Die Flut

Ein Märchen

Es war einmal, vor langer Zeit, da lebte ein König in seinem Schloss, hoch über dem Meer. Oft stand er auf den Zinnen des Nordturms, sah hinaus auf die rollende See, zählte die Segel seiner Handelsflotte und der vielen kleinen Fischerboote. An anderen Tagen erfreute er sich vom Südturm aus am Anblick des fruchtbaren Lands zu seinen Füßen. Wälder wechselten sich dort mit Wiesen, Weiden und wohlbestellten Felder. Dazwischen lagen Dörfer und kleine Städte. Der König sah es mit Wohlgefallen.
So vergingen Wochen, Monate und Jahre. Das Land gedieh, das Volk war zufrieden und alles war gut.

Doch dann, eines Tages geschah es, dass die Oberste Seherin vor den König trat und sagte: „Hört mich an, Majestät! Das Reich ist in Gefahr. Die Berechnungen haben ergeben, dass uns eine Flut nie gekannten Ausmaßes droht. Lasst unverzüglich die Deiche erhöhen und die Hafentore schließen.“
Bevor der König antworten konnte, mischte sich sein ältester Sohn, Prinz Beilfried ein. „Es liegt mir fern, an Eurer Weisheit zu zweifeln Hochehrwürdige“, sagte er. „Aber wenn wir jetzt die Hafentore schließen, wird unsere Handelsflotte nicht mehr ausfahren können. Also lasst uns nichts überstürzen, sondern abwarten. Wenn es wirklich so kommt, wie ihr sagt, sind die Tore schnell geschlossen.“
„Auch lassen sich die Deiche nicht so einfach erhöhen“, sprach des Königs älteste Tochter, Prinzessin Irmengarda. „Wo sollten wir den Sand hernehmen und die Arbeitskräfte? Gerade wird jede Hand auf den Feldern gebraucht, um zu pflügen, zu eggen und um die Saat auszbringen!“
„Es wird keine Ernte geben, wenn Ihr nicht handelt“, prophezeite die Oberste Seherin düster. „Das Meer wird sich das Land holen, bis allein der Felsen übrig ist, auf dem dieses Schloss erbaut wurde.“
„Nun übertreibt Ihr aber!“, protestierte Prinz Lodegar, der den Beinamen „der Fromme“ trug. „Der Herr der Meere und die Herrin der Winde sind uns wohlgesonnen, seit wir ihre Namen in Ehren halten und alle Opfer zu den vorgeschriebenen Zeiten erbringen. Nie würden sie uns schaden!“
Der König wiegte sein Haupt und strich sich über seinen Bart. Er wollte weder die Warnung der Obersten Seherin in den Wind schlagen, noch seinen Kindern widersprechen, deren Einwände ihm ebenfalls begründet erschienen.
„Was ziehst du für ein ernstes Gesicht, lieber Vater?“, erklang da die liebliche Stimme von Prinzessin Leontine, seiner jüngsten Tochter. „Dazu noch an einem so schönen Tag wie heute. Stell’ dir vor: Als ich eben in den Hof treten wollte, geriet ich ins Stolpern und noch während ich mich zu fangen versuchte, klatschte neben mir ein Vogelsch…“ Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund, als wolle sie das unfeine Wort zurückdrängen. Dann aber fuhr sie lachend fort: „Man sagt, es bringe Glück, nicht wahr? Aber ich finde, dass ich schon Glück hatte, von dem Batzen nicht getroffen worden zu sein. Meinst du nicht auch? Mein Kleid wäre verdorben gewesen und damit auch der ganze Tag!“ Sie ergriff die altersfleckige Hand des Königs und küsste sie. „Und da mein Tag gerettet ist, ist es deiner auch. Egal, was auch immer diese hässliche alte Krähe dort sagt! Mit deiner Erlaubnis werde ich sie herausbefördern.“ Und ehe der alte König etwas sagen konnte, hatte sich die Prinzessin schon der Obersten Seherin zugewandt. „Schusch!“, machte sie und wedelte mit den Armen. „Mach, dass du wegkommst!“
Nun liebte der König unter all‘ seinen Kindern ausgerechnet seine jüngste Tochter am meisten, auch wenn er diese Zuneigung nicht einmal sich selber eingestand. Sie mochte im Kopf nicht die Hellste sein, aber sie hatte so ein sonniges Gemüt, dass er ihre Unarten oft und gern verzieh. Doch dieses Mal ging ihr Verhalten zu weit, deshalb tadelte er sie scharf und befahl ihr, sich bei der Obersten Seherin zu entschuldigen. Nachdem das geschehen war, ergriff er selber das Wort und bedankte sich bei der Obersten Seherin für ihre frühzeitige Warnung. „Ihr sollt wissen, dass ich dies sehr ernst nehme. Wenn eintrifft, was Ihr sagt, stehen wahrlich schlimme Zeiten bevor! Jedoch kann kein König es sich leisten, nur auf eine Meinung zu hören“, fuhr er fort. „Ihr selber habt gehört, was meine Kinder vorzubringen hatten. Und wenn ich Eure Warnung gegen ihre Einwände abwäge, ist festzustellen, dass es nur eine Stimme für das Schließen der Tore und das Erhöhen der Deiche gibt, hingegen aber vier dagegen.“
„Die kommende Flut sind Mehrheiten egal“, entgegnete die Seherin. „Wenn Euch euer Volk und Euer Land am Herzen liegt, müsst ihr jetzt handeln!“
Doch nichts vermochte, den König umzustimmen. „Ihr habt Eure Pflicht getan und mir Eure Bedenken vorgetragen. Aber es ist an mir zu entscheiden, wie ich mit solchen Warnungen umgehe, Hochehrwürdige.“ Ein harter Ton schlich sich in seine eben noch sanfte Stimme. „Und meine Entscheidung steht fest. Ihr könnt gehen.“

