Indiebuchtober – die etwas andere Challenge

Gestern auf Twitter gesehen: Eine Challenge für Indie-Bücher – und dann auch noch überwiegend Fantastik. Genau mein Beuteschema! Ich bin sicher, da den einen oder anderen Beitrag beisteuern zu können. Sei es hier im Blog oder auch mal ausschließlich auf Twitter (wenn ich mich ganz kurz fassen muss).

Dann werde ich den Sonntag mal für die Planung nutzen, um die Beiträge nicht immer erst auf den allerletzten Drücker fertig zu haben.

Mit Fehlern umgehen

Das ist einer dieser Artikel, die ich mit schwerem Herzen schreibe, denn hier geht es um eigene Fehler. Die zu erkennen, ist bekanntlich schwer. Noch schwieriger finde ich, sie dann auch noch zu beseitigen.
Ja, Fehler zuzugeben ist hart. Aber sie gewähren auch eine Ausrede. „Ich kann eben nicht zeichnen“, sagen ganz viele von sich und tun es dann auch nie wieder. Noch besser ist: „In Mathe/Naturwissenschaften/Sprachen war ich schon immer schlecht.“ Mit solchen Aussagen stößt man nicht nur auf absolutes Verständnis, sondern geradezu auf Anerkennung.

Quelle: Wladimir Berzin auf Pixabay

Aber selbst, wenn man einen Fehler nur vor sich selber eingesteht, ist es allemal leichter, sich damit abzufinden, versagt zu haben, als alles noch einmal von vorn anzugehen. Nicht nur, dass sich die ganze Zeit und Mühe, die man aufgewandt hat, vergeblich war. Jetzt ist auch klar, dass nichts das Gelingen garantiert. Das Ergebnis kann genauso schlecht sein, wie vorher. Von vorne anzufangen bedeutet daher, eine frustrierende Erfahrung bewusst zu wiederholen.

Gerade beim Schreiben bleiben solche Momente leider nicht aus. Ganz im Gegenteil. Es beginnt schon damit, dass Vorstellungen, die man glasklar und in allen Details im Kopf hatte, sich auf mysteriösem Weg in einen Haufen unzusammenhängender Fetzen verwandeln, so bald man damit beginnt sie auszuformulieren.
Hier kann es helfen, mit Bearbeitungsvermerken wie „#hier große Streitszene einfügen“ zu arbeiten und das Problem erst mal zu ignorieren. Aber spätestens bei der Überarbeitung geht das nicht mehr.
Noch schlimmer ist es, festzustellen, dass man mit Volldampf in eine Sackgasse gerauscht ist, wie es mir mit dem Werwolf-Western gerade passiert ist. Mein Fehler. Natürlich. Ich habe gedacht, weil es eine einfache Geschichte ist, reiche es, sie oberflächlich zu plotten. Das Ergebnis ist, dass mein Protagonist sich nun fragt, warum er diese Mission eigentlich abschließen soll. Tja. Dumm gelaufen. Das konnte ich ihm leider auch nicht sagen und seither schreit alles in mir, dass ich diese Geschichte versiebt habe.

Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten:

  • Ich kann mein Scheitern akzeptieren. War auch eine ausgesprochen dumme Idee, eine Geschichte im 19. Jahrhundert anzusiedeln. Noch dazu in den USA, die mir nicht nur geographisch fremd sind und dann auch noch mit einem komischen Genre-Mix … Vielleicht ist das alles ein bisschen viel und ich sollte die nächste Geschichte besser in einem Rahmen ansiedeln, der mir mehr liegt. Also Schwamm drüber, als schlechte Erfahrung verbuchen und nicht noch mehr Zeit investieren, als schon drin steckt. Ist ja auch nicht so, als hätte ich keine anderen Ideen!
  • Oder ich zwinge mich, weiterzumachen. Dieser Protagonist ist schließlich kein eigenständiges Wesen. Der ist meine Kopfgeburt und als solche hat er gefälligst zu tun, was ich ihm vorschreibe. Der wird also hübsch weiterziehen und tun, was nötig ist, um diese Geschichte zu beenden. Basta!
Photo by Steve Johnson on Pexels.com

Wenn du jetzt einwendest, dass beides blöd ist, hast du vollkommen recht.

Die erste Option ist feige. In dieser Situation aufzuhören heißt, zu kneifen, nur weil es schwierig wird. Außerdem wäre es schade um die Geschichte. Ich bin nämlich nach wie vor der Überzeugung, dass sie gut ist. Dass es sich lohnt, sie zu erzählen.
Die zweite Variante ist unprofessionell. Wenn ich weiß, dass etwas nicht funktioniert, lasse ich die Finger davon. Auf gar keinen Fall kann ich so tun, als sei nichts, das Ganze irgendwie fertig schreiben und dann veröffentlichen. Ich belüge weder mich selbst, noch andere.

