Die Flut

Ein Märchen

Es war einmal, vor langer Zeit, da lebte ein König in seinem Schloss, hoch über dem Meer. Oft stand er auf den Zinnen des Nordturms, sah hinaus auf die rollende See, zählte die Segel seiner Handelsflotte und der vielen kleinen Fischerboote. An anderen Tagen erfreute er sich vom Südturm aus am Anblick des fruchtbaren Lands zu seinen Füßen. Wälder wechselten sich dort mit Wiesen, Weiden und wohlbestellten Felder. Dazwischen lagen Dörfer und kleine Städte. Der König sah es mit Wohlgefallen.
So vergingen Wochen, Monate und Jahre. Das Land gedieh, das Volk war zufrieden und alles war gut.

Doch dann, eines Tages geschah es, dass die Oberste Seherin vor den König trat und sagte: „Hört mich an, Majestät! Das Reich ist in Gefahr. Die Berechnungen haben ergeben, dass uns eine Flut nie gekannten Ausmaßes droht. Lasst unverzüglich die Deiche erhöhen und die Hafentore schließen.“
Bevor der König antworten konnte, mischte sich sein ältester Sohn, Prinz Beilfried ein. „Es liegt mir fern, an Eurer Weisheit zu zweifeln Hochehrwürdige“, sagte er. „Aber wenn wir jetzt die Hafentore schließen, wird unsere Handelsflotte nicht mehr ausfahren können. Also lasst uns nichts überstürzen, sondern abwarten. Wenn es wirklich so kommt, wie ihr sagt, sind die Tore schnell geschlossen.“
„Auch lassen sich die Deiche nicht so einfach erhöhen“, sprach des Königs älteste Tochter, Prinzessin Irmengarda. „Wo sollten wir den Sand hernehmen und die Arbeitskräfte? Gerade wird jede Hand auf den Feldern gebraucht, um zu pflügen, zu eggen und um die Saat auszbringen!“
„Es wird keine Ernte geben, wenn Ihr nicht handelt“, prophezeite die Oberste Seherin düster. „Das Meer wird sich das Land holen, bis allein der Felsen übrig ist, auf dem dieses Schloss erbaut wurde.“
„Nun übertreibt Ihr aber!“, protestierte Prinz Lodegar, der den Beinamen „der Fromme“ trug. „Der Herr der Meere und die Herrin der Winde sind uns wohlgesonnen, seit wir ihre Namen in Ehren halten und alle Opfer zu den vorgeschriebenen Zeiten erbringen. Nie würden sie uns schaden!“
Der König wiegte sein Haupt und strich sich über seinen Bart. Er wollte weder die Warnung der Obersten Seherin in den Wind schlagen, noch seinen Kindern widersprechen, deren Einwände ihm ebenfalls begründet erschienen.
„Was ziehst du für ein ernstes Gesicht, lieber Vater?“, erklang da die liebliche Stimme von Prinzessin Leontine, seiner jüngsten Tochter. „Dazu noch an einem so schönen Tag wie heute. Stell’ dir vor: Als ich eben in den Hof treten wollte, geriet ich ins Stolpern und noch während ich mich zu fangen versuchte, klatschte neben mir ein Vogelsch…“ Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund, als wolle sie das unfeine Wort zurückdrängen. Dann aber fuhr sie lachend fort: „Man sagt, es bringe Glück, nicht wahr? Aber ich finde, dass ich schon Glück hatte, von dem Batzen nicht getroffen worden zu sein. Meinst du nicht auch? Mein Kleid wäre verdorben gewesen und damit auch der ganze Tag!“ Sie ergriff die altersfleckige Hand des Königs und küsste sie. „Und da mein Tag gerettet ist, ist es deiner auch. Egal, was auch immer diese hässliche alte Krähe dort sagt! Mit deiner Erlaubnis werde ich sie herausbefördern.“ Und ehe der alte König etwas sagen konnte, hatte sich die Prinzessin schon der Obersten Seherin zugewandt. „Schusch!“, machte sie und wedelte mit den Armen. „Mach, dass du wegkommst!“
Nun liebte der König unter all‘ seinen Kindern ausgerechnet seine jüngste Tochter am meisten, auch wenn er diese Zuneigung nicht einmal sich selber eingestand. Sie mochte im Kopf nicht die Hellste sein, aber sie hatte so ein sonniges Gemüt, dass er ihre Unarten oft und gern verzieh. Doch dieses Mal ging ihr Verhalten zu weit, deshalb tadelte er sie scharf und befahl ihr, sich bei der Obersten Seherin zu entschuldigen. Nachdem das geschehen war, ergriff er selber das Wort und bedankte sich bei der Obersten Seherin für ihre frühzeitige Warnung. „Ihr sollt wissen, dass ich dies sehr ernst nehme. Wenn eintrifft, was Ihr sagt, stehen wahrlich schlimme Zeiten bevor! Jedoch kann kein König es sich leisten, nur auf eine Meinung zu hören“, fuhr er fort. „Ihr selber habt gehört, was meine Kinder vorzubringen hatten. Und wenn ich Eure Warnung gegen ihre Einwände abwäge, ist festzustellen, dass es nur eine Stimme für das Schließen der Tore und das Erhöhen der Deiche gibt, hingegen aber vier dagegen.“
„Die kommende Flut sind Mehrheiten egal“, entgegnete die Seherin. „Wenn Euch euer Volk und Euer Land am Herzen liegt, müsst ihr jetzt handeln!“
Doch nichts vermochte, den König umzustimmen. „Ihr habt Eure Pflicht getan und mir Eure Bedenken vorgetragen. Aber es ist an mir zu entscheiden, wie ich mit solchen Warnungen umgehe, Hochehrwürdige.“ Ein harter Ton schlich sich in seine eben noch sanfte Stimme. „Und meine Entscheidung steht fest. Ihr könnt gehen.“

Sieben Wochen später, als schon niemand mehr an die Prophezeiung dachte, stieg die Flut. Drei Tage rollte sie gegen die Deiche und brandete gegen die hastig geschlossenen Hafentore. Als sich das Wasser endlich zurückzog, hatte das Meer ein Viertel des Landes verschlungen.
Nun war die Bestürzung groß. Noch größer aber wurde sie, als die Oberste Seherin erneut vor den Thron trat und sagte, dies sei nicht die eigentliche Katastrophe gewesen. „Ihr müsst die Deiche erhöhen lassen, Majestät!“, mahnte sie eindringlich.
„Wozu den Aufwand?“, widersprach Prinz Beilfried. „Wegen ein bisschen Küste? Was ist denn schon passiert, außer dass paar Steine ins Meer gestürzt sind? So etwas ist in der Vergangenheit passiert und es wird wieder geschehen. Kein Grund, sich deshalb Sorgen zu machen!“
„Das Meer wird sich noch weit höher erheben“, prophezeite die Seherin. „Glaubt mir Majestät: Ihr müsst die Deiche erhöhen. Eure Hafentore sind stark, sie werden widerstehen. Aber das alles nützt nichts, wenn Eure Deiche zu schwach sind. Daher dürft nicht untätig bleiben, sonst wird sich das Meer Euer Land holen, bis nur noch der Felsen übrig bleibt, auf dem Euer Schloss erbaut ist.“
„Deiche lassen sich nicht so einfach erhöhen“, erklärte Prinzessin Irmengarda. „Ich dachte, diesen Punkt hätten wir bereits geklärt! Außerdem haben unsere Deiche bisher immer gehalten – selbst beim großen Sturm vor 100 Jahren. Es gibt wirklich gar keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie auch dieses Mal widerstehen werden.“
Der König wiegte sein Haupt und strich über seinen Bart. Die Worte der Obersten Seherin hatten ihn beunruhigt. Aber sie ging zu weit, ihn so zu bedrängen! Sie hätte ihm die Entscheidung überlassen sollen, was zu tun sei. Alles andere untergrub seine Autorität. Wenn er tat, was sie empfahl, würde es in den Augen seiner Kinder und des Volkes wirken, als hätten ihre Worte ihm Angst eingejagt. Das war nicht falsch, aber als Regent durfte er diese auf keinen Fall zeigen. Er musste die gleiche Gelassenheit und Ruhe ausstrahlen, wie Prinzessin Irmengarda und gleichzeitig entschlossen und tatkräftig wirken. Was also tun?
Noch während er nachdachte, betrat Prinzessin Leontine den Raum. Sie war in Begleitung eines hochgewachsenen, schlanken Mannes, dessen rollender Gang ihn als Seemann auswies. „Das, Papa, ist Kapitän Pequod. Ich habe ihn auf dem Ball neulich kennengelernt und als ich sah, dass die alte Krähe“, sie streckte der Obersten Seherin die Zunge heraus, „wieder da ist, habe ich beschlossen, ihn mitzubringen. Er kann dir sagen, wie es auf dem Meer wirklich aussieht!“
Der Kapitän verbeugte sich schneidig, bevor er zu erzählen begann. Er befehlige einen großen Frachter, der auf der Südroute eingesetzt sei. Den Sturm habe man aufziehen sehen, aber trotz anfänglicher Besorgnis sehr gut überstanden. „Das Wesentliche ist jedoch, dass diese Überschwemmung etwas Einmaliges war“, versicherte er. „Das Meer ist wieder vollkommen friedlich. Es wird keine Fluten wie diese mehr geben.“
Seine Worte erfüllten den König mit großer Erleichterung, auch wenn eine leise Stimme ihm zuflüsterte, dass eine Zufallsbekanntschaft einer seiner Töchter vielleicht nicht der beste Gewährsmann wäre und es daher besser sei, auf die Warnungen und Ratschläge der Obersten Seherin zu hören. Um diese lästige Stimme zum Verstummen zu bringen, aber auch, um allen zu zeigen, dass immer noch er es war, der die Entscheidungen traf, ordnete der König an, dass dennoch Maßnahmen zur Vorsorge getroffen werden sollten. „Die Geschichte lehrt uns, dass es immer wieder zu Fluten kommt“, sprach er gravitätisch. „Daher wäre es fahrlässig uns nicht zu wappnen, wenn wir schon gewarnt werden.“ Andererseits bestehe kein Anlass, die Dinge zu überstürzen, fuhr er fort. Unmittelbare Gefahr drohe nicht, darauf hätten sowohl der Kapitän als auch Prinzessin Irmengarda hingewiesen. Er habe daher beschlossen, eine Kommission einzuberufen. „Sie wird eine Untersuchung der Deiche einleiten und danach entscheiden, in welchem Maße eine Verstärkung notwendig ist und Empfehlungen erarbeiten, in welcher Reihenfolge sie vorgenommen werden sollte.“ So bald die Ergebnisse vorlägen, werde man darüber beraten, welche Mittel dafür bereitgestellt werden müssten, um dann unter Abwägung der anfallenden Kosten zu einer endgültigen Entscheidung zu gelangen.
„Das ist zu spät“, rief die Oberste Seherin. „Viel zu spät! Euch mag das Meer ruhig erscheinen, Majestät, aber ich sage Euch: Die Flut kommt!“

Doch wie schon beim ersten Mal, hörte auch jetzt keiner auf sie. Daher war niemand vorbereitet, als das Meer wieder stieg.
„Noch könnt Ihr etwas unternehmen, Majestät!“, drängte die Seherin. „Lasst Eure Bauern Erde in Säcke füllen und auf die Deichkronen legen. Das wird uns Zeit verschaffen, Mensch und Vieh von der Küste auf die Hügel im Süden zu bringen.“
„Wo kommen wir hin, wenn wir wahllos Löcher graben lassen!“, rief Prinz Beilfried. „Am Ende fällt noch jemand hinein und verletzt sich.“
Auch Prinzessin Irmengarda zeigte sich entsetzt. „Wir können die Menschen nicht einfach von der Küste wegbringen“, erklärte sie. „Sie werden hier gebraucht. Wer soll sich dann um die Felder kümmern? Zudem steht die Schafschur bevor. Wir können es uns nicht leisten, eins davon zu vernachlässigen! Wie soll das Königreich prosperieren, wenn wir keine Wolle für den Handel und kein das Getreide als Nahrung haben?“
Die Oberste Seherin wollte einwenden, dass es kein Königreich mehr geben werde, wenn nicht unverzüglich Maßnahmen getroffen würden, wurde aber sofort von Kapitän Pequot unterbrochen, der darauf hinwies, dass das Meer immer wieder mal steige. „Das nennt sich Tidenhub, Verehrteste!“
Sie sei mit dem Wechsel der Gezeiten vertraut, besten Dank auch, wollte die Oberste Seherin erwidern, wurde jedoch von einer Handbewegung des Königs zum Schweigen gebracht. „Wir sollten uns nicht aus Furcht zu überstürztem Handeln hinreißen lassen“, sagte er. „Die Kommission tut ihre Arbeit. Sie wird zu gegebener Zeit ihre Ergebnisse vorstellen. Bis dahin sind wir alle sicher.“
Damit beendete er die Audienz, denn er war der vielen Stimmen müde. Trotzdem stand er an diesem Tag lange an seinem Ausguck auf dem Nordturm. Das Meer glitzerte blau und silbern zu seinen Füßen. Die Sonne hüllte ihn in wohlige Wärme. Alles war gut. Er hatte entschieden. Sein Herz füllte sich mit Ruhe.
Doch in der Nacht kam erneut Sturm auf. Das aufgewühlte Wasser stieg und hörte nicht auf zu steigen. Drei Tage brandete das Meer gegen die Deiche und schwappte über die Kronen. Am vierten Tag brach es durch. Schlammfluten überrollten die Felder und die panisch gen Süden fliehenden Menschen. Sieben Tage dauerte der Sturm. Als er sich endlich legte, gab es keine Deiche mehr und das Königreich war um ein weiteres Drittel kleiner geworden. Nur die Hauptstadt hatte die Überschwemmung weitgehend unbeschadet überstanden, weil der Hafenmeister vorsorglich die Hafentore geschlossen hatte.

