Literatur unter Strom – ein sehr persönlicher Rückblick

Am 15. – 16. Februar 2019 hatte ich die Ehre, an Literatur unter Strom, dem Jubiläumskongress zum 50-jährige Bestehen des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) teilnehmen zu können. Die Ehre deshalb, weil der Kongress eine geschlossene Veranstaltung für Mitglieder war und Selfpublisher*innen zum Zeitpunkt der Einladung nur von einigen Landesverbänden aufgenommen wurden. Dementsprechend war ich so etwas, wie ein Alien und bei einer der Abendveranstaltung entfuhr einem Buchhändler tatsächlich auch ein „Oh, mein Gott!“, als ich mich als Selfpublisherin vorstellte. Wir haben uns dann aber doch sehr gut unterhalten und abgesehen von diesem kurzen Moment bin ich nirgendwo Vorbehalten begegnet. Was eher durchklang, war die Befürchtung einiger konventioneller arbeitender Autor*innen, durch die zunehmende Digitalisierung des Buchmarkts und des Büchermachens abgehängt zu werden.

Aber der Reihe nach.

Der Kongress begann schon am 14. Februar mit einem feierlichen Empfang im Stadttheater Aschaffenburg und einem anschließenden Poetry Slam-Battle zum Thema Big Brother is watching you. Aus familiären Gründen konnte ich aber erst am Freitag anreisen, so dass mir beides leider entgangen ist.
Auch an der Stadtführung auf den Spuren der Brentanos konnte ich aus Zeitgründen nicht teilnehmen. Dabei hätte sie sich bestimmt gelohnt, schon weil Aschaffenburg wirklich schön ist.

Trotzdem ging es am Freitag gleich nach meiner Ankunft in die Vollen. Als erstes lief ich dem Fotografen von verdi.tv in die Arme und durfte mich als Teil der Berichterstattung über den Kongress vor laufender Kamera ausfragen lassen, was Selfpublishing eigentlich ist, welche Vor- und Nachteile es hat und welche Gründe es für Selfpublisher*innen geben könnte, sich einer Vereinigung wie dem VS anzuschließen.*

Es folgte kurzer Schwatz mit Nina George, die selbst ganz erheblich unter Strom stand, weil sie einen großen Teil des Programms gestaltet hatte und mit hinreißender Verve überall gleichzeitig nach dem Rechten sah. Ernsthaft jetzt: Ich habe schon viele Menschen unter Stress erlebt und die Meisten kommen irgendwann an einen Punkt, wo sie die Nerven verlieren. Nicht so Nina George. Hochkonzentriert, auf den Punkt mit den Ansagen, aber gleichzeitig witzig und unglaublich warmherzig. Whow!
Nina George habe ich zu verdanken, dass ich überhaupt teilnehmen durfte – dafür noch einmal ganz, ganz herzlichen Dank! Es war mir nicht nur eine Ehre, sondern auch ein Fest!
Durch Nina George habe ich auch Jens Kramer kennengelernt, den Vorsitzenden des Syndikats. Einer Verbrecherorganisation, wie er selber sagt, deren Mitglieder nach allen Regeln der Kunst morden. Natürlich nur in Büchern, denn auch das Syndikat ist eine Autorenvereinigung, nämlich die der Krimiautor*innen. Jens Kramer war für mich das Wochenende über so etwas wie der ruhende Pol. Unschätzbar wertvoll für jemanden, dem es schwer fällt, Gesichter und Namen in Übereinstimmung zu bringen.

Dann wurde es auch schon langsam Zeit für die eröffnende Podiumsdebatte, vor der ich mich die Wochen vorher ein bisschen gegruselt hatte. Ein Publikum aus lauter gestandenen Autorinnen und Autoren. Auf dem Podium u. a. die Radiomoderatorin Birgit Kolkmann, ein Verlagsmensch und Karla Paul. Und dazwischen ich als Repräsentantin der Selfpublisher*innen. Da kann man schon ein bisschen Bammel davor haben, Stuss zu reden, oder?
Den Auftakt machten aber Nina George mit einer espritsprühenden Einleitung und Rüdiger Wischenbart mit einem sehr inspirierenden Impulsreferat, bei dem ich sehr häufig dachte: „Das ist es. Auf den Punkt.“
Danach ging es in die Diskussion. Zur Debatte stand die Digitalisierung des Buchmarkts und ihre Folgen. Es ging um E-Books, Internetveröffentlichungen, die Zukunft des gedruckten Buchs, die Möglichkeiten von KI, Bestsellercodes und Übersetzerprogramme, die EU-Urheberrechtsnovelle, Selfpublishing, die gar nicht mehr so neuen Medien und sich änderndes Leseverhalten – und bestimmt habe ich noch den einen oder anderen Punkt vergessen. Als Teilnehmerin kann ich nur sagen: Ich fand die Themen spannend und die Atmosphäre ausgesprochen angenehm. Ob ich Stuss geredet habe, müssen andere entscheiden.

