Überraschung: Sprache wirkt

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Sprache ist nicht neutral. Sprache wertet. Immer. Sprache kann aufwerten und negieren, hervorheben und unsichtbar machen. Was man nicht schreibt, existiert nicht. Informationen, die uns der Text vorenthält, füllen wir beim Lesen mit unserem Wissen und unseren Vorurteilen.

Ein schönes Beispiel habe ich vor ein paar Tagen beim Abendessen erlebt. Aus irgendwelchen Gründen kamen wir über russisches und amerikanisches Humorverständnis zu dieser Mini-Geschichte:

Ein Mann holt seinem Sohn vom Sport ab. Auf dem Nachhauseweg werden sie von einem Lkw gerammt. Der Mann ist sofort tot, der Sohn wird schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht und für eine Notoperation vorbereitet.
Als der Arzt das Kind sieht, wird er bleich und beginnt zu stammeln. „Ich kann das nicht. Das muss jemand anderes machen. Das ist mein Sohn!“

Ja, die Geschichte ist alt. Bei einigen ist der Überraschungseffekt vielleicht noch da. Den Meisten wird sie aber in der einen oder anderen Variante vermutlich schon bekannt sein. Für diejenigen ist dann auch klar: generisches Maskulinum, der Arzt ist natürlich eine Frau, keine Überraschung. Weiß man ja. Generisches Maskulinum schließt Frauen ein. Nerv nicht.
Was diejenigen jetzt vielleicht überrascht, ist die Reaktion meines jüngeren Sohns. Der zuckte nämlich auch nur mit den Schultern. „Ja und? Die beiden sind halt schwul.“

Deshalb ist es wichtig, in den relevanten Bereichen präzise zu sein. Ein Forschungsteam, das sich aus Männern und Frauen zusammensetzt, ist kein Team von Wissenschaftlern. Wenn die beiden Piloten im Cockpit weiblich sind, sind sie Pilotinnen. Es ist so einfach. Die Sekretärin des Chefs Chefsekretärin und nicht Chefsekretär zu nennen, kommt euch vermutlich auch ganz locker aus der Feder.

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Crash, Boom, BÄNG! Superhelden und Gewalt

Zugegeben: Ich kann Superhelden wenig abgewinnen. Aber seit meinem jüngeren Sohn das Star Wars Universum zu eng geworden ist und er Marvels Multiversen erkundet, werde ich zunehmend mit Charakteren und Stoffen bekannt, mit denen ich mich aus eigenem Antrieb nicht beschäftigt hätte. Allerdings hat er es nicht so mit Comics, sondern mehr mit den Filmen. Deren Erscheinen erwartet er nicht nur sehnsüchtig, er guckt auch jeden Trailer, den er finden kann, bis der Film dann endlich, endlich in die Kinos kommt.
Diese Sehnsucht wird natürlich mitgeteilt und da er noch nicht alt genug ist, die Filme ohne Begleitperson zu sehen, komme ich immer mal wieder mit.

