Ruhm ist nicht genug,

Heute ist mal wieder einer dieser Tage, an denen ich mich frage, warum ich mir das eigentlich antue. Zu Schreiben, meine ich.

Als ich anfing, hätte ich die Antwort problemlos geben können: Natürlich wollte ich davon leben. So wie andere davon leben, Brötchen oder Klamotten zu verkaufen, Zähne zu richten oder Kindern etwas beizubringen, wollte ich von Buchstaben leben. Genau genommen, träume ich immer noch davon. Aber wenn man sich die Zahlen anguckt …


2010 verdienten die bei der Künstlersozialkasse versicherten Schriftsteller:innen durchschnittlich 13.588 Euro. Im Jahr. Auf einen Monat gerechnet sind das 1.132 Euro.* Brutto. Dabei wäre es schon netto nicht viel. Dazu kommt, dass sich in der Künstlersozialkasse die „Besserverdienenden“ sammeln. Unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze kommt man nämlich gar nicht rein. Es darf also davon ausgegangen werden, dass das tatsächliche Durchschnittseinkommen der Schreibenden noch geringer ist.

Finanziell lohnt sich das Schreiben absolut nicht.

„Aber du schreibst doch nicht nur für …“
„Man darf doch nicht alles unter monetären Aspekten …“
„Geld ist nicht alles. Mir ist wichtiger, gelesen zu werden!“

Gerade den letzten Satz unterschreibe ich sofort. Mir ist wichtiger gelesen zu werden, als den großen Reibach zu machen. Mir liegt nichts am Jet-Set. Ich brauche keine Champagnerempfänge, keine Yacht und schon gar keine Bäder in Eselmilch. Aber Miete, Renten- und Krankenversicherung zahlen zu können und trotzdem Geld für Klamotten und für einen gelegentlichen Besuch in Schwimmbad, Museum oder Kino zu haben, wäre schon schick.

Dabei ist es auch egal, ob mir das Schreiben Spaß macht. Was wäre das auch für eine Bemessungsart? „An diesem Buch habe ich endlos gesessen – es hat wirklich gar keinen Spaß gemacht“, wäre damit ein Argument viel Geld dafür zu bezahlen, während „diese Geschichte! Ich habe so viel Freude damit gehabt. Die Worte sind mir nur so aus der Feder geflossen“, gratis zu haben sein müsste? Was für ein hanebüchener Unsinn! Auch Gehalt wird schließlich nicht als Schmerzensgeld bezahlt (auch wenn das bei manchen Jobs durchaus angebracht wäre, aber das ist wieder ein anderes Thema).

„Aber das kann man doch nicht vergleichen!“

Das kann man sehr wohl. Schreiben ist Arbeit. Genaugenommen ist es sogar die Art von Arbeit, die üblicherweise gut bezahlt wird, weil sie neben Kreativität und Wissen viel Planung und Ausdauer verlangt. Ein Buch schreibt sich nicht mal eben. Es fertig zu stellen, ist ein langer, fordernder und oft einsamer Prozess. Auch wenn Schreibende untereinander oft sehr kommunikativ sind, ist man beim Schreiben allein mit sich und seinen Gedanken. Nicht nur Stunden oder Tage, sondern oft Jahre. Das lässt sich durchhalten, weil die Arbeit Spaß macht. Manchmal. Manchmal ist es auch die Konfrontation mit eigenen und fremden Abgründen, mit Abscheulichkeiten und Ängsten. Aber das gehört dazu. Außerdem haben wir uns das ja ausgesucht.

Trotzdem bleibt am Ende oft nur Erschöpfung und die Hoffnung, dass dieses Buch, in das wir so viel investiert haben, gekauft, gemocht und weiterempfohlen wird, weil wir alleine von Spaß, Ruhm und Ehre oder was auch immer Schreiben sonst noch bedeutet, nämlich weder unsere Miete, noch Klamotten oder Essen bezahlen können. Und weil es so lange dauert, ein Buch zu schreiben, müssen die Erträge, die dieses eine Buch bringt, uns so weit tragen, dass wir das nächste schreiben und herausbringen können.

Aktuell tut es das nicht. Der Buchmarkt ist kaputt. Die Ursachen davon sind vielfältig. Da sind die Selfpublisher:innen, die ihre Werke zu „Kampfpreisen“ auf den Markt schmeißen, in der vagen Hoffnung, dadurch sichtbarer zu werden, die aber nur das Bild zementieren, dass Bücher, zumal selbst publizierte nichts wert sind. Es sind die Verlage, die Bücherproduktion und -vertrieb vor allem unter Kostenaspekten beurteilen und den Kostendruck an das schwächste Glied der Kette weitergeben: Die Autor:innen. Es sind die Autor:innen, die seufzend akzeptieren, dass man mit Romanen immer weniger und mit kürzeren Formaten sowieso überhaupt gar nichts verdient. Es sind die selbst ums Überleben kämpfenden Buchhandlungen, die zwar mantraartig beklagen, wie schlimm das Aussterben der „kleinen inhabergeführten Buchhandlung“ wäre, aber oft auch bloß Bestseller im Angebot haben und weder der Kundschaft noch den Autor:innen irgendeinen Vorteil bieten. Es sind die Portale, die legalen, wie die illegalen auf denen man Bücher als Print- oder E-Book nahezu zum Nullpreis bekommt, die Leseflatlines, von denen alle profitieren – bis auf die Autor:innen. Es sind nicht zuletzt auch Leser:innen, die Bücher nach dem optimalen Verhältnis von Preis und Gewicht aussuchen.

Ich will nicht jammern. Aber falls du bis hier gekommen bist, bitte ich dich, dir eins klar zu machen: Wir Autor:innen sind nicht nur ein nice to have. Unsere Geschichten sind die Basis fast jeder Form von Unterhaltung die du nutzt. Sie kommen nicht nur als Bücher daher, sondern stecken in jedem Computerspiel, jeder Netflix- oder Amazon-prime-Produktionm und jedem Film. Wir schreiben die Songtexte, Theaterstücke und Drehbücher. Und überall sind wir das schwächste Glied. Das, an dem am Meisten gespart wird. Aber wie heißt es so schön: Jede Kette ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied. Unsere, d. h. auch deine Welt wäre ärmer, wenn dieses schwächste Glied irgendwann wegbricht.
Vielleicht kannst du einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass es nicht so weit kommt.


* Die Zahl ist zwar von 2010, aber leider hat sich in den letzten 10 Jahren daran auch nichts geändert.

Ein Kommentar zu „Ruhm ist nicht genug,

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