[Splitter] Harpyen

„Ich habe keine Schmetterlinge im Bauch, wenn ich an das denke, was vor uns liegt“, sagte sie. „Und wenn doch, dann sind es welche mit Klingenflügeln und stählernen Mandibeln, mit denen sie mein Herz und meine Eingeweide fressen.“

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Schöne Bescherung – Ich kann auch ganz anders

Schöne Bescherung ist eine Kurzgeschichte, die ich als Gastautorin für Clue Writing verfasst habe. Nachdem sie dort am 11.12.2016 erstmals veröffentlicht wurde, möchte ich sie den Besuchern meines Blogs gerne auch direkt zugänglich zu machen.

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Dieter on Tour – Bildquelle: Open Cliparts via Pixabay

Wie der Titel andeutet, handelt es sich bei Schöne Bescherung um eine Weihnachtsgeschichte; eine sehr klassische sogar, mit Weihnachtsmann und Rentieren. Der größte Unterschied zu den bisher vorgestellten Leseproben liegt aber darin, dass Schöne Bescherung vor allem eine humorvolle Erzählung ist.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.


Schöne Bescherung

Das Trappeln der Hufe verklang und das Bimmeln der Glöckchen beruhigte sich, als die Rentiere in die Luft aufstiegen. Erleichtert lehnte sich Dieter auf dem Bock zurück. Es hatte geklappt! Er sah nach unten, zu dem Häuschen, den Schuppen und der Manufaktur. Die Gebäude wirkten wie Spielzeug – unfassbar, wie schnell sie an Höhe gewonnen hatten! Neben dem Häuschen war püppchenklein eine menschliche Gestalt zu erahnen. Ein dicker Mann mit weißem Rauschebart, wie Dieter wusste.
„Tschau, Alter!“, brüllte er hinunter und winkte, obwohl er wusste, dass der arme Trottel ihn nicht hören und gegen den Nachthimmel wahrscheinlich auch nicht sehen konnte. „Tut mir leid wegen deinem Schlitten. Dafür hast du ja mein Auto.“ Er kicherte.
Es war so gottverdammt sagenhaft einfach gewesen. Er hatte kaum gesagt, er sei Journalist, da hatte der Idiot Tee und Zimtplätzchen angeboten und sich fast überschlagen, ihm alles zu erklären und zu zeigen. Sogar die Rentiere hatte er angeschirrt und den Sack aufgeladen, damit Dieter Fotos machen konnte.
„Lassen Sie sich Zeit“, hatte er gesagt, während er den Sack an der Sackhaltestange festband. „Wir haben noch gut eine halbe Stunde bis zum Abflug.“
Dann war er pinkeln gegangen.

Dieters Kichern steigerte sich zu einem fast hysterischem Lachanfall. Einen größeren Gefallen hätte ihm der Alte gar nicht tun können. Er hätte ihn ungern niedergeschlagen oder während einer „Proberunde“ vom Schlitten geschmissen. Deshalb hatte er sich auf den Bock geschwungen, kaum, dass der Dicke ums Eck war. Hatte die Zügel genommen, laut „Hüa!“ geschrien und jetzt flogen sie!
Dieter zog sein Handy aus der Tasche, um die Route zu checken. Kein Netz. Verdammt!
Zu allem Übel fing es auch noch an, zu schneien. Die Flocken klatschten ihm wie nasse Falter entgegen. Dieter zog die Kapuze des Anoraks tiefer. Vergebens, der Fahrtwind blies sie sofort wieder herunter. Also hielt er sie fest. Nun wurden seine Hände nass und kalt. Auch seine Beine fühlten sich schon ganz taub an. Allmählich begriff Dieter den Sinn des Mantels, der albernen Pudelmütze und der Stiefel. Wenigstens eine Decke musste es auf diesem verdammten Schlitten doch geben!
Er drehte sich zur Ladefläche um. Da war nur der Sack. Unter dem Bock vielleicht? Unsicher stand Dieter auf, drehte sich vorsichtig um und untersuchte den Sitz genauer. Die Sitzfläche ließ sich hochklappen. Darunter ertastete Dieter etwas Warmes, Flauschiges. Im Schein seines Handys sah er einen roten Mantel, eine Pudelmütze und dicke Stiefel.
„Auf keinen Fall!“, schoss es ihm durch den Kopf. Ich mach mich doch nicht zum Nikolaus! Außerdem war der Mantel viel zu weit. Andererseits wirkten die Klamotten verlockend warm, während seine eigenen … Darin würde er die Runde kaum überstehen. Das gab den Ausschlag. Dieter schnürte den Mantel mit dem Gürtel zusammen, der darunter gelegen hatte, schlüpfte in die riesigen Stiefel und stülpte die Mütze über. Ihn würde sowieso sehen.
Langsam taute er auf. Seine Muskeln lockerten sich. Nach einer Weile hatte er das Gefühl, Mantel und Stiefel viel besser auszufüllen. Er musste sogar den Gürtel weiter machen. Erst ein Loch, dann zwei – beim dritten erkannte er, dass es keine Einbildung war: Sein Bauch wuchs. Und nicht nur der! Das Kribbeln seiner Gesichtshaut, das er bisher der Kälte zugeschrieben hatte, kam von einem immer länger werdenden Bart. Fassungslos sah er zu, wie sich die lockigen, weißen Strähnen über Brust und Bauch ausbreiteten. Versuchsweise zog er daran. Der Schmerz war real. Der Bart gehörte wirklich ihm. „Oh Fuck!“, was ging hier vor?
„Nur die Ruhe!“, befahl er sich. „Du musst den Sack in Sicherheit bringen. Alles andere kann warten.“ Also erst mal checken, wo zum Teufel er eigentlich war. Er zog sein Handy raus. Dieses Mal fand er ein Netz. Viel zu weit im Osten.
Dieter zog an den Zügeln. Die Rentiere liefen weiter.
War es das, was der Alte mit „Die kennen den Weg“ gemeint hatte? Dass dieser verdammte Schlitten auf Autopilot flog? Scheiße nochmal, das durfte nicht sein! Dieter zerrte an den Zügeln, ließ die Peitsche knallen und brüllte, bis seine Lungen brannten. Die Rentiere galoppierten unbeirrt weiter.
Was sollte er erst tun, wenn sie landeten?

Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als sich der Schlitten nach vorne neigte. Dieter wurde flau im Magen. Da unten tauchten Lichter auf. Erst winzig wuchsen sie rasant, denn die verdammten Rentiere wurden kein bisschen langsamer. Die Umrisse eines Hauses rasten auf sie zu. Sie würden dagegen krachen, an der Fassade zerschellen … Dieter schrie in Todesangst und schlug die Hände vor das Gesicht.
Der erwartete Aufprall blieb aus. Das Bimmeln der Glöckchen verstummte. Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen.
„Und nun?“, fragte eine dumpfe Stimme in seinem Kopf. „Willste hier Wurzeln schlagen?“
Vorsichtig öffnete Dieter die Augen. Das hinterste Rentier hatte sich zu ihm umgedreht und funkelte ihn an.
Dieter hob die Peitsche. „Planänderung. Wir fliegen weiter!“
Das Rentier schnaubte, rührte sich aber nicht. Dafür hoben die anderen die Köpfe. Ihre Augen schienen rot zu glühen. Dampf schoss aus ihren Nüstern.
„Erst, wenn du deinen Job gemacht hast“, sagte die fremde Stimme. „Bis dahin kannst du mit deinem Stöckchen wedeln, so viel du willst.“
Dieter wurde heiß und kalt gleichzeitig. Das waren keine normalen Rentiere, so viel war sicher! Die Biester sahen aus, als würden sie ihn gleich fressen. Ein Tropfen Schweiß perlte seinen Rücken hinab.
„Mach hinne!“
„Ich beeil mich ja schon“, versprach Dieter in dem Bemühen, diese Satansviecher zu besänftigen. Mit zitternden Fingern löste er den Sack von der Sackhaltestange und griff hinein.
„Man findet immer, was man gerade braucht“, hatte der Weihnachtsmann auf die Frage geantwortet, wie er sicher sein konnte, die richtigen Geschenke auszuliefern. Tatsächlich: Obwohl der Sack prall gefüllt schien, lagen nur fünf Päckchen darin. Dieter kam eine Idee. Er zog drei heraus und fragte die Rentiere: „Und nun? Echt durch den Schornstein?“
„Absteigen“, sagte die Stimme.
„Und dann?“
„Mach schon.“
Scheißviecher! Dieter tastete vorsichtig mit einem Bein nach unten, bevor er umständlich ganz aus dem Schlitten krabbelte.

Kaum hatte sein zweites Bein das Dach berührt, fand er sich im Innern des Hauses wieder. In einer Ecke des Raums stand der Weihnachtsbaum, aus dessen Ästen finstere Engel und gläserne Vögel herabstarrten. Auf der Couch erwachte fauchend eine Katze.
„Pssst“, machte Dieter. „Bin gleich wieder weg.“ Und wirklich: Kaum hatte er die drei Päckchen unter dem Baum geschoben, stand er schon wieder auf dem Dach. Hastig kletterte er auf den Bock.
„Hüh, weiter geht’s!“
Doch die Rentiere scharrten nur mit den Hufen. Dampf schoss aus ihren Nüstern, die Augen sprühten rote Funken. Das hinterste wandte sich zu Dieter um. „Alles!“
Die Drecksbiester wussten auch noch, was in dem Sack war! Mit dem Gefühl tiefster Verzweiflung griff Dieter ein zweites Mal in den Sack, holte die übrigen Pakete heraus und kletterte erneut vom Schlitten. Dieses Mal schnurrte die Katze. Auch die Blicke der Engel und Glasvögel schienen freundlicher.
Dieter wollte gerade die beiden verbliebenen Päckchen unter den Baum legen, als ihn eine neue Idee durchzuckte, die ein breites Grinsen auf sein Gesicht zauberte. Der Plan, die Geschenke zu klauen, war zwar für die Tonne – aber in den Häusern gab es genug mitzunehmen. Den Silberleuchter auf dem Esstisch zum Beispiel und sicher fand sich noch mehr. Er musste nur darauf achten, ein Geschenk in der Hand zu behalten, bis er fertig war.
Leise kichernd ging er zur Wohnzimmertür.
Abgeschlossen. Na gut, dann eben nur der Leuchter. Es gab ja noch viele andere Häuser auf seiner Route!
Dieter griff sich den Leuchter und schob das letzte Päckchen unter den Baum.
Die Engel musterten ihn finster. Die Katze war verschwunden. Wieso stand er noch hier? Auf dem Dach stampften die Rentiere. Dieters Rücken prickelte. Was, wenn der Lärm den Hausbesitzer weckte? Oder schlimmer noch: Wenn die Viecher ohne ihn abhoben? Wie sollte er erklären, was er nachts in einem fremden Haus wollte? Wie seine Fingerabdrücke auf dem Leuchter? Sorgfältig rieb er ihn mit dem Mantel blank und stellte ihn an seinen Platz zurück.