Sieben Wochen später, als schon niemand mehr an die Prophezeiung dachte, stieg die Flut. Drei Tage rollte sie gegen die Deiche und brandete gegen die hastig geschlossenen Hafentore. Als sich das Wasser endlich zurückzog, hatte das Meer ein Viertel des Landes verschlungen.
Nun war die Bestürzung groß. Noch größer aber wurde sie, als die Oberste Seherin erneut vor den Thron trat und sagte, dies sei nicht die eigentliche Katastrophe gewesen. „Ihr müsst die Deiche erhöhen lassen, Majestät!“, mahnte sie eindringlich.
„Wozu den Aufwand?“, widersprach Prinz Beilfried. „Wegen ein bisschen Küste? Was ist denn schon passiert, außer dass paar Steine ins Meer gestürzt sind? So etwas ist in der Vergangenheit passiert und es wird wieder geschehen. Kein Grund, sich deshalb Sorgen zu machen!“
„Das Meer wird sich noch weit höher erheben“, prophezeite die Seherin. „Glaubt mir Majestät: Ihr müsst die Deiche erhöhen. Eure Hafentore sind stark, sie werden widerstehen. Aber das alles nützt nichts, wenn Eure Deiche zu schwach sind. Daher dürft nicht untätig bleiben, sonst wird sich das Meer Euer Land holen, bis nur noch der Felsen übrig bleibt, auf dem Euer Schloss erbaut ist.“
„Deiche lassen sich nicht so einfach erhöhen“, erklärte Prinzessin Irmengarda. „Ich dachte, diesen Punkt hätten wir bereits geklärt! Außerdem haben unsere Deiche bisher immer gehalten – selbst beim großen Sturm vor 100 Jahren. Es gibt wirklich gar keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie auch dieses Mal widerstehen werden.“
Der König wiegte sein Haupt und strich über seinen Bart. Die Worte der Obersten Seherin hatten ihn beunruhigt. Aber sie ging zu weit, ihn so zu bedrängen! Sie hätte ihm die Entscheidung überlassen sollen, was zu tun sei. Alles andere untergrub seine Autorität. Wenn er tat, was sie empfahl, würde es in den Augen seiner Kinder und des Volkes wirken, als hätten ihre Worte ihm Angst eingejagt. Das war nicht falsch, aber als Regent durfte er diese auf keinen Fall zeigen. Er musste die gleiche Gelassenheit und Ruhe ausstrahlen, wie Prinzessin Irmengarda und gleichzeitig entschlossen und tatkräftig wirken. Was also tun?
Noch während er nachdachte, betrat Prinzessin Leontine den Raum. Sie war in Begleitung eines hochgewachsenen, schlanken Mannes, dessen rollender Gang ihn als Seemann auswies. „Das, Papa, ist Kapitän Pequod. Ich habe ihn auf dem Ball neulich kennengelernt und als ich sah, dass die alte Krähe“, sie streckte der Obersten Seherin die Zunge heraus, „wieder da ist, habe ich beschlossen, ihn mitzubringen. Er kann dir sagen, wie es auf dem Meer wirklich aussieht!“
Der Kapitän verbeugte sich schneidig, bevor er zu erzählen begann. Er befehlige einen großen Frachter, der auf der Südroute eingesetzt sei. Den Sturm habe man aufziehen sehen, aber trotz anfänglicher Besorgnis sehr gut überstanden. „Das Wesentliche ist jedoch, dass diese Überschwemmung etwas Einmaliges war“, versicherte er. „Das Meer ist wieder vollkommen friedlich. Es wird keine Fluten wie diese mehr geben.“
Seine Worte erfüllten den König mit großer Erleichterung, auch wenn eine leise Stimme ihm zuflüsterte, dass eine Zufallsbekanntschaft einer seiner Töchter vielleicht nicht der beste Gewährsmann wäre und es daher besser sei, auf die Warnungen und Ratschläge der Obersten Seherin zu hören. Um diese lästige Stimme zum Verstummen zu bringen, aber auch, um allen zu zeigen, dass immer noch er es war, der die Entscheidungen traf, ordnete der König an, dass dennoch Maßnahmen zur Vorsorge getroffen werden sollten. „Die Geschichte lehrt uns, dass es immer wieder zu Fluten kommt“, sprach er gravitätisch. „Daher wäre es fahrlässig uns nicht zu wappnen, wenn wir schon gewarnt werden.“ Andererseits bestehe kein Anlass, die Dinge zu überstürzen, fuhr er fort. Unmittelbare Gefahr drohe nicht, darauf hätten sowohl der Kapitän als auch Prinzessin Irmengarda hingewiesen. Er habe daher beschlossen, eine Kommission einzuberufen. „Sie wird eine Untersuchung der Deiche einleiten und danach entscheiden, in welchem Maße eine Verstärkung notwendig ist und Empfehlungen erarbeiten, in welcher Reihenfolge sie vorgenommen werden sollte.“ So bald die Ergebnisse vorlägen, werde man darüber beraten, welche Mittel dafür bereitgestellt werden müssten, um dann unter Abwägung der anfallenden Kosten zu einer endgültigen Entscheidung zu gelangen.
„Das ist zu spät“, rief die Oberste Seherin. „Viel zu spät! Euch mag das Meer ruhig erscheinen, Majestät, aber ich sage Euch: Die Flut kommt!“

