landen zu können. Selbst Verlage bestehen immer öfter auf der Einsendung einer Textdatei und im Selfpublishing bleibt gar keine andere Wahl. Ganz egal, ob man nun eBooks oder ausschließlich auf Papier veröffentlichen will – man braucht eine digitale Vorlage.

Die Frage ist eher, was die Textverarbeitung können soll. Wenn man „einfach nur“ Texte runtertippen will, reicht ein normales Office-Programm. Sehr beliebt ist Word, vermutlich einfach deshalb, weil es bekannt ist. Ein exzellenter Ersatz (und in meinen Augen sogar besser) ist der Writer aus dem Libre Office.
Ganz grundsätzlich kann Libre Office alles, was Word kann, „versteht“ deutlich mehr Textformate (darunter .doc und .docx), lässt sich durch unzählige Plugins ausbauen – und ist vollständig kostenlos. Ich habe vor Jahren mit dem Vorgänger Open Office angefangen, weil der (im Gegensatz zu Word) auch alte Worddateien lesen konnte und bin hochzufrieden, wenn es um kurze Texte geht.
Bei langen Texten zeigen sich die Nachteile dieser Office Pakete: Sie sind vor allem auf Büroarbeit ausgelegt. Nicht auf das Verfassen von Manuskripten mit mehreren hundert Seiten Umfang, Dutzenden von Haupt- und Nebenfiguren und diversen Schauplätzen. Das macht das Verwalten und Auffinden von Informationen mühsam. Es gibt zwar die Suchfunktion, man kann sich selbst Datenbanken anlegen und Sprungmarken in den Text setzen – aber es braucht eine große Selbstdisziplin, das auch tatsächlich zu tun.

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Das ist der Punkt, an dem verschiedene Spezialprogramme ansetzen. Sie versprechen Hilfe beim Plotten, Ordnen des Stoffs und der Informationen. Sehr beliebt sind Dramaqueen, Scrivener und Papyrus.
Wer nur Unterstützung beim Aufbau und Plotten sucht, dem reicht vielleicht sogar der y-Writer. Der y-Writer fällt in die Kategorie „nicht schön, aber ganz praktisch“. Man kann den Aufbau vorstrukturieren, indem man Szenen definiert und die dann Kapiteln zuordnet. Darüber hinaus bietet der y-Writer Datenbanken für Figuren und Orte, in die man auch Bilder einbinden kann, einen Wordcount, diverse Statistikfunktionen und einige wirklich nützliche Einstellungen. Die Nachteile sind, dass die deutsche Übersetzung nicht dolle ist (das ist jedenfalls bei meiner Version so), die Dateien in seltsamer Reihenfolge abgespeichert werden, das Design alles andere als hübsch ist. Dafür ist das Programm kostenlos.
Ich habe meinen ersten Roman mit y-Writer geplottet und in weiten Teilen auch geschrieben (nein, den gibt es nicht zu kaufen), aber so richtig warm geworden bin ich mit dem Programm nicht. Letztendlich habe ich alles wieder nach Open Office kopiert und dort zu Ende geschrieben.

Wegen der oben schon beschriebenen Einschränkungen von normalen Textverarbeitungsprogrammen, bin ich letztendlich auf Papyrus Author umgestiegen. Ob man Papyrus nimmt oder Scrivener, ist fast schon eine Glaubensfrage. Scrivener bietet unzweifelhaft tolle Funktionen und scheint deutlich bedienfreundlicher als Papyrus. Da hat man manchmal das Gefühl, die Programmierer hätten den Ehrgeiz gehabt, alles anders zu machen, als in anderen Programmen. Für jemanden, der seit Jahren keine Maus beim Schreiben mehr braucht, eine echte Nervenprobe.
Scrivener ist außerdem schon im Grundpreis deutlich günstiger und wird den NaNo-Teilnehmern auch noch vergünstigt angeboten.
Trotzdem hat Papyrus einige Vorteile, die ich erst nach und nach so richtig zu schätzen lerne. Der größte ist die Rechtschreib- und Grammatikfunktion. Dank enthaltenen Duden erkennt dieses Programm jeden unvollständigen Satz und findet jeden Rechtschreibfehler (bei falschen Wörtern stößt es allerdings an seinen Grenzen). Für Selfpublisher, die sich kein Korrektorat leisten können, lohnen sich Papyrus alleine deshalb schon. Darüber hinaus kann man in Papyrus, wie beim y-Writer Szenen definieren, umstellen und verschieben, es bietet aber auch einen Zeitstrahl, mit dem man (angeblich, ich komme mit dem Ding nicht zurecht) im Auge behalten kann, wann welcher Charakter wo was getan hat und eine Mindmap, die sich perfekt zum Ideen finden und sortieren eignet. Man kann Notizen schreiben und an eine virtuelle Tafel kleben, natürlich kommentieren und, und, und … Ach, und eine „normale“ Textverarbeitung besitzt es auch. Ich könnte mein Libre Office eigentlich auch löschen.
Mache ich aber nicht, denn ich arbeite nach wie vor gern damit.