Das Entsetzen im Königreich war groß. Der König rang verzweifelt die Hände, während Prinz Lodegar im Thronsaal auf und ab stolzierte und laut ausrief, das alles sei eine Strafe der Götter dafür, dass man dem Herrn des Meeres und der Göttin des Windes nicht ausreichend gehuldigt habe. „Ein kleines Opfer – wäre das etwa zu viel gewesen? Aber statt sich ihrer Gunst zu versichern, haben wir uns von ihnen abgewandt. Statt uns in ihre Hand zu begeben, haben wir uns abgewandt und wollten Deiche errichten, die sie ausschließen.“ Er stemmte die Hände in die Hüften und blieb vor Prinzessin Irmengard stehen. „Ist es da ein Wunder, dass sie uns dann erst recht ihre Macht spüren lassen?“, fragte er herausfordernd.
„Die Götter sind mir gerade ziemlich egal“, erwiderte sie. „Aber die Wirtschaft! Wie sollen wir noch Handel treiben, nachdem das Meer Land, Vieh und Ernte weggerissen hat?“ Sie seufzte tief. „O Vater, was sollen wir nur tun?“
Der König aber wusste auch keinen Rat.
„Was macht ihr alle für ernste Gesichter“, ertönte da von der Tür her die Stimme der Prinzessin Leontine. „Die Gefahr ist vorbei. Kapitän Pequot hat gesagt, es wird keine weitere Welle mehr kommen! Draußen scheint die Sonne und das Meer glitzert herrlich in der Sonne!“ Sie machte ein paar fröhliche Tanzschritte auf den Thron zu. „Komm mit mir Vater! Und ihr anderen auch! Ihr müsst mit hinauskommen und es selber ansehen, statt hier drinnen Trübsal zu blasen.“

Aber als sich der König erhob, fand er sich der Obersten Seherin gegenüber. Ungehört und ungesehen hatte sie die große Halle betreten; so unbeachtet, dass es schien, als sei sie dem Boden selbst entwachsen. Ihr Haar war wirr. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und ihre Stimme klang rau und brüchig. „Zwei Mal habe ich Euch gewarnt, Majestät!“, sagte sie. „Zwei Mal ist eingetreten, was ich prophezeite. Wollt Ihr dieses Mal auf mich hören? Es ist noch nicht vorbei. Am siebenten Tag von heute an, wird eine weitere Welle kommen und sie wird gewaltiger sein als beide vorher. Daher rate ich Euch: Schickt alles Volk ins Landesinnere auf die Hügel! Lasst sie das Vieh mitnehmen und Boote. Von ihrem Besitz so viel, wie sie tragen können, doch keine Wagen, denn dafür wird der Platz nicht reichen. Die Stärksten und schnellsten aber sollen aus den Häusern und allem, was darin ist Wälle bauen und Wurten aufschütten. So werdet ihr vielleicht nicht euer Land, aber wenigstens das Volk retten und könnt einen Neuanfang wagen, wenn das Wasser gefallen ist.“ Ihre Stimme brach.
Augenblicklich begannen die Prinzen und Prinzessinnen zu reden.
„Was ist das für ein Unsinn?“, verlangte Prinz Beilfried zu wissen. „Boote ins Landesinnere! Wer hat davon schon einmal gehört?“
„Mensch und Vieh auf die Hügel?“, empörte sich Prinzessin Irmengarda. „Bei aller Ehrbietung Hochehrwürdige, aber das ist ausgeschlossen! Sie werden auch das letzte bisschen Saat zertrampeln.“
„Und wofür? Das ist doch alles Panikmache!“, erklärte Prinzessin Leontine. „Kapitän Peyquot hat genau dargelegt, dass das Meer nicht mehr steigen wird!“
Prinz Lodegar nickte eifrig. „Genau so sehe ich es auch und dafür sollten wir dem Herr des Meeres und der Herrin der Winde Dankbarkeit zeigen. Da trifft es sich gut, dass in genau sieben Tagen das Opferfest ist. Statt das Volk in die Hügel zu bringen, wo es nur alles zerstört, sollten wir dazu aufrufen, an diesem Tag besonders zahlreich an den Strand zu gehen. Nichts verbindet mehr als die Riten. Nichts entschädigt mehr für die Verluste und nichts wird die Götter mehr besänftigen als diese Bestätigung unseres tiefen Glaubens und unserer Verehrung.“
„So schließt wenigstens die Hafentore“, sagte die Oberste Seherin matt. „Vielleicht rettet Ihr dann mit etwas Glück wenigstens noch die Hauptstadt.“
„Die Hafentore schließen?“, schrie Prinzessin Irmengarda entsetzt. „Die Läger sind voll und der Handel ist das Einzige, was uns in unserer Lage noch bleibt.“
„Keinesfalls können wir die Tore schließen“, bestätigte Prinzessin Leontine. „Kapitän Pequot hat heute Morgen Segel gesetzt und wird in sieben Tagen zurückkehren. Auf keinen Fall lasse ich zu, dass er auf dem offenen Meer Anker werfen muss!“
„Ich kann euch nur sagen, was ich gesehen habe“, erwiderte die Oberste Seherin. „Es bleibt Euch überlassen, daraus Schlüsse für Euer Handeln zu ziehen, doch wahrlich, ich sage Euch: Wenn ihr so handelt, wie beabsichtigt, wird von Euch allen nichts bleiben als blanke Knochen. Euer Schloss wird noch eine Weile über dem Meer aufragen. Doch mit der Zeit wird es ebenso zerfallen wie Euer Reich und seine bröckelnden Mauern werden nur noch den Möwen als Wohnsitz dienen. Ihre Schreie werden zwischen den Mauern hallen wie die Schreie derer, die durch Euer Zaudern ertrunken sind.“ Sie warf sich die Kapuze über und schlurfte aus dem Saal.
„Und wenn wir die Tore nur ein Stück weit schließen?“, rief der König ihr nach. „Und fleißig messen?“
Doch er erhielt keine Antwort.

Nachdem die Oberste Seherin den Saal verlassen hatte, begab sie sich zum Hafen, wo sie ein Boot bestieg, das sie in ein fernes Land brachte, in dem sie noch viele Jahre glücklich lebte.
Dem König und seinen Kindern aber war weniger Glück beschieden. Sieben Tage nach Abreise der Obersten Seherin brach die Flut nachts donnernd über das Land herein. Eine Weile hörte man oben im Schloss noch die Schreie der ertrinkenden Menschen und das Brüllen des Viehs. Als sie verstummten, füllten nur das Brausen des Windes und das Tosen der Wogen die Dunkelheit.
Dann folgte Stille. Schwer wie ein bleiernes Tuch lag sie über dem Schloss. Sie erstickte das Schluchzen der Bewohner, die einige Tage, wie hohläugige Geister durch die Räume irrten, bis sie sich, von Durst und Hunger entkräftet, hinlegten, um nie wieder aufzustehen.

So erfüllte sich die Weissagung der Seherin. Noch heute steht das Schloss oben auf dem Felsen, hoch über dem Meer. Es ist schwer zu erkennen, denn seine Mauern sind längst zerfallen. Nur Wind und Möwen hausen dort – aber die Fischer, die sich wieder in diese Gegend wagen, schwören, gelegentlich die Geister der Ertrunkenen schreien zu hören.

Klippen im Meer
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Madame Mimi Moffat

oder

Ein Schlüsselerlebnis

Wer mir auf Twitter folgt, weiß es schon: Ich bin Wiederholungstäterin. Den Challenges von Clue Writing kann ich nun mal nur sehr schwer widerstehen. Rahel und Sarah schaffen es regelmäßig, meine grauen Zellen so zu triezen, dass am Ende eine Geschichte dabei herausspringt.
Auch diese Lady war mal wieder unwiderstehlich.

mme moffat v. rahel (clue writing)
Credits: Rahel v. Clue Writing

Was dabei herausgekommen ist? Lies selber!


Madame Mimi Moffat

oder: Ein Schlüsselerlebnis

Ich kannte die Moffat, wie man seine Nachbarn eben kennt. Man grüßt, fragt, wie es geht, hat die Antwort aber sofort vergessen. Von der Moffat kannte ich immerhin den Namen.
Sie hinterließ Eindruck. Aber anders, als Sie jetzt vermutlich denken. Hübsch war sie nicht. Jung schon lange nicht mehr. Ihr Kopf ähnelte einem Totenschädel. Die schwarz gefärbten Haare waren oben am Kopf zu zwei komischen Knubbeln aufgedreht. Wann immer ich ihr begegnete, trug sie einen schäbigen Bademantel und darunter das scheinbar immergleiche schwarze Kleid, dessen tiefer Ausschnitt die hervortretenden Schlüsselbeine und den hängenden Busen betonte. Ihre Füße steckten in plüschigen Pantoffeln. Sie hätte die Hauptrolle in jedem Zombiefilm spielen können. Die Kinder nannten sie eine Hexe und rannten kreischend weg, wenn sie sie sahen. Ich ging ihr wenn möglich aus dem Weg.
Bis die Sache mit den Schlüsseln passierte.

Ich wollte nur kurz die Wäsche holen. Als ich gerade aus der Tür war, klingelte das Telefon. Ich rannte zurück, weil ich hoffte, es würde Jo sein. Aber es war dann doch nur irgendein dummes Marketinginstitut. Ich sagte ihnen, wohin sie sich ihren Kram stecken konnten und machte mich wieder auf den Weg in den Keller.
Unten angekommen, tastete ich vergeblich nach den Schlüsseln. Wie konnte das … Mir fiel ein, dass ich sie auf dem Weg zum Telefon auf den Tisch …
Was für eine Scheiße!
Mein Handy hatte ich natürlich auch nicht dabei. Es war Wochenende. Ich trug nur Schlafanzughose und T-Shirt. Draußen heulte der Wind. Ich heulte mit. Seit der Sache mit Jo war mein Leben ein Trümmerhaufen. Und nun das. Es war alles zu viel.

Die Moffat fand mich am Fuß der Kellertür. Ein zähneklappernder Haufen Elend.
Ich habe keine Ahnung, wie sie mich in ihre Wohnung schaffte. Meine nächste Erinnerung ist, dass ich in einem Sessel sitze, eine Katze auf dem Schoß und ein Becher mit etwas Heißem in der Hand.
„Trinken Sie!“
Ich trank. Was auch immer im Becher war, schmeckte süß, würzig und sehr alkoholisch. Ich hustete.
„Cognac“, kommentierte die Stimme der Moffat. „Zum Aufwärmen.“
Langsam nahm der Raum Formen an. Ein Wohnzimmer. Gelbes Sofa, gelbe Vorhänge, gelbe Lampenschirme. Ein gelber Ascher voller Kippen. Mir gegenüber, auf dem Sofa, die Moffat, eine Zigarette im Mundwinkel, die Augen schmal hinter dem Rauch. Sie hielt mir die Packung hin. „Sie auch?“
Ich schüttelte den Kopf. Bei dem ganzen Gelb fehlten nur die Sonnenblumen über dem Sofa. Statt dessen hing dort ein altes Plakat, umgeben von einem Schwarm gerahmter Fotos. Es zeigte eine Frau in dunkler Robe, die sich über eine Glaskugel beugte. Das Bild war diffus und verschwand fast unter verschnörkelten blauen Buchstaben. Madame Mimi Moffat entzifferte ich. Darunter stand noch etwas, aber so klein geschrieben, dass ich es nicht lesen konnte.
„Zirkus?“, fragte ich.
„Varieté“, antwortete sie. „Ich hatte ein gewisses Talent. Es lag wohl in der Familie.“
Ich suchte nach Ähnlichkeiten zwischen der Frau auf dem Plakat und meiner Gastgeberin. Beide waren schwarzhaarig aber die Frisur war eine andere. Die Haare der Frau auf dem Plakat waren länger und wurden durch ein rotes Tuch gebändigt.
„Sind das echt Sie?“
Ein Grinsen breitete sich in ihrem Gesicht aus. „Mais oui! Isch war nischt immär alt und ‚äslisch.“
Wir lachten beide, bis sie unvermittelt aufstand. „Was bin ich für eine Gastgeberin! Es ist fast Abend und Sie haben nichts gegessen.“
Sie ignorierte meinen Protest und verschwand, gefolgt von der Katze. Ich hörte das Klappern von Topfdeckeln. Das ging echt zu weit. Ich brauchte doch nur einen Schlüsseldienst. Ich wollte aufstehen, zu ihr gehen und es ihr sagen, aber es ging nicht. Meine Beine waren wie Wachs. Ich kam einfach nicht hoch.
Die Frau auf dem Plakat lächelte verschlagen.
„Möchten Sie noch etwas trinken?“
Die Moffat stand so unvermittelt neben mir, dass ich erschrak. Ohne eine Antwort abzuwarten, schenkte sie nach und schlurfte davon. Ich trank. Der Tee schmeckte besser als der erste. Der Alkoholgeschmack war fast verschwunden, dafür war eine neue, würzige Note hinzugekommen.

Kurz darauf war die Moffat wieder da. „Sie haben nach meiner Familie gefragt.“
Hatte ich? Ich konnte mich nicht erinnern.
Sie nahm einige Bilder von der Wand und legte sie vor mir auf den Tisch. Ich sah Frauen in langen Röcken und Tüchern im Haar. Männer mit Hüten. Kinder. Hochrädrige Pferdewagen mit runden Dächern. Alle in schwarz-weiß.
„Das war, bevor sie uns festgeschrieben haben.“
„Festgeschrieben?“ Das war nicht die einzige Frage, aber den Begriff hatte ich noch nie gehört.
„Wir durften nicht mehr reisen. Sie haben uns die Pferde weggenommen und verboten, aufzutreten. Dabei waren wir Schausteller.“ Sie steckte sich eine Zigarette an. „Es war schrecklich. Zu viele Menschen, zu viel Zeit, zu viel Hunger und viel zu wenig Platz. Ständig gab es Streit.“
Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen sollen?
„Meine Eltern beschlossen, mit uns nach Frankreich zu fliehen. Mein Vater hatte dort Familie. Die Flucht erinnere ich kaum. Nur das Gefühl von Kälte und wunden Füßen. Und Angst. Die ist heute noch da. Nachts, wenn alles schläft, dann kriecht sie aus den Ritzen.“ Sie warf mir einen scharfen Blick zu. „Wir schafften es über die Grenze. Aber kaum glaubten wir, sicher zu sein, mussten wir schon wieder fliehen. Und irgendwann gab es keinen Platz mehr, wohin wir fliehen konnten. Sie waren überall, die Faschisten.“
„Wie haben Sie überlebt?“, flüsterte ich heiser.
Wieder einer dieser scharfen Blicke. Als würde sie meine Gedanken lesen.
„Die Résistance. Gute Menschen haben uns versteckt. Aber wir mussten uns trennen. Meine Schwester und ich kamen zu Bauern, die uns als ihre Nichten ausgegeben haben. Meine Eltern …, nun, sie hatten nicht so viel Glück. Als der Krieg vorbei war, waren Marie und ich Waisen und der Großteil der Familie tot.“
Sie drückte die Zigarette aus und sammelte die Bilder ein. „Das Essen müsste gleich fertig sein. Wenn Sie sich vorher frisch machen wollen – das Bad ist links neben der Eingangstür.“

Gehorsam stand ich auf, obwohl meine Beine sich immer noch wie Wachs anfühlten und mir eher schlecht als nach Essen war.

Auf der linken Flurseite gab es zwei Türen. Die zum Badezimmer war die erste. Das entdeckte ich aber erst, nachdem ich die direkt neben der Eingangstür aufgemacht hatte. Dahinter befand sich eine Art Abstellkammer. Aber statt mit Putzmitteln und alten Jacken war der Raum mit Terrarien vollgestellt. In jedem hockten ein bis drei fette, graubraune Haufen, die mich aus dunklen Augen anstarrten. Die Verwunderung war gegenseitig, dauerte aber nur Sekunden. Dann schnarrte einer der Haufen und sprang gegen das Glas. Es gab ein sattes FLOTSCH beim Aufprall. Als sei das ein Signal, klatschten auch die anderen Haufen schnarrend und quakend gegen die Glaswände.
Erschrocken vom Krach und der Wucht des Ausbruchs machte ich einen Schritt zurück und schlug die Tür zu. Mein Herz hämmerte. Was um aller Welt war da eben los gewesen?
Zu meiner Erleichterung befand sich hinter der anderen Tür ein ganz gewöhnliches Bad. Ich wusch mir die Hände mit nach Honig duftender Seife und ging zurück ins Wohnzimmer.

