Die Forderung nach mehr Diversität

Diversität ist ein großes Thema in meinem Umfeld, genauer gesagt: bei den Autor*innen mit denen ich mich regelmäßig austausche. Wenn du meinem Blog folgst oder aus anderen Gründen schon mal reingelesen hast, weißt du vermutlich schon, dass ich oft etwas anderer Meinung bin.

Dabei kann ich absolut nachvollziehen, dass jedes Wesen das Bedürfnis hat, sich, bzw. die Gruppe zu der es sich zugehörig fühlt, in Filmen, Büchern und Bildern wiederzufinden. Und zwar auf eine respektvolle Art, die das eigene Selbst(wert)gefühl widerspiegelt. Also nicht nur als lustiger Sidekick oder Verkörperung irgendeines Klischees.
Mir ging es früher nicht viel anders. Abgesehen von „Mädchenbüchern“ wie Hanni und Nanni, so wie ein paar Liebesromanen, handelten fast alle Bücher von Männern. Überflüssig zu sagen, dass sie überwiegend auch von und aus der Perspektive von Männern geschrieben waren. Rückblickend scheint vieles, von dem, was ich damals als selbstverständlich überlesen habe, skurril. Damit meine ich gar nicht so sehr die oft nicht nur unterschwellige Misogynie, sondern eher die Fixierung auf den Penis und dessen Wirkung auf Frauen. Echt jetzt. Einige männliche Autoren scheinen der Überzeugung zu sein, der Penis sei sozusagen die Achse, um die die Welt rotiert. Sorry, Jungs – aber nein.
Ok, ich schweife ab. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht muss man sogar zu einem so schrägen Weltbild kommen, wenn man sein eigenes, männlich geprägtes Umfeld nie verlässt, sondern durch andere Männer noch in seiner Sichtweise bestätigt wird. Wenn alle Männer sich einig sind, muss es doch stimmen! Eine gute Medizin gegen eine so beschränkte Sichtweise ist immer, diese Komfortzone zu verlassen – wenn man(n) denn bereit ist, diesen Schritt auch zu gehen. Tatsächlich kann es ziemlich unangenehm werden, aber es eröffnet auch neue Perspektiven.
Für mich jedenfalls war es geradezu die Entdeckung eines neuen Universums, als in den 80ern im Zuge der Frauenbewegung immer mehr Bücher von AutorINNEN auf den Markt kamen. Frauen, die aus der Sicht von Frauen schrieben, denen es nicht genug war, Geliebte, Ehefrau oder Damsel in Distress zu sein. Plötzlich gab es Abenteuerinnen, Magierinnen und Detektivinnen, die fröhlich gegen alle bisherigen literarischen Konventionen verstießen, indem sie außerhalb der ihnen bisher eingeräumten Rollen agierten. Manches davon war Trash. Manche Ansichten waren genauso verquer, wie die der Kerls. Manches war miserabel geschrieben. Aber es war ungemein aufregend, wirklich gute, neue Stimmen zu finden und natürlich habe ich gezielt nach Autorinnen gesucht, um mehr davon zu bekommen.

Deshalb hat der Aufschrei: „ICH WILL ABER AUCH!“, mein vollstes Verständnis.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass ich mir nur sehr ungern etwas vorschreiben lasse. So bald jemand sagt: „Du musst in deinen Büchern aber auch Homosexuelle / Behinderte / Transmenschen / Nichtweiße / Wasauchimmer unterbringen“, stellt mein innerer Punk den Iro hoch und antwortet frei nach Lessing*: „Ich MUSS erst mal gar nichts.“
Im Gegensatz zur Aussage: „Ich will mehr über Homosexuelle, Behinderte, Transmenschen, Nichtweiße und/oder Wasauchimmer lesen“, ist die Forderung an uns Autor*innen, wir müssten dafür sorgen, jede Minderheit in jeder unserer Geschichten zu repräsentieren, schlicht übergriffig; selbst, wenn sie noch so gut gemeint ist. Das gilt um so mehr, wenn auch noch ausformuliert wird, wie diese Charaktere angelegt werden und in welchen Rollen sie auftreten müssen. Und es gilt erst recht, wenn die Forderung von jemandem kommt, der/die selbst nicht homosexuell/behindert/trans oder wasauchimmer ist. Das kommt für mich nämlich nicht als besondere Wokeness** rüber, sondern als besondere Form von Machtspiel. Als: „Ich kann dir Vorschriften machen.“
Nein. Kannst du nicht. Schon gar nicht, wenn es um meine Bücher, meine Geschichten oder mein Leben geht.