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Dramaqueen ist noch mal etwas ganz anderes. Dramaqueen wurde ursprünglich nicht für Romanschriftsteller, sondern für Drehbuchautoren entworfen. Der Ansatz dieses Programms ist die charakterorientierte Storyentwicklung. Dementsprechend bietet Dramaqueen Analysetools, die helfen sollen, Plot- und Spannungslöcher aufzuspüren, sowie die Figurenentwicklung voranzutreiben. Einiges davon ähnelt den Funktionen des y-Writers, ist aber optisch deutlich ansprechender.
Ich muss zugeben, selbst keine Erfahrungen mit Dramaqueen zu haben, sondern nur Bilder und Tutorials zu kennen. Aber einige meiner Bekannten nutzen es und schwören darauf.

Letztendlich gilt das oben Gesagte: Die perfekte Software gibt es nicht. Man muss ausprobieren, womit man selber am besten zurecht kommt.

 

[Werkstattgeplauder] Sexszenen schreiben

In meinen Büchern gibt es (bisher) eher wenige explizite Sexszenen. Nicht, weil meine Charaktere keinen Sex haben, aber weil ich die Szenen dramaturgisch nicht brauche. Im Prinzip ist es das Gleiche, wie bei anderen körperlichen Verrichtungen: Natürlich haben meine Charaktere Stuhlgang, aber deshalb muss ich nicht über jeden Klogang berichten.

Daher kann ich aktuell gar nicht so viel darüber berichten, wie ich Sexszenen angehe. Ich kann aber sagen, wie ich Sexszenen angehen würde. Nämlich so, wie es der Situation und den Charakteren angemessen ist.
Das ist sehr allgemein, sagst du? Stimmt. Aber bei mir hängt nun mal alles an den Charakteren. Wenn du konkrete Empfehlungen zum Schreiben einer Sexszene suchst, kann ich dir diesen Blogbeitrag von Tristan (auf Twitter auch bekannt als Desasterotik / @germanerotika) sehr ans Herz legen. Das ist so gut und ausführlich beschrieben, dass ich absolut nichts hinzuzufügen habe.

[Werkstattgeplauder] Die Crux mit den Frauenrollen

Vor ein paar Tagen fragte eine Kollegin, wie alt man sein müsse, um Erfahrung zu haben. Konkret ging es um eine Kräuterfrau Anfang zwanzig. Ob die schon erfahren sein könne?
Das Gespräch entwickelte sich schnell schnell weiter zu einer grundsätzlichen Frage: Warum müssen Heldinnen immer jung und schön sein? Oder anders gesagt: Warum finden sich jenseits von jung und schön nur noch die Hexen, Stiefmütter und die intriganten alten Weiber?

Die Frage hat mich nicht losgelassen und so kam es zu folgendem Zwiegespräch zwischen meinem schreiberischen Ich und dem Über-Ich, das ich hier ungekürzt und in aller Polemik wiedergebe. Zur besseren Übersicht spricht das Ich in grau und das Über-Ich in schwarz.

Das mit junge, schöne Protas vs. alte Hexen ist wirklich so ein Klischee und eigentlich wollen wir ja weg davon. Außerdem wird es in der alternden Gesellschaft vielleicht sogar begrüßt, wenn nicht nur die 16 – 21jährigen Liebesabenteuer erleben, sondern auch mal die, sagen wir, 50plusserinnen ihren Traumprinzen abkriegen?

Stimmt. Allerdings – wieso Traumprinz?

Wer sagt denn, dass Liebesgeschichten immer hetero sein müssen? Es könnte doch auch sein, dass die 50plusserin entdeckt, dass sie gar nicht auf Männer sondern auf Frauen steht.

Gute Idee. Sie findet also die Liebe ihres Lebens und die ist eben nicht überirdisch schön, sondern normal. Also gerne ein bisschen übergewichtig, orangehäutig und auch nicht mehr die sportlichste. Dafür aber, sagen wir: Türkin.
Türkin ist gut. Das bringt Interkulturalität und zusätzliche Konflikte und Konflikte sind immer gut.
Dafür sind beide aber total nett und sympathisch und deshalb fiebern wir natürlich mit, denn das Happy End gehört ja irgendwie dazu.

Das hat was. Aber mal ganz generell gefragt: Warum dürfen Frauen nicht auch mal die Fiesen sein? Also richtig böse Superschurkinnen, die Spaß an Folter, Mord oder dem Zerstören von Welten haben, statt immer nur aus Liebeskummer zu handeln?
Du bringst mich da auf eine geile Idee! Das wäre doch mal ein Superplot: Eine schon etwas ausgelutschte 50plusserin verliebt sich in eine fette, türkische …

Oh, wait!

Huston, wir haben ein Problem!

Lesbische Superschurkin ist nicht. Es gibt so wenige lesbische Protagonistinnen, dass jede als Stellvertreterin für alle Lesben gesehen wird. Wenn ich also eine lesbische Superschurkin habe, die aus Freude am Foltern foltert, dann werden alle denken, du hast was gegen Lesben. Und wenn die dann auch noch Türkin ist, bist du außerdem Rassistin.
Wenn, muss die weiße Kartoffel die Böse sein, dann gleicht sich das vielleicht wieder aus.

Puhhhhhhhh!