Der Tisch war schon gedeckt. Mittendrauf stand eine große Schüssel. Es duftete verlockend.
Ich blieb im Türrahmen stehen. „Warum haben Sie Frösche in der Abstellkammer?“
„Keine Frösche. Kröten. Aga-Kröten, um genau zu sein“, antwortete die Moffat sachlich. „Setzen Sie sich.“
Sie füllte zwei Teller und schob mir einen hin.
„Aber warum?“
„Warum nicht? Andere Leute züchten Cannabis im Schlafzimmer.“ Sie zwinkerte mir zu. „Wissen Sie, was das an Strom frisst? Allein die Beleuchtung! Kröten sind viel genügsamer.“
Merkwürdiger Vergleich, dachte ich. „Aber Hasch ist ein Rauschmittel …“
„Kröten auch. Wussten Sie das nicht? Manche Menschen lecken sie deshalb ab.“ Die Moffat grinste. Verarschte sie mich?
„Sie lecken an Kröten?“
Wieder dieses Grinsen. „Ich doch nicht, Cherie. Aber essen Sie. Es wird kalt.“
Gehorsam tauchte ich die Gabel in die dunkle Kruste. Darunter kamen weiße Bohnen zum Vorschein, Karotten und etwas, das ich für Hähnchenfleisch hielt. Es schmeckte so gut, wie es roch. Kaum zu glauben, dass man so etwas nebenbei kochen konnte. Und woher hatte sie die Zutaten?
„Ein ganz simpler Eintopf. Alles eine Frage der Organisation“, sagte die Moffat leichthin und schob die Katze beiseite, die aus dem Nichts aufgetaucht war. „Möchten Sie etwas trinken?“
Ich kam nicht dazu, zu antworten, weil sich ein Knochenstück zwischen meinen Zähnen verfangen hatte. Als ich es endlich herausgepult hatte, stand schon ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit neben meinem Teller.
„Enchanté!“ Die Moffat prostete mir zu.
Ich legte das wirklich sehr kleine Knöchelchen auf den Tellerrand und hob mein Glas ebenfalls. „Auf Ihr Wohl – und vielen, vielen Dank!“
Das bernsteinfarbene Zeug war eine Art Likör. Er schmeckte würzig, ein bisschen süß und ein kleines bisschen bitter. Erstaunlicherweise passte es gut zu den Bohnen. „Sehr lecker. Was ist das?“
„Oh, den mache ich selber. Altes Familienrezept.“

Das Familienrezept machte ganz schön benommen. Beim zweiten Glas begann ich, wegzudösen.
„O la la! Das ging schnell.“ Die Stimme der Moffat schien aus weiter Ferne zu kommen, dabei war ihr Hexengesicht plötzlich ganz nahe. Etwas strich mir über die Wange. „Wehren Sie sich nicht, Cherie! Lehnen sie sich einfach zurück. Entspannen Sie.“
Mir fehlte die Kraft, mich zu wehren.
Das letzte, was ich sah, war die Moffat, wie sie sich eine Zigarette ansteckte.
Ich träumte von Sturm und Regen. Von Männern in Stiefeln und Ledermänteln, die sich wie Scherenschnitte vor brennenden Pferdewagen abhoben. Die Flammen wurden zu einem roten Tuch in schwarzen Haaren, darunter das Gesicht der Moffat. Sie hob den Arm. Blaue Ranken brachen hervor und wickelten sich um die Männer. Funken sprühten. Gelb, orange und himmelblau – und dann war es vorbei. Im Dunkel schnarrte eine Kröte. Andere fielen ein. Über allem rauschte der Regen.

Als ich erwachte, saß die Moffat rauchend auf dem Sofa. Meine Schlüssel lagen auf dem Couchtisch.
„Wie …?“, fragte ich. „Können Sie Schlösser knacken?“
Die Moffat grinste. „Ih wo, Chérie. Teleport ist doch viel einfacher, n’est-ce pas?“

Ich weiß bis heute weder, wie sie es gemacht hat, noch was genau an diesem Abend passiert ist. Es ist mir auch egal. Mir reicht das Wissen, dass ich Madame Mimi Moffat Dank schulde und sie auf keinen Fall verärgern werde.


Diese Geschichte ist ein Beitrag zur 7. Clue Writing Challenge (Winter 2018/19)
Clues: Frisur, Grinsen, Zigarette, Robe, gelb
Hat sie dir gefallen?

Die Frau im Wald

Statt Ostereiern, Traditionshasen oder Hefegebäck: eine Geschichte. Sie entstand als Beitrag zur 6. Clue Writing Challenge. Die Aufgabe lautete, einen Beitrag zu diesem Bild zu verfassen:

Die Frau im Wald - Clue Writing
Bildquelle: http://www.cluewriting.de/cwc6/

Die Frau im Wald

Ich bin ein rationaler Mensch. Ich glaube nicht an Homöopathie, Chemtrails und anderen esoterischen Unsinn. Nur bei Geistern – da bin ich mir nicht ganz sicher. Mein Verstand sagt: Geister kann es nicht geben. Andererseits ist da diese Geschichte …
Gut zwanzig Jahre ist das jetzt her. Ich machte damals Urlaub im Harz, in einem kleinen Ort, dessen Name alles andere als einladend klang. Dafür passte er zu dem Zustand, in dem ich mich befand, nachdem Katja sich von mir getrennt hatte, um mit einer anderen Frau zusammenzuziehen. Freunde hatten versucht, mich zu überreden, gemeinsam nach Malle zu fliegen. Sonne und Sangria würden mir den Liebeskummer schon austreiben. Aber ich wollte Ruhe, keine Menschen. Ich brauchte Abstand von Berlin, den Kommilitonen und vor allen Dingen von Katja.
Dafür schien mir der Ort ideal. Abgelegen. Nichts als Natur rundum. Genau richtig, um sich volllaufen zu lassen und anschließend langsam wieder in Tritt zu kommen.

Genau das tat ich dann auch. Die ersten zwei Tage blieb ich im Zimmer, sah nichts außer schlechten Fernsehshows, der Toilettenschüssel und den drei Flaschen Jonny Walker, die mir Gesellschaft leisteten. Am dritten schlich ich in Begleitung eines veritablen Katers nach draußen.
So schlimm, wie der Name suggerierte, war der Ort dann doch nicht. Viele der Häuser waren frisch renoviert. Die umgebenden Gärten quollen über vor schreiend bunten Blumen. Lediglich der Zustand der Straßen war durch den Ortsnamen gut beschrieben. Die trugen dafür so schön klingende Namen wie Straße-der-deutsch-sowjetischen-Freundschaft. Marketingleuten wären vermutlich Worte wie pittoresk und malerisch durch den Kopf gegangen. Vielleicht hätten sie den Ort sogar idyllisch genannt Mein Kopf dagegen brummte. Die Farben, die Sonne, das Vogelgezeter – selbst das Summen der Bienen in den Rosenbüschen vertrugen sich schlecht mit den Nachwirkungen des Gelages mit den drei Jonnys.

Als ich die Koppeln und Felder hinter mir gelassen hatte, die den Ort umgaben und den Wald betrat, wurde es besser. Der Wald bestand aus großen Bäumen, die respektvoll Abstand voneinander hielten. Gleichzeitig standen sie jedoch nahe genug, um mit ihren ausladenden Ästen alles Grelle aus dem Licht zu filtern – ein Umstand, für den ich ihnen ausgesprochen dankbar war.
Bald wurde es mir auf dem Weg zu langweilig. Wege sind für alte Leute. Links und rechts dagegen lockte das Abenteuer. Ich begegnete seltsam geformten Felsen, steckte den Kopf in eine Höhle, aus der es seltsam müffelte, hob Steine als Andenken auf und ließ sie wieder fallen. Als meine Beine müde wurden, machte ein Schläfchen auf einem großen Steinbrocken, der aus irgendwelchen Gründen mitten im Wald lag. Danach war ich so durstig, dass der Kater meinen Schädel als Hamsterrad benutzte. Von innen. Mit ausgefahrenen Krallen. Um ihn zu besänftigen, trank ich Wasser aus einem Bach, was vermutlich sehr dumm war, mir aber in keiner Weise schadete. Irgendwann verließ auch der letzte Jonny meine Adern und nahm den Kater mit.
Ich bekam Hunger.
Etwa zum gleichen Zeitpunkt stellte ich fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mich befand. Ich war so lange ziellos durch die Gegend mäandert, dass ich nicht einmal eine ungefähre Vorstellung der Richtung hatte, aus der ich gekommen war. Die Bäume sahen alle ziemlich gleich aus. Keine Chance, sich an ihnen zu orientieren. Ich hatte zwar mal gelesen, dass man die Himmelsrichtung an den Stämmen erkennen kann. Dort, wo Moos wächst, ist Norden. Aber entweder kannte das Moos diese Regel nicht, oder ich befand mich irgendwo in der Nähe des Südpols.
In der Ferne hämmerte ein Specht. Es schien mir das einsamste Geräusch auf Erden.
Immerhin war es ein Geräusch. Eins, an dem ich mich orientieren konnte. Und da ich sonst schon keine Orientierung hatte, lief ich in die Richtung, aus der es kam.

Wie lange ich gelaufen bin, weiß ich nicht. Die Sonne sank tiefer zwischen die Bäume – und dann, als sie sich schon fast auf Höhe meiner Augen befand, sah ich SIE.
Sie saß auf einem Baumstumpf, ein Bein über das andere geschlagen, und schrieb mit einem gelben Bleistift in ein Notizheft. Weiß der Teufel, warum mir dieser Stift so auffiel, denn es gab viel mehr an ihr zu beschreiben. Das lange, braune, zu einem lässigen Pferdeschwanz gebundene Haar zum Beispiel. Der große Mund. Die dunklen Wimpern. Vor allem aber diese Haltung. Der Ausdruck vollkommener Konzentration auf ihrem Gesicht, während sie den Stift über ihr Notizheft bewegte.
Ich hätte mich gerne geräuspert, sie gefragt, wo es zum Ort ging und ob sie vielleicht Lust hätte, später mit mir ein Bier trinken zu gehen – oder einen Kaffee oder eine Limonade oder was auch immer man in Käffern wie diesen trank, wenn es eine Kneipe oder ein Café oder etwas in der Art geben sollte. Aber ich traute mich nicht. Also ging ich weiter.
Nach einiger Zeit.
In einem kleinen Bogen.
Jedes Mal, wenn ich mich umwandte, sah ich sie dort sitzen, über ihr Buch gebeugt. Sie sah nicht einmal auf.

In der Abenddämmerung kehrte ich ins Dorf zurück, allerdings aus einer vollkommen anderen Richtung als der, in die ich es verlassen hatte. Ich fand mein Hotel, bekam ein hervorragendes Abendessen und legte mich schlafen.
Damit könnte die Geschichte zu Ende sein.
Sie wäre es vermutlich auch, wenn ich nicht mit dem Wunsch aufgewacht wäre, die Frau aus dem Wald wiederzusehen. Jetzt, am anderen Morgen, ärgerte ich mich über meine Feigheit. Schließlich konnte ich kaum zur Rezeption gehen und fragen: »Sagen Sie – ich habe da gestern im Wald eine Frau gesehen. Ungefähr mein Alter, schlank, braune Haare, Pferdeschwanz … Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wer sie sein könnte?«
Man würde mich zu Recht für verrückt halten.
Dann erinnerte ich mich an den Stift und plötzlich kam mir eine Idee zu einer List, mit der ich ihren Namen vielleicht doch herausfinden konnte. Damit sie funktionierte, musste ich allerdings nach Wernigerode. Hier im Dorf hätte sich der Schwindel sofort herumgesprochen.
Trotz meiner Ungeduld genoss ich den Ausflug. Wie ein echter Tourist ließ ich mich von der Harzquerbahn nach Wernigerode schuckeln. Dort angekommen, bewunderte ich die hübschen Häuser, ging in einige hübsche Geschäfte, kaufte hübsche Andenken, ein paar hübsche Ansichtskarten und einen Stift, setzte mich in eins der hübschen Cafés und schrieb Ansichtskarten an jeden, der mir einfiel; sogar an Katja. Genau genommen sogar vor allem an Katja, denn ganz besonders sie sollte wissen, dass ich mich hervorragend amüsierte.

Am Morgen des nächsten Tages ging ich wieder spazieren. Wieder im Wald, weil ich insgeheim hoffte, die Braunhaarige wiederzusehen. Auch, wenn die Chancen mehr als schlecht standen. Aber das machte nichts. Ich hatte ja meinen Plan.
Am Mittag war es endlich Zeit, ihn umzusetzen.
Mir war ein bisschen flau, als ich zur Rezeption ging und den Bleistift herausholte, den ich seit gestern in der Jackentasche trug. »Vorhin im Wald, da war eine Frau, die hat den hier verloren. Ich würde ihn gerne zurückgeben, aber sie war schon außer Rufweite.« Wie dümmlich sich das anhörte, wurde mir erst bewusst, als die Worte schon raus waren. Das war vermutlich die idiotischste Ausrede, auf die je jemand verfallen war.
Die Frau hinterm Tresen zuckte nur mit den Achseln. »Und was soll ich da tun? Ich glaub nu’ auch nicht, dass jemand zur Polizei geht, um den als verloren zu melden.«
»Ich dachte, sie könnten mir vielleicht helfen, wenn ich die Frau beschreibe«, sagte ich lahm. »Sie war ungefähr so alt wie ich. Schlank. Braune Haare. Pferdeschwanz.«
Das Gesicht der Frau blieb ausdruckslos.
»Graue Jacke«, versuchte ich es weiter. »Jeans. Chucks … also so Baseballschuhe, rot mit weißen Kappen und einem Stern an der Seite.«
Etwas zuckte im Gesicht der Frau. Ihre Augen verengten sich. Die Brauen zogen sich zusammen. Der Mund wurde erst zu einem blassen Strich, dann spuckte sie mir entgegen: »Findest du das etwa witzig? Was für ein Spiel versuchst du mit mir zu spielen?«
Erschrocken wich ich zurück und versicherte hastig, dass ich überhaupt keine Spiele spielen würde, sondern dass das mein voller Ernst sei. »Ich habe sie gesehen – allerdings schon vorgestern. Nur das mit dem Stift … Das habe ich erfunden. Ich brauchte doch einen Vorwand.«
»Vorgestern …« Die Frau sackte in sich zusammen und begann zu schluchzen. »Vorgestern. Das war ihr Todestag.«
Ich glaubte, nicht richtig zu hören.
Sie aber sah mich an, die Augen voller Tränen. »Auf den Schreck brauche ich einen Schluck. Und dann musst du mir alles erzählen!«

Sie nötigte mich in das, um diese Zeit leere Restaurant, griff zwei Longdrinkgläser und eine Flasche aus der Bar und schenkte uns beiden ein. Wodka. Sie trank ihr Glas in einem Zug aus und füllte es gleich wieder. Dann begann sie zu erzählen. Ich kam gar nicht zu Wort.
Sie erzählte von ihrer Tochter Sandy, die so schön zeichnen konnte. »Sie wollte Kunst studieren. In Berlin. Im Oktober wollte sie wegziehen. Bis dahin hat sie jede freie Minute und jeden Sonnenstrahl genutzt, um im Freien zu zeichnen.«
Bis sie eines Tages nicht zurückgekommen war. Zwei Tage hatte man nach ihr gesucht, bis man sie im Wald fand. Erwürgt. Ihr Notizblock und ihr Zeichenstift blieben verschwunden.
»Sie hatte genau die Sachen an, die Sie beschrieben habe. Die Schuhe waren ganz neu. Aber es war der Bleistift, der mir den Rest gegeben hat. Sandy hat immer diese gelben Bleistifte benutzt. Genau solche, wie den, den Sie ihn mitgebracht haben.«

Noch am gleichen Abend bin ich abgereist. Ich konnte den Blick nicht ertragen, die stummen Fragen, auf die ich auch keine Antwort hatte. Bis heute nicht.
Was ist passiert an jenem Nachmittag? Habe ich einen Geist gesehen? Bin ich in eine Paralleldimension gestolpert und habe die letzten schönen Minuten im Leben einer Frau gesehen? Hätte ich den Mörder gesehen, wenn ich gewartet hätte? Oder ist das Ganze nur ein großer Zufall? Es gibt so viele junge Frauen mit braunen Haaren. Chucks sind auch nicht gerade selten. Warum sollte nicht irgendeine Studentin, im Wald Ruhe gesucht haben, um zu schreiben, zu zeichnen oder was auch immer zu tun?
Wie gesagt: Ich bin ein durch und durch rationaler Mensch. Ich glaube weder an Homöopathie, noch an Chemtrails oder irgendeinen anderen esoterischen Blödsinn. Nur bei Geistern – da bin ich mir nicht ganz sicher.

