Lasst uns über den Tod reden

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle etwas darüber schreiben, warum es in so vielen meiner Bücher Tote gibt. Wegen der Corona-Epidemie habe ich das Konzept aber geändert und bin ein bisschen grundsätzlicher geworden.
Das Virus, die exponentiell wachsenden Infektionsraten und die steigende Zahl der Toten bringt uns nämlich etwas ins Bewusstsein, das wir oft ziemlich erfolgreich verdrängen: Wir alle sind sterblich. Wir alle werden irgendwann sterben und vermutlich kennen wir auch mindestens eine andere Person im Umfeld, die … Wie sagt man jetzt?

Damit beginnen die Probleme. Wir reden nicht über den Tod. Wir konsumieren ihn nur und das nicht zu knapp. Der Tod begegnet uns auf unzähligen Kanälen. Wir erleben ihn im Film, in Büchern, in Computerspielen. Der Krimi lebt davon, erst recht der Thriller. Im Splatter kann er gar nicht blutig genug sein. In der Fantasy ist er oft heroisch, ein Opfer für die höhere Sache (gebracht von einem entbehrlichen Sidekick) – es sei denn, es geht gegen die „Monster“, bei dem es selbstverständlich und alternativlos erscheint, sie abzuschlachten. Noch extremer wird es beim Endkampf gegen den Antagonisten. Sein Tod wird zum Symbol des endgültigen Siegs des Guten.
Aber unabhängig von Genre und Medium sind es immer die Tode anderer. In Kunst verwandelt und ästhetisiert, berühren sie uns allenfalls für einen Moment, aber sie betreffen uns nicht. Das Leben geht ja weiter.

In der Realität klammern wir den Tod weitgehend aus. Viele Menschen gehen sogar so weit, nicht einmal den Gedanken zuzulassen. Erst recht nicht, wenn es um die eigene Sterblichkeit geht.
Vielleicht sind das die gleichen Leute, die sich jetzt noch in den Cafés drängen oder sich im Park treffen, weil sie „sich das Leben nicht nehmen lassen“ wollen. Vielleicht sind es die gleichen Menschen, die von Achtsamkeit reden und damit meinen, dass sie keine Nachrichten verfolgen, weil das Leid sie zu sehr aufwühlt.

Das ist natürlich eine Strategie. Man kann den Kopf in den Sand stecken. Man kann alles Schlimme und alle Schrecken ausblenden, die das Leben bietet – seien sie nun real oder fiktional. Man kann darauf achten, sich nur mit Dingen abzugeben, die einem guttun. Wir leben in einem reichen Land, in dem das weitgehend möglich ist.
Aber es ist eben auch nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Irgendwann kommen die Schrecken und das Schlimme doch. Irgendwann werden wir krank und irgendwann müssen wir sterben. Oder es trifft unsere Freunde. Unsere Eltern. Unsere Kinder. Es ist eine schlimme Wahrheit, aber: Krankheit und Tod gehören zum Leben. Es hilft nichts, die Augen zuzukneifen, sich die Ohren zuzuhalten und laut zu singen. Man kann sich vor beidem nicht verstecken, man kann vor ihnen höchstens weglaufen. Aber nur eine kleine Weile. Am Ende holen sie einen doch ein.

Und dann?

Dann stehst du da, vollkommen unvorbereitet. Allein mit deiner Angst, deinem Schmerz, der Verzweiflung und all‘ den anderen negativen Gefühlen, die du bisher so erfolgreich verdrängt hast. Ohne jeden Plan, wie du damit umgehen kannst. Ohne Idee, wie es weitergehen soll.
Genau dafür bräuchtest du nun die Informationen, die du bisher so achtsam vermieden hast. Du bräuchtest Vorbilder, zum Umgang mit Schmerz und Angst, aber du hast keine weil du alles Schmerzhafte, Angstbesetzte von dir gewiesen hast.

Deshalb: Lasst uns über den Tod reden. Lasst uns über Ängste reden. Lasst uns den Schmerz zulassen. Mit allem anderen belügen wir uns nur selber. Ein Leben ohne Verlust, Schmerz und Angst mag erstrebenswert scheinen. Tatsächlich ist es eine Illusion. Es ist nicht gut und alles andere als „wholesome“, weil es nur ein halbes Leben ist. Eines, das uns von einem Teil der Gefühle abtrennt und uns kleiner macht als wir sein könnten.
Tatsächlich wachsen wir daran, uns unseren Ängsten zu stellen. Wir wachsen daran, Schmerz und Verzweiflung zuzulassen. Und bis zu einem gewissen Grad wachsen wir sogar daran, dem Tod ins Auge zu sehen, denn alles das ermöglicht es uns, Verantwortung zu übernehmen. Für andere, aber auch für das eigene Leben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.