[Werkstattgeplauder] Tschechows Gewehr

Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert.

Anton Tschechow

Diese als Tschechows Gewehr bekannte Regel haben vermutlich viele von uns verinnerlicht. Sie tritt auch in Form eines anderen Zitats auf, das den Sinn vielleicht noch deutlicher macht:

Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben

Anton Tschechow

Ich selbst habe lange daran geglaubt und beides auch vehement vertreten. Heute bin ich mir da, wie bei vielen Schreibregeln längst nicht mehr so sicher. Genau genommen ist die Regel in dieser Absolutheit sogar ziemlicher Quatsch. Das wird schnell deutlich, wenn man das Gewehr durch einen weniger auffallenden Gegenstand ersetzt: einen Blumenstrauß z. B. oder eine Lampe.

Niemand würde bestreiten, dass natürlich irgendwo eine Vase mit einem Blumenstrauß rumstehen kann, ohne dass im weiteren Verlauf mit den Blumen geworfen oder aus der Vase getrunken wird. Genauso wenig bedeutet die Beschreibung einer Lampe, dass diese irgendwann angeknipst wird. Sie kann z. B. auch dazu dienen, über das Setting eine Stimmung zu transportieren oder auf subtile Weise Informationen zu vermitteln.

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Warum sollte das bei einem Gewehr anders sein? Auch ein Gewehr kann einfach vorhanden sein, ohne dass irgendwann ein Schuss fällt. Es kann zum Beispiel zwischen anderen Militaria an der Wand eines reichen Sammlers hängen und im ironischen Gegensatz zu dessen ganz und gar nicht kriegerischer Erscheinung stehen. Oder es wird irgendwann gestohlen und zum Mittelpunkt einer Gaunerkomödie. Eine verrostete Flinte in einer verfallenen Hütte kann darauf hinweisen, dass sich hier einst ein Wildererversteck befand. Genauso kann eine Jägerin ihre eben geputzte Flinte im Waffenschrank einschließen, bevor sie sich dem Besuch zuwendet – ein Hinweis darauf, dass wir es hier mit einer umsichtigen Person zu tun haben.

Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Ich glaube daher inzwischen, dass Tschechow etwas anderes gemeint hat. Ich glaube, dass sich dieses Zitat ganz explizit über das Theater bezieht, und dass die Aussage ist, dass man die Bühne nicht mit bedeutungslosem Kram zumüllen soll. Jeder Gegenstand, der auf der Bühne steht, muss eine Funktion erfüllen. Sei es, dass er etwas über den Hintergrund der Figuren verrät oder später direkt zum Einsatz kommt. Ein Gewehr, das nichts davon tut, ist nutzlos. Mehr noch: Es lenkt von den wichtigen Dingen ab und kann deshalb weg.

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Im Roman ist es so ähnlich: Auch hier wird alles, was beschrieben wird, mit Bedeutung aufgeladen – ganz gleich, ob es sich um die etwas verbeulte Keksdose auf dem obersten Küchenregal handelt, den mit Perlen und Rubinen verzierten Dolchgriff der aus der Brust des Opfers ragt oder die kleine dicke Fee am Rückspiegel eines Lkw. Im Idealfall werden sie zu „sprechenden Details“ und verraten etwas, das über ihre bloße Existenz hinausgeht. Das kann die besondere Atmosphäre eines Orts sein, eine Stimmung oder der Charakter einer Figur. Es kann aber auch ein Hinweis auf einen späteren Verlauf der Handlung sein oder (besonders in Krimis) eine geschickt gelegte falsche Spur. Wichtig ist, dass sie in irgendeiner Form relevant werden. Anderenfalls sind sie das literarische Gegenstück zum Nippes: Kleinigkeiten ohne echten Wert, mit denen niemand etwas anfangen kann und die deshalb auch kaum jemand schätzt – außer der Person natürlich, die sie aufgestellt hat.

Fazit: Tschechows Gewehr ist nicht wörtlich zu nehmen. Es ist eine Metapher dafür, dass man sich überlegen sollte, welche Gegenstände auf einer Bühne Platz haben sollten. Übertragen auf den Roman bedeutet das, nur die Dinge zu beschreiben, die im Rahmen der Geschichte Relevanz gewinnen sollen.

3 Kommentare zu „[Werkstattgeplauder] Tschechows Gewehr

  1. Sehr spannende Betrachtung! Ich würde deiner Interpretation von Tschechows Gewehr definitiv zustimmen. Ich würde es sogar nicht nur auf Gegenstände, sondern auf alle Elemente einer Geschichte bis hin zu Szenen erstrecken. Ich denke Szenen sollten einen Sinn erfüllen: Die Stimmung vermitteln, Charaktere entwickeln oder die Handlung vorantreiben, sonst verwässern sie die Erzählung.

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  2. Du interpretierst das richtig.
    Tschechow hat sicher nicht ein Gewehr bei einem Sammler von Gewehren gemeint, aber selbst das erfüllt ja einen Zweck. Würde es in der Geschichte überhaupt keine Rolle spielen, müsste man die Sammlung nicht erwähnen. Entweder kann man klarmachen, wie der Mensch tickt (ist die Sammlung so wie der Mensch ganz chaotisch oder organisiert?), dass er ein Waffennarr ist und sich vermutlich auch mit Pistolen auskennt, oder dass er die Sammlung vom Großvater geerbt hat und nichts wegwerfen kann, auch wenn es ihn nicht interessiert.
    Es gibt aber auch Bücher, in denen Dinge erwähnt werden, die tatsächlich völlig irrelevant für die Story sind. Ich las schon eine Abhandlung über Wellensittiche, obwohl diese keine Rolle spielten im weiteren Verlauf.
    Dann gibt es die anderen Autoren, unter anderem einen bekannten deutschen Krimiautoren, von dem ich nur ein Buch gelesen habe. Warum? Wenn jemand einen Raum betritt, erwähnt er einen Schürhaken. Dieser Schürhaken spielt dann natürlich eine Rolle, sprich, er wird verwendet, um jemandem den Kopf einzuschlagen. Beim nächsten Mal ist es ein Teppich, der extra erwähnt wird oder die Pistole in der Schublade. Ergebnis: langweilig, weil ich sofort auf diese Dinge anspringe und weiß, was geschehen wird.
    Wenn man also das Gewehr an die Wand hängt, sollte es eben doch eine Rolle spielen, aber bitte nicht mit der Holzhammermethode.

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