Im nächsten Moment stand er wieder auf dem Dach. Das Bimmeln der Glöckchen klang wie leises Gelächter. Dieter war zum Heulen. Den Rest des Flugs starrte er vor sich hin, bis es Zeit war, wieder in den Sack zu greifen. Er versuchte noch dreimal, etwas einzustecken. Danach standen zwei fest Dinge fest: Er konnte keine Türen öffnen und nichts mit hinaus nehmen.
Die ganze Chose war ein fürchterlicher Reinfall. Sehnsüchtig wartete er auf die Rückkehr zum Nordpol. Dort würde er zum Auto sprinten, Vollgas geben und sich irgendwo in einem Motel besaufen, um den ganzen Scheiß zu vergessen.

Nur war da kein Auto, als sie schließlich landeten. Die Weihnachtswichtel zuckten mit den Schultern, als er danach fragte. Sein Auto wollte keiner gesehen haben.
„Essen Sie erstmal ’nen Happen“, empfahl schließlich einer. „Sie sehen völlig fertig aus, Chef.“
Chef? Dieter hätte das Kerlchen am liebsten erwürgt. Hunger hatte er allerdings, daran war nicht zu rütteln. Und wenn ihm hier keiner böse war, ließ ihn der Weihnachtsmann am Ende sogar bei sich übernachten. Zuzutrauen war es dem freundlichen alten Trottel.
Die Tür war offen. In der Wohnstube brannte Licht und in der Luft hing der Geruch nach Zimtplätzchen. Der Plätzchenteller stand noch auf dem Esstisch. Daneben das Advendsgesteck. An einer der roten Kugeln lehnte ein Briefumschlag. Nur vom Weihnachtsmann war nichts zu sehen.
„Hallo?“, rief Dieter leise.
Keine Antwort.
Er nahm den Umschlag. Darauf stand in schwungvollen Lettern „An meinen Nachfolger“.
Das war nicht wahr, oder? Mit zitternden Fingern zog Dieter den Brief heraus. Mit jedem Wort, das er las, wuchs das Gefühl, in einem Alptraum zu stecken. Schließlich wurde der Druck zu groß. Mit einem Wutschrei fegte er Adventsgesteck und Teller vom Tisch. Als sie an der gegenüber liegenden Wand zerschellten, regnete es Tannennadeln, Kekskrümel und Christbaumkugelscherben.
„So kommen wir an unseren Job“, lauteten die letzten Zeilen. „Es ist nicht schlecht, aber man muss lange auf einen Nachfolger warten. Ich bin urlaubsreif und hätte es zur Abwechslung gerne richtig warm. Tut mir leid wegen deinem Auto. Du hast dafür ja meinen Schlitten.“


Wie Ihnen/dir diese Geschichte gefallen? Würden Sie/würdest du gerne mehr in dieser Art lesen?

Gaststory: „Der Hunter und der goldene Tod“ von Michael Behr

Passend zu Halloween gibt es heute Gruselfutter. Vielleicht erinnerst du dich noch, dass ich vor einiger Zeit auf dem Blog „Mein Traum vom eigenen Buch“ eine Geschichte von Michael Behr gewonnen habe. Genau gesagt, eine noch zu schreibende Geschichte. Nach meinen Vorgaben.

Ich hatte mir damals unter dem bevorstehenden Halloweentermin eine Geschichte gewünscht, in der irgendwie ein „goldener Tod“ vorkommt und die mit dem Satz „Gehen wir zu dir oder zu mir“ endet.
Michael hat es nicht nur geschafft, bis Halloween zu „liefern“. Er hat die Vorgaben, wie ich finde, wunderbar umgesetzt. Und ich muss sagen: Auf diese Auflösung wäre ich im Leben nicht gekommen.

Aber genug gequatscht. Ich hoffe, du hast beim Lesen genauso viel Spaß, wie ich.

