Eine Lanze für das Happy-End

Happy Endings haben einen schlechten Ruf. Gerade Autorinnen geraten bei einem Happy End schnell in Verdacht, oberflächlichen Kitsch zu produzieren. Aber auch männlichen Autoren wird von Anfang an beigebracht, dass Happy Ends verdächtig sind. Lange Zeit galt sogar, dass richtige, d. h. anspruchsvolle Literatur geradezu synonym mit einem tragischen Ausgang ist. Ganz so fanatisch wird das heute zum Glück nicht mehr gesehen. Aber es gilt immer noch, dass Bücher, die den Ausgang der Fantasie der Leser*innen überlassen, eher ernst genommen werden als solche mit Happy End.

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Bildquelle: PourquoiPas via pixabay

Ich bin mit dem Diktat des „guten Buchs“ großgeworden, wobei „gut“ ganz selbstverständlich bedeutete, dass das Buch von einem anerkannten männlichen Autor stammte, von den Problemen des (meist männlichen) Individuums mit der grausam kalten Gesellschaft (seltener einer grausam kalten Frau) handelte und tragisch endete.
Diese Doktrin des „guten Buchs“ begann schon in der Schule. Offensichtlich steckte dahinter die gut gemeinte Absicht, frühzeitig ein Problembewusstsein zu wecken und einer naiven Weltsicht entgegenzuwirken.
Entsprechend trist war das, was wir lasen. Ganz besonders ist mir eine Geschichte in Erinnerung, in der es darum ging, dass eine adelige Familie die ihr untergebenen Bauern durch falsche Gewichte betrügt. Ein Kind deckt diesen Betrug auf. Aber statt nun richtig bezahlt zu werden, wird die ganze Familie vertrieben. Die Geschichte endet mit dem Hinweis, dass wohin sie auch kamen, immer die Maße zugunsten der Mächtigen gefälscht waren.
Wie gesagt: Ich bin mir sicher, dass hinter alledem gute Absichten standen. Sonst hätte man den Betrug nicht aufdecken müssen, sondern hätte eine andere Geschichte erzählt. Eine, in der ein boshafter Bauernbursche die gute Herrschaft verleumdete zum Beispiel. Oder eine, in der sich der Junge täuscht. Aber gerade der Schluss macht die Absicht deutlich: Es geht darum, zu erzählen, dass Reichtum immer durch Betrug entsteht. Die Geschichte ist also gesellschaftskritisch gemeint.

Das ist aber nur die eine Seite. Die andere ist das Schicksal des Kindes und seiner Familie. Wenn man die Geschichte aus ihrer Perspektive betrachtet, ist die Lehre plötzlich eine ganz andere. Das Kind ist zwar im Recht, aber das Beharren auf gerechter Behandlung wird zum Verhängnis für alle. Die eigentliche Botschaft ist also: Halt bloß die Klappe! Wer aufmuckt, schadet nicht nur sich selbst, sondern auch denen, die er liebt. Wer sein Recht durchsetzen will, macht alles nur noch schlimmer.
Im Ergebnis rät die „gute Literatur“ hier also zu Duckmäusertum. Ganz wie der Schlager „Die süßesten Früchte“.

Nur kommt die Botschaft der Geschichte nicht so locker-flockig rüber, wie bei Peter Alexander und Leila Negra, sondern trist und tragisch.

Die Wirkung wäre eine ganz andere, wenn sich die anderen Familien aus dem Dorf solidarisiert hätten und die Adeligen irgendwie bestraft worden wären. Das mag dick aufgetragen sein, aber es ist genau die Erzählweise, der sich Hollywood oft erfolgreich bedient. Man kann aber auch deutlich subtiler vorgehen. Die Botschaft wäre längst nicht so verheerend, wenn die Familie am Ende doch einen Ort gefunden hätte, wo ihr Gerechtigkeit wiederfahren wäre.
Der Wunsch, die „Guten“ belohnt und die „Bösen“ bestraft zu sehen, ist tief in uns verankert. Er bestätigt unser Rechtsgefühl und wenn dagegen verstoßen wird, empfinden wir das als unangenehm. Das ist in Geschichten nicht anders als in der Realität. Deshalb empfinden wir Geschichten als belastend, in denen uns diese epische Gerechtigkeit vorenthalten wird.

Umgekehrt ist es deshalb gerade bei Geschichten, die aufrütteln sollen, wichtig, nicht nur die Ungerechtigkeit aufzuzeigen, sondern epische Gerechtigkeit walten zu lassen. Richtig dosiert, wirkt ein solches Happy End auch ganz und gar nicht kitschig, sondern ermutigend und aufbauend.