Doch wie schon beim ersten Mal, hörte auch jetzt keiner auf sie. Daher war niemand vorbereitet, als das Meer wieder stieg.
„Noch könnt Ihr etwas unternehmen, Majestät!“, drängte die Seherin. „Lasst Eure Bauern Erde in Säcke füllen und auf die Deichkronen legen. Das wird uns Zeit verschaffen, Mensch und Vieh von der Küste auf die Hügel im Süden zu bringen.“
„Wo kommen wir hin, wenn wir wahllos Löcher graben lassen!“, rief Prinz Beilfried. „Am Ende fällt noch jemand hinein und verletzt sich.“
Auch Prinzessin Irmengarda zeigte sich entsetzt. „Wir können die Menschen nicht einfach von der Küste wegbringen“, erklärte sie. „Sie werden hier gebraucht. Wer soll sich dann um die Felder kümmern? Zudem steht die Schafschur bevor. Wir können es uns nicht leisten, eins davon zu vernachlässigen! Wie soll das Königreich prosperieren, wenn wir keine Wolle für den Handel und kein das Getreide als Nahrung haben?“
Die Oberste Seherin wollte einwenden, dass es kein Königreich mehr geben werde, wenn nicht unverzüglich Maßnahmen getroffen würden, wurde aber sofort von Kapitän Pequot unterbrochen, der darauf hinwies, dass das Meer immer wieder mal steige. „Das nennt sich Tidenhub, Verehrteste!“
Sie sei mit dem Wechsel der Gezeiten vertraut, besten Dank auch, wollte die Oberste Seherin erwidern, wurde jedoch von einer Handbewegung des Königs zum Schweigen gebracht. „Wir sollten uns nicht aus Furcht zu überstürztem Handeln hinreißen lassen“, sagte er. „Die Kommission tut ihre Arbeit. Sie wird zu gegebener Zeit ihre Ergebnisse vorstellen. Bis dahin sind wir alle sicher.“
Damit beendete er die Audienz, denn er war der vielen Stimmen müde. Trotzdem stand er an diesem Tag lange an seinem Ausguck auf dem Nordturm. Das Meer glitzerte blau und silbern zu seinen Füßen. Die Sonne hüllte ihn in wohlige Wärme. Alles war gut. Er hatte entschieden. Sein Herz füllte sich mit Ruhe.
Doch in der Nacht kam erneut Sturm auf. Das aufgewühlte Wasser stieg und hörte nicht auf zu steigen. Drei Tage brandete das Meer gegen die Deiche und schwappte über die Kronen. Am vierten Tag brach es durch. Schlammfluten überrollten die Felder und die panisch gen Süden fliehenden Menschen. Sieben Tage dauerte der Sturm. Als er sich endlich legte, gab es keine Deiche mehr und das Königreich war um ein weiteres Drittel kleiner geworden. Nur die Hauptstadt hatte die Überschwemmung weitgehend unbeschadet überstanden, weil der Hafenmeister vorsorglich die Hafentore geschlossen hatte.

