[Werkstattgeplauder] Wie heldenhaft müssen Hauptfiguren sein?

Gerade im Bereich der Fantastik gehen viele Schreibtipps implizit oder explizit davon aus, dass die Protagonist*innen einer Geschichte das Gute verkörpern und die Antagonist*innen irgendwo auf der dunklen Seite agieren. Dementsprechend wird man mit Ratschlägen überhäuft, wie man den perfekten Schurken schreibt oder wie man seine Held*innen sympathisch macht.

Aber muss das so sein?

Vor ein paar Tagen gab es dazu ein interessantes Gespräch auf Twitter. Ausgangspunkt war dieser Tweet von @MichaelLeuchtenberger, in dem er zugab, wenig Lust zu haben, über Held*innen im klassischen Sinn zu schreiben:

Die Kommentare waren durch die Bank zustimmend. Als Grund wurde genannt, dass man sich mit solchen Figuren besser identifizieren könne. Außerdem lieferten sie reichlich Stoff für innere und äußere Konflikte, was gut für die Spannung sei. Als drittes Argument wurde genannt, dass Figuren ohne Schwächen auch nichts hätten, das sie überwinden und daran wachsen könnten.

Das ist alles vollkommen richtig und wird so auch in verschiedenen Schreibratgebern so bestätigt. Ich glaube aber, dass da ein generelles Missverständnis vorliegt. Deshalb möchte ich diese Begründungen, so wie ein paar der gängigen Schreibtipps zu Protagonist*innen einmal hinterfragen und auf ihre Stichhaltigkeit abklopfen.
Fangen wir ausnahmsweise von hinten an.

Müssen Protas Schwächen haben, die sie überwinden?

Es gibt unendlich viele Geschichten, die davon handeln, dass die Zentralfigur Schwächen oder Charaktermängel überwinden muss, um zum gewünschten Erfolg zu kommen oder wenigstens ein besserer Mensch zu werden. Fast jeder Martial Arts Film basiert darauf, aber auch Und täglich grüßt das Murmeltier ist so ein Beispiel. Phil Connors ist anfänglich genau so ein Kotzbrocken wie Ebenizer Scrooge aus Dickens Weihnachtsgeschichte, und beide müssen eine ähnlich fundamentale Wandlung durchmachen, um zum Ziel zu gelangen. Auch Marianne Dashwood aus Verstand und Gefühl (Sense and Sensibility) von Jane Austen muss erst von ihrer romantischen Weltsicht „geheilt“ werden, bevor sie ihr Glück findet.
Kurzum: Dieser Topos der Läuterung ist so verbreitet, dass man von einem eigenen Plot sprechen kann.

Aber verleiht das der Aussage generelle Gültigkeit, dass Protas Schwächen haben und überwinden müssten, um daran zu wachsen? Ich meine nein.
Alle Beispiele haben nämlich gemeinsam, dass die Schwäche im Mittelpunkt der Handlung steht.
Aber nicht alle Schwächen sind derart zentral. Ein Charakter kann launisch sein, kaffeesüchtig oder snobistisch. Er oder sie kann Hunde hassen, kleine Kinder verabscheuen oder Angst vor großen Höhen haben. Alles das wird das Verhalten dieser Figur und damit auch die Handlung beeinflussen. Zum Beispiel kann die Höhenangst dazu führen, dass die Figur einen bestimmten Weg meidet und gerade dadurch in Schwierigkeiten gerät. Aber selbst, wenn sie das Schlamassel überstanden hat, kann sie immer noch Angst vor Höhen haben.
Oft sind die Schwächen in diesem Fall der Charaktere nur ein erzählerischer Kniff, um die Handlung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Außerdem erzeugt es natürlich Spannung, wenn der unter Höhenangst leidende Prinz auf der Flucht vor seinen Verfolgern plötzlich an der Kante einer tiefen Schlucht steht, über die nur eine schmale, fragil wirkende Brücke ohne Geländer führt. Auf der anderen Seite wäre er sicher. Wird er seine Angst überwinden? Oder wird er zaudern? Werden die Schergen der roten Königin ihn einholen?
Stay tuned!
Damit sind wir bei der nächsten Frage:

Bild: Alexas_Fotos via Pixabay

Brauchen Protas Schwächen, um Stoff für Konflikte zu liefern?