Also fette, türkische Lesbe verknallt sich in die schurkische Kartoffel, wechselt auf die dunkle Seite der Macht. Gemeinsam sind sie noch stärker und weiten ihren Geschäftsbereich aus, bis …
Ne, kannste nicht machen. Erstens glaubt das kein Mensch und zweitens ist das wieder Anti-LGBT.
Ok, sie verlieben sich also und kämpfen auf der dunklen Seite der Macht, bis sie werden wie Thelma und Louise …
Halt, stopp! Das ist zwar schon besser, aber wer bringt denn den Untergang? Doch garantiert die Polizei, also im Zweifel Männer. Dabei geht es hier um Frauenrollen, Herrgott, … Verzeihung: Große Mutter nochmal!
Also dritter Anlauf: Die fette Türkin verliebt sich, sieht dann aber ihren Fehler ein, beseitigt die Kartoffel und rettet die Welt.
Das ist mir auch schon wieder zu Mainstreamig. Muss denn der Superschurke immer gleich gekillt werden? Und dann auch noch eine Weiße von einer PoC? Das riecht nach Rassismus.
Den Punkt hatte ich nicht bedacht. Also die supernette Türkin, die natürlich Atheistin ist, überzeugt die Weiße davon, auf die helle Seite zu wechseln. Das hat dann auch noch eine hübsche Konnotation, wenn ausgerechnet die Weiße erst auf der dunklen Seite steht und dann durch die Liebe ihrer dunkelhaarigen Freundin gerettet wird.
Super Plot! Projekt gerettet! Jetzt muss ich nur noch ’ne Story drumrum basteln.

Ja, nicht so schnell: Müssen die sich unbedingt verlieben? Wer sagt eigentlich, dass sich Frauen unbedingt verlieben müssen?
Müssen sie ja gar nicht. Sie können zum Beispiel auch Nachbarinnen sein, die sich aber nicht leiden können …
Nein, das geht auch nicht, wir wollen positive Frauenrollen. Frauen, die sich gegenseitig unterstützen. Keinen Zickenkrieg, das ist nicht nur ein böses Wort, sonder auch so ein Klischee, das es zu bekämpfen gilt.
Also: Sie sind Freundinnen.
Ja, und der Konflikt? Wo bleibt der Konflikt? Du weißt, dass du einen brauchst.
Der Konflikt ist natürlich die Gesellschaft. Sie sind beide über 50, übergewichtig und lesbisch. Aber die Gesellschaft erwartet von ihnen, dass sie jung, hübsch und hetero sind. Außerdem ist eine auch noch Türkin. Das ist doch Konfliktstoff, oder?
Stoff schon, aber noch kein Konflikt. Da brauchst du mehr. Vor allem müssen sie aktiv sein und etwas tun. Aktivität ist schließlich das, was eine gute Protagonistin auszeichnet.
Gut, was hältst du davon: Sie eröffnen gemeinsam eine interkulturelle Konditorei, oder warte, besser: ein Hammam! Eins, wo nur Frauen Zutritt haben! Und alle Frauen sind natürlich total begeistert, auch weil sie mit einem ganz neuen Körpergefühl rauskommen, auch wenn es natürlich auch Gegner gibt. Ich stelle mir da zum Beispiel so eine alte, vertrocknete Lehrerin vor …
Achtung! Ganz dünnes Eis, meine Liebe! „Alte, vertrocknete“ ist Bodyshaming! Und nichts gegen Lehrerinnen!
Die Lehrerin ist ja nur am Anfang dagegen, aber nachdem sie das Hammam einmal besucht, ist sie hin und weg und hilft den beiden Lesben gegen ihren ärgsten Widersacher, so einen echten Widerling …
EINEN MANN? Sag mal, willst du jetzt die Männer diskriminieren?


An dem Punkt habe ich die Diskussion mit meinem Über-Ich abgebrochen und mich darauf besonnen, dass ich ohnehin erst die Geschichte glattziehe, bevor ich mir Gedanken über die Besetzung mache. Aber natürlich bleibt das Grundproblem erhalten: nämlich welche Figuren wir als Autor*Innen und Leser*Innen eigentlich wollen.
Und bevor jetzt irgendwer auf die Idee kommt, das sei ein Problem des Genderns oder des Feminismus: Das Problem, gute Figuren zu schaffen, existiert keinesfalls nur für Frauen. Ich kann das gleiche Fass problemlos auch für Männer aufmachen. Die Konstruktion des idealen Superhelden wäre auch sehr spaßig.


Als Ergänzung hier noch ein Artikel der Edition F, über den ich eben auf Twitter gestolpert bin. Andere Perspektive aber das gleiche Problem.

[Werkstattgeplauder] Spannung aufbauen

Neulich beklagte sich jemand in meiner virtuellen Autorenrunde, dass immer nur Action gefordert sei. Aber man könne doch nicht eine Actionszene an die andere reihen. Irgendwo dazwischen müsse es doch auch mal Erholungsphasen geben.

Recht hat er.

Allerdings glaube ich, dass die Grundannahme falsch ist. Action ist nicht gleich Spannung. Alfred Hitchcock hat das Verhältnis von Action und Spannung so gut beschrieben, dass ich hier einfach zitiere:

Let’s suppose that there is a bomb underneath this table between us. Nothing happens, and then all of a sudden, „Boom!“ There is an explosion. The public is surprised, but prior to this surprise, it has seen an absolutely ordinary scene, of no special consequence. Now, let us take a suspense situation. The bomb is underneath the table and the public knows it, probably because they have seen the anarchist place it there. The public is aware the bomb is going to explode at one o’clock and there is a clock in the decor. The public can see that it is a quarter to one. In these conditions, the same innocuous conversation becomes fascinating because the public is participating in the scene. The audience is longing to warn the characters on the screen: „You shouldn’t be talking about such trivial matters. There is a bomb beneath you and it is about to explode!“

Im Fall der explodierenden Bombe löst die Action (Explosion) die Spannung sogar auf. Anders ist es natürlich, wenn der Held oder die Heldin eine Gruppe von Schulkindern durch den Bombenhagel lotsen muss. Hier steigern die einzelnen Explosionen die Spannung. Aber warum?