Der Hunter und der goldene Tod

»So gehe und erledige deine Aufgabe!«
Die Stimme des Meisters wurde durch das metallene Knarren der sich öffnenden Tür verschluckt. In gewaltigen Angeln bewegte sich der Stahlkoloss, schwang auf und gab den Blick auf eine Welt frei, die der Hunter dereinst gekannt hatte wie seine Westentasche. Aber nun, hier und jetzt, war nichts mehr so, wie es einmal gewesen war. Viel hatte sich geändert, nicht nur räumlich, sondern auch strukturell. Und deswegen würde er, der Jäger, sich erst einmal orientieren müssen.
Bevor er die Spur der Beute aufnahm.
Dabei wusste der Hunter, als er unter dem Tor hindurchtrat, dass es kein leichter Kampf werden würde. Sein Gegner war ihm namentlich nicht bekannt, aber nach allem, was die Einwohner dieses Bezirks gemeldet hatten, handelte es sich um einen ebenso einfallsreichen wie auch intelligenten Streiter, der über einige der im Normalfall höchst effizienten Verteidigungsanlagen hinweggerauscht war, als seien sie gar nicht existent.
Der Hunter schlug seine Kapuze vor, sodass seine Gesichtszüge in der Dunkelheit verschwanden. Es war wichtig, dass er sich nicht sofort zu erkennen gab. Der Gegner konnte seine Spione in Stellung gebracht haben. Und es gab nicht viele Eingangstore in den Bezirk.
Andere Gestalten lungerten in der Nähe des Eingangs herum, an den sich eine lange Straße anschloss, die in alle Himmelsrichtungen verzweigte. Von hier aus konnte man jeden Ort des Bezirks erreichen und der Hunter war sich der Tragweite seiner Aufgabe völlig bewusst.
Wenn er nicht erfolgreich war, dann würde all das hier im Chaos versinken.
Auch wenn er sich größte Mühe gab, nicht aufzufallen, so wurde er doch von einigen der Gestalten bemerkt. Es waren alte, klapprige Gesellen, die schon so manchen durch diese Tore hatten kommen und gehen sehen. Und sie wussten nur zu gut, dass der Austausch mit der Welt außerhalb der Mauern im Verteidigungsfall durch den Meister eingeschränkt wurde. Bis der Normalzustand wieder hergestellt worden war.
Der Hunter hörte das Tuscheln und trat wahllos zu einer der Gruppen hin. Verhärmte Gesichter erhoben sich, trauten sich dann aber doch nicht, ihm in die Augen zu schauen.
»Ich suche einen Eindringling!«, sagte der Hunter und seine Stimme war wie Donnerhall über einer weiten Ebene. »Gerüchte sagen, dass er hier vorbeigekommen sein soll!«
Eine der Gestalten, ein haar- und zahnloser Alter, schüttelte den Kopf. »Wir wissen nichts von einem Eindringling.«
Der Hunter gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. »Der Meister hat gesagt, dass er hier gewesen ist! Du willst sicher nicht den Worten des Meisters misstrauen!«
»Nein, nein!«, beeilte sich der Alte zu sagen und machte eine ehrerbietige Bewegung in Richtung des schwarzverhangenen Himmels, an dem in unregelmäßiger Folge Lichtreflexe tanzten. »Ehre sei dem Meister!«
»Der Meister benötigt nicht deine Ehre«, erwiderte der Hunter angewidert. »Leihe mir deine Augen und Ohren.«
Mit einer schnellen Bewegung, die keiner aus dem kümmerlichen Haufen hatte kommen sehen, packte der Hunter den Alten an der Schulter. Es gab einen kleinen Blitz wie einen elektrischen Schlag und die mentale Verbindung zwischen den beiden war hergestellt.
Der Hunter schloss die Augen, wie immer überwältigt von den fremdartigen Eindrücken, die er binnen eines Sekundenbruchteils in sich aufnahm und die er zunächst für sich ordnen musste, um das, was er wissen wollte, von dem zu trennen, was für seine Aufgabe unwichtig war.
Er sah durch die Augen des Alten, allerdings waren es Dinge, die in der Vergangenheit geschehen waren. Seine besondere Begabung ermöglichte es dem Hunter, etwas wie eine Uhr an einer Seite der Erinnerung aufblinken zu lassen.
Das Eingangstor in den Bezirk öffnete und schloss sich in unregelmäßigen Abständen, wenn Bewohner des Bezirks kamen und gingen. Es kamen deutlich mehr, als dass sie gingen. Der Bezirk wuchs immer noch, soweit der Hunter es wusste. Und er wusste in solchen Dingen für gewöhnlich gut Bescheid.
Ungeduld kannte der Hunter nicht. Er wusste, dass er sich die Zeit geben musste, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Oder er würde irgendwann sich selber durch das Tor kommen sehen und wüsste dann, dass der Gegner nicht hier vorbeigekommen war. In diesem Fall würde er zu einem anderen Zugangspunkt aufbrechen und dort seine Suche neu beginnen müssen.
Doch da – was war das gewesen? Für den Hauch eines Augenblicks schien sich das Tor zu öffnen, nur um im nächsten Moment schon wieder geschlossen zu sein. Hatte es sich wirklich geöffnet?
Der Hunter griff mental in den Geist seines Verbundenen ein und drehte die Geschehnisse noch einmal ein wenig zurück. Doch, kein Zweifel, da war eine Bewegung beim Tor. Ein kurzes Flimmern der Luft, so etwas wie ein Windstoß. Zu kurz, um ohne die Kraft, die er besaß, zum Vorschein gebracht zu werden.
Der Hunter hatte gesehen, was er sehen musste. Der alte Mann hatte die Wahrheit gesprochen und dennoch stimmten die Informationen, die der Meister ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Hier war jemand in den Bezirk eingebrochen, hatte sich jedoch vor allen Augen verborgen gehalten.
Eine unwirkliche, geisterhafte Erscheinung, dachte der Hunter. Wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, hätte er vielleicht Angst empfunden. Aber dieses Verhaltensmuster war ihm nicht gegeben worden. Seine Aufgabe war die Jagd! Angst konnten andere, Schwächere als er haben.
Er ließ den alten Mann los, der ihn jetzt, endlich, unverwandt anschaute. Verwirrung war in seinem Blick. »Es ist lange her, dass jemand mich auf diese Weise berührt hat! Diese Verbindung …«
»Es war nötig«, sagte der Hunter emotionslos. Er wusste, dass er eine tiefe Regung hinterließ, wenn er sich auf diese Weise mit einem anderen verband. Das Innere wurde nach Außen hin sichtbar. Es war fast wie eine Liebesbezeugung und gleichsam ein Akt der voyeuristischen Grausamkeit.
»Ehre sei dem Meister!«, sagte der Alte wieder und diesmal fielen die abgerissenen Gesellen um ihn herum in die Lobpreisung ein.
Der Hunter beachtete sie gar nicht, sondern wandte sich den von hier aus in alle Richtungen führenden Straßenverästelungen zu, auf denen ein endloser Verkehr herrschte. Auf einer dieser Routen war der Eindringling, das flimmernde Etwas, davongeeilt. Alle eilten sie auf diesen Straßen.
Aus Erfahrung wusste der Hunter, dass er nur beobachten musste. Wenn es sich bei dem Fremden um das handelte, was der Meister vermutete, dann würde es Spuren seines Handelns geben. Es würde Zeichen seines Terrors hinterlassen und in die Welt hinausschicken, wie die Auswüchse eines alles vernichtenden Unkrauts.
Der Hunter strich den rechten Ärmel seines Gewands zurück und entblößte seine Stahlhand. Mit den Fingern der Linken bediente er zwei der angebrachten Kontrollen und machte sich die Kraft seiner Weitsicht zunutze.
Und dann sah er sie: Auf einer der endlosen, sich immer wieder miteinander vermischenden Straßen, waren sie unterwegs. In einer langen Reihe von gleichsam geordneten und sich doch immer neu verformenden und zerfasernden Formationen kamen sie heran. Geschöpfe, wie er sie bis jetzt nur in seinen schlimmsten Albträumen gesehen hatte. Sie schienen direkt aus den apokalyptischen Gedanken der Menschen zu stammen und hatten doch nichts Menschliches an sich.
Der Hunter sah Große, Kleine, Männer und Frauen. Viele Kinder. Er sah, wie sie inzestuös übereinander und dann, mit wachsender Kraft, auch auf die neben ihnen laufenden, vielleicht vor ihnen fliehenden Reisenden übergriffen.
Es war ein Massaker, das da vor seinen Augen ablief. Und doch war er dazu verdammt, all dies stoisch zu betrachten. Ihn interessierte diese Phantasmagorie nur aus dem einen Grund: Anhand ihres Zugs konnte er vielleicht erkennen, in welcher Richtung er den Verursacher zu suchen hatte. Den Dämon, der dieses Elend über den Bezirk gebracht hatte.
Der Hunter schaltete die Weitsicht aus und machte sich auf den Weg. Seine Kraft und Geschwindigkeit überstieg die der normalen Reisenden bei Weitem. Daher kam er schnell voran. Jedenfalls, bis er in die Nähe der Verformten und Degenerierten gelangte.
Inzwischen hatten auch die begriffsstutzigsten unter den Reisenden mitbekommen, was ihnen da im Nacken saß. Die, die konnten, suchten ihr Heil in der Flucht. Aber die Monster waren zu schnell, sandten ihre Tentakelarme aus, schlangen eitrige Zungen um zuckende Opferleiber und schändeten mit schwelenden Gemächten wahllos alles, das ihnen in die Quere kam.
Und mit jedem Leben das genommen, mit jedem Dasein, das vergiftet wurde, wuchs die Zahl der marodierenden und meuchelnden Schar an. Wie eine Flutwelle ergossen sie sich auf die anderen Straßen und verschwanden in einer zunehmenden Stille in der Ferne. Wer von ihrem Wahnsinn verschlungen wurde, schrie nicht mehr, flehte nicht mehr.
Der Hunter stand inzwischen all dieses Leids und wusste, dass er sich nicht damit aufhalten durfte, diese Armen und Geschändeten von ihrem Dasein zu erlösen. Wenn er dies täte, dann würde ihm der Verursacher durch die Lappen gehen. Und um diesen zu fangen und zu vernichten war er hier. Geist hin oder her.
Auch wenn er zugeben musste, dass er so einen wahnsinnigen Zug lebender Leichen noch niemals zuvor gesehen hatte. Was konnte mächtig genug sein, um so etwas hervorzubringen?
Nun, er würde es herausfinden.
Ihm selbst konnte der Moloch nichts anhaben. Er war geschützt gegen diese niederen unter den niedrigsten Schädlingen des Verfalls. Mühelos hätte er jeden Einzelnen von ihnen vernichten können, selbst im Vorbeiziehen. Wenn der Zeitverlust nicht gewesen wäre.
Der Hunter ging weiter, stemmte sich gegen die endlose Welle der heranrückenden Leiber. Dort, wo er von den Halbwesen berührt wurde, fielen ihnen die Gliedmaßen ab. Sein Schutzschild, das ihn unsichtbar umgab, schnitt durch ihre Reihen wie ein warmes Messer durch Butter. Und doch wich niemand ihm aus, ja, achtete überhaupt auf ihn.
Diese Wesen taten, was sie tun mussten, wozu man sich auserkoren hatte. Und er tat das Seinige. Beide Ziele konnten nicht gleichzeitig existieren.
Dem Hunter war übertriebene Anteilnahme fremd. In seinem Beruf durfte er keine haben, denn er wurde immer mit dem Abschaum konfrontiert, mit dem Abnormen, dem Infizierten.
Denn ja, infiziert waren diese Leute. Von einem Bazillus befallen, der aus ihnen das geformt hatte, was sie nun waren. Nichts mehr als Karikaturen ihrer selbst.
Aber der Hunter konnte Ekel fühlen. Er ekelte sich, wenn er in die weit aufgerissenen Körperöffnungen der ihm entgegenwankenden Frauen schaute. In die seelenlosen Augen der Kinder, die sich teilweise rollend fortbewegten, wie sie aus ihren Stubenwagen gerissen worden waren. Am wenigsten dauerte ihn der Anblick der Männer, hatten diese doch etwas grobschlächtiges an sich, das einen fast glauben ließ, dass sie verdienten, was ihnen widerfuhr.
Der Hunter schritt kräftig aus und beobachtete dabei genau den Himmel und den Horizont. Es wurde auf seinem Weg immer dunkler und düsterer. Er kannte dies schon: Dort, wo der Einfluss einer schädlichen Macht am größten war, verödete die Landschaft und vergingen die Elemente. Doch niemals zuvor hatte er eine solche Finsternis gesehen. Die Blitze und Lichtimpulse, die in ihr gärten, hatten die Farbe von Schwefel.
Der Hunter befand, dass es an der Zeit war, dem Meister einen Zwischenbericht abzugeben über das, was er hier sah. Er blieb stehen, wo er war, blendete die ihn umgebenden Schrecken vollkommen aus seinem Bewusstsein aus, versank in einer Art tiefer Trance und sprach dann.
»Statusmeldung des Hunters aus Bezirk D. Ich habe eine großflächige Infektion festgestellt. Verursacher noch unbekannt. Habe die Spur aufgenommen. Es sieht schlimm aus.«
»Was bedeutet schlimm?« Die Stimme des Meisters füllte seinen vollständigen Verstand aus. Nichts existierte in diesem Moment. Nicht die Monstren, nicht die Straße, nicht die Bedrohung am Horizont.
»Mehrere Sektoren sind kontaminiert. Ich befürchte, es wird eine Säuberungsaktion mit vielen Verlusten notwendig werden.«
»Gibt es eine Möglichkeit der Wiederherstellung der kontaminierten Bereiche?«
»Das kann ich noch nicht sagen, Meister.«
»Gut. Setze deinen Weg fort, Hunter. Suche den Verursacher und bringe ihn zur Strecke. Ich erwarte danach deinen umfassenden Schadensbericht und die Optionen, die verbleiben.«
»Ja, Meister!«
Die Verbindung zwischen dem Herrn und seinem Diener riss ab und der Hunter fand sich wieder in der Realität. Was er sah, gefiel ihm dabei gar nicht. Während seines kurzen Austauschs, der vielleicht eine Minute lang gedauert hatte, war der Strom der Deformierten kleiner und dünner geworden. Zwar kamen sie noch, aber die Hauptmasse war versiegt – weitergezogen in andere Bereiche des Bezirks.
Das bedeutete, dass der Verursacher, jenes geisterhafte Wesen, sein Zerstörungswerk an Ort und Stelle so gut wie verrichtet hatte und danach wie ein Heuschreckenschwarm weiterziehen würde. Dabei war nicht gesagt, dass er sich genau von dem Punkt aus weiterbewegen würde, an dem er jetzt stand. Vielen Eindringlingen war es möglich, sich Expressrouten zunutze zu machen, die dafür sorgten, dass sie binnen Augenblicken an ganz anderer Stelle auftauchten.
Dann würde der Hunter wieder auf die Suche gehen müssen. Und in der Zwischenzeit breitete sich die Seuche aus und forderte immer mehr Opfer.
Der Hunter begann zu rennen. Es war ein seltsames Gefühl, weil er ansonsten so gut wie nie rannte. Er war es nicht gewohnt, sich so beeilen zu müssen. Aber dies war auch kein gewöhnlicher Auftrag. Er hatte Besorgnis in der Stimme des Meisters gehört. Und spätestens seitdem, eigentlich aber schon früher, war er selber besorgt.
Es wurde immer dunkler und dunkler. Der Hunter schaltete eine Stablampe ein, die ihm den Weg leuchtete. Immer noch kamen ihm vereinzelte Gestalten entgegen. Aber sie unterschieden sich von der Masse derer, die ihnen vorausgegangen waren. Sie waren langsam, kaum noch als Menschen erkennbar. Der Gegner hatte sich die Schwächsten offenbar bis zum Schluss aufbewahrt.
Ein Blitz durchzuckte den Himmel und es gab einen gewaltigen Donnerschlag. Der Hunter war sich sicher, dass es sich dabei um den Laut handelte, mit dem der Andere auf eine der Transitstrecken gewechselt war, aber dann sah er etwas, das er im ersten Augenblick beinahe übersehen hätte, weil es soviel unscheinbarer war, als er es sich ausgemalt hatte.
Vor ihm flimmerte die Luft in einer seltsamen Farbe. Das Flimmern bestand tatsächlich aus einer Reihe goldener Sterne, wie man sie vielleicht als Feenstaub erwartet hätte. Doch hier lag die Sache anders, wusste der Hunter. Diese Fee war eine Hexe und ihr Zaubertrank war Gift!