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Prügeleien und kein Ende

Was mir an den Filmen auffällt, sind ein sehr einheitlicher Aufbau und der exzessive Einsatz von Gewalt. Ganz besonders fiel mir das bei Batman vs. Superman* auf; ein Film, in dem ich mich unendlich gelangweilt habe. In meiner Erinnerung besteht der Film fast ausschließlich aus einer Aneinanderreihung von Prügeleien und Explosionen. Vielleicht ist mir das deshalb so aufgefallen, weil die Handlung so dünn und die Charaktere so schlicht gestrickt waren. Jedenfalls ging das, der Geschichte angeblich zugrunde liegende Dilemma zwischen Explosionen, Rauch und Staub unter.
Eins hat der Film dann aber doch bewirkt. Nämlich, dass ich angefangen habe, mir Gedanken über Zweck und Stellenwert Gewalt im Konzept der Superheldenfilme zu machen. Gewalt ist ganz offensichtlich ein integraler Bestandteil, ob man sich jetzt Superman anguckt, die X-men oder eher lustig gemeinte Varianten wie Die Unglaublichen: Der Grundkonflikt ist genauso physischer Natur wie die Lösung. Oder um es weniger abstrakt zu formulieren: In jeder Superheldengeschichte es gibt eine äußerliche Bedrohung, die auf die Vernichtung von Leben zielt und die von den Helden unter Aufbietung aller, ihnen zur Verfügung stehenden besonderen Fähigkeiten beseitigt werden muss. Auffallend ist, dass diese Fähigkeiten vor allem dafür verwendet werden, die eigene Kampfkraft und die der Verbündeten zu erhöhen.
Bruce Wayne baut keine Schulen. Er unterstützt auch keine Präventionsprojekte, die Gotham etwas sicherer machen würden. Sein ganzes Vermögen steckt in Batmans Ausrüstung. Gleiches gilt für Tony Stark, der das Äquivaltent zu Batman ist, nur eben bei Marvel. Auch Tony Stark ist ein reicher Industrieller und Lebemann. Auch er baut coole Gadgets. Gelegentlich rüstet er damit auch die Agenten von S.H.I.E.L.D aus. Aber darin erschöpft sich seine Großzügigkeit.

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Können die nicht denken?

Warum ist das so? Warum fällt selbst den intelligentesten Superhelden, keine Lösung ein, die nicht auf eine physische Auseinandersetzung hinausläuft?
Die naheliegendste Erklärung ist natürlich, dass die Welt der Superhelden nun mal so ist: Geprägt von Gewalt und Düsternis und bevölkert von mächtigen Superschurken, die andere ausbeuten und gewaltsam unterjochen. Superhelden werden oft schon früh mit Gewalt konfrontiert. Sie sind das Ergebnis skrupelloser Menschenversuche (Black Bold, Wolverine, Deadpool, Cloak, Dagger), ihre Eltern werden ermordet (Spiderman, Superman, Daredevil, Drax the Destroyer), sie selber gemobbt (Spiderman) oder wegen ihrer besonderen Fähigkeiten verfolgt (X-Men). Daher könnte man die These wagen, dass sie, auch weil sie nichts anderes als Gewalt gelernt haben, auch nur mit Gewalt reagieren können und dass es sie auszeichnet, dabei nicht bis zum letzten zu gehen, sondern den Gegner im Endkampf zu schonen.

Allerdings greift dieser Ansatz zu kurz, denn er betrifft nur einen kleinen Teil der Superhelden, die vielfach auch aus gutbürgerlichen oder sogar sehr wohlhabenden Verhältnissen stammen, wie Batman, Ironman, Elektra (oh, eine Frau!) oder Janet van Dyne alias the Wasp (noch eine Frau!). Black Panther ist nicht nur reich, sondern sogar königlicher Abstammung.
Und obwohl Wakanda, das Herkunftsland von Prinz T‘Challa, über ein einzigartiges Rohstoffvorkommen verfügt, die Wakandaner (ich hoffe, die Form stimmt) technische Wunderleistungen vollbringen und friedlich im allgemeinen Wohlstand zusammenleben, wird dieses einzigartige Rohstoffvorkommen im Wesentlichen für die Entwicklung von intelligenten Waffen genutzt. „Klar!“, könnte man sagen, „Solche Dinge wecken Begehrlichkeiten. Das Land und seine Bodenschätze müssen vor Invasoren geschützt werden.“
Der Haken an dieser Argumentation ist, dass (fast) niemand außerhalb von Wakanda von diesen Wunderdingen weiß, weil Wakanda sich dank überlegener Technologie erfolgreich als armes, rückständiges Dritte-Welt-Land tarnt, in dem es rein gar nichts zu holen gibt. Das ist eine ziemlich intelligente Strategie, um Invasoren gar nicht erst auf dumme Gedanken zu bringen. Aber wozu dann die Waffen?
Und warum hält dieses technisch unglaublich hoch entwickelte, fortschrittliche Volk daran fest, seine Anführer in einem archaischen Ritual durch Zweikampf zu bestimmen? Einem Zweikampf, in dem keinesfalls der Klügste gewinnt, der mit dem besten taktischen Geschick, dem meisten Wissen oder was man sonst noch zur Führung eines Volks für nötig halten könnte, sondern in dem allein Stärke, Ausdauer und Geschick im Umgang mit Waffen zählen?
„Es ist eben deren Tradition“, halte ich als Erklärung für ziemlich dürftig, zumal es die Gefahr birgt, Wakanda sozusagen durch die Hintertür doch noch als rückstädig dastehen zu lassen. So nach dem Motto: Ok, Technik können sie, aber gesellschaftlich sind sie doch eher Steinzeit. Was auch falsch wäre.