Was macht Spannung aus?

In einigen Schreibratgebern heißt es, Spannung entstünde durch offene Fragen. Das ist mir noch ein bisschen zu allgemein und allein auch nicht ausreichend. Aber der Reihe nach.

Spannung durch offene Fragen

Mir ist es zu allgemein, weil nicht jede offene Frage Spannung erzeugt, sondern nur diejenigen, die aus Sicht der Leserin oder des Lesers für den Fortgang der Handlung wichtig sind. Das klingt jetzt sehr theoretisch, deshalb ein Beispiel: Ist der folgende Dialog spannend oder nicht?

„Ich suche Frau Schneider. Svantje Schneider. Können Sie mir sagen, wo ich sie finde?“
„Svantje Schneider?“ Der dünne Mann schüttelte den Kopf. „Nie gehört. Wer soll das sein?“

Die letzte Frage trifft den Punkt. So lange ich als Leserin nicht weiß, wer diese Svantje Schneider ist und weshalb sie gesucht wird, ist das Ganze ziemlich unspektakulär. Es wird auch nur unwesentlich spannender, wenn der Fragesteller Taxifahrer ist und vor einem reichlich abgewohnten Mietshaus steht, bei dem die Hälfte der Namensschilder fehlt oder unleserlich ist.
Aber gesetzt den Fall, es handelt sich um ein einsames Gebäude, dann fängt das Hirn schon an, zu arbeiten, oder?

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FrankWinkler via Pixabay

Grundsätzlich möchte man dem dünnen Mann ja glauben. Aber andererseits muss jemand den Taxifahrer zu dieser Adresse gerufen haben. Wer, wenn nicht der dünne Mann? Und warum? Und was hat es mit dieser Frau auf sich? Gibt es sie überhaupt? Vielleicht ist der dünne Mann ein Einbrecher, Vergewaltiger, Mörder? Oder ist der Taxifahrer in eine Falle getappt?
Ich finde jede einzelne dieser Fragen spannend und würde an dieser Stelle weiterlesen wollen.
Eine Sonderform dieser Art der Spannungserzeugung ist der Cliffhanger. Hier ist die offene Frage, wie sich die Figur der meist lebensbedrohlichen Situation entzieht – und genau damit lässt man seine LeserInnen allein.

Atmosphärische Spannung

Noch größer wäre die Spannung, wenn mir der Autor oder die Autorin sie auch atmosphärisch vermittelt. Zum Beispiel, indem der Taxifahrer vorher durch einen nebelverhangenen Wald muss oder das Haus so düster beschrieben wird, wie es auf dem nächsten Bild aussieht.

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Bild: darksouls via pixabay

In unserem Unterbewusstsein sind bestimmte Erwartungshaltungen angelegt. Die Fahrt auf einer einsamen Landstraße bei Nebel und einbrechender Dämmerung ruft ganz andere Gefühle hervor, als die gleiche Landstraße bei Sonnenschein. Nebel, Dunkelheit – überhaupt jede unübersichtliche Situation verknüpfen wir automatisch mit Gefahr.
Natürlich ist die „dunkle und stürmische Nacht“, mit der Snoopy jeden seiner nie vollendeten Romane beginnt, ein ausgelutschtes Klischee. Aber geschickt eingesetzt, erzeugen solche Topoi trotzdem Spannung. Hier ist es aber keine konkrete Frage, die sich Leser oder Leserin stellen, sondern das Spiel mit der Erwartungshaltung.

Spannung durch Widerstände

Bei unserem letzten Werkstattgeplauder war ich kurz darauf eingegangen, dass Romanfiguren Ziele brauchen, um interessant zu sein. Diese Ziele können völlig banal sein, wichtig ist nur, dass sie sich nicht unmittelbar erreichen lassen. Sofern die Figur den unbedingten Willen hat, ihr Ziel zu erreichen, passiert das Gleiche wie in der Physik: Jeder Widerstand erhöht die Spannung.
Diese Methode der Spannungserzeugung dominiert actionlastige Szenen, also z. B. Verfolgungsjagden, Kämpfe, Fluchten … Hier sind wir wieder bei den Bomben vom Anfang: Wenn das Ziel ist, die Schulklasse sicher durch ein vermintes Gelände zu lotsen, ist jede einzelne Explosion ein Widerstand, der die Gefährlichkeit der Situation bestätigt.
Das heißt aber nicht, dass sich diese Methode der Spannungserzeugung nur für actionlastige Geschichten eignet – ganz im Gegenteil. Auch Liebesromane leben genau davon. Im Grunde besteht der klassische Liebesroman nämlich vor allem daraus, die Hindernisse zu überwinden, die der glücklichen Vereinigung im Weg stehen.

Spannung durch Sprache

Das auch die Sprache dazu beitragen kann, Spannung zu erzeugen, ist so eine Binsenweisheit, dass ich diesen Punkt der Vollständigkeit halber erwähne. Das steht nun wirklich in jedem Schreibratgeber, dass überbordende Beschreibungen, lange Sätze, viele Hilfsverben, Adjektivitis und Adverbivitis einen Text schwerfällig und damit langweilig machen.

