phantastische Frauen: Susan Dexter

Meine im Rahmen der Autorinnenzeit begonnene, sehr persönliche Reihe über Frauen in der Phantastik, die mich und mein Schreiben geprägt haben, wäre unvollständig, wenn ich nicht wenigstens auch Susan Dexter erwähnen würde.

Ihre Bücher habe ich verschlungen, obwohl sie ein Genre berühren, das ich sonst so gar nicht mag: Den Liebesroman. Dabei ist „berühren“ eigentlich das falsche Wort, denn ihre Romane beinhalten immer eine Liebesgeschichte, die so zuckersüß und fluffig ist, wie Sahneschnittchen mit rosa Zuckerguss. Daneben geht es auch immer um ein ganz besonderes Pferd. Valladan, einen schwarzen Hengst mit außerordentlichen Fähigkeiten.

Kurzum: Kitsch.

Man könnte Sodbrennen davon bekommen, wenn es nicht so perfekt wäre und so komisch. Susan Dexter greift absichtlich in die Klischeekiste und treibt alles, was ihr dabei in die Finger gerät, gnadenlos und konsequent auf die Spitze. Das und die Komik sorgen für eine ironische Brechung, die den Kitsch auf ein mehr als nur genießbares Maß reduziert. (Ich erspare mir hier weitere Kuchenvergleiche, sonst stürme ich die nächste Konditorei)

Es gibt aber noch einen anderen Punkt, in dem sich ihre Romane sehr deutlich von moderner Romantasy unterscheiden: Bei Susan Dexter sind es nie die Frauen, die irgendwelchen supercoolen, badassigen, heißen Typen hinterherhecheln. Wenn jemand badass ist, dann die Frauen. In jedem Fall haben die aber sehr konkrete eigene Ziele und es sind die Männer, die ihren Wert beweisen müssen (und es natürlich tun, schließlich handelt es sich um Liebesromane, da ist Happy End nahezu Pflicht).

Ich muss gestehen, dass ich es schade finde, dass ihre Bücher nicht mehr aufgelegt werden, sondern allenfalls noch antiquarisch zu haben sind. Ihre Protagonisten finde ich nämlich deutlich anziehender, als die ganzen modernen männlichen Love-Interests, die sich neben ihrem Reichtum vor allem dadurch auszeichnen, dass sie Frauen schlecht behandeln. Dann doch lieber einen wahren Ritter!*


„Der wahre Ritter“ ist der Titel eines von Susan Dexters Romanen – und der allerkitschigste.

[Rezension] Im Schatten des Himmels

Endlich mal wieder ein Fantasy-Roman, der anders war. Einer, der sowohl durch seinen Plot als auch durch das Setting heraussticht. Aber von vorne:

Worum es geht

Im Schatten des Himmels erzählt von Shen Tai, dem zweiten Sohn eines geachteten und inzwischen verstorbenen Generals. Als Anerkennung für geleistete Dienste beschenkt ihn eine Prinzessin mit zweihundertfünfzig „Drachenpferden“. Pferden, die so selten und wertvoll sind, dass eines reicht, um einen Mann auszuzeichnen; fünf, um ihn über seine Kameraden zu erheben und auf einen höheren Rang zu befördern – wodurch man ihm dem (oft tödlichen) Neid der anderen einbrachte.
Zweihundertfünfzig dieser edlen Tiere sind eine absurd hohe Zahl, die Shen Tai von einem Moment zum anderen vom Niemand zu einer wichtigen Figur im Kampf um die Macht am Kaiserhof macht, wo man selbst in friedlichen Zeiten verkrüppelt oder sogar getötet werden kann, weil man den Wein zu sehr erhitzt oder gegen die Etikette verstoßen hat. Nur sind die Zeiten nicht friedlich.

Die Welt in der die Geschichte spielt, ist in groben Zügen der des alten China nachempfunden, genau genommen: der Tang-Dynastie. In gewisser Weise handelt es sich um alternative History – allerdings mit magischen Einschlägen. Geister sind real. Es gibt (vermutlich) Fuchsdämonen und die Schamanen der barbarischen Bogü beherrschen einige schwarzmagische Praktiken. Auch das ist sehr passend, denn es spiegelt recht genau die chinesische Märchen- und Sagenwelt, auf die auch immer wieder mal Bezug genommen wird.