Wenn er sich nicht ganz gewaltig täuschte, dann hatte er sein Ziel gefunden.
Was ihn nur verwirrte, war, dass die flirrende Erscheinung keinerlei Anstalten machte, sich zu bewegen. Er hätte mit Verteidigungsmaßnahmen gerechnet. Mit einem Angriff. Tatsächlich aber schien er ignoriert zu werden.
Er glich diese Entität noch einmal mit dem ab, was er in seinem Gedächtnis aus der Wahrnehmung des Alten beim Tor gespeichert hatte. Es war der gleiche unfassbare Organismus. Aber er war größer geworden – gewachsen an seinen Aufgaben. Und dennoch unscheinbar im Vergleich zum Ausmaß der durch ihn angerichteten Zerstörung.
Der Hunter schlug seinen Mantel seitlich zurück und brachte seine Strahlenwaffe zum Vorschein. Sie funktionierte auf der Basis eines bestimmten binären Codes und bahnte sich damit ihren Weg in die Eingeweide jedes Lebewesens. Wenn das hier überhaupt ein legitimes Lebewesen war.
Kurz überlegte er, ob er es anrufen sollte, aber dann entschloss er sich, dass es keinen Unterschied machte. Sprach der Jäger mit dem Wolf, den er erlegte?
Der Hunter riss die Waffe hervor, presste den Auslöser und sah, wie der alles vernichtende Strahl die Mündung verließ. Sah, wie der Strahl auf das Wesen zuschoss. Musste sehen, wie er immer langsamer wurde, schließlich sogar direkt vor dem Flimmern zum Stehen kam und dann – der Hunter traute seinen Augen nicht – einfach zu Boden fiel!
Was, um des Meisters Willen, war denn das gewesen?
So etwas gab es einfach nicht, konnte es nicht geben. Der Hunter blickte auf unzählige Erfahrungen zurück, die er und andere seiner Art gemacht hatten. Die waren ihm unverrücklich in seinen Kopf programmiert worden. Aber noch nie hatte jemand so etwas wie dieses Ding gesehen.
Das Flimmern pulsierte immer noch an Ort und Stelle, begann nun aber, sich zu verdichten. Aus den goldenen Sternen wuchs ein einzelner Stern heran, klein wie ein Fußball und doch strahlend hell wie die Sonne. Kein freundliches Gestirn, das der Welt Leben schenkt, sondern ein alles verzehrendes Feuer. Geschaffen, um Welten zu vernichten.
Der Hunter schoss noch einmal, aber dieses Mal war es noch schlimmer als zuvor. Der Strahl wurde nicht nur langsamer, er wurde sogar auf den Ursprung seiner Entstehung zurückgelenkt. Nur seinen schnellen Reaktionen hatte er es zu verdanken, dass der Hunter nur seine zu Boden geschleuderte Waffe verlor und nicht gleichzeitig die Hand, welche sie gehalten hatte.
Ein gutturales, grauenvolles, durch Mark und Bein gehendes Lachen erfüllte plötzlich die Luft und die gesamte Umwelt. Es brachte den Boden zum Vibrieren, riss die Wolken auf und verjagte die letzten unförmigen Kreaturen, die sich noch in der Nähe ihres Erzeugers aufgehalten hatten.
Der Hunter hielt sich mit Mühe auf den Beinen. Er war stark, verdammt! Und was immer diese Ausgeburt der Hölle auch war, es musste eine schwache Stelle haben.
»Wer bist du!«, rief der Hunter. Vielleicht gab der Name des Monsters ihm einen Hinweis auf die geeignete Strategie.
»Ich bin«, dröhnte die Stimme, als sei sie jene Gottes auf dem Berg Sinai, »der goldene Tod!«
Blitzschnell durchsuchte der Hunter alles, was ihm an Wissen zur Verfügung stand. Aber er wurde nicht fündig. Ein Gegner dieses oder eines ähnlichen Namens war ihm nicht bekannt.
»Mache dir keine Mühe, Wurm! Ich bin stärker als du. Stärker als dein Meister! Weil mein Meister mich so erschaffen hat!«
Der Hunter stutzte. Gab es denn mehr als einen Meister? Bislang war er davon ausgegangen, dass sein Meister, der Meister aller Bewohner der Bezirke, die einzige göttliche Kraft des Universums war. Und dass die Wesen, mit denen er es zu tun bekam, Krankheiten waren, die aus sich erstanden. Krankheiten, für die niemand etwas konnte und die man heilen musste. Für die er die Heilung war.
»Ganz recht!« Wieder das Lachen und dieses Mal wäre der Hunter fast zur Seite gekippt. »Mein Meister hat mich stärker erschaffen als dich und deinesgleichen! Dieser Bezirk ist nur der Anfang. Bald schon werde ich mich ausbreiten, meine Diener sind bereits dabei, die Botschaft in die Welt zu tragen. Und dann wird der goldene Tod über alle Lande herrschen.«
Die Sonne schwebte ein wenig näher an den Hunter heran, der von Schrecken gepackt, kaum des Atmens fähig, stehen blieb. »Dies wird die Keimzelle sein. Der Ursprung einer neuen Ära, einer neuen Zeit. Alles wird sich mir unterordnen. Mir und meinem Meister. Die Zukunft beginnt jetzt und hier!«
Aber noch war der Hunter nicht tot, egal, was dieses Wesen auch immer geplant haben mochte.
Er besann sich auf seine eigene Schnelligkeit und die daraus resultierenden Möglichkeiten. Als die Sonne beinahe bei ihm war, ließ er sich zu Boden fallen, rollte sich zur Seite und brachte so erst einmal wieder einen gewissen Abstand zwischen sich und den Angreifer.
Wenn er gehofft hatte, dass das Eindruck auf den goldenen Tod machen würde, dann hatte er sich allerdings getäuscht. Die Kugel schwebte gemütlich in der eingeschlagenen Richtung weiter, als habe sie überhaupt nicht im Sinn, den Hunter wirklich zu töten.
Die Erkenntnis kam mit der Wucht einer Explosion: Der goldene Tod hatte wirklich nicht vor, ihm, dem Hunter, etwas anzutun! Für ihn war er nur einer von vielen, einer der sich vielleicht ein wenig besser zu wehren wusste, als die große Masse es tat. Aber dies änderte nichts daran, dass es aus der Weltsicht seines Gegners heraus keine Rolle spielte, ob der Hunter lebte oder ob er starb. Er war schlicht unwichtig!
Der Hunter begann, beinahe hektisch, sein Waffenarsenal zu durchsuchen. Er hatte noch sein Elektronenmesser, das ihm gegen die Lindwürmer, die er manches Mal zu jagen hatte, gute Dienste tat. Aber der goldene Tod schien keinen festen Körper zu haben, den man hätte durchschneiden können.
Auch die Wirkung einer der mitgeführten logischen Bomben, die dazu geeignet waren, das Gehirn eines Schädlings zum Implodieren zu bringen, war nicht sehr erfolgversprechend. Der goldene Tod hatte ein gewaltiges Ego, aber hatte er auch ein Gehirn?
Der goldene Tod war dabei, von der Szene zu verschwinden. Er war schneller geworden und begann, sich wieder in seine einzelnen Teile aufzulösen. Der Hunter interessierte ihn augenscheinlich überhaupt nicht mehr. Wenn er es denn jemals getan hatte.
Verzweifelt starrte er dem Monstrum hinterher. Sollte dies der erste Kampf sein, den er verlor? Was würde der Meister dazu sagen? Wie sollte er das jemals vor ihm oder sich selbst rechtfertigen?
Aus den Fragen erwuchs die Angst. Aus der Angst erwuchs die Panik. Und aus der Panik erwuchs die Verzweiflung. Der Hunter wusste, dass es eine absolute Verzweiflungstat war. Etwas, das er und andere seiner Profession bereits vor Jahren aufgegeben hatten.
Er würde den goldenen Tod in einem persönlichen, körperlichen Streich angreifen. Er würde sich mit Händen und Füßen, Zähnen und Klauen auf ihn stürzen und nicht eher Ruhe geben, bis er diesen leuchtenden Leib zerfetzt, die dröhnende Stimme zum verstummen gebracht und die gewaltige Blasphemie seiner puren Existenz beendet hatte.
Der Hunter sammelte sich und seine Kräfte. Er war stark! Stärker als dieses Geschöpf. Er war der Stärkste seiner Zunft – deswegen hatte der Meister ihn ausgewählt. Es war an der Zeit, es zu beweisen.
»Bleib stehen!«
Die Erscheinung reagierte in keiner Weise.
»Du sollst stehen bleiben!«
Langsam setzte sich der Hunter in Bewegung, vorsichtig abwartend. Solange die Sterne noch zu nahe beieinander waren, so lange gab es die gewaltige Hitze der Sonne. Wenn sie weiter auseinanderdrifteten …
Jetzt – jetzt war es soweit! Die einzelnen Segmente lösten sich und machten sich bereit – der Hunter traute seinen Augen nicht und konnte auch das Stöhnen nicht verhindern, das von seinen Lippen kam – jedes für sich in eine andere Richtung davonzueilen.
Der goldene Tod teilte sich vor seinen Augen auf. Auf diese Weise würde nicht nur dieser Bezirk, sondern der gesamte Kosmos binnen kürzester Zeit in eine von Aussätzigen bevölkerte Diaspora verwandelt werden.
Ohne noch lange nachzudenken, getrieben von blinder Wut und glühender Angst machte der Hunter einen Sprung auf das Flimmern zu, packte mit beiden Händen hinein und bekam tatsächlich zwei der Sterne zu fassen.
Kälte.
Eiseskälte fuhr durch seine Hände, die Arme hinauf und mitten hinein in seine Brust. Er versuchte loszulassen, aber er klebte fest. Die Kälte lähmte ihn und brachte seine Finger zum Krampfen.
Jetzt hatte er mit einem Mal die ungeteilte Aufmerksamkeit des goldenen Tods.
»Warum hast du das getan? Ich hätte dich weiterleben lassen. Als Schandmal deiner Selbst und deiner Zunft! Wo immer du hingekommen wärst, wärst du mit Steinwürfen und Pöbeleien empfangen worden in einer Welt, die ich mir nach meinem Ideal umgestaltet habe. Aber du wärst am Leben geblieben.«
»Was soll das für ein Leben sein, in dem ich meinen Meister enttäuscht und die Welt, für die ich kämpfte, verloren habe!«
»Gesprochen wie ein wahrer Held.«
Die Kälte erreichte seine Eingeweide und der Hunter spürte, wie sich Molekül für Molekül das Eis in ihm ausbreitete. Wenn es sein Herz erreichte, dann würde er wahrscheinlich sterben.
Aber vorher erlebte er etwas anderes. Da war ein Tasten in seinem Verstand, in seinen Erinnerungen. Beinahe zärtlich fühlte es sich an im Vergleich zu dem rohen Griff, in dem sein Körper gehalten wurde.
Wie Finger auf einer Klaviatur wurden die Nervenenden berührt und zärtlich wie die Berührung einer Feder glitt die Berührung die Nervenbahnen entlang.
Dann war es vorbei. Und was immer der goldene Tod auch gesucht hatte, er schien fündig geworden zu sein.
»Du bist anders«, sagte er.
»Ich bin der Hunter!«
»Das auch, aber ich spüre, dass du das Vertrauen des Wesens besitzt, das du deinen Meister nennst. Er setzt dich nicht nur in diesen Bezirken ein, sondern auch in anderen Universen.«
Der Hunter wollte darauf nicht antworten. Aber das brauchte er schon gar nicht mehr.
»Ich glaube, du könntest mir noch nützen, mein kleiner Freund.«
In einem Wirbelsturm fühlte sich der Hunter mit einem Mal hochgehoben. Der schwarze Himmel schien ihm auf den Kopf zu fallen, dabei war er es, der ihm entgegeneilte. Immer noch hielt er die beiden Sterne fest oder wurde vielmehr von ihnen gehalten. An ihnen baumelnd hakte er sich auf eine der Schnellrouten ein und wurde von der Kraft der puren Energie davon gerissen.
Das Gros des goldenen Tods blieb am Ort ihrer Auseinandersetzung, aber die Kraft des Teils, der bei ihm geblieben war, war nicht geringer geworden. Der Hunter musste sich der Realität stellen: Er war ausgeschaltet.
Mit einem müden und resignierten Blick nach unten sah er, dass immer mehr der Verbindungen von hier nach dort und überall hin zu Leichenzügen geworden waren. An manchen Stellen hatten die Verwandelten begonnen, übereinander herzufallen und sich gegenseitig umzubringen. Am Ende würde nur noch der Tod übrig bleiben. In diesem Bezirk, in allen Bezirken. Im gesamten Kosmos.
Der Hunter erkannte schnell, wohin die Reise ging. Sie führte ihn zurück zu dem Tor, durch das er eingetreten war.
Als sie dort ankamen, stürzten die beiden Sterne förmlich nach unten. Seine Arme, die er kaum noch spüren konnte, wurden aufs Stärkste strapaziert, als sein Körper, den Gesetzen der Schwerkraft folgend, emporgerissen wurde. Aber alles in allem war das kaum noch von Interesse für ihn. Die Kälte, welche von den tastenden Händen zurückgeblieben war, übertünchte jedes andere Gefühl.
Schließlich knallten sie mit voller Wucht auf den staubigen Asphalt vor dem metallenen Tor, das, natürlich, geschlossen war. Es würde sich auch nicht wieder öffnen, solange nicht …
Natürlich, das war der Grund, aus dem er hier war! Noch einmal erwachte ein Rest von Widerstandskraft im Hunter. Einmal noch reckte er störrisch sein Kinn vor und sein maskenhaftes Gesicht fixierte das Tor. Es musste geschlossen bleiben. Es musste …
»Öffne es für mich!«
Die Stimme kam von überall gleichzeitig und am lautesten aus ihm selbst. Es waren seine Lippen, die die Wörter formten. Sein Verstand wies ihn an, es zu tun.
Das, was einmal der Hunter gewesen war, wurde mit jeder Sekunde weniger. Wie ein Parasit fraß sich der goldene Tod in seine Eingeweide. Weniger ein Geist, sondern mehr ein Menschenfresser. Und ein Usurpator, der auf Erweiterung seiner Macht drängte.
»Nun nimm Kontakt zu dem Wesen auf, das du deinen Meister nennst. Lass ihn das Tor öffnen und dann werden du und ich in eine andere Welt aufbrechen. Und einer nach dem anderen wird jeder Kosmos fallen. Dies hier war dann nur der Anfang!«
Der Hunter wusste, dass er keine Chance hatte. Die Fingerspitzen der Eiseskrallen kratzten an seinem Herz. Er hatte keine Angst vor dem Sterben. Wenn es ein Ausweg gewesen wäre, dann wäre er hier und jetzt, auf der Stelle, gestorben.
Aber es gab keinen Ausweg. Es gab nur noch das Chaos. Nur noch den goldenen Tod.
Der Hunter öffnete seinen Mund, schloss ihn, öffnete ihn wieder. Wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte er vielleicht geweint. Um das Universum, das er hatte schützen sollen. Doch gegen diese Bedrohung war kein Kraut gewachsen.
Eine Hoffnung blieb: Es gab noch andere außer ihm. Und nach ihm würden andere Jäger kommen. Irgendwann war einer von ihnen bestimmt in der Lage, den goldenen Tod zu besiegen.
Bis dann der ewige Kreislauf aus Jäger und Gejagtem von vorne losging und niemand sich mehr sicher sein konnte, an welcher Stelle dieses Kreises er sich gerade eigentlich genau befand.
»Jetzt sprich!«, toste die Stimme, brachte seine Trommelfelle zum Platzen und seine Eingeweide zum Schmelzen. Die Hand krampfte sich um das Herz und nahm seinen Körper, der nicht mehr lange das Gefäß für seinen Geist sein würde, in Besitz.
Der Hunter schloss seine Augen und von irgendwo kam die Ruhe, die er brauchte, um seine neue, seine letzte Aufgabe zu erfüllen.
»Statusmeldung des Hunters aus Bezirk D. Die Infektion wurde eingedämmt, die Säuberung der infizierten Dateien abgeschlossen. Ein Neustart des Systems wird empfohlen. Sie können das Sicherungslaufwerk nun entfernen!«
»Gut gemacht, Hunter!«, ertönte die Stimme seines ehemaligen Meisters. Der Hunter nahm sie kaum noch wahr. Er sah nur, dass das Tor sich öffnete und den Weg zurück auf den USB-Stick, von dem er in das System eingespeist worden war, ermöglichte. Der goldene Tod, der potenteste Computervirus, von dem jemals jemand gehört oder den je jemand gesehen hatte, schleppte ihn auf die Öffnung zu, verharrte dort noch einmal, als würde er sich umsehen.
Kurz bevor das Tor sich schloss, huschte das neu entstandene Zwitterwesen aus Virus und Antivirus hindurch. Auf seinen Lippen ein Spruch, den es irgendwann einmal aufgeschnappt hatte und nun als durchaus passend empfand:
»Gehen wir zu dir oder zu mir?«