Bleibt die dritte Option, die ich oben ausgespart habe: Ich umgehe das Problem mit einem Bearbeitungsvermerk und schreibe zunächst einmal die beiden (vorläufigen) Schlussszenen. Danach mache ich mich daran, alles aufzudröseln und die Fehler zu beseitigen, die ich am Anfang gemacht habe. Wird das frustrierend? Auf jeden Fall. Der ganze Aufbau ist falsch. Ich werde Szenen streichen müssen, in die ich viel Zeit, Mühe und Recherchearbei investiert habe. Dafür werde ich neue Szenen brauchen, die ursprünglich nicht vorgesehen waren. In der Zeit, die ich dieses Buch nicht herausgebracht habe, hätte ich einen Roman schreiben können. In der Zeit, die ich brauche, alles umzustellen, könnte ich auch eine andere Geschichte fertig stellen. Eine, die mich noch nicht frustriert hat und die sich möglicherweise leichter schreibt.
Aber das wäre feige. Außerdem glaube ich, wie schon gesagt, dass es sich lohnt, diese Geschichte zu erzählen.
Also hoffe ich auf ein Happy End in dem Wissen, dass es keins geben wird, wenn ich nicht dran arbeite.

Das elende Gefühl

Wer kennt es noch, dieses elende Gefühl, nicht genug zu sein. Versagt zu haben, weil …
Ja, warum eigentlich? Bei mir war es vor einigen Tagen, weil ein Essen, das ich mir sehr lecker vorgestellt hatte, am Ende nur mäßig schmeckte. Dazu kam noch, dass wir dank Corona mehr zuhause hocken und uns wenig bewegen, aber den Tag über die gleichen Essensmengen zu uns nehmen, wie sonst auch. Vielleicht auch ein bisschen mehr. Der Kühlschrank ist schließlich nahe und wer Langeweile hat, neigt zum naschen. Kurz gesagt: Niemand hatte wirklich Hunger. Entsprechend wenig Begeisterung wurde meinem Essen entgegengebracht.

Es war zum Heulen.

Warum ich davon erzähle? Weil sich beim Schreiben ganz oft das gleiche elende Gefühl einstellt, nichts zu können. Nichts zu sagen zu haben. Allenfalls mäßig zu formulieren. Zwischen Youtube, Netflix, Instagram, Spotify und Gaming unterzugehen, weil es 1.001 Dinge gibt, die die Zeit vertreiben und Lesen – na sagen wir: nicht das hippste davon ist.
Wofür schreibe ich dann überhaupt? Für wen?
An manchen Tagen kann ich diese Frage nicht beantworten. Dann komme ich mir unglaublich langweilig vor und meine Werke scheinen mir banal. Vor allem wenn ich mich mit den Kolleg*innen vergleiche, die sich in den sozialen Medien darin überschlagen, sich und andere dafür zu loben, wie ungeheuer mitreißend, progressiv, weird, deep, divers, romantisch oder gruselig sie schreiben. Ich kann diese Begeisterung nicht aufbringen. Weder für meine Geschichten, noch für andere – und wenn mich tatsächlich mal ein Buch mitreißt, dann in der Regel aus ganz anderen Gründen.

Es ist zum Heulen.

Ich habe mich nie als Teil einer Avantgarde oder Elite gefühlt. Ich hatte nie eine Botschaft oder Wahrheiten zu verkünden. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, zu hinterfragen, zu beobachten und zu lernen. Meine Geschichten sollen keine Antworten liefern. Sie sollen in erster Linie unterhalten. Wenn sie dann auch noch dazu führen, dass die, die sie lesen, die Welt ein Stück anders sehen, bin ich glücklich.
Das macht mich zum Außenseiter, klar. Aber das ist mir meist egal – oder besser gesagt: Das bin ich gewohnt. Das war ich schon immer. Und wenn man am Rand steht, hat man meistens den besten Überblick.
Nur manchmal, wenn ich wieder halb bewundernd jemanden beobachte, der so völlig von sich und seiner Sendung überzeugt ist, wird mir bewusst, dass man am Rand auch sehr einsam ist. Dann kommt dieses elende Gefühl hoch, nirgends hinzugehören. Unwillkommen zu sein. Überflüssig. Nutzlos.

Photo by Steve Johnson on Pexels.com

Zum Glück ist das nicht die Regel. Normalerweise schmeckt mein Essen nicht nur mir. Und genauso, wie ich weiß, dass ich immer wieder leckeres Essen fabriziere, das begeistert verschlungen wird, genauso weiß ich auch, dass ich schreiben kann. Ich werde vielleicht nie einen Literaturpreis abstauben – aber das ist ja genauso wenig mein Ehrgeiz, wie einen Stern zu erkochen. Ich bin glücklich, wenn ich das Feedback bekomme, dass meine Geschichten gefallen haben.
Dieses Feedback kommt zwar seltener, als ich es mir wünsche, aber bis auf eine waren bisher alle Reaktionen positiv. Und ganz ehrlich: Wenn sich jemand darüber beschwert, dass eine Vampirnovelle kein Roman ist und dazu auch noch Fantasy, muss ich das auch nicht fürchterlich ernst nehmen.