Der Stil

Die Erzählweise ist die distanzierte Sicht eines um Neutralität bemühten Chronisten, der die Gedanken und Gefühle der Beteiligten kennt, sie aber nur erwähnt, wenn es nötig ist, um ihr Handeln zu erklären. LeserInnen, die sich mit den Figuren identifizieren wollen, werden die Geschichte deshalb vermutlich als sehr sperrig empfinden, zumal der Autor oft springt und vollkommen neue Erzählperspektiven einführt.

Die Sprache ist eine interessante Mischung aus ein nüchternen, modern anmutenden Sätzen und einem altertümlicheren Stil, der sich durch lange, gewundene Formulierungen auszeichnet, deren Inhalt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick erschließt.

Man schenkte einem früheren Feind, der vielleicht zu einem zukünftigen werden konnte, keine sardianischen Kavalleriepferde. So etwas machte man nicht. Und da konnte jeder, selbst sein hoffnungsloser Sohn, sagen, was er wollte, über ein Abkommen, das nach Kuala Nor unterzeichnet worden war, oder darüber, die Wünsche einer ach so liebreizenden Prinzessin zu erfüllen, die ihnen gütigerweise von den verlogenen Kitanern beschert worden war.

Keine leichte Kost. Nichts, was sich mal eben wegliest.

Was mir gefiel

Dass mir das Buch gefallen hat, dürfte schon aus den ersten Sätzen klar geworden sein. Auch, dass die Gründe dafür vor allem im ungewöhnlichen Setting und im Plot liegen, hatte ich schon gesagt.

Beim Setting gefiel mir besonders, dass die Geschichte nicht nur in einer altchinesischen Umgebung spielt, sondern auch die Mentalitäten übernommen wurden. Das ist zuweilen befremdlich und manchmal schwer zu ertragen, weil die Denkweisen und Rollenmuster sich sehr stark von der modernen westlichen Kultur unterscheiden. Trotzdem ist es unglaublich spannend, zumal der Autor die moralische Bewertung des Denkens und Handelns der Figuren allein seinem Publikum überlässt.

Am Plot hat mir besonders gefallen, dass es hier nicht um das übliche Schema von „gut gegen böse“ ging, sondern alle Charaktere ihre ureigenen Ziele haben und im Rahmen der ihnen zustehenden Möglichkeiten verfolgen. Die dabei gesponnenen Intrigen sind sehr plausibel, die verwendeten Mittel aber immer wieder überraschend.
Außerdem gefiel mir, dass die Hauptfigur in den Kampf um die Macht verwickelt wurde, ohne selbst Interesse daran zu haben. In diesem Punkt unterscheidet sich Im Schatten des Himmels ganz erheblich von Games of Throne, mit dem es im Klappentext verglichen wird.

Insgesamt kein leichtes, aber in meinen Augen unbedingt empfehlenswertes Buch.


Guy Gavriel Kay: Im Schatten des Himmels,
Roman, übersetzt von Birgit Maria Pfaffinger und Ulrike Bruns,
Fischer TOR, Frankfurt 2016
ISBN 978-3-596 -03570-0

 

 

[Rezension] Schatten vom M. D. Grand

Ausnahmsweise beginne ich eine Rezension mit dem Cover, weil mich das Cover von Schatten schon beim ersten Sehen ansprang. Vollkommen abstrakt mit einem beschränkten Farbspektrum (schwarz, weiß, dunkelrot) – und trotzdem DER HAMMER!
Allerdings hat mich dieses Hammercover in Verbindung mit dem Autorennamen erst mal auf eine vollkommen falsche Fährte gesetzt. Für mich suggestierte beides Science Fiction, eventuell auch einen Wissenschaftsthriller. Beides sind Genres, die ich gerne lese, auf die ich aber zu der Zeit keine Lust hatte.

Deshalb kam „Schatten“ zunächst nur auf den virtuellen Stapel der vorgemerkten Bücher. Vielleicht hätte ich es dort vergessen, wenn nicht einige BartBroAuthors geschwärmt hätten, wie toll es sei. Also habe ich es gekauft und das war auch gut so.