Im Beispiel oben trägt der Prinz einen inneren Konflikt aus, indem er mit seiner Höhenangst kämpft. Und weil viel auf dem Spiel steht, ist das natürlich auch spannend. Genauso kann es spannend sein, zu beobachten, was passiert, wenn zwei Menschen mit konträren Ansichten und gegenseitigen Vorurteilen durch äußere Umstände gezwungen sind, zusammenzuarbeiten. Auch hier sind Konflikte vorprogrammiert und Konflikte sind nun mal ein Garant für Spannung.

Allerdings ist damit nicht gesagt, dass die Konflikte unbedingt durch Schwächen der Hauptfigur initiiert werden müssen. Gegenbeispiele liefern nicht nur die zahlreichen Superheld*innen, die dank ihrer Superkräfte vollkommen konfliktfrei durchs Leben kämen, wenn es keine superschurkischen Kontrahenten auf der anderen Seite gäbe. Außer ihnen gibt es noch eine andere Kategorie von Protas, die auch ohne offensichtliche Schwächen und Charaktermängel auskommt, die aber selten besprochen wird und für die es meines Wissens auch keine spezielle Bezeichnung gibt. Ich nenne sie mal positive Katalysatoren, weil ihr zweites Merkmal darin besteht, dass sie im Laufe der Geschichte zwar andere aber nicht sich selber verändern. Zu diesen positiven Katalysatoren gehört u. a. Paddington, der kleine Bär, der einfach nur lieb und freundlich zu jedem ist, bis jede/r andere auch lieb und freundlich ist. Ein weiteres Beispiel ist Vianne Rocher, die Hauptfigur aus Chocolat – Ein kleiner Biss genügt. Auch sie kommt ohne Schwächen und Charaktermängel aus. Die Konflikte entstehen allein aufgrund der Vorurteile ihrer Mitmenschen.

Mit anderen Worten: Schwächen und Charaktermängel liefern zwar wunderbaren Zündstoff für Konflikte und können damit für Spannung sorgen. Das heißt aber nicht, dass die Protagonisten unbedingt Schwächen und Charaktermängel haben müssen.

Müssen die Protas Identifikationsfiguren sein?

Zugegeben: Diese Frage empfinde ich kniffelig.
Einerseits scheint das Bedürfnis, sich mit den Protas zu identifizieren, bei vielen Leser*innen hoch zu sein. Jedenfalls lese ich in Rezensionen immer wieder den Satz „Ich habe mich mit XY gut identifizieren können.“ Auch im Rahmen der Diversitätsdebatte wird immer wieder angemerkt, dass man auf ein breites Figurenspektrum achten solle, damit sich alle Gruppen in Geschichten wiederfinden. Und noch eins ist klar, nämlich dass jede/r von uns Schwächen hat, und dass wir uns deshalb eher in solchen Figuren wiederfinden, die ähnliche Schwächen haben, wie wir.
Andererseits finde ich mich in beiden Positionen nicht ganz wieder. Ja, ich finde es durchaus angenehm, wenn die Figuren meine eigenen Vorstellungen wiederspiegeln, ähnliche Schwächen aufweisen und mit vergleichbaren Problemen kämpfen. Auf der anderen Seite finde ich es faszinierend, in eine ganz andere Vorstellungswelt einzutauchen. Die Welt aus neuen Perspektiven zu betrachten, ist um so viel auf- und anregender als sich im altbekannten auszuruhen. Das heißt aber auch, dass ich mich mit den Protas gar nicht unbedingt identifizieren muss. Ich komme auch prima mit solchen klar, die ganz anders sind, die andere Entscheidungen treffen oder einen anderen Blick auf die Welt haben. Wichtig ist mir nur, dass diese Entscheidungen b. z. w. ihr Blick auf die Welt für mich nachvollziehbar sind.

