Herbstlich-Schaurige Lyrik

Obwohl der IndieBuchtober, die Oktober-Challenge rund um Indie-Bücher immer noch läuft, gibt es hier auch heute keine Buchvorstellung. Ich will aber auch nicht schon wieder nach Empfehlungen fragen. Deshalb wollte ich eigentlich ein passendes Gedicht schreiben.

Aber es ist Corona. Mein Mann macht Home-Office, was bedeutet, dass er mir fast im Wortsinn im Nacken sitzt, weil sein Schreibtisch hinter meinem steht. Außerdem ist er laut. Wenn er nicht gerade in einer Telefonkonferenz sitzt, hält er Selbstgespräche, in denen er das Internet kommentiert, seufzt, hustet, pfeift – und ist ungehalten, wenn ich ihn bitte, das zu unterlassen. Schließlich hat er gar nichts getan. Wenn er nichts zu tun findet und sich langweilt, fängt Unterhaltungen mit mir an.

Ich mag meinen Mann. Sonst wäre das hier vermutlich der Beginn der Chronik eines nicht geplanten Mordes. Aber ich finde es schwierig, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Es ist schon schwer, gute Prosa zu schreiben. Noch schwerer ist es, sich auf gute Prosa zu konzentrieren, wenn die eigenen Gedanken ständig unterbrochen werden. Unter diesen Bedingungen auch noch einen passenden Reim zu finden, ist nahezu unmöglich.

Daher sitze ich immer noch ohne Gedicht da, dafür aber ein fettes Plotbunny auf dem Schoß. Es handelt von ein paar Studenten, die im Suff auf die glorreiche Idee kommen, eine Geisterbeschwörung durchzuführen. In der Nacht von Samhain. Was, wie sie bald erkennen müssen, keine gute Idee war. Das Wesen, das sie auf die andere Seite zerren ist erstens not amused, zweitens sehr hungrig und drittens wenig geneigt, sich wieder zurückschicken zu lassen.
Das klingt nach einer Idee, die ich mir näher ansehen sollte, wenn ich mit dem Werwolfwestern durch bin. Aber bis dahin … Bis dahin geht das Plotbunny zu den anderen, wo es entweder gefressen wird, in Vergessenheit gerät oder weiter Speck ansetzt, um irgendwann in einer Geschichte zu enden.

Das war jetzt sehr prosaisch. Dabei sollte es heute doch lyrisch werden. Nun.

Wenn ich nicht selber dichten kann, hole ich mir Hilfe von einem Klassiker. Die Füße im Feuer von Conrad Ferdinand Meyer bringt mich sehr zuverlässig erst zum Erschaudern und dann zum Heulen.

Ich finde es großartig, wie er erst mit ein paar simplen Worten Bilder von ungeheurer Grausamkeit beschwört, um dann mit einem Akt fast übermenschlicher Selbstüberwindung zu enden. Auch vom Setting her passt es sehr gut in den Herbst. Der Pflug, der die Schollen aufbricht, könnte auch die Stoppeln des abgeernteten Getreides unterpflügen. Das Bild würde thematisch passen.

Die Füße im Feuer
Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann …“

Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!“
„Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!“
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild …
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft …
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiss. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt …
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

„Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sinds … Auf einer Hugenottenjagd …
Ein fein, halsstarrig Weib … ‚Wo steckt der Junker? Sprich!‘
Sie schweigt. ‚Bekenn!‘ Sie schweigt. ‚Gib ihn heraus.‘ Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ‚Gib ihn heraus!‘ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hiess dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.“ –
Eintritt der Edelmann. „Du träumst! Zu Tische, Gast …“

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an –
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: „Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!“ Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? …
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.

Er träumt. „Gesteh!“ Sie schweigt. „Gib ihn heraus!“ Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
„Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!“
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad,
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch,
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug,
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: „Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!“ Der andre spricht:
„Du sagsts! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Gott.“

Conrad Ferdinand Meyer

Alle Aufgaben der IndieBuchtober Challenge auf einen Blick:

01.10.Was lesen im Oktober?16.10.Werwölfe bei Neumond
02.10.Kerze und Buch17.10.Kürbisgemetzel
03.10.Supernatural18.10.Gesucht wird ein Herbstkrimi
04.10.Buch mit Hexen19.10.Buch mit Zombies
05.10.Ach, was gruselt mir!20.10.das allergruseligste Buch
06.10.Ich sehe schwarz21.10.herbstliche/schaurige Lyrik
07.10.blutiges Buch(cover)22.10.liebste*r Horrorautor*in
08.10.Wir gruseln uns weiter23.10.Buch mit Geistern
09.10.Buch mit Vampiren24.10.Buch und Laub
10.10.düsterer Buchtitel25.10.gruseliges Buchcover
11.10.Der Herbst, der Herbst,
der Herbst ist da
26.10.Buch und Schal
12.10.Heißes für die kalte Zeit27.10.schwarz und orange
13.10.Nun schlägt es dreizehn28.10.Buch mit Monstern
14.10.schaurige Kurzgeschichte29.10.Buchtipps für Halloween
15.10.Herbstbuch30.10.liebster Halloweenfilm
31.10.Lieblingsbuch im Oktober

Mehr über den IndieBuchtober findest du auf der Webseite von Indie-Buecher.com.

(Die Titel der kommenden Beiträge können anders lauten.)

2 Kommentare zu „Herbstlich-Schaurige Lyrik

    1. Dann kannst du dein Büro nicht mit einem Bannfluch schützen, der das Betreten nur gestattet, wenn du gerade in der entsprechenden Stimmung bist? Schade! Das wäre durchaus ein Grund, zur Wicca zu konvertieren. ^^
      So überlege ich, ein Schild an die Rückenlehne meines Stuhls zu hängen: Bissig! Nicht ansprechen!

      Gefällt mir

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