Vielleicht kommen wir der Lösung näher, indem wir eine dritte Gruppe angucken, von denen es in den Reihen der Superhelden geradezu wimmelt: die Superhirne. Auch hier ist Tony Stark alias Ironman ganz vorne an. Außerdem wären da z. B. noch Dr. Henryk Pym (Ant-Man), Reed Richards (Mr. Fantastic) und natürlich Dr. Robert Bruce Banner (Hulk) zu nennen.
Sie alle sind Genies auf ihrem Gebiet, mit ungeheuren Geisteskräften ausgestattet und sollten eigentlich in der Lage sein, Strategien zu entwickeln, die Gewaltanwendung überflüssig machen. Zum Beispiel müssten die von Dr. Henryk Pym entdeckten Pym-Teilchen eigentlich die gleiche Wirkung auf Gegner und ihre Waffen entfalten, wie auf Ameisen und Häuser. Wenn man das Eine nach Belieben schrumpfen oder vergrößern kann, warum dann nicht auch das andere? Eine Nano-Pistole ist genauso unbrauchbar, wie die XXL-Version und gegebenenfalls könnte man sogar den Gegner auf ein handliches Format schrumpfen und im Einweckglas zur nächsten Polizeiwache bringen.
So weit geht der Einfallsreichtum der Superhirne aber nie.

Komisch, oder?

Man könnte fast den Eindruck bekommen, es ginge nie um Gewaltvermeidung, sondern darum, sie möglichst spektakulär einzusetzen und so die eigene Großartigkeit zu demonstrieren. Denn seien wir ehrlich: Ein Superschurke, dessen Superwaffe plötzlich so winzig wird, dass er sie nicht mehr findet oder so riesig, dass sie ihm aus der Hand fällt und den Fuß bricht, ist zwar lustig, aber kein würdiger Gegner. Dagegen bestätigt einer, den der Held erst im epischen Endkampf besiegen kann, erst so richtig die Großartigkeit dieses Helden. Und weil wir uns mit dem Helden identifizieren, färbt ein Teil dieser Großartigkeit auch auf uns ab. In diesem gloriosen Moment zahlt sich aus, dass wir zu ihm gehalten, mit ihm gefiebert und gelitten haben.

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Was, wenn alles ganz anders wäre?

Diese Befriedigung herbeizuführen ist ungleich schwerer, wenn der Helden seinen Widersacher nur unter Einsatz seiner grauen Zellen auszuschaltet. Da mir kein Beispiel aus der Fantasy einfällt, möchte ich diese These durch „Superhelden“ eines anderen Genres illustrieren: dem Krimi, genauer gesagt, dem Who-dunnit. Im Zentrum steht hier oft die Gestalt eines genialen Ermittlers, der einen vertrackten Fall im Wesentlichen durch Nachdenken löst. Gewalt geht von ihm in der Regel nicht aus, oft ist er dazu körperlich gar nicht in der Lage, wie z. B. Nero Wolfe oder Lincolm Rhyme. Aber selbst, wenn er gewisse Kampftechniken trainiert, wie Sherlock Holmes, dienen diese mehr dazu, neben dem Kopf auch den Körper fit zu halten. Beim Lesen folgen wir diesen Geistesgrößen, erfahren, was sie erfahren und versuchen, unsere eigenen Schlüsse zu ziehen. Der Reiz besteht also eindeutig im Mitraten. Allerdings ist ein guter Who-dunnit so gestrickt, dass er nicht nur den Ermittler auf falsche Fährten lockt. Die Genialität des Ermittlers erweist sich aber gerade darin, dass er diese durchschaut und einen Täter ausmacht, den man selber schon ausgeschlossen hatte. Man kann die Überlegenheit des genialen Ermittlers daher zwar bewundern, aber sie färbt nicht ab.