Wichtig ist die Kombination

Da sind wir wieder am Anfang und bei der Klage des Kollegen. Eine Geschichte, sich nur einer Methode der Spannungserzeugung bedient, wird schnell langweilig. Das Gleiche gilt für zu schnelle Auflösungen. Aber hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Wenn man nämlich zu lange darauf herumreitet, wie gruselig die Atmosphäre ist oder was es nun mit dem geheimnisvollen Anruf auf sich hat, schmeißt der Leser das Buch irgendwann genervt in die Ecke. Deshalb Abwechslung. Fragen rechtzeitig klären – aber nicht bevor mindestens eine (besser: zwei) neue aufgetaucht sind.
Das Schöne daran: Ich kann meinen LeserInnen auf der einen Ebene Entspannung bieten, während ich gleichzeitig die Spannung auf einer anderen aufbaue. So könnte ich z. B. den zwischen den Bäumen hochkriechenden Nebel bildhaft und in langen Sätzen beschreiben und gleichzeitig das Unbehagen schildern, das den Fahrer befällt. Böse Assoziationen, die er mit fröhlicher Musik zu bekämpfen versucht. Schlager vielleicht oder Helene Fischer (eine sehr grausame Vorstellung).


So, das waren meine 5 Cent zum Thema Spannung. Jetzt bin ich gespannt: Hast du noch andere Punkte? Anmerkungen? Fragen? Tipps und Verbesserungsvorschläge?
Falls nicht, habe ich noch eine kleine Schreibanregung: Ich habe die ganze Zeit fast ausschließlich bedrohliche Situationen geschildert. Das ist ziemlich simpel. Versuch‘ du doch mal, mich auszustechen und das Gleiche mit einer Situation zu schaffen, die Ruhe und Geborgenheit verheißt: Nimm an, es ist heller Tag, blauer Himmel, die Sonne scheint und die Luft ist voller Bienengesumm und Vogelgezwitscher.


Und falls du neugierig geworden sein solltest, ob ich nur schlau daherreden oder auch schreiben kann, ist hier ein Link zu der Seite mit meinen Büchern.

[Werkstatt] Warum sind Antagonisten oft cooler als der Rest?

Geht es dir auch so, dass du die Helden einer Geschichte oft langweilig findest, verglichen mit dem Antagonisten? In Gesprächen mit Kolleginnen taucht das Thema jedenfalls immer wieder auf. Antagonisten sind cool, Helden eher lame. Aber warum?

Ich habe mal ein paar mögliche Antworten gesammelt:

  • Antagonisten dürfen tun, was sie wollen, während die Helden auf ihre gute Seite festgelegt sind.
  • Antagonisten haben den besseren Start (Superkräfte, Macht, Reichtum), die Protagonisten starten als 08/15.
  • Antagonisten spiegeln die verdrängten dunklen Seiten und unerfüllten Wünsche der Leser.
  • Helden sind oft weniger ausgearbeitet und gewinnen erst im Kampf mit dem Antagonisten Profil.

Vor allem den letzten Punkt finde ich ziemlich wichtig, auch wenn wir alle natürlich versuchen, gerade den Helden möglichst gut auszuarbeiten. Die meisten Protagonisten starten inzwischen mit einer Biografie. Sie haben Stärken und Schwächen und alle guten Autoren, die ich kenne sorgen dafür, dass diese auch zum Tragen kommen. Und trotzdem …

Deshalb glaube ich inzwischen, dass es noch einen anderen Punkt gibt, der dafür sorgt, dass wir Antagonisten spannender finden: Sie haben von Beginn an ein Ziel.
Der Protagonist hat meist zwar den ersten Auftritt, wird aber in einer behaglichen Ausgangssituation gezeigt und muss oft erst auf die richtige Spur gesetzt werden. Denk‘ an Bilbo, den Hobbit: Er hat seine Höhle, seine Pfeife und nicht die leiseste Lust, sein angenehmes Leben aufzugeben. Erst die Intervention Gandalfs und der Zwerge später bringt ihn dazu, sich zu bewegen.
Das ist das klassische Modell der Heldenreise. Der Ruf ergeht, der Held lehnt ab. Dann passiert etwas, das ihn doch aus dem Haus zwingt und endlich gewinnt die Geschichte an Fahrt.
Nun gibt es im Hobbit keinen echten Antagonisten, sondern nur einen Endgegner. Aber wenn man den Herrn der Ringe ansieht, der ähnlich aufgebaut ist, sieht man, dass Sauron längst aktiv ist, noch bevor Frodo seine ersten Schritte aus dem Auenland gemacht hat. Genau genommen ist es Sauron, der ihn überhaupt zum Aufbruch zwingt.
In den Schreibratgebern ist dazu oft von der Fallhöhe die Rede. Die Theorie lautet, dass die Leser um so mehr mit einer Figur mitfiebern, je größer der Verlust ist, den sie erleidet. Das gilt vor allem für die ganzen verstoßenen Prinzessinnen in den Märchen. Aber auch viele Superhelden müssen erst Heim und Familie verlieren. Mit anderen Worten: Sie starten als Opfer. Passiv.

Aber auch danach fehlt ihnen oft noch ein Ziel. Batman baut keine Schulen, sondern spielt den reichen Snob und vermöbelt Kleinkriminelle bis ihn ein Superschurke aus der Deckung zwingt. Es ist der Schurke, der die Fäden zieht und der Held, der darauf reagiert. Überspitzt könnte man sagen: Der Protagonist ist die Marionette des Antagonisten.
Und genau das ist das Problem. Niemand findet Marionetten spannend. Wir interessieren uns automatisch mehr für den Puppenspieler.