Abgesehen von diesem persönlichen Aspekt gibt es aber auch sachliche Gründe, diese Forderung zu ignorieren. Der erste ist, dass schon die Diskussion über die Repräsentanz von Minderheiten sehr selektiv geführt wird. Es geht praktisch nur, um die bereits benannten, gelegentlich auch um Übergewichtige. Außen vor bleiben u. a. Arme, Kinder, Alte, Mütter, Untergewichtige, Depressive …  In gewisser Weise ist die Diskussion daher selbst elitär und ausgrenzend.
Der zweite Grund ist, dass Geschichten mit einem begrenzten Personal auskommen müssen (Romane von Tolstoi ausgenommen, aber das ist vermutlich einer der Gründe, warum sie so selten gelesen werden). Nehme ich mir also vor, eine Geschichte maximal divers zu besetzen, bleibt pro Minderheit maximal eine Rolle – jedenfalls dann, wenn ich darauf achte, auch wirklich jede Gruppe mindestens einmal zu repräsentieren. Das führt aber dazu, dass Eigenschaften verallgemeinert werden. Ein homosexueller Charakter mutiert zum Vertreter für alle Homosexuellen, eine Himba zur Vertretung aller Menschen aus Afrika. Das Ergebnis sind also genau die Klischees, die man eigentlich vermeiden wollte. Manchmal fehlt auch einfach das Personal, um alle Rollen zu besetzen. Wo wollte man in einer Geschichte wie Zweigs Schachnovelle noch andere Figuren unterbringen, ohne die Geschichte selbst zu zerstören?
Der dritte und in meinen Augen der wichtigste Grund ist aber, dass eine solche Diversität allenfalls eine Utopie ist, aber nicht der Realität entspricht. Klar: Wenn ich durch die Innenstadt gehe, sehe ich Menschen aller möglicher Haut-, Haar- und Augenfarben, Frauen mit und ohne Kopftuch, Männer im Maßanzug und Bettler, dazwischen vielleicht auch zwei knutschende Lesben und möglicherweise*** begegnet mir sogar ein Transgender. So bald ich aber nach Hause komme, wird die Umgebung deutlich homogener und wenn ich in meine Familie gucke, reduziert sich die Diversität noch mal. Menschen neigen zur Gruppenbildung und diese Gruppen sind für gewöhnlich einigermaßen homogen. Jede/r einzelne gehört zwar meist mehreren Gruppen an (Familie, Sportverein, Lerngruppe, Arbeitskollegen …), aber diese Gruppen werden üblicherweise durch ein oder mehrere verbindende Elemente zusammengehalten, die für Homogenität sorgen. Jede dieser Gruppen, Communities oder Peer-Groups hat ihre eigenen Regeln und Codes, die den Zusammenhalt verstärken und mit der sich die Mitglieder von anderen Communities abgrenzen. Dementsprechend gibt es auch allenfalls partielle Überschneidungen. Mit anderen Worten: Schreibe ich über die Besatzung einer Raumstation im 22. Jahrhundert kann ich von einer sehr diversen Zusammensetzung ausgehen. Trotzdem wird sie sich in verschiedene Gruppen aufspalten, die in sich relativ homogen sind.
Als vierten Grund, nicht über Aussehen, sexuelle Ausrichtung, Geschlechtsidentität, Behinderungen o. ä. zu schreiben, ist, dass es oft keine Rolle spielt. Nur bestimmte Politiker fragen, ob der Mensch der vor ihnen in der Schlange ansteht, keinen deutschen Pass oder einen künstlichen Darmausgang hat, schwul ist oder hetero, nach Mekka betet oder vielleicht gar nicht. Alle anderen warten, bis sie dran sind und hoffen, dass ihre Lieblingsbrötchen bis dahin nicht ausverkauft sind. Als Autor*in beschreibt man solche Situationen dementsprechend genau so.

Ich reihte mich in die Schlange ein. Hoffentlich waren die Mohnbrötchen nicht wieder ausverkauft.

Anders ist das natürlich, wenn in besagter Schlange eine großartige Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt, weil die lesbische Afghanin einen Schritt zurückmacht und die Spitze ihres Stilettos ein Loch in den eigenen Rist tackert. Aber so lange ich diese Geschichte nicht erzählen will, müsste schon Jabba der Hutte dort stehen, damit es erwähnenswert wird.