Schöne Bescherung – Ich kann auch ganz anders

Schöne Bescherung habe ich 2016 als Gastautorin für Clue Writing verfasst..

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Dieter on Tour – Bildquelle: Open Cliparts via Pixabay

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.


Schöne Bescherung

Das Trappeln der Hufe verklang und das Bimmeln der Glöckchen beruhigte sich, als die Rentiere in die Luft aufstiegen. Erleichtert lehnte sich Dieter auf dem Bock zurück. Es hatte geklappt! Er sah nach unten, zu dem Häuschen, den Schuppen und der Manufaktur. Die Gebäude wirkten wie Spielzeug – unfassbar, wie schnell sie an Höhe gewonnen hatten! Neben dem Häuschen war püppchenklein eine menschliche Gestalt zu erahnen. Ein dicker Mann mit weißem Rauschebart, wie Dieter wusste.
„Tschau, Alter!“, brüllte er hinunter und winkte, obwohl er wusste, dass der arme Trottel ihn nicht hören und gegen den Nachthimmel wahrscheinlich auch nicht sehen konnte. „Tut mir leid wegen deinem Schlitten. Dafür hast du ja mein Auto.“ Er kicherte.
Es war so gottverdammt sagenhaft einfach gewesen. Er hatte kaum gesagt, er sei Journalist, da hatte der Idiot Tee und Zimtplätzchen angeboten und sich fast überschlagen, ihm alles zu erklären und zu zeigen. Sogar die Rentiere hatte er angeschirrt und den Sack aufgeladen, damit Dieter Fotos machen konnte.
„Lassen Sie sich Zeit“, hatte er gesagt, während er den Sack an der Sackhaltestange festband. „Wir haben noch gut eine halbe Stunde bis zum Abflug.“
Dann war er pinkeln gegangen.

Dieters Kichern steigerte sich zu einem fast hysterischem Lachanfall. Einen größeren Gefallen hätte ihm der Alte gar nicht tun können. Er hätte ihn ungern niedergeschlagen oder während einer „Proberunde“ vom Schlitten geschmissen. Deshalb hatte er sich auf den Bock geschwungen, kaum, dass der Dicke ums Eck war. Hatte die Zügel genommen, laut „Hüa!“ geschrien und jetzt flogen sie!
Dieter zog sein Handy aus der Tasche, um die Route zu checken. Kein Netz. Verdammt!
Zu allem Übel fing es auch noch an, zu schneien. Die Flocken klatschten ihm wie nasse Falter entgegen. Dieter zog die Kapuze des Anoraks tiefer. Vergebens, der Fahrtwind blies sie sofort wieder herunter. Also hielt er sie fest. Nun wurden seine Hände nass und kalt. Auch seine Beine fühlten sich schon ganz taub an. Allmählich begriff Dieter den Sinn des Mantels, der albernen Pudelmütze und der Stiefel. Wenigstens eine Decke musste es auf diesem verdammten Schlitten doch geben!
Er drehte sich zur Ladefläche um. Da war nur der Sack. Unter dem Bock vielleicht? Unsicher stand Dieter auf, drehte sich vorsichtig um und untersuchte den Sitz genauer. Die Sitzfläche ließ sich hochklappen. Darunter ertastete Dieter etwas Warmes, Flauschiges. Im Schein seines Handys sah er einen roten Mantel, eine Pudelmütze und dicke Stiefel.
„Auf keinen Fall!“, schoss es ihm durch den Kopf. Ich mach mich doch nicht zum Nikolaus! Außerdem war der Mantel viel zu weit. Andererseits wirkten die Klamotten verlockend warm, während seine eigenen … Darin würde er die Runde kaum überstehen. Das gab den Ausschlag. Dieter schnürte den Mantel mit dem Gürtel zusammen, der darunter gelegen hatte, schlüpfte in die riesigen Stiefel und stülpte die Mütze über. Ihn würde sowieso sehen.
Langsam taute er auf. Seine Muskeln lockerten sich. Nach einer Weile hatte er das Gefühl, Mantel und Stiefel viel besser auszufüllen. Er musste sogar den Gürtel weiter machen. Erst ein Loch, dann zwei – beim dritten erkannte er, dass es keine Einbildung war: Sein Bauch wuchs. Und nicht nur der! Das Kribbeln seiner Gesichtshaut, das er bisher der Kälte zugeschrieben hatte, kam von einem immer länger werdenden Bart. Fassungslos sah er zu, wie sich die lockigen, weißen Strähnen über Brust und Bauch ausbreiteten. Versuchsweise zog er daran. Der Schmerz war real. Der Bart gehörte wirklich ihm. „Oh Fuck!“, was ging hier vor?
„Nur die Ruhe!“, befahl er sich. „Du musst den Sack in Sicherheit bringen. Alles andere kann warten.“ Also erst mal checken, wo zum Teufel er eigentlich war. Er zog sein Handy raus. Dieses Mal fand er ein Netz. Viel zu weit im Osten.
Dieter zog an den Zügeln. Die Rentiere liefen weiter.
War es das, was der Alte mit „Die kennen den Weg“ gemeint hatte? Dass dieser verdammte Schlitten auf Autopilot flog? Scheiße nochmal, das durfte nicht sein! Dieter zerrte an den Zügeln, ließ die Peitsche knallen und brüllte, bis seine Lungen brannten. Die Rentiere galoppierten unbeirrt weiter.
Was sollte er erst tun, wenn sie landeten?

Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als sich der Schlitten nach vorne neigte. Dieter wurde flau im Magen. Da unten tauchten Lichter auf. Erst winzig wuchsen sie rasant, denn die verdammten Rentiere wurden kein bisschen langsamer. Die Umrisse eines Hauses rasten auf sie zu. Sie würden dagegen krachen, an der Fassade zerschellen … Dieter schrie in Todesangst und schlug die Hände vor das Gesicht.
Der erwartete Aufprall blieb aus. Das Bimmeln der Glöckchen verstummte. Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen.
„Und nun?“, fragte eine dumpfe Stimme in seinem Kopf. „Willste hier Wurzeln schlagen?“
Vorsichtig öffnete Dieter die Augen. Das hinterste Rentier hatte sich zu ihm umgedreht und funkelte ihn an.
Dieter hob die Peitsche. „Planänderung. Wir fliegen weiter!“
Das Rentier schnaubte, rührte sich aber nicht. Dafür hoben die anderen die Köpfe. Ihre Augen schienen rot zu glühen. Dampf schoss aus ihren Nüstern.
„Erst, wenn du deinen Job gemacht hast“, sagte die fremde Stimme. „Bis dahin kannst du mit deinem Stöckchen wedeln, so viel du willst.“
Dieter wurde heiß und kalt gleichzeitig. Das waren keine normalen Rentiere, so viel war sicher! Die Biester sahen aus, als würden sie ihn gleich fressen. Ein Tropfen Schweiß perlte seinen Rücken hinab.
„Mach hinne!“
„Ich beeil mich ja schon“, versprach Dieter in dem Bemühen, diese Satansviecher zu besänftigen. Mit zitternden Fingern löste er den Sack von der Sackhaltestange und griff hinein.
„Man findet immer, was man gerade braucht“, hatte der Weihnachtsmann auf die Frage geantwortet, wie er sicher sein konnte, die richtigen Geschenke auszuliefern. Tatsächlich: Obwohl der Sack prall gefüllt schien, lagen nur fünf Päckchen darin. Dieter kam eine Idee. Er zog drei heraus und fragte die Rentiere: „Und nun? Echt durch den Schornstein?“
„Absteigen“, sagte die Stimme.
„Und dann?“
„Mach schon.“
Scheißviecher! Dieter tastete vorsichtig mit einem Bein nach unten, bevor er umständlich ganz aus dem Schlitten krabbelte.

Kaum hatte sein zweites Bein das Dach berührt, fand er sich im Innern des Hauses wieder. In einer Ecke des Raums stand der Weihnachtsbaum, aus dessen Ästen finstere Engel und gläserne Vögel herabstarrten. Auf der Couch erwachte fauchend eine Katze.
„Pssst“, machte Dieter. „Bin gleich wieder weg.“ Und wirklich: Kaum hatte er die drei Päckchen unter dem Baum geschoben, stand er schon wieder auf dem Dach. Hastig kletterte er auf den Bock.
„Hüh, weiter geht’s!“
Doch die Rentiere scharrten nur mit den Hufen. Dampf schoss aus ihren Nüstern, die Augen sprühten rote Funken. Das hinterste wandte sich zu Dieter um. „Alles!“
Die Drecksbiester wussten auch noch, was in dem Sack war! Mit dem Gefühl tiefster Verzweiflung griff Dieter ein zweites Mal in den Sack, holte die übrigen Pakete heraus und kletterte erneut vom Schlitten. Dieses Mal schnurrte die Katze. Auch die Blicke der Engel und Glasvögel schienen freundlicher.
Dieter wollte gerade die beiden verbliebenen Päckchen unter den Baum legen, als ihn eine neue Idee durchzuckte, die ein breites Grinsen auf sein Gesicht zauberte. Der Plan, die Geschenke zu klauen, war zwar für die Tonne – aber in den Häusern gab es genug mitzunehmen. Den Silberleuchter auf dem Esstisch zum Beispiel und sicher fand sich noch mehr. Er musste nur darauf achten, ein Geschenk in der Hand zu behalten, bis er fertig war.
Leise kichernd ging er zur Wohnzimmertür.
Abgeschlossen. Na gut, dann eben nur der Leuchter. Es gab ja noch viele andere Häuser auf seiner Route!
Dieter griff sich den Leuchter und schob das letzte Päckchen unter den Baum.
Die Engel musterten ihn finster. Die Katze war verschwunden. Wieso stand er noch hier? Auf dem Dach stampften die Rentiere. Dieters Rücken prickelte. Was, wenn der Lärm den Hausbesitzer weckte? Oder schlimmer noch: Wenn die Viecher ohne ihn abhoben? Wie sollte er erklären, was er nachts in einem fremden Haus wollte? Wie seine Fingerabdrücke auf dem Leuchter? Sorgfältig rieb er ihn mit dem Mantel blank und stellte ihn an seinen Platz zurück.

Im nächsten Moment stand er wieder auf dem Dach. Das Bimmeln der Glöckchen klang wie leises Gelächter. Dieter war zum Heulen. Den Rest des Flugs starrte er vor sich hin, bis es Zeit war, wieder in den Sack zu greifen. Er versuchte noch dreimal, etwas einzustecken. Danach standen zwei fest Dinge fest: Er konnte keine Türen öffnen und nichts mit hinaus nehmen.
Die ganze Chose war ein fürchterlicher Reinfall. Sehnsüchtig wartete er auf die Rückkehr zum Nordpol. Dort würde er zum Auto sprinten, Vollgas geben und sich irgendwo in einem Motel besaufen, um den ganzen Scheiß zu vergessen.

Nur war da kein Auto, als sie schließlich landeten. Die Weihnachtswichtel zuckten mit den Schultern, als er danach fragte. Sein Auto wollte keiner gesehen haben.
„Essen Sie erstmal ’nen Happen“, empfahl schließlich einer. „Sie sehen völlig fertig aus, Chef.“
Chef? Dieter hätte das Kerlchen am liebsten erwürgt. Hunger hatte er allerdings, daran war nicht zu rütteln. Und wenn ihm hier keiner böse war, ließ ihn der Weihnachtsmann am Ende sogar bei sich übernachten. Zuzutrauen war es dem freundlichen alten Trottel.
Die Tür war offen. In der Wohnstube brannte Licht und in der Luft hing der Geruch nach Zimtplätzchen. Der Plätzchenteller stand noch auf dem Esstisch. Daneben das Advendsgesteck. An einer der roten Kugeln lehnte ein Briefumschlag. Nur vom Weihnachtsmann war nichts zu sehen.
„Hallo?“, rief Dieter leise.
Keine Antwort.
Er nahm den Umschlag. Darauf stand in schwungvollen Lettern „An meinen Nachfolger“.
Das war nicht wahr, oder? Mit zitternden Fingern zog Dieter den Brief heraus. Mit jedem Wort, das er las, wuchs das Gefühl, in einem Alptraum zu stecken. Schließlich wurde der Druck zu groß. Mit einem Wutschrei fegte er Adventsgesteck und Teller vom Tisch. Als sie an der gegenüber liegenden Wand zerschellten, regnete es Tannennadeln, Kekskrümel und Christbaumkugelscherben.
„So kommen wir an unseren Job“, lauteten die letzten Zeilen. „Es ist nicht schlecht, aber man muss lange auf einen Nachfolger warten. Ich bin urlaubsreif und hätte es zur Abwechslung gerne richtig warm. Tut mir leid wegen deinem Auto. Du hast dafür ja meinen Schlitten.“


Wie Ihnen/dir diese Geschichte gefallen? Würden Sie/würdest du gerne mehr in dieser Art lesen?

Gaststory: „Der Hunter und der goldene Tod“ von Michael Behr

Passend zu Halloween gibt es heute Gruselfutter. Vielleicht erinnerst du dich noch, dass ich vor einiger Zeit auf dem Blog „Mein Traum vom eigenen Buch“ eine Geschichte von Michael Behr gewonnen habe. Genau gesagt, eine noch zu schreibende Geschichte. Nach meinen Vorgaben.

Ich hatte mir damals unter dem bevorstehenden Halloweentermin eine Geschichte gewünscht, in der irgendwie ein „goldener Tod“ vorkommt und die mit dem Satz „Gehen wir zu dir oder zu mir“ endet.
Michael hat es nicht nur geschafft, bis Halloween zu „liefern“. Er hat die Vorgaben, wie ich finde, wunderbar umgesetzt. Und ich muss sagen: Auf diese Auflösung wäre ich im Leben nicht gekommen.