Aus meiner eigenen Perspektive kann ich daher nur sagen, dass Protas keine Identifikationsfiguren sein müssen. Allerdings sind die Ansprüche verschieden und deshalb würde ich in dem Punkt einen Rat abwandeln, der Schreibratgebern oft vorangestellt wird: „Schreib die Protas, die du gerne lesen möchtest.“

Müssen Protas sympathisch sein?

Wenn man sich mit den Protas schon nicht identifizieren können muss, sollten sie dann wenigstens sympathisch sein? Auch dazu, wie man das hinbekommt, gibt es ja diverse Tipps von Schreibratgebern, so z. B. „Rette die Katze“ von Blake Snyder, das den ersten Vorschlag bereits im Namen trägt.
Andererseits gibt es auch Bücher die hervorragend funktionieren, obwohl die Protagonisten alles andere als Sympathieträger sind. Heinrich Manns Der Untertan wäre so ein Beispiel. Sein Protagonist Diederich Heßling besitzt nicht einmal Charisma. Ganz offenbar geht es also auch anders.

Allerdings kann ich mir bestimmte Genres auch nicht mit unsympathischen Charakteren vorstellen. Liebesromane zum Beispiel. Wieso sollte sich jemand in einen grundsätzlich unsympathischen Menschen verlieben?
Gut, Young Adult setzt da neue Maßstäbe. Offenbar reicht es vielen „Heldinnen“ des Genres schon ein irgendwie geartetes „heißes“ Aussehen, um sämtliche Charaktermängel zu ignorieren, sich unsterblich in den Creep zu verlieben und das Ganze auch noch für romantisch zu halten. Zugegeben viele Vampirromane sind nicht besser, auch wenn sie für älteres Publikum geschrieben sind. Insofern ist die Zuspitzung auf Young Adult nicht ganz fair. Aber ganz allgemein würde ich doch meinen, dass man sympathischen Charakteren eher zutraut zueinander zu finden, ihnen die gegenseitige Zuneigung auch eher abnimmt und das Happy End gönnt.

Auch sonst sorgen sympathische Charaktere eher dafür, dass die Leser*innen Anteil an ihrem Schicksal nehmen und deshalb weiterlesen. Bei einer unsympathischen Hauptfigur ist es ungleich schwerer, die Leser*innen bei der Stange zu halten, wenn sie sich nicht ohnehin gleich angewidert abwenden.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass sympathische Charaktere zwar kein Muss sind, aber lieber gelesen werden. Um das zu erreichen, ist es durchaus sinnvoll, ihnen auch ein paar, wenn auch nicht allzu gravierende Schwächen mitzugeben. Schließlich mögen wir auch in der Realität Menschen mit kleinen Schwächen lieber als solche, die keine Fehler zu haben scheinen. In Büchern wirken ganz fehlerlose Charaktere schnell steril und langweilig.

Sollten Protas Vorbilder sein?

