Welche Heldin wählst du?

Ich war mein Leben lang „nicht so wie andere Frauen“. Selbst in meiner Zeit als Punk, als ich geschminkt und schmuckbehangen in den kürzest vorstellbaren Röcken unterwegs war, bekam ich es zu hören. Es war durchaus ein Kompliment, jedenfalls habe ich es so verstanden.

Heute verstehe ich, dass es ein vergiftetes Kompliment ist.

Eine Frau, die „nicht so ist, wie andere Frauen“, wird mit Respekt behandelt. Sie bekommt Zutritt in Männerkreise und darf sich sogar der Illusion hingeben, gleichberechtigt zu sein. So lange sie keine zu hohen Ansprüche stellt, wird es auch immer den Anschein haben, als sei sie es tatsächlich. Ihre Stimme wird gehört und hat Gewicht. Man respektiert ihre Leistungen. Sie wird in Führungspositionen gewählt. Sogar ohne den Druck einer Quote, das gibt man ihr auch ganz offen zu verstehen: „DU bist schließlich keine Quotenfrau.“

Noch so ein vergiftetes Kompliment.

Die bittere Wahrheit dahinter ist, dass du dafür belohnt wirst, diese Männerspiele mitzuspielen. Du wirst dafür belohnt, ihre Rituale einzuhalten, keine Schwäche zu zeigen, laut zu sein, hart und zuweilen grausam. Vor allem aber wirst du dafür belohnt, andere Frauen abzuwerten, was leicht ist, denn du bist ja nicht wie sie und stolz darauf. Außerdem bist du in deinen eigenen Augen ein Vorbild, denn dein Beispiel zeigt schließlich, wie weit eine Frau es bringen kann. Ganz ohne Quote. Man muss dafür auch nicht die Feministin raushängen zu lassen. Es reicht, sich anzustrengen. Taff zu sein. Dann läuft es quasi von allein.

Boxerin mit erhobenen Fäusten

Tatsächlich läuft es sogar gut. Bis zu dem Zeitpunkt, wo du mit einem Mann konkurrierst. Dann ist sie plötzlich da, diese gläserne Glocke, von der du immer gehört hast, die aber immer nur die anderen betraf. Die Frauen, die sich nicht genug angestrengt haben. Die Feministinnen, die allen mit ihren Sprüchen auf die Nerven gegangen sind.

Doch plötzlich steckst du selber darunter und mit einem Mal gibt es tausend Gründe, warum du leider zurückstecken musst. Vielleicht siehst du sie sogar ein. Wenn nicht, gibst du dich einsichtig, schon um nicht zickig zu wirken oder wie so eine frustrierte Emanze. Schließlich bist du nicht wie andere Frauen. Deine Zeit wird kommen, da bist du dir sicher.*

Warum ich das jetzt auf einem Blog schreibe, in dem es um Lesen, Schreiben und Selfpublishing geht?

Weil in der Literatur genau das gleiche Muster gilt. Die typische Protagonistin ist die „starke Frau“, die sich vor allem dadurch auszeichnet, nicht zu sein wie andere Frauen.
Das klingt erst mal harmlos. Schließlich sollen Protas außergewöhnlich sein. Das bedeutet nicht, dass sie über Superkräfte verfügen – aber sie müssen Eigenarten besitzen, die sie von anderen unterscheiden. Gewöhnliche Menschen führen gewöhnliche Leben. Sie werden geboren, von liebenden Eltern großgezogen, durchlaufen die Schule, absolvieren Lehre oder Studium, arbeiten danach, heiraten, bekommen Kinder, denen sie liebevolle Eltern sind, werden alt und Großeltern und sterben schließlich, ohne dass sich in ihrem Leben etwas Berichtenswertes zugetragen hätte. So ein Leben mag erstrebenswert sein, um einen Roman darüber zu schreiben, taugt es nicht. Für literarische Stoffe sind die Figuren und Situationen am besten geeignet, die wir in der Realität vermeiden.