Aber genug gequatscht. Ich hoffe, du hast beim Lesen genauso viel Spaß, wie ich.

Der Hunter und der goldene Tod

»So gehe und erledige deine Aufgabe!«
Die Stimme des Meisters wurde durch das metallene Knarren der sich öffnenden Tür verschluckt. In gewaltigen Angeln bewegte sich der Stahlkoloss, schwang auf und gab den Blick auf eine Welt frei, die der Hunter dereinst gekannt hatte wie seine Westentasche. Aber nun, hier und jetzt, war nichts mehr so, wie es einmal gewesen war. Viel hatte sich geändert, nicht nur räumlich, sondern auch strukturell. Und deswegen würde er, der Jäger, sich erst einmal orientieren müssen.
Bevor er die Spur der Beute aufnahm.
Dabei wusste der Hunter, als er unter dem Tor hindurchtrat, dass es kein leichter Kampf werden würde. Sein Gegner war ihm namentlich nicht bekannt, aber nach allem, was die Einwohner dieses Bezirks gemeldet hatten, handelte es sich um einen ebenso einfallsreichen wie auch intelligenten Streiter, der über einige der im Normalfall höchst effizienten Verteidigungsanlagen hinweggerauscht war, als seien sie gar nicht existent.
Der Hunter schlug seine Kapuze vor, sodass seine Gesichtszüge in der Dunkelheit verschwanden. Es war wichtig, dass er sich nicht sofort zu erkennen gab. Der Gegner konnte seine Spione in Stellung gebracht haben. Und es gab nicht viele Eingangstore in den Bezirk.
Andere Gestalten lungerten in der Nähe des Eingangs herum, an den sich eine lange Straße anschloss, die in alle Himmelsrichtungen verzweigte. Von hier aus konnte man jeden Ort des Bezirks erreichen und der Hunter war sich der Tragweite seiner Aufgabe völlig bewusst.
Wenn er nicht erfolgreich war, dann würde all das hier im Chaos versinken.
Auch wenn er sich größte Mühe gab, nicht aufzufallen, so wurde er doch von einigen der Gestalten bemerkt. Es waren alte, klapprige Gesellen, die schon so manchen durch diese Tore hatten kommen und gehen sehen. Und sie wussten nur zu gut, dass der Austausch mit der Welt außerhalb der Mauern im Verteidigungsfall durch den Meister eingeschränkt wurde. Bis der Normalzustand wieder hergestellt worden war.
Der Hunter hörte das Tuscheln und trat wahllos zu einer der Gruppen hin. Verhärmte Gesichter erhoben sich, trauten sich dann aber doch nicht, ihm in die Augen zu schauen.
»Ich suche einen Eindringling!«, sagte der Hunter und seine Stimme war wie Donnerhall über einer weiten Ebene. »Gerüchte sagen, dass er hier vorbeigekommen sein soll!«
Eine der Gestalten, ein haar- und zahnloser Alter, schüttelte den Kopf. »Wir wissen nichts von einem Eindringling.«
Der Hunter gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. »Der Meister hat gesagt, dass er hier gewesen ist! Du willst sicher nicht den Worten des Meisters misstrauen!«
»Nein, nein!«, beeilte sich der Alte zu sagen und machte eine ehrerbietige Bewegung in Richtung des schwarzverhangenen Himmels, an dem in unregelmäßiger Folge Lichtreflexe tanzten. »Ehre sei dem Meister!«
»Der Meister benötigt nicht deine Ehre«, erwiderte der Hunter angewidert. »Leihe mir deine Augen und Ohren.«
Mit einer schnellen Bewegung, die keiner aus dem kümmerlichen Haufen hatte kommen sehen, packte der Hunter den Alten an der Schulter. Es gab einen kleinen Blitz wie einen elektrischen Schlag und die mentale Verbindung zwischen den beiden war hergestellt.
Der Hunter schloss die Augen, wie immer überwältigt von den fremdartigen Eindrücken, die er binnen eines Sekundenbruchteils in sich aufnahm und die er zunächst für sich ordnen musste, um das, was er wissen wollte, von dem zu trennen, was für seine Aufgabe unwichtig war.
Er sah durch die Augen des Alten, allerdings waren es Dinge, die in der Vergangenheit geschehen waren. Seine besondere Begabung ermöglichte es dem Hunter, etwas wie eine Uhr an einer Seite der Erinnerung aufblinken zu lassen.
Das Eingangstor in den Bezirk öffnete und schloss sich in unregelmäßigen Abständen, wenn Bewohner des Bezirks kamen und gingen. Es kamen deutlich mehr, als dass sie gingen. Der Bezirk wuchs immer noch, soweit der Hunter es wusste. Und er wusste in solchen Dingen für gewöhnlich gut Bescheid.
Ungeduld kannte der Hunter nicht. Er wusste, dass er sich die Zeit geben musste, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Oder er würde irgendwann sich selber durch das Tor kommen sehen und wüsste dann, dass der Gegner nicht hier vorbeigekommen war. In diesem Fall würde er zu einem anderen Zugangspunkt aufbrechen und dort seine Suche neu beginnen müssen.
Doch da – was war das gewesen? Für den Hauch eines Augenblicks schien sich das Tor zu öffnen, nur um im nächsten Moment schon wieder geschlossen zu sein. Hatte es sich wirklich geöffnet?
Der Hunter griff mental in den Geist seines Verbundenen ein und drehte die Geschehnisse noch einmal ein wenig zurück. Doch, kein Zweifel, da war eine Bewegung beim Tor. Ein kurzes Flimmern der Luft, so etwas wie ein Windstoß. Zu kurz, um ohne die Kraft, die er besaß, zum Vorschein gebracht zu werden.
Der Hunter hatte gesehen, was er sehen musste. Der alte Mann hatte die Wahrheit gesprochen und dennoch stimmten die Informationen, die der Meister ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Hier war jemand in den Bezirk eingebrochen, hatte sich jedoch vor allen Augen verborgen gehalten.
Eine unwirkliche, geisterhafte Erscheinung, dachte der Hunter. Wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, hätte er vielleicht Angst empfunden. Aber dieses Verhaltensmuster war ihm nicht gegeben worden. Seine Aufgabe war die Jagd! Angst konnten andere, Schwächere als er haben.
Er ließ den alten Mann los, der ihn jetzt, endlich, unverwandt anschaute. Verwirrung war in seinem Blick. »Es ist lange her, dass jemand mich auf diese Weise berührt hat! Diese Verbindung …«
»Es war nötig«, sagte der Hunter emotionslos. Er wusste, dass er eine tiefe Regung hinterließ, wenn er sich auf diese Weise mit einem anderen verband. Das Innere wurde nach Außen hin sichtbar. Es war fast wie eine Liebesbezeugung und gleichsam ein Akt der voyeuristischen Grausamkeit.
»Ehre sei dem Meister!«, sagte der Alte wieder und diesmal fielen die abgerissenen Gesellen um ihn herum in die Lobpreisung ein.
Der Hunter beachtete sie gar nicht, sondern wandte sich den von hier aus in alle Richtungen führenden Straßenverästelungen zu, auf denen ein endloser Verkehr herrschte. Auf einer dieser Routen war der Eindringling, das flimmernde Etwas, davongeeilt. Alle eilten sie auf diesen Straßen.
Aus Erfahrung wusste der Hunter, dass er nur beobachten musste. Wenn es sich bei dem Fremden um das handelte, was der Meister vermutete, dann würde es Spuren seines Handelns geben. Es würde Zeichen seines Terrors hinterlassen und in die Welt hinausschicken, wie die Auswüchse eines alles vernichtenden Unkrauts.
Der Hunter strich den rechten Ärmel seines Gewands zurück und entblößte seine Stahlhand. Mit den Fingern der Linken bediente er zwei der angebrachten Kontrollen und machte sich die Kraft seiner Weitsicht zunutze.
Und dann sah er sie: Auf einer der endlosen, sich immer wieder miteinander vermischenden Straßen, waren sie unterwegs. In einer langen Reihe von gleichsam geordneten und sich doch immer neu verformenden und zerfasernden Formationen kamen sie heran. Geschöpfe, wie er sie bis jetzt nur in seinen schlimmsten Albträumen gesehen hatte. Sie schienen direkt aus den apokalyptischen Gedanken der Menschen zu stammen und hatten doch nichts Menschliches an sich.
Der Hunter sah Große, Kleine, Männer und Frauen. Viele Kinder. Er sah, wie sie inzestuös übereinander und dann, mit wachsender Kraft, auch auf die neben ihnen laufenden, vielleicht vor ihnen fliehenden Reisenden übergriffen.
Es war ein Massaker, das da vor seinen Augen ablief. Und doch war er dazu verdammt, all dies stoisch zu betrachten. Ihn interessierte diese Phantasmagorie nur aus dem einen Grund: Anhand ihres Zugs konnte er vielleicht erkennen, in welcher Richtung er den Verursacher zu suchen hatte. Den Dämon, der dieses Elend über den Bezirk gebracht hatte.
Der Hunter schaltete die Weitsicht aus und machte sich auf den Weg. Seine Kraft und Geschwindigkeit überstieg die der normalen Reisenden bei Weitem. Daher kam er schnell voran. Jedenfalls, bis er in die Nähe der Verformten und Degenerierten gelangte.
Inzwischen hatten auch die begriffsstutzigsten unter den Reisenden mitbekommen, was ihnen da im Nacken saß. Die, die konnten, suchten ihr Heil in der Flucht. Aber die Monster waren zu schnell, sandten ihre Tentakelarme aus, schlangen eitrige Zungen um zuckende Opferleiber und schändeten mit schwelenden Gemächten wahllos alles, das ihnen in die Quere kam.
Und mit jedem Leben das genommen, mit jedem Dasein, das vergiftet wurde, wuchs die Zahl der marodierenden und meuchelnden Schar an. Wie eine Flutwelle ergossen sie sich auf die anderen Straßen und verschwanden in einer zunehmenden Stille in der Ferne. Wer von ihrem Wahnsinn verschlungen wurde, schrie nicht mehr, flehte nicht mehr.
Der Hunter stand inzwischen all dieses Leids und wusste, dass er sich nicht damit aufhalten durfte, diese Armen und Geschändeten von ihrem Dasein zu erlösen. Wenn er dies täte, dann würde ihm der Verursacher durch die Lappen gehen. Und um diesen zu fangen und zu vernichten war er hier. Geist hin oder her.
Auch wenn er zugeben musste, dass er so einen wahnsinnigen Zug lebender Leichen noch niemals zuvor gesehen hatte. Was konnte mächtig genug sein, um so etwas hervorzubringen?
Nun, er würde es herausfinden.
Ihm selbst konnte der Moloch nichts anhaben. Er war geschützt gegen diese niederen unter den niedrigsten Schädlingen des Verfalls. Mühelos hätte er jeden Einzelnen von ihnen vernichten können, selbst im Vorbeiziehen. Wenn der Zeitverlust nicht gewesen wäre.
Der Hunter ging weiter, stemmte sich gegen die endlose Welle der heranrückenden Leiber. Dort, wo er von den Halbwesen berührt wurde, fielen ihnen die Gliedmaßen ab. Sein Schutzschild, das ihn unsichtbar umgab, schnitt durch ihre Reihen wie ein warmes Messer durch Butter. Und doch wich niemand ihm aus, ja, achtete überhaupt auf ihn.
Diese Wesen taten, was sie tun mussten, wozu man sich auserkoren hatte. Und er tat das Seinige. Beide Ziele konnten nicht gleichzeitig existieren.
Dem Hunter war übertriebene Anteilnahme fremd. In seinem Beruf durfte er keine haben, denn er wurde immer mit dem Abschaum konfrontiert, mit dem Abnormen, dem Infizierten.
Denn ja, infiziert waren diese Leute. Von einem Bazillus befallen, der aus ihnen das geformt hatte, was sie nun waren. Nichts mehr als Karikaturen ihrer selbst.
Aber der Hunter konnte Ekel fühlen. Er ekelte sich, wenn er in die weit aufgerissenen Körperöffnungen der ihm entgegenwankenden Frauen schaute. In die seelenlosen Augen der Kinder, die sich teilweise rollend fortbewegten, wie sie aus ihren Stubenwagen gerissen worden waren. Am wenigsten dauerte ihn der Anblick der Männer, hatten diese doch etwas grobschlächtiges an sich, das einen fast glauben ließ, dass sie verdienten, was ihnen widerfuhr.
Der Hunter schritt kräftig aus und beobachtete dabei genau den Himmel und den Horizont. Es wurde auf seinem Weg immer dunkler und düsterer. Er kannte dies schon: Dort, wo der Einfluss einer schädlichen Macht am größten war, verödete die Landschaft und vergingen die Elemente. Doch niemals zuvor hatte er eine solche Finsternis gesehen. Die Blitze und Lichtimpulse, die in ihr gärten, hatten die Farbe von Schwefel.
Der Hunter befand, dass es an der Zeit war, dem Meister einen Zwischenbericht abzugeben über das, was er hier sah. Er blieb stehen, wo er war, blendete die ihn umgebenden Schrecken vollkommen aus seinem Bewusstsein aus, versank in einer Art tiefer Trance und sprach dann.
»Statusmeldung des Hunters aus Bezirk D. Ich habe eine großflächige Infektion festgestellt. Verursacher noch unbekannt. Habe die Spur aufgenommen. Es sieht schlimm aus.«
»Was bedeutet schlimm?« Die Stimme des Meisters füllte seinen vollständigen Verstand aus. Nichts existierte in diesem Moment. Nicht die Monstren, nicht die Straße, nicht die Bedrohung am Horizont.
»Mehrere Sektoren sind kontaminiert. Ich befürchte, es wird eine Säuberungsaktion mit vielen Verlusten notwendig werden.«
»Gibt es eine Möglichkeit der Wiederherstellung der kontaminierten Bereiche?«
»Das kann ich noch nicht sagen, Meister.«
»Gut. Setze deinen Weg fort, Hunter. Suche den Verursacher und bringe ihn zur Strecke. Ich erwarte danach deinen umfassenden Schadensbericht und die Optionen, die verbleiben.«
»Ja, Meister!«
Die Verbindung zwischen dem Herrn und seinem Diener riss ab und der Hunter fand sich wieder in der Realität. Was er sah, gefiel ihm dabei gar nicht. Während seines kurzen Austauschs, der vielleicht eine Minute lang gedauert hatte, war der Strom der Deformierten kleiner und dünner geworden. Zwar kamen sie noch, aber die Hauptmasse war versiegt – weitergezogen in andere Bereiche des Bezirks.
Das bedeutete, dass der Verursacher, jenes geisterhafte Wesen, sein Zerstörungswerk an Ort und Stelle so gut wie verrichtet hatte und danach wie ein Heuschreckenschwarm weiterziehen würde. Dabei war nicht gesagt, dass er sich genau von dem Punkt aus weiterbewegen würde, an dem er jetzt stand. Vielen Eindringlingen war es möglich, sich Expressrouten zunutze zu machen, die dafür sorgten, dass sie binnen Augenblicken an ganz anderer Stelle auftauchten.
Dann würde der Hunter wieder auf die Suche gehen müssen. Und in der Zwischenzeit breitete sich die Seuche aus und forderte immer mehr Opfer.
Der Hunter begann zu rennen. Es war ein seltsames Gefühl, weil er ansonsten so gut wie nie rannte. Er war es nicht gewohnt, sich so beeilen zu müssen. Aber dies war auch kein gewöhnlicher Auftrag. Er hatte Besorgnis in der Stimme des Meisters gehört. Und spätestens seitdem, eigentlich aber schon früher, war er selber besorgt.
Es wurde immer dunkler und dunkler. Der Hunter schaltete eine Stablampe ein, die ihm den Weg leuchtete. Immer noch kamen ihm vereinzelte Gestalten entgegen. Aber sie unterschieden sich von der Masse derer, die ihnen vorausgegangen waren. Sie waren langsam, kaum noch als Menschen erkennbar. Der Gegner hatte sich die Schwächsten offenbar bis zum Schluss aufbewahrt.
Ein Blitz durchzuckte den Himmel und es gab einen gewaltigen Donnerschlag. Der Hunter war sich sicher, dass es sich dabei um den Laut handelte, mit dem der Andere auf eine der Transitstrecken gewechselt war, aber dann sah er etwas, das er im ersten Augenblick beinahe übersehen hätte, weil es soviel unscheinbarer war, als er es sich ausgemalt hatte.
Vor ihm flimmerte die Luft in einer seltsamen Farbe. Das Flimmern bestand tatsächlich aus einer Reihe goldener Sterne, wie man sie vielleicht als Feenstaub erwartet hätte. Doch hier lag die Sache anders, wusste der Hunter. Diese Fee war eine Hexe und ihr Zaubertrank war Gift!
