Mehr Liebe für Mary Sue

Bevor irgendwelche Missverständnisse aufkommen: Dies hier ist keine Liebesgeschichte, nicht mal eine Liebeserklärung, sondern die vorsichtige Annäherung an ein literarisches Trope. Ursprünglich hatte ich nicht mal gedacht, den Begriff erklären zu müssen, aber nachdem in einer Unterhaltung zwischen Kolleginnen gefragt wurde: Der Begriff „Mary Sue“ stammt ursprünglich aus der Fanfiction-Szene und bezeichnet eine übermäßig perfekte weibliche Figur.

Eine Mary Sue kann grundsätzlich alles. Ihr Charakter ist engelgleich, denn auch wenn sie eine unbesiegbare Kämpferin, magisch begabt, wundersam musikalisch, zum niederknien klug, eine begnadete Köchin, über die Maßen schön und gnadenlos gut ist, ist sie doch nicht im geringsten eingebildet. Nie würde sie Aufhebens um ihren perfekten Teint machen, um die großen Augen, die seidigen Haare oder die weiche Haut. Das ist schließlich alles naturgegeben. Sie bemerkt es genauso wenig wie die perfekten Brüste, die langen Beine, die ideale Taille oder den zum Küssen einladende Mund. Sie versteht nicht einmal, was die anderen Figuren an ihr bemerkenswert finden. Sie selbst findet sich nämlich eher durchschnittlich.

Quelle: aiilolo via pixabay

Und weil die Mary Sue sich selber für durchschnittlich hält, ist sie selbstverständlich auch nicht eingebildet. Im Gegenteil: Sie ist der offenste, unvoreingenommenste Mensch, den sich die Autorin überhaupt vorstellen kann. Wenn ihre Mary Sue einen Charakterfehler hat, dann einen harmlosen. Zum Beispiel, dass sie nicht singen kann. Vielleicht ist sie auch ein Tolpatsch – aber von der liebenswerten Art. Jemand, der höchstens kleine Dinge von zweifelhaftem Wert zerstört; nie etwas wirklich Teures, das anderen etwas bedeutet. Ein anderer Charakterfehler könnte sein, dass sie ständig isst. Natürlich nur moralisch einwand- und kalorienfreie Dinge. Äpfel zum Beispiel oder Karotten. Keinesfalls würde sich eine Mary Sue in Exzesse aus Schokolade, Chips oder Alkohol stürzen. Nie würde sie auch nur ein Gramm Fett zu viel ansetzen. Und selbstverständlich ist eine Mary Sue nie so besoffen, dass sie lallend bei der Laterne entschuldigt, die sie eben noch vollgekotzt hat.

Großzügig, großmütig, klug, begabt und schön, wie die Mary Sue ist, ist sie natürlich auch ungemein beliebt. Ihr Charme bezaubert Jedermann und sogar manche Frauen, obwohl bei Frauen gewisse Rivalitäten entstehen können. Hier kann es sogar zu Eifersüchteleien kommen (die aber selbstverständlich nie von Mary Sue ausgehen, sondern immer von der Gegenspielerin und die immer unbegründet sind!). Es sind diese Rivalinnen, die dem Lebensglück der Mary Sue im Weg stehen, wobei die besseren von ihnen am Ende bekehrt und zu guten Freundinnen werden, während die anderen ihrer gerechten Strafe entgegensehen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel lassen grüßen.

Quelle: FOTORC via pixabay

Kurzum: Mary Sues sind wandelnde Wunschträume. Sie verkörpern das ideale Ich der Schreiberin* (also ihr Selbst, wie es wäre, wenn nicht Gesellschaft, Natur und Schwerkraft sich gegen sie verbündet und sie in diesen höchst unzureichenden Körper gesetzt und in dieser unzulänglichen Umgebung ihrem faden Schicksal überlassen hätten).

Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite ist die Mary Sue eines der am meisten gehassten Tropes. So beliebt sie innerhalb ihrer eigenen Geschichte ist, so unbeliebt ist sie außerhalb.

Eigentlich seltsam, wenn man genauer darüber nachdenkt. Im Grunde verkörpern Mary Sues nämlich sämtliche sogenannten weiblichen Tugenden und erfüllen außerdem noch den Imperativ, dass die Heldin anders sein muss als andere Frauen. Besser. Schöner. Nicht eingebildet. Nicht um ihre Schönheit besorgt. Eben nicht so frauentypisch.
Eigentlich macht die Mary Sue also alles richtig. Trotzdem mag sie keine*r außer ihrer Schöpferin. Schon merkwürdig, oder?

Noch merkwürdiger wird es, wenn man sie mit ihrem männlichen Gegenstück dem Gary Stue vergleicht. Gary Stues sind genauso klischeehaft wie Mary Sues – nur eben was männliche Rollenerwartungen angeht. Mit anderen Worten: Gary Stue ist selbstverständlich gut aussehend, mit markantem Kinn und Waschbrettbauch gesegnet. Er verfügt mindestens über ein gutes Einkommen, ohne viel dafür tun zu müssen. Er ist Experte in irgendwas wie Karate, Hochfinanz oder altsumererische Liebeslyrik – nur bitte keine profanen Dinge, bei denen man sich vielleicht noch die Hände schmutzig macht. Er nimmt sich was er will, hat ständig Sex, fährt schnelle Autos und lebt gefährlich. Ein Leben auf der Überholspur, um das ihn andere Männer beneiden und für das ihn Frauen bewundern.
Kommt dir der Typ bekannt vor? Richtig. James Bond, Triple X, Robert Langdon und praktisch jeder Superheld sind Gary Stues. Wort und Bild gewordene feuchte Männerträume. Und sie sind beliebt. Ach was – sie sind Megastars.