Nun zeichnet sich die literarische Heldin aber vor allem dadurch aus, dass sie sich von anderen Frauen unterscheidet. Ihre Besonderheit beruht in erster Linie darin, Dinge tun zu wollen, die Männern vorbehalten sind. Auch das ist für sich genommen, kein Zeichen von Misogynie, denn viele der traditionellen Frauenaufgaben stehen im Ruf, alles andere als aufregend zu sein und deshalb ist es nur natürlich, dass es Frauen gibt, die keinen Bock darauf haben.
Misogyn wird es dadurch, dass die anderen Frauen, also die, die sich innerhalb der gesetzten Frauenrolle bewegen, entsetzlich schlecht wegkommen. Sie sind die typischen Gegenspielerinnen der Heldin und nur dafür da, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Gleichzeitig sind sie borniert, dumm, schwatzhaft, eitel, ängstlich, verschwenderisch … Kurzum: Das genaue Gegenteil der Heldin. Sie bilden den düsteren Hintergrund, vor dem die Heldin, die eben nicht so ist, wie andere Frauen, um so heller strahlt.
Da ist es nur logisch, dass diese strahlende Heldin keine Freundinnen hat**, sondern nur bei Männern Verständnis und Unterstützung findet. Nicht bei allen natürlich, denn auch Männer können gemein sein, aber man muss zugestehen, dass das Ausnahmen sind. #notallmen gilt auch und besonders in der Literatur. Vor allem gibt es natürlich den EINEN, der die Heldin irgendwann aus einer misslichen Lage retten wird. Spätestens dann wird sich herausstellen, dass schon lange ein gegenseitiges Interesse aneinander bestand. Sollte die Heldin dennoch Vorbehalte gegen ihn gehabt haben, wird seine mutige Tat diese hinwegfegen, so dass sie am Ende getrost in seine Arme sinken kann.

Am Ende sind alle Gefahren überstanden und die Heldin darf in die Arme ihres Geliebten sinken.
Bild von Stefan Keller auf Pixabay

Die Botschaft dahinter ist immer die gleiche: Selbst Frauen, die nicht sind wie andere Frauen, brauchen doch den starken Beschützer – und bekommen ihn auch, wenn sie genug durchlitten haben. Auf andere Frauen ist dagegen gar kein Verlass.

Misogyner geht es kaum.

Tja und genau deshalb wächst in mir, die damit aufgewachsen ist, nicht so zu sein, wie andere Frauen, der Wunsch eine Heldin zu schaffen, die so ist, wie andere Frauen dem Klischee nach wohl sein sollten. Eine Heldin, die sich gerne schminkt, die vielleicht eitel ist, die schöne Dinge liebt. Eine, die gerne tanzt und singt, die nicht besonders „woke“ ist und schon gar nicht „chosen“. Eine Heldin, die sich vor Blut (auch vor dem eigenen Menstruationsblut) ekelt und schon deshalb nicht jagen gehen, weil ihre schönen Kleider darunter leiden.
Sanft sollte sie sein, diese Heldin, und nachgiebig. Vielleicht ein bisschen zu nachgiebig, gerade ihren Freundinnen gegenüber. Die würde sie nämlich haben. Freundinnen, die zueinander halten, auch wenn es hart auf hart kommt. Vielleicht wäre das sogar der Plot: Eine Frauenfreundschaft, die Hindernisse überwinden muss und in der alle Beteiligten aneinander wachsen. Eine Mischung aus „Natürlich blond“ und dem „Club der Teufelinnen“ nur ohne einen Mann als Auslöser und natürlich als Fantasy.

Etwas in der Art würde ich gerne schreiben. Was meint ihr: Ob das wohl geht?


*Spoiler: Sie kommt nicht. Sie kommt deshalb nicht, weil dein Netzwerk aus den good ol‘ boys besteht, die sich im Zweifel gegenseitig unterstützen. Du bist ihre Waffe gegen weibliche Konkurrenz und du machst deine Sache gut!

**Abgesehen vielleicht von einem Mädchen aus ärmlichen oder sonst wie benachteiligten Verhältnissen, der die Heldin auch sonst himmelhoch überlegen ist, und an der sie ihre Unvoreingenommenheit und ihre soziale Ader demonstrieren kann.

Ein Kommentar zu „Welche Heldin wählst du?

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