Und nein, ich akzeptiere auch kein: „Dann schreib es doch einfach anders. Du bist Herrin deines Weltenbaus!“
Der zweite Satz ist zwar richtig. Ich kann. Wenn ich will. Aber ich bin keine Lohnschreiberin. Deshalb erzähle ich die Geschichten, die ich erzählen will und ich erzähle sie so Geschichten so, wie ich es für richtig halte. So, wie ich meine, dass sie erzählt werden müssen.
Jede/r hat das Recht, das Scheiße zu finden. Auch aufgrund theoretischer Erwägungen. Allerdings ist solche Kritik wie das Bemäkeln von Essen, das man nie probiert hat.

Denn dass ich mich gegen bevormundende und übergriffige Forderungen wehre, heißt schließlich nicht, dass ich ausschließlich über weiße, heterosexuelle, körperlich und geistig fitte Menschen schreibe. Gut, bisher hat keine meiner Figuren mit ihrer Geschlechtsidentität gehadert – oder wenn doch, hat sie nichts davon verlauten lassen. Sie waren – wenn man von Vater Gion in Der Fluch des Spielmanns absieht, auch körperlich nicht eingeschränkt. Aber:

  • Steppenbrand hat ein nicht-europäisches Setting. Die Charaktere sind durchgehend dunkelhäutig; in der Kultur der Khon haben Männer und Frauen die gleichen Rechte und Pflichten (wenigstens am Anfang); Polyamorie ist zwar nicht die Regel, aber im Normbereich des Zusammenlebens.
  • Kernthema von Der Fluch des Spielmanns sind Fremdheit und Heimatlosigkeit. Die Spielleute werden zwar nirgends beschrieben, ihr Aussehen kann allenfalls anhand der Namen gemutmaßt werden. Aber ihr Status als Außenseiter wird mehr als deutlich.
  • In O Tannenbaum geht es um Spielarten der Liebe. Das Gegengewicht zu der letztlich zerstörerischen Bindung der Protagonistin an ihren Baum bildet ein lesbisches Krähenpaar.
  • Die Protagonistin aus Biss zum letzten Akt ist ein beziehungsunfähiger Ex-Junkie, die ihrer Umgebung gerade so viel Aufmerksamkeit widmet, wie zum Überleben nötig.
  • Madame Mimi Moffat spielt zwar heute, ist aber eine Erinnerung an den Porajmos, den Mord an der tsiganen Bevölkerung (ich benutze diesen Begriff, um die Jenischen einzuschließen) während des dritten Reichs. Wer die zweite Person in der Geschichte ist, bleibt der eigenen Vorstellungskraft beim Lesen überlassen.

Zusammenfassung: Ich kann den Wunsch, die eigene Bezugsgruppe literarisch vertreten zu sehen, gut nachvollziehen. Ich glaube, dass ein Blick über den Tellerrand gut tut, lese selber alles mögliche und behaupte, insgesamt auch divers zu schreiben. Ich verwehre mich aber gegen die Forderung Literatur müsse irgendetwas. Eine derartige Anspruchshaltung ist anmaßend und übergriffig – jedenfalls so lange, wie du mich nicht dafür bezahlst, eine bestimmte Geschichte zu schreiben (ob ich das Angebot annähme, ist noch mal eine andere Frage, dazu müsste ich mehr darüber wissen).

Wenn du mir diskutieren willst – gerne. Die Kommentare sind offen.


*Nathan der Weise: „Kein Mensch muss müssen […]“
**auch nicht als Solidarität, Empathie o. ä.
*** Geschätzt sind bis zu 0,6% der Bevölkerung transsexuell. D. h. unter 1.000 Menschen sind sechs Transperson, die i. d. R. nicht auf sich aufmerksam machen. Was die interessante Frage aufwirft, wie mensch über Menschen schreibt, deren Eigenschaften unbemerkt bleiben.

Werbeanzeigen

12 Kommentare zu „Die Forderung nach mehr Diversität

  1. Ich lese auch öfter mal „Besser keine Repräsentation als schlechte Repräsentation“, weil die aktiv den Betroffenen schadet. Klar – ich gehöre zu den Leuten, die geheult haben, vor Freude, weil mal EIN Charakter in EINEM Buch mit mir die Orientierung geteilt hat.
    Aber gleichzeitig wäre ich auch tierisch sauer, wenn ich ein Buch lese, in dem jemand wie ich vorkommt und alles daran so dermaßen falsch und klischeehaft ist, dass ich das Buch am liebsten aus dem Fenster werfen würde.
    Bei mir ist es grundsätzlich so, dass mein Cast mir zu 80% „zuläuft“ und irgendwie sind die rein zufällig dann fast immer in irgendeiner Weise queer und oftmals nicht-weiß. Bei mir war es tatsächlich der Lernprozess, dass mir mal auffällt, wie divers mein Cast ist, statt ihn im Kopf zu heteronormieren und weißzuwaschen. Aber divers waren sie schon immer. Ich wusste es nur nicht …
    Aber wenn dir keine diversen Charaktere zulaufen, dann ist ein Erzwingen wirklich nie der richtige Weg.