Entgegen meiner ersten Annahme ist Schatten nämlich weder Science Fiction, noch ein Thriller, sondern solide High Fantasy. Darüber hinaus überrascht die Geschichte mit einer ungewöhnlichen Perspektive. Ceryan, der Protagonist ist nämlich das böse Minion des noch böseren Oberschurken – wenn auch nicht ganz freiwillig. Aber der Eid, durch den König Zenox ihn in seine Dienste gezwungen hat, verhindert jede offene Auflehnung.
Das lässt einen schnell wünschen, Ceryan, der auch sonst überraschend differenziert dargestellt wird, möge es schaffen, sich irgendwie zu befreien. Zumal es den Untergang der letzten freien Völker bedeuten würde, wenn es Ceryan seinen Auftrag ausführt und König Zenox den Stein von Kairoan beschafft.

Auch sonst bietet die Geschichte einen angenehmen Mix aus bekannten Fantasy-Elementen und überraschenden Wendungen. Sprachlichen fielen ein paar Unsicherheiten auf, die aber dem Lesevergnügen insgesamt keinen Abbruch taten.

Insgesamt daher eine Leseempfehlung.


Schatten von M. D. Grand ist erschienen bei Amazon und als Taschenbuch und eBook erhältlich.

weggelegt: Rainer Wekwerth, Das Flüstern des Windes

Nachdem ich das Buch gestern bei Twitter als eins der schlechtesten bezeichnet habe, die ich in letzter Zeit gelesen habe, fühle ich mich verpflichtet ein bisschen mehr darüber zu sagen. Zunächst mal: Ich habe 3x überlegt, ob ich das wirklich sagen soll. Einige Menschen, deren Meinung ich sehr schätze, loben Rainer Wekwerth nämlich sehr. Deshalb habe ich auch sofort zugeschlagen, als es das Flüstern des Windes kürzlich bei Amazon umsonst gab.

Vielleicht waren es zu viele Vorschusslorbeeren und meine Erwartungen einfach zu hoch. Jedenfalls haben mich schon die ersten Seiten so enttäuscht, dass mir die Lust zum Weiterlesen vergangen ist. Das Problem ist dabei weniger, dass auf Seite 10 klar war, wie sich die Geschichte entwickeln würde. Im Gegenteil: Ich finde es durchaus spannend, zu lesen, wie andere Autoren mit Masterplots umgehen. Mein Problem war mehr, es so ausdrücklich unter die Nase gerieben zu bekommen, als hielte Wekwerth seine Leser für dumm. Auch stilistisch ist das Buch nicht mein Fall. Die Sätze sind zum Bersten mit Adjektiven und Adverbien vollgestopft. Es wimmelt vor Klischees. Die Figuren sind flach und uninteressant. Dazu kommt noch, dass Wekwerth zwar einen personalen Erzähler benutzt, aber nach Belieben die Erzählperspektive wechselt und die Handlung unmotiviert durch Informationsblöcke unterbricht.

Das einzig gute, was sich über das Buch sagen lässt ist, dass es – jedenfalls am Anfang – reichlich Handlung bietet.

Das ist jetzt eine ziemlich drastische Aussage und deshalb muss ich wohl oder übel wohl mehr Butter bei die Fische tun. Hier also der Anfang kurz zusammengefasst:

In einer finsteren und stürmischen Gewitternacht, bringt die Königin ein Kind zur Welt: Den langersehnten Thronfolger. Sie bezahlt diese Geburt mit dem Leben. Das Kind jedoch, das den gleichen Geburtsfehler hat, wie sein Vater, überlebt. Allerdings hegt der Zwillingsbruder des Königs längst finstere Pläne. Zwei Tage nach der Beisetzung der Königin, meuchelt er den König, während die von ihm bestochene treulose Amme den kleinen Prinzen beseitigen soll. Der einzige Fehler im Plan ist, dass sie das nicht selber tut, sondern einem trunksüchtigen Cousin überlässt, der das Kind im Wald aussetzt. Als der böse Bruder anschließend auch Amme und Cousin beseitigen lässt, ist das Kind noch am Leben – und niemand weiß wo. Es wird knapp nicht von einer hungrigen Wölfin gefressen, weil gerade noch rechtzeitig der Stiefsohn eines fahrenden Scherenschleifers auftaucht. Der gute Knabe nimmt das Kind und trägt es zu seinen Eltern, die beschließen, es bei sich aufzunehmen. (Der Scherenschleifer war übrigens zuvor Elitesoldat, aber das hilft ihm 15 Jahre später auch nicht, als seine Familie überfallen und ausgelöscht wird. Nur der Prinz überlebt und gerät in Sklaverei.)