Wenn du mir bis hierher gefolgt bist, beschäftigt dich vielleicht auch diese Frage. Sollten Protas nicht doch irgendwie heldenhaft sein, um als Vorbild dienen zu können? Stören Fehler da nicht irgendwie? Darf der Prinz aus dem ersten Beispiel, ein solcher Feigling sein, dass er es selbst unter Lebensgefahr nicht schafft, die Schlucht zu überwinden, obwohl er doch der Auserkorene ist, um die Welt zu retten? Darf er sich den Schergen der roten Königin heulend vor die Füße werfen und um sein Leben betteln?
Das wäre absolut nicht heldenhaft und als Vorbild untauglich, sagst du und dabei stimme ich dir vollkommen zu. Aber wenn du mich nach meiner Sicht der Dinge fragst, darf er das trotzdem. So, wie ich das sehe, müssen Protagonist*innen keine Vorbilder sein. Sie sind zwar die Hauptfiguren, aber ihre erste und wichtigste Eigenschaft ist es, die Handlung voranzubringen. So lange sie diese Aufgabe erfüllen, ist es unwichtig, ob sie widerliche Schleimbeutel auf zwei Beinen sind oder heldenhaft, großmütig und klug. Als Autorin oder Autor bist du frei, wie du sie gestalten willst.
Aber, fragst du jetzt vielleicht, was ist, wenn meine Hauptfigur nicht nur eine Schwäche hat, sondern einen richtigen Charaktermangel? Bleibt nicht die Moral auf der Strecke, wenn ich eine rassistische Kinderhasserin zur Protagonistin machen oder einen versoffenen Incel zum Protagonisten?

Quelle: Hans via Pixabay

Ganz ehrlich? Natürlich darfst du. Dann ist dein Protagonist/deine Protagonistin ein schlechter Mensch, aber so what? Niemand verbietet dir, über schlechte Menschen zu schreiben. Ob dabei die Moral auf der Strecke bleibt, hängt davon ab, ob du sein Verhalten als richtig darstellst. Hier sind wir wieder bei dem Problem, das ich schon oben bei Young Adult und bei den Vampirromanen angesprochen habe: Es gibt inzwischen unzählige Romane, in denen Stalking, Gaslighting und verschiedene Formen psychischen und physischen Missbrauchs als romantisch verklärt oder Zeichen von Überlegenheit gedeutet werden. Aber so lange du das nicht tust, ist zumindest aus meiner Sicht alles o. k.
Das gilt besonders, wenn du Korrektive einbaust, d. h. wenn deine Figur für ihre Haltung auch kritisiert wird und moralische Niederlagen einstecken muss. Ganz generell gilt aber, dass wir gar nicht moralfrei schreiben können. Jede Geschichte, jeder Charakter trägt irgendwo eine Moral in sich. Es beginnt schon mit der Auswahl dessen, welche Geschichten wir für erzählenswert halten. Es geht weiter damit, wie wir unsere Figurenliste besetzen, welche Konflikte wir einbauen und auf welchen Wegen wir unsere Charaktere zum Ziel gelangen oder scheitern lassen. Das Meiste davon passiert ganz unbewusst. Deshalb ist vor allem wichtig, diese Prozesse immer mal wieder zu reflektieren und nachzudenken, ob wir so verstanden werden, wie beabsichtigt. Also nicht einfach draufloszuschreiben, die eigenen Kinks zu verallgemeinern und darauf zu vertrauen, schon richtig verstanden zu werden. So oder so: Deine Leser*innen werden sich selber ein Bild vom Charakter deiner Protas machen und ihr eigenes Urteil fällen.
Unterschätze sie nicht. Sie sind nicht blöd.

Zusammenfassung

Protagonist*innen dienen dazu, die Handlung voranzutreiben. Wie sie das tun, wie perfekt sie sind und wie moralisch sie dabei handeln, liegt an dir. Wenn du ihnen kleine Schwächen verleihst, kann das hilfreich sein, aber es ist kein Muss. Genauso wenig, wie es ein Muss ist, sie als gute Menschen darzustellen. Als Autor oder Autorin bist du frei, sie nach deinen Ansprüchen an deine Geschichten zu gestalten.
Das Einzige, was du beachten solltest ist, die Geschichte so zu schreiben, dass sie nicht deinen eigenen Moralvorstellungen widerspricht. Damit bist du zwar immer noch nicht vor Kritik und Missverständnissen gefeit. Aber du kannst sie besser vor dir selber vertreten und das macht auch den Umgang mit Kritik leichter.

Wie siehst du das? Wie heldenhaft (und moralisch) müssen Hauptfiguren sein?

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