Das Entsetzen im Königreich war groß. Der König rang verzweifelt die Hände, während Prinz Lodegar im Thronsaal auf und ab stolzierte und laut ausrief, das alles sei eine Strafe der Götter dafür, dass man dem Herrn des Meeres und der Göttin des Windes nicht ausreichend gehuldigt habe. „Ein kleines Opfer – wäre das etwa zu viel gewesen? Aber statt sich ihrer Gunst zu versichern, haben wir uns von ihnen abgewandt. Statt uns in ihre Hand zu begeben, haben wir uns abgewandt und wollten Deiche errichten, die sie ausschließen.“ Er stemmte die Hände in die Hüften und blieb vor Prinzessin Irmengard stehen. „Ist es da ein Wunder, dass sie uns dann erst recht ihre Macht spüren lassen?“, fragte er herausfordernd.
„Die Götter sind mir gerade ziemlich egal“, erwiderte sie. „Aber die Wirtschaft! Wie sollen wir noch Handel treiben, nachdem das Meer Land, Vieh und Ernte weggerissen hat?“ Sie seufzte tief. „O Vater, was sollen wir nur tun?“
Der König aber wusste auch keinen Rat.
„Was macht ihr alle für ernste Gesichter“, ertönte da von der Tür her die Stimme der Prinzessin Leontine. „Die Gefahr ist vorbei. Kapitän Pequot hat gesagt, es wird keine weitere Welle mehr kommen! Draußen scheint die Sonne und das Meer glitzert herrlich in der Sonne!“ Sie machte ein paar fröhliche Tanzschritte auf den Thron zu. „Komm mit mir Vater! Und ihr anderen auch! Ihr müsst mit hinauskommen und es selber ansehen, statt hier drinnen Trübsal zu blasen.“