Und damit du nicht meinst, dass ich übertreibe, hier ein paar Beispiele zu meinen Kritikpunkten:

„Im Thronsaal tanzte der Schein der Fackeln auf den angespannten Gesichtern zweier Männer, warf ihre Schatten an die Wände, so dass sie wie verkrüppelte Tänzer wirkten, die einen grotesken Reigen aufführten.“

Hier ist der Bezug falsch. Grammatikalisch betrachtet steht da, dass die GESICHTER wie verkrüppelte Tänzer wirken. Ja, ich weiß, dass es anders gemeint ist – aber tanzende Schatten sind logisch ebenso ausgeschlossen, wie die nächste Seite enthüllt:

„König Asthael, groß, hager, mit weißem Bart und buschigen, grauen Augenbrauen saß auf seinem Thron, während sein Bruder Canai, ein schlanker, muskulöser Mann mit schwarzen Haaren, die im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden waren, davor kniete und zu ihm aufsah.“

Damit wissen wir jetzt auch, wer die beiden sind. Das hätte ich persönlich für wichtiger gehalten, als der Schein von Fackeln auf irgendwelchen Gesichtern, aber das ist vielleicht Geschmackssache. Was mir aber keiner erzählen kann, ist dass die Schatten eines auf einem Thron sitzenden Mannes und seines knieenden Gegenübers irgendeine Ähnlichkeit mit verkrüppelten Tänzern haben.

Zwischen diesen Textstellen passiert übrigens nicht mehr, als dass der Thronsaal beschrieben wird, insbesondere eine dort aufgestellte Ork-Rüstung, die an dieser Stelle überhaupt keine Relevanz für die Handlung besitzt.
Immerhin liegt die Königin in den Wehen und die Sorge des Königs gilt eigentlich ihr.

„Die bleichen Züge des Königs verhärteten sich noch mehr, als er das Leiden seiner Gemahlin hörte und ein gequälter Schimmer überzog seine grauen Augen.“

Das erfährt man dann auf Seite drei, obwohl ihre Schreie schon im ersten Satz durch das Schloss ziehen (nicht etwa hallen oder gellen). Für meinen Fall finde ich diese Reihenfolge ebenso seltsam, wie die späte Vorstellung der beiden Charaktere. Sogar der vorherige Eigentümer der Ork-Rüstung hatte noch vorher einen Namen. Man fragt sich unwillkürlich, wer hier wichtiger ist.

Nebenbei bewegt den König aber auch der Ausgang der Geburt, denn die Königin ist „nicht mehr die Jüngste“ und die Ärzte haben mitgeteilt, dass dies die letzte Chance auf einen Thronfolger sei. Dementsprechend teilt der König seinem Bruder mit:

„Das Schicksal hat es nicht gut mit mir gemeint. Alle unsere Söhne starben schon im Kindbett.“

Abgesehen von der Ich-Bezogenheit im ersten Satz, stört auch hier wieder die ungenaue Sprache: Auch wenn ein Kind kurz nach der Geburt stirbt, sagt man nie, es sei im Kindbett* gestorben. Der Begriff bezieht sich immer nur auf die Mutter. Das nervigste ist aber, dass er total unglaubwürdig ist. Für den König gab es keinen Grund, seinem Bruder zu sagen, dass die Kinder früh gestorben sind – das wusste der Bruder (wie der König wusste) sehr gut. Tatsächlich richtet sich dieser Satz auch gar nicht an den Bruder, sondern an den Leser. Aber Dialoge in dieser Weise zur Informationsweitergabe zu nutzen, ist einfach plump.
Richtig geärgert habe ich mich aber erst, als der König später auch der Amme mitteilt, die seine Kinder aufgezogen hat:

„Alle männlichen Knaben vor ihm starben schon im Kindbett.“

Für wie blöd muss der sie halten? Und vor allem: Für wie dumm hält der Autor seine Leser, wenn er meint, das innerhalb weniger Seiten fast wörtlich wiederholen zu müssen?

Und welcher Lektor hat den Pleonasmus durchgehen lassen? Oder diese Kindbettgeschichte? Ganz zu schweigen von einer missratenen Überleitung, von der Geburt zur Beerdigung, die dazu führt, dass die Beerdigung zwei Tage vor der Geburt stattgefunden haben müsste. Wieso hat sich niemand gefragt, warum die angeblich so geliebte Königin nie beim Namen, sondern nur in ihren verschiedenen Funktionen benannt wird?

Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, das Buch nicht zu harsch zu beurteilen. Ich habe es sogar nach längerer Pause noch mal in die Hand genommen und weiter gelesen, nachdem mir im Krankenhaus der Lesestoff ausgegangen ist. Aber auf die hektische Aktivität am Anfang folgt Langeweile. Selbst die Verschleppung des Prinzen in die Sklaverei ist nicht viel mehr als eine Aufzählung von Orten und Namen, unterbrochen von gelegentlichen Peitschenhieben. Ich mag nicht mehr.

Vielleicht liegt es an mir. Immerhin ist Rainer Wekwerth mehrfach ausgezeichneter Verlagsautor; das Flüstern des Windes läuft bei Amazon unter Top Fantasy und hat 29 überwiegend sehr gute Bewertungen. Die Rezensenten benutzen zur Beschreibung Worte, wie wunderbar, fesselnd, spannend und lebendig – offenbar gibt es also Leser, die genau so etwas schätzen. Und wie gesagt, sind auch unter meinen Bekannten einige, die Wekwerth sehr loben.

Und trotzdem: Nach meiner eigenen, höchst unmaßgeblichen Meinung ist dieses Buch hingeschluderter Mist.


*Kindbett ist die Schonzeit für die Wöchnerin nach der Geburt, siehe Wikipedia. Damit nicht zu verwechseln ist der Tod im Kinderbett.

ausgelesen: Das Nibelungenlied

Natürlich kann man sich fragen, ob es sinnvoll ist, ein vor 800 Jahre geschriebenes Buch zu besprechen, das außerdem immer wieder als das deutsche Nationalepos bezeichnet wird. Meiner Meinung nach, ist das Erste kein Hinderungsgrund und das Zweite eher ein Argument, den Inhalt genauer unter die Lupe zu nehmen. Goethe selbst prognostizierte, dass der Text noch Jahrhunderte später die Gemüter beschäftigen würde (behauptet jedenfalls der Klappentext).

Wenn er das tatsächlich gesagt hat, gebe ich ihm recht. Das Nibelungenlied ist auch heute noch eine großartige Geschichte voller Gewalt, Intrigen, Verrat und unsterblicher Liebe. Nur die Form ist etwas ungewöhnlich. Aber daran gewöhnt man sich.

Und warum Nationalepos?

Eine gute Frage, die ich mir beim Lesen auch immer wieder gestellt habe. Grob zusammengefasst und auf moderne Begrifflichkeiten gebracht, geht die Geschichte nämlich so:

Worms und Umgebung wurde von den Burgundern regiert. Nomineller Chef war der König, Gundahar oder etwas einfacher: Gunther. Tatsächlich hatte aber sein oberster Berater, Hagen, das sagen. Ein Mann über dessen Herkunft nichts bekannt ist (nur, dass er eben kein Burgunder war) und der seinen Rang seiner Klugheit und Gerissenheit verdankte.
Gunther hatte außerdem noch zwei Brüder (Gernot und Giselher) die für die Geschichte aber keine Rolle spielen und eine Schwester, Krimhild.
Krimhild war nicht sonderlich klug, aber wunderhübsch und auch sonst ein nettes Mädchen. Nur mit Männern hatte sie nichts am Hut, denn sie hatte einen dummen Traum gehabt und seitdem wusste sie, dass sie entsetzlich leiden würde, wenn sie sich je verliebte.
So lebten sie glücklich und zufrieden, bis eines Tages eine Horde Hooligans in den Hof geritten kam. Ihr Anführer, Sigfrid von Xanten wurde seinem schlechten Ruf auch gleich gerecht, indem er Gunther zubrüllte: „Du komm runter da, Alda, ich mach dich Krankenhaus!“ Was man als Hool in solchen Situationen eben brüllt.
Aber dann sah er Krimhild und wurde plötzlich ganz friedlich. Sigfrid war vielleicht nicht die größte Leuchte im Kandelaber, aber sogar ihm war vermutlich klar, dass es nicht der beste Weg in das Herz einer Frau ist, erst ihren Bruder umzubringen. Und er wollte Krimhild. Mehr als alles andere.
Von dem Moment an waren Sigfrid und Gunther (der niemandem böse sein konnte) die besten Freunde – sehr zum Missfallen Hagens, der jetzt zwei Trottel unter Kontrolle halten musste, was natürlich schief ging. Gunther und Sigfrid schlossen nämlich einen Pakt: Wenn Sigfrid Gunther half, Brunhilde, die schöne Königin von Weit-Weit-Weg zu heiraten, sollte er als Belohnung Krimhild heiraten dürfen. Auf Brunhilde war Gunther nämlich schon lange scharf. Nur traute er sich nicht, ihr einen Heiratsantrag zu machen, denn Brunhilde hatte an die Heirat gewisse Bedingungen geknüpft und wer die nicht erfüllte musste sterben.
Sigfrid fand den Vorschlag fair und sagte seine Hilfe zu. Dass er mit Brunhilde so gut wie verlobt war, fand er nicht so erwähnenswert. Kurze Zeit später brach man nach Weit-Weit-Weg auf. Sigfrid hielt sein Versprechen und brachte Brunhilde mit ein paar magischen Tricks zu der Überzeugung, Gunther wäre sein Chef und vor allem stärker als er und damit der viel bessere Ehemann.
Dummerweise war Brunhilde nicht blöd und durchschaute die Intrige, als sofort nach der Rückkehr die Verlobung von Sigfrid und Krimhild bekannt gegeben wurde. Es war aber auch nicht sehr subtil von Sigfrid, bei der Hochzeitsfeier aufzustehen und zu Gunther zu sagen: „So, Bro, ich hab dir geholfen, nun bist du dran!“
Danach war Brunhilde ziemlich angefressen, weshalb die Hochzeitsnacht für Gunther zu einer sehr unerfreulichen Angelegenheit wurde. Trotzdem hätte sich die Sache mit der Zeit vielleicht eingerenkt, wenn sich Gunther nicht am nächsten Tag bei Sigfrid ausgeheult hätte. Der versprach wieder seine Hilfe und so kam Gunther am Ende zu dem, was er für sein eheliches Recht hielt. Was genau sich abspielte, ist nicht ganz klar, aber in jedem Fall war es übel für Brunhilde, die sich nun nur noch damit trösten konnte, wenigstens die Frau vom Chef zu sein.
Bis ihr aufging, dass Sigfrid nichts für Gunther tat und auch keine Abgaben zahlte. An diesem Punkt wäre es gut gewesen, wenn sie sich mit Hagen beraten hätte, aber auf die Idee kam sie nicht. Statt dessen lud sie Sigfrid und Krimhild zum Familientreffen ein. Dabei eskalierte der Versuch, Krimhild auszuhorchen. Krimhild pachte Beweise aus, dass nicht nur Gunther keineswegs Sigfrids Chef war, sondern Brunhilds Ehe vermutlich ungültig und ihr Sohn eventuell sogar Sigfrids Bastard war.
Natürlich versuchte Brunhilde zu retten, was zu retten war. Aber das einzige, was geholfen hätte, wäre ein öffentlicher Widerruf von Sigfrid gewesen und der sagte nur: „Nö!“, während Gunther tat, was er am besten konnte, nämlich nichts. An seiner Stelle handelte Hagen und am Ende war Sigfrid tot. Die Situation schien bereinigt.
Nur Krimhild reagierte nicht, wie erwartet. Statt mit der Leiche nach Xanten zu den Schwiegereltern zu entschwinden, nahm sie sich ein Haus in Worms und fing an, nach Auftragskillern zu suchen. Als der Plan fehlschlug, suchte sie Verbündete im Ausland und fand Attila, den König der Hunnen. Der hatte keine Ahnung, dass er Mittel ihrer Rache sein sollte, sondern meinte, eine gute Partie zu machen. Er hatte zwar ein halbes Weltreich erobert, aber noch nicht gesichert und Krimhild hatte Verbindungen und sah immer noch fantastisch aus. Auch Gunther fand das eine prima Idee, um seine Schwester auf andere Gedanken zu bringen und so zog Krimhild ab nach Ungarn.
Der Rest ist bekannt: Es gab noch ein weiteres Familientreffen, das nur Attila überlebte.