Der Hunter und der goldene Tod © 2016 Michael Behr für Nike Leonhard

Ganz, ganz herzlichen Dank noch einmal, lieber Michael!
Und wie ich schon an anderer Stelle gesagt habe: Auch wenn du die Geschichte aufgrund meiner Vorgaben und für mich geschrieben hast, ist sie natürlich weiterhin deine. Das heißt, dass du sie beliebig weiterverwenden, umarbeiten und wo immer du magst veröffentlichen kannst.

Der Kinobesuch der alten Dame

Beitrag zur 4. Clue Writing Challenge

Wie das dann immer so ist: Da dachte ich, mal eben eine nette kleine Kurzgeschichte aus dem Ärmel zu schütteln – aber denkste! Geschrieben war sie ja schnell, nur leider, leider trotz allem zu lang. Also habe ich die letzten Tage Seitenstränge rausgerupft, Adjektive gejätet, Lieblinge über die Klinge springen lassen und jeden Satz gelöscht, der nicht unbedingt notwendig war. Jetzt habe ich das Gefühl, dass nur noch ein Skelett übrig geblieben ist, durch dessen kahle Knochen der Wind pfeift. Dafür hält sich die Geschichte so gerade eben im vorgegebenen Rahmen. Und wer weiß, vielleicht kommt die Langversion irgendwann zusammen mit einer anderen Geschichte, die für eine eigenständige Veröffentlichung zu kurz ist, in den Codex Aureus.
Genug geschwafelt. Ich hoffe, sie gefällt euch trotzdem.

Der Kinobesuch der alten Dame

Sie war die Älteste, ein Fremdkörper zwischen den hippen, jungen Dingern, die der Film anlockte. Es waren nicht mehr viele. Vermutlich wurde er bald abgesetzt. Zu ärgerlich, auch wenn sie ihn nicht mochte. Beim ersten Mal war sie noch amüsiert über die naive Vorstellung von Dämonen. Inzwischen fand sie ihn nur noch entsetzlich schmalzig. Dennoch: er zog Mädchen im richtigen Alter an. Noch dazu allein, ohne ihre Freunde. Nicht, dass sie etwas gegen Männer hatte; sie mochte sie sogar recht gerne. Aber im Moment war sie auf Mädchen aus und das Kino ihr aussichtsreichstes Jagdrevier. Die einzige Alternative waren Fitness-Studios, und wenn sie etwas noch mehr abstieß, als schmalzige Mystery-Filme, dann es Fitness-Studios. Erst recht mit diesem Körper. Nicht, dass sie ihn nicht mochte. Aber die Energie, die sie daraus zog, hatte ihn vorzeitig altern lassen. Höchste Zeit, etwas Neues zu finden.

In der Schlange vor dem Popcornstand wartete eine Blondine. Das helle Haar bildete einen hübschen Kontrast zu ihrem schwarzen Corsagentop und dem Tüllrock. Die vielleicht?
Die alte Dame stellte sich in der Parallelschlange an. Hörte, wie Blondie Käsenachos und eine große Cola bestellte und verzog das Gesicht. Was für eine Stimme! Misstönend, wie nasse Kreide auf einer Schiefertafel. Aber möglicherweise musste sie Kompromisse eingehen.
Das Mädchen zahlte und drehte sich um. Die alte Dame hätte vor Enttäuschung beinahe gefaucht. Blondie trug eine Brille, die ihre Augen auf Tischtennisballgröße anschwellen ließ. Ohne war sie vermutlich auf Geruch und Gehör angewiesen. Das war inakzeptabel!
Die Schlange rückte vor. Die alte Dame bestellte Popcorn und Cola, obwohl sie beides verabscheute. Während der Vorstellung würde sie das Zeug unter den Sitz stellen und vergessen. Bis dahin war es Tarnung.

Ein lilahaariger Gnom mit Vollmondgesicht zupfte sie am Arm.
„Hi! Sind Sie auch wieder hier!“, sprudelte der Vollmond. „Super Film, oder?“
Sie zwang sich, zu lächeln. „Ja, sehr romantisch“, entgegnete sie. Das war die Kehrseite ihres Charmes: Jeder fühlte sich zu ihr hingezogen. Nicht nur Männer. Männer in letzter Zeit sogar bedauerlich wenig. Dafür so dumme Dinger, wie das plumpe Geschöpf, das sie immer noch anstrahlte.
„Sagen Sie doch Anni zu mir! Ich bin nicht so förmlich. Und das hier ist übrigens Dierdra.“ Sie schob ein zweites Mädchen vor.
Dierdra lächelte halbherzig und zuckte mit den Schultern. Unter ihrer unförmigen Strickjacke war die Bewegung kaum sichtbar.
„Ich musste Dierdra echt überreden. Sie steht nicht auf solche Filme, hat sie gesagt. Aber der ist anders, richtig gut, hab ich gesagt. Der ist so gut, dass sogar diese alte Lady immer wieder kommt.“ Sie blickte die alte Dame treuherzig an. „Sie haben doch nichts dagegen, dass ich von Ihnen erzählt habe, oder? Na, jedenfalls hat’s gewirkt und sie hat gemeint, dass sie sich das mal anguckt.“
Dann wandte sie sich Dierdra zu und versicherte, dass sie ihre Entscheidung bestimmt nicht bereuen werde, weil der Film so toll, der Hauptdarsteller supersüß und alles überhaupt supercool sei. Dierdra wirkte, als sei ihr alles entsetzlich peinlich. Sie hatte die Hände in den Taschen der Strickjacke vergraben, als wolle sie sich darin verkriechen. Trotzdem war sie bezaubernd. Ihre Aufmachung war natürlich ein absolutes No-go, wie man heutzutage sagte, aber das Mädchen verfügte über Potential: Haut wie Sahne. Rabenschwarzes Haar, blaue Augen, Schmollmund. Sie war die Richtige. Endlich!

„Wenn wir schon beim Du sind – ich bin Asta“, sagte die alte Dame freundlich. „Ihr seid Freundinnen?“
Wieder war Anni war schneller. „Wir studieren zusammen. Sinologie. Dierdra ist neu und ich dachte, ich nehme sie ein bisschen unter die Fittiche“
Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, legte sie den Arm um Dierdras Taille. Dierdra versteifte sich kaum merklich, sagte aber nichts.
Asta war entzückt. Nun musste sie nur noch den Platz neben dem Mädchen bekommen. „Wo sitzt ihr denn, wenn ich fragen darf?“, fragte sie mit dem leisen Lachen, das wie eine charmante Art der Entschuldigung klang.
„Warum?“
„Ich dachte, es wäre nett, zusammen zu sitzen.“
Wie erwartet, war Anni begeistert, nestelte ihre Karte aus der Tasche und las die Nummern ab. Dierdra fragte skeptisch: „Und wenn der Sitz schon vergeben ist?“
„Oh, ich hoffe doch nicht!“, rief Asta in gespieltem Entsetzen. „Das Kino ist ja nicht einmal halbvoll.“ Dann senkte sie ihre Stimme und setzte verschwörerischen zwinkernd hinzu: „Notfalls flunkere ich ein bisschen und behaupte, dass ich Annis Tante bin und furchtbar gerne neben meiner Lieblingsnichte sitzen würde – was meint ihr?“

Am Ende saß sie aber doch neben Dierdra. Auf dem Platz neben Annis klebte ein Kaugummi. Kein echter, aber eine täuschend echte Illusion. Anni quietschte angeekelt, als Asta darauf deutete und Dierdra zog die Brauen zusammen.
Asta stellte die Colaflasche in den Halter und machte es sich mit dem Popcorn auf dem Schoß bequem. Wie gut, dass sie es gekauft hatte!