Demnach ist vielleicht doch nicht alles zum Heulen.

Aber warum dann dieses elende Gefühl? Warum immer wieder diese Selbstzweifel?

[Werkstattgeplauder] Tschechows Gewehr

Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert.

Anton Tschechow

Diese als Tschechows Gewehr bekannte Regel haben vermutlich viele von uns verinnerlicht. Sie tritt auch in Form eines anderen Zitats auf, das den Sinn vielleicht noch deutlicher macht:

Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben

Anton Tschechow

Ich selbst habe lange daran geglaubt und beides auch vehement vertreten. Heute bin ich mir da, wie bei vielen Schreibregeln längst nicht mehr so sicher. Genau genommen ist die Regel in dieser Absolutheit sogar ziemlicher Quatsch. Das wird schnell deutlich, wenn man das Gewehr durch einen weniger auffallenden Gegenstand ersetzt: einen Blumenstrauß z. B. oder eine Lampe.

Niemand würde bestreiten, dass natürlich irgendwo eine Vase mit einem Blumenstrauß rumstehen kann, ohne dass im weiteren Verlauf mit den Blumen geworfen oder aus der Vase getrunken wird. Genauso wenig bedeutet die Beschreibung einer Lampe, dass diese irgendwann angeknipst wird. Sie kann z. B. auch dazu dienen, über das Setting eine Stimmung zu transportieren oder auf subtile Weise Informationen zu vermitteln.

Photo by Lisa Fotios on Pexels.com

Warum sollte das bei einem Gewehr anders sein? Auch ein Gewehr kann einfach vorhanden sein, ohne dass irgendwann ein Schuss fällt. Es kann zum Beispiel zwischen anderen Militaria an der Wand eines reichen Sammlers hängen und im ironischen Gegensatz zu dessen ganz und gar nicht kriegerischer Erscheinung stehen. Oder es wird irgendwann gestohlen und zum Mittelpunkt einer Gaunerkomödie. Eine verrostete Flinte in einer verfallenen Hütte kann darauf hinweisen, dass sich hier einst ein Wildererversteck befand. Genauso kann eine Jägerin ihre eben geputzte Flinte im Waffenschrank einschließen, bevor sie sich dem Besuch zuwendet – ein Hinweis darauf, dass wir es hier mit einer umsichtigen Person zu tun haben.

Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Ich glaube daher inzwischen, dass Tschechow etwas anderes gemeint hat. Ich glaube, dass sich dieses Zitat ganz explizit über das Theater bezieht, und dass die Aussage ist, dass man die Bühne nicht mit bedeutungslosem Kram zumüllen soll. Jeder Gegenstand, der auf der Bühne steht, muss eine Funktion erfüllen. Sei es, dass er etwas über den Hintergrund der Figuren verrät oder später direkt zum Einsatz kommt. Ein Gewehr, das nichts davon tut, ist nutzlos. Mehr noch: Es lenkt von den wichtigen Dingen ab und kann deshalb weg.

Photo by Vlad Bagacian on Pexels.com

Im Roman ist es so ähnlich: Auch hier wird alles, was beschrieben wird, mit Bedeutung aufgeladen – ganz gleich, ob es sich um die etwas verbeulte Keksdose auf dem obersten Küchenregal handelt, den mit Perlen und Rubinen verzierten Dolchgriff der aus der Brust des Opfers ragt oder die kleine dicke Fee am Rückspiegel eines Lkw. Im Idealfall werden sie zu „sprechenden Details“ und verraten etwas, das über ihre bloße Existenz hinausgeht. Das kann die besondere Atmosphäre eines Orts sein, eine Stimmung oder der Charakter einer Figur. Es kann aber auch ein Hinweis auf einen späteren Verlauf der Handlung sein oder (besonders in Krimis) eine geschickt gelegte falsche Spur. Wichtig ist, dass sie in irgendeiner Form relevant werden. Anderenfalls sind sie das literarische Gegenstück zum Nippes: Kleinigkeiten ohne echten Wert, mit denen niemand etwas anfangen kann und die deshalb auch kaum jemand schätzt – außer der Person natürlich, die sie aufgestellt hat.

Fazit: Tschechows Gewehr ist nicht wörtlich zu nehmen. Es ist eine Metapher dafür, dass man sich überlegen sollte, welche Gegenstände auf einer Bühne Platz haben sollten. Übertragen auf den Roman bedeutet das, nur die Dinge zu beschreiben, die im Rahmen der Geschichte Relevanz gewinnen sollen.