Wenn das das deutsche Nationalepos sein soll, dann wäre das mehr Selbstironie, als ich meinen Landsleuten zutraue. Intelligent handeln hier vor allem die „Ausländer“, d. h. Hagen, Brunhilde und Attila (letzerer zeichnet sich außerdem durch eine anachronistisch anmutende Aufgeklärtheit hinsichtlich der Religion aus) und ausgerechnet der deutsche Held Sigfrid erscheint als hirnloser (wenn auch manchmal lieber) Muskelberg, der die Hose nicht zulassen kann.

Mein Fazit:

Nationalepos? Nein. Lesenswert? Auf jeden Fall!

Ausgelesen: Der Mitternachtspalast

Als Baby wird Ben im Waisenhaus von Kalkutta abgegeben, obwohl noch mindestens ein Mitglied seiner Familie lebt. Seine Identität wird weisungsgemäß vor ihm und dem Rest der Welt geheimgehalten, bis sich um seinen 16. Geburtstag herum die Ereignisse überschlagen. Weiterlesen „Ausgelesen: Der Mitternachtspalast“

Rezensieren – ja oder nein?*

Vor ein paar Tagen lief eine Aktion, bei der aufgerufen wurde, mehr Rezensionen zu schreiben. Grundsätzlich eine gute Sache. Als Käuferin freue ich mich über Rezensionen, weil sie mir bei der Auswahl helfen. Die Argumentation im Aufruf ging aber weiter. Auch wir Autorinnen würden sich über Rezensionen freuen, hieß es da. Nicht nur, weil sie auf unsere Bücher aufmerksam machen, sondern auch, weil sie uns helfen, uns weiter zu entwickeln.

Aber stimmt das?

Ich weiß von einem Fall, wo eine Bloggerin sogar von einem Kleinverlag abgemahnt wurde, weil dem Verlag die Rezension nicht passte. Erst hieß es, ihre Rezension sei eine Schmähkritik gewesen, dann, sie habe den Plot gespoilt.
Eine derart extreme Reaktion dürfte zwar die absolute Ausnahme sein, aber trotzdem … Freut man sich als Autorin wirklich, wenn das eigene Buch öffentlich verrissen wird? Wenn ich an meine eigenen Reaktionen auf Kritik denke, habe ich da meine Zweifel. Und das, was andere Kolleginnen von sich geben, bestätigt diese Zweifel. In vielen Schreib-Communities herrscht sogar die mehr oder weniger stillschweigende Übereinkunft: „Wir haben uns alle lieb und kritisieren uns nur ganz ganz vorsichtig.“ Man lobt, was die anderen geschrieben haben und wird im Gegenzug selber gelobt. In einigen Fällen ähneln die Diskussionen einer Schlacht mit rosa Wattebäuschchen. Und das sind rein interne Diskussionen.
Als Marketinginstrument finde ich das gegenseitige Lob sogar sinnvoll. Natürlich will ich Kolleginnen unterstützen (und hoffe auch selbst auf Unterstützung) Aber immer?

Was, wenn mir etwas gar nicht gefällt, so wie das Buch, das ich gerade angefangen habe? Der Klappentext klang nett, das Teil hat bei amazon immerhin 4 Sterne (bei 48 Bewertungen). So schlecht kann es also eigentlich nicht sein, oder?
Doch, ich finde schon. Stilistisch ist es unbeholfen, die Beschreibungen sind oberflächlich, die Motivation der Figuren ist flach und entsprechend handeln sie.
Ich glaube nicht, dass sich die Autorin freuen würde, wenn ich in einer Rezension schreiben würde, dass ich ihr Buch aus diesen Gründen nicht weiterlesen werde. Erst recht nicht, wenn ich das durch Zitate belege. Andererseits kann ich auch nicht guten Gewissens schreiben, dass ich das Buch ganz toll gefunden hätte.