Kurz darauf begannen die Mädchen zu tuscheln. Die Dämonin spitzte die Ohren.
„Warte ab“, hörte sie Anni sagen. „Sie haben sich ja gerade erst kennen gelernt.“
„Aber was findet sie an ihm? Er sieht gut aus, aber …“
„Ja, heiß, nicht? Und an ihm ist schon mehr dran. Wirst schon sehen!“
Die Dämonin schielte zu Dierdra. Die unförmige Strickjacke lag zusammengeknäult auf ihrem Schoß. Die nackten Arme schimmerten weiß, bis auf eine dünne Ranke, die sich um den Oberarm wand. Eine Tätowierung, wie hübsch! Asta widerstand der Versuchung, die Hand auszustrecken, um die Umrisse mit dem Finger nachfahren. Aber wenn sie den Arm auf die Sitzlehne legte, würde sie vielleicht Dierdras Haut berühren. Ganz zart nur. Wie zufällig.
Lächelnd ließ sie den Arm auf das Polster sinken. Aber außer Dierdras Wärme war da noch etwas höchst beunruhigendes: Eine magische Aura! Ein Schutzzauber! Woher kam das? Dierdra war eine Langnase, zu rational, um an Zauber zu glauben. Es musste eine andere Erklärung geben. Irgendein altes Schmuckstück vielleicht. Etwas, das man trug, weil es schön war, ohne von seiner Wirkung zu wissen.
Vorsichtig, um nichts aufzuschrecken, falls doch mehr dahinter steckte, sandte die Dämonin ihre Magie aus. Der Zauber war alt. Er ging vom Hals des Mädchens aus. Die Dämonin spürte Metall, einen Hohlraum und einen Stein darin. Ein Medaillon. Der Stein war die Quelle. Sie tastete danach; bereit, sich jederzeit zurückzuziehen, falls die Magie des Steins zurückschlagen sollte. Nichts. Nur latente Magie. Vermutlich ahnte Dierdra nicht einmal, was sie da trug. Die alte Dame entspannte sich.
Alles würde gut gehen. Sie musste sich nur gedulden, bis die Liebenden glaubten, dem Unheil entkommen zu sein und sich das erste Mal küssten. Natürlich irrten sie. Der Held hatte die Zutaten für das Siegel falsch angemischt und Dämon war keineswegs in der Flasche gefangen. Die Zuschauer wussten, dass er entkommen und sich grausam rächen würde. So hielt das ganze Kino den Atem an, als der Schatten an der Wand hinter den Liebenden in die Höhe wuchs und keuchte, als er sich auf das Paar warf. Die Heldin kreischte. Die alte Dame stieß einen spitzen Schrei aus und warf in einer Abwehrbewegung ihr Popcorn um. In weiten Halbkreis flogen die Körner durch die Luft. Die meisten prallten von den vorderen Sitzreihen ab. Aber etliche trafen Dierdra.
„Oh, entschuldige meine Liebe!“, hauchte Asta in gespieltem Entsetzen. Sie versicherte sich kurz, dass Anni immer noch vom Geschehen auf der Leinwand gebannt war, wo Held und Heldin um ihr Leben rannten.„Was für ein Schlamassel! Lass mich dir helfen.“

Als ihre kalten Finger Dierdras Haut berührten, erwachte das Tattoo auf deren Oberarm zum Leben. Ranken schossen heraus, wickelten sich um Brust und Arme der alten Frau und fesselten sie an ihren Sitz. Dierdra beugte sich vor und schob ihr etwas kaltes in den Mund, das wuchs, bis Asta glaubte, zu ersticken. Was geschah hier?
„Ruhig Dämon“, flüsterte Dierdra.
Asta riss die Augen auf. Wie konnte sie das wissen?

Seelenruhig zog das Mädchen eine Dose aus seiner Handtasche, tauchte den Finger hinein und tupfte das Zeug auf die Stirn der alten Frau. Es stank und brannte entsetzlich. Die Dämonin warf sich gegen die Fesseln, versuchte den Kopf zu drehen oder wenigstens das kalte Ding in ihrem Mund auszuspucken. Vergeblich.
„Meine Vorstellung war nicht ganz vollständig“, erklärte Dierdra im Plauderton, während sie die Mixtur auf Astas Gesicht und Hals verteilte. „Mein vollständiger Name ist Dierdra O’Really. Meine Familie waren im 18. Jahrhundert recht bekannte Dämonenjäger. Inzwischen sind wir überwiegend im Sicherheitssektor tätig. Aber unser ursprüngliches Gewerbe haben wir nie ganz aufgegeben, auch wenn es längst nicht mehr so gut bezahlt wird. Wer glaubt heute schon noch an Dämonen?“
Sie lachte leise, wurde aber sofort wieder ernst. „Ich muss nicht daran glauben – ich weiß, dass ihr existiert. Der eigentliche Witz ist, dass ich das Studium nur angefangen habe, um mein Wissen über chinesische Dämonen zu vertiefen. Und dann schwärmt eine Kommilitonin von diesem Schmachtfetzen und der süßen alten Dame, die keine Vorstellung verpasst. Das kam mir verdächtig vor, also bin ich mitgegangen. Und was finde ich?“ Sie legte den Kopf schief, als erwarte sie eine Antwort.
Der Dämon wollte das schöne Gesicht zerkratzen, ihr die Haare ausreißen – aber die Ranken hielten. Ihre Gegnerin lächelte. „Vergiss es, Füchschen. Das bist du doch, oder? Eine Fuchsfee.“

Dierdra nahm einen neuen Batzen Creme und verteilte ihn auf den Armen der alten Frau. Die Salbe brannte tief unter der Haut. Die Fuchsfee winselte. Sie musste raus aus diesem Körper, bevor das Hexenzeug noch tiefer drang und ihr eigentliches Ich erreichte.

„Gleich darfst du raus. Nur einen Moment Geduld“, versprach das Mädchen, griff nach der Colaflasche. Das kalte Ding flutschte aus Astas Mund. Dafür spürte sie den Flaschenhals an den Zähnen. Dierdra flüsterte lockend ihren Namen: „Hǔlijīng! Komm heraus, Füchschen; komm heraus, Hǔlijīng!
Die Dämonin begriff. Das war kein einfacher Exorzismus! Verzweifelt versuchte sie, sich im Körper der alten Frau festzukrallen und presste Zähne und Lippen aufeinander. Zu spät.
Noch einmal lockte Dierdra: „Komm heraus, Füchschen, komm heraus, Hǔlijīng!“, und da konnte sie sich nicht länger festhalten, fuhr heraus und landete in der süßen, braunen Brühe.
Angewidert sauste die Fuchsfee empor – und knallte gegen ein mit aller Meisterschaft und der Erfahrung aus über 300 Jahren gefertigtes Bleisiegel. Gedämpft hörte sie Dierdra sagen: „Anni? Ich glaube, die Aufregung war zu viel für die alte Dame. Wir sollten einen Krankenwagen rufen.“

Steppenbrand (Leseprobe)

Wenn Baranu no’Sonak geahnt hätte, welches Leid das dritte Kind seiner Frau Nourja über die Stämme der Khon bringen würde, hätte er den Jungen nach der Geburt in die Steppe hinausgetragen. Weit entfernt vom Lager hätte er das Neugeborene auf einen Stein gelegt und sein Schicksal der Sonne, den Zähnen der Schakale und den Schnäbeln der Geier überlassen. Niemand, nicht einmal Nourja no’Arhan hätte sein Verhalten missbilligt. Im Gegenteil: Obwohl geschwächt von der Geburt, hätte sie das Kind eigenhändig erstickt, wenn ihr Mann nicht getan hätte, was getan werden musste.
Aber niemand sah das kommende Unheil. Ein Grund mochte sein, dass die Geburt schwer gewesen war und sich so lange hinzog, dass man um das Leben von Mutter und Kind bangte. Um so größer war daher die Freude, als beide sie heil überstanden. Die Freude steigerte sich noch, als offenbar wurde, dass der kräftige Knabe eine Glückshaube trug; und als er die Welt begrüßte, stimmten die Frauen um Nourjas Bett mit Freudentrillern in sein Schreien ein.
Als bestes Omen galt jedoch, dass der Junge genau zu Beginn der Regenzeit geboren wurde.

Der Regen hatte gleichzeitig mit den Wehen eingesetzt. Er begann als leichtes Tröpfeln, nahm beim ersten Schrei Nourjas zu und steigerte sich mit den stärker werdenden Wehen. Er löschte die Schutzfeuer und trieb die Sonakari in die Zelte. Dunkelheit fraß die Sonne; der Mittag wurde Nacht. Blitze zuckten wie Arhanvipern über den Himmel und von den Hügeln dröhnte der Donner, als käme von dort eine Armee gezogen.
»Hütet euch! Das sind die Bronzetrommeln der goldenen Reiter«, tuschelten die Alten.
Entsetztes Schweigen war die Antwort. Jeder kannte Legenden über die Reiter. Doch man hütete sich, sie im Dunklen zu erzählen. Es hieß, sie seien die Geister gefallener Feinde; gestorben in jenem Krieg, in dem die Khon die Weiten des Grasmeers eroberten. Die Gebeine der Helden, die in diesem Krieg gekämpft hatten, waren längst zerfallen, sie selber zurückgekehrt in den Kreis des Lebens. Anders die Seelen der goldenen Reiter: Sie fanden keinen Frieden. Über die Ursache gab es viele Mutmaßungen, aber alle Geschichten stimmten darin überein, dass sie Dhalori waren. Unheilbringer.
Daher griff der Geistseher nach seiner Trommel und stimmte einen Gesang an, der beruhigen und das Böse bannen sollte. Trotzdem tasteten die Sonakari nach ihren Waffen. Sie alle lauschten in den Sturm hinaus, der mit Regenpeitschen auf die aus Ziegenhaaren gewebten Zeltbahnen einhieb.
Auch die Frauen, die Nourja no’Arhan beistanden, fürchteten sich. Keine von ihnen, ausgenommen Alizarde, die Älteste, hatte schon einmal so ein Unwetter erlebt. Alizarde bemühte sich, einen klaren Kopf zu behalten, beschäftigte die Jüngeren mit sinnlosen Aufträgen und sprach allen Mut zu.
»Das ist ein gutes Zeichen, ein sehr gutes«, versicherte sie immer wieder. »Dieses Kind ist gesegnet. Merkt euch meine Worte.« Doch auch sie schielte ein ums andere Mal verstohlen zur Zeltdecke und betete stumm um ein rasches Ende dieses Segens.
Endlich bäumte sich Nourja in einer letzten Anstrengung auf. Der Schrei, den sie dabei ausstieß, glich dem einer Löwin und übertönte sogar den Donner. Im nächsten Augenblick flutschte der Junge in Alizardes Arme.
»Wie ein Fisch«, erzählte die später dem Geistseher. »Wie ein Dharuk kam er herausgeschossen. Ich konnte ihn gerade noch auffangen.«
Mit dem ersten Schrei des Neugeborenen legte sich das Unwetter, als habe er es vertrieben. Die Arhanschlangen zogen sich hinter die Hügel zurück. Die Bronzetrommeln verloren sich in der Ferne. Der Regen ließ nach, wurde zu Niesel und hörte auf. Die Sonne fraß die letzten Wolken. Als der Junge gewaschen und in ein neu gewebtes Tuch gehüllt, aus dem Zelt getragen wurde, glitzerten die Pfützen golden.