Wenn er sich nicht ganz gewaltig täuschte, dann hatte er sein Ziel gefunden.
Was ihn nur verwirrte, war, dass die flirrende Erscheinung keinerlei Anstalten machte, sich zu bewegen. Er hätte mit Verteidigungsmaßnahmen gerechnet. Mit einem Angriff. Tatsächlich aber schien er ignoriert zu werden.
Er glich diese Entität noch einmal mit dem ab, was er in seinem Gedächtnis aus der Wahrnehmung des Alten beim Tor gespeichert hatte. Es war der gleiche unfassbare Organismus. Aber er war größer geworden – gewachsen an seinen Aufgaben. Und dennoch unscheinbar im Vergleich zum Ausmaß der durch ihn angerichteten Zerstörung.
Der Hunter schlug seinen Mantel seitlich zurück und brachte seine Strahlenwaffe zum Vorschein. Sie funktionierte auf der Basis eines bestimmten binären Codes und bahnte sich damit ihren Weg in die Eingeweide jedes Lebewesens. Wenn das hier überhaupt ein legitimes Lebewesen war.
Kurz überlegte er, ob er es anrufen sollte, aber dann entschloss er sich, dass es keinen Unterschied machte. Sprach der Jäger mit dem Wolf, den er erlegte?
Der Hunter riss die Waffe hervor, presste den Auslöser und sah, wie der alles vernichtende Strahl die Mündung verließ. Sah, wie der Strahl auf das Wesen zuschoss. Musste sehen, wie er immer langsamer wurde, schließlich sogar direkt vor dem Flimmern zum Stehen kam und dann – der Hunter traute seinen Augen nicht – einfach zu Boden fiel!
Was, um des Meisters Willen, war denn das gewesen?
So etwas gab es einfach nicht, konnte es nicht geben. Der Hunter blickte auf unzählige Erfahrungen zurück, die er und andere seiner Art gemacht hatten. Die waren ihm unverrücklich in seinen Kopf programmiert worden. Aber noch nie hatte jemand so etwas wie dieses Ding gesehen.
Das Flimmern pulsierte immer noch an Ort und Stelle, begann nun aber, sich zu verdichten. Aus den goldenen Sternen wuchs ein einzelner Stern heran, klein wie ein Fußball und doch strahlend hell wie die Sonne. Kein freundliches Gestirn, das der Welt Leben schenkt, sondern ein alles verzehrendes Feuer. Geschaffen, um Welten zu vernichten.
Der Hunter schoss noch einmal, aber dieses Mal war es noch schlimmer als zuvor. Der Strahl wurde nicht nur langsamer, er wurde sogar auf den Ursprung seiner Entstehung zurückgelenkt. Nur seinen schnellen Reaktionen hatte er es zu verdanken, dass der Hunter nur seine zu Boden geschleuderte Waffe verlor und nicht gleichzeitig die Hand, welche sie gehalten hatte.
Ein gutturales, grauenvolles, durch Mark und Bein gehendes Lachen erfüllte plötzlich die Luft und die gesamte Umwelt. Es brachte den Boden zum Vibrieren, riss die Wolken auf und verjagte die letzten unförmigen Kreaturen, die sich noch in der Nähe ihres Erzeugers aufgehalten hatten.
Der Hunter hielt sich mit Mühe auf den Beinen. Er war stark, verdammt! Und was immer diese Ausgeburt der Hölle auch war, es musste eine schwache Stelle haben.
»Wer bist du!«, rief der Hunter. Vielleicht gab der Name des Monsters ihm einen Hinweis auf die geeignete Strategie.
»Ich bin«, dröhnte die Stimme, als sei sie jene Gottes auf dem Berg Sinai, »der goldene Tod!«
Blitzschnell durchsuchte der Hunter alles, was ihm an Wissen zur Verfügung stand. Aber er wurde nicht fündig. Ein Gegner dieses oder eines ähnlichen Namens war ihm nicht bekannt.
»Mache dir keine Mühe, Wurm! Ich bin stärker als du. Stärker als dein Meister! Weil mein Meister mich so erschaffen hat!«
Der Hunter stutzte. Gab es denn mehr als einen Meister? Bislang war er davon ausgegangen, dass sein Meister, der Meister aller Bewohner der Bezirke, die einzige göttliche Kraft des Universums war. Und dass die Wesen, mit denen er es zu tun bekam, Krankheiten waren, die aus sich erstanden. Krankheiten, für die niemand etwas konnte und die man heilen musste. Für die er die Heilung war.
»Ganz recht!« Wieder das Lachen und dieses Mal wäre der Hunter fast zur Seite gekippt. »Mein Meister hat mich stärker erschaffen als dich und deinesgleichen! Dieser Bezirk ist nur der Anfang. Bald schon werde ich mich ausbreiten, meine Diener sind bereits dabei, die Botschaft in die Welt zu tragen. Und dann wird der goldene Tod über alle Lande herrschen.«
Die Sonne schwebte ein wenig näher an den Hunter heran, der von Schrecken gepackt, kaum des Atmens fähig, stehen blieb. »Dies wird die Keimzelle sein. Der Ursprung einer neuen Ära, einer neuen Zeit. Alles wird sich mir unterordnen. Mir und meinem Meister. Die Zukunft beginnt jetzt und hier!«
Aber noch war der Hunter nicht tot, egal, was dieses Wesen auch immer geplant haben mochte.
Er besann sich auf seine eigene Schnelligkeit und die daraus resultierenden Möglichkeiten. Als die Sonne beinahe bei ihm war, ließ er sich zu Boden fallen, rollte sich zur Seite und brachte so erst einmal wieder einen gewissen Abstand zwischen sich und den Angreifer.
Wenn er gehofft hatte, dass das Eindruck auf den goldenen Tod machen würde, dann hatte er sich allerdings getäuscht. Die Kugel schwebte gemütlich in der eingeschlagenen Richtung weiter, als habe sie überhaupt nicht im Sinn, den Hunter wirklich zu töten.
Die Erkenntnis kam mit der Wucht einer Explosion: Der goldene Tod hatte wirklich nicht vor, ihm, dem Hunter, etwas anzutun! Für ihn war er nur einer von vielen, einer der sich vielleicht ein wenig besser zu wehren wusste, als die große Masse es tat. Aber dies änderte nichts daran, dass es aus der Weltsicht seines Gegners heraus keine Rolle spielte, ob der Hunter lebte oder ob er starb. Er war schlicht unwichtig!
Der Hunter begann, beinahe hektisch, sein Waffenarsenal zu durchsuchen. Er hatte noch sein Elektronenmesser, das ihm gegen die Lindwürmer, die er manches Mal zu jagen hatte, gute Dienste tat. Aber der goldene Tod schien keinen festen Körper zu haben, den man hätte durchschneiden können.
Auch die Wirkung einer der mitgeführten logischen Bomben, die dazu geeignet waren, das Gehirn eines Schädlings zum Implodieren zu bringen, war nicht sehr erfolgversprechend. Der goldene Tod hatte ein gewaltiges Ego, aber hatte er auch ein Gehirn?
Der goldene Tod war dabei, von der Szene zu verschwinden. Er war schneller geworden und begann, sich wieder in seine einzelnen Teile aufzulösen. Der Hunter interessierte ihn augenscheinlich überhaupt nicht mehr. Wenn er es denn jemals getan hatte.
Verzweifelt starrte er dem Monstrum hinterher. Sollte dies der erste Kampf sein, den er verlor? Was würde der Meister dazu sagen? Wie sollte er das jemals vor ihm oder sich selbst rechtfertigen?
Aus den Fragen erwuchs die Angst. Aus der Angst erwuchs die Panik. Und aus der Panik erwuchs die Verzweiflung. Der Hunter wusste, dass es eine absolute Verzweiflungstat war. Etwas, das er und andere seiner Profession bereits vor Jahren aufgegeben hatten.
Er würde den goldenen Tod in einem persönlichen, körperlichen Streich angreifen. Er würde sich mit Händen und Füßen, Zähnen und Klauen auf ihn stürzen und nicht eher Ruhe geben, bis er diesen leuchtenden Leib zerfetzt, die dröhnende Stimme zum verstummen gebracht und die gewaltige Blasphemie seiner puren Existenz beendet hatte.
Der Hunter sammelte sich und seine Kräfte. Er war stark! Stärker als dieses Geschöpf. Er war der Stärkste seiner Zunft – deswegen hatte der Meister ihn ausgewählt. Es war an der Zeit, es zu beweisen.
»Bleib stehen!«
Die Erscheinung reagierte in keiner Weise.
»Du sollst stehen bleiben!«
Langsam setzte sich der Hunter in Bewegung, vorsichtig abwartend. Solange die Sterne noch zu nahe beieinander waren, so lange gab es die gewaltige Hitze der Sonne. Wenn sie weiter auseinanderdrifteten …
Jetzt – jetzt war es soweit! Die einzelnen Segmente lösten sich und machten sich bereit – der Hunter traute seinen Augen nicht und konnte auch das Stöhnen nicht verhindern, das von seinen Lippen kam – jedes für sich in eine andere Richtung davonzueilen.
Der goldene Tod teilte sich vor seinen Augen auf. Auf diese Weise würde nicht nur dieser Bezirk, sondern der gesamte Kosmos binnen kürzester Zeit in eine von Aussätzigen bevölkerte Diaspora verwandelt werden.
Ohne noch lange nachzudenken, getrieben von blinder Wut und glühender Angst machte der Hunter einen Sprung auf das Flimmern zu, packte mit beiden Händen hinein und bekam tatsächlich zwei der Sterne zu fassen.
Kälte.
Eiseskälte fuhr durch seine Hände, die Arme hinauf und mitten hinein in seine Brust. Er versuchte loszulassen, aber er klebte fest. Die Kälte lähmte ihn und brachte seine Finger zum Krampfen.
Jetzt hatte er mit einem Mal die ungeteilte Aufmerksamkeit des goldenen Tods.
»Warum hast du das getan? Ich hätte dich weiterleben lassen. Als Schandmal deiner Selbst und deiner Zunft! Wo immer du hingekommen wärst, wärst du mit Steinwürfen und Pöbeleien empfangen worden in einer Welt, die ich mir nach meinem Ideal umgestaltet habe. Aber du wärst am Leben geblieben.«
»Was soll das für ein Leben sein, in dem ich meinen Meister enttäuscht und die Welt, für die ich kämpfte, verloren habe!«
»Gesprochen wie ein wahrer Held.«
Die Kälte erreichte seine Eingeweide und der Hunter spürte, wie sich Molekül für Molekül das Eis in ihm ausbreitete. Wenn es sein Herz erreichte, dann würde er wahrscheinlich sterben.
Aber vorher erlebte er etwas anderes. Da war ein Tasten in seinem Verstand, in seinen Erinnerungen. Beinahe zärtlich fühlte es sich an im Vergleich zu dem rohen Griff, in dem sein Körper gehalten wurde.
Wie Finger auf einer Klaviatur wurden die Nervenenden berührt und zärtlich wie die Berührung einer Feder glitt die Berührung die Nervenbahnen entlang.
Dann war es vorbei. Und was immer der goldene Tod auch gesucht hatte, er schien fündig geworden zu sein.
»Du bist anders«, sagte er.
»Ich bin der Hunter!«
»Das auch, aber ich spüre, dass du das Vertrauen des Wesens besitzt, das du deinen Meister nennst. Er setzt dich nicht nur in diesen Bezirken ein, sondern auch in anderen Universen.«
Der Hunter wollte darauf nicht antworten. Aber das brauchte er schon gar nicht mehr.
»Ich glaube, du könntest mir noch nützen, mein kleiner Freund.«
In einem Wirbelsturm fühlte sich der Hunter mit einem Mal hochgehoben. Der schwarze Himmel schien ihm auf den Kopf zu fallen, dabei war er es, der ihm entgegeneilte. Immer noch hielt er die beiden Sterne fest oder wurde vielmehr von ihnen gehalten. An ihnen baumelnd hakte er sich auf eine der Schnellrouten ein und wurde von der Kraft der puren Energie davon gerissen.
Das Gros des goldenen Tods blieb am Ort ihrer Auseinandersetzung, aber die Kraft des Teils, der bei ihm geblieben war, war nicht geringer geworden. Der Hunter musste sich der Realität stellen: Er war ausgeschaltet.
Mit einem müden und resignierten Blick nach unten sah er, dass immer mehr der Verbindungen von hier nach dort und überall hin zu Leichenzügen geworden waren. An manchen Stellen hatten die Verwandelten begonnen, übereinander herzufallen und sich gegenseitig umzubringen. Am Ende würde nur noch der Tod übrig bleiben. In diesem Bezirk, in allen Bezirken. Im gesamten Kosmos.
Der Hunter erkannte schnell, wohin die Reise ging. Sie führte ihn zurück zu dem Tor, durch das er eingetreten war.
Als sie dort ankamen, stürzten die beiden Sterne förmlich nach unten. Seine Arme, die er kaum noch spüren konnte, wurden aufs Stärkste strapaziert, als sein Körper, den Gesetzen der Schwerkraft folgend, emporgerissen wurde. Aber alles in allem war das kaum noch von Interesse für ihn. Die Kälte, welche von den tastenden Händen zurückgeblieben war, übertünchte jedes andere Gefühl.
Schließlich knallten sie mit voller Wucht auf den staubigen Asphalt vor dem metallenen Tor, das, natürlich, geschlossen war. Es würde sich auch nicht wieder öffnen, solange nicht …
Natürlich, das war der Grund, aus dem er hier war! Noch einmal erwachte ein Rest von Widerstandskraft im Hunter. Einmal noch reckte er störrisch sein Kinn vor und sein maskenhaftes Gesicht fixierte das Tor. Es musste geschlossen bleiben. Es musste …
»Öffne es für mich!«
Die Stimme kam von überall gleichzeitig und am lautesten aus ihm selbst. Es waren seine Lippen, die die Wörter formten. Sein Verstand wies ihn an, es zu tun.
Das, was einmal der Hunter gewesen war, wurde mit jeder Sekunde weniger. Wie ein Parasit fraß sich der goldene Tod in seine Eingeweide. Weniger ein Geist, sondern mehr ein Menschenfresser. Und ein Usurpator, der auf Erweiterung seiner Macht drängte.
»Nun nimm Kontakt zu dem Wesen auf, das du deinen Meister nennst. Lass ihn das Tor öffnen und dann werden du und ich in eine andere Welt aufbrechen. Und einer nach dem anderen wird jeder Kosmos fallen. Dies hier war dann nur der Anfang!«
Der Hunter wusste, dass er keine Chance hatte. Die Fingerspitzen der Eiseskrallen kratzten an seinem Herz. Er hatte keine Angst vor dem Sterben. Wenn es ein Ausweg gewesen wäre, dann wäre er hier und jetzt, auf der Stelle, gestorben.
Aber es gab keinen Ausweg. Es gab nur noch das Chaos. Nur noch den goldenen Tod.
Der Hunter öffnete seinen Mund, schloss ihn, öffnete ihn wieder. Wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte er vielleicht geweint. Um das Universum, das er hatte schützen sollen. Doch gegen diese Bedrohung war kein Kraut gewachsen.
Eine Hoffnung blieb: Es gab noch andere außer ihm. Und nach ihm würden andere Jäger kommen. Irgendwann war einer von ihnen bestimmt in der Lage, den goldenen Tod zu besiegen.
Bis dann der ewige Kreislauf aus Jäger und Gejagtem von vorne losging und niemand sich mehr sicher sein konnte, an welcher Stelle dieses Kreises er sich gerade eigentlich genau befand.
»Jetzt sprich!«, toste die Stimme, brachte seine Trommelfelle zum Platzen und seine Eingeweide zum Schmelzen. Die Hand krampfte sich um das Herz und nahm seinen Körper, der nicht mehr lange das Gefäß für seinen Geist sein würde, in Besitz.
Der Hunter schloss seine Augen und von irgendwo kam die Ruhe, die er brauchte, um seine neue, seine letzte Aufgabe zu erfüllen.
»Statusmeldung des Hunters aus Bezirk D. Die Infektion wurde eingedämmt, die Säuberung der infizierten Dateien abgeschlossen. Ein Neustart des Systems wird empfohlen. Sie können das Sicherungslaufwerk nun entfernen!«
»Gut gemacht, Hunter!«, ertönte die Stimme seines ehemaligen Meisters. Der Hunter nahm sie kaum noch wahr. Er sah nur, dass das Tor sich öffnete und den Weg zurück auf den USB-Stick, von dem er in das System eingespeist worden war, ermöglichte. Der goldene Tod, der potenteste Computervirus, von dem jemals jemand gehört oder den je jemand gesehen hatte, schleppte ihn auf die Öffnung zu, verharrte dort noch einmal, als würde er sich umsehen.
Kurz bevor das Tor sich schloss, huschte das neu entstandene Zwitterwesen aus Virus und Antivirus hindurch. Auf seinen Lippen ein Spruch, den es irgendwann einmal aufgeschnappt hatte und nun als durchaus passend empfand:
»Gehen wir zu dir oder zu mir?«