Daher wäre mein Tipp, um den Protagonisten interessant zu gestalten: Gib ihm von Anfang an ein Ziel. Das kann ruhig banal sein. Helden müssen nicht schon am Anfang die Welt retten wollen. Das Ziel kann genauso darin bestehen, eine Frau zu finden und ihr einen Antrag zu machen (Next). Wichtig ist nur, dass der Protagonist schon erste Schritte unternommen hat, um dieses Ziel zu erreichen, bevor der Antagonist dazwischenfunkt. Sonst sind wir nämlich wieder bei der klassischen Heldenreise, wo die Hand der Prinzessin und das halbe Königreich nur die Belohnung dafür sind, dass der vergleichsweise lahme Protagonist doch noch den Arsch hochgekriegt hat.

Wie siehst du das? Sind für dich Antagonisten auch spannender? Beziehungsweise: Was tust du, um deine Protagonisten interessanter zu gestalten?

[Werkstattgeplauder] Cliffhanger

Autorinnen* sind fiese Wesen. Wir quälen unsere Protagonistinnen und manchmal sogar die Antagonistinnen, indem wir sie zwingen, an ihre Grenzen zu gehen. Oft sogar ein ganzes Stück darüber hinaus. Auch unsere Leserinnen spannen wir auf die Folter und schicken sie, wo immer möglich, in eine Gefühlsachterbahn, zu der Angst genauso gehört, wie (hoffentlich) befreiendes Lachen.

Eines dieser Stilmittel ist der Cliffhanger, bei dem eine Figur in eine für sie, vor allem aber auch für den Leser aussichtslos erscheinende Situation getrieben und dort allein gelassen wird.

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Bild: Alexas_Fotos via Pixabay

Dieses „Alleinlassen“ kann verschiedene Formen annehmen. Die mildere Variante besteht darin, dass die Autorin einfach einen Punkt und einen Absatz macht und ein neues Kapitel beginnt. Auch das ist schon gemein, denn welche Leserin würde das Buch jetzt noch aus der Hand legen? Die Steigerung besteht darin, dass die Autorin sich fröhlich pfeifend einer anderen Figur zuwendet. Eine geschickte Autorin kann auf diese Weise mit einem halben Dutzend Figuren und sogar noch mehr jonglieren. Aus der Phantastik fällt mir leider gerade kein Roman ein, der sich exemplarisch anführen lässt. Allenfalls Andrzej Sapkowski tut das in seiner Geralt-Saga ansatzweise. Überragend ist Juli Zeh mit Unterleuten.

Damit ist der Cliffhanger eines der Stilmittel, die einen fast zum weiterlesen zwingen, denn natürlich will man wissen, was mit Jaime und Maria, aber auch mit Anne … (die Namen sind mir gerade in den Sinn gekommen, gehören also nicht zu einer konkreten Geschichte).
Wichtig ist, dass das implizite Versprechen der Autorin eingehalten wird, die Szene später aufzulösen. Bleibt diese Auflösung aus, d. h. endet eine Szene mit einem Cliffhanger und ein paar Szenen weiter spaziert die zurückgelassene Figur munter an anderer Stelle durch die Gegend, ohne dass verraten wird, wie sie entkommen ist, fühle ich mich um eine Antwort geprellt und werde ungnädig.
Genauso nerven mich Bücher, in denen die ganz fiese Version des Cliffhangers im Übermaß eingesetzt wird. Die „kleine Variante“, also ein Kapitelende, bei dem die Heldin in Schwierigkeiten steckt, die Handlung aber im nächsten sofort weitergeht, ist noch einigermaßen verträglich. Wenn jedes Kapitel damit endet, dass eine Figur in einer ausweglosen Lage steckt und das nächste mit einer anderen Figur beginnt, wird es lästig. Mir jedenfalls. Das mag daran liegen, dass ich als Autorin natürlich verschiedene Techniken der Spannungserzeugung kenne und erkenne. Andererseits achte ich beim Lesen nicht bewusst auf Techniken, sondern lasse mich in das Buch fallen (bzw. versuche es. Manche Bücher sperren sich dagegen). Also behaupte ich mal ganz dreist, dass eine Technik schon im Übermaß eingesetzt werden muss, um mir auf die Nerven zu gehen. Und wenn sie mir auf die Nerven geht, kann das bei anderen Leserinnen genauso der Fall sein.

Leserinnen auf die Folter zu spannen, ist eine Sache. Sie zu verärgern, ist eine ganz blöde Idee.