Wie siehst du das? Welche Art von Ende bevorzugst du?

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Bildquelle: Rauschenberger via pixabay

Madame Mimi Moffat

oder

Ein Schlüsselerlebnis

Wer mir auf Twitter folgt, weiß es schon: Ich bin Wiederholungstäterin. Den Challenges von Clue Writing kann ich nun mal nur sehr schwer widerstehen. Rahel und Sarah schaffen es regelmäßig, meine grauen Zellen so zu triezen, dass am Ende eine Geschichte dabei herausspringt.
Auch diese Lady war mal wieder unwiderstehlich.

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Credits: Rahel v. Clue Writing

Was dabei herausgekommen ist? Lies selber!


Madame Mimi Moffat

oder: Ein Schlüsselerlebnis

Ich kannte die Moffat, wie man seine Nachbarn eben kennt. Man grüßt, fragt, wie es geht, hat die Antwort aber sofort vergessen. Von der Moffat kannte ich immerhin den Namen.
Sie hinterließ Eindruck. Aber anders, als Sie jetzt vermutlich denken. Hübsch war sie nicht. Jung schon lange nicht mehr. Ihr Kopf ähnelte einem Totenschädel. Die schwarz gefärbten Haare waren oben am Kopf zu zwei komischen Knubbeln aufgedreht. Wann immer ich ihr begegnete, trug sie einen schäbigen Bademantel und darunter das scheinbar immergleiche schwarze Kleid, dessen tiefer Ausschnitt die hervortretenden Schlüsselbeine und den hängenden Busen betonte. Ihre Füße steckten in plüschigen Pantoffeln. Sie hätte die Hauptrolle in jedem Zombiefilm spielen können. Die Kinder nannten sie eine Hexe und rannten kreischend weg, wenn sie sie sahen. Ich ging ihr wenn möglich aus dem Weg.
Bis die Sache mit den Schlüsseln passierte.

Ich wollte nur kurz die Wäsche holen. Als ich gerade aus der Tür war, klingelte das Telefon. Ich rannte zurück, weil ich hoffte, es würde Jo sein. Aber es war dann doch nur irgendein dummes Marketinginstitut. Ich sagte ihnen, wohin sie sich ihren Kram stecken konnten und machte mich wieder auf den Weg in den Keller.
Unten angekommen, tastete ich vergeblich nach den Schlüsseln. Wie konnte das … Mir fiel ein, dass ich sie auf dem Weg zum Telefon auf den Tisch …
Was für eine Scheiße!
Mein Handy hatte ich natürlich auch nicht dabei. Es war Wochenende. Ich trug nur Schlafanzughose und T-Shirt. Draußen heulte der Wind. Ich heulte mit. Seit der Sache mit Jo war mein Leben ein Trümmerhaufen. Und nun das. Es war alles zu viel.

Die Moffat fand mich am Fuß der Kellertür. Ein zähneklappernder Haufen Elend.
Ich habe keine Ahnung, wie sie mich in ihre Wohnung schaffte. Meine nächste Erinnerung ist, dass ich in einem Sessel sitze, eine Katze auf dem Schoß und ein Becher mit etwas Heißem in der Hand.
„Trinken Sie!“
Ich trank. Was auch immer im Becher war, schmeckte süß, würzig und sehr alkoholisch. Ich hustete.
„Cognac“, kommentierte die Stimme der Moffat. „Zum Aufwärmen.“
Langsam nahm der Raum Formen an. Ein Wohnzimmer. Gelbes Sofa, gelbe Vorhänge, gelbe Lampenschirme. Ein gelber Ascher voller Kippen. Mir gegenüber, auf dem Sofa, die Moffat, eine Zigarette im Mundwinkel, die Augen schmal hinter dem Rauch. Sie hielt mir die Packung hin. „Sie auch?“
Ich schüttelte den Kopf. Bei dem ganzen Gelb fehlten nur die Sonnenblumen über dem Sofa. Statt dessen hing dort ein altes Plakat, umgeben von einem Schwarm gerahmter Fotos. Es zeigte eine Frau in dunkler Robe, die sich über eine Glaskugel beugte. Das Bild war diffus und verschwand fast unter verschnörkelten blauen Buchstaben. Madame Mimi Moffat entzifferte ich. Darunter stand noch etwas, aber so klein geschrieben, dass ich es nicht lesen konnte.
„Zirkus?“, fragte ich.
„Varieté“, antwortete sie. „Ich hatte ein gewisses Talent. Es lag wohl in der Familie.“
Ich suchte nach Ähnlichkeiten zwischen der Frau auf dem Plakat und meiner Gastgeberin. Beide waren schwarzhaarig aber die Frisur war eine andere. Die Haare der Frau auf dem Plakat waren länger und wurden durch ein rotes Tuch gebändigt.
„Sind das echt Sie?“
Ein Grinsen breitete sich in ihrem Gesicht aus. „Mais oui! Isch war nischt immär alt und ‚äslisch.“
Wir lachten beide, bis sie unvermittelt aufstand. „Was bin ich für eine Gastgeberin! Es ist fast Abend und Sie haben nichts gegessen.“
Sie ignorierte meinen Protest und verschwand, gefolgt von der Katze. Ich hörte das Klappern von Topfdeckeln. Das ging echt zu weit. Ich brauchte doch nur einen Schlüsseldienst. Ich wollte aufstehen, zu ihr gehen und es ihr sagen, aber es ging nicht. Meine Beine waren wie Wachs. Ich kam einfach nicht hoch.
Die Frau auf dem Plakat lächelte verschlagen.
„Möchten Sie noch etwas trinken?“
Die Moffat stand so unvermittelt neben mir, dass ich erschrak. Ohne eine Antwort abzuwarten, schenkte sie nach und schlurfte davon. Ich trank. Der Tee schmeckte besser als der erste. Der Alkoholgeschmack war fast verschwunden, dafür war eine neue, würzige Note hinzugekommen.