    Gefällt 2 Personen

      1. Braucht es auch nicht. Ich finde, man kann höchstens daran arbeiten, dass einem mehr Charaktere zulaufen bzw. merke ich, dass meine Charaktere diverser werden, seit ich einfach mehr verschiedene Lebensentwürfe und Orientierungen kenne.
        Aber das ist eher ein unbewusster Prozess.

        Gefällt 1 Person

  2. Ich kann die Argumentation bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen – du schreibst schon recht divers, also scheint dir der Ruf nach „mehr Diversität“ kontraproduktiv oder gar einschränkend. So ähnlich habe ich mit Mitte zwanzig argumentiert: „Ich brauche keinen Feminismus!“, denn ich kam aus einem überraschend progressiven Haushalt, in dem beide Eltern geputzt und gekocht haben und wir Mädchen alles tun und werden durften, was wir wollten. (Was glaubst du, wie überrascht ich im Studium war, als ich mit der realen Welt in Kontakt kam? ^^ )
    In einem Großteil der Unterhaltungsmedien heutzutage sind die Protagonisten eben wunderschön, erfolgreich, weiß, hetero und gut – oder um es anders auszudrücken: Strunzlangweilig. Und wenn es als „token representation“ mal einen schwulen besten Freund gibt, hat der gefälligst alle Tuckenklischees (verzeih) zu erfüllen, die man in „Will & Grace“ auf die Schnelle finden konnte. Deswegen mag ich es, marginalisierte Charaktere einzubauen und zu schreiben, die „quasi wie normale Menschen“ sind: Gut oder böse, manchmal dumm, manchmal arrogant, hilfsbereit oder nicht, müde, hungrig, schlechtgelaunt. Und die sich eben außer mit dem normalen Alltag noch damit auseinandersetzen müssen, dass viele Leute sie für „anders/merkwürdig/pervers/unterdrückt/wasauchimmer“ halten. Man muss ja nicht direkt jede Minderheit, die gerade in Mode ist (auch eine Form von Diskriminierung!) einbauen, aber wenn es sich gerade anbietet, tut es wenigstens niemandem weh.

    (In meiner aktuellen Postapokalypse habe ich u.a. eine religiöse Minderheit und einen Transmann in tragenden Nebenrollen, die nicht über ihre „Besonderheiten“ charakterisiert werden, sondern über darüber, was sie tun und wie sie sich verhalten. Einfach weil es sie auch nach dem Weltuntergang immer noch gibt.)

    Gefällt 1 Person

    1. Du rennst bei mir offene Türen ein, wenn du schreibst:
      „Deswegen mag ich es, marginalisierte Charaktere einzubauen und zu schreiben, die „quasi wie normale Menschen“ sind: Gut oder böse, manchmal dumm, manchmal arrogant, hilfsbereit oder nicht, müde, hungrig, schlechtgelaunt. Und die sich eben außer mit dem normalen Alltag noch damit auseinandersetzen müssen, dass viele Leute sie für „anders/merkwürdig/pervers/unterdrückt/wasauchimmer“ halten. Man muss ja nicht direkt jede Minderheit, die gerade in Mode ist (auch eine Form von Diskriminierung!) einbauen, aber wenn es sich gerade anbietet, tut es wenigstens niemandem weh.“
      Und im letzten Absatz kommst du zu genau dem Punkt, um den es mir auch geht: Wenn es sich anbietet – natürlich. Es gibt gar keinen Grund, Charaktere auf Mainstream (was auch das gerade ist) zu bürsten. Das heißt nicht, dass alle „Protagonisten eben wunderschön, erfolgreich, weiß, hetero und gut“ sein müssen „– oder um es anders auszudrücken: Strunzlangweilig.“
      Es heißt nur, dass nicht immer jede Minderheit berücksichtigt werden MUSS. Nicht, wenn es sich nicht anbietet. Und schon gar nicht, wenn man damit nur Klischees bedient.

      Genau das ist aber der Punkt, der mich an der aktuellen Debatte teilweise nervt. Dass es eine sehr laute Fraktion gibt, die dieses MUSS als kategorischen Imperativ vor sich herträgt, wobei auch da einige Minderheiten gleicher gemacht werden als andere. Mich stört die Anmaßung aller selbsternannten Propheten, allgemeingültige Regeln aufzustellen und alles zu verdammen, was die Maximalforderung nicht erfüllt.
      Das heißt nicht, dass ich gegen Diversität bin. Das heißt nur, dass ich mir nicht vorschreiben lasse, welche Charaktere welche Eigenschaften haben, vollkommen egal, ob die Forderung von alten weißen Männern oder hippen queeren Twens kommt.