»Die Zeichen verheißen Wohlstand, Schlachtenglück und ein langes Leben«, verkündete der Geistseher, nachdem er das Neugeborene lange betrachtet und über die Umstände seiner Geburt meditiert hatte. »Dieses Kind ist im Zeichen des Wassers geboren. Nicht des gebundenen Wassers, sondern des fallenden. Welcher Name wäre angemessener, als Dejasir?«
Das war ein in guter Name, den jeder mit Stolz tragen konnte. In der Sprache der Khon bedeutete er »starker Regen«. So ein Regen füllte die Flüsse und Wasserlöcher, ließ das Gras sprießen und machte die Herden fett. Daher bedeutete »starker Regen« im übertragenen Sinne auch »Reichtum.«
Entsprechend stolz trug Baranu no’Sonak seinen Jüngsten durch das Lager. Vor jedem Zelt blieb er stehen, um ihn zu vorzeigen. »Er heißt Dejasir und der Geisterseher hat ihm Wohlstand und ein langes Leben vorhergesagt!«
Die Vorhersage sollte sich erfüllen. Allerdings nicht in der Weise, wie alle glaubten.

Dejasir wuchs auf, wie alle anderen Kinder der Khon. Nachdem er Nourjas Tragetuch entwachsen war, wechselte er auf die Packlast eines Esels, bis seine Beine lang genug für den Pferdesattel waren. Er überstand die üblichen Krankheiten, tobte mit den Kindern seines Alters durch das Lager und brach sich beim Versuch, eines der Jungpferde zu reiten, den linken Arm. Mit fünf Jahren erhielt er ein scharfes Messer und mit sieben sein erstes Fohlen, das er unter der Anleitung seines Vaters ausbildete, bis es ihm folgte, wie ein treuer Hund. Gleichzeitig begann Baranu no’Sonak, ihn an den Waffen auszubilden. Dejasir lernte rasch. Was ihm an Größe und Reichweite fehlte, machte er durch Ehrgeiz und Schnelligkeit wett. Später behaupteten manche, hier hätte er erstmals die Anlagen gezeigt, die so verhängnisvoll für die Khon werden sollten. »Ein Teufel, wenn es ums Fechten ging«, erzählten sie. »Kaum ein Jahr und er besiegt seine Schwester im Schwertkampf. Hat ihr fast das Ohr abgeschnitten. Es war ein Omen! Baranu und Nourja hätten es erkennen müssen.«
Aber Baranu und Nourja maßen sie dem Vorfall keine Bedeutung bei. Sie wussten, dass ihre Tochter Simhadija die Nadel geschickter schwang als ihr Schwert. Und auch Simhadija tat die Angelegenheit mit einem Lächeln ab. So etwas komme eben vor, sagte sie, wenn man sie auf den Verband ansprach. Sie habe nicht aufgepasst. Außerdem sei es nur ein Kratzer.

Dejasirs Kindheit endete, als sein Fohlen eingeritten war. Alle Sonakari sahen zu, wie er den jungen Wallach sattelte und drei Mal um das Lager ritt; zuerst im Schritt, danach im Trab, zuletzt im Galopp. Bei jeder Runde wurde ein Gegenstand auf den Boden gelegt, der für das Erwachsensein stand und den er aufheben musste. Das Erste war eine warme Decke aus bunter Wolle, die ihn nachts warm halten sollte. Als Zweites kamen ein Bogen samt Pfeilköcher. Den Abschluss bildete ein kleiner Bronzekessel als Zeichen, dass er von nun an für sich selber sorgen musste.
Dejasir schnallte die Decke hinter den Sattel, hängte sich Bogen und Köcher über den Rücken und den Kessel an den Sattelknauf. Damit war er ein Loshazaru, ein Hüter. Von nun an, war sein Platz bei den Herden. Er würde sie bewachen, zu den Wasserstellen leiten und vor Raubtieren und anderen Dieben schützen, bis er eine Frau fand, die mit ihm in eines der schwarzen Zelte zog. Aber die Loshazari waren nicht nur Hirten, sondern auch Krieger, die bei Stammesfehden und Auseinandersetzungen mit den Sesshaften in die Schlacht zogen, während die Asjeanari, die verheirateten Khonari, das Lager verteidigten.
Zu Ehren seiner neuen Stellung gab es ein Festessen, bei dem Dejasir das erste Mal Wein trinken durfte. Er mochte den Geschmack nicht und nur der Anstand hielt ihn davon ab, das saure Zeug auf der Stelle auszuspucken. Auch der leichte Schwindel, der ihn bald darauf befiel, war ihm unangenehm. Dafür gefielen ihm die Träume dieser Nacht um so mehr. In ihnen trat er an die Stelle der mythischen Helden, über die die Sänger bei der Feier gesungen hatten. Was er in ihnen erlebt, erschien ihm als Omen, als Vorzeichen großer Taten, die er für seine Familie und den Stamm vollbringen würde.

Das Hochgefühl machte ihm den Abschied von Eltern und Geschwistern leicht. Obwohl er wusste, dass er sie lange nicht wiedersehen würde, jubelte sein Herz. Jetzt war er ein Mann. Frei wie der Wind im Gras, bereit zu großen Taten. Lächelnd schwang er sich in den Sattel und ritt an der Seite seines Bruders Sajazaru in die Steppe hinaus. Den ganzen Tag hielt Dejasir den Blick auf den Horizont gerichtet, wo das Leben lag, das ihn erwartete. Wenn er zurück kam, würde er ein Held sein.
Die erste Nacht im Freien brachte die Ernüchterung. Himmel und Steppe waren beängstigend hoch und weit und die Nacht angefüllt mit unbekannten Geräuschen. Dejasir fehlte das beruhigende Dunkel und die Enge des Zeltes, das vertraute Schnarchen seines Vaters und die warmen Körper der jüngeren Geschwister. Immer wieder zuckte er aus unruhigen Träumen hoch und musste sich vergewissern, Bogen und Dolch in Griffweite zu haben.
Entsprechend müde war er am Morgen. Er bekam kaum mit, was beim gemeinsamen Frühstück gesprochen wurde. Erst, als Arhanadin, eines der älteren Mädchen ihn an der Schulter packte und aufforderte, sein Pferd zu satteln, begriff er, dass es um die Aufteilung der Aufgaben gegangen war.
»Kann ich nicht mit Sajazaru reiten?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Sajazaru ist bei den Großen.«


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Die Schöne

Auf langen Beinen durchschreitet sie den Raum. Die schlanke Taille biegsam, das schwarze Haar wie Seide schimmernd. Was gäbe ich für einen Blick von ihr!

Sie aber ignoriert mich; nimmt Platz auf dem Sofa. Ruhig sitzt sie da, aufrecht, anmutig. Kühle Majestät jeder Zentimeter ihres Körpers.

Plötzlich eine geschmeidige Bewegung. Sie rollt sich auf den Polstern zusammen, lehnt den Kopf an das Kissen. Ihr Blick fängt meinen, dann sinken ihre Lider lasziv über die Smaragdaugen. Eine Einladung? Vorsichtig trete ich näher, strecke die Hand nach ihr aus, jederzeit auf schmerzhafte Zurückweisung gefasst. Doch sie duldet mein Streicheln – und schnurrt.

Zwei phantastische Gedichte

Die Überschrift bezieht sich natürlich auf das Genre, nicht auf die Qualität. Ich bin heute in Blödellaune und zu Wortspielereien aufgelegt. Ernsthafte Beiträge gibt es ab morgen wieder.

 

Der Montagsdieb
(Danke an Karin Ils  für die Idee zu diesem Titel)

Ein Drache
Hielt Wache
Auf dem Burgdache.
Aus der Nacht
Mit Bedacht
Schlich ein Dieb
auf leiser Sohle.
Nun ist er Kohle.

Gestörte Nachtruhe

In den Schrei einer Eule
Mischte sich Werwolfgeheule.
„Blöde Töle“, schrie
genervt die Banshee.
„Ab in die Höhle!
Und lass das Gegröhle!“

Alte Geister – ein Beitrag für die Blogparade auf cluewriting.de

Endlich ist er fertig, der schon lange angekündigte Beitrag für die Blogparade auf Clue Writing. Als Clues waren vorgegeben: Flügel, Schaf, Enthusiasmus, Teppichboden, Gewürznelke, als Setting ein Wohnblock.

Genau genommen ist die folgende Kurzgeschichte ein gekürzter Ausschnitt einer deutlich längeren Geschichte. Aber die Regeln sehen nun mal eine Beschränkung auf maximal 1700 Worte inklusive Titel vor und ich denke, dass dieser Ausschnitt auch ganz gut für sich alleine steht.
Jetzt aber genug der Vorreden, urteilt selbst:

 

Alte Geister

Aus reinem Unwissen war der Wohnblock genau über dem alten Friedhof gebaut worden. Als mit dem Bau begonnen wurde, war seine Lage längst ebenso vergessen, wie der Name der Siedlung, zu der er gehört hatte. Geblieben waren nur die Geister der Toten.

Zu den ersten Mietern gehörte Henriette Lehmann, die diesen Namen aber nur auf ihren Briefkasten schrieb. An den Türklingeln stand Mme. Voilève und in kleinerer Schrift darunter: Hellseherin. Nicht, dass Henriette an solche Spökenkiekerei glaubte. Aber ihre Kunden taten es.
Mme. Voilève erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen. Sie trug lange Kleider mit weitschwingenden Röcken, klirrenden Silberschmuck, üppiges Make-up und einen Turban, der die kurzen Haare verbarg. Das Wohnzimmer ließ sich mit wenigen Handgriffen in den Salon einer Hellseherin verwandeln. Die Anregungen dafür hatte Henriette sich von den zahlreichen Hobbyhexen im Internet geholt. Vor jeder Seance schloss sie die Samtportieren vor den Fenstern, stellte die den Elementen geweihten Altäre auf und zündete Kerzen und Weihrauch an. Der Tisch verschwand unter einer Spitzendecke, Sessel und Couch unter einer Extraschicht bunter Kissen. Ein Messingsamowar lieferte Heißwasser, falls der Kunde Tee- oder Kaffeesatz gelesen haben wollte. Kristallkugel, Runenplättchen und Tarotkarten lagen, in Seidentücher gewickelt, auf einem Beistelltischchen bereit. Während der Sitzungen stand die Wohnzimmertür einen Spalt breit auf, damit die beiden Katzen, der schwarze Baal und die dreifarbige Bastet, nach Belieben kommen und gehen konnten.
Ihren Kunden gefiel die Atmosphäre. Viele kamen regelmäßig, aber auch die, denen eine Beratung reichte, zollten ihr überwiegend Anerkennung und empfahlen sie weiter.
Henriette sah darin die Bestätigung für ein erfolgreiches Geschäftskonzept. Sie glaubte lediglich an Psychologie. Ganz ohne Para.