Kurz darauf war die Moffat wieder da. „Sie haben nach meiner Familie gefragt.“
Hatte ich? Ich konnte mich nicht erinnern.
Sie nahm einige Bilder von der Wand und legte sie vor mir auf den Tisch. Ich sah Frauen in langen Röcken und Tüchern im Haar. Männer mit Hüten. Kinder. Hochrädrige Pferdewagen mit runden Dächern. Alle in schwarz-weiß.
„Das war, bevor sie uns festgeschrieben haben.“
„Festgeschrieben?“ Das war nicht die einzige Frage, aber den Begriff hatte ich noch nie gehört.
„Wir durften nicht mehr reisen. Sie haben uns die Pferde weggenommen und verboten, aufzutreten. Dabei waren wir Schausteller.“ Sie steckte sich eine Zigarette an. „Es war schrecklich. Zu viele Menschen, zu viel Zeit, zu viel Hunger und viel zu wenig Platz. Ständig gab es Streit.“
Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen sollen?
„Meine Eltern beschlossen, mit uns nach Frankreich zu fliehen. Mein Vater hatte dort Familie. Die Flucht erinnere ich kaum. Nur das Gefühl von Kälte und wunden Füßen. Und Angst. Die ist heute noch da. Nachts, wenn alles schläft, dann kriecht sie aus den Ritzen.“ Sie warf mir einen scharfen Blick zu. „Wir schafften es über die Grenze. Aber kaum glaubten wir, sicher zu sein, mussten wir schon wieder fliehen. Und irgendwann gab es keinen Platz mehr, wohin wir fliehen konnten. Sie waren überall, die Faschisten.“
„Wie haben Sie überlebt?“, flüsterte ich heiser.
Wieder einer dieser scharfen Blicke. Als würde sie meine Gedanken lesen.
„Die Résistance. Gute Menschen haben uns versteckt. Aber wir mussten uns trennen. Meine Schwester und ich kamen zu Bauern, die uns als ihre Nichten ausgegeben haben. Meine Eltern …, nun, sie hatten nicht so viel Glück. Als der Krieg vorbei war, waren Marie und ich Waisen und der Großteil der Familie tot.“
Sie drückte die Zigarette aus und sammelte die Bilder ein. „Das Essen müsste gleich fertig sein. Wenn Sie sich vorher frisch machen wollen – das Bad ist links neben der Eingangstür.“

Gehorsam stand ich auf, obwohl meine Beine sich immer noch wie Wachs anfühlten und mir eher schlecht als nach Essen war.

Auf der linken Flurseite gab es zwei Türen. Die zum Badezimmer war die erste. Das entdeckte ich aber erst, nachdem ich die direkt neben der Eingangstür aufgemacht hatte. Dahinter befand sich eine Art Abstellkammer. Aber statt mit Putzmitteln und alten Jacken war der Raum mit Terrarien vollgestellt. In jedem hockten ein bis drei fette, graubraune Haufen, die mich aus dunklen Augen anstarrten. Die Verwunderung war gegenseitig, dauerte aber nur Sekunden. Dann schnarrte einer der Haufen und sprang gegen das Glas. Es gab ein sattes FLOTSCH beim Aufprall. Als sei das ein Signal, klatschten auch die anderen Haufen schnarrend und quakend gegen die Glaswände.
Erschrocken vom Krach und der Wucht des Ausbruchs machte ich einen Schritt zurück und schlug die Tür zu. Mein Herz hämmerte. Was um aller Welt war da eben los gewesen?
Zu meiner Erleichterung befand sich hinter der anderen Tür ein ganz gewöhnliches Bad. Ich wusch mir die Hände mit nach Honig duftender Seife und ging zurück ins Wohnzimmer.