Deshalb sind Bücher, die mit einem Cliffhanger enden, für mich sowohl als Autorin, als auch als Leserin ein absolutes No-Go.
Für mich beinhaltet jedes Buch das Versprechen einer Geschichte. In Schreibratgebern ist sogar teilweise von einem Vertrag die Rede, den Autorin und Leserin eingehen. Ganz so ernst nehme ich das nicht, aber wenigstens erwarte ich Anfang, Mittelteil und Ende. Ende im Sinne einer Auflösung des Handlungsstrangs, der im Mittelpunkt des Buches steht.
Wenn ich ein Buch mit einem Cliffhanger enden lasse, bringe ich meine Leserinnen um diese implizit versprochene Auflösung.
Als Leserin finde ich solche Bücher frustrierend. Ich habe mich bei der Tintentrilogie wahnsinnig über das fehlende Ende geärgert und auch bei der Geralt-Saga habe ich bei jedem Buch das Gefühl gehabt, einfach aus der Handlung gerissen zu werden und um die Auflösung betrogen worden zu sein. Bei der Geralt-Saga konnte ich auch keinen Grund für die Aufteilung erkennen, so dass sie wie reine Geldschneiderei des Verlags wirkt. Das Schlimmste an Cliffhangern am Ende ist aber, dass ich in solchen Fällen immer den Eindruck bekomme, dass ich manipuliert (nicht verführt!) werden soll, den nächsten Band auch zu kaufen. Solche Holzhammermethoden machen mich sauer. Richtig sauer. Im schlimmsten Fall, tue ich genau das Gegenteil, kaufe den nächsten Band also nicht. Und wenn ich richtig verärgert bin, lasse ich diesen Ärger auch in die Rezension des Gelesenen einfließen.

Bei mehrbändigen Werken ist ein offenes Ende in meinen Augen daher die bessere Lösung. Es ist normal, dass nicht alle Fragen in einer Geschichte geklärt werden können. Außerdem geben die offenen Fragen der Erzählung Weite und Tiefe – man ahnt, dass da mehr ist und wird verlockt, selber weiter zu denken und bei mehreren Bänden auch weiter zu lesen. Das ist auch das Rezept der meisten Erfolgsserien: Pro Folge gibt es eine abgeschlossene Haupthandlung (eventuell mit Nebenhandlungen) und darüber hinaus einen übergeordneten Erzählfaden, der sich durch alle Folgen zieht und sie logisch miteinander verknüpft. Das Muster lässt sich problemlos auf mehrbändige Werke übertragen und sorgt dafür, dass die Leserin am Ende jedes Buchs eine befriedigende Auflösung erhält – aber durch den übergeordneten, offenen Handlungsfaden zum Weiterlesen verführt wird.

Das ist aber nur meine Meinung. Wie siehst du das? Verwendest du Cliffhanger und wann?


*Ich verwende in diesem Artikel ein generisches Femininum, d.h. Männer sind selbstverständlich mitgemeint. Wer das schwierig findet: Willkommen im Club – mir geht es mit dem generischen Maskulinum oft auch.

[Fundstück] reiner Kreationismus: Fantasywesen erschaffen

Über das Erschaffen phantastischer Welten und Kreaturen bloggt Sylvia Englert (alias Katja Brandis, alias Siri Lindberg) als Gastautorin auf Tor online. Ihren Artikel zur Erschaffung von Fantasywesen kann ich nicht nur angehenden Fantasy- und SciFi-Autoren empfehlen. Ganz besonders hat es mir der Abschnitt „Die Biologie sollte Sinn ergeben“ angetan. Nicht nur, weil der perfekt zu meiner Serie über Vampire passt.

Die wird übrigens morgen fortgesetzt. Dieses Mal wird es um die Auswirkungen des Virus‘ auf den menschlichen Körper gehen.

[Werkstatt] Die Grundhaltung der Figuren als Charaktermerkmal

Letzte Woche hatte ich im Zusammenhang mit der Frage, wie mit Charakterbögen umzugehen sei, in einem Nebensatz geschrieben, dass es bei der Charakterisierung von Figuren in erster Linie auf ihre Haltung ankäme. Damit meine ich nicht die Körpersprache, also ob jemand schnell geht, aufrecht steht oder niemandem in die Augen sieht. Alle genannten Eigenarten sind zwar ebenfalls wunderbar geeignet, eine Figur zu charakterisieren, aber sie rühren aus einer inneren Haltung, um die es hier gehen soll.

Mit dieser inneren Haltung meine ich zunächst die Grundstimmung einer Figur: Ist sie optimistisch, ängstlich, feindselig, nervös, neugierig … Das zu bestimmen, fällt am Anfang nicht immer leicht, ist aber ungemein wichtig, denn diese Grundstimmung ist das, was in Krisensituationen durchschlägt (und ein Buch besteht, wie wir alle wissen, vor allem aus kleineren und größeren Krisen). Sie bestimmt das Verhalten der Figur in der Krise und verändert sich im Lauf einer Geschichte nicht.
Du* meinst, das stünde im Widerspruch zu allem, was in Schreibratgebern steht? Nämlich, dass Figuren im Verlauf der Geschichte eine Wandlung durchmachen sollen?
Stimmt.
Und stimmt doch nicht.
Aber der Reihe nach.

Zunächst mal lässt sich dieses Phänomen auch bei „realen“ Menschen beobachten. Obwohl die Entwicklungspsychologie inzwischen davon ausgeht, dass „Persönlichkeit“ nichts ist, das sich zwischen 16 und 25 fixiert und fortan nicht mehr ändern lässt*, bauen die meisten Menschen danach nur noch ihre Marotten aus. Vielleicht lernen sie auch mit gewissen Schwächen umzugehen. So kann ein chaotischer Mensch ein gewisses Maß an Ordnung in sein Leben bringen, indem er Hilfsmittel wie To-Do-Listen verwendet. Aber anders, als bei einem Ordnungsfanatiker werden bei ihm immer unsortierte Bereiche bleiben, in denen das Chaos die Oberhand behält. Mit anderen Worten: Reale Menschen ändern schon etwas, aber im Normalfall bleibt ihre Persönlichkeit im Kern gleich. Es muss schon ein sehr großer Anstoß von Außen kommen, damit sich die Persönlichkeit grundlegend ändert. Solche Anstöße können u. a. Traumata, spirituelle Erlebnisse (Nahtoderfahrungen, Offenbarungen etc.), aber auch psychiatrische Behandlungen sein.