      (Deine Postapokalypse klingt interessant. Die würde ich gerne lesen. )

      Gefällt 2 Personen

  3. Du sprichst mir da sehr aus dem Herzen. Ich habe das Gefühl, dass die Erwartungshaltung vieler manchmal einen enormem Druck aufbaut. Es mag jeder so halten wie er oder sie will. Die Leser werden beurteilen, ob es ihnen gefällt oder nicht. Aber ich bin ganz auf deiner Seite: was in meiner Story passt oder nicht, erfüllt nicht unbedingt alle Erwartungen. Und das ist okay. Denn wenn es anders wäre, wäre es nicht mehr meine Story.
    Ich habe nicht den Anspruch, allen immer gerecht zu werden. Und ganz sicher bediene ich auch dieses oder jenes Klischee. Sorry. Sollte ich damit jemandes Gefühle verletzen? Dann ist das jedenfalls keine Absicht.

    Gefällt 1 Person

  4. Du schreibst mir aus der Seele. Ich versuche in erster Linie, authentische Settings zu schaffen. Mit den entsprechenden Figuren darin. Ja, auch Minderheiten sind darin vertreten. Wird gesagt, dass sie einer Minderheit angehören? Ja, wenn es für die Geschichte wichtig ist. Passt eine bestimmte Minderheit nicht rein? Dann wird sie in dieser Geschichte nicht vorkommen.
    Eine andere Seite der Medaille ist auch, dass man sich auf sehr dünnes Eis begibt, wenn man zugibt, selbst einer Minderheit an zu gehören. Dann wird nämlich erst einmal vorausgesetzt, dass man – wenn man Diversität schaffen will – seinen eigenen Grund des „anders seins“ anbringt. Dass man das erst einmal nicht will, wird nicht als Grund akzeptiert. Und die Fähigkeit über andere Gruppen zu recherchieren (Mit welchen Vorurteilen haben sie im Alltag zu kämpfen? Wo stoßen sie an ihre Grenzen? Was wünschen sie sich?) wird einem erst einmal abgesprochen.
    Ich bin ganz ehrlich: Ab und zu glaube ich, die Leser wissen nicht, was sie wollen. Einerseits eine Repräsentation der Gruppe, der sie angehören, andererseits aber auch nicht, weil man sich als Außenstehender da ja nicht richtig einfühlen kann. Daher schreibe ich viel nach Gefühl. Natürlich informiere ich mich bei den Menschen, die mit den Problemen meiner Figuren in der Realität kämpfen. Aber ich lasse mir auch von niemandem vorschreiben, wer jetzt in meinem Roman Platz findet und wer nicht. Mein Roman – meine Figuren – meine Geschichte. Ganz einfach.

    Gefällt 2 Personen

  5. Ich sehe noch einen weiteren Punkt, der mir sogar verbietet, solche Charaktere einzubauen: Ich kann mich in sie nicht hineinfühlen, weil ich viel zu wenig weiß. Ich „kenne“ zwar inzwischen auch homosexuelle Menschen und Transgender, aber ich kenne sie nicht wirklich. Dazu bräuchte ich die Gelegenheit, mich sehr, sehr lange mit ihnen zu unterhalten. Also fürchte ich, bei einem solchen Charakter in genau die Klischees zu verfallen, die gerade nicht verwendet werden sollen. Wie also soll ich das machen?
    Ich selbst hasse nichts mehr als den schwulen Freund, der sich wie die beste Freundin verhält und seltsam spricht usw. Dann lasse ich das lieber raus und hoffe, dass es unter den Autoren auch Schwule (oder Lesben oder Trans oder …) gibt, die dann bitte ihre (also auch nur eine eingeschränkte) Sicht hinzufügen können.
    Grundsätzlich bin ich eh der Ansicht, dass diese Diskussion erst dann aufhört, wenn sie unnötig wird, weil man endlich jeden Menschen als Individuum betrachtet und nicht auf solche Eigenheiten reduziert, sondern ihn einfach als Menschen nimmt. Das ist mir wichtiger.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, Margeaux. Das wäre wirklich schön, wenn wir jeden Menschen als Individuum sehen könnten und Aussehen, sexuelle Orientierung, Gender, Schicht- und Klassenzugehörigkeiten etc. als Facetten, die erst in ihrer Gesamtheit die Person ausmachen.

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s