Daher lächelte sie nur, als ihre Nachbarin eines Morgens halb im Scherz erzählte, sie habe den Eindruck, in ihrer Wohnung spuke es. »Ich bin mir sicher, dass ich die Schlüssel an den Haken gehängt habe. Das tue ich immer.«
»Und wo waren sie?«
»Im Kühlschrank! Können Sie sich das vorstellen?«
Henriette konnte. »Wahrscheinlich hatten Sie sie noch in der Hand, als Sie vom Einkaufen zurückgekommen sind, und haben sie versehentlich zusammen mit den Einkäufen hineingetan.«
Die Nachbarin gab zu, dass das eine Erklärung sein könne, klang aber nicht überzeugt. Geister waren vermutlich leichter zu akzeptieren, als die eigene Schusseligkeit, dachte Henriette, während sie ihre Wohnungstür aufschloss. Sie war in Eile. Der erste Termin war bereits in einer halben Stunde.

Nachdem sie sich in Mme. Voilève verwandelt hatte, stöckelte sie in die Küche, um Wasser für den Samowar zu holen. Die Tür zum Wohnzimmer stand einen Spalt offen und augenblicklich befiel Henriette eine Vorahnung, die nichts mit Parapsychologie zu tun hatte. Sie holte tief Luft und stieß die Tür ganz auf. Das Bild, das sich ihr bot, übertraf die schlimmsten Erwartungen. Der große Kerzenleuchter vom Altar an der Ostwand war umgestoßen. Die Bruchstücke der Kerzen lagen zwischen Runensteinen und Weihrauchkrümeln auf dem Teppichboden. Zum Glück stand das Räucherbecken noch. Am Rand ihres Blickfelds nahm Henriette eine Bewegung wahr. Etwas streifte ihre Beine, wie ein kühler Luftzug.
»Du kleines Miststück!«, rief sie der Katze hinterher. »Musstest du ausgerechnet jetzt …«
Aber zu mehr war keine Zeit. Hastig goss sie das Wasser in den Samowar, klaubte die Runensteine und die größeren Kerzenstücke auf, warf die Steine auf den Tisch und die kaputten Kerzen in den Mülleimer in der Küche, griff sich ein paar Gewürze und den Tischstaubsauger, lief ins Wohnzimmer zurück, streute die Gewürze auf das Räucherbecken, saugte die Weihrauch- und Kerzenkrümel zusammen, schloss die Vorhänge, steckte neue Kerzen in den Leuchter und zündete sie an. Sie war gerade fertig, als es klingelte.

Nachdem der Kunde gegangen war, verwandelte Mme. Voilève sich in Henriette zurück, riss die Flügel des Fensters auf und lüftete gründlich. Das Wohnzimmer ganz aufzuräumen wäre unsinnig, weil sie noch zwei weitere Kunden erwartete. Aber der intensive Geruch nach Zimt, Gewürznelke, Sternanis und Salbei bereitete ihr Kopfschmerzen. Besser, sie besorgte schnell neues Räucherwerk, aus der Großbuchhandlung am Neumarkt. Bevor sie die Wohnung verließ, schloss sie das Fenster und vergewisserte sich, dass keine der beiden Katzen im Raum war, bevor sie die Wohnzimmertür hinter sich schloss.
Vermutlich hätte ich auch noch abschließen sollen, dachte sie, als sie bereits an der Kasse stand. Für den Fall, dass eine der Katzen es gelernt hatte, die Tür zu öffnen. Gehört hatte sie davon schon.

Um so dankbarer registrierte sie bei ihrer Rückkehr, dass die Wohnzimmertür immer noch geschlossen war. Trotzdem konnte sie dem Drang nicht widerstehen, hineinzusehen. Der Anblick traf sie, wie ein Schlag in die Magengrube. Das Deck Tarotkarten lag auf dem Boden. Aufgefächert. Mit der Rückseite nach oben. So, wie sie es vor ihren Kunden ausbreitete, bevor sie diese aufforderte, drei Karten zu ziehen. Aber was Henriette wirklich aus der Fassung brachte, war, dass drei Karten bereits umgedreht davor lagen: Hohepriesterin, Eremit und Stern.
»Was zum Teufel?!«
Mit zwei schnellen Schritten war sie im Raum, raffte die Karten zusammen und legte sie auf den Tisch zurück. Fast ängstlich sah sie sich noch einmal um. Nichts sonst war verändert.
Sie zwang sich, zu ihrer Routine zurückzukehren, das Räucherbecken aufzufüllen, die Kohlen anzuzünden und Weihrauch darüber zu streuen. Halb erwartete sie, im Rauch Gestalten zu sehen, aber nichts geschah. Gut. Ihr Herzschlag beruhigte sich allmählich. Sie ging in die Küche und kochte frischen Tee. Als sie die Kanne und neue Tassen ins Wohnzimmer trug, lag der Kartenstapel genau dort, wo sie ihn abgelegt hatte. Sie bedachte ihn mit einem misstrauischen Blick, ging aber schließlich doch ins Bad. Es war höchste Zeit, wieder Mme. Voilève zu werden.

Ihre Routine rettete sie über die Sitzungen. Beide Kunden gingen sehr zufrieden, obwohl Henriette die ganze Zeit die drei Karten vor sich sah. Hohepriesterin. Eremit. Stern. Als ob jemand sie so hingelegt hatte. Als ob ihr jemand etwas sagen wollte.
»Jetzt wirst du schon selber zu so einem abergläubischen Schaf«, schimpfte sie, während sie die Katzen fütterte. »Bestimmt gibt es eine rationale Erklärung.«
Das Dumme war nur, dass ihr keine rationalere Erklärung einfiel, als dass jemand die Karten dahin gelegt hatte, um ihr etwas zu sagen. Dass an diesem Abend ausgerechnet »Ghost – Nachricht von Sam« im Fernsehen lief, machte die Sache nicht besser.

Schließlich gab sie entnervt auf, holte einen Bogen Backpapier, breitete ihn auf dem Wohnzimmertisch aus und schrieb in großen Lettern alle Buchstaben des Alphabets darauf. Als Nächstes holte sie ein Glas, stellte es umgedreht in die Mitte des Papiers und legte die Spitzen von beiden Zeige- und Mittelfingern darauf.
»Gut, machen wir eine Séance. Eine ganz einfache Séance!«, rief sie und kam sich gleichzeitig unglaublich dämlich vor. »Wer oder was auch immer du bist – jetzt kannst du sagen, was du zu sagen hast.«
Das Glas ruckte. Henriette riss die Augen auf. Sie musste sich zwingen, ruhig sitzen zu bleiben. Als habe es ihr Widerstreben gespürt, blieb das Glas einen Moment stehen, bevor es sich wieder in Bewegung setzte. Zuerst nur langsam, wie um sicherzugehen, dass ihre Finger folgten, dann nahm es Fahrt auf, blieb kurz auf dem S stehen und glitt weiter zum E. Henriette buchstabierte halblaut mit: »R – V – U – S.«
Das Glas hielt inne.
»Servus?« Henriette kicherte nervös. »Bist du Bayer?«
Das Glas setzte sich wieder in Bewegung.
»Kimber«, buchstabierte Henriette. Was war das denn? »Und was willst du?«
»HILFUNS«
Henriette brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass das ›Hilf uns‹ heißen sollte. Na, das konnte ja heiter werden. Trotzdem fragte sie: »Und wie?«
»NIMMDENSTEIN«
»Verdammt noch eins«, schrie Henriette frustriert. »Geht’s nicht ein bisschen klarer? Welchen verdammten Stein denn nun wieder?«
Diesmal rutschte das Glas eine ganze Weile hin und her, so schnell, dass Henriette Mühe hatte, sich die einzelnen Buchstaben zu merken. Als es endlich innehielt, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Sorry Leute, aber darauf brauche ich erstmal einen Schnaps.«

Sie ging in die Küche und kippte Glas Vodka auf ex. Die Flasche nahm sie sie mit ins Wohnzimmer. Dieses Mal brauchte sie das Glas auf dem Tisch nicht einmal zu berühren. Kaum hatte sie sich gesetzt, glitt es von alleine über das Papier. »PROST«
»Danke«, murmelte Henriette und nahm noch einen Schluck, diesmal direkt aus der Flasche. »Ihr habt also den Stein der Weisen.«
»JA«
»Ihr solltet ihn vernichten, und weil ihr das nicht getan habt, müsst ihr spuken.«
»JA«
»Ok.« Sie nahm noch einen Schluck und gleich darauf noch einen. Das Zeug brannte wie Hölle und genau das brauchte sie jetzt. Immerhin zeigte das Brennen, dass sie nicht träumte, oder? »Und ihr sucht jemanden, der euch den Stein und die Aufgabe abnimmt.«
»JA«
Henriette nickte. Wenn man akzeptierte, dass es Geister und einen Stein der Weisen gab, wurde die Geschichte beinahe logisch. »Und spukt ihr schon lange?«
»SEHR«
Sie nickte wieder und genehmigte sich noch einen Schluck. »Muss öde sein.«
»JA« Das Glas verharrte einen Moment, dann setzte es sich wieder in Bewegung. »WIRWOLLENRUHEFRIEDENSCHLAF«
»Kann ich verstehen.«
»BITTEHILF«
»Ja, aber wie denn?«
Das Glas setzte sich wieder in Bewegung. Henriette brauchte ein bisschen, um zu begreifen, aber offenbar musste man nur ein bisschen graben. Das sollte kein Problem sein.
»Und ihr seid sicher, dass er noch da ist. Könnte doch sein, dass nach all den Jahren … Nicht, dass da jetzt auch ein Haus drauf steht oder so?« Sie merkte, dass ihre Aussprache ein bisschen verwaschen klang. Kein Wunder, es war ja auch schon spät. Fast Mitternacht. Zeit, dass sie ins Bett kam.
»Ja, er ist noch da und zugänglich. Bitte hilf!«, erklang eine Stimme direkt in ihrem Kopf. Eine Männerstimme. Dunkel. Schmeichelnd.»Er war nie auf dem Friedhof, sondern im heiligen Hain. Das schien uns angemessen und es gibt ihn immer noch. Mittendrin liegt ein See mit einer Insel.«
»Der Park«, murmelte Henriette und stand schwankend auf.
»Auf der Insel haben wir damals die Götter angerufen«, fuhr die Stimme fort. »Dort, wo einst der Altar war, steht heute eine Eiche. Sehr alt jetzt, aber damals war sie nur ein Sprössling. Dort liegt der Stein.«
»Na gut, dann woll’n ma mal. Ich hol nur eben ’ne Schaufel.«, sagte sie ohne Enthusiasmus. Aber manche Dinge mussten eben getan werden, und wie es aussah, war sie die Einzige, die hier etwas tun konnte.