Für literarische Figuren gilt das Gesagte um so mehr, da sie sich zwar ändern sollen, ihre Handlungen aber für den Leser nachvollziehbar bleiben müssen. Genau das erreicht man am Besten indem man ihnen eine Haltung mitgibt, die bis zum Schluss unverändert bleibt, auch wenn die Figur vielleicht lernt, mit den daraus resultierenden Problemen umzugehen. Ron Weasleys Angst vor Spinnen ist ein schönes Beispiel: Er wird in den verschiedenen Harry-Potter-Bänden immer wieder auf verschiedene Weise mit ihr konfrontiert. Manchmal ist das Ergebnis witzig (wie bei dem Irrwicht), aber immer muss er seine Angst zugunsten eines höheren Ziels überwinden und schafft es auch. Trotzdem würde er unglaubwürdig werden, wenn er eine noch so winzige, flaumige Spinne plötzlich „niedlich“ fände.

Wie kommt man nun zu dieser Grundhaltung?
In der Fantasy ist das vergleichsweise leicht, weil hier die Grundhaltung oft schon durch Rasse und Charakterklasse vorgegeben ist. So sind Tolkiens Elben immer großherzig, dem Schönen zugeneigt und gleichzeitig so vergangenheitsfixiert, dass man sie schon fast reaktionär nennen könnte. Hobbits sind gutmütige Genusswesen, Orks zerstörerisch und nur dem Recht des Stärkeren gehorchend. Bei den Charakterklassen haftet Dieb, Assassine und Spion immer Verschlagenheit an, während Ritter gerecht sind und Heiler (im Gegensatz zu Schamanen) Fürsorge verkörpern.
Klischees?
Klar sind das Klischees. Niemand sagt, dass du dich daran halten musst. Aber diese Klischees geben einen guten Eindruck davon, was ich mit „Grundhaltung“ meine.

Tatsächlich mag ich Charaktere, die gegen das Klischee gebürstet sind. Als Discovery Writer würde ich daher vermutlich hergehen und mir überlegen, welche Eigenheiten meine Figuren haben sollen, ihnen eine interessante Aufgabe geben und dann sehen, wie sie damit zurecht kommen.
Nun bin ich aber Plotter, d. h. ich plane meine Geschichten durch, bevor ich anfange zu schreiben. Das bedeutet auch, dass ich zumindest eine grobe Vorstellung vom Inhalt der Geschichte habe, bevor ich mir Gedanken über die Figuren mache. Dementsprechend läuft auch die „Rollenbesetzung“ ein bisschen anders. Wer jetzt an ein Casting für einen Film denkt, liegt gar nicht mal verkehrt.
Es gibt ja so eine Schreibtheorie, wonach alle Geschichten in „story driven“ oder „charakter driven“ einsortiert werden. Also danach, ob die Spannung eher aus der Handlung entsteht oder ob die Charaktere im Vordergrund stehen. In aller Unbescheidenheit möchte ich behaupten, dass die besten Bücher beides sind. Meiner Meinung nach lassen sich Charakter und Handlung nicht trennen. Der Charakter einer Figur beeinflusst ihre Handlungen, was Prozesse in Gang setzt, die neue Handlungen erfordern, die wieder auf dem Charakter beruhen. Wäre Bilbo nicht aus dem Haus gegangen, wäre er Gollum nicht begegnet und auch keinem Drachen. Hätte Galadriel den Ring genommen, wäre Frodo nicht über Lothlorien hinausgekommen.
Wenn ich also überlege, wie ich eine Rolle besetzen will, überlege ich als erstes, welcher grundlegende Charakterzug meine/n Prota antreibt und die Geschichte am Laufen hält. Bei O Tannenbaum war das die bedingungslose Hingabe der Dryade an ihren Baum. Bei Fluch des Spielmanns ist es die verbotene Liebe zur schönen Hulda und bei Steppenbrand Dejasirs Gier nach Macht und Reichtum.
Diese Grundhaltung muss natürlich durch zusätzliche Facetten ergänzt werden, damit die Figuren glaubwürdig agieren. Teilweise können diese Facetten sogar im scheinbaren Widerspruch zur Grundhaltung stehen. Faramir ist hier ein schönes Beispiel (der Buchcharakter noch stärker, als der im Film): Er würde alles tun, um die Gunst seines Vaters zu gewinnen; er riskiert dafür sogar sein eigenes Leben. Aber als ihm der Ring in die Hände fällt, bleibt er sich und seinem Charakter treu, obwohl er weiß, dass sein Vater ihn dafür nur noch mehr verachten wird.

Jetzt bin ich gespannt: Wie entwirfst du deine Charaktere?
Ich freue mich über jeden Kommentar.


 

*Das „du“ ist nicht despektierlich gemeint. Ich habe mich für diese informelle Anrede entschieden, um den informellen Charakter dieser Werkstattgespräche zu betonen.

** Das Leben ist eine Baustelle, Interview mit der Psychologin Ursula Staudinger, Karriere-Spiegel 29.08.2013