Danach verwischt sich meine Erinnerung ein wenig. Ich weiß noch, dass ich mit Lena Falkenhagen über die Absicht des VS gesprochen habe, künftig auch Selfpublisher*innen aufzunehmen. Sie hat das sehr befürwortet und darauf hingewiesen, dass PAN (die Vereinigung der Fantasy*autorinnen) sich inzwischen ja auch geöffnet habe. Dass das am Anfang anders gewesen sei, habe allein daran gelegen, dass man zunächst Strukturen schaffen wollte.
Dann habe ich mit Valentin Döring, Dr. Volker Staats (beides Juristen im VS) und Katharina Uppenbrink von der Initiative Urheberrecht über die EU-Urheberrechtsnovelle gesprochen. Die drei haben es geschafft, meine Meinung ins Wanken zu bringen, dass vor allem Artikel 11 und Artikel 13 Mist sind. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich die Richtlinie deshalb gut finde. Es ist einfach unglaublich schwer, an zuverlässige Informationen zu kommen, da auf beiden Seiten Interessengruppen stehen. Auf mich wirkt die Diskussion allerdings so, als würden die Gegner der Urheberrechtsrichtlinie sachlicher argumentieren als die Befürworter, von denen ich allenfalls Schlagworte und gelegentliche Diffamierungen mitbekomme. Das mag an den von mir konsumierten Medien liegen. Es mag auch sein, dass die Sachargumente der Gegner falsch sind. Der unsachliche Ton seitens der Befürworter weckt jedoch den Eindruck, sie hätten überhaupt keine Argumente. Das war bei den drei Genannten nun deutlich anders: Sie wirkten sowohl sachlich als auch informiert. Durch sie habe ich erfahren, dass die Diskussion über verpflichtende Uploadfilter die beabsichtigte Regelung nur sehr verkürzt darstellt. Das und die Tatsache, dass sie eindeutig die Interessen der Schriftsteller*innen vertreten, hat mein Meinungsbarometer von „Ablehnung“ auf „unschlüssig“ umspringen lassen.
Außerdem habe ich Monika Pfundmeier kennengelernt, eine sehr liebe Kollegin und sehr erfolgreiche Selfpublisherin, mit der ich am nächsten Tag lesen sollte. Mit ihr habe ich auch den größten Teil des Abends verbracht, der aus einem Festakt im Stadttheater Aschaffenburg zu dessen Höhepunkten für mich die Rede von Imre Török zählte, der Kein Ende der Bescheidenheit forderte, einem Empfang des Bürgermeisters und dem anschließenden gemeinschaftlichen Versacken der Nimmermüden im Schlappe Seppel bestand.

Und obwohl Aschaffenburg eigentlich recht übersichtlich ist, habe ich es geschafft, mich auf dem Rückweg ins Hotel zu verlaufen.

Den ersten Teil des Samstags hätte ich mir eigentlich für Schönheitsschlaf, einen ausgiebigen Bummel durch Aschaffenburg nebst Cafébesuchen und Lesungsvorbereitungen freinehmen können. Schließlich sollte die Lesung erst am Abend stattfinden. Aber natürlich war ich neugierig auf die Delegiertenkonferenz. Ganz besonders darauf, ob der Antrag über die Aufnahme von Selfpublisher*innen durchkommen würde. Zwar sind mir alle, mit denen ich mich unterhalten habe, sehr offen begegnet, aber für Außenstehende ist es schwer, Stimmungen abzuschätzen. Um so mehr hat es mich gefreut, dass der Antrag problemlos durchging. Schließlich kämpfen wir Selfpublisher*innen mit ähnlichen Problemen, wie die, die für Verlage schreiben. Darüber hinaus kämpfen wir mit ähnlichen Problemen, wie die Verlage selber – die übrigens auch Mitglied im VS sein können. Und deshalb glaube ich fest daran, dass es gut ist, diese gemeinsamen Probleme gemeinsam anzugehen und die gemeinsamen Interessen auch gemeinsam zu vertreten.
Als im Anschluss daran an einer neuen Charta gefeilt wurde, habe ich mich allerdings verabschiedet. Die Vorlage kannte ich schon und kann sie in jedem Punkt unterschreiben. Das Gleiche gilt für die am gleichen Tag verabschiedete Aschaffenburger Antwort. Deshalb habe ich mich gegen das weitere Zuhören und für ein Nickerchen im Hotel entschieden, um für die bevorstehende Lesung fit zu sein.

Die Lesung. Was soll ich darüber sagen, außer dass sie Spaß gemacht hat? Vielleicht noch, dass sie in zwei Blöcken á einer Stunde ablief. Das hatte den Sinn, dass die Zuhörenden in der Pause zu einer der parallel laufenden anderen drei Lesungen wechseln konnten. Monika Pfundmeier und ich haben abwechselnd gelesen. Im ersten Block sie zuerst, im zweiten ich. Jens Kramer hat uns jeweils vorher vorgestellt und ein bisschen in die Themen eingeleitet.
Im Anschluss an die zweite Lesung gab es sogar noch eine kleine Diskussion mit ein paar Zuhörerinnen.

Danach sind wir mit den übrigen Kongressteilnehmern wieder im Schlappe Seppel versackt.

Damit war der Kongress eigentlich zu Ende. Allerdings gab es am nächsten Morgen noch so etwas wie ein inoffizielles Treffen. Eher zufällig. Vor dem Hauptbahnhof.
Das Wetter war schön, ich hatte keine Lust auf Hotelzimmer und der Kaffee dort war auch eher mau. Also bin ich früher raus und habe mir einen Chai Latte in der Sonne gegönnt. Und nach und nach bekam ich Gesellschaft. Zuerst Monika Pfundmeier. Dann Lena Falkenhagen, die frisch gekührte Vorsitzende. Imre Török. Sven j. Ohlsson (noch jemand aus dem Vorstand) und noch ein paar andere, deren Namen mir leider entfallen sind. Einige blieben nur kurz auf ein paar Worte. Andere länger.
Es war eine sehr angenehme Runde. Auch das hat mich darin bestärkt, dass es richtig ist, dem VS beizutreten.


*Den Bericht werde ich noch verlinken, so bald er fertig geschnitten ist.


Wer objektivere Informationen sucht, ist mit diesem Artikel vielleicht ganz gut bedient: http://kuk.verdi.de/literatur/laengst-noch-kein-ende-der-bescheidenheit-1832/

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