Das elende Gefühl

Wer kennt es noch, dieses elende Gefühl, nicht genug zu sein. Versagt zu haben, weil …
Ja, warum eigentlich? Bei mir war es vor einigen Tagen, weil ein Essen, das ich mir sehr lecker vorgestellt hatte, am Ende nur mäßig schmeckte. Dazu kam noch, dass wir dank Corona mehr zuhause hocken und uns wenig bewegen, aber den Tag über die gleichen Essensmengen zu uns nehmen, wie sonst auch. Vielleicht auch ein bisschen mehr. Der Kühlschrank ist schließlich nahe und wer Langeweile hat, neigt zum naschen. Kurz gesagt: Niemand hatte wirklich Hunger. Entsprechend wenig Begeisterung wurde meinem Essen entgegengebracht.

Es war zum Heulen.

Warum ich davon erzähle? Weil sich beim Schreiben ganz oft das gleiche elende Gefühl einstellt, nichts zu können. Nichts zu sagen zu haben. Allenfalls mäßig zu formulieren. Zwischen Youtube, Netflix, Instagram, Spotify und Gaming unterzugehen, weil es 1.001 Dinge gibt, die die Zeit vertreiben und Lesen – na sagen wir: nicht das hippste davon ist.
Wofür schreibe ich dann überhaupt? Für wen?
An manchen Tagen kann ich diese Frage nicht beantworten. Dann komme ich mir unglaublich langweilig vor und meine Werke scheinen mir banal. Vor allem wenn ich mich mit den Kolleg*innen vergleiche, die sich in den sozialen Medien darin überschlagen, sich und andere dafür zu loben, wie ungeheuer mitreißend, progressiv, weird, deep, divers, romantisch oder gruselig sie schreiben. Ich kann diese Begeisterung nicht aufbringen. Weder für meine Geschichten, noch für andere – und wenn mich tatsächlich mal ein Buch mitreißt, dann in der Regel aus ganz anderen Gründen.

Es ist zum Heulen.

Ich habe mich nie als Teil einer Avantgarde oder Elite gefühlt. Ich hatte nie eine Botschaft oder Wahrheiten zu verkünden. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, zu hinterfragen, zu beobachten und zu lernen. Meine Geschichten sollen keine Antworten liefern. Sie sollen in erster Linie unterhalten. Wenn sie dann auch noch dazu führen, dass die, die sie lesen, die Welt ein Stück anders sehen, bin ich glücklich.
Das macht mich zum Außenseiter, klar. Aber das ist mir meist egal – oder besser gesagt: Das bin ich gewohnt. Das war ich schon immer. Und wenn man am Rand steht, hat man meistens den besten Überblick.
Nur manchmal, wenn ich wieder halb bewundernd jemanden beobachte, der so völlig von sich und seiner Sendung überzeugt ist, wird mir bewusst, dass man am Rand auch sehr einsam ist. Dann kommt dieses elende Gefühl hoch, nirgends hinzugehören. Unwillkommen zu sein. Überflüssig. Nutzlos.

Photo by Steve Johnson on Pexels.com

Zum Glück ist das nicht die Regel. Normalerweise schmeckt mein Essen nicht nur mir. Und genauso, wie ich weiß, dass ich immer wieder leckeres Essen fabriziere, das begeistert verschlungen wird, genauso weiß ich auch, dass ich schreiben kann. Ich werde vielleicht nie einen Literaturpreis abstauben – aber das ist ja genauso wenig mein Ehrgeiz, wie einen Stern zu erkochen. Ich bin glücklich, wenn ich das Feedback bekomme, dass meine Geschichten gefallen haben.
Dieses Feedback kommt zwar seltener, als ich es mir wünsche, aber bis auf eine waren bisher alle Reaktionen positiv. Und ganz ehrlich: Wenn sich jemand darüber beschwert, dass eine Vampirnovelle kein Roman ist und dazu auch noch Fantasy, muss ich das auch nicht fürchterlich ernst nehmen.

Demnach ist vielleicht doch nicht alles zum Heulen.

Aber warum dann dieses elende Gefühl? Warum immer wieder diese Selbstzweifel?

Ein Kommentar zu „Das elende Gefühl

  1. Dieses Sendungsbewusstsein mancher Autoren finde ich … beeindruckend? – aber im Ernst, oft liest man es aus den Texten auch heraus. Ich finde es völlig ausreichend, Leute mit Geschichten unterhalten zu wollen, die Welt ist ernst und dröge genug.

    Warum man manchmal mit seinen eigenen Kritikern im eigenen Kopf festhängt … ich glaube, das ist man eigentlich gar nicht selbst. Natürlich ist man enttäuscht, wenn etwas nicht so grandios wird, wie man sich das vorgestellt hat (egal, ob Essen oder Geschichte), aber viel von dem Gemäkel kommt auch von der „Innenbitch“, die man irgendwann von anderen „geschenkt“ bekommen hat. Und der muss man ab und zu einfach mal das Maul stopfen. Schließlich wären wir nicht schon so lange dabei, wenn wir nicht doch ein bisschen Spaß an der Sache hätten, oder?

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.