Der Hunter und der goldene Tod © 2016 Michael Behr für Nike Leonhard

Ganz, ganz herzlichen Dank noch einmal, lieber Michael!
Und wie ich schon an anderer Stelle gesagt habe: Auch wenn du die Geschichte aufgrund meiner Vorgaben und für mich geschrieben hast, ist sie natürlich weiterhin deine. Das heißt, dass du sie beliebig weiterverwenden, umarbeiten und wo immer du magst veröffentlichen kannst.

Der Kinobesuch der alten Dame

Beitrag zur 4. Clue Writing Challenge

Wie das dann immer so ist: Da dachte ich, mal eben eine nette kleine Kurzgeschichte aus dem Ärmel zu schütteln – aber denkste! Geschrieben war sie ja schnell, nur leider, leider trotz allem zu lang. Also habe ich die letzten Tage Seitenstränge rausgerupft, Adjektive gejätet, Lieblinge über die Klinge springen lassen und jeden Satz gelöscht, der nicht unbedingt notwendig war. Jetzt habe ich das Gefühl, dass nur noch ein Skelett übrig geblieben ist, durch dessen kahle Knochen der Wind pfeift. Dafür hält sich die Geschichte so gerade eben im vorgegebenen Rahmen. Und wer weiß, vielleicht kommt die Langversion irgendwann zusammen mit einer anderen Geschichte, die für eine eigenständige Veröffentlichung zu kurz ist, in den Codex Aureus.
Genug geschwafelt. Ich hoffe, sie gefällt euch trotzdem.

Der Kinobesuch der alten Dame

Sie war die Älteste, ein Fremdkörper zwischen den hippen, jungen Dingern, die der Film anlockte. Es waren nicht mehr viele. Vermutlich wurde er bald abgesetzt. Zu ärgerlich, auch wenn sie ihn nicht mochte. Beim ersten Mal war sie noch amüsiert über die naive Vorstellung von Dämonen. Inzwischen fand sie ihn nur noch entsetzlich schmalzig. Dennoch: er zog Mädchen im richtigen Alter an. Noch dazu allein, ohne ihre Freunde. Nicht, dass sie etwas gegen Männer hatte; sie mochte sie sogar recht gerne. Aber im Moment war sie auf Mädchen aus und das Kino ihr aussichtsreichstes Jagdrevier. Die einzige Alternative waren Fitness-Studios, und wenn sie etwas noch mehr abstieß, als schmalzige Mystery-Filme, dann es Fitness-Studios. Erst recht mit diesem Körper. Nicht, dass sie ihn nicht mochte. Aber die Energie, die sie daraus zog, hatte ihn vorzeitig altern lassen. Höchste Zeit, etwas Neues zu finden.

In der Schlange vor dem Popcornstand wartete eine Blondine. Das helle Haar bildete einen hübschen Kontrast zu ihrem schwarzen Corsagentop und dem Tüllrock. Die vielleicht?
Die alte Dame stellte sich in der Parallelschlange an. Hörte, wie Blondie Käsenachos und eine große Cola bestellte und verzog das Gesicht. Was für eine Stimme! Misstönend, wie nasse Kreide auf einer Schiefertafel. Aber möglicherweise musste sie Kompromisse eingehen.
Das Mädchen zahlte und drehte sich um. Die alte Dame hätte vor Enttäuschung beinahe gefaucht. Blondie trug eine Brille, die ihre Augen auf Tischtennisballgröße anschwellen ließ. Ohne war sie vermutlich auf Geruch und Gehör angewiesen. Das war inakzeptabel!
Die Schlange rückte vor. Die alte Dame bestellte Popcorn und Cola, obwohl sie beides verabscheute. Während der Vorstellung würde sie das Zeug unter den Sitz stellen und vergessen. Bis dahin war es Tarnung.

Ein lilahaariger Gnom mit Vollmondgesicht zupfte sie am Arm.
„Hi! Sind Sie auch wieder hier!“, sprudelte der Vollmond. „Super Film, oder?“
Sie zwang sich, zu lächeln. „Ja, sehr romantisch“, entgegnete sie. Das war die Kehrseite ihres Charmes: Jeder fühlte sich zu ihr hingezogen. Nicht nur Männer. Männer in letzter Zeit sogar bedauerlich wenig. Dafür so dumme Dinger, wie das plumpe Geschöpf, das sie immer noch anstrahlte.
„Sagen Sie doch Anni zu mir! Ich bin nicht so förmlich. Und das hier ist übrigens Dierdra.“ Sie schob ein zweites Mädchen vor.
Dierdra lächelte halbherzig und zuckte mit den Schultern. Unter ihrer unförmigen Strickjacke war die Bewegung kaum sichtbar.
„Ich musste Dierdra echt überreden. Sie steht nicht auf solche Filme, hat sie gesagt. Aber der ist anders, richtig gut, hab ich gesagt. Der ist so gut, dass sogar diese alte Lady immer wieder kommt.“ Sie blickte die alte Dame treuherzig an. „Sie haben doch nichts dagegen, dass ich von Ihnen erzählt habe, oder? Na, jedenfalls hat’s gewirkt und sie hat gemeint, dass sie sich das mal anguckt.“
Dann wandte sie sich Dierdra zu und versicherte, dass sie ihre Entscheidung bestimmt nicht bereuen werde, weil der Film so toll, der Hauptdarsteller supersüß und alles überhaupt supercool sei. Dierdra wirkte, als sei ihr alles entsetzlich peinlich. Sie hatte die Hände in den Taschen der Strickjacke vergraben, als wolle sie sich darin verkriechen. Trotzdem war sie bezaubernd. Ihre Aufmachung war natürlich ein absolutes No-go, wie man heutzutage sagte, aber das Mädchen verfügte über Potential: Haut wie Sahne. Rabenschwarzes Haar, blaue Augen, Schmollmund. Sie war die Richtige. Endlich!

„Wenn wir schon beim Du sind – ich bin Asta“, sagte die alte Dame freundlich. „Ihr seid Freundinnen?“
Wieder war Anni war schneller. „Wir studieren zusammen. Sinologie. Dierdra ist neu und ich dachte, ich nehme sie ein bisschen unter die Fittiche“
Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, legte sie den Arm um Dierdras Taille. Dierdra versteifte sich kaum merklich, sagte aber nichts.
Asta war entzückt. Nun musste sie nur noch den Platz neben dem Mädchen bekommen. „Wo sitzt ihr denn, wenn ich fragen darf?“, fragte sie mit dem leisen Lachen, das wie eine charmante Art der Entschuldigung klang.
„Warum?“
„Ich dachte, es wäre nett, zusammen zu sitzen.“
Wie erwartet, war Anni begeistert, nestelte ihre Karte aus der Tasche und las die Nummern ab. Dierdra fragte skeptisch: „Und wenn der Sitz schon vergeben ist?“
„Oh, ich hoffe doch nicht!“, rief Asta in gespieltem Entsetzen. „Das Kino ist ja nicht einmal halbvoll.“ Dann senkte sie ihre Stimme und setzte verschwörerischen zwinkernd hinzu: „Notfalls flunkere ich ein bisschen und behaupte, dass ich Annis Tante bin und furchtbar gerne neben meiner Lieblingsnichte sitzen würde – was meint ihr?“

Am Ende saß sie aber doch neben Dierdra. Auf dem Platz neben Annis klebte ein Kaugummi. Kein echter, aber eine täuschend echte Illusion. Anni quietschte angeekelt, als Asta darauf deutete und Dierdra zog die Brauen zusammen.
Asta stellte die Colaflasche in den Halter und machte es sich mit dem Popcorn auf dem Schoß bequem. Wie gut, dass sie es gekauft hatte!

Kurz darauf begannen die Mädchen zu tuscheln. Die Dämonin spitzte die Ohren.
„Warte ab“, hörte sie Anni sagen. „Sie haben sich ja gerade erst kennen gelernt.“
„Aber was findet sie an ihm? Er sieht gut aus, aber …“
„Ja, heiß, nicht? Und an ihm ist schon mehr dran. Wirst schon sehen!“
Die Dämonin schielte zu Dierdra. Die unförmige Strickjacke lag zusammengeknäult auf ihrem Schoß. Die nackten Arme schimmerten weiß, bis auf eine dünne Ranke, die sich um den Oberarm wand. Eine Tätowierung, wie hübsch! Asta widerstand der Versuchung, die Hand auszustrecken, um die Umrisse mit dem Finger nachfahren. Aber wenn sie den Arm auf die Sitzlehne legte, würde sie vielleicht Dierdras Haut berühren. Ganz zart nur. Wie zufällig.
Lächelnd ließ sie den Arm auf das Polster sinken. Aber außer Dierdras Wärme war da noch etwas höchst beunruhigendes: Eine magische Aura! Ein Schutzzauber! Woher kam das? Dierdra war eine Langnase, zu rational, um an Zauber zu glauben. Es musste eine andere Erklärung geben. Irgendein altes Schmuckstück vielleicht. Etwas, das man trug, weil es schön war, ohne von seiner Wirkung zu wissen.
Vorsichtig, um nichts aufzuschrecken, falls doch mehr dahinter steckte, sandte die Dämonin ihre Magie aus. Der Zauber war alt. Er ging vom Hals des Mädchens aus. Die Dämonin spürte Metall, einen Hohlraum und einen Stein darin. Ein Medaillon. Der Stein war die Quelle. Sie tastete danach; bereit, sich jederzeit zurückzuziehen, falls die Magie des Steins zurückschlagen sollte. Nichts. Nur latente Magie. Vermutlich ahnte Dierdra nicht einmal, was sie da trug. Die alte Dame entspannte sich.
Alles würde gut gehen. Sie musste sich nur gedulden, bis die Liebenden glaubten, dem Unheil entkommen zu sein und sich das erste Mal küssten. Natürlich irrten sie. Der Held hatte die Zutaten für das Siegel falsch angemischt und Dämon war keineswegs in der Flasche gefangen. Die Zuschauer wussten, dass er entkommen und sich grausam rächen würde. So hielt das ganze Kino den Atem an, als der Schatten an der Wand hinter den Liebenden in die Höhe wuchs und keuchte, als er sich auf das Paar warf. Die Heldin kreischte. Die alte Dame stieß einen spitzen Schrei aus und warf in einer Abwehrbewegung ihr Popcorn um. In weiten Halbkreis flogen die Körner durch die Luft. Die meisten prallten von den vorderen Sitzreihen ab. Aber etliche trafen Dierdra.
„Oh, entschuldige meine Liebe!“, hauchte Asta in gespieltem Entsetzen. Sie versicherte sich kurz, dass Anni immer noch vom Geschehen auf der Leinwand gebannt war, wo Held und Heldin um ihr Leben rannten.„Was für ein Schlamassel! Lass mich dir helfen.“

Als ihre kalten Finger Dierdras Haut berührten, erwachte das Tattoo auf deren Oberarm zum Leben. Ranken schossen heraus, wickelten sich um Brust und Arme der alten Frau und fesselten sie an ihren Sitz. Dierdra beugte sich vor und schob ihr etwas kaltes in den Mund, das wuchs, bis Asta glaubte, zu ersticken. Was geschah hier?
„Ruhig Dämon“, flüsterte Dierdra.
Asta riss die Augen auf. Wie konnte sie das wissen?