Warum eigentlich?

Meines Erachtens wird es höchste Zeit, beide gleich zu behandeln. Das heißt konkret: Weniger Aufmerksamkeit für die Gary Stues und etwas mehr Liebe für die Mary Sues.

Was meinst du? Die Kommentare sind offen. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.


*Ich habe hier ganz bewusst die weibliche Form gewählt, denn zumindest mir ist noch keine Mary Sue untergekommen, die nicht von einer Frau geschrieben wurde.

5 Kommentare zu „Mehr Liebe für Mary Sue

  1. Ich denke das hängt mit dem traditionellen Männer- und Frauenbild zusammen, wie du schon beschrieben hast. Nach der patriarchalen Tradition machen Männer gefährliches Zeug und Frauen sitzen brav in der Ecke. Ersteres ist nun mal spannender.
    Beide Charaktere an sich sind langweilig. Ich denke der Unterschied liegt in der Welt, in der sie sich befinden. Bei James Bond geht es eher um Action und Explosionen als einen ansprechenden Charakter, bei Langdon gibt es häufig ein Rätsel zu lösen. Mary Stues hingegen spielen eher in ruhigeren Geschichten mit, sodass mehr Fokus auf dem Charakter liegt.
    So würde ich mir das zumindest erklären. Was denkst du?

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    1. Ich stimme dir weitgehend zu. Wobei Mary Sues typischerweise eben nicht brav in der Ecke sitzen bleiben. Unter den Mary Sues sind viele, die „nicht so sind wie andere Frauen“: Prinzessinnen, die nicht Prinzessin sein wollen, wegen ihrer besonderen Begabung Ausgestoßene, für eine besondere Aufgabe Auserwählte … Die Mary Sue, die die typische Frauenrolle übernimmt und darin brilliert, ist die absolute Ausnahme.
      Auch bei den Abenteuern, die sie erleben unterscheiden sich Mary Sue und Gary Stue gar nicht mal so sehr. Mary Sue muss eventuell gelegentlich gerettet werden, was einem Gary Stue natürlich nie passieren würde, aber beide würden selbst eine Supernova ohne nennenswerte Verletzungen überleben.
      Das ist einer der Punkte, die der Mary Sue angekreidet werden: Total unrealistisch! Nur ein paar dekorative Schrammen und eine derangierte Frisur – so kann man einfach nicht aus sowas rauskommen! James Bond kann. Marvels Superhelden können. Das ist ihr Markenzeichen. Dafür werden sie bewundert.
      Ich weiß deshalb nicht so recht, wie ich das einschätzen soll. Möglicherweise wird die Mary Sue gleich doppelt bestraft, weil sie 1. die Verkörperung weiblicher Fantasien ist und dabei 2. in eine Domäne vordringt, die bisher Männern vorbehalten ist.

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  2. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Männer neben all den tollen Eigenschaften aber auch knallhart sind in ihrem Vorgehen? Sie gehen über Leichen, um ihr Ziel zu erreichen (also die Welt zu retten). Das tun die Frauen eher nicht, weil das ja eine negative Eigenschaft für die Frau wäre, die ja Leben gibt und nicht nimmt.
    Knallharte Frauen gehen in Richtung Lara Croft (die beliebt ist), aber sie sind keine Mary Sues. Man bringt ihnen keine Liebe entgegen, höchstens Respekt.
    Was meinst du zu dieser Theorie?

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    1. Da könnte was dran sein. Allerdings habe ich nun zwei neue Fragen, um darauf rumzukauen.
      Die erste beruht immer noch darauf, dass beide (also Gary Stue und Mary Sue) Rollenklischees verkörpern. Was besagt es über das Frauenbild unserer Gesellschaft, wenn wir die perfekte Vertreterin nicht als Ikone herausstellen, sondern ihr nichts als Ablehnung und Verachtung entgegenbringen?
      Die zweite ist, dass die Eigenschaft, knallhart zu sein zwar sehr männlich ist – aber ist es wirklich so lobens- und erstrebenswert, notfalls über Leichen zu gehen? Ist das positiv? Wären Eigenschaften wie Kompromissfähigkeit, Umsichtigkeit, Rücksicht nicht viel bewundernswerter? Auch und gerade in Krisensituationen? Mir scheint, einen Konflikt zu überwinden, ohne dass jemand verletzt wird, viel schwerer zu sein, als einfach nur ein Hindernis aus dem Weg zu räumen.
      Ich bin da bisher noch zu keinem Schluss gekommen.

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      1. Wir fallen hier zurück auf alte Rollenbilder. Männer = hart, Frauen =weich. Männer nehmen Leben (müssen ja verteidigen), Frauen schützen es.
        Nennen wir es doch beim Namen: Vordergründig finden wir starke Frauen cool und wollen Männer, die Kompromisse schließen, statt Kriege zu beginnen. Aber tief in uns – und das ist die Ebene, die Bücher berühren – wollen wir Männer, die beschützen, also zu kämpfen bereit sind, und Frauen, die Leben geben und es (kampflos) schützen, allein mit Liebe.
        Deshalb wollen die Leser auch diese Klischees haben, weil sie sich trotz Emanzipation und modernem Männerbild nach genau diesem Schema sehnen. Deshalb sind Frauen und Männer, die aus diesem Muster rausfallen, nicht mehr unsere Helden.
        Es tut mir leid, dir damit die Illusion zu nehmen, dass die Gesellschaft sich bereits geändert hat. Dem ist leider nicht so.
        Sie ist dabei, sich zu ändern, in winzig kleinen Schritten. Da können wir Autoren unseren Teil dazu beitragen, aber das muss subtil geschehen, weil sonst unsere Bücher nicht gelesen werden und in der Folge auch nichts verändern können.

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