[Was ich noch zu sagen hätte] Warum der alte weiße Mann endlich sterben sollte

Vor ein paar Tagen habe ich im Kulturteil des Deutschlandfunks eine Buchbesprechung gehört, die mich so nachhaltig verärgert, dass ich beschlossen habe, darüber zu bloggen. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um das Buch selber, sondern nur um dessen Rezeption. Alles, was ich über den Inhalt weiß, habe ich dieser einen Buchbesprechung entnommen. Es kann daher durchaus sein, dass das Buch selber ganz großartig ist. Meines Erachtens lässt nämlich sogar die Besprechung eine ganz andere Deutung zu als die, für die sich der verantwortliche Journalist entschieden hat.

Das vorangeschickt zum Inhalt, den ich, wie schon gesagt, nur aus dieser Rezension kenne. Das Buch behandelt die Begegnung zweier Männer: Harry, ein empfindsamer junger Schriftsteller aus Hamburg trifft „in Afrika“, genauer gesagt in Tansania, auf „den Charlie“. „Der Charlie“ kommt aus Bayern und ist ein gestandenes Mannsbild, das seine besten Jahre schon hinter sich hat. „Der Charlie“ ist ein „echter Zausel“ und außerdem todkrank (später in der Besprechung erfährt man, dass er Aids hat), aber das nimmt ihm nicht die Lust am Leben. Das kann der Kommentator gar nicht genug herausstreichen. Genauso wie die herrliche politische Unkorrektheit*, die „der Charlie“ an den Tag legt und die so weit geht, dass er die Schwarzen freimütig als N*ger bezeichnet. Außerdem säuft „der Charlie“ wie ein Loch. Er schmeißt mit Geld um sich und von Frauen will er sowieso „nur das Eine“. Aber „der Charlie“ weiß eben, wie das Leben „in Afrika“ läuft. Er hat nämlich Bushaltestellen in Tansania gebaut. So viel Weltläufigkeit beeindruckt nicht nur den jungen Schriftsteller Harry, der überlegt, ob „der Charlie“ nicht doch mehr vom Leben hat, als er, sondern auch den Rezensenten. Dies sei kein Buch für gendernde Feministinnen, schließt er seine Besprechung, obwohl gerade sie es vielleicht lesen sollten. Vor allem aber bedauert er, dass die Politik nicht mehr auf solche Typen, wie den Charlie hört.


Auch jetzt, wo ich das schreibe, habe ich wieder den dezenten Geschmack von Erbrochenen im Mund. Nicht nur, weil der Rezensent von Afrika als einem Land redet. Nicht nur, weil er „dem Charlie“ vollkommen unreflektiert abnimmt, dieser habe durch den Bau von Bushaltestellen einen tiefen Einblick in die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge eines Kontinents bekommen. Das ist zwar naiv, wie man schnell feststellt, wenn man das Ganze auf Europa überträgt und annimmt, „der Chalie“ habe die Bushaltestellen z. B. in Polen gebaut. Damit wüsste er immer noch nichts über das Leben in Portugal oder Irland. Aber wenn man in Geographie nicht so firm ist, kann so etwas vermutlich schon mal passieren.

Was mich nachhaltig verstört ist, wie offen auf einem öffentlich-rechtlichem Sender ein Weltbild gefeiert wird, das Frauen und Schwarzen die Menschenwürde abspricht (Schwarzen Frauen vermutlich sowieso). Mich schockiert, dass eine Redaktion einen Beitrag abnickt, der Rassismen und Sexismen als erfrischende politische Unkorrektheit bezeichnet. Mich ärgert, dass offensichtlich niemandem aufgefallen ist, dass sich hinter dem Kampfbegriff der „politischen Inkorrektheit“ ein Euphemismus für eine Geisteshaltung verbirgt, die Frauen nur als Fickfleisch ansieht und Schwarze in bester kolonialistischer und rassistischer Tradition auf eine Stufe mit Tieren stellt. Dass öffentlich betrauert wird, dass Leute wie dieser Charlie, ein verwarloster alter Säufer, der einen Fick auf die Interessen anderer gibt und trotz Aids fröhlich alles vögelt, was nicht rechtzeitig wegrennt – kein größeres Gehör in der Politik finden. Dass so einer als Vorbild gefeiert und gleichzeitig bedauert wird, als handle es sich um eine besonders schützenswerte Art. Als gäbe es in der Politik nicht genug innerlich wie äußerlich verwahrloste alte weiße Männer, die ihre Eigeninteressen über das Wohl anderer stellen und glauben, mit Geld alles regeln zu können.


Wie gesagt: Ich beziehe mich auf die Buchbesprechung. Ob das Buch dieselben Wertungen trifft, wie die Rezension, ist eine andere Frage. Allerdings habe ich nach dieser Buchbesprechung auch keine Lust es zu lesen.
Dem Charlie wünsche ich ein rasches Ableben. Das Männerbild, das er vermittelt, taugt nichts. Es wäre besser für uns alle, wenn diese alten weißen Männer aus den Geschichten und den Köpfen verschwänden. Wir brauchen andere Vorbilder – gerade, was Männer und das Bild von Männlichkeit betrifft. Deren Geschichten wären es weitaus eher wert, erzählt, gelesen und rezensiert zu werden.


(*) Ich hoffe, es ist deutlich, dass das nicht meine Wertung ist, sondern die des verantwortlichen Journalisten.


Nachtrag:
Ich wollte den Beitrag zuerst nicht verlinken, um ihm keine zusätzliche Reichweite zu verschaffen. Nach etwas Überlegen habe ich ihn aber doch in der Mediathek des DLF ausfindig gemacht, damit jede*r sich ein eigenes Bild davon machen kann.
Dabei ist mir aufgefallen, dass ich den Namen vom Charlie falsch geschrieben habe. Im Buch heißt er offenbar „Tscharli“. Passiert, wenn man etwas phonetisch wiedergibt.

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