Seelenruhig zog das Mädchen eine Dose aus seiner Handtasche, tauchte den Finger hinein und tupfte das Zeug auf die Stirn der alten Frau. Es stank und brannte entsetzlich. Die Dämonin warf sich gegen die Fesseln, versuchte den Kopf zu drehen oder wenigstens das kalte Ding in ihrem Mund auszuspucken. Vergeblich.
„Meine Vorstellung war nicht ganz vollständig“, erklärte Dierdra im Plauderton, während sie die Mixtur auf Astas Gesicht und Hals verteilte. „Mein vollständiger Name ist Dierdra O’Really. Meine Familie waren im 18. Jahrhundert recht bekannte Dämonenjäger. Inzwischen sind wir überwiegend im Sicherheitssektor tätig. Aber unser ursprüngliches Gewerbe haben wir nie ganz aufgegeben, auch wenn es längst nicht mehr so gut bezahlt wird. Wer glaubt heute schon noch an Dämonen?“
Sie lachte leise, wurde aber sofort wieder ernst. „Ich muss nicht daran glauben – ich weiß, dass ihr existiert. Der eigentliche Witz ist, dass ich das Studium nur angefangen habe, um mein Wissen über chinesische Dämonen zu vertiefen. Und dann schwärmt eine Kommilitonin von diesem Schmachtfetzen und der süßen alten Dame, die keine Vorstellung verpasst. Das kam mir verdächtig vor, also bin ich mitgegangen. Und was finde ich?“ Sie legte den Kopf schief, als erwarte sie eine Antwort.
Der Dämon wollte das schöne Gesicht zerkratzen, ihr die Haare ausreißen – aber die Ranken hielten. Ihre Gegnerin lächelte. „Vergiss es, Füchschen. Das bist du doch, oder? Eine Fuchsfee.“

Dierdra nahm einen neuen Batzen Creme und verteilte ihn auf den Armen der alten Frau. Die Salbe brannte tief unter der Haut. Die Fuchsfee winselte. Sie musste raus aus diesem Körper, bevor das Hexenzeug noch tiefer drang und ihr eigentliches Ich erreichte.

„Gleich darfst du raus. Nur einen Moment Geduld“, versprach das Mädchen, griff nach der Colaflasche. Das kalte Ding flutschte aus Astas Mund. Dafür spürte sie den Flaschenhals an den Zähnen. Dierdra flüsterte lockend ihren Namen: „Hǔlijīng! Komm heraus, Füchschen; komm heraus, Hǔlijīng!
Die Dämonin begriff. Das war kein einfacher Exorzismus! Verzweifelt versuchte sie, sich im Körper der alten Frau festzukrallen und presste Zähne und Lippen aufeinander. Zu spät.
Noch einmal lockte Dierdra: „Komm heraus, Füchschen, komm heraus, Hǔlijīng!“, und da konnte sie sich nicht länger festhalten, fuhr heraus und landete in der süßen, braunen Brühe.
Angewidert sauste die Fuchsfee empor – und knallte gegen ein mit aller Meisterschaft und der Erfahrung aus über 300 Jahren gefertigtes Bleisiegel. Gedämpft hörte sie Dierdra sagen: „Anni? Ich glaube, die Aufregung war zu viel für die alte Dame. Wir sollten einen Krankenwagen rufen.“

Steppenbrand (Leseprobe)

Wenn Baranu no’Sonak geahnt hätte, welches Leid das dritte Kind seiner Frau Nourja über die Stämme der Khon bringen würde, hätte er den Jungen nach der Geburt in die Steppe hinausgetragen. Weit entfernt vom Lager hätte er das Neugeborene auf einen Stein gelegt und sein Schicksal der Sonne, den Zähnen der Schakale und den Schnäbeln der Geier überlassen. Niemand, nicht einmal Nourja no’Arhan hätte sein Verhalten missbilligt. Im Gegenteil: Obwohl geschwächt von der Geburt, hätte sie das Kind eigenhändig erstickt, wenn ihr Mann nicht getan hätte, was getan werden musste.
Aber niemand sah das kommende Unheil. Ein Grund mochte sein, dass die Geburt schwer gewesen war und sich so lange hinzog, dass man um das Leben von Mutter und Kind bangte. Um so größer war daher die Freude, als beide sie heil überstanden. Die Freude steigerte sich noch, als offenbar wurde, dass der kräftige Knabe eine Glückshaube trug; und als er die Welt begrüßte, stimmten die Frauen um Nourjas Bett mit Freudentrillern in sein Schreien ein.
Als bestes Omen galt jedoch, dass der Junge genau zu Beginn der Regenzeit geboren wurde.

Der Regen hatte gleichzeitig mit den Wehen eingesetzt. Er begann als leichtes Tröpfeln, nahm beim ersten Schrei Nourjas zu und steigerte sich mit den stärker werdenden Wehen. Er löschte die Schutzfeuer und trieb die Sonakari in die Zelte. Dunkelheit fraß die Sonne; der Mittag wurde Nacht. Blitze zuckten wie Arhanvipern über den Himmel und von den Hügeln dröhnte der Donner, als käme von dort eine Armee gezogen.
»Hütet euch! Das sind die Bronzetrommeln der goldenen Reiter«, tuschelten die Alten.
Entsetztes Schweigen war die Antwort. Jeder kannte Legenden über die Reiter. Doch man hütete sich, sie im Dunklen zu erzählen. Es hieß, sie seien die Geister gefallener Feinde; gestorben in jenem Krieg, in dem die Khon die Weiten des Grasmeers eroberten. Die Gebeine der Helden, die in diesem Krieg gekämpft hatten, waren längst zerfallen, sie selber zurückgekehrt in den Kreis des Lebens. Anders die Seelen der goldenen Reiter: Sie fanden keinen Frieden. Über die Ursache gab es viele Mutmaßungen, aber alle Geschichten stimmten darin überein, dass sie Dhalori waren. Unheilbringer.
Daher griff der Geistseher nach seiner Trommel und stimmte einen Gesang an, der beruhigen und das Böse bannen sollte. Trotzdem tasteten die Sonakari nach ihren Waffen. Sie alle lauschten in den Sturm hinaus, der mit Regenpeitschen auf die aus Ziegenhaaren gewebten Zeltbahnen einhieb.
Auch die Frauen, die Nourja no’Arhan beistanden, fürchteten sich. Keine von ihnen, ausgenommen Alizarde, die Älteste, hatte schon einmal so ein Unwetter erlebt. Alizarde bemühte sich, einen klaren Kopf zu behalten, beschäftigte die Jüngeren mit sinnlosen Aufträgen und sprach allen Mut zu.
»Das ist ein gutes Zeichen, ein sehr gutes«, versicherte sie immer wieder. »Dieses Kind ist gesegnet. Merkt euch meine Worte.« Doch auch sie schielte ein ums andere Mal verstohlen zur Zeltdecke und betete stumm um ein rasches Ende dieses Segens.
Endlich bäumte sich Nourja in einer letzten Anstrengung auf. Der Schrei, den sie dabei ausstieß, glich dem einer Löwin und übertönte sogar den Donner. Im nächsten Augenblick flutschte der Junge in Alizardes Arme.
»Wie ein Fisch«, erzählte die später dem Geistseher. »Wie ein Dharuk kam er herausgeschossen. Ich konnte ihn gerade noch auffangen.«
Mit dem ersten Schrei des Neugeborenen legte sich das Unwetter, als habe er es vertrieben. Die Arhanschlangen zogen sich hinter die Hügel zurück. Die Bronzetrommeln verloren sich in der Ferne. Der Regen ließ nach, wurde zu Niesel und hörte auf. Die Sonne fraß die letzten Wolken. Als der Junge gewaschen und in ein neu gewebtes Tuch gehüllt, aus dem Zelt getragen wurde, glitzerten die Pfützen golden.

»Die Zeichen verheißen Wohlstand, Schlachtenglück und ein langes Leben«, verkündete der Geistseher, nachdem er das Neugeborene lange betrachtet und über die Umstände seiner Geburt meditiert hatte. »Dieses Kind ist im Zeichen des Wassers geboren. Nicht des gebundenen Wassers, sondern des fallenden. Welcher Name wäre angemessener, als Dejasir?«
Das war ein in guter Name, den jeder mit Stolz tragen konnte. In der Sprache der Khon bedeutete er »starker Regen«. So ein Regen füllte die Flüsse und Wasserlöcher, ließ das Gras sprießen und machte die Herden fett. Daher bedeutete »starker Regen« im übertragenen Sinne auch »Reichtum.«
Entsprechend stolz trug Baranu no’Sonak seinen Jüngsten durch das Lager. Vor jedem Zelt blieb er stehen, um ihn zu vorzeigen. »Er heißt Dejasir und der Geisterseher hat ihm Wohlstand und ein langes Leben vorhergesagt!«
Die Vorhersage sollte sich erfüllen. Allerdings nicht in der Weise, wie alle glaubten.

Dejasir wuchs auf, wie alle anderen Kinder der Khon. Nachdem er Nourjas Tragetuch entwachsen war, wechselte er auf die Packlast eines Esels, bis seine Beine lang genug für den Pferdesattel waren. Er überstand die üblichen Krankheiten, tobte mit den Kindern seines Alters durch das Lager und brach sich beim Versuch, eines der Jungpferde zu reiten, den linken Arm. Mit fünf Jahren erhielt er ein scharfes Messer und mit sieben sein erstes Fohlen, das er unter der Anleitung seines Vaters ausbildete, bis es ihm folgte, wie ein treuer Hund. Gleichzeitig begann Baranu no’Sonak, ihn an den Waffen auszubilden. Dejasir lernte rasch. Was ihm an Größe und Reichweite fehlte, machte er durch Ehrgeiz und Schnelligkeit wett. Später behaupteten manche, hier hätte er erstmals die Anlagen gezeigt, die so verhängnisvoll für die Khon werden sollten. »Ein Teufel, wenn es ums Fechten ging«, erzählten sie. »Kaum ein Jahr und er besiegt seine Schwester im Schwertkampf. Hat ihr fast das Ohr abgeschnitten. Es war ein Omen! Baranu und Nourja hätten es erkennen müssen.«
Aber Baranu und Nourja maßen sie dem Vorfall keine Bedeutung bei. Sie wussten, dass ihre Tochter Simhadija die Nadel geschickter schwang als ihr Schwert. Und auch Simhadija tat die Angelegenheit mit einem Lächeln ab. So etwas komme eben vor, sagte sie, wenn man sie auf den Verband ansprach. Sie habe nicht aufgepasst. Außerdem sei es nur ein Kratzer.

Dejasirs Kindheit endete, als sein Fohlen eingeritten war. Alle Sonakari sahen zu, wie er den jungen Wallach sattelte und drei Mal um das Lager ritt; zuerst im Schritt, danach im Trab, zuletzt im Galopp. Bei jeder Runde wurde ein Gegenstand auf den Boden gelegt, der für das Erwachsensein stand und den er aufheben musste. Das Erste war eine warme Decke aus bunter Wolle, die ihn nachts warm halten sollte. Als Zweites kamen ein Bogen samt Pfeilköcher. Den Abschluss bildete ein kleiner Bronzekessel als Zeichen, dass er von nun an für sich selber sorgen musste.
Dejasir schnallte die Decke hinter den Sattel, hängte sich Bogen und Köcher über den Rücken und den Kessel an den Sattelknauf. Damit war er ein Loshazaru, ein Hüter. Von nun an, war sein Platz bei den Herden. Er würde sie bewachen, zu den Wasserstellen leiten und vor Raubtieren und anderen Dieben schützen, bis er eine Frau fand, die mit ihm in eines der schwarzen Zelte zog. Aber die Loshazari waren nicht nur Hirten, sondern auch Krieger, die bei Stammesfehden und Auseinandersetzungen mit den Sesshaften in die Schlacht zogen, während die Asjeanari, die verheirateten Khonari, das Lager verteidigten.
Zu Ehren seiner neuen Stellung gab es ein Festessen, bei dem Dejasir das erste Mal Wein trinken durfte. Er mochte den Geschmack nicht und nur der Anstand hielt ihn davon ab, das saure Zeug auf der Stelle auszuspucken. Auch der leichte Schwindel, der ihn bald darauf befiel, war ihm unangenehm. Dafür gefielen ihm die Träume dieser Nacht um so mehr. In ihnen trat er an die Stelle der mythischen Helden, über die die Sänger bei der Feier gesungen hatten. Was er in ihnen erlebt, erschien ihm als Omen, als Vorzeichen großer Taten, die er für seine Familie und den Stamm vollbringen würde.

Das Hochgefühl machte ihm den Abschied von Eltern und Geschwistern leicht. Obwohl er wusste, dass er sie lange nicht wiedersehen würde, jubelte sein Herz. Jetzt war er ein Mann. Frei wie der Wind im Gras, bereit zu großen Taten. Lächelnd schwang er sich in den Sattel und ritt an der Seite seines Bruders Sajazaru in die Steppe hinaus. Den ganzen Tag hielt Dejasir den Blick auf den Horizont gerichtet, wo das Leben lag, das ihn erwartete. Wenn er zurück kam, würde er ein Held sein.
Die erste Nacht im Freien brachte die Ernüchterung. Himmel und Steppe waren beängstigend hoch und weit und die Nacht angefüllt mit unbekannten Geräuschen. Dejasir fehlte das beruhigende Dunkel und die Enge des Zeltes, das vertraute Schnarchen seines Vaters und die warmen Körper der jüngeren Geschwister. Immer wieder zuckte er aus unruhigen Träumen hoch und musste sich vergewissern, Bogen und Dolch in Griffweite zu haben.
Entsprechend müde war er am Morgen. Er bekam kaum mit, was beim gemeinsamen Frühstück gesprochen wurde. Erst, als Arhanadin, eines der älteren Mädchen ihn an der Schulter packte und aufforderte, sein Pferd zu satteln, begriff er, dass es um die Aufteilung der Aufgaben gegangen war.
»Kann ich nicht mit Sajazaru reiten?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Sajazaru ist bei den Großen.«


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Die Schöne

Auf langen Beinen durchschreitet sie den Raum. Die schlanke Taille biegsam, das schwarze Haar wie Seide schimmernd. Was gäbe ich für einen Blick von ihr!

Sie aber ignoriert mich; nimmt Platz auf dem Sofa. Ruhig sitzt sie da, aufrecht, anmutig. Kühle Majestät jeder Zentimeter ihres Körpers.

Plötzlich eine geschmeidige Bewegung. Sie rollt sich auf den Polstern zusammen, lehnt den Kopf an das Kissen. Ihr Blick fängt meinen, dann sinken ihre Lider lasziv über die Smaragdaugen. Eine Einladung? Vorsichtig trete ich näher, strecke die Hand nach ihr aus, jederzeit auf schmerzhafte Zurückweisung gefasst. Doch sie duldet mein Streicheln – und schnurrt.

Zwei phantastische Gedichte

Die Überschrift bezieht sich natürlich auf das Genre, nicht auf die Qualität. Ich bin heute in Blödellaune und zu Wortspielereien aufgelegt. Ernsthafte Beiträge gibt es ab morgen wieder.

 

Der Montagsdieb
(Danke an Karin Ils  für die Idee zu diesem Titel)

Ein Drache
Hielt Wache
Auf dem Burgdache.
Aus der Nacht
Mit Bedacht
Schlich ein Dieb
auf leiser Sohle.
Nun ist er Kohle.

Gestörte Nachtruhe

In den Schrei einer Eule
Mischte sich Werwolfgeheule.
„Blöde Töle“, schrie
genervt die Banshee.
„Ab in die Höhle!
Und lass das Gegröhle!“