Aber als sich der König erhob, fand er sich der Obersten Seherin gegenüber. Ungehört und ungesehen hatte sie die große Halle betreten; so unbeachtet, dass es schien, als sei sie dem Boden selbst entwachsen. Ihr Haar war wirr. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und ihre Stimme klang rau und brüchig. „Zwei Mal habe ich Euch gewarnt, Majestät!“, sagte sie. „Zwei Mal ist eingetreten, was ich prophezeite. Wollt Ihr dieses Mal auf mich hören? Es ist noch nicht vorbei. Am siebenten Tag von heute an, wird eine weitere Welle kommen und sie wird gewaltiger sein als beide vorher. Daher rate ich Euch: Schickt alles Volk ins Landesinnere auf die Hügel! Lasst sie das Vieh mitnehmen und Boote. Von ihrem Besitz so viel, wie sie tragen können, doch keine Wagen, denn dafür wird der Platz nicht reichen. Die Stärksten und schnellsten aber sollen aus den Häusern und allem, was darin ist Wälle bauen und Wurten aufschütten. So werdet ihr vielleicht nicht euer Land, aber wenigstens das Volk retten und könnt einen Neuanfang wagen, wenn das Wasser gefallen ist.“ Ihre Stimme brach.
Augenblicklich begannen die Prinzen und Prinzessinnen zu reden.
„Was ist das für ein Unsinn?“, verlangte Prinz Beilfried zu wissen. „Boote ins Landesinnere! Wer hat davon schon einmal gehört?“
„Mensch und Vieh auf die Hügel?“, empörte sich Prinzessin Irmengarda. „Bei aller Ehrbietung Hochehrwürdige, aber das ist ausgeschlossen! Sie werden auch das letzte bisschen Saat zertrampeln.“
„Und wofür? Das ist doch alles Panikmache!“, erklärte Prinzessin Leontine. „Kapitän Peyquot hat genau dargelegt, dass das Meer nicht mehr steigen wird!“
Prinz Lodegar nickte eifrig. „Genau so sehe ich es auch und dafür sollten wir dem Herr des Meeres und der Herrin der Winde Dankbarkeit zeigen. Da trifft es sich gut, dass in genau sieben Tagen das Opferfest ist. Statt das Volk in die Hügel zu bringen, wo es nur alles zerstört, sollten wir dazu aufrufen, an diesem Tag besonders zahlreich an den Strand zu gehen. Nichts verbindet mehr als die Riten. Nichts entschädigt mehr für die Verluste und nichts wird die Götter mehr besänftigen als diese Bestätigung unseres tiefen Glaubens und unserer Verehrung.“
„So schließt wenigstens die Hafentore“, sagte die Oberste Seherin matt. „Vielleicht rettet Ihr dann mit etwas Glück wenigstens noch die Hauptstadt.“
„Die Hafentore schließen?“, schrie Prinzessin Irmengarda entsetzt. „Die Läger sind voll und der Handel ist das Einzige, was uns in unserer Lage noch bleibt.“
„Keinesfalls können wir die Tore schließen“, bestätigte Prinzessin Leontine. „Kapitän Pequot hat heute Morgen Segel gesetzt und wird in sieben Tagen zurückkehren. Auf keinen Fall lasse ich zu, dass er auf dem offenen Meer Anker werfen muss!“
„Ich kann euch nur sagen, was ich gesehen habe“, erwiderte die Oberste Seherin. „Es bleibt Euch überlassen, daraus Schlüsse für Euer Handeln zu ziehen, doch wahrlich, ich sage Euch: Wenn ihr so handelt, wie beabsichtigt, wird von Euch allen nichts bleiben als blanke Knochen. Euer Schloss wird noch eine Weile über dem Meer aufragen. Doch mit der Zeit wird es ebenso zerfallen wie Euer Reich und seine bröckelnden Mauern werden nur noch den Möwen als Wohnsitz dienen. Ihre Schreie werden zwischen den Mauern hallen wie die Schreie derer, die durch Euer Zaudern ertrunken sind.“ Sie warf sich die Kapuze über und schlurfte aus dem Saal.
„Und wenn wir die Tore nur ein Stück weit schließen?“, rief der König ihr nach. „Und fleißig messen?“
Doch er erhielt keine Antwort.

Nachdem die Oberste Seherin den Saal verlassen hatte, begab sie sich zum Hafen, wo sie ein Boot bestieg, das sie in ein fernes Land brachte, in dem sie noch viele Jahre glücklich lebte.
Dem König und seinen Kindern aber war weniger Glück beschieden. Sieben Tage nach Abreise der Obersten Seherin brach die Flut nachts donnernd über das Land herein. Eine Weile hörte man oben im Schloss noch die Schreie der ertrinkenden Menschen und das Brüllen des Viehs. Als sie verstummten, füllten nur das Brausen des Windes und das Tosen der Wogen die Dunkelheit.
Dann folgte Stille. Schwer wie ein bleiernes Tuch lag sie über dem Schloss. Sie erstickte das Schluchzen der Bewohner, die einige Tage, wie hohläugige Geister durch die Räume irrten, bis sie sich, von Durst und Hunger entkräftet, hinlegten, um nie wieder aufzustehen.

So erfüllte sich die Weissagung der Seherin. Noch heute steht das Schloss oben auf dem Felsen, hoch über dem Meer. Es ist schwer zu erkennen, denn seine Mauern sind längst zerfallen. Nur Wind und Möwen hausen dort – aber die Fischer, die sich wieder in diese Gegend wagen, schwören, gelegentlich die Geister der Ertrunkenen schreien zu hören.

Klippen im Meer
Photo by Valeriia Miller on Pexels.com

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