Gefährliche Normalität

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

In Rezensionen lese ich oft Sätze wie: „Ich konnte mich mit der Protagonistin gut identifizieren“, und als ich den Artikel Forderung nach mehr Diversität veröffentlichte, schrieb mir jemand über Twitter, die eigentliche Unverschämtheit läge darin, dass von ihm verlangt würde, sich mit weißen cis-Heten zu identifizieren. Da mich die Person inzwischen blockiert hat, kann ich das Zitat nicht im Wortlaut wiedergeben. Aber der ist auch nicht so wichtig. Was auffällt ist, dass die Rezensent*innen und jener Tweetschreiber anscheinend das Gleiche wollen, nämlich Figuren, mit denen sie sich identifizieren können.

Das ist einerseits toll, weil es zeigt, welchen Einfluss Bücher haben (können). Wer Identifikationsfiguren sucht, ist selber noch auf der Suche nach der eigenen Identität. Dass Bücher dabei als Kompass dienen, ist ein Beweis dafür, welche Bedeutung das geschriebene Wort immer noch hat.

Gleichzeitig zeigt es, wie naiv der Satz ist: „Das ist doch nur Unterhaltung.“ Auch das, was wir nur zur Unterhaltung konsumieren, prägt. Unser Hirn kann gar nicht anders als zu lernen. Was uns oft begegnet, verinnerlichen wir als Norm. Genau darin liegt die Gefahr der sogenannten Unterhaltung.
Wenn wir nur schöne, hellhäutige, heterosexuelle, junge  Mittelschichtmenschen als Identifikationsfiguren haben, schürt das auf Dauer das Gefühl der Minderwertigkeit, weil spätestens der Blick in den Spiegel zeigt, wie weit wir von dieser „Norm“ entfernt sind. Wozu das führen kann, zeigt @Textflash in einem Tweet, der unabhängig von diesem Artikel aber fast gleichzeitig entstanden ist.
Je öfter wir romantisierte Darstellungen problematischer Beziehungen lesen, und uns mit der Protagonistin identifizieren*, desto wahrscheinlicher ist, dass uns Gegenstrategien fehlen, wenn wir selbst in eine solche Beziehung geraten. Es ist doch Liebe. Die große Liebe, die verzeiht und am Ende alles heilt**.
Je häufiger wir uns mit den richtigen, harten Kerlen identifizieren, die nie weinen und allein durch ihre Kraft und Ausdauer alle Hindernisse überwinden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in der Realität genauso gefühlskalt aufführen und Probleme in erster Linie durch Gewalt zu lösen versuchen.
Je öfter wir über Nerds, Frauen, Türken, Schwule oder andere spotten – nur zur Unterhaltung, versteht sich, Witze wird man ja wohl noch machen dürfen – desto empathielosere Arschlöcher werden wir tatsächlich.

Buchmenschen sollten sich dieser Gefahren bewusst sein. Nicht nur wir von der schreibenden Zunft, sondern alle, die Bücher machen, verkaufen und bewerben.
Guckt euch an, was ihr schreibt. Überlegt gut, wie ihr es vermarktet (und „gute Vermarktung“ meint ausdrücklich nicht die monetären Aspekte). Bedenkt, welche Aussagen ihr trefft, welche Haltung ihr vermittelt.
Der Satz: „Aber das ist doch nur Unterhaltung“, ist bestenfalls Selbsttäuschung. Ihr macht nicht „nur Unterhaltung.“ Ihr prägt die Sicht auf die Welt.


* Meist ist es eine Protagonistin, die dem Bad Boy durch ihre Liebe zu dem Menschen transformiert, der er „eigentlich“ ist.
** Spoiler: Tut sie nicht.


Du willst mit mir über den Artikel diskutieren? Gerne! Die Kommentare sind offen.

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu „Gefährliche Normalität

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s