Andere Gründe

Möglicherweise gibt es noch einen weiteren Grund, dass Gewalt in Geschichten über Superhelden omnipräsent ist, nämlich ihre Herkunft. Angefangen bei Superman, ist die ganz überwiegende Zahl ist zuerst als Comic erschienen und physische Gewalt ist graphisch deutlich leichter darzustellen als Gedanken. Das Gleiche gilt für die filmische Umsetzung.

So was wie ein Fazit

Das erklärt jedoch nicht ihre anhaltende Beliebtheit. Daher vermute ich, dass der eigentliche Grund hinter all den Explosionen und Special Effects der ist, das ist, was oben schon durchklang: Superhelden sind gut für‘s Ego. Sie siegen für uns und indem wir uns mit ihnen identifizieren, befriedigen wir unseren latenten Wunsch nach Überlegenheit. Solche Allmachtsfantasien sind zwar höchst pubertär (nicht umsonst wurde Superman von zwei Teenagern entwickelt), aber wer will schon immer erwachsen sein?

So lange die Gewalt nicht, wie bei Batman vs. Superman Überhand nimmt, ist mein einziger Wunsch an dieses Genre: Gebt uns mehr Frauen! Nicht nur als Geliebte, Gehilfin oder Opfer, sondern als eigenständige Heldinnen und Superschurkinnen mit eigenem Recht auf eine gute Geschichte. Davon gibt es noch viel zu wenige!**

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Bildquelle: alan9187 via pixabay

*Ja, das ist DC und nicht Marvel, aber so eng sieht mein Sohn das nicht. Superheld ist Superheld. Marvel mehr davon am Start, also beschäftigt er sich mehr mit Marvel.

**Wenn ich oben schrieb, dass ich Superhelden wenig abgewinnen kann, war das durchaus nicht im Sinne des generischen Maskulinum gemeint.


Der Beitrag entstand im Rahmen der Blogparade des Nornennetzes zu Fantasy und Gewalt.

Preisgestaltung bei eBooks

Bruno E. Thyke alias @augenschelm hat einen sehr guten Beitrag zum Wert von eBooks und Geschichten geschrieben: 99 Cent für deine Geschichte.
Genauso hätte er seinen Beitrag mit „Und davon willst du leben?“ übertiteln können. Denn, machen wir uns nichts vor: Die wenigsten AutorInnen können allein vom Schreiben leben. Unter den SelfpublisherInnen sind es noch weniger. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, Raubbau an uns selber zu betreiben, indem wir uns und unsere Geschichten weit unter Wert verkaufen.

Aber warum sollte das so bleiben? Ein Buch zu schreiben ist harte Arbeit. Es fertigzustellen zeugt von Kreativität, Mut und Durchhaltewillen. Sollten wir nicht den gleichen Mut, die gleiche Kreativität und die gleiche Energie darein setzen, auch anständig bezahlt zu werden? Oder sind wir uns selber so wenig wert?

Evelyn de Morgan: The Worship of Mammon, Eigentum des De Morgan Centres London
Autorin beim verzweifelten Versuch, Geld für ihr eBook zu bekommen (Bildquelle: Wikimedia, Copyright: http://www.the-athenaeum.org/art/detail.php?ID=111065)