Der Tisch war schon gedeckt. Mittendrauf stand eine große Schüssel. Es duftete verlockend.
Ich blieb im Türrahmen stehen. „Warum haben Sie Frösche in der Abstellkammer?“
„Keine Frösche. Kröten. Aga-Kröten, um genau zu sein“, antwortete die Moffat sachlich. „Setzen Sie sich.“
Sie füllte zwei Teller und schob mir einen hin.
„Aber warum?“
„Warum nicht? Andere Leute züchten Cannabis im Schlafzimmer.“ Sie zwinkerte mir zu. „Wissen Sie, was das an Strom frisst? Allein die Beleuchtung! Kröten sind viel genügsamer.“
Merkwürdiger Vergleich, dachte ich. „Aber Hasch ist ein Rauschmittel …“
„Kröten auch. Wussten Sie das nicht? Manche Menschen lecken sie deshalb ab.“ Die Moffat grinste. Verarschte sie mich?
„Sie lecken an Kröten?“
Wieder dieses Grinsen. „Ich doch nicht, Cherie. Aber essen Sie. Es wird kalt.“
Gehorsam tauchte ich die Gabel in die dunkle Kruste. Darunter kamen weiße Bohnen zum Vorschein, Karotten und etwas, das ich für Hähnchenfleisch hielt. Es schmeckte so gut, wie es roch. Kaum zu glauben, dass man so etwas nebenbei kochen konnte. Und woher hatte sie die Zutaten?
„Ein ganz simpler Eintopf. Alles eine Frage der Organisation“, sagte die Moffat leichthin und schob die Katze beiseite, die aus dem Nichts aufgetaucht war. „Möchten Sie etwas trinken?“
Ich kam nicht dazu, zu antworten, weil sich ein Knochenstück zwischen meinen Zähnen verfangen hatte. Als ich es endlich herausgepult hatte, stand schon ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit neben meinem Teller.
„Enchanté!“ Die Moffat prostete mir zu.
Ich legte das wirklich sehr kleine Knöchelchen auf den Tellerrand und hob mein Glas ebenfalls. „Auf Ihr Wohl – und vielen, vielen Dank!“
Das bernsteinfarbene Zeug war eine Art Likör. Er schmeckte würzig, ein bisschen süß und ein kleines bisschen bitter. Erstaunlicherweise passte es gut zu den Bohnen. „Sehr lecker. Was ist das?“
„Oh, den mache ich selber. Altes Familienrezept.“

Das Familienrezept machte ganz schön benommen. Beim zweiten Glas begann ich, wegzudösen.
„O la la! Das ging schnell.“ Die Stimme der Moffat schien aus weiter Ferne zu kommen, dabei war ihr Hexengesicht plötzlich ganz nahe. Etwas strich mir über die Wange. „Wehren Sie sich nicht, Cherie! Lehnen sie sich einfach zurück. Entspannen Sie.“
Mir fehlte die Kraft, mich zu wehren.
Das letzte, was ich sah, war die Moffat, wie sie sich eine Zigarette ansteckte.
Ich träumte von Sturm und Regen. Von Männern in Stiefeln und Ledermänteln, die sich wie Scherenschnitte vor brennenden Pferdewagen abhoben. Die Flammen wurden zu einem roten Tuch in schwarzen Haaren, darunter das Gesicht der Moffat. Sie hob den Arm. Blaue Ranken brachen hervor und wickelten sich um die Männer. Funken sprühten. Gelb, orange und himmelblau – und dann war es vorbei. Im Dunkel schnarrte eine Kröte. Andere fielen ein. Über allem rauschte der Regen.

Als ich erwachte, saß die Moffat rauchend auf dem Sofa. Meine Schlüssel lagen auf dem Couchtisch.
„Wie …?“, fragte ich. „Können Sie Schlösser knacken?“
Die Moffat grinste. „Ih wo, Chérie. Teleport ist doch viel einfacher, n’est-ce pas?“

Ich weiß bis heute weder, wie sie es gemacht hat, noch was genau an diesem Abend passiert ist. Es ist mir auch egal. Mir reicht das Wissen, dass ich Madame Mimi Moffat Dank schulde und sie auf keinen Fall verärgern werde.


Diese Geschichte ist ein Beitrag zur 7. Clue Writing Challenge (Winter 2018/19)
Clues: Frisur, Grinsen, Zigarette, Robe, gelb
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