Jetzt kann man natürlich sagen: „Dann schreib eben nur über Bücher, die dir gefallen haben.“ Genau das empfehlen z. B. die Schreibdilettanten in Folge 218, in der es um Rezensionen geht. Sie gehen sogar noch weiter, indem sie sich einig sind, dass man keine Wertung unter 4 Sternen vergeben sollte.
Mit dem ersten Teil kann ich noch leben. Aber die Einschränkung, nie weniger als 4 Punkte zu geben, geht mir dann doch zu weit. Es gibt Bücher, die sind ok. Man liest sie, ohne wirklich abzutauchen und weiß am Ende schon, dass die Geschichte keine bleibende Erinnerung hinterlassen wird. In einer Rezension würde ich dafür 3 Punkte/Sterne/Blümchen/wasauchimmer geben.Dann gibt es Bücher, die nehmen mich gefangen (wie Blut gegen Blut, über das ich kürzlich gebloggt habe) und solche, die mich restlos begeistern (wie z.B. der Name des Windes). Soll ich die alle gleich bewerten? Über das, das mir nur so la-la gefallen hat, gar nicht schreiben? Oder 4 Punkte geben, obwohl …?

Die Antwort auf die letzte Frage ist eindeutig: Nein. Da hätte ich ein Problem mit der Ehrlichkeit. Genau genommen finde ich es schon schwierig, die Bücher auszulassen, die mir nicht gefallen. Wenn alle nur Positives schreiben, führt das nämlich nicht nur das Argument ad absurdum, die Autorin könne daraus lernen und die Lesermeinung abschätzen. Es macht es auch der Leserin unmöglich, die Qualität eines Buchs vorab einzuschätzen, weil nicht das beste Buch die meisten Stimmen bekommt, sondern das, dessen Autorin am besten vernetzt ist und die meisten Freundinnen, Kolleginnen usw. mobilisieren kann, für ihr Buch zu stimmen. Das einzige Mittel dagegen – und ich sage es nur ungern – sind die Argumente derjenigen, denen es nicht gefallen hat.

Also doch ehrliche Rezensionen – auch auf die Gefahr hin, sich damit unbeliebt zu machen? Oder lieber gemocht und unterstützt werden und dafür die Klappe halten, wenn einem etwas nicht gefällt? Oder, als Mittelweg: Nur über das Bloggen, was gefiel und negative Rezensionen ausschließlich bei den Anbietern (also Buchhandelsseiten, Amazon) veröffentlichen?
Was meinst du?


*heute mal alles in der weiblichen Form, weil ich ausprobieren wollte, wie sich das anfühlt. Aber selbstverständlich sind immer auch Männer mitgemeint, wenn von Autorinnen, Bloggerinnen etc. die Rede ist.

Rezension: Blut gegen Blut

Blut gegen Blut von Benjamin Spang ist ein düsteres Steampunk – Dark Fantasy Crossover. Im Land Nuun kämpfen drei Völker gegeneinander: Vampire, Werwölfe und Menschen. Die junge Mechanikerin Katrina wird in diesen Krieg hineingezogen, als sie sich der Doppelmond-Agentin Helena anschließt, um ihre Mutter von einer entsetzlichen Fehlentscheidung zu bewahren. Und plötzlich sind alle hinter ihr her: Die Inquisition, Werwölfe und ein Blutmagier der Vampire.

An dem Roman fällt als erstes auf, dass – obwohl von einem Mann geschrieben – die weiblichen Charaktere deutlich dominieren. Bis auf den Blutmagier tauchen Männer nur als Nebenfiguren und Platzhalter auf. Und noch etwas fällt auf: Keine dieser Frauen macht sich je Sorgen über ihre Figur, den Sitz ihrer Frisur oder ähnliches. Sie sind viel zu beschäftigt, zu tun was getan werden muss.
Ich weiß von beiden ehrlich gesagt, nicht mal die Augenfarbe und fand das einen sehr angenehmen Kontrast zum Mainstream, wo es Konsens zu sein scheint, dass eine Frau einen Mann (oder Vampir) zum Anschmachten braucht. Einen Moment lang dachte ich, dass auch Benjamin Spang es versemmelt hätte, indem er dieses Klischee bedient – aber nein. Die Geschichte nimmt dann eine ganz andere, unerwartete Wendung.

Auch sonst ist die Handlung von Blut gegen Blut wendungs- und abwechslungsreich. Die Vampire stehen deutlich mehr in der Tradition von Dracula, als der Biss-Romane und die Werwölfe haben mit einigen Überraschungen aufzuwarten. Der Logikfehler, der den Blutmagier zur Handlung motiviert, hat zum Glück keine Auswirkung auf die Glaubwürdigkeit des Plots.

Auch, wenn es vielleicht nicht das ganz große Kino ist, hat mir Blut gegen Blut Spaß gebracht und mich ein paar Stunden